Ein Kännchen Glück - Lia Haycraft - E-Book
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Ein Kännchen Glück E-Book

Lia Haycraft

3,0

Beschreibung

Nele & Ben "Ich brauche eigene Wünsche. Damit ich mein eigenes Glück finden kann." Nele und Ben könnten unterschiedlicher nicht sein: Nele lebt in einer Mehr-Generationen-WG und sammelt "Glück" in ihrer Teekanne. Sie notiert von jedem Menschen dessen Vorstellung von Glück und nimmt sich jeden Tag einen Zettel aus der Teekanne vor, um sich ein bisschen Glück zu schenken und den Tag zu genießen. Ben hat bereits einen genauen Plan von seiner Zukunft. Er arbeitet in einer Bank, trägt jeden Tag die gleichen, schlichten Farben, macht an denselben Tagen Sport und liebt seine festen Rituale. Ihre scheinbar einzige Gemeinsamkeit: Beide leben in Köln. Als Nele von Bens Großmutter, die mit ihr in der WG lebt, erfährt, dass Ben gerade von seiner Verlobten verlassen wurde und obendrein seine Mutter völlig überraschend ihren neuen Freund heiraten will, beschließt Nele, seine Glücksbringerin zu sein. Obwohl sie eine Kanne voll mit Glück hat, kann sie sich plötzlich nichts Schöneres vorstellen, als mit Ben Zeit zu verbringen. Doch fühlt Ben genauso? Der zweite Teil der "Love & Feelings"-Reihe!

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Lia Haycraft

Ein Kännchen Glück

Roman

 

Über das Buch

Nele & Ben

Ich brauche eigene Wünsche. Damit ich mein eigenes Glück finden kann.

Nele und Ben könnten unterschiedlicher nicht sein: Nele lebt in einer Mehr-Generationen-WG und sammelt „Glück“ in ihrer Teekanne. Sie notiert von jedem Menschen dessen Vorstellung von Glück und nimmt sich jeden Tag einen Zettel aus der Teekanne vor, um sich ein bisschen Glück zu schenken und den Tag zu genießen.

Ben hat bereits einen genauen Plan von seiner Zukunft. Er arbeitet in einer Bank, trägt jeden Tag die gleichen, schlichten Farben, macht an denselben Tagen Sport und liebt seine festen Rituale. Ihre scheinbar einzige Gemeinsamkeit: Beide leben in Köln.

Als Nele von Bens Großmutter, die mit ihr in der WG lebt, erfährt, dass Ben gerade von seiner Verlobten verlassen wurde und obendrein seine Mutter völlig überraschend ihren neuen Freund heiraten will, beschließt Nele, seine Glücksbringerin zu sein. Obwohl sie eine Kanne voll mit Glück hat, kann sie sich plötzlich nichts Schöneres vorstellen, als mit Ben Zeit zu verbringen. Doch fühlt Ben genauso?

Inhalt

Über das Buch

Nele & Ben

Impressum

Widmung

Kapitel 1

Glück ist Schokoladentorte am See

Kapitel 2

Glück ist, was wir kennen

Kapitel 3

Glück ist ein neuer Job

Kapitel 4

Glück ist beruhigende Routine

Kapitel 5

Glück ist jemanden wiederzusehen

Kapitel 6

Glück ist an jemanden denken, den man mag

Kapitel 7

Glück ist definitiv keine Hochzeitseinladung

Kapitel 8

Glück ist etwas Neues auszuprobieren

Kapitel 9

Glück ist manchmal doch bunt

Kapitel 10

Glück ist, wie auf Wolken gehen

Kapitel 11

Glück ist ein Blumenstrauß

Kapitel 12

Glück ist, jemandem etwas Neues zu zeigen

Kapitel 13

Glück ist sich durchzusetzen

Kapitel 14

Glück tut manchmal weh

Kapitel 15

Glück bringt die Glücksfee

Kapitel 16

Glück ist eine unverhoffte Nachricht

Kapitel 17

Glück ist mit offenen Augen durch die Welt zu gehen

Kapitel 18

Glück ist Vorfreude

Kapitel 19

Glück hat vier Pfoten

Kapitel 20

Glück ist, etwas Verrücktes zu tun

Kapitel 21

Glück erkannt

Kapitel 22

Glück ist ein kleiner Kuss

Kapitel 23

Glück ist Frühstück mit Brioches

Kapitel 24

Glück ist ein Date

Kapitel 25

Glück ist die Freude eines Hundes

Kapitel 26

Glück ist ein Date?

Kapitel 27

Glück ist eine Freundin zum Reden

Kapitel 28

Glück ist ein schönes Geschenk

Kapitel 29

Glück ist Überraschungsbesuch?

Kapitel 30

Glück ist ein unerwartetes Kennenlernen

Kapitel 31

Glück ist eine Party

Kapitel 32

Glück ist die Wahrheit

Kapitel 33

Glück ist noch ein Kuss

Kapitel 34

Glück ist eine Entscheidung

Kapitel 35

Glück ist etwas Neues

Kapitel 36

Glück ist ein Plan B, der funktioniert

Kapitel 37

Glück muss man nur erkennen

Kapitel 38

Glück ist, jemandem ein Geschenk zu machen

Kapitel 39

Glück kann die Augen öffnen

Kapitel 40

Glück ist Liebe

Danksagung

Die Autorin Lia Haycraft

Weitere Liebesromane im Verlag

Meine italienische Familie

Zwei Mädchen. Zwei Jungen. Ein Auto. Eine Gitarre.

Ein Roadtrip, der alles verändert.

Impressum

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- oder Bildteile.

Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.

 

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Autoren- und Projektagentur Gerd F. Rumler (München).

 

Copyright © 2023 by Maximum Verlags GmbH

Hauptstraße 33

27299 Langwedel

www.maximum-verlag.de

 

1. Auflage 2023

 

Lektorat: Anita Wiebe

Korrektorat: Angelika Wiedmaier

Satz/Layout: Alin Mattfeldt

Umschlaggestaltung: Alin Mattfeldt

Umschlagmotiv: © lavendertime / Shutterstock, Ron Dale / Shutterstock

E-Book: Mirjam Hecht

 

Druck: Booksfactory

Made in Germany

ISBN: 978-3-948346-50-8

 

 

Widmung

Für alle, die etwas mehr Glück in ihrem Leben brauchen!

Kapitel 1

Glück ist Schokoladentorte am See

Blaue Novembertage wie heute fand Nele am schönsten. Sie passten hervorragend zu den Zetteln voller Glück in der alten sommerhimmelblauen Teekanne. Nele streckte sich wohlig, denn heute war ein neuer Tag und alles konnte passieren. Sie würde einen der Glückswünsche in der Kanne erfüllen. Mindestens.

Vorwitzige Sonnenstrahlen bahnten sich einen Weg durch den breiten Spalt zwischen ihren Gardinen, die sie offenbar nicht richtig zugezogen hatte. Was für ein Glück! Die beste Zeit, um aufzuwachen und einen Blick in die Zukunft des heutigen Tages zu werfen. Nele beugte sich hinüber zu dem Brett, das sie in Reichweite des Bettes angebracht hatte. Ein Bord für Bücher, kleine Erinnerungsstücke, Schätze aus aller Welt und natürlich für die Glückskanne.

Schon der Kannengriff fühlte sich heute verheißungsvoll an, als Nele ihn zu fassen bekam. Wie immer strich sie über die gestrickte Hülle der Kanne, wünschte ihr einen guten Morgen und hob erst dann den Deckel ab. Nele kniff die Augen zusammen und angelte nach einem Zettel. Ha! Dieser fühlte sich glücksrichtig an, samtig weiches Chinapapier und der Vibe passte auch. Sie warf ihn vor sich auf die Bettdecke und stellte die Kanne behutsam zurück auf das Bord.

Mit klopfendem Herzen faltete Nele das Papier auseinander, strich es mit den Händen glatt und las. Die Worte auf dem Zettel hatte sie selbst geschrieben, aber der Wunsch war nicht ihrer. Sie erinnerte sich vage daran, dass eine ältere Dame in der Fußgängerzone ihn ihr verraten hatte. An einem der vergangenen Sommertage. Nele ließ sich die Worte auf der Zunge zergehen. Glück ist … am See eine Schokoladentorte zu essen. Gut, es war keine riesige Aufgabe und mit Sicherheit half sie ihr nicht bei ihren momentanen Lebensfragen weiter. Dennoch war es ein schöner Wunsch. Selbst im Winter. Oder sogar gerade im Winter.

Um alles andere konnte sie sich später kümmern. Zuerst die Schokoladentorte. Welchen See sollte sie nehmen? Nele warf einen Blick auf die Deutschlandkarte, die an der Wand hing, dann auf die Pinnwand, an der sie eine Karte von Nordrhein-Westfalen gepinnt hatte. Und zuletzt auf die Stadtkarte von Köln.

Da sie heute auf jeden Fall noch einen neuen Job suchen musste, wäre es vermutlich am klügsten, einen See in der Nähe zu nehmen. Sie schlug die Bettdecke zurück und tapste barfuß über die kühlen Holzdielen zu der Stadtkarte von Köln. Darauf konnte man auch das Umland sehen und damit eine Reihe von Badeseen. Ein aufgeregtes Kribbeln erfasste Nele, als sie ihren Finger über die Seen gleiten ließ. Sie schloss die Augen und fuhr den gleichen Weg zurück. Es klingelte an der Tür, Nele blinzelte. Ihr Ziel war … der Fühlinger See! Eine gute Wahl.

Erneut klingelte es. Nele landete wieder im Hier und Jetzt. War der Besuch vielleicht sogar für sie? Sie öffnete ihre Zimmertür, trat in den Flur und blieb nach zwei Schritten stehen.

Katharina war mal wieder schneller, und das, obwohl sie mit ihren achtzig Jahren locker Neles Großmutter hätte sein können. Nele zuckte mit den Schultern und wollte sich umdrehen, um in ihr Zimmer zu verschwinden, da hörte sie die Männerstimme.

„Guten Morgen, Oma. Es hat ein bisschen gedauert, aber hier bin ich endlich. Neue Wohnung, neues Glück.“

Nele lauschte verzaubert. Sie hielt die Luft an und musste unbedingt sehen, wie der Mann aussah, der diese Stimme hatte. Eine Stimme, die sich geerdet anhörte wie Wurzeln in warmem Waldboden und gleichzeitig herzerwärmend wie Sonnenstrahlen und Vanilleeis.

„Ach, Ben! Das macht doch nichts, du warst schließlich mit deiner schlimmen Erkältung beschäftigt und ich bin dir dankbar, dass du uns nicht angesteckt hast. Umso schöner, dass du jetzt da bist.“ Katharina klang nicht nachtragend.

„Das Timing war nicht das Beste. Ich hätte dir wirklich gerne beim Umzug geholfen, Oma.“

„Ach was! Ich hatte genug helfende Hände. Komm endlich rein, oder wolltest du nur mal gucken, ob ich noch lebe?“

„Oma!“, sagte Ben empört.

Nele stand in ihrem Pyjama im Flur und wartete darauf, dass Ben hereinkam. Sinnvollerweise hätte sie sich erst mal anziehen können, es klang ja so, als würde er wenigstens kurz reinkommen, um die Wohnung zu sehen. Aber Nele bewegte sich keinen Millimeter, während sich Ben weiter entschuldigte.

„Ben, du kannst die Schuhe anlassen.“ Katharina lachte. „Wie ich dich kenne, hast du sie erst heute früh geputzt.“

„Aber doch nicht die Sohle.“ Endlich kam Ben herein, Katharina verdeckte seine Beine und die Hälfte seines Oberkörpers.

In einer Hand hielt Ben glänzende Lederschuhe, die er jetzt akkurat nebeneinander unter den Garderobenspiegel stellte. Als er sich wieder aufrichtete, sah Nele ihn zum ersten Mal richtig. Er gefiel ihr verdammt gut. Dieser Gedanke irritierte sie. Ben war nämlich auf den ersten Blick alles, was sie nicht war. Tadellos gekleidet, in Anzug und Hemd. Zwei verschiedene Grautöne und schwarz. Er hatte eine klassische Kurzhaarfrisur, eine Brille mit dunklem Rand und unter dem Arm klemmte eine Aktentasche aus Leder. Eine Tüte vom Bäcker knisterte in seiner Hand. Der Duft von frischen Brötchen breitete sich im Flur aus und Neles Magen knurrte zustimmend.

„Hast du schon gefrühstückt, Oma?“, fragte er und schien Nele überhaupt nicht zu bemerken. Leise huschte sie rückwärts zurück in ihr Zimmer, ließ die Tür einen Spalt geöffnet, damit sie Ben weiterhin sehen konnte. Nele kam sich vor wie eine Geheimagentin. Etwas umständlich zog Ben seine Jacke aus und hängte sie an den letzten freien Haken.

Katharina schloss mit einem Klick die Wohnungstür und führte Ben in die Küche. Bens Anzug war gut geschnitten, das Jackett von der Aktentasche nach hinten geschoben und sie wurde das Gefühl nicht los, dass sein Hemd einen wunderbar straffen Bauch verbarg. Sie kicherte über ihren Gedanken.

Leise schloss Nele ihre Zimmertür und sah sich gehetzt um. Alles in ihr kribbelte vor Aufregung, ihr Herz klopfte viel schneller als sonst, wie vor einem Bungee-Sprung. Und doch anders. In wahnwitzigem Tempo zog Nele sich an, steckte sich einen Zahnpflegegummi in den Mund, den sie auf ihrem Fensterbrett fand und riss ihre Tür wieder auf. Sie mahnte sich zur Ruhe, schlich auf Zehenspitzen zur Küche und nahm das Bild in sich auf. Katharina und Ben saßen am Küchentisch, zwischen ihnen ein Körbchen mit Körnerbrötchen, Weizenbrötchen und ein Teller mit Käse und Wurstaufschnitt. Gläser mit Marmelade und Honig, ein Schälchen Butter, zwei Tassen mit dampfender dunkler Flüssigkeit.

„Kaffee“, sprach Nele ihren nächsten Gedanken laut aus und hätte sich am liebsten die Hand vor den Mund gelegt. Geniales erstes Wort für die Begegnung mit Katharinas Enkel. Was hatte sie neulich gelesen? Man bildete sich die Meinung über eine fremde Person in den ersten sieben Sekunden?

„Guten Morgen, Nele.“ Katharina lächelte.

„Guten Morgen“, sagte Nele nur. Wie lächerlich, als hätte sie noch nie einen fremden, gut aussehenden Mann gesehen. Andererseits kannte sie es schon, dass bestimmte Menschen sie aus dem Konzept brachten. Wobei, was für ein Konzept?

„Hallo“, sagte Ben. „Also, Guten Morgen. Ich bin Benedikt.“ Er stand auf.

„Nele.“ Sie drückte seine ausgestreckte Hand. Sie war warm und klebrig. „Honig?“, fragte sie mit Blick auf die angebissene Brötchenhälfte auf seinem Teller.

„Oh, Entschuldigung. Ja.“ Seine Wangen färbten sich rot und in Neles Bauch kitzelte es.

Schnell wusch sich Nele die Finger an der Spüle und tänzelte zur Kaffeemaschine. Jetzt einen Milchkaffee mit einem Berg Sahne, Zimt und Vanille, um ihre aufgeregten Nerven zu beruhigen. Es war lange her, dass ein Mann ihr auf Anhieb dermaßen gut gefallen hatte. Die Schmetterlinge im Bauch verunsicherten sie und gefielen ihr gleichzeitig.

„Setz dich doch zu uns“, sagte Katharina. „Wir haben genug für drei. Oder, Ben?“

Nele hörte seine Antwort nicht, daher hatte er entweder genickt oder den Kopf geschüttelt. Falls er dagegen war, konnte sie leider keine Rücksicht darauf nehmen, denn sie wollte unbedingt mit den beiden frühstücken. Sie stäubte Zimt-Vanille-Gewürz über ihr Getränk, nahm sich einen Teller und ein Messer und setzte sich ans Tischende, zwischen Ben und Katharina.

Bens Blick senkte sich auf sein Brötchen. Er musterte es derart überkonzentriert, als wäre es ein Wunder der Natur. Bens Profil gefiel Nele, die gerade Nase vor allem. Er war glattrasiert. Wie sah er wohl mit einem Dreitagebart aus? Sie riss sich von dem Anblick los. Katharina zwinkerte Nele zu und hielt ihr den Brötchenkorb entgegen. Es war schon eine Weile her, seitdem Nele Brötchen gegessen hatte.

Sie sah zwischen Käse, Wurst und Honig hin und her und zählte leise.

„Wie bitte?“, fragte Ben.

„Stör sie nicht“, sagte Katharina.

Nele seufzte und begann von Neuem, dann griff sie nach dem Honigglas.

„Wobei?“, fragte Ben im Flüsterton, dieses Mal an Katharina gerichtet. Dabei saß Nele doch direkt neben ihm.

„Beim Abzählreim, um den Belag auszusuchen.“ Katharina lächelte.

Nele biss in ihr Honigbrötchen und musterte Ben erneut. Er hatte nicht viel von seiner Großmutter, nicht mal die klugen Augen. Vielmehr erinnerte Bens Gesicht sie an den Barkeeper aus ihrem Lieblingskonsolenspiel „Beyond Good and Evil“, das sie mal wegen eines Wunschzettels hatte zu Ende spielen müssen und absolut geliebt hatte. Der Barkeeper war natürlich etwas pixeliger, aber das kantige Kinn und den verschlossenen Ausdruck hatte Ben auch. Benedikt hatte er gesagt. Ob er so genannt werden wollte? Sie würde jedenfalls bei Ben bleiben. Benedikt klang zu streng. Das mochte er auf den ersten Blick zwar sein, aber darunter glaubte Nele etwas anderes zu erkennen. Was genau es war, konnte Nele noch nicht sagen, aber es ließ sie lächeln.

Der Honig war neu. Nele schielte auf das Etikett des merkwürdig kleinen Glases. Ja, das war es!

„Klasse Honig.“ Nele kaute und leckte sich über die Lippen. „Zitronengras, worauf die Leute kommen!“

„Ja, nicht?“, sagte Ben. Aus der Nähe klang seine Stimme noch wärmer und passte perfekt zu ihm. Überhaupt sah er perfekt aus. Wie viele andere auf dem Weg zur Arbeit.

„Wie er wohl privat aussieht?“, überlegte Nele.

„Äh“, machte Ben und Nele wunderte sich kurz, was er meinte, aber Katharina gluckste vergnügt. „Der Honig?“, fragte Ben. „Privat? Wie meinst du das?“ Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen und Nele prustete los.

„Nein, nicht der Honig. Ich meinte dich, ich wollte das aber eigentlich nicht laut sagen. Du gehst gleich arbeiten und bist so geschäftsmäßig angezogen“, erklärte sie gut gelaunt.

Ben sah sie so irritiert an, als hätte sie gerade nach der Anzahl einzelner Socken in seinem Kleiderschrank gefragt.

„Glaub mir, Nele, Ben sieht immer so aus. Ich glaube, er besitzt nur graue Kleidung und er trägt auch am Wochenende diese Aktentasche mit sich herum. Nichts für ungut, Ben. Ich hab dich lieb.“ Katharina lächelte und tätschelte seine Hand. Durch die Berührung schwappte sein Kaffee gefährlich, blieb aber in der Tasse.

„Danke“, murmelte er und Nele beobachtete fasziniert, wie sich seine Wangen gleichmäßig rosa färbten. Er war beinahe richtig schön, wenn ihm etwas peinlich war.

„Wie geht es Silvia?“, fragte Katharina und Ben erstarrte. Zwar nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber Nele hatte es bemerkt. Jetzt hob er die Tasse in Zeitlupe zum Mund und es sah aus, als täte er es absichtlich besonders langsam. Wer war denn diese Silvia? Seine Freundin? Und warum brachte ihre Erwähnung ihn so aus dem Tritt?

Endlich hatte er fertig getrunken und stellte die Tasse bedächtig auf den Tisch zurück. Er räusperte sich und sein Blick huschte kurz zu Nele.

„Das ist vorbei.“ Bens Stimme klang so traurig, dass Nele am liebsten aufgestanden wäre, um die Arme um seine Schultern zu schlingen. Nur würde er das garantiert nicht wollen. Und selbst für sie war das zu früh.

„Oh“, sagte Katharina. „Warum …“

Den Rest der Frage behielt sie für sich, weil Ben stumm den Kopf schüttelte.

„Bestimmt vertragt ihr euch bald wieder“, versuchte seine Großmutter es erneut.

„Selbst wenn … sie heiratet demnächst. Ralf.“

„Oh.“ Darauf fiel anscheinend nicht mal Katharina eine Antwort ein.

„Verstehe ich nicht“, sagte Nele und schüttelte auch gleich über sich selbst den Kopf. Warum mischte sie sich hier ein? Es war klar, dass Ben nicht darüber sprechen wollte. Und sie kannte weder ihn noch diese Silvia und hatte keine Ahnung, was passiert war. „Ich meine … du bist total nett.“ Ziemlich lahm, fiel Nele auf, aber mehr Argumente hatte sie nicht. Am besten sie wechselten das Thema.

„Nur grau?“, fragte sie stattdessen. „Deine Klamotten, meine ich. Magst du keine anderen Farben? Oder nur bei Socken?“

Dieses Mal reagierte Ben auf ihre Frage genauso verwirrt wie eben, aber nur kurz. Er starrte sie stirnrunzelnd an, doch dann huschte ein winziges Lächeln über seine Züge. Sah so aus, als würde er die Rettungsleine annehmen.

„Nein“, sagte er. „Keine bunten Socken. Grau ist schön. Passt immer.“

Nele versuchte, sich seine Wohnung vorzustellen, und sah ihn, wie er auf einem grauen Sofa saß und sich einen Schwarz-Weiß-Film im Fernsehen ansah.

„Ich habe auch weiße und schwarze Sachen“, warf Ben passenderweise ein.

„Und das ist absolut in Ordnung“, sagte Katharina und tätschelte ihm die Hand. Dieses Mal ließ Ben vorher seine Kaffeetasse los. Er griff nach seinem Brötchen und biss ein großes Stück ab. Sein Blick glitt zum Fenster, er kaute langsamer und schluckte. In Zeitlupe schwebte seine Hand mit dem Brötchen auf den Teller hinunter. Garantiert dachte er wieder an seine Ex Silvia. Nele wollte ihn unbedingt weiter ablenken.

„Und deine Wohnung? Hast du graue, weiße und schwarze Möbel?“

„Schwarz“, sagte Ben, obwohl er in Gedanken woanders schien. Nicht verwunderlich. Es gab sicherlich spannendere Themen, aber weil Nele nichts über ihn wusste, fiel ihr so schnell nichts ein. Vieles war nach einer Trennung einfach gefährlich. Alles konnte einen an die verlorene Liebe erinnern.

Katharina war leider keine große Hilfe. Offenbar in Gedanken versunken, rührte sie in ihrer Kaffeetasse.

Nele brauchte ein unverfängliches Thema. Sie grübelte angestrengt nach. „Okay“, sagte sie, damit er sie endlich wieder ansah. „Welche Eissorten isst du am liebsten?“

„Was? Walnuss.“

„Wow, du kannst dich auf eine Sorte festlegen?“, fragte Nele.

„Das kann er gut“, erklärte Katharina. „Sich festlegen. Ben, du wusstest schon als kleiner Junge ganz genau, was du wolltest. Das hat sich bis heute nicht geändert und dein bisheriger Lebensweg war absolut konsequent. Eigentlich ein Wunder …“ Sie brach ab und sah schuldbewusst aus. Nele lag schon eine weitere Frage dazu auf der Zunge, aber Ben schluckte angestrengt, also biss sie lieber in ihr Brötchen, damit ihr Mund beschäftigt war. Besser sie erzählte etwas, um ihn abzulenken.

„Ich gehe heute Sachertorte essen, am Fühlinger See“, sagte sie also.

„Ah, ein schöner Wunsch.“ Katharina nickte. „Könnte von mir sein.“

„Ich freue mich auch. Endlich mal was Leichtes“, meinte Nele.

„Gehst du nicht arbeiten?“, fragte Ben. „Oh, Entschuldigung, das geht mich natürlich nichts an.“

„Wieso? Frag ruhig.“ Nele war erleichtert, dass er sich mehr am Gespräch beteiligte. „Allerdings ist die Antwort etwas kompliziert. Ich muss mir erst einen Job suchen, der jetzige reicht nicht ganz.“

„Finanziell?“, fragte Ben.

„Ich werde nicht wöchentlich gebucht, außerdem liebe ich die Abwechslung.“

„Gebucht?“ Bens Wangen färbten sich leicht rosa.

„Als Fitting Model. Meistens für Dessous und Nachtwäsche. Die Designer müssen sehen, wie ihre Kreationen an echten Menschen aussehen, nicht an steifen Schaufensterpuppen. Ich bin also eine lebendige Ankleidepuppe, die sie nach Belieben an- und ausziehen können.“

Ben verschluckte sich an seinem Kaffee und hustete.

Süß. Nele überlegte, ob Ben sich wohl gerade vorstellte, wie sie in Unterwäsche aussah.

„Das ist ein toller Job“, warf Katharina ein. „Nele ist sehr vielseitig, weißt du?“

„Was arbeitest du denn?“, fragte Nele. „Ben?“

„Ich bin Leiter der Wertpapierberatung der Bremer Bank in der Nähe des Hauptbahnhofs.“

„Okay.“ Dazu fiel Nele einfach nicht mehr ein. In einer Bank zu arbeiten war so ungefähr das Langweiligste, was sie sich vorstellen konnte. Vielleicht war das etwas, was er ändern konnte, um wieder glücklich zu werden. Ein neuer Job wirkte ja oft Wunder.

„Seit über fünf Jahren“, ergänzte Katharina. „Und immer noch die gleiche Bank.“

„Wow, echt? Das heißt … hast du sogar deine Ausbildung da gemacht? Wolltest du nie etwas anderes ausprobieren?“ Nele staunte. Sie kannte nicht viele Leute, die so lange einem Job treu waren. Obwohl, wenn man das Studium als Job ansah, dann war Karsten das auch. Er studierte ja mindestens schon seit zehn Jahren, hatte aber zwischenzeitlich zweimal die Studienrichtung gewechselt. Und seine Jobs, um sich finanziell über Wasser zu halten, genauso.

„Bingo. Ich mag es, wenn die Dinge gleich bleiben. Mein Arbeitsweg ist jeden Tag derselbe, ich habe die gleichen Arbeitszeiten und esse morgens gerne auf mein erstes Brötchen Gouda und auf mein zweites Brötchen Honig. Zufrieden? Reicht das mit Kennenlernen?“ Ben starrte Nele an, während sie nicht wusste, womit sie diesen Wutausbruch verdient hatte. Seine Stimme war nicht viel lauter geworden, aber da lag ein drohender Unterton in seinen Worten. Oder bildete sie sich das ein?

„Okay“, sagte sie gedehnt. „Klingt toll.“

„Genau.“ Ben setzte seine Tasse an die Lippen und nahm einen Schluck Kaffee. „Leer“, bemerkte er, stellte die Tasse scheppernd auf den Tisch und stand auf. „Ich muss los. Die Arbeit wartet.“

„Ach, Ben, sei nicht so. Nele meint es doch nur gut!“ Katharina stemmte sich vom Tisch hoch. „Ich bringe dich zur Tür.“

„Musst du echt schon los?“, fragte Nele und überlegte, ob sie Ben beleidigt hatte. Aber womit? Sie stand ebenfalls auf, weil sie es unhöflich fand, als Einzige zu sitzen. Andererseits … war es ja eher unhöflich von Ben, mitten im Frühstück und im Gespräch aufzustehen. Na ja, wenn er arbeiten musste … Oder ergriff er gerade die Flucht? Hatte ihre Frage ihn derart verärgert? Sie wollte ja überhaupt nicht über ihn urteilen und fand es auch nicht dramatisch, dass er gerne immer alles gleich hatte. Für Nele unvorstellbar, aber das war ja jedem selbst überlassen. Jedem Tierchen sein Pläsierchen, wie Katharina oft sagte.

Was für ein Tier wäre Ben wohl? Vielleicht … ein Elefant? Die waren grau und gemächlich. Nein, irgendwas Grazileres, Sportliches.

„War schön, dich kennenzulernen“, rief Nele ihm hinterher.

Katharina redete leise mit ihm im Flur, die Küchentür hatte sie aber nicht ganz geschlossen. Ben schnaubte und zog sich die Schuhe wieder an, es klang, als spränge er förmlich hinein und riss die Jacke vom Haken. Die Tür quietschte leise, als er sie öffnete und aus dem Hausflur drangen Kinderstimmen herein. Die Tür klappte zu und Katharina kehrte in die Küche zurück.

„Wir essen aber noch gemütlich zu Ende. Das kann man mit Ben manchmal nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich kriege es auch nicht hin, mich vernünftig mit ihm zu unterhalten. Er ist unglaublich empfindlich und ich kann diese Sticheleien einfach nicht abschütteln.“

„Welche Sticheleien?“, fragte Nele. „Bestimmt ist er gestresst. Wenn er so viel arbeitet, meine ich.“ Vermutlich war er wegen Silvia so gereizt. Katharina war sich dessen sicherlich auch bewusst, aber aus irgendeinem Grund kam es Nele falsch vor, jetzt direkt darüber zu sprechen. Zuerst sollte sie mit Ben reden … wobei … würde sie ihn überhaupt wiedersehen? Und selbst wenn, es stand ihr eher nicht zu, ihn nach seinem Liebesleben auszuhorchen. Nele nahm einen großen Schluck Kaffee und beobachtete Katharina, wie sie sich Camembertscheiben auf ihr Brötchen legte.

Nele dachte kurz nach. „Er sollte sich zwischendurch mal entspannen. Farben haben doch auch eine seelische Wirkung. Vielleicht würde ihn eine bunte Lampe oder ein schönes Kissen aufheitern? Gelb oder blau, das belebt oder entspannt.“

„Du solltest wieder in diesem Einrichtungsgeschäft arbeiten, bei der Frau mit den Korkenzieherlocken, von der du mir erzählt hast. Ich glaube, das passt zu dir. Willst du da nicht noch mal fragen, ob sie etwas frei haben?“

„Ach, ich weiß nicht“, antwortete Nele. „Ich muss gucken, wohin der Wind mich weht. Das wird schon das Richtige sein.“

Kapitel 2

Glück ist, was wir kennen

Auf dem Weg zur U-Bahnstation zählte Ben die Fahrräder, die ihm begegneten. Danach ging er das Alphabet durch und zu jedem Buchstaben überlegte er sich einen Namen. Natürlich fiel ihm bei N sofort Nele ein und er hörte wieder auf. Verdammt! Wie sie ihn vorhin angesehen hatte, als seine Großmutter ausgerechnet die langweiligsten Dinge über ihn ausplaudern musste. Er bestand schließlich nicht nur aus Grau und Eintönigkeit! Ben trat gegen einen leeren Kaffeebecher auf dem Weg.

Wieso brachte ihn Neles Reaktion eigentlich so dermaßen aus der Fassung? Was interessierte es ihn, wie sie ihn fand? Warum fühlte er sich so angegriffen? Damit konnte Silvia jetzt nichts zu tun haben, oder? Vielleicht führten ihm die Worte seiner Großmutter vor Augen, wie uninteressant er vermutlich aus Silvias Sicht gewesen war. Wenn er allerdings langweilig war, war das Silvia definitiv auch! Sie hatte genau wie er noch immer den gleichen Job, den sie nach ihrem Studium ergriffen hatte. In einem geradlinigen Architekturbüro – von außen gesehen – entwarf sie genauso geradlinige Bürogebäude. Sie hatte einen ähnlich durchgetakteten Wochenplan gehabt wie er. Montag Tennis, Mittwoch Fitnessstudio, Freitag Zeit zu zweit: Essengehen, Kino, Theater.

Ben seufzte. Ob sie das alles jetzt mit Ralf genauso machte? Er konnte sich kaum an Ralf erinnern, den sie ihm vor Monaten vorgestellt hatte. Ein Kollege aus dem Architekturbüro. Ben sah nur dessen leicht gebräuntes Gesicht mit den dunklen zurück gegelten Haaren vor sich und den naserümpfenden Blick, als er Bens Freizeitkleidung gemustert hatte. Ralf war eher der Typ dunkelblaues Polohemd mit hellbeigen Chinohosen und Segelschuhen.

Ben versuchte das Bild von Silvia und Ralf beim gemeinsamen Grillen zu verdrängen. Da erinnerte er sich lieber an seine Begegnung von heute Morgen. Immerhin war sie Silvia kein Stück ähnlich. Vermutlich ähnelte Nele niemandem, den Ben kannte. Auf den ersten Blick flippig und bunt, chaotisch und lebenslustig. Seltsamerweise gefiel Ben das im gleichen Maß, wie es ihm unheimlich war. Ob ein Leben so voller Farben glücklicher machte? Wobei: er mochte sein Leben weitgehend so, wie es war. Die Ruhe, die Ordnung, all das beruhigte ihn und so fühlte er sich wohl. Die aufgezwungenen wilden Tage, die Kindheit in WGs und Wohnwagenparks mit Flickenzelten lagen weit hinter ihm.

Mittlerweile lagen sie sogar hinter seiner Mutter, die seit Neustem einen Opel fuhr und Jeans mit Pullover anzog.

Ob es daran lag, dass sie fünfzig geworden war? Sie fand, dass sie jetzt angekommen sein und vernünftiger leben sollte. Ben traute der Sache nicht. Neulich hatte sie so komische Andeutungen am Telefon gemacht, wollte aber nicht richtig damit herausrücken. Irgendetwas stimmte nicht. Ursprünglich hatte Ben eben mit Katharina darüber reden wollen. Sie war schließlich die Mutter seiner Mutter und kannte sie besser.

Da war er zum ersten Mal in Katharinas neue WG gekommen und gleich dieser verrückten Nele über den Weg gelaufen. In einem knielangen T-Shirt, dessen Pink, Knallrot und Violett Bens Augen tränen ließen. Und dazu eine wild geringelte Leggins. Fast verrückter als das, was seine Mutter früher immer getragen hatte. Ihre verwuschelten Haare hatten auch gezeigt, dass sie gerade erst aufgestanden war. Ben schluckte und lockerte seinen Hemdkragen etwas. Mit Sicherheit hätte er sich entschuldigen sollen, dass er so früh gekommen war und Nele gestört hatte. Stattdessen hatte er so getan, als hätte er sie im Flur nicht bemerkt. Schließlich hatte sie da nur ein extrem kurzes Schlafshirt getragen, schwarz mit weißer Spitze am Ausschnitt.

Andererseits hatte er ja nur seine Großmutter besuchen wollen. Wie er es ihr schon seit Wochen versprochen hatte. Da war sie auf ihre alten Tage in diese Mehr-Generationen-WG gezogen, zu ihrem langjährigen Lebenspartner Johannes. Ben schüttelte den Kopf. Jeder schien heutzutage sein Leben umzukrempeln. Dabei waren sie bis jetzt mit ihrer Wochenendbeziehung gut gefahren. Sie stritten selten, obwohl sie schon viele Jahre zusammen waren.

Völlig in Gedanken trat Ben plötzlich ins Leere.

„Hoppla“, sagte jemand und ergriff seinen Arm. „Mal langsam mit den jungen Pferden.“ Der Mann lachte, zwinkerte ihm zu und ließ seinen Arm los, sobald Ben sich gefangen hatte.

„Danke“, murmelte Ben, aber der andere war schon weitergegangen. Auf die Schnelle hatte Ben nur gesehen, dass er eine Lederweste und einen langen Pferdeschwanz getragen hatte. Ein toller Tag, bunt bis jetzt. Erst eine Verrückte im Negligé, die unverhofft mit ihm und Katharina gefrühstückt hatte, und dann rettete ihm auch noch ein Rocker den Hals. All das ließ Ben grinsen, weil er sich auf einmal seltsam lebendig fühlte.

Er umklammerte den Griff seiner Aktentasche fester und stieg langsam Stufe für Stufe nach unten zu seinem Gleis. In der U-Bahn bekam Ben sogar einen Sitzplatz. Wie immer fischte er erst jetzt seine Krawatte aus der Tasche und zog sie sich über den Kopf. Den Knoten konnte er blind. Die letzten drei Stationen hatte er Zeit, durch die Nachrichtenseite auf seinem Handy zu scrollen. Aus Gewohnheit überprüfte er die Börsenkurse, las die Wettervorhersage und zum Schluss die Tagesnachrichten. Die blecherne Frauenstimme sagte seine Haltestelle an und Ben stand auf, um sich in die Schlange vor der Tür zu stellen.

Der restliche Weg zur Bank verlief ereignislos und Ben atmete tief den vertrauten Geruch nach Ruhe, Staub und meliertem Kurzflorteppich ein, als er durch die Drehtür in das Gebäude trat, wo er schon seit elf Jahren arbeitete, die Ausbildung mit eingerechnet. Er konnte stolz darauf sein, dass er seinen Job nach wie vor mochte. Zahlen gefielen ihm, sie waren etwas, worauf man sich verlassen konnte. Ben nahm die Treppe. Hier und auf der zweiten Etage, wo sein Büro lag, kam ihm kurz alles grau vor, aber das war natürlich gut so! Diese verrückten Farben von Nele hatten ihn völlig durcheinandergebracht.

„Guten Morgen, Herr Zufall“, sagte Ingrid, als er an ihrer offenen Zimmertür vorbeikam.

„Guten Morgen, Frau Sommer“, antwortete Ben und ging schnell weiter. Ingrid Sommer würde sonst ohne Unterlass plappern und er hatte seinen Bedarf an merkwürdigen Gesprächen heute schon mehr als gedeckt.

Kapitel 3

Glück ist ein neuer Job

Den Geschmack der Sachertorte noch auf der Zunge, schlenderte Nele durch eine der schmaleren Einkaufsstraßen mit kleinen Geschäften. In den Auslagen lagen gebrauchte Bücher, bestickte Kissen und Messingkannen, bunte Gläser. Sie betrachtete jedes Fenster, suchte aber nicht danach, was sie kaufen könnte, sondern nach einem Aushang, auf dem eine Aushilfe oder sonstige Arbeitskraft gesucht wurden. In einem kleinen Café fand Nele schließlich etwas Passendes.

Beherzt drückte sie die Tür auf und betrat den gemütlich beleuchteten Raum. Um runde Holztische saßen schwatzende Menschen, Zeitungen knisterten, Löffel klapperten in Kaffeetassen und Leute klickten mit ihren Gabeln auf Teller. Es duftete nach Marzipan, karamellisierten Äpfeln und Schokolade. Nele schloss kurz die Augen und sog die Atmosphäre in sich auf. Ja. Hier war sie richtig.

Hier kam ihr Lächeln ganz von alleine. Sie trat näher an den Verkaufstresen heran, wo hinter Glas kunstvoll gestaltete Torten standen. Beinahe hätte Nele ein Stück Zimtapfel-Schmandtorte bestellt, weil alles so lecker aussah, obwohl sie immer noch satt war von der Sachertorte. Doch dann besann sie sich endlich auf den Grund, aus dem sie hier war.

„Hi“, sagte sie zu der jungen schwarzhaarigen Frau im Pünktchenkleid hinter der Theke. „Sucht ihr noch jemanden für den Verkauf?“

„Hmm, ja. Meinst du, du bist die Richtige für uns?“ Sie beugte sich etwas näher an die Kasse und musterte Nele von den Schnürstiefeln mit Blumenprint über die enge Batikhose und den übergroßen Strickpullover bis hin zum Filzmantel und ihrem Lieblingsschal. Die Schwarzhaarige nickte. „Vanille oder Schokolade?“, fragte sie.

Nele lachte. „Beides!“

„Passt, glaube ich. Ich bin Karola. Und du?“

„Nele.“ Sie reichte der anderen Frau die Hand. „Geht das einfach so?“ So unkompliziert hatte Nele noch nie einen Job gefunden. Heute war ein richtiger Glückstag.

„Klar. Da ich hier die Chefin bin und nicht viel von Zeugnissen halte, gucke ich mir lieber an, wie du mit den Kunden umgehst. Wir machen eine Probezeit. Nur die üblichen Gesundheitszeugnisse bräuchte ich. Hast du schon mal in der Gastronomie gearbeitet?“

Nele nickte. „Ja, das müsste ich sogar in den Mails haben. Kann ich es dir schicken?“

„Klar, komm, wir gehen kurz nach hinten.“

Nele folgte Karola in ein weiteres Zimmer, das aussah wie Küche, Lagerraum und gemütlicher Pausenraum in einem. Wohnlich aber auch wahnsinnig ordentlich und ganz im Stil von Karola. Viele Punkte und alles in den Farben Rot, Hellblau und Weiß gehalten. Die Regale hatten weiße Verzierungen, alle Kartons, Dosen und Behälter waren gepunktet oder gestreift. Unter dem Fenster stand ein Tisch mit drei Stühlen. Auch die Backöfen und die Arbeitsplatte waren im Vintagestil gehalten. Überall wimmelte es vor Pastellfarben.

„Total hübsch hier!“

„Danke.“ Karola lächelte.

Auf ihrem Handy fand Nele die Nachricht an einen ihrer früheren Arbeitgeber, in der sie die Erstbelehrung vom Gesundheitsamt angehängt hatte. Sie zeigte Karola das Dokument.

Sie nickte und nannte Nele ihre E-Mail-Adresse, damit sie es auch schriftlich hatte. „Komm, wir suchen dir eine Schürze aus.“

Karola steuerte auf einen Wandschrank zu und holte daraus zwei gerüschte Schürzen. Eine pastellblaue und eine rote. „Ich glaube heute wäre die hier besser“, fand Karola, nachdem sie beide an Neles Pulli gehalten hatte, und reichte ihr die hellblaue.

„Fein“, sagte Nele und band sich die Schürze um. „Womit darf ich anfangen?“

Karola lachte. „Haare hochbinden und dann kannst du Diego helfen. Er hat gerade Pause gemacht. Er wird dir sagen, wie ihr die Tische aufteilt.“

Nele sah sich nach einem Mann um, der Diego heißen könnte. Aber die Küche war verwaist und auch im Gastraum hatte niemand bedient. Da klingelte es hinter ihr, als jemand die Küchentür aufstieß und hereinpolterte. Nele wirbelte herum und stand einem athletisch gebauten Mann gegenüber. Rabenschwarze Haare, zwei Piercings in der linken Augenbraue, und von oben bis unten in engen schwarzen Klamotten. Ihm hatte Karola offenbar auch eine Schürze gegeben. Gänzlich ohne Rüschen oder Punkte, dafür knallrot und mit der Aufschrift Baking is Love.

„Hi!“ Nele nickte Diego zu, doch er starrte sie nur einen Moment an, irgendwie sogar eher über ihren Kopf hinweg, bevor er sich an Karola wandte.

„Nele, unsere neue Bedienung.“ Karola drehte sich zu Nele. „Wie viele Stunden möchtest du arbeiten?“, fragte Karola.

„Wenn ihr wollt, kann ich jeden Tag kommen.“ Nele versuchte, sich nicht von Diego verunsichern zu lassen. Der gesprächigste Typ war er offenbar nicht.

„Prima. Fünf Stunden täglich?“, fragte Karola.

„Klingt toll.“ Nele freute sich. Karola war wirklich unkompliziert. Sie würden sich bestimmt gut verstehen. Ihr Blick huschte zu Diego, bei ihm war sie sich nicht sicher. Er hatte eine düstere Ausstrahlung. Dazu ein Lächeln, das einerseits nett und im gleichen Moment irgendwie bedrohlich wirkte. Interessant auf jeden Fall. Da er aber in einem Café arbeitete, umgeben von tausend köstlichen Gerüchen, musste er ein netter Mann sein. Nele lächelte über ihre merkwürdigen Gedankengänge.

„Gut. Dann machen wir das so. Ab drei? Bis um acht. Um sieben schließen wir.“

„So spät essen die Leute Kuchen?“, wunderte sich Nele.

„Wir haben auch Törtchen, Muffins und Kekse.“ Karola zwinkerte ihr zu. „Manchmal Crumbles und süße Aufläufe, die man auch als Abendmahlzeit essen kann. Tatsächlich kommen die Leute oft auf ein Dessert zu uns. Oder auf einen Espresso nach dem Essen. Diego macht den besten Kaffee in der Stadt. Vielleicht sogar weltweit.“ Die letzten Worte flüsterte Karola Nele zu.

Diego schwieg eisern und schob sich eine Gabel voll Obstkuchen in den Mund. Sah aus wie Aprikose und Nele wunderte sich, wo der Teller auf einmal herkam.

„Bei der Weihnachtsdeko kannst du mir auch helfen, wenn nachher nicht mehr so viele Leute da sind. Oder eben sobald die Tür verriegelt ist.“

„Lebkuchen“, nuschelte Diego und leckte die Gabel ab.

„Stimmt, den müssen wir langsam ansetzen. Bald ist ja schon Dezember. Die Leute kommen allmählich in Stimmung. Ich bin es schon lange. Ich liebe Weihnachten einfach. Du auch?“

Nele nickte. Sie liebte alles, was bunt war, glitzerte und das Leben gemütlich und fröhlich machte.

„Gut. Diego, teilt ihr die Tische auf?“

Diego grunzte, murmelte etwas von gleich und räumte seinen Teller in eine überdimensionale Spülmaschine. Nele stand mitten in der Küche und beobachtete Diego, weil sie darauf wartete, dass er endlich etwas zu ihr sagte oder sie ihre Aufgaben bekam. Wortlos reichte er ihr einen kleinen Block und einen Stift und deutete auf ihre Schürzentasche, wo sie wohl beides verstauen sollte. Aus seiner Hosentasche holte er einen vieleckigen Würfel und ließ ihn über den Holztisch rollen, zwischen den gemusterten Keksdosen hindurch. Nele beobachtete die Spur des Würfels gebannt. Wollte Diego etwa per Zufall die Tische aufteilen? Sofort war er ihr ein großes Stück sympathischer. Der Würfel blieb mit der Fünf oben liegen.

„Fünf“, informierte er Nele und deutete mit dem Kopf auf ihre Schürzentasche. Sie nickte begeistert. „Ich liebe Würfel! Nutze sie auch sehr oft.“ Weil Diego sie mit einem beinahe strengen Blick bedachte, holte Nele schnell den Stift und Block wieder raus und notierte sich die Zahl. „Außerdem sieben, zwei, elf“, entschied er. „Links.“ Diego deutete auf einen Plan an der Wand, auf den jemand fein säuberlich mehrere Kreise gemalt hatte, die alle eine Nummer hatten. Er fuhr mit dem Finger über die Zeichnung. „Bis hier. Okay?“

Nele suchte die Nummern, die er genannt hatte, auf dem Wandplan, und fand sie tatsächlich auf den Tischen an der linken Seite des Gastraums. Sich mit Diego zu unterhalten war ein bisschen wie Scharade. Fehlten nur die Bewegungen. Nele weigerte sich allerdings, sich darüber zu ärgern. „Okay. Einfach hingehen und fragen, was sie möchten?“

Diego nickte. „Und beobachten.“

„Ob jemand zahlen möchte?“

„Zahlen oder bestellen. Oder Nachschub.“

„Okay.“ Nele nickte und kam sich blöd vor. Ganze Sätze wären mal etwas Tolles. Ob Diego keine Kollegin wollte? Oder er sprach nie sonderlich ausführlich, wer wusste das schon.

Das Gespräch war auf alle Fälle jetzt beendet. Ihr neuer Kollege schob sich an ihr vorbei und postierte sich dann am Verkaufstresen. Nele folgte ihm und entdeckte einen Stapel Tabletts auf einem Teewagen neben der Küchentür. Nele sah sich im Café selbst um. Auf jedem Tisch stand eine kleine Tafel, auf der jemand die aktuellen Kuchensorten und Kaffeespezialitäten notiert hatte. Die meisten Besucher waren bereits mit Kuchen und Getränken versorgt, aber in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine ältere Dame kam herein, gefolgt von zwei weiteren. Sie steuerten sofort einen der Fenstertische an. Linke Seite, einer ihrer Tische also. Nele atmete tief durch, beobachtete die drei Damen und versuchte, den Moment abzupassen, in dem sie sich bequem hingesetzt und einen ausreichenden Blick auf die Tafel geworfen hatten. Erst dann ging sie an ihren Tisch.

„Guten Tag“, sagte Nele freundlich. „Wissen Sie schon, was Sie möchten?“

„Oh, eine neue Bedienung? Wie schön. Also Käthe nimmt wie immer den Topfenstrudel, ich nehme Schokoladen-Marzipantorte mit Schwips und du, Margarethe?“

„Käsekuchen, bitte. Dazu drei Tassen Cappuccino.“

Nele fischte ihren kleinen Block aus der Schürzentasche und notierte sich die Wünsche. Mit schnellen Strichen zeichnete sie die Gesichter der Bestellenden dazu. Sie hoffte inständig, dass sie nichts durcheinandergebracht hatte. Das nächste Mal sollte sie mit gezücktem Block zu den Gästen gehen und sich nicht von violett gefärbten weißen Löckchen ablenken lassen. Nele eilte mit ihren Notizen zu Karola an den Tresen, die gerade den dritten Cappuccino auf ein Tablett stellte. „Den bestellen sie immer. Welche Kuchensorten?“

„Käse, Schoko-Marzipan mit Schwips und Topfen“, las Nele von ihrem Block ab.

Fachmännisch schnitt Karola mit einem großen Messer Stücke von den genannten Kuchen ab. Sie dekorierte sie mit je einem Zitronenmelisseblättchen, den Topfenstrudel außerdem mit Puderzucker und Vanillesoße und stellte die drei Teller ebenfalls auf das Tablett.

„Besteck und Servietten findest du da vorne“, sagte Karola und deutete auf ein kleines Regal an der Seite des Gastraums. Nele nickte und brachte das volle Tablett zu den drei Damen. Sie stellte die Kaffeetassen vor die Gäste und balancierte das Tablett mit einer Ecke auf der Tischplatte, während sie die Kuchen verteilte. „Der Rest kommt sofort“, sagte sie, klemmte sich das Tablett unter den Arm und holte Servietten, Gabeln und kleine Löffel. Die drei Damen bedankten sich und Nele schlängelte sich an den Tischen vorbei und postierte sich an einem der Fenster. Diego beugte sich zu ihr.

„Feuerprobe bestanden“, flüsterte Diego und grinste. „Die drei sind allesamt Drachen.“

„Zu mir waren sie freundlich“, murmelte Nele, nachdem sie sich davon erholt hatte, dass Diego auf einmal so viel sprach.

„Nur, weil du ihnen das Richtige gebracht hast. Wenn du ihre Kuchen vertauschst oder einen falschen bringst, ist die Hölle los. Glaub mir.“ Er zwinkerte Nele zu und sie wusste nicht, ob er sie auf den Arm nahm. Sie lächelte sicherheitshalber.

„Cool“, sagte sie und Diego lachte. Er hatte ein tiefes Lachen, ansteckend und sexy.

„Wie lange bist du schon hier?“, fragte Nele.

„Ewig“, sagte Diego. Erneut klingelte das Glöckchen über der Tür. Karola kassierte gerade an einem der Tische ab. Sobald er frei wurde, setzten sich vier Mädchen, die vielleicht um die sechzehn waren. Sie lehnten ihre Einkaufstüten an die Tischbeine und tuschelten miteinander.

Nele warf einen Blick zu Diego. Ja, vermutlich hatten sie ihn im Visier. Sie kontrollierte, ob der Tisch in ihren Bereich fiel, aber es war einer von Diegos. Da gerade niemand ihre Hilfe zu brauchen schien, stellte sie ihr Tablett weg und inspizierte die Torten, um auswendig zu lernen, was es alles gab. Aus den Augenwinkeln behielt sie allerdings Diego im Blick, der sich langsam und raubtierhaft auf den Tisch der vier Mädchen zubewegte. Vom Tresen aus konnte Nele nicht verstehen, was Diego sagte, aber die Mädchen lachten allesamt. Das mit den längsten Haaren sah Diego mit offener Bewunderung an und lauschte ihm gebannt.

„Hallo“, hörte Nele eine Stimme und entdeckte einen Herrn mit Hornbrille, der ihr zuwinkte. Mit heißen Wangen eilte sie durch die Tische zu ihm hin.

„Möchten Sie gerne bestellen?“, fragte Nele und entdeckte erst dann seinen leeren Teller. „Noch etwas, meine ich?“, murmelte sie.

„Nein, danke“, sagte der Mann. „Ich würde gerne zahlen.“

„Gerne, einen Moment, ich bringe Ihnen die Rechnung.“ Nele hatte keine Ahnung, ob sie ihm seinen Bon bringen konnte. Sie warf einen möglichst unauffälligen Blick zurück, um zu erkennen, welcher Tisch es war. Fieberhaft überlegte sie, wie sie herausfinden konnte, was der Herr bestellt hatte und was er bezahlen musste.

Zum Glück kam Karola aus der Küche und half ihr weiter. Das Abkassieren klappte erstaunlich gut. Kopfrechnen war etwas, das Nele schon immer gekonnt hatte. Der Mann nickte ihr freundlich zu und zog seine Jacke an, während Nele seinen Tisch abräumte. Mit dem vollen Tablett ging sie ein paar Schritte rückwärts, drehte sich leider zu ruckartig um und prallte gegen einen leeren Tisch. Das Kaffeeglas auf ihrem Tablett geriet in Schieflage und Nele griff danach. Dummerweise stolperte sie über eine große Einkaufstüte und wäre um ein Haar auf den Tisch und ein Stück halb gegessene Mandarinentorte gefallen, aber jemand packte sie fest am Arm. Diego. Er hielt ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee in der Hand, aus denen nicht ein einziger Tropfen geschwappt war. Nach einem Schreckensmoment fing sich Nele. Langsam löste er seinen Griff von ihrem Arm, warf ihr ein wölfisches Grinsen zu, das mehr ein Zähneblecken war, ging an ihr vorbei und stellte die Kaffeegetränke auf den Tisch hinter Nele.

Ihr Herz raste und sogar ihr Atem ging schneller.

„Ach herrje, manchmal bin ich ein Trampel“, murmelte Nele, als sie an Karola vorbei in die Küche eilte, um sich zu sammeln. Dort entdeckte sie auf ihrer Schürze auch noch einen Sahnefleck, von dem sie nicht wusste, wie er dort hingekommen war.

Erst jetzt fiel ihr auf, dass das vielleicht keine joberhaltende Bemerkung für den allerersten Arbeitstag gewesen war. Hinter ihr erklangen auf einmal Karolas und Diegos Stimmen. Eine warme Hand landete auf ihrem Arm und Nele versuchte, Ruhe zu bewahren.

„Gute Reflexe“, sagte Diego anerkennend.

„Danke, du auch.“

Aus irgendeinem Grund betrachtete er sie mit neuem Interesse und Nele wunderte sich, dass sie plötzlich Bens Lächeln vor sich sah.

Kapitel 4

Glück ist beruhigende Routine

Wenig später vertiefte sich Ben in die Zahlen, führte zwei Kundengespräche und ging mittags in die Kantine, wo er wie immer das zweite Gericht von der Menütafel nahm.

„Ist das nicht blöd für dich, dass das zweite Gericht von oben immer etwas anderes ist?“, fragte Marita mit einem giftigen Grinsen. Er zuckte kurz zusammen, dann straffte er seine Schultern. Mittlerweile sollte er diese Frau wirklich kennen. Seit ihrem ersten Tag in der Bank hatte sie ihn geärgert. Womit er diese Behandlung verdient hatte, wusste er nicht. Am Anfang hatte er es geschafft, freundlich zu bleiben, aber mittlerweile … Er kniff die Lippen zusammen und nickte ihr knapp zu.

„Hab ich mir doch gedacht. Vielleicht kann dir die Dame von der Küche mal einen Plan ausdrucken, damit du dich darauf einstellen kannst.“

Ben antwortete nicht, meistens redete Marita dann bloß noch länger. Er griff sein Tablett, lächelte der Dame hinter der Essenstheke zu, nahm sich ein Schälchen Vanillepudding mit roter Grütze, zahlte alles und steuerte einen Tisch an der Fensterzeile an.

„Ah! Benedikt!“, rief jemand und Ben atmete erleichtert auf.

„Hallo, Hubert“, sagte er und ließ sich auf den freien Stuhl gegenüber fallen. Marita hatte sich zum Glück zu ihren ebenfalls nervigen Kolleginnen gesetzt und steckte den Kopf tuschelnd mit ihrer Nachbarin zusammen. Einmal ertappte Ben sie dabei, wie sie zu ihm herübersah und kicherte. Ben wurde heiß und er senkte den Blick schnell auf seinen Teller, worüber er sich sofort ärgerte.

„Hast du endlich den Harry Potter Film gesehen, den ich dir geliehen habe?“, fragte Hubert.

Ben schüttelte den Kopf. Vermutlich würde Hubert nie lernen, dass das einfach nicht Bens Welt war. Zauberer und Chaos. Das klang wirklich nicht verlockend.

„Du verpasst was“, sagte Hubert kauend. Ohne Übergang erzählte er als Nächstes von seiner Modelleisenbahn, die er am Wochenende erweitert hatte, und Ben hörte ihm geduldig zu. Nicht, dass dieses Thema ihn fesseln konnte, aber ihm gefiel einfach Huberts ruhige Stimme, die kaum etwas von der Leidenschaft ausdrückte, die er mit Sicherheit für seine Hobbies empfand. Huberts Gegenwart entspannte Ben und das Gefühl blieb, bis er wieder in sein Büro ging. Einige Meetings und Telefonate später konnte er endlich Feierabend machen.

Um sieben Uhr schaltete er den Computer aus, stand auf, schob den Stuhl an seinen Tisch, knipste das Licht aus und schloss die Tür zu seinem Büro. Nach sechseinhalb Minuten hatte er das Gebäude verlassen, wie ihm die riesige Uhr am Uhrengeschäft gegenüber mitteilte.

Ben lief den gleichen Weg zur U-Bahnstation zurück, den er am Morgen genommen hatte. Er fuhr sieben Stationen, stieg aus und lief weitere zehn Minuten bis zu seiner Wohnung, wie immer. Im Treppenhaus roch es vertraut. Ein bisschen nach Braten, den es vielleicht bei Meier-Müllers zum Abendessen gegeben hatte, ein klein wenig nach altem Kellermief und eine Idee nach dem Lavendelreiniger, den Frau Schubert immer zum Wischen der Treppe nahm. Ben stieg die vierzehn Stufen zu seiner Wohnung hoch, schloss die Tür auf, stellte seine Aktentasche auf den kleinen Tisch neben der Tür und hängte seine Jacke auf. Die Schuhe kamen in den Schuhschrank daneben.

In der Küche kochte sich Ben einen Pfefferminztee und belegte eine Scheibe Graubrot mit Salami. Mit seinem Teller und der Tasse setzte er sich vor den Fernseher und sah sich eine Dokumentation über die Vogesen in Frankreich an. Danach kam ein Fernsehkrimi, zu dem Ben ein Glas Wasser trank und fünf Salzstangen und einen Apfel aß.

Das Telefon in der Diele klingelte in der Werbepause, in der Ben normalerweise sein Geschirr zurück in die Küche brachte. Für einen Moment stand er im Flur und konnte sich nicht entscheiden, ob er zuerst in die Küche oder zum Telefon gehen sollte. Ben seufzte, stellte die Sachen neben dem Herd ab und rannte zum Telefon.

„Hallo?“, sagte er etwas atemlos.

„Ben? Schatz! Wie schön.“

„Hallo Mama.“

„Nenn mich nicht so, Ben. Dann fühle ich mich so alt.“

Ben schluckte die Bemerkung herunter, dass er schließlich nicht Oma gesagt hatte und das Wort Mama rein gar nichts über das Alter einer Person aussagte.

„Okay, Belladonna“, sagte er und versuchte die Ironie aus seiner Stimme zu halten. „Was gibt es?“ Dass sie neuerdings auf ihren vollen Namen bestand, irritierte ihn noch immer. Früher wäre ihr das zu förmlich gewesen. Da wollte sie immer nur Bella genannt werden.