Die Angst der alten Dame - Rebecca Michéle - E-Book

Die Angst der alten Dame E-Book

Rebecca Michéle

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Beschreibung

Dass Sandra Flemming, die Inhaberin des Higher Barton Romantic Hotel, ein Händchen für das Lösen von Kriminalfällen hat, hat sich im beschaulichen Örtchen herumgesprochen. So bittet die Farmerin Creeda Sandra um Hilfe, da die alte Dame befürchtet, von ihrem Ehemann getötet zu werden. Sie ist sich sicher, dass er ihr regelmäßig Gift ins Essen mischt, denn er möchte die Farm verkaufen und hat eine jüngere Geliebte. Doch ein Arzt findet bei Creeda keine Hinweise auf eine Vergiftung. Eine Woche später ist Creeda tatsächlich tot, und für Sandra ist klar: Creedas Tod ist kein Zufall. Sandra ist fest entschlossen, die Wahrheit ans Licht zu bringen.

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Sammlungen



Rebecca Michéle
Die Angst der alten Dame
Ein Cornwall-Krimi mit Sandra Flemming
Cornwall-Krimi

Inhalt

EINSZWEIDREIVIERFÜNFSECHSSIEBENACHTNEUNZEHNELFZWÖLFDREIZEHNVIERZEHNFÜNFZEHNSECHZEHNSIEBZEHNACHTZEHNNEUNZEHNZWANZIGEINUNDZWANZIGZWEIUNDZWANZIGDREIUNDZWANZIGVIERUNDZWANZIGFÜNFUNDZWANZIGSECHSUNDZWANZIGSIEBENUNDZWANZIGImpressum

EINS

Südengland, Sommer 2020
Süß rann der schwere Rotwein durch ihre Kehle. Sie leerte die Flasche bis zur Neige und ließ sie dann achtlos zu Boden fallen. Aus ihrer Jackentasche zog sie eine kleinere Flasche, schraubte mit zitternden Fingern den Deckel ab, setzte sie an die Lippen und nahm einen langen Schluck. Der Gin entfaltete schnell seine Wirkung. Sie fühlte sich leicht und beschwingt, als könne sie abheben und in den mondhellen Nachthimmel aufsteigen. Sie stand am Rand der Klippen, und der Boden unter ihren Füßen schwankte wie ein Fischerboot im Sturm. Sechzig Meter unter ihr schlug die Brandung krachend gegen die Felsen. Weit draußen auf dem Meer sah sie ein paar Lichter tanzen, vermutlich ein Frachter auf seinem Weg zu einem der Häfen an der Küste.
Sie lachte glucksend und nahm den nächsten Schluck. Wenn der Gin leer war, hatte sie für heute nichts mehr. Sie wusste, dass sie zu viel Alkohol trank, und um nicht aufzufallen, kaufte sie ihren täglichen Bedarf in verschiedenen Geschäften, jeweils nur zwei Flaschen Wein, Gin oder Brandy. Sie lebte in einer ländlichen Gegend, in der man sich zumindest vom Sehen her kannte, und wollte kein Gerede aufkommen lassen.
Vor zwei Jahren hatte der Arzt, den sie wegen stechender Schmerzen im Oberbauch konsultiert hatte, gesagt, ihre Leber sei angegriffen und sie müsse sofort mit dem Trinken aufhören.
»Ich trinke lediglich ab und zu ein Glas Wein«, hatte sie sich empört. »Das machen doch alle!«
Über den Rand seiner Brille hatte der Arzt sie skeptisch gemustert und gemeint, sie müsse ja wissen, was sie ihrer Gesundheit zumuten könne. Das Rezept über ein paar Tabletten hatte sie eingesteckt, nicht jedoch den Flyer mit den Informationen einer Selbsthilfegruppe für Alkoholiker. Den Arzt hatte sie nie wieder aufgesucht, und die Schmerzen waren nach der Einnahme des Medikaments auch schnell verschwunden.
Sie hörte ein Geräusch hinter sich, als wäre jemand auf einen morschen Ast getreten, und wandte den Kopf.
»Wer ist da?«, lallte sie, doch außer dem Rauschen der Brandung war nichts mehr zu hören. »Ist hier jemand? Dann zeigen Sie sich!«
Ich habe mich wohl geirrt, dachte sie. Sicher war es ein Tier, vielleicht ein Kater auf der Suche nach einer willigen Gefährtin in dieser sternklaren Vollmondnacht. Sie blickte wieder über das Meer.
Wenn Sie nicht sofort mit dem Trinken aufhören, begehen Sie Selbstmord auf Raten …
Die Worte des Arztes klangen in ihren Ohren wie eine Prophezeiung.
Selbstmord …
Sie bräuchte nur einen Schritt nach vorne zu machen, und alles wäre vorbei. Nicht länger nachdenken, keine quälenden Tage mehr und schlaflosen Nächte, in denen ihr nur der Alkohol half, zu vergessen.
Sie taumelte, fand wieder Halt und trat ein Stück vom Klippenrand zurück. Trotz allem hing sie an ihrem Leben, mochte es auch armselig und perspektivlos sein. Außerdem hatte sie Angst vor dem Schmerz. Was, wenn sie nicht gleich starb, sondern mit gebrochenem Rückgrat zwischen den Felsen lag und für immer gelähmt wäre oder in der Flut ertrinken würde? Sie war zu feige, ihr Leben auf diese Art zu beenden.
Feige ist nicht der, der am Leben bleibt, sondern der, der sich der Herausforderung nicht stellt …
Wieder setzte sie die Flasche an die Lippen und meinte erneut, in der Dunkelheit hinter sich ein Geräusch zu vernehmen. Sie drehte sich nicht um, straffte entschlossen die Schultern, schloss die Augen und trank, bis der letzte Tropfen Gin durch ihre Kehle gelaufen war.
Am nächsten Morgen wurde ihre Leiche am Fuß der Klippen von zwei Brüdern gefunden, die an diesen Küstenabschnitt zum Fischen gekommen waren. Noch am selben Abend vermerkte ein Beamter in der schmalen Akte abschließend »Tod durch Unfall«. In ihrem Blut waren 2,2 Promille festgestellt worden, und oben auf den Klippen hatte man die leeren Flaschen gefunden.

ZWEI

Sandra Flemming gähnte herzhaft und holte sich schon die zweite Tasse vom Kaffeevollautomaten. Es war sechs Uhr morgens. Christopher, bereits geduscht und vollständig angezogen, aß die letzten Bissen eines schnellen Frühstücks: Cornflakes mit Früchten und zwei Scheiben Buttertoast. Um acht Uhr hatte er einen Termin beim Devon & Cornwall Police Chief Officer in Exeter.
»Lieb von dir, dass du mit mir zusammen aufgestanden bist. Du solltest dich jetzt noch mal hinlegen«, riet er Sandra.
»Lieber nicht. Die Gefahr, dann zu verschlafen, ist groß. Wenn ich noch einen Kaffee getrunken habe, bin ich fit.« Sie sah Christopher ernst an und fragte: »Dein Termin in Exeter – geht es wieder um die Schließung eures Büros?«
»Das ist zum Glück vom Tisch«, antwortete Christopher gelassen. »Hier in der Gegend passiert einfach zu viel, als dass Lower Barton auf eine eigene Polizeidienststelle verzichten könnte.« Er gab Sandra einen Nasenstüber. »Woran du nicht unschuldig bist, Darling.«
»Ich? Was kann ich dafür, dass das Higher Barton Romantic Hotel immer wieder Dreh- und Angelpunkt von kriminellen Machenschaften ist?«
»Derzeit ist alles ruhig, oder?« Christopher schmunzelte zwar, im Blick aber eine Spur Skepsis.
»Keine Sorge, Christopher«, erwiderte Sandra. »Das Haus ist nur zu einem Drittel belegt, und bei meinen Gästen handelt es sich um integre und anständige Leute. Sie sind nach Higher Barton gekommen, um sich zu erholen und die Gegend zu erkunden, nicht um zu morden.«
»Dein Wort in Gottes Ohr!« Christopher küsste Sandra, dann machte er sich auf den Weg. Auf keinen Fall durfte er den Chief Officer warten lassen. An den Türrahmen gelehnt, die Finger um die Tasse Milchkaffee gelegt, sah Sandra Flemming dem Wagen nach, bis die Rücklichter im Frühnebel verschwunden waren.
Detective Chief Inspector Christopher Bourke war der Leiter des Polizeipostens in Lower Barton. Der Ort lag etwa sechs Meilen von der Südküste und den Fischerdörfern Looe und Polperro entfernt und hatte sich seine ländliche Beschaulichkeit bewahrt. Im Hauptquartier der Devon & Cornwall Police in Exeter waren Überlegungen angestellt worden, den Posten dauerhaft zu schließen. Wie überall im Land musste auch in Cornwall gespart werden, doch wegen weiterer Mordfälle im letzten Jahr war zu Sandras Erleichterung dieser Plan nicht weiterverfolgt worden. Seit zwei Jahren waren sie und Christopher ein Paar, und Sandra verspürte keine Lust auf eine Fernbeziehung. Sie hatten zwar getrennte Wohnungen, Christopher aber verbrachte die Nächte häufig in Sandras altem Cottage im Park von Higher Barton.
Sie trank den Kaffee aus, nun war es auch für sie an der Zeit, mit der Arbeit zu beginnen. Nein, die Leitung des Higher Barton Romantic Hotels empfand Sandra nicht als Arbeit, für sie war es ein Vergnügen. Jahrelang hatte sie davon geträumt, ein kleines, feines Hotel ihr Eigen zu nennen, in dem sie nach ihrem Gusto schalten und walten konnte. Dafür hatte sie unermüdlich gearbeitet, sich kaum Freizeit und selten Urlaub gegönnt. Manchmal gingen Träume tatsächlich in Erfüllung. Sandra wusste ihr Glück zu schätzen und war dankbar, dass es das Schicksal so gut mit ihr meinte.
Sie schlüpfte in eine knallrote Windjacke und verließ das etwa zweihundert Yards vom Haupthaus entfernte Cottage, früher der Wohnsitz des jeweiligen Leiters der ertragreichen Tremaine-Zinnmine.
Durch den Nebel waren nur die Umrisse des dreistöckigen Gebäudes aus dem 16. Jahrhundert, einst ein herrschaftlicher Landsitz, zu erkennen. Noch war alles ruhig, das Frühstück wurde erst ab sieben Uhr serviert. Nachdem das Hotel während der Hauptsaison ausgebucht gewesen war, waren jetzt im Herbst nur drei Zimmer und zwei Suiten belegt. Sandra war es nicht unrecht, etwas weniger Betrieb zu haben, die Sommermonate waren arbeitsintensiv und hektisch gewesen. Jetzt endlich kam sie dazu, liegengebliebenen Schriftkram aufzuarbeiten. Vor dem Weihnachtsgeschäft mussten in drei Räumen die Badezimmer renoviert und in der Küche die elektrischen Leitungen erneuert werden. Das würde nicht ohne Schmutz und Lärm vonstattengehen, deshalb plante Sandra, im November das Hotel für zwei oder drei Wochen zu schließen. Ein altes Haus krankte immer an irgendeiner Ecke. Dennoch bereute es Sandra keinen Tag, Higher Barton mit seinen altmodischen Zimmern und verwinkelten Korridoren gekauft zu haben.
Um halb sieben betrat Sandra die Lobby. Die fast fünfhundert Jahre alte Halle war über die Zeit hinweg nahezu unverändert geblieben. Auch bei der Umgestaltung zu einem gemütlichen Landhotel war der Charme vergangener Zeiten erhalten geblieben. Manche mochten es altmodisch und verstaubt nennen, Sandras Gäste schätzten das Haus gerade wegen seines historischen Charmes.
Neben dem mannshohen Kamin stand eine Ritterrüstung, an der Wand darüber eine Rosette mit Handfeuerwaffen aus dem Bürgerkrieg. Der Eingangstür gegenüber befand sich die Rezeption, dahinter das Büro. Eine Tür führte ins Personalzimmer, die anderen zu den Wirtschaftsräumen. Im Gegensatz zur Halle war die große Küche hell und mit modernen Geräten ausgestattet. Früher hatte hier eine Heerschar von Bediensteten für die Gäste von Higher Barton gearbeitet. Noch die vorletzte Besitzerin aus der Familie Tremaine, Lady Abigail, hatte ein offenes Haus geführt und sich stets mit vielen Menschen umgeben. Lady Abigail lebte jetzt in Frankreich, ihre Cousine, der sie das Haus überlassen hatte, befand sich auf Reisen. So war aus Higher Barton ein Romantic Hotel geworden, das sich in den letzten vier Jahren gut etabliert hatte.
Aus dem Wirtschaftstrakt hörte Sandra das Klappern von Pfannen und Töpfen. Der Koch Edouard Peintré und seine Hilfe Rosa Piotrowski waren bereits fleißig bei den Vorbereitungen für das Frühstück. Seit Monaten lag Peintré Sandra in den Ohren, einen ausgebildeten Beikoch einzustellen.
»Ms Flemming, mir wird das zu viel«, klagte Monsieur immer wieder. »Ich bin schließlich nicht mehr der Jüngste.«
Sandra nahm es schmunzelnd zur Kenntnis. Edouard Peintré, der auf die Anrede Monsieur bestand, war erst sechsundfünfzig Jahre alt, und Sandra wusste, wenn er nichts zu jammern hatte, fühlte sich Peintré nicht wohl in seiner belgischen Haut. Sie musste aber zugeben, dass es zumindest in der Hauptsaison sinnvoll wäre, einen Koch oder eine Köchin einzustellen, um Monsieur zu entlasten. Sie wollte dies für die Weihnachtstage in Angriff nehmen, was Edouard Peintré mit einem wohlwollenden Nicken befürwortete, aber darauf bestand, in die Auswahl eines Bewerbers involviert zu werden.
Über die breite Treppe aus Eichenholz mit dem blank polierten Eichenholzgeländer kam eine hagere Frau herunter. Ihre schulterlangen, hellbraunen Haare hielt ein schlichter silberner Reif aus ihrer hohen Stirn.
»Guten Morgen, Eliza«, begrüßte Sandra ihre engste Mitarbeiterin und Stellvertreterin. Eliza Dexter kümmerte sich vorrangig um die wirtschaftlichen Belange des Hotels, Sandra lag die persönliche Betreuung jedes einzelnen Gastes am Herzen.
»Ebenfalls einen guten Morgen. Sie sind heute aber früh dran, Sandra.«
»Christopher musste zu einem Termin. Da konnte ich nicht länger schlafen.«
»Viel liegt heute nicht an«, sagte Eliza. »Keine Ab- oder Anreisen.«
»Etwas Ruhe ist auch mal schön«, erwiderte Sandra und sah auf dem Tresen einen länglichen, grauen Umschlag liegen, auf dem in Großbuchstaben geschrieben stand: SANDRA FLEMMING PERSÖNLICH.
»War die Post heute Morgen schon da?«, fragte sie.
Eliza schüttelte den Kopf. »Ich fand den Umschlag in die Eingangstür geklemmt, als ich öffnete. Jemand muss ihn heute Nacht persönlich hergebracht haben. Er ist auch nicht frankiert.«
Mit dem Brieföffner schlitzte Sandra den Umschlag auf und zog ein liniertes DIN-A5-Blatt heraus, das aus einem Schreibheft herausgerissen sein könnte. In der gleichen eckigen Handschrift wie auf dem Umschlag stand:
Helfen Sie mir! Es ist wichtig! Heute, 11 Uhr, am St Gwinnodock Well. Bitte!
Sie reichte den Zettel ihrer Mitarbeiterin.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Eliza.
Sandra zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«
»Es gibt nur einen Platz für anonyme Nachrichten: den Papierkorb!« Eliza wollte den Zettel zerknüllen, doch Sandra rief:
»Warten Sie!«
Verwundert fragte Eliza: »Sie wollen doch nicht etwa hingehen? Sandra, es erlaubt sich jemand einen schlechten Scherz!«
Nachdenklich rieb sich Sandra den Nasenrücken, eine Geste, die sie unbewusst machte, wenn sie angestrengt nachdachte.
»Vielleicht ist es wichtig …«
»Oder eine Falle«, fiel ihr Eliza aufgebracht ins Wort. »Bei allem, was hier schon passiert ist …«
»Ach, Eliza.« Sandra schmunzelte. »Wer sollte mir eine Falle stellen und warum? Wenn nun wirklich jemand meine Hilfe benötigt?«
»Kann er ins Hotel kommen oder Sie anrufen«, erwiderte Eliza nachdrücklich. »Oder zumindest seinen Namen unter den Wisch setzen.«
Sandra war hin- und hergerissen. Eliza Dexter hatte recht: Anonyme Nachrichten ignorierte man am besten. Sie hatte aber das Gefühl, dass es in diesem Fall anders war.
»Es kann auch ein Streich von ein paar Kindern sein«, fuhr Eliza fort. »Die lauern dann im Gebüsch und lachen sich halbtot, wenn Sie zu der Quelle gehen. Haben Sie als Kind nicht auch solche Streiche gespielt?«
Sandra lachte. »Das habe ich tatsächlich nicht, Eliza. Meine Mutter achtete streng darauf, dass ich mich stets gut benahm, und die Schule stand ohnehin an erster Stelle. Bei einer schlechten Note gab’s sofort Stubenarrest, wenn ich frech gewesen war, sprach meine Mutter einen ganzen Tag lang nicht mit mir.«
Nun schmunzelte Eliza. Ihr kantiges Gesicht wirkte dadurch gleich weicher. »Wie ich Heather Flemming kennengelernt habe, kann ich mir das lebhaft vorstellen. Nun, aus Ihnen ist ja auch was geworden, Sandra.« Sie wurde wieder ernst. »Kann ich den Zettel jetzt wegwerfen?«
»St Gwinnodock Well werden besondere Heilkräfte zugeschrieben, nicht wahr?«
Eliza nickte. »Angeblich soll das Wasser alle Leiden heilen und auch einen Liebeszauber haben. St Gwinnodock war ein Mönch aus Südwales. Im sechsten Jahrhundert kam er nach Cornwall, ließ sich an der Quelle nieder, lebte als Eremit, aber die Menschen durften zu ihm kommen, um mit dem Wasser ihre Krankheiten zu heilen.«
»Das trifft auf nahezu alle kornischen Heiligen zu«, erwiderte Sandra. »In keiner anderen Gegend Englands gab es so viele wie hier in Cornwall. Noch heute zeugen jede Menge Orts- und Quellennamen mit dem Zusatz Saint von dieser Zeit, und um jeden Einzelnen rankt sich eine mehr oder weniger interessante Legende.«
»Sie werden immer mehr zur Kennerin des Landes«, sagte Eliza. »Sie wissen aber, dass es nur Geschichten sind.«
»Diese Sagen gehören ebenso zu Cornwall wie der klassische Cream Tea und die herzhaft gefüllten Pasties. In jeder alten Überlieferung steckt auch ein Körnchen Wahrheit.« Sandra wiederholte die Worte ihrer Freundin Ann-Kathrin, die sich seit Jahrzehnten intensiv mit der kornischen Geschichte beschäftigte. »Ich kann doch mal einen kleinen Spaziergang machen.« Sandra lächelte verschmitzt. »Die Quelle ist etwa eine halbe Stunde Fußmarsch entfernt.«
»Soll ich Sie begleiten?«, fragte Eliza, als sie merkte, dass Sandra von ihrem Entschluss nicht abzubringen war.
»Das ist nicht nötig.«
Eliza war nicht überzeugt. »Ich finde, Sie sollten nicht allein gehen«, beharrte sie. »Rufen Sie Ihre Freundin Ms Trengove an, oder bitten Sie einen der Kellner …«
Laut lachend hob Sandra die Hand. »Eliza, entweder ist die Nachricht ein Scherz, dann habe ich nicht mehr verloren als die Zeit eines Spaziergangs, oder jemand ist wirklich in einer misslichen Lage und braucht meine Hilfe.«
So leicht wollte Eliza nicht aufgeben. »Vielleicht kann Sie DCI Bourke begleiten«, schlug sie vor. »Wenn jemand in Not ist, ist die Polizei der richtige Ansprechpartner.«
»Christopher ist bei einem Termin in Exeter und würde mir das Gleiche wie Sie sagen.«
»Mir gefällt das nicht«, murmelte Eliza, »aber Sie müssen wissen, was sie tun.«
Als der Dauergast Major Collins die Treppe herunterkam und einen fröhlichen »Guten Morgen« wünschte, endete das Gespräch zwischen ihnen.
Den Zettel in der Hand zog sich Sandra ins Büro zurück. Die Schrift wirkte nicht kindlich, dennoch war sie geneigt, an einen Scherz zu glauben. Es rührte sie, dass Eliza um ihre Sicherheit besorgt war, aber Sandra glaubte nicht, dass etwas dahintersteckte, was sie in Schwierigkeiten bringen könnte.
Der Morgennebel hatte sich gelichtet. Durch das dichte Blätterdach der Bäume, deren Kronen sich über dem Trampelpfad berührten und einen grünen Tunnel bildeten, blitzten Sonnenstrahlen und malten goldene Tupfer auf den Waldboden. Efeu rankte sich um die Baumstämme, mannshoher Farn, Sträucher mit roten Beeren, Fingerhutgewächse und Wildblumen säumten den Fußweg. In Cornwall kam der Herbst später als sonst in England, so hatte sich das Laub noch nicht verfärbt. Neben Sandra gurgelte ein Bach. Er entsprang im Norden im Bodmin Moor, dementsprechend bräunlich war sein Wasser, und mündete westlich von Polperro ins Meer. Immer wieder raschelte es im Gebüsch. Das Tal von St Gwinnodock war ein Paradies für Tiere, wie Mäuse, Dachse und Kaninchen. Sandra dachte an die Piskies: Gnome mit wilden, runzligen Gesichtern und übergroßen Nasen, auf den Köpfen umgestülpte Blütenkelche. Es hieß, die Piskies lebten im dichten Unterholz neben den Bachläufen. Zu ihren liebsten Beschäftigungen zähle das Necken und Irreführen von harmlosen Menschen. Wer einen Piskie zu Gesicht bekam, dem wurde immerwährendes Glück beschert. Nur kannte niemand einen, der dieses Glück schon erfahren hatte.
Sandra erreichte eine grasbewachsene kleine Lichtung. In deren Mitte überspannte ein mannshoher, steinerner Bau die heilige Quelle von Gwinnodock. Sie war mit einem Eisengitter abgedeckt. Es war Tradition, Pennys in das Wasser zu werfen und sich etwas zu wünschen. Die Ortsverwaltung von Lower Barton reinigte die Quelle regelmäßig und spendete die Münzen wohltätigen Zwecken. Ein paar bunte Bänder und kleine Figuren aus Holz und Plastik schmückten die Überdachung, ebenso Räucherstäbchen. Für einige Menschen war hier ein magischer Ort, zu dem sie kamen, um für sich und ihre Lieben zu beten.
Sandra sah auf ihre Armbanduhr. Es war fünf Minuten nach elf Uhr und weit und breit niemand zu sehen. Sie wollte noch zehn Minuten warten. Eliza schien recht zu behalten: Die Nachricht war ein Scherz. Aus ihrer Hosentasche kramte Sandra einen Penny und warf ihn durch das Gitter in die Quelle. Sie schloss die Augen und wünschte sich Gesundheit für sich und ihre Familie und auch, dass sie und Christopher weiterhin miteinander glücklich wären. Als sie vor fünf Jahren aus den schottischen Highlands nach Cornwall gekommen war, hätte sie nicht gedacht, hier einen Partner zu finden, der zugleich ihr Liebhaber und bester Freund war.
»Ich hoffe, Ihr Wunsch wird sich erfüllen.«
Sandra zuckte zusammen und drehte sich um.
Aus dem Gebüsch trat eine Frau, einen Kopf kleiner und etwa Mitte sechzig Jahre alt. Sie trug eine praktische dunkelgrüne Cargohose, ein kariertes Herrenhemd, darüber eine Windjacke. Ihre glatten Haare waren kurz geschnitten und vollständig ergraut, ihr langes, schmales Gesicht von Falten durchzogen, der Ausdruck aus ihren bernsteinfarbenen Augen klar und wach. Mit der rechten Hand stützte sich die Frau auf eine Gehhilfe. Sandra war ihr nie zuvor begegnet.
»Haben Sie den Zettel geschrieben und mich herbestellt?«, fragte Sandra skeptisch.
Die schmalen, farblosen Lippen deuteten ein Lächeln an.
»Es war eine Bitte, Ms Flemming, kein Befehl.«
Sandra blieb zurückhaltend. »Sie kennen meinen Namen, wer sind Sie?“
»Ich bin Creeda Pengelly. Bitte, nennen Sie mich Creeda, das tun alle.«
»Warum wollen Sie mich sprechen?«, fragte Sandra. »Ausgerechnet hier? Sie hätten mich jederzeit in Higher Barton aufsuchen können.«
Creeda Pengelly hinkte näher heran, bei jedem Schritt verzog sie schmerzvoll das Gesicht.
»Niemand darf erfahren, dass ich mit Ihnen spreche, Sandra. Ich darf doch Sandra sagen?« Automatisch nickte Sandra. »Sie müssen versprechen, dass Sie niemandem etwas erzählen.«
Unwillkürlich wich Sandra einen Schritt zurück.
»Das kommt darauf an, was Sie von mir wollen«, erwiderte sie kühl. »Wenn Sie bitte zur Sache kommen würden, Ms Pengelly … Creeda. Ich muss zurück ins Hotel.«
»Haben Sie jemandem meine Nachricht gezeigt? Jemandem gesagt, dass Sie mich treffen werden?«
Sandra antwortete ausweichend: »Wie hätte ich das tun sollen, da ich nicht wusste, wer den Zettel geschrieben hat?«
»Mein Mann will mich umbringen.«
»Wie bitte?«
Creeda nickte. »Sam, mein Mann, versucht, mich langsam zu vergiften, damit es aussieht, als sei ich krank. Wenn er mein Essen zubereitet, geht es mir danach schlecht. Mir ist übel, und ich fühle mich erschöpft und müde. Wenn er nicht zu Hause ist und ich koche selbst, geht es mir gut.«
»Warum wenden Sie sich mit dem Verdacht ausgerechnet an mich, Creeda?«, fragte Sandra skeptisch. »Das ist eine Sache für die Polizei.«
Mit der freien Hand winkte Creeda ab und schnaubte verächtlich. »Bei der war ich natürlich längst! Niemand glaubt mir.«
»Waren Sie bei der Polizei in Lower Barton, und mit wem haben Sie gesprochen?«
Creeda schüttelte den Kopf. »Ich war im Revier in Looe. Man sagte mir, ich müsse Beweise vorlegen. Ich hatte etwas von der Suppe, die Sam am Vorabend gekocht hat, mitgebracht. Die Polizistin weigerte sich, sie untersuchen zu lassen. Außerdem …«
»Außerdem?«
Creeda seufzte. »Mehrmals habe ich Speisereste testen lassen. Es wurde nichts darin gefunden. Ich weiß aber, dass Sam mich auf diese Weise töten will. Ich weiß es einfach!«
Die Frau hat ihre Sinne nicht mehr beisammen, dachte Sandra. Da ihr Creeda trotzdem leidtat und sie sie nicht einfach stehenlassen wollte, fragte Sandra: »Wenn Sie der Ansicht sind, Ihr Mann wolle so etwas Schreckliches tun: Warum verlassen Sie ihn nicht? Oder kochen selbst?«
Creeda sah Sandra bekümmert an. Mit der linken Hand griff sie sich an die rechte Hüfte.
»Vor zwei Jahren brauchte ich eine neue Hüfte. Vor der Operation und allem danach hatte ich große Angst, es hat mir aber jeder dazu geraten. Die Schmerzen waren auch unerträglich. Ich konnte keine Treppen mehr steigen und keine Nacht mehr durchschlafen. Bei der Operation ging dann was schief. Mein rechtes Bein ist jetzt drei Zentimeter kürzer, und ich habe ständig Schmerzen. An manchen Tagen ist es so schlimm, dass ich das Bett nicht verlassen, geschweige denn die Arbeit auf der Farm erledigen kann.«
»Auf der Farm?«, hakte Sandra nach.
»Sam und ich sind Milchfarmer«, erklärte Creeda. »Die Long-Rock-Farm bei Millendreath. Wir stellen Käse her, liefern unsere Produkte an die Bioläden in der Gegend, verkaufen sie auf den Märkten und betreiben auch einen kleinen Hofladen. Haben Sie schon mal das Hinweisschild an der Hauptstraße gesehen?«
»Bedaure, nein«, sagte Sandra. »Ich komme nur selten nach Millendreath.« Demonstrativ sah Sandra auf ihre Uhr. »Ich möchte nicht unhöflich sein, Creeda, es wird Zeit für mich. Ich weiß wirklich nicht, wie ich aber Ihnen helfen kann.« Vorausgesetzt, ich würde Ihnen glauben, fügte Sandra in Gedanken hinzu.
»Wie viele Mörder haben Sie schon dingfest gemacht?«, fragte Creeda. »Es sind vier oder fünf, nicht wahr? Bitte, helfen Sie mir! Sie haben mich gefragt, warum ich meinen Mann nicht verlasse. Ich will die Farm nicht aufgeben, dann hätte er gewonnen. Long-Rock ist seit acht Generationen in meiner Familie! Mein Urahn hat aus einem handtuchgroßen Stück Brachland die Farm aufgebaut. Vor einem halben Jahr habe ich ein Kaufangebot erhalten. Von einer Investorengruppe, die die Farm plattmachen und auf dem Grund ein Neubauviertel errichten will. Ich habe dem Typen gesagt, er möge sich zum Teufel scheren. Niemals verkaufe ich das Erbe meiner Ahnen! Sam allerdings …«
Da Creeda nach der langen Rede atemlos nach Luft schnappte, warf Sandra ein: »Ihr Mann will verkaufen.«
»Er meint, wir hätten lange genug gearbeitet«, sagte Creeda grimmig. »Sam will weg aus Cornwall, irgendwohin, wo immer die Sonne scheint. Wir haben ein Alter erreicht, in dem die meisten Leute in Rente gehen, und er will noch was vom Leben haben. Das ist es aber nicht allein.« Bitter zogen sich Creedas Mundwinkel nach unten. »Wir haben eine Hilfskraft einstellen müssen, weil ich ja nicht mehr so richtig kann. So ein blondes Gift. In engen Jeans wackelt sie mit dem Hintern, und ihre Ausschnitte sind immer eine Spur zu tief. Genau der Typ Frau, auf die ein alter Mann seine Augen wirft. Und auch seine Hände.« Vielsagend zog Creeda eine Augenbraue hoch.
»Sind Sie sicher?«, fragte Sandra skeptisch.
»Die beiden meinen, ich bekäme nicht mit, wie sie miteinander herumtändeln«, bemerkte Creeda bitter. »Tamara schwänzelt die ganze Zeit um mich herum und tut so, als würde sie sich um mich sorgen.«
»Tamara?«, wiederholte Sandra. »Ist das die Frau, die …«
»Die meinem Mann das Bett wärmt. Tamara Stevens, ein falsches, hinterhältiges Weibsstück. Ich weiß genau, dass sie sich wünscht, ich würde verschwinden. Besser gestern als morgen. Bei einer Scheidung bekommt Sam nämlich keinen Penny, wir haben einen entsprechenden Ehevertrag. Das kann er natürlich nicht riskieren.« Creeda streckte den Arm aus und umklammerte Sandras Handgelenk. Ihre Kraft verriet, dass die Frau Zeit ihres Lebens hart gearbeitet hatte. »Verstehen Sie jetzt, Sandra? Mein Mann und seine Geliebte wollen mich loswerden, die Farm verkaufen und sich vom Erlös ein schönes Leben unter südlicher Sonne machen.«
Unwillkürlich nickte Sandra. »Selbst wenn das alles stimmt – ich habe keine Ahnung, wie ich Ihnen helfen kann.«
»Ihnen wird etwas einfallen. Sie haben einen guten Kontakt zu einem Polizisten und können ihn dazu bringen, Sam unter die Lupe zu nehmen und mein Essen testen zu lassen.«
Sandra fragte: »Kennen Sie Agnes Roberts, die Metzgerin in Lower Barton?«
»Ab und zu kaufe ich bei ihr ein, wenn mich mein Weg nach Lower Barton führt.«
Diese Antwort hatte Sandra erwartet. Agnes Roberts wusste stets über alles und jeden Bescheid, und ihr Fleischerladen war der Dreh- und Angelpunkt für Neuigkeiten der Gegend. So war es keine Überraschung, dass Creeda Pengelly von Agnes erfahren hatte, dass sich Sandra hin und wieder als Hobbydetektivin betätigte und manchen komplizierten Fall gelöst hatte.
»Werden Sie mir helfen?«, fragte Creeda flehend.
Sandra zögerte. Sie hatte zwar nicht den Eindruck, Creeda sei verwirrt, ihre Vorwürfe klangen allerdings absonderlich und in einem Punkt auch widersprüchlich. »Sie sagten, Sie hätten Speisereste bereits testen lassen. Wer hat das gemacht?«
»Meine Ärztin. Sie betreut mich nicht nur gesundheitlich, seit unserer Kindheit sind wir auch Freundinnen. Ich habe ihr von dem Verdacht erzählt und sie gebeten, mein Blut auf Spuren von Gift zu untersuchen. Und ich habe ihr von dem Essen gebracht. Sie hat nichts gefunden und gesagt, ich bilde mir alles nur ein. Das tue ich nicht, Sandra! Ich weiß, was ich mit eigenen Augen sehe! Ich versuche, so wenig wie möglich zu essen. Sam lässt mich aber nur selten allein und besteht darauf, mit mir zusammen zu essen. Wenn er nicht da ist, passt seine Geliebte auf mich auf.«
»Trotzdem könnten Sie die Farm verlassen«, sagte Sandra.
»Niemals!«, rief Creeda aufgeregt. »Seit Generationen ist der Besitz in meiner Familie, auf keinen Fall werfe ich das weg. Dann hätten Sam und sein Flittchen gewonnen.«
Besser, als zu sterben, dachte Sandra und sagte laut: »Ich fürchte, ich kann Ihnen nicht helfen, Creeda. Wenn Sie bereits mit der Polizei gesprochen haben, sind den Beamten in Lower Barton sowieso die Hände gebunden. In die Vorgänge seiner Kollegen in Looe kann sich DCI Bourke nicht einmischen.«
Verzweifelt sah Creeda Sandra an. »Ich weiß, alles klingt nach dem Hirngespinst einer alten Frau, aber bitte, Sandra, glauben Sie mir! Mein Leben ist in Gefahr! Sie dürfen mit niemandem darüber sprechen. Sam hat seine Augen und Ohren überall. Wenn er erfährt, dass ich mir Hilfe hole, wird er es wohl schnell zu Ende bringen.«
Sandra kruschtelte in ihrer Jackentasche. Sie fand einen alten Kassenbon von Boots und einen Kugelschreiber.
»Ich gebe Ihnen meine Privatnummer«, sagte sie und kritzelte die Nummer auf die Rückseite des Bons. »Wie kann ich Sie erreichen?«
»Ich habe kein Handy. Sam möchte das nicht. Auf keinen Fall dürfen Sie auf dem Festnetz der Farm anrufen! Sam geht immer ans Telefon, und wenn er nicht da ist, dann das blonde Gift. Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich allein bin.«
Warum Sandra der Frau ihre private Nummer gab, wusste sie selbst nicht genau. Eine von Sandras positiven Eigenschaften war ihre ausgezeichnete Menschenkenntnis. Diese sagte ihr, dass Creeda wirklich Angst hatte. Ob begründet oder ob sie an Verfolgungswahn litt, sei dahingestellt. Sie befand sich in großer Not, und Sandra hatte Mitleid mit ihr. Deswegen hatte sie sich die Geschichte angehört und war nicht längst gegangen. Wenn es Creeda half, mit jemandem zu sprechen, dem sie vertraute, wollte Sandra sie nicht zurückweisen.
Sorgfältig faltete Creeda den Zettel zusammen und steckte ihn in die Westentasche.
»Danke, Sandra. Werden Sie mit Ihrem Freund sprechen? Aber nur mit ihm! Sonst darf niemand erfahren, was mein Mann plant.«
»Ich werde DCI Bourke von unserer Unterhaltung berichten«, antwortete Sandra aufrichtig. »Wie kommen Sie nach Hause? Haben Sie Ihren Wagen in der Nähe geparkt?«
»Seit der missglückten Operation kann ich nicht mehr Auto fahren«, antwortete Creeda und seufzte. »Ich bin mit dem Bus gekommen, die Haltestelle ist gleich vorn an der Straße nach Pelynt. Sam musste heute nach Truro.« Sie lächelte bitter und fügte hinzu: »Zum ersten Mal bin ich froh, dass er seine Geliebte mit in die Stadt genommen hat. Sonst hätte ich mich nicht davonstehlen können.«
»Vielleicht ist Ihr Mann nur um Sie besorgt, Creeda?«, fragte Sandra behutsam. »Seit der Operation geht es Ihnen nicht gut, und Sam achtet darauf, dass Sie sich nicht übernehmen, damit Sie wieder auf die Höhe kommen.«
»So besorgt, dass er mich so bald wie möglich unter der Erde sehen will, ohne dass jemand Verdacht schöpft.« Creedas Finger krampften sich um den Griff der Gehhilfe, ihre Knöchel stachen weiß durch die Haut, und mit einem funkelnden Kampfgeist in den bernsteinfarbenen Augen rief sie: »Aber ich werde ihm einen Strich durch die Rechnung machen, denn ich habe noch ein Ass im Ärmel.«

DREI

Gegen halb eins kehrte Sandra nach Higher Barton zurück. Eliza Dexter sah ihr fragend entgegen. Sie brannte darauf, zu erfahren, was Sandra an der heiligen Quelle erlebt hatte.
»Die Nachricht war kein Scherz, allerdings musste ich versprechen, außer Christopher Bourke niemanden ins Vertrauen zu ziehen.«
Eliza riss die Augen auf. »Das hört sich ja geheimnisvoll an!«
Sandra winkte ab. »Wohl eher nicht.«
»Sandra, Mr Shaw möchte Sie sprechen«, sagte Eliza zusammenhangslos. »Seit einer Stunde wartet er im Büro.«
»Shaw?«, fragte Sandra verwundert. »John Shaw vom Three Feathers?«
Eliza nickte und raunte: »Er ist sehr aufgeregt und meint, es sei ungemein wichtig, dass er mit Ihnen spricht.«
Sandra konnte sich nicht vorstellen, was der Inhaber des Hotels Three Feathers in Lower Barton mit ihr zu besprechen hatte. Nachdem Sandra das Higher Barton Romantic Hotel übernommen hatte, war John Shaw über die Konkurrenz wenig erfreut gewesen, da das Three Feathers das einzige Hotel in einem Umkreis von zehn Meilen gewesen war. Shaw hatte aber schnell erkannt, dass er und Sandra unterschiedliche Klientel beherbergten. In Shaws Hotel stiegen vorrangig Geschäftsreisende ab oder Leute auf der Durchreise, die nur für eine Nacht blieben. Higher Barton hingegen lag drei Meilen außerhalb des Ortes, hierher kamen Gäste auf der Suche nach Ruhe und Erholung. Aus für Sandra unverständlichen Gründen hatte Shaw dann versucht, mit ihr zu flirten. Seitdem er eingesehen hatte, dass er bei Sandra nicht landen konnte, zumal ihre und Christophers Beziehung in Lower Barton bekannt geworden war, verband Sandra und Shaw zwar keine Freundschaft, aber ein kollegiales Miteinander.
Mit dem Rücken zur Tür stand der Hotelinhaber am Fenster und blickte in den Park.
»Mr Shaw?«
Er drehte sich um. Seine Lippen verzogen sich zu einem verkrampften Lächeln.
»So förmlich?«, fragte er. »Wir wollten uns doch beim Vornamen nennen, Sandra. Unter Kollegen ist das üblich.«
»Okay, John. Ms Dexter sagt, Sie möchten mich sprechen?«
John Shaw war ein großer Mann mit einer kräftigen Statur, ohne dick zu sein. Sein graues Haar lichtete sich bereits deutlich, und sein sorgfältig gepflegter Henriquatre Bart verlieh ihm ein seriöses Aussehen.
»Ich bin gekommen, um Sie zu warnen, Sandra.«
»Mich zu warnen?«, wiederholte Sandra verständnislos. »Ich wüsste nicht …«
»Vergangenen Samstag hatte ich Gäste, die ein fünfgängiges Dinner gebucht hatten. Hummer, Krabben, Jakobsmuscheln frisch aus dem Meer als Vorspeise, bestes Roastbeef aus Devon zum Hauptgericht, zur Nachspeise Eiscreme und Käse aus Cornwall. Alles beste Qualität und selbstverständlich rein ökologisch. Dazu tranken die Damen Champagner, Sherry und Wein. Natürlich nur die teuersten Marken.«
Sandra begann, zu verstehen. »Lassen Sie mich raten, John: Die Gäste haben die Zeche geprellt.«
Shaw nickte und stieß wutschnaubend heraus: »Es waren sechs Frauen, alle nicht mehr in ihren besten Jahren. Die, die das Dinner bestellt hatte, machte den Eindruck einer richtigen Dame, wie man sie heute nur noch selten sieht. Rosa gefärbte Kringellöckchen, eine weiße, zarte Haut und sehr elegant gekleidet. Sie sagte, sie wolle ihren siebzigsten Geburtstag mit ihren Freundinnen gebührend begehen. Gefeiert haben die Damen dann auch. Und wie!« Shaw ballte seine Hände zu Fäusten, eine steile Falte über der Nasenwurzel. »Als ich die Rechnung vorlegte, funktionierte ihre goldene Kreditkarte nicht. Sie vermittelte mir den Eindruck, es sei ihr außerordentlich peinlich. Ja, sie besaß sogar die Kaltblütigkeit, vor Verlegenheit zu erröten. Von ihren Freundinnen hatte keine eine Kreditkarte und natürlich auch nicht so viel Bargeld dabei. Ich schwöre Ihnen, Sandra, die Frau hatte Tränen in den Augen. Sie schrieb mir ihre Adresse auf und versprach, das Geld am nächsten Tag zu bringen. Als ich zögerte – Anschreiben ist in meinem Haus nicht üblich – streifte sie sich einen goldenen Ring vom Finger. Es sei ihr Verlobungsring, sagte sie. Ein Schmuckstück aus dem 19. Jahrhundert mit einem Rubin und viel mehr wert als die ausstehende Rechnung. Sie gab mir den Ring als Pfand.« Er brach ab und schnappte nach Luft.
»Möchten Sie ein Glas Wasser?«, fragte Sandra und schenkte ihm aus der bereitstehenden Karaffe ein.
Shaw trank durstig und erzählte weiter: »Am nächsten Tag kam niemand, auch nicht am folgenden und in den Tagen darauf. Die von der Frau genannte Adresse in Wadebridge war ebenso falsch wie ihr Name Daisy Smith.«
»Und der Ring?«, warf Sandra ein und ahnte die Antwort.
Zerknirscht gestand Shaw: »Modeschmuck, keine zehn Pfund wert. Sandra, ich bin Gastwirt, kein Juwelier, und der Ring machte optisch wirklich was her.«
»Das tut mir sehr leid für Sie.« Sandra meinte es aufrichtig. Vor Zechprellern waren Gastronomen niemals gefeit. »Waren Sie bei der Polizei?«
»Heute Vormittag. Sergeant Greenbow nahm meine Anzeige auf, machte mir aber wenig Hoffnung, die Betrügerinnen zu finden und mein Geld zu bekommen.«
»Das fürchte ich auch«, murmelte Sandra und lauter: »Danke, dass Sie mich gewarnt haben.«
»Da behauptet man immer, die jungen Leute hätten keinen Respekt mehr, würden lügen und betrügen! Den alten Frauen habe ich es wahrlich nicht zugetraut.« Shaw sah Sandra eindringlich an. »Halten Sie Ihre Augen und Ohren offen, Sandra, nicht dass Sie zum nächsten Opfer der Bande alter Ladies werden.«
»Das werde ich, John, obwohl ich glaube, dass die Frauen Cornwall längst verlassen haben und die Masche anderswo durchziehen, doch ich spreche mit DCI Bourke. Sobald er etwas in Erfahrung bringt, lassen wir es Sie wissen. Wir Gastronomen müssen schließlich zusammenhalten, John.« Sandra dachte, so langsam sollte sie eine Liste mit all den Themen erstellen, die sie mit Christopher besprechen wollte. Zum zweiten Mal wurde sie heute um Hilfe gebeten, und auch diesmal sah Sandra keinerlei Möglichkeit, etwas auszurichten.
John Shaw seufzte. »Nur noch Lug und Betrug. Manchmal frage ich mich, ob ich das Three Feathers nicht besser verkaufen und mich auf die Scilly-Inseln zurückziehen soll. Seit Jahren habe ich auf St Mary’s ein Cottage, in dem ich meinen Urlaub verbringe. In absoluter Ruhe, lange Spaziergänge und Sonnenuntergänge am Meer.«
Das war neu für Sandra. Über das Privatleben von John Shaw hatte sie sich nie Gedanken gemacht. Sie wusste nur, dass er vor Jahren von seiner Frau wegen eines anderen Mannes verlassen worden war und keine Kinder hatte.
»Sie wollen nicht ernsthaft verkaufen, John! Was wäre Lower Barton ohne das Three Feathers?«
»Wenn ich es ernsthaft in Erwägung ziehe, erhalten Sie, Sandra, das Vorkaufsrecht.« John Shaw lächelte gezwungen.
Sandra wusste nicht, ob er sein Angebot ernst meinte. Sicherheitshalber wehrte sie ab: »Seien Sie versichert, John, dass ich kein Interesse an einem zweiten Hotel habe. Mit Higher Barton bin ich vollkommen ausgelastet.«
»Man wird sehen, was die Zukunft bringt«, murmelte Shaw gedankenverloren. »Einen schönen Tag noch, Sandra, und passen Sie bei Ihren Gästen auf.«
Nachdem er fort war, kam Eliza ins Büro. Durch die angelehnte Tür hatte sie alles mitangehört.
»Dumme Sache«, sagte Eliza. »Glücklicherweise blieb Higher Barton bisher vor Zechprellern verschont. Warum schmunzeln Sie, Sandra? Sie freuen sich doch nicht darüber, was John Shaw passiert ist?«
»Natürlich nicht!«, versicherte Sandra hastig. »Ich amüsiere mich nicht über den Betrug, sondern darüber, dass ich heute zweimal gebeten wurde, mich um die Aufklärung einer Straftat zu kümmern.«
»Die geheimnisvolle Person, die Sie am St Gwinnodock Well trafen?« Eliza sah sie erwartungsvoll an. »Sie sagten, Sie dürfen nicht darüber sprechen, aber eine kleine Andeutung oder so?«
»Ich glaube, ich kann Sie ins Vertrauen ziehen, Eliza, da ich weiß, dass es unter uns bleibt. Die Sache klingt sehr seltsam, und ich weiß nicht, ob ich sie glauben soll.«
Zusammengefasst erzählte Sandra von Creeda Pengelly und ihrer Behauptung, ihr Mann wolle sie töten.
»Obwohl ich viele Leute in Cornwall kenne, ist mir diese Frau unbekannt. Die Long-Rock-Farm liegt aber auch ein gutes Stück von Lower Barton entfernt. Was werden Sie unternehmen, Sandra?«
Sandra zuckte mit den Schultern. »Wie ich es Creeda versprochen habe, werde ich Christopher von den Anschuldigungen erzählen. Der arme Mann!« Sandra schmunzelte. »Wenn er mich heute Abend besucht, erwartet er bestimmt nicht, mit einem Betrugsfall und einem geplanten Mord empfangen zu werden. Wobei ich glaube, dass sich Creeda Pengelly irrt oder etwas durcheinanderbringt. Es mag sein, dass sie sich nach dem Essen, das ihr Mann zubereitet, krank fühlt, das kann aber viele Ursachen haben. Zum Beispiel Lebensmittelallergien, ich tippe eher auf eine psychische Anspannung. Vielleicht hat Sam Pengelly eine Affäre mit der Angestellten und will die Farm verkaufen – das drückt Creeda aufs Gemüt. Das sind allerdings private Angelegenheiten, in die ich mich nicht einmischen werde. Was könnte ich auch ausrichten?«
»Eine gute Einstellung, Sandra«, erwiderte Eliza zufrieden. »Es reicht, wenn Sie sich auf die Suche nach Tätern begeben, die einen richtigen Mord auf dem Kerbholz haben.«
»Das sehe ich ebenso. Gehen wir also wieder an die Arbeit.«
Sie und Eliza verließen das Büro genau in dem Moment, als Major Collins von seinem vormittäglichen Spaziergang zurückkehrte. Der Achtzigjährige, ehemaliger Jagdflieger der Royal Air Force, lebte seit Jahren in der Queen-Mary-Suite. Im Higher Barton Romantic Hotel waren alle Räume nach historischen Persönlichkeiten der Tudorzeit benannt – dem Jahrhundert, in dem das Haus erbaut worden war.
»Meine Damen.« Der Major deutete eine Verbeugung an. »Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Es gibt nicht zufällig wieder einen Mord?«
»Gott behüte!«, riefen Sandra und Eliza unisono, und Sandra fügte hinzu: »Ich bin heilfroh, wenn Higher Barton nicht wieder in was Schreckliches verwickelt wird.«
»Nun ja, unser kleines Abenteuer im vergangenen Jahr war das Aufregendste, das ich seit langer Zeit erlebt habe.« Die wasserhellen Augen des Majors bekamen einen versonnenen Ausdruck. »Wenn ich wieder behilflich sein kann – Sie wissen, wo Sie mich finden.«
»Wir werden daran denken, Major«, erwiderte Sandra und salutierte.
»Ich gehe jetzt zum Lunch. Was gibt es denn Gutes?«
Eliza erklärte: »Monsieur Peintré hat eine neue Füllung aus Krabben, Steckrüben und Spinat für Ofenkartoffeln kreiert. Er freut sich, wenn Sie es probieren und Ihre ehrliche Meinung äußern, Major.«
»Die Kombination hört sich zwar seltsam an, ich bin jedoch überzeugt, es wird mir vorzüglich munden. Wie alles, was Monsieur auf die Teller zaubert.«
Auf seinen Spazierstock mit dem vergoldeten Griff gestützt, ging Major Collins zum Restaurant. Mit Eliza allein, sagte Sandra: »Der alte Haudegen ist mir richtig ans Herz gewachsen.«
»Mir ebenfalls, Sandra. Wollen Sie jetzt auch zu Mittag essen? Ich halte derweil die Stellung, denn ich habe ausgiebig gefrühstückt und im Moment keinen Hunger.«
»Ich gehe auf einen Sprung zu Emma rüber«, sagte Sandra und zwinkerte ihrer Mitarbeiterin zu. »Vielleicht hat sie gerade einen Apfelkuchen im Ofen.«
Sandras Hoffnung auf ein Stück von Emma Penroses überaus köstlichem gedeckten Apfelkuchen wurde heute enttäuscht. Eine roséfarbene Schürze umgebunden und die Arme bis zu den Ellenbogen in roten Gummihandschuhen, war sie damit beschäftigt, die Sprossenfenster des weißen Cottages auf Hochglanz zu polieren. Emma war Ende fünfzig, und ihre mollige Figur verriet, dass sie gern und gut kochte und buk. Heute hatte sie ihre nahezu ergrauten Haare zu einem lockeren Dutt aufgesteckt.
»Ach, Sandra, schön, Sie zu sehen!«
»Ich möchte Sie nicht bei der Hausarbeit stören, Emma.«
Emma lachte und streifte sich die Handschuhe ab. »Ein Großputz muss hin und wieder sein.« Sie zwinkerte Sandra schelmisch zu. »George ist vor meiner übergroßen Aktivität, wie er es nennt, an die Küste geflüchtet. Da ich seit dem frühen Morgen das Haus auf den Kopf stelle, habe ich mir jetzt eine Pause verdient. Trinken Sie einen Kaffee mit mir? Ich kann Ihnen allerdings nur ein paar gekaufte Kekse anbieten, Backen steht heute nicht auf meinem Plan.«
»Ein Kaffee wäre wunderbar.«
Sandra musste sich ducken, um durch die niedrige Tür in das dreihundert Jahre alte Cottage mit den schrägen Wänden und den verwinkelten Räumen zu treten. Seit Jahrzehnten lebten Emma und George Penrose in dem Haus am Rande des Parks von Higher Barton. Der früheren Besitzerin Lady Abigail Tremaine hatten sie als Hausmeisterpaar gedient und nach der Umgestaltung zu einem Hotel ein lebenslanges Wohnrecht auf dem Grund und Boden von Higher Barton erhalten. Wenn Not am Mann war, sprang Emma auch im Service ein, und Georges handwerkliches Geschick nahm Sandra gern in Anspruch.
In der gemütlichen Wohnküche schob Emma die auf dem Tisch stehenden Putzmittel beiseite, dann brühte sie den Kaffee per Handfilter auf, nach ihrer Ansicht die einzige Art, ein vollmundiges Aroma zu erhalten.
»Wie läuft es im Hotel?«, fragte sie.
»Wie immer um diese Jahreszeit ist es ruhig, was uns allen etwas Zeit zum Durchatmen beschert, bevor zu Weihnachten das Haus wieder voll wird. Sie wissen, dass im November Renovierungsarbeiten anstehen.«
»Freuen Sie sich auf die Zeit danach, wenn alles wieder fast wie neu sein wird.« Emma lächelte versonnen. »In drei Wochen fliegen George und ich nach Teneriffa. Wir können es kaum erwarten.« Schnell fügte sie hinzu: »Das soll nicht heißen, dass wir von Ihnen und Higher Barton genug haben, Sandra, im Gegenteil! Sie werden mir fehlen, aber das wechselhafte, feucht-kühle Herbstwetter setzt Georges Arthrose von Jahr zu Jahr mehr zu.«