Die Ehe des Herrn Mississippi - Friedrich Dürrenmatt - E-Book

Die Ehe des Herrn Mississippi E-Book

Friedrich Dürrenmatt

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Beschreibung

»Es geht um das nicht unbedenkliche Schicksal dreier Männer, die sich aus verschiedenen Motiven nichts mehr und nichts weniger in den Kopf gesetzt hatten, als die Welt teils zu ändern, teils zu retten, und denen nun das freilich grausame Pech zustieß, mit einer Frau zusammenzukommen, die weder zu ändern noch zu retten war, weil sie nichts als den Augenblick liebte.«

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Friedrich Dürrenmatt

Die Ehe des Herrn Mississippi

Eine Komödie in zwei Teilen(Neufassung 1980)und ein Drehbuch

Diogenes

Allgemeine Anmerkung zu der Endfassung 1980 meiner Komödien

Es ging mir, im Gegensatz zu den verschiedenen Fassungen, die vorher einzeln im Arche-Verlag erschienen sind, bei den Fassungen für die Werkausgabe nicht darum, die theatergerechten, das heißt die gestrichenen Fassungen herauszugeben, sondern die literarisch gültigen. Literatur und Theater sind zwei verschiedene Welten: Außer den Komödien, die ich nur für die Theater schrieb, Play Strindberg und Porträt eines Planeten, die Übungsstücke für Schauspieler darstellen und die ich als Regisseur schrieb, gebe ich im Folgenden – die ersten Stücke tastete ich nicht an – die dichterische Fassung wieder, eine Zusammenfassung verschiedener Versionen.

F.D.  

Die Ehe des Herrn Mississippi

Eine Komödie in zwei Teilen Neufassung 1980

Personen

Anastasia

Florestan Mississippi

Frédéric René Saint-Claude

Graf Bodo von Übelohe-Zabernsee

Der Minister Diego

Das Dienstmädchen

Drei Geistliche

Drei Männer in Regenmänteln, die rechte Hand in der Tasche

Zwei Wärter

Professor Überhuber

Irrenärzte

Geschrieben 1950

Uraufführung in den Münchner Kammerspielen am 26. März 1952

Erster Teil

Während das Publikum den Saal betritt, hört man den Schlußchor der Neunten Symphonie von Beethoven.

Der Vorhang hebt sich:

Ein Zimmer, dessen spätbürgerliche Pracht und Herrlichkeit zu beschreiben nicht eben leicht sein wird. Doch da sich die Handlung in ihm abspielen wird, ausschließlich in ihm, ja, da gesagt werden darf, daß die folgenden Geschehnisse die Geschichte dieses Zimmers darstellen, soll seine Beschreibung gewagt sein: Der Raum stinkt zum Himmel. Im Hintergrund zwei Fenster. Die Aussicht: verwirrend; rechts das Geäst eines Apfelbaumes und dahinter irgendeine nordische Stadt mit einer gotischen Kathedrale, links eine Zypresse, Reste eines antiken Tempels, Meerbusen, Hafen. Nun gut. Zwischen den beiden Fenstern, aber nicht höher, eine Standuhr; Stil: auch gotisch. Darüber das Bild eines rosigen, gesundheitsstrotzenden Rübenzuckerfabrikanten. Gehen wir zur rechten Wand. Dort befinden sich zwei Türen. Die im Hintergrund führt durch die Veranda in ein weiteres Zimmer, sie ist nicht wichtig, ich brauche sie eigentlich nur im fünften Akt; die im Vordergrund rechts führt in eine Vorhalle um die Ecke links. Machen wir uns keine Gedanken, wie etwa das Haus gebaut sein könnte, nehmen wir an, es sei ein verwirrt umgebautes Patrizierhaus. Zwischen den Türen rechts ein kleines Buffet, diesmal möchte ich Louis Quinze vorschlagen. Darauf befindet sich eine Liebesgöttin. Aus Gips. Gewiß. An der linken Wand nur eine Türe. Sie öffnet sich zwischen zwei Finde-Siècle-Spiegeln. Die Türe führt in ein Boudoir, vom Boudoir ins Schlafzimmer, Räume, die zwar verschiedene andere, aber nicht wir betreten werden. Im Vordergrund links der Louis-Seize-Rahmen eines weiteren Spiegels in der Luft hängend, natürlich ohne Glas, so daß man ins Publikum sieht, blickt jemand hinein. Rechts im Vordergrund könnte vielleicht ein kleines, ovales, leeres Bild hängen. In der Mitte ein rundes Biedermeier-Kaffeetischchen, die eigentliche Hauptperson des Stücks, um das herum sich das Spiel dreht, um das herum alles zu inszenieren ist, von zwei Louis-Quatorze-Sesseln flankiert. Etwas Empire kann man sicher noch irgendwie placieren: etwa links vorne ein kleines Sofa, dann links hinten eine spanische Wand. Auf Russisches darf verzichtet werden, wenn nicht gerade die politische Situation dies wünschbar macht. Auf dem Tischchen eine japanische Vase mit roten Rosen, die im zweiten durch weiße, im dritten Akt durch gelbe ersetzt werden können. Die restlichen Akte schlage ich ohne Blumen vor.

Ferner ein Kaffeegedeck für zwei Personen. Meißener Porzellan, erraten. Beim Kaffeetisch Saint-Claude, den wir, ohne gerade gründlicher auf diese Persönlichkeit eingehen zu wollen, uns etwas quadratisch denken, mächtig an stählerner Masse, gegenwärtig in einem Frack, der ihm offensichtlich nicht paßt. Strümpfe: rot. Lackschuhe. Er klingelt mit einer kleinen silbernen Glocke. Von rechts kommen drei Männer, gemütlichen Bierbrauern nicht unähnlich, in Regenmänteln und roten Armbinden, die rechte Hand in der Tasche.

DER ERSTE DER DREI IN REGENMÄNTELN

Hände hinter den Kopf.

Saint-Claude gehorcht.

DER ZWEITE

Zwischen die Fenster.

Saint-Claude gehorcht.

DER DRITTE

Kehr dich gegen die Standuhr.

Saint-Claude gehorcht.

Schuß.

DER ERSTE

So stirbt man am einfachsten.

Saint-Claude bleibt stehen. Die drei in Regenmänteln – die rechte Hand wieder in der Tasche – gehen nach rechts hinaus. Saint-Claude kehrt sich zum Publikum und spricht das Folgende teils wie ein Theaterdirektor eines ziemlich verschmierten Theaters, teils wie ein Mephisto.

SAINT-CLAUDE

Meine Damen, meine Herren, ich bin eben erschossen worden, wie Sie bemerkt haben dürften, und kurz vorher endete die unsterbliche Neunte. Die Kugel trat, irgendwo zwischen den beiden Schulterblättern, wie ich glaube, in meinen Leib – es fällt mir nicht gerade leicht, dies genauer festzustellen – er greift nach hinten – zerschmetterte auf ihrem Weg durch das Innere mein Herz und trat dann wohl hier an meiner Brust wieder heraus, durchstieß den Frack, verbeulte den Orden ›Pour le mérite‹ – nicht ganz unpeinlich, da weder der Frack mir gehört noch der Orden –, worauf das Geschoß die Standuhr beschädigte; so stelle ich mir das ungefähr vor. Mein jetziger Zustand ist angenehm. Außer der natürlich recht beträchtlichen Verblüffung, sich auch nachher noch vorhanden zu finden, fühle ich mich ausgezeichnet, besonders macht mir meine Leber mit einem Schlag nicht mehr zu schaffen, wenn ich so sagen darf. In ihr wütete ein heimtückisches Leiden, das ich in meinem Leben vor dem Tode ängstlich zu verbergen suchte, dem ich aber, wie ich nun gestehen muß – ich hielt mich für rein moralisch bestimmt –, doch wohl einen beträchtlichen Teil meiner etwas extremen Weltanschauung verdankte. Mein Tod, den Sie eben gesehen haben, dieser reichlich triviale, aber leider Gottes – merkwürdig, was man jetzt für Ausdrücke braucht – er schüttelt den Kopf – dieser, leider Gottes also, nicht allzu ungewöhnliche Tod findet eigentlich erst am Schluß dieses Stückes statt, was leicht zu erraten ist, denn wenn einmal Männer mit Armbinden auftreten, ist schon alles vorbei, ist schon alles verloren. Doch haben wir meine Ermordung aus – so möchte ich es formulieren – therapeutischen Gründen an den Anfang gesetzt – eine der schlimmsten Szenen ist dann gleich vorweggenommen. Außerdem – auch das läßt sich nicht verschweigen – werden zum Zeitpunkt meines peinlichen Todes hier noch andere Leichen herumliegen, ein Umstand, der Sie jetzt natürlich verwirren würde, was jedoch gar nicht so übertrieben ist, wenn man bedenkt, daß es sich in dieser Komödie unter anderem um die Ehe meines Freundes Mississippi handelt. Unter anderem, denn es geht um das nicht unbedenkliche Schicksal dreier Männer – Drei pathetische Brustbilder, von links nach rechts Saint-Claude, Übelohe und Mississippi darstellend, die zwei äußeren schwarz umflort, senken sich von oben herab und bleiben im Hintergrund in der Höhe schweben – die sich aus verschiedenen Motiven nichts mehr und nichts weniger in den Kopf gesetzt hatten, als die Welt teils zu ändern, teils zu retten, und denen nun das freilich grausame Pech zustieß, mit einer Frau zusammenzukommen – Das Bild Anastasias senkt sich herab, ebenfalls schwarz umflort, und bleibt zwischen Übelohe und Mississippi schweben – die weder zu ändern, noch zu retten war, weil sie nichts als den Augenblick liebte – nachträglich gesehen jedenfalls die weitaus vergnüglichste Lebenshaltung –: so daß denn auch diese Komödie sich ebensogut ›Die Liebe des Grafen Bodo von Übelohe-Zabernsee‹, oder ›Die Abenteuer des Herrn Saint-Claude‹, oder gar, kurz und bündig, ›Frau Anastasia und ihre Liebhaber‹ nennen könnte. Er zeigt während dieser Worte auf das Porträt der jeweils genannten Personen. Daß freilich im Verlauf der Verwicklungen alles am Ende ruiniert wird, ja daß es überhaupt im großen und ganzen ziemlich radikal zugeht, ist bedauerlich, doch der Wahrheit zuliebe – geschweige denn heute – nicht zu ändern. Die Porträts verschwinden wieder. Und wenn Sie nun einen der wenigen Überlebenden – bitte sehr – draußen an den beiden Fenstern vorbeitaumeln sehen – Draußen torkelt Graf Übelohe mit einer blauen Fahne vorbei – mit einer frommen Fahne irgendeinem lächerlichen Zug der Heilsarmee nachlaufend, so verzeihen Sie, daß dies eigentlich gar nicht möglich wäre, da wir uns hier im ersten Stock des Hauses befinden, was Sie ja schon daraus entnehmen können, daß einige Baumwipfel von Ihnen aus zu sehen sind, es handelt sich um eine Zypresse und um einen Apfelbaum. Doch fangen wir irgendwo mit unserer Geschichte an. Wir könnten zum Beispiel damit beginnen, wie ich in Rumänien ebenjene Revolution anzettle, die den Sturz des Königs Michael einleitet, oder wie Graf Übelohe in Tampang, einem elenden Nest im Innern Borneos, betrunken einem betrunkenen Malayen den Blinddarm herauszuschneiden versucht – Zwei Bilder, das Geschilderte darstellend, schweben von oben nieder – doch bleiben wir in diesem, uns nun schon vertrauten Raum. Gehen wir zurück – Die Bilder schweben wieder in die Höhe – es wird uns nicht schwerfallen, da wir den Ort ja nicht zu verlassen brauchen – obgleich auch dies nicht klar ist, wo denn nun eigentlich dieses Haus stehe – einmal entschied sich der Autor für Süden, daher die Zypresse, der Tempel und das Meer, einmal für den Norden, daher der Apfelbaum und die Kathedrale –, gehen wir also zurück, wenn ich bitten darf, fünf Jahre nur, bevor sich jenes Unglück ereignete, dessen Zeugen Sie gleich zu Beginn waren, zurück denn ins Jahr 47 oder 48, immer fünf Jahre vor der Gegenwart, solange dies überhaupt möglich ist. Nun gut, es ist Mai, die Fenster sind leicht geöffnet – Die Fenster öffnen sich leicht – auf dem Tisch befindet sich eine rote Rose, über der Standuhr hängt das Bildnis des ersten Mannes, der das Glück hatte, mit Anastasia verheiratet zu sein, das Bild des Rübenzukkerfabrikanten, François mit Vornamen, und das Dienstmädchen führt meinen alten Freund Mississippi herein – Das Dienstmädchen und Mississippi kommen von rechts – der korrekt wie immer, in schwarzem Gehrock, auch wie immer, dem hübschen Kind gerade den Stock, den Mantel und den Zylinder übergibt, während ich mich – ich bin in meinem vorigen Leben leider allzu oft durch Fenster gestiegen – nach alter Gewohnheit entferne – dies vielleicht nicht ganz nach der üblichen Gepflogenheit Verstorbener, aber wie soll ich ihre Weise, sich einfach in Nichts aufzulösen, so gleich von mir aus, kaum verblichen, ohne jede Anleitung, denn auch verstehen: Kurz, während ich mich nach einem Ort begebe – er schaut etwas mißtrauisch Richtung Erdzentrum – von dem ich mir durchaus keine Vorstellung machen kann – er steigt durchs Fenster links – faßt hier, fünf Jahre vorher, Herr Mississippi einen wichtigen Entschluß. Saint-Claude verschwindet.

DAS DIENSTMÄDCHEN

Madame wird jeden Moment kommen, mein Herr.

Das Dienstmädchen geht nach rechts hinaus. Mississippi betrachtet das Bild des Rübenzuckerfabrikanten. Von links kommt Anastasia. Mississippi verneigt sich.

ANASTASIA

Mein Herr?

MISSISSIPPI

Mein Name ist Mississippi. Florestan Mississippi.

ANASTASIA

Wie Sie mir geschrieben haben, müssen Sie mich dringend sprechen?

MISSISSIPPI

Ja, dringend. Ich bin leider nicht in der Lage, beruflich eine andere Zeit zu wählen als die nach Tisch.

ANASTASIA

Sie waren ein Freund meines Mannes?

Sie sieht kurz nach dem Bild im Hintergrund. Auch Mississippi sieht hin.

MISSISSIPPI

Sein unerwarteter Tod geht mir nahe. Er verneigt sich.

ANASTASIA etwas verlegen

Er starb an einem Herzschlag.

MISSISSIPPI verneigt sich aufs neue

Ich drücke Ihnen meine tiefe Teilnahme aus.

ANASTASIA

Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen?

MISSISSIPPI

Sie sind sehr gütig.

Sie setzen sich. Anastasia links, Mississippi rechts. Anastasia schenkt ein. Die folgende Szene am Kaffeetisch ist sehr exakt zu inszenieren, mit genauen Bewegungen des Kaffeetrinkens: so führen beide etwa gleichzeitig die Tasse zum Munde oder rühren gleichzeitig mit dem Löffelchen usw.

ANASTASIA

Sie haben mich in Ihrem Brief eindringlich beschworen, Sie anzuhören. Sie haben dies im Namen meines verstorbenen Gatten getan. Sie sieht nach dem Bild. Ich hätte Sie sonst nie so wenige Tage nach François’ Tod empfangen. Ich hoffe, daß Sie mich verstehen.

MISSISSIPPI

Vollkommen. Auch ich ehre die Toten. Auch er sieht nach dem Bild. Wäre mein Anliegen nicht so überaus dringend, hätte ich es nie gewagt, Sie mit meinem Besuch zu belästigen, um so mehr, als auch ich einen Todesfall zu beklagen habe. Meine junge Gattin ist vor wenigen Tagen gestorben. Nach einer kurzen Pause bedeutungsvoll Sie hieß Madeleine.

Er sieht Anastasia prüfend an, die fast unmerklich zusammengezuckt ist.

ANASTASIA

Das tut mir leid.

MISSISSIPPI

Unsere Familie hat seit Jahr und Tag den gleichen Hausarzt wie die Ihre, den alten Doktor Bonsels. Von ihm vernahm ich den bedauernswerten Tod Ihres Gatten. Doktor Bonsels stellte bei meiner Gattin ebenfalls Herzschlag als Todesursache fest.

Er sieht Anastasia erneut lauernd an, die aufs neue zusammenzuckt.

ANASTASIA

Auch ich möchte Sie bitten, mein herzliches Beileid entgegenzunehmen.

MISSISSIPPI

Um mein Anliegen zu verstehen, ist es vor allem notwendig, daß Sie sich über meine Person im klaren sind, gnädige Frau. Ich bin der Staatsanwalt.

Anastasia läßt in panischem Schreck die Kaffeetasse fallen.

ANASTASIA

Verzeihen Sie die ungeschickte Unterbrechung.

MISSISSIPPI verneigt sich

O bitte. Ich bin es gewohnt, Furcht und Zittern zu verbreiten.

Anastasia läutet mit einer kleinen silbernen Glocke. Das Dienstmädchen kommt von rechts, trocknet auf und gibt Anastasia ein anderes Gedeck, geht wieder hinaus.

ANASTASIA

Sie haben noch keinen Zucker genommen. Ich bitte Sie, sich zu bedienen.

MISSISSIPPI

Ich danke Ihnen.

ANASTASIA lächelnd

Was führt Sie nun zu mir, Herr Staatsanwalt?

MISSISSIPPI

Der Grund meines Besuches betrifft Ihren Gatten.

ANASTASIA

François ist Ihnen Geld schuldig?

MISSISSIPPI

Seine Schuld ist nicht finanzieller Natur. Wir sind einander wildfremd, gnädige Frau, und es tut mir aufrichtig leid, Ihrem Gatten Ungünstiges nachsagen zu müssen, aber er hat Sie betrogen.

Anastasia zuckt zusammen, und es entsteht eine peinliche Pause.

ANASTASIA kalt

Wer hat Ihnen das gesagt?

MISSISSIPPI ruhig

Meine unbestechliche Beobachtungsgabe. Ich habe die Fähigkeit, das Böse aufzuspüren, wo auch immer es sich findet, und leide an dieser Begabung unvorstellbar.

ANASTASIA

Ich weiß wirklich nicht, wie Sie dazu kommen, unmittelbar nach dem Tode meines Gatten in diesem Raum, wo er gewissermaßen noch lebt, die wahnsinnigsten Behauptungen über seinen Lebenswandel auszusprechen. Ihre Anschuldigungen sind ungeheuer.

MISSISSIPPI

Die Tatsache, daß Ihr Gatte ein Weib von Ihrer Beschaffenheit hintergehen konnte, ist noch ungeheurer. Ahnen Sie denn nicht, daß ich nicht freiwillig zu Ihnen gekommen bin, sondern nur, weil uns ein verhängnisvolles Geschick aneinanderfesselt? Ich bitte Sie, die Seelenstärke zu haben, mich in Ruhe anzuhören. Die gegenseitige Folterung ist schon so grauenhaft, daß wir die äußerste Rücksicht nehmen müssen.

ANASTASIA nach kurzer Pause sachlich

Verzeihen Sie meine begreifliche Aufregung. Der unerwartete Tod François’ hat meine Kraft erschöpft. Nehmen Sie noch eine Tasse Kaffee?

MISSISSIPPI

Wirklich gern. Mein Beruf fordert eiserne Nerven.

Sie schenkt ein.

ANASTASIA

Darf ich Sie mit Zucker bedienen?

MISSISSIPPI

Ich danke Ihnen. Zucker beruhigt. Ich bin leider nicht in der Lage, für unsere wichtige Unterredung mehr als eine halbe Stunde aufwenden zu können. Ich habe diesen Nachmittag noch ein Todesurteil beim Geschworenengericht durchzusetzen. Geschworene sind heute borniert. Er trinkt Kaffee. Sie halten also immer noch am Glauben fest, daß Ihr Mann Sie nicht betrogen habe?

ANASTASIA

Ich schwöre, daß er unschuldig ist.

MISSISSIPPI nach einer kurzen Pause

Gut. Sie pochen auf seine Unschuld. Werden Sie das auch tun, wenn ich Ihnen den Namen der Frau nenne, mit der Ihr Gatte Sie betrogen hat?

ANASTASIA springt auf

Wer ist dieses Weib?

MISSISSIPPI nach einer kurzen Pause

Ich nannte den Namen: Madeleine.

ANASTASIA entsetzt, da sie plötzlich begriffen hat

Ihre Frau?

MISSISSIPPI

Meine Gattin.

ANASTASIA grauenerfüllt

Aber sie ist doch tot?

MISSISSIPPI mit äußerster Ruhe

Gewiß. Madeleine ist an einem Herzschlag gestorben. Würdevoll Wir sind von Ihrem toten Gatten François und meiner toten Gattin Madeleine hintergangen worden, gnädige Frau.

ANASTASIA

Es ist entsetzlich!

MISSISSIPPI

Die Tatsachen der Ehe sind oft entsetzlich. Er trocknet sich mit einem Taschentuch den Schweiß ab. Dürfte ich noch um eine Tasse Kaffee bitten?

ANASTASIA vernichtet

Verzeihen Sie. Ich bin ganz verstört. Sie schenkt ein.

MISSISSIPPI erleichtert

Die erste Etappe unseres fürchterlichen Weges wäre zurückgelegt! Sie haben gestanden, von der Untreue Ihres Gatten gewußt zu haben. Damit ist unendlich viel erreicht. Besaßen Sie die Beweise schon lange?

ANASTASIA tonlos

Seit einigen Wochen. Als ich einen mit Madeleine unterzeichneten Brief fand, aus dem das leidenschaftlichste Liebesglück sprach, traf mich diese Entdeckung wie ein Keulenschlag. Ich werde die Tat meines Mannes nie begreifen können.

MISSISSIPPI

Sie kannten meine Frau nicht: Sie war das liebenswürdigste Weib, jung, strahlend in ihrer Schönheit und mittellos. Die Tatsache ihrer Untreue stürzte mich in die unterste Hölle. Ich hatte ebenfalls einen Brief gefunden, auf dem oben unvorsichtigerweise die Geschäftsadresse Ihres Gatten stand. Ihre Liebe loderte schon so unmäßig, daß sie nicht mehr die primitivste Vorsicht kannten.

ANASTASIA

Ich wollte nach dem Tode meines Mannes seine Untreue vergessen, um François in der Erinnerung wieder als den zu haben, der mich einst leidenschaftlich liebte und den zu lieben ich nie aufhören werde. Verzeihen Sie mir, daß ich aus diesem Grund Ihren Fragen zuerst ausgewichen bin. Sie haben mich gezwungen, wieder an das Geschehene zu denken.

MISSISSIPPI

Als Gatte jener Frau, mit der Sie Ihr Gatte betrogen hat, konnte ich dies leider unmöglich vermeiden.

ANASTASIA

Auch ich verstehe Sie. Als Mann brauchen Sie Klarheit. Sie steht auf. Ich danke Ihnen, Herr Staatsanwalt, daß Sie auch mir, einem schwachen Weib, diese Klarheit gegeben haben. Ich weiß nun alles über François, und es ist schrecklich, alles zu wissen. Erschöpft Sie müssen mich jetzt entschuldigen, ich bin am Ende meiner Kraft. Ihre Gattin und mein Gatte sind tot. Wir können sie nicht mehr zur Rechenschaft ziehen. Wir können nicht mehr um ihre Liebe flehen. Sie sind uns jetzt für immer verloren.

Mississippi ist ebenfalls aufgestanden.

MISSISSIPPI ernst

In diesem unerhörten Augenblick, da uns die ersten Strahlen der Wahrheit berühren, ist es meine von einem fünfundzwanzigjährigen Leben als Staatsanwalt geforderte Schuldigkeit, Ihnen zuzurufen, daß wir einander jetzt endlich einmal die ganze Wahrheit gestehen sollten, auch wenn wir von ihr vernichtet werden.

Er sieht sie so entschlossen an, daß sie sich wieder setzen.

ANASTASIA

Ich verstehe Sie nicht.

MISSISSIPPI

Es betrifft den Tod Ihres Mannes.

ANASTASIA

Ich weiß wirklich nicht, was Sie wollen.

MISSISSIPPI

Die Tatsache, daß Sie mir völlig unmotiviert gleich zu Beginn meines Besuches die Todesursache Ihres Gatten bekanntgaben, Ihr panischer Schreck, als ich Ihnen meinen Beruf nannte, sagt mir genug.

ANASTASIA

Ich bitte Sie, deutlich zu sein.

MISSISSIPPI

Wenn Sie es wünschen, will ich mit äußerster Deutlichkeit reden. Ich bezweifle den Grund seines Todes.

ANASTASIA schnell

Es sterben sehr viele Menschen im Alter von fünfzig Jahren an einem Herzschlag.

MISSISSIPPI

Schon sein Bild beweist, daß ein Mann von seiner rosigen Gesundheit nicht an einem Herzschlag sterben kann. Außerdem sind Menschen, für die ich mich interessiere, noch nie an einem Herzschlag gestorben.

ANASTASIA

Was wollen Sie damit sagen?

MISSISSIPPI

Können Sie es mir wirklich nicht ersparen, daß ich Ihnen ins Gesicht schleudern muß, daß Sie Ihren Mann vergiftet haben?

ANASTASIA ihn fassungslos anstarrend

Sie glauben?

MISSISSIPPI klar

Ich glaube.

ANASTASIA immer noch wie vor den Kopf geschlagen

Nein, nein!

Sie ist totenblaß. Mississippi nimmt erschöpft eine Rose aus der japanischen Vase und hält sie an seine Nase.

MISSISSIPPI

Fassen Sie sich. Es muß doch für Sie wieder etwas Erleichterndes sein, von der Gerechtigkeit erfaßt zu werden.

ANASTASIA plötzlich wild ausbrechend

Nein!

Mississippi stellt die Rose wieder in die Vase zurück. Anastasia steht würdevoll auf. Mississippi desgleichen.

ANASTASIA

Der Arzt, Doktor Bonsels, hat festgestellt, daß es sich beim Tod meines Gatten eindeutig um Herzschlag handelt. Ich darf ohne weiteres annehmen, daß auch der Staatsanwalt sich in das Urteil der Wissenschaft fügen wird.

MISSISSIPPI

Wir gehören einer Gesellschaftsschicht an, gnädige Frau, bei der die Diagnose der Wissenschaft im Zweifelsfalle immer auf Herzschlag lautet.

ANASTASIA

Da ich Ihnen gesagt habe, was hinsichtlich des uns alle überraschenden Todes meines Gatten hinzuzufügen war, bitte ich Sie, sich zu verabschieden.

MISSISSIPPI kummervoll

Es wäre in diesem schrecklichen Falle meine Pflicht, unser Gespräch in einem andern Raume und unter anderen Umständen fortzusetzen.

ANASTASIA

Ich kann Sie nicht hindern, Ihren sogenannten Pflichten nachzukommen.

MISSISSIPPI

Sie können es, wenn Sie sich unvoreingenommen Ihre Lage vergegenwärtigen. Sie haben die seltene Gelegenheit, dem Staatsanwalt in Ihren vier eigenen Wänden gegenüberzustehen. Wollen Sie das im Gerichtssaal angesichts einer beleidigenden Öffentlichkeit tun? Ich hoffe nicht. Es ist mir sonst vollkommen schleierhaft, warum Sie das unbedingt Humane meines Vorgehens so schicksalhaft verkennen. Ein Mord läßt sich doch gewiß beim Kaffeetrinken viel leichter gestehen als vor dem Geschworenengericht.

Sie setzen sich wieder.

ANASTASIA leise

Ich stehe zu Ihrer Verfügung.

MISSISSIPPI erleichtert

So ist es sicher am besten.

ANASTASIA

Aber keine Macht der Welt wird mich bewegen, das Verbrechen zu gestehen, das Sie mir unterschieben. Sie scheinen durch ein schreckliches Mißverständnis irregeführt zu sein.

MISSISSIPPI

Nur die Angeklagten irren sich, nie der Staatsanwalt.

ANASTASIA

Ich werde wie ein Tier um meine Unschuld kämpfen.

MISSISSIPPI ernst

Beten Sie zu Gott, gnädige Frau, daß Ihnen dieser Kampf erspart bleibt. Es ist heller Wahnsinn, gegen mich zu kämpfen, und doch versuchen es die Menschen immer wieder. Minutenlang, stundenlang, tagelang, und dann brechen sie zusammen. Ich bin ergraut im Anblick meiner Opfer. Wollen auch Sie sich wie ein Wurm zu meinen Füßen krümmen? Begreifen Sie doch, daß hinter mir die sittliche Weltordnung steht und daß jeder verloren ist, der sich mir widersetzt. Gestehen mag schwer sein, aber gestehen müssen ist über jede Vorstellung fürchterlich.

ANASTASIA

Sind Sie eigentlich Moralprediger oder Scharfrichter?

MISSISSIPPI

Mein grauenhafter Beruf zwingt mich, beides zu sein.

ANASTASIA

Sie können doch nicht einfach aus dem heiteren Himmel die wildesten Anklagen gegen mich erheben.

MISSISSIPPI

Dann tut es mir leid, Ihnen den Namen Graf Bodo von Übelohe-Zabernsee nennen zu müssen.

Anastasia erschrickt maßlos, faßt sich dann wieder.

ANASTASIA langsam

Ich kenne diesen Namen nicht.

MISSISSIPPI

Sie haben mit Graf Übelohe die Jugendzeit in Lausanne zugebracht, wo Ihr Vater Lehrer an einem Töchterpensionat war und er in einem Schloß der gräflichen Familie aufwuchs. Sie trennten sich, und vor wenigen Jahren haben Sie sich wieder in dieser Stadt getroffen, Sie als Gattin Ihres nun ja verstorbenen Mannes und er als Chefarzt und Gründer der Armenklinik Sankt Georg.

ANASTASIA langsam

Ich sehe ihn jetzt nur ganz flüchtig.

MISSISSIPPI

Sie baten ihn am sechzehnten um zwei Stück eines weißen Giftes, das vollkommen zuckerähnlich ist, von dem er Ihnen anläßlich eines gemeinsamen Besuches des ›Götz von Berlichingen‹ sprach, als Sie auf den Tod Weislingens kamen. Sie sind beide kunstliebend.

ANASTASIA hartnäckig

Er hat mir das Gift nicht gegeben.

MISSISSIPPI

Bodo von Übelohe-Zabernsee hat alles gestanden.

ANASTASIA heftig

Das ist nicht wahr!

MISSISSIPPI

Nachdem ich drohte, ihm das Arztdiplom entziehen zu lassen, hat er, wohl um der Gefängnisstrafe zu entgehen, unsere Stadt Hals über Kopf verlassen und sich in die Tropen begeben.

ANASTASIA springt auf

Bodo ist fort?

MISSISSIPPI

Der Graf ist geflüchtet.

Anastasia sinkt wieder in den Sessel zurück. Mississippi wischt sich den Schweiß ab.

ANASTASIA nach langer Pause dumpf

Warum haben Sie ihm diese grausame Maßnahme angedroht? Die Armenklinik Sankt Georg ist sein Lebenswerk.

MISSISSIPPI

Ich habe nur gemäß den Gesetzen gehandelt, denen der Arztberuf unterstellt ist. Nach einer kurzen Pause Nach seiner in tiefster Verzweiflung gemachten Aussage hätten Sie ihm angegeben, Sie wollten mit dem Gift den Hund töten, eine Aussage, die natürlich in keiner Weise die Herausgabe des Giftes entschuldigt.

ANASTASIA schnell

Ich mußte meinen Hund töten. Er war krank.

MISSISSIPPI höflich

Sie müssen mir nun einen ganz kurzen Eingriff in die Rechte Ihres Hauses erlauben.

Er steht auf, verneigt sich und läutet mit der kleinen silbernen Glocke Anastasias. Von rechts kommt das Dienstmädchen.

MISSISSIPPI

Wie heißen Sie?

DAS DIENSTMÄDCHEN

Lukrezia.

MISSISSIPPI

Besitzt die gnädige Frau einen Hund, Lukrezia?

DAS DIENSTMÄDCHEN

Er ist tot.

MISSISSIPPI

Wann ist der Hund gestorben, Lukrezia?

DAS DIENSTMÄDCHEN

Vor einem Monat.

MISSISSIPPI

Sie können jetzt wieder an Ihre Arbeit gehen, Lukrezia.

Das Dienstmädchen verschwindet nach rechts. Mississippi steht auf.

MISSISSIPPI