Selbstlos – Die Zweifel der modernen Mütter, die alles geben und sich selbst dabei verlieren - Sina Schröder - E-Book
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Selbstlos – Die Zweifel der modernen Mütter, die alles geben und sich selbst dabei verlieren E-Book

Sina Schröder

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Beschreibung

Was macht eine gute Mutter aus? Die Gesellschaft zeigt das Bild einer Frau, die alles schafft: Working Mum, Entertainerin, sexy Vamp. Ein Motiv, das auch von den sozialen Medien gefüttertwird: Perfekt inszenierte Wohnungen mit fröhlich-bastelnden, sauberen Kinder werden zur Schau gestellt – geformt von Müttern, die die Kleinen bedürfnisorientiert erziehen und dabei so makellos aussehen, als hätten sie gerade zwei Wochen Wellnessurlaub hinter sich.

Ansprüche, die Sina Schröder (@ feelslike_sina) hinter sich gelassen hat. Die Vierfach-Mama beschreibt die ungeschönte Wahrheit: Von Momenten des Scheiterns und des Zweifelns, von ungeduldigen, ungerechten oder überforderten Zeiten, aber auch davon, woher diese toxischen Ansprüche kommen und wie sich Frauen dabei immer mehr verlieren.

In Fallbeispielen aus ihrer Praxis als Seelsorgerin, aber auch aus eigener Erfahrung, zeigt sie, dass neue Wege möglich sind. Wie unerlässlich es ist, sich selbst Raum und Anerkennung zu schenken, und dass ein mutiges "Selbst sein" oft der bessere Maßstab gegenüber aufopfernder Selbstlosigkeit ist. Und, schlussendlich, warum es wichtig ist, eine ganz normale Mama zu sein, mit all ihren Ecken und Kanten.

Ein Buch für alle Mütter, die das Gefühl kennen, die schönste Aufgabe der Welt zu haben (nämlich unsere Kinder dabei zu unterstützen, ihren eigenen, selbstständigen Weg zu finden) und doch oft an ihrer inneren Kraft und Stärke zweifeln.

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Seitenzahl: 331

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Sina Schröder

Selbstlos

Die Zweifel der modernen Mütter, die alles geben und sich selbst dabei verlieren

Impressum

Alle in diesem Buch veröffentlichten Aussagen und Ratschläge wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft. Eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden, ebenso ist die Haftung der Autorin bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ausgeschlossen.

Für die Inhalte der in dieser Publikation enthaltenen Links auf die Webseiten Dritter übernehmen wir keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall aufgrund der schlechten Quellenlage leider nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß $ 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

Bei der Verwendung im Unterricht ist auf dieses Buch hinzuweisen.

echtEMF ist eine Marke der Edition Michael Fischer

2. Auflage

Originalausgabe

© 2023 Edition Michael Fischer GmbH, Donnersbergstr. 7, 86859 Igling

Covergestaltung: Michaela Zander, unter Verwendung von Motiven von © CPD-Lab und © Bibadash/via Shutterstock.com

Redaktion: Doreen Fröhlich

Bildnachweis: Autorenbild (privat)

Layout/Satz: Michaela Zander

Herstellung: Anne-Katrin Brode

ISBN 978-3-7459-1855-7 

www.emf-verlag.de

Widmung

Meinem Herzmann. Danke für deine Liebe und dafür, dass du mich die sein lässt, die ich bin.

Inhalt

Teil 1: Identitätsverlust

„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin“

Du bist nicht wie deine Mutter

Reisen in die eigene Vergangenheit

Unsichtbar – wenn unser Selbst verschwindet

Von überhöhten Idealen und Versagensängsten

Gute Mutter?

Smartphone – Energieräuber oder Rettungsanker?

Selbsttest

Welcome to Mama-World 2.0!

Von Vergleichen und Ansprüchen an das eigene Selbst

Wo bin ich?

Secondhand-Emotionen – oder: das Glück der anderen

Trügerische Schönheitsnormen

Die Meinung der anderen

Teil 2: Selbst­werdung

Rebirthing: Neugeburt

Entfalten statt optimieren

Raum einnehmen

Kleine Schritte und kleine Glückse

Selbstliebe als Tu-Wort

Neue Herausforderungen

Vergebungsorientierte Erziehung

Wie kann ich mir selbst vergeben? Fünf konkrete Schritte

Wieder ich sein – wer bin ich eigentlich?

Selbst-sein-Dürfen

Danksagung

Literatur

Teil 1: Identitätsverlust

„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin“

Dieser Satz wird wie eine Art Refrain in diesem Buch vorkommen – immer wiederkehrend, so wie er auch mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet. Und wie er irgendwann auch Bestandteil meines eigenen Lebens geworden war. Ich bin Sina, Jahrgang 1983, Mutter von vier Kindern im Alter zwischen vier und 13 Jahren und nach zehn Jahren als Hausfrau und Mutter seit mittlerweile 2,5 Jahren als freiberufliche Theologin, Rednerin, Kolumnistin und Online-Seelsorgerin tätig. Daneben schreibe ich seit 2018 auf meinem Instagram-Account @feelslike_sina Texte und berichte über Mutterschaft und meine Mutausbrüche im Alltag. Die Antwort auf die existenziellste aller Fragen, nämlich danach, wer ich eigentlich bin, habe ich mir selbst gegeben – indem ich mein ganz persönliches „Ich bin“ nach meinem eigenen Vorbild gestaltet habe.

„Ich weiß gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin“ begegnet mir in der täglichen Seelsorgearbeit besonders oft im Austausch mit Müttern, die das Gefühl haben, sich im Laufe ihrer Mutterschaft selbst verloren zu haben – im Wunsch, eine „gute Mutter“ sein, zwischen dem eigenen Anspruch, „alles richtig und besser zu machen“, und dem Bild, das die Gesellschaft von einer „guten Mutter“ hat.

Diese Unverbundenheit mit sich selbst, das Hineingleiten in ein Leben, in dem man sich irgendwann die Frage stellt: „Wollte ich das eigentlich wirklich?“, kennen viele Frauen, die Mütter werden und sich an dem klassischen Bild von Mutterschaft abarbeiten. Ich glaube, der Grund dafür, dass vor allem moderne Frauen diese Frage umtreibt, liegt darin, dass sie in zwei Realitäten leben: Auf der einen Seite wachsen wir mit dem theoretischen Gefühl von Gleichberechtigung auf, dem Bewusstsein, dass Mädchen und Jungen die gleichen Chancen und Möglichkeiten haben (natürlich gibt es Phänomene wie den Gender Pay Gap und strukturelle Ungerechtigkeit, aber das war nicht das Selbstbewusstsein meiner Jugend, das mit dem Gefühl einherging, dass mir alle Türen offen stehen und ich selbstbestimmt über mein Leben entscheiden kann). Auf der anderen Seite sehen wir uns, wenn wir Mütter werden und Kinder bekommen, plötzlich mit einer ganzen Reihe an Erwartungen, Prägungen und Narrativen konfrontiert, die mit dem Konzept von Mutterschaft verknüpft sind. Es kommt mir manchmal vor wie eine Art kulturelles Gedächtnis oder jahrhundertealte Prägung der weiblichen DNA, etwas, das seit Generationen im großen Pool weiblichen Bewusstseins wabert und mit dem Auftauchen eines Kindes plötzlich ein Teil unserer Identität wird (und damit Anlass für einen fundamentalen Identitätsverlust bietet). Tatsächlich kommt es in vielen Beziehungen zu einer Retraditionalisierung des Miteinanders, sobald Kinder zur Welt kommen: Frauen bleiben eher und länger zu Hause, während Männer vielleicht zwei, höchstens drei Monate Elternzeit machen, aber in der Regel nahtlos ihre Karriere fortsetzen können. Plötzlich wird aus dem „alles geht“, mit dem wir aufgewachsen sind, eine stärker werdende Fremdbestimmung, und wir verlernen zunehmend, uns zu fragen, was wir wirklich wollen, weil wir auf einen Schlag unsere Identität einfügen müssen in das, was von Frauen, die Mütter werden, eben erwartet wird.

Ich selbst habe die ersten Jahre meiner Mutterschaft als sehr ambivalent erlebt: Als ich 2009 mitten in meinem Theologiestudium das erste Mal Mama wurde, habe ich mich entschieden, Mutterschaft zu meinem Hauptberuf zu machen. Ich beendete zwar mein Studium, hängte aber meinen lang gehegten Berufswunsch, Pastorin zu werden, erst einmal an den Nagel, um mich ganz und gar dem ersten und auch den darauffolgenden drei weiteren Kindern widmen zu können. Ich genoss die Zeit mit ihnen sehr, bin total gerne Mama, aber auch ich erlebte mein Mama-Sein als einen gewissen „Identitätsverlust“. Ich war rund um die Uhr für vier kleine Menschen da und absolvierte eine Art „unterbewusstes Master-Mutterschafts-Programm“, währenddessen ich mich oft viel zu wenig fragte, was mich eigentlich glücklich macht, wie ichmein Leben verbringen möchte, was meine Ziele, Träume und Herausforderungen sind, die ich als Sina, nicht als Mutter meiner Kinder, angehen möchte. Alles, was ich in meiner Rolle als Mama tat, tat ich sehr bewusst und aus großer Liebe heraus, aber ich verlernte im Laufe dieser Jahre zunehmend, einfach Ich zu sein und meinen eigenen Stil zu pflegen – als Frau, als Mutter.

„Selbstlos“, das ist ein Wort, das in unseren Ohren erst mal sehr positiv klingt – nach einem Menschen, der sich bedingungslos für andere einsetzt. Die Erwartung an Mutterschaft entspricht heutzutage immer noch stark einem Konzept der Selbstlosigkeit: Frauen sind dem gängigen Ideal und Klischee der patriarchalen Zuschreibung nach Koryphäen im Dasein für andere, daraus speist sich in gewisser Weise ihre Daseinsberechtigung. Sie kümmern sich, sie sorgen sich, sie pflegen, sie sind für „Beziehungssachen“ und Gefühle zuständig. Familienarbeit ist bei allen sehr guten Aufbrüchen in Richtung gleichberechtigter Elternschaft immer noch zu großen Teilen eher ein „Frauen-Ding“. Gleichzeitig läuft die moderne Mutter Gefahr, in diesem Identitätskonzept das eigene Ich buchstäblich aus den Augen zu verlieren. Auf mich trifft dies definitiv zu: Ich habe mich bewusst für dieses Leben als Mutter und die bedürfnisorientierte Begleitung1 meiner Kinder entschieden, lange Zeit aber nicht gemerkt, wie stark ich von fremden Erwartungen geprägt bin. Ich agierte selbstlos und merkte immer mehr: Ich bin mein Selbst los.

Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist dieses Buch entstanden, das den Titel „Selbstlos“ trägt und sich mit diversen Facetten des Identitätsverlusts auseinandersetzt: Der Frage danach, was uns prägt, welchen bewussten und unbewuss­ten Erwartungen und Traditionen wir gerecht werden wollen, und inwiefern wir über sie hinauswachsen müssen, um wieder mehr selbst zu sein. Im ersten Teil des Buches geht es darum, uns dieser Prägungen bewusst zu werden. Denn nur, wenn wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass es diese Prägungen gibt und dass wir uns nach Maßstäben ausrichten, die nicht unsere eigenen sind, können wir uns ehrlich die Frage beantworten: Will ich diese Facette meines Lebens wirklich oder ist sie übernommen? Im zweiten Teil des Buches richten wir unseren Fokus auf „Selbstwerdung“, also auf mögliche Schritte, wie wir wieder in Verbindung kommen können zu dem, wer wir sind und wie wir unser Leben individuell gestalten wollen. Dabei berichte ich vor allem aus meinem Leben, hoffe aber, dass es den Leser*innen gelingt, sich in mich „hineinzulesen“ und meine ganz persönlichen Schritte in ihr eigenes Leben zu übersetzen. Ich werde beispielsweise davon erzählen, wie mich das Draußenschlafen wieder mehr zu mir selbst gebracht hat. Das bedeutet nicht, dass alle zu Draußenschläfern werden müssen, soll aber dazu anregen, wieder mehr Mut zu haben, dem Ruf des eigenen Herzens zu folgen. Manchmal sind es die kleinen Dinge und Momente, die uns wieder zu Hause bei uns selbst fühlen lassen, und zu denen möchte ich einladen. So ist der erste Teil des Buches eher eine Art Sensibilisierung für das Problem von Selbstlosigkeit: Nämlich dass ein Von-uns-selbst-Absehen immer die Gefahr mit sich bringt, dass wir im Gefühl von Identitätsverlust Leere und Unzufriedenheit verspüren, die uns selbst und auch unsere Beziehungen belasten und gefährden. Erst im mutigen Selbstsein, das im zweiten Teil thematisiert wird, werden wir zu einem beziehungsfähigen Gegenüber, denn nur wer es schafft, sich von seinem eigenen Leben immer wieder die Hände füllen zu lassen, hat etwas, das er an andere weitergeben kann.

Je mehr ich das gesellschaftlich eingeforderte Ideal von Selbstlosigkeit hinter mir lassen und auch in meiner Mutterschaft mein Selbstsein wieder pflegen konnte, desto deutlicher lernte ich, die Stimme meines eigenen Herzens wieder zu hören und ihr vertrauensvoll zu folgen.

Im vergangenen Jahr hat es in meinem Leben diverse Umbrüche gegeben, die für das Leseverstehen dieses Buches wichtig sind: Nach Jahren größer werdender Glaubenszweifel habe ich mich letzten Herbst entschieden, aus der Kirche auszutreten, da ich mich mit dieser christlichen Institution nicht mehr wirklich identifizieren konnte. Außerdem haben mein Mann Torben und ich uns nach 15 Jahren Ehe und Leben im Pfarrhaus im Frühjahr 2022 getrennt, in der Erkenntnis, dass unsere persönlichen Entwicklungen (hinter die ich nicht wieder zurückmöchte!) sehr viel Liebe haben auf der Strecke bleiben lassen, wir uns einander als Paar nicht mehr gutgetan haben. Heute sind wir Freunde und agieren als gutes Eltern-Team. Um unseren Kindern möglichst viel Kontinuität zu ermöglichen und weil das Pfarrhaus Teil des Berufsalltags von Torben ist, bin ich im letzten Sommer in eine eigene Wohnung gezogen und pendle seitdem mehrmals täglich, um unsere Kinder im „Nest Pfarrhaus“ zu betreuen. In den Passagen, die von unseren Zeiten als Paar handeln, schreibe ich nach wie vor von „mein Mann“. Es wird jedoch auch Abschnitte geben, die von meiner Wohnung und dem „neuen Alltag“ als getrenntes Paar handeln.

Heute bin ich glücklich und die Mutter, die ich sein möchte, weil ich wieder Sina geworden bin.

1 In der bedürfnisorientierten (BO) Elternschaft wird angenommen, dass jedes kindliche Verhalten Gründe hat, die in seinen Bedürfnissen zu suchen sind. Die Erfüllung dieser kindlichen Bedürfnisse stärkt dessen Selbstbewusstsein und sein Vertrauen ins Leben.

Du bist nicht wie deine Mutter

2007 – Jung verheiratete Studentin ohne Kinder.

„Sina!“ Die Stimme, die da an meinen Verstand appellierte, war energisch. Fast fühlte ich mich ein bisschen so, als hätte mich jemand bei einer Lüge ertappt. „Sina, du bist nicht wie deine Mutter!“ Das saß.

So bestimmt hatte schon lange niemand mehr mit mir gesprochen. Seit ich vor sechs Jahren von zu Hause ausgezogen war, war ich mehr oder weniger Chefin über mein eigenes Leben. Ab und zu rief ich meinen Vater an, um einen Geldnachschub zu erbitten, denn obwohl ich nicht sehr verschwenderisch lebte und mich ausschließlich von Spaghetti und Frühlingsrollen ernährte, war ich am Monatsende immer etwas klamm. Mehrmals hatte ich ihn schon gebeten, ob er nicht einfach einen Dauerauftrag einrichten könne – das sei doch einfacher als die monatliche, auf meinen Bitt-Anruf folgende Überweisung und das Diskutieren über: „Wie viel brauchst du denn?“ Aber ich vermute, dass mein Papa diese Telefonate liebte: Er hörte aus meinem Mund ein sanftes „Papi … du weißt sicher, warum ich anrufe …“ und konnte sich als großzügiger Supporter meines Studierenden-Daseins geben. Trotz – oder dank – dieser Finanzspritzen fühlte ich mich frei und autark, denn die Zeiten, in denen meine Eltern Taschengeld nur für ein aufgeräumtes Zimmer auszahlten oder kommentierten, wenn ich mal wieder zu oft oder zu lang ausging, gehörten der Vergangenheit an. Ich studierte Theologie und das mit großer Leidenschaft.

Und doch ermahnte mich plötzlich eine Frau, die biologisch meine Großtante ist, gleichzeitig so etwas wie eine Mentorin und Freundin mit zwei Generationen mehr Lebenserfahrung. Lydia wohnt in der Zentralschweiz. Wir sehen uns nicht sonderlich oft, meist einmal im Jahr während der Sommerferien. Während dieser Besuche mache ich regelmäßig so etwas wie Lebensinventur. Da ich Lydia eigentlich nie anrufe und wir uns auch keine Briefe schreiben, verbringen wir einmal im Jahr ein paar Abende in intensivem Zwiegespräch – ich update sie über die Entwicklungen meines Lebens in den vergangenen 12 Monaten, und sie begleitet diese Resümees mit einer Mischung aus Anekdoten aus ihrem Leben, klugen Ratschlägen und ganz selten auch mal einem ernsten Anschiss.

Jener Abend war ein ernster-Anschiss-Abend. Obwohl so etwas immer extrem unangenehm ist, ist es eigentlich gut, Menschen zu haben, die einen lieben und trotzdem Tacheles reden. Lydia redete Tacheles, und ich klammerte mich an meinem Weinglas fest, um die Mischung aus Entrüstung und Unverständnis runterschlucken zu können, die ihre scharfen Worte in mir auslösten. „SINA! Du bist nicht deine Mutter!“, wiederholte Lydia so akzentuiert, dass jedes Wort einzeln wirkte.

Nachdem ich fast meine gesamte Teenagerzeit im Brustton der Überzeugung verkündet hatte, dass ich später „auf keinen Fall Kinder möchte“, spürte ich mittlerweile schon seit einigen Monaten so eine Art biologischen Impuls in mir, der so überraschend wie nachdrücklich meine Aufmerksamkeit auf Babys lenkte. Irgendwie beschäftigte das Thema „Kinderkriegen“ plötzlich mein Denken und war allgegenwärtig. Ich fühlte mich seltsam verbunden mit der Darstellerin einer Daily Soap, der Freudentränen beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests in die Augen stiegen, und ertappte mich beim faszinierten Schmökern des wöchentlichen Tchibo-Katalogs mit Babyerstausstattung. Meinem Mann gegenüber hatte ich das Thema schon mal ganz vorsichtig anklingen lassen („Möglicherweise unter Umständen vielleicht möchte ich ja doch irgendwann Kinder“), mochte aber nicht allzu deutlich werden, denn die Frage nach „Kinder – Ja oder Nein?“ war vor unserer Eheschließung eine ziemliche Belastungsprobe für uns gewesen. Mein Mann hatte sich immer schon Kinder gewünscht und wollte am liebsten „drei oder vier“, weswegen er ganz perplex war, als ich ihm eröffnet hatte, dass ich lieber in meinem Beruf arbeiten wollte. Wir waren beide junge Theologiestudenten mit dem Wunsch, Pastor beziehungsweise Pastorin zu werden. Mein Einblick in den Berufsalltag einer Pastorin beschränkte sich auf drei Wochen Gemeindepraktikum, in denen ich aber zumindest eines gelernt hatte: In diesem Beruf arbeitet man zu allen Tages- und Nachtzeiten. Flexibel, allzeit bereit und unberechenbar. Das deckt keine Kita ab, und der Gedanke, nebst Kindergarten auch noch eine Tagesmutter, die Großeltern oder ein Au-pair für die Kinderbetreuung zu haben, erschien mir undenkbar. Warum mir das so absurd vorkam, mir ein Betreuungsnetz aufzubauen, weiß ich heute besser: Ich war geprägt durch mein eigenes Elternhaus. Meinen Mann hatte meine rigorose Haltung sehr vor den Kopf gestoßen, und dennoch hatten wir beschlossen, 2016 zu heiraten. „Du bist mir wichtiger, als Kinder zu haben!“, verkündete er auf einem unserer langen Sondierungsspaziergänge, also klammerten wir das Kinderthema vorerst aus. Um nicht eine Hoffnung zu wecken, die ich vielleicht am Ende würde enttäuschen müssen, deutete ich meinem Mann gegenüber meine neue Sicht auf das alte Thema Mutterschaft erst einmal nur vage an.

Meiner Großtante Lydia gegenüber bin ich an diesem Abend mutig und geradeheraus: „Ich glaube, ich habe so ein Gefühl, dass ich doch Kinder will!“, verkündete ich. Und ergänzte auf ihre Frage, ob sich meine Gedanken, dass das unvereinbar sei mit meinen beruflichen Plänen, mittlerweile geändert hätten: „Nein, so richtig nicht, aber da ich ja einen angehenden Pastor heirate, kann ich doch beides haben: Gemeindearbeit – dann halt im Ehrenamt –, während ich einfach Vollzeitmama werde. Dann bin ich immer für die Kinder da, mein Mann macht seinen Job, und ich kann in seiner Gemeinde in sämtlichen Feldern pastoraler Arbeit mitmischen. Halt mehr so hobbymäßig. Aber das ist ja egal. Es geht um die Sache, die mir am Herzen liegt, und nicht ums Geld. Ich will ja nicht reich werden!“ Das war der Plan, den ich meiner Tante unterbreitete: das Ende meiner beruflichen Pläne, um Mama zu werden.

Ich spürte, dass ich Mutter werden wollte. So einfach. Ich wollte so sehr Mutter werden, dass es mir in diesem Moment legitim vorkam, meinen Berufswunsch in die Hobby-Schublade abzulegen. Meine Großtante könnte vom Alter her meine Oma sein, aber sie war zeit ihres Lebens berufstätig und selbstständig. Nach einer tragischen Kündigung ihres Mannes in ihren frühen Ehejahren hatte sie ihr Hobby, das Töpfern, zum Beruf gemacht, und war über Jahrzehnte erfolgreich mit ihrer Töpfermanufaktur und später einem eigenen kleinen Bastelladen gewesen. Sie war stets eine unabhängige Frau gewesen, eine Macherin, und der Gedanke, dass ich Hausfrau werden könnte, behagte ihr vermutlich schon aufgrund ihrer eigenen Biografie nicht. Aber anstatt mit mir über diese Entscheidung zu diskutieren, sagte sie nur diesen einen Satz, der so messerscharf war, dass mir spontan die Worte fehlten.

Denn mit „Du bist nicht wie deine Mutter“ deutete sie eine Wahrheit an, die tiefer saß, als Argumente reichten: Egal wie unabhängig und frei wir uns besonders mit Mitte 20 fühlen, wir sind in unserer Selbstwahrnehmung, in unseren Rollenbildern und damit letztlich auch in unseren Entscheidungen immer geprägt von der Familie, in der wir aufgewachsen sind. Selbst wenn wir uns dieser Prägungen nicht bewusst sind, sind sie doch da. Und auch wenn wir uns irgendwann entrüstet entscheiden, „alles anders zu machen“, ist dies manchmal eine Vermeidungsstrategie, mit der wir uns zumindest halb bewusst abgrenzen von etwas, das wir als Kinder erlebt und als schlecht oder gar toxisch abgespeichert haben.

Unsere Kindheit, und damit unsere Beziehung zu den Menschen, die uns in dieser Lebensphase begleitet haben, prägt unser Selbstgefühl. Schon Babys erfahren sich im Gegenüber zu ihren Eltern als gewollt und angenommen oder vernachlässigt, je nachdem, ob im familiären Kontext ihre Grundbedürfnisse wahrgenommen und zuverlässig erfüllt werden oder nicht. Bereits diese Ersterfahrungen, auf die wir als Erwachsene keinen bewussten Zugriff mehr haben (und die deswegen auch als infantile Amnesie1 bezeichnet werden), haben Auswirkungen auf unsere Gehirnentwicklung. Diese „unbewussten Erfahrungen lassen sich später nur über Umwege erschließen. Sie spiegeln sich vor allem in [unserem] Wertgefühl wider, in der Art, wie [wir] mit uns selbst umgehen.“2 Sobald Kinder ein Gefühl dafür entwickeln, dass sie eigenständige Wesen sind, beginnen sie sich im Gegenüber zu anderen Menschen zu begreifen, und lernen, dass ein bestimmtes Verhalten entweder eher Zuspruch, Abwendung oder gar Strafe der Bezugsperson mit sich bringt. Da Kinder auf ihre Eltern in existenzieller Hinsicht angewiesen sind, passen sie ihr Verhalten an deren Reaktionen und Erwartungen an. Außerdem sind Eltern IMMER auch Rollenvorbild für ihre Kinder, weil diese sich einfach enorm im Modus der Nachahmung entwickeln. An dem Satz „Es ist egal, was du zu deinen Kindern sagst, denn sie machen dir eh alles nach“ ist sehr viel Wahres dran.

Meine Mama hat mit meiner Geburt 1983 ihren Beruf als Bauzeichnerin aufgegeben und war fortan Hausfrau und hauptberuflich Mama von drei Kindern. Auch als wir Schulkinder waren, also schon etwas älter und halbtags nicht zu Hause, zu einer Zeit, in der viele ihrer Freundinnen zumindest halbtags wieder zu arbeiten begannen, entschied sich meine Mama, weiterhin zu Hause zu bleiben. Irgendwann ging sie wieder arbeiten, da waren wir bereits deutlich älter, auch wenn sie nie wieder in ihren erlernten Beruf zurückgekehrt ist. Wenn ich gefragt wurde, was meine Mama arbeitet, dann sagte ich schon als kleines Mädchen sehr stolz, dass sie Hausfrau und Mutter ist, denn es war mir beigebracht worden, dass das ihr Beruf ist. Ich habe diesen nie als minderwertig wahrgenommen, und auch meine Mama nannte ihn mit Stolz. Als sie dann als Reinigungskraft und Nachbarschaftshilfe zu jobben begann, erklärte ich meinen Freunden gern „Meine Mama arbeitet als gute Seele“, denn das beschrieb ihre Tätigkeit am ehesten: Sie putzte nicht einfach nur, sondern fühlte sich verantwortlich für die Haushalte der meist älteren Nachbarn, bei denen sie angestellt war. Sie achtete darauf, in welchen Abständen die Bettwäsche gewaschen werden musste, füllte Kühlschränke, bügelte Hemden und begleitete zum Arzt. Das klassische Rollenbild, das meine Mama lebte, hat mich auf jeden Fall geprägt. Und ich habe von ihrem Hausfrauen- und Mutter-Dasein profitiert, denn ich liebte meine gesamte Kindheit und Jugend lang das Wissen darum, dass immer jemand da war. Ich mochte es, dass meine Mama mit jedem von uns Kindern am Mittagstisch saß, auch wenn wir zu unterschiedlichen Zeiten aus der Schule kamen, und Zeit hatte, uns zuzuhören, ein Anker für uns zu sein. Dass sie da war, war in meiner kindlichen Wahrnehmung durch und durch positiv besetzt. Vor allem auch deshalb, weil Mama die Rollenverteilung, für die meine Eltern sich entschieden hatten (mein Papa viele Jahre als Alleinverdiener), stets als richtige Entscheidung verteidigte. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass meine Mutter immer wieder betonte, dass man ja schließlich keine Kinder in die Welt setzt, um sie dann fremdbetreuen zu lassen. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob sie das aus Überzeugung sagte oder das Beste aus der Situation machte und sich selbst starkredete in dieser Rolle als Hausfrau, weil sie diese als alternativlos ansah.

An jenem Abend in der Schweiz widersprach ich meiner Tante heftig: „Natürlich bin ich nicht wie meine Mutter. Aber nur weil ich ähnliche Entscheidungen treffe wie sie, bedeutet das ja nicht, dass ich das nicht frei und selbstbestimmt tue. Ich war immer glücklich darüber, dass Mama Hausfrau und Mutter war – wollte aber selbst jahrelang keine Kinder. Mittlerweile sehe ich das halt anders, und dieses Gefühl kommt ganz allein aus mir heraus.“ Tante Lydia schüttelte langsam den Kopf: „Aber auch das ist doch eine Entscheidung, die du mit Blick auf das Vorbild deiner Mutter getroffen hast!“, gab sie zu bedenken, und ich bewundere noch heute, wie klar analytisch sie das auf den Punkt brachte: „Und vor allem ist die Entscheidung für Kinder und gegen deinen Beruf ja der Tatsache geschuldet, dass du denkst, dass beides nicht geht. Aber natürlich geht beides.“

Wir tauschten noch eine Weile Argumente aus, aber im Wesentlichen hatte meine Großtante wohl den Nagel auf den Kopf getroffen: Ich war tief in mir drin der Überzeugung, dass ich mich entscheiden muss (Kinder oder Beruf), weil ich aufgewachsen war mit einer Mama, die an dieser Stelle sehr entschieden gewesen war und mir stets das Gefühl vermittelt hatte, dass sie die Entscheidung gegen den beruflichen Wiedereinstieg für mich und meine Geschwister getroffen hatte. Warum? Weil sie uns liebte, ganz einfach. Vielleicht war es aber auch das Gefühl, der Nachfolgegeneration etwas schuldig zu sein, nach dem Motto: Ich hatte eine Mama, die für mich stets da war, also müsste ich das, wenn ich mich für Kinder entscheide, eben auch sein.

Ja, ich bin nicht meine Mutter. Natürlich bin ich nicht meine Mutter – und trotzdem bin ich, wie wir alle es sind, geprägt durch sie. Ihr Rollenvorbild, ihre Worte, ihre Definition von Liebe, die sie mir verbal und nonverbal mitgab. Bewusst und unbewusst ihr ganzes Sein. Die Worte der Mama werden für die meisten von uns zu einer inneren Stimme, die wir stets mit uns herumtragen, selbst wenn wir schon längst erwachsen sind und sich unsere bewussten Anteile vielleicht für eine andere Lebensgestaltung und andere Werte entschieden haben als unsere Mütter. Dr. Eva Wlodarek beschreibt in ihrem Buch Nimm dir die Freiheit, du selbst zu sein eindrücklich, wie sich das Ichgefühl eines jeden Menschen in der Interaktion mit seinen engsten Bezugspersonen ergibt und dass es im Verlauf dieses Prozesses schwer wird, das Ich vom Du zu differenzieren: „Wir nehmen die Werte und Normen unserer Umgebung als unsere eigenen auf.“3 Erfahrungen, die sich wie in meinem Fall mit starken, positiven Emotionen verbinden, speichern sich meist nachhaltig in unserem Gehirn ab und werden dadurch zu unserer „inneren Landkarte“, nach der sich unsere Schritte und Entscheidungen richten.

Doch auch weniger positive Mutter-Kind-Beziehungen und Dynamiken wirken sich prägend auf unser Selbst aus. Mechanismen der Abgrenzung sind aber, obwohl sie im ersten Moment rebellisch und selbstbestimmt daherkommen, letztlich gar nicht so freiheitlich, wie wir vielleicht denken, denn auch Abgrenzung geschieht oft aus einer Abhängigkeit heraus. Die Schwüre, die wir innerlich ganz bewusst leisten, scheinen mir fast noch nachhaltiger und tief sitzender zu sein als Glaubenssätze, die sich eben einfach einschleichen. Jedes bewusste „Ich werde das ganz anders machen“ oder „Ich werde als Mutter niemals …“ wird als Mantra zu einem Glaubenssatz plus, weil wir uns, wie in einer Art Versprechen an uns selbst, darauf einschwören, diesen Glaubenssatz niemals loszulassen, weil wir uns das einfach schuldig sind.

In Wer wir sind beschreibt Stefanie Stahl, dass jedem Menschen die vier psychischen Grundbedürfnisse nach Bindung, Autonomie, Selbstwerterhöhung und dem Erleben von Lustgefühlen (im weitesten Sinne, vielleicht eher im Sinne von Glückserleben) innewohnen.4 Die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse, dass sie erfüllt werden, aber auch, dass sie in einem gesunden Gleichgewicht zueinander stehen, hat Auswirkungen auf unsere seelische Gesundheit. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet dies, dass Menschen sich dann gesund entwi­ckeln, wenn in guter Weise diese vier Grundbedürfnisse gestillt werden. Geschieht das nicht, versuchen Kinder dies auszugleichen, indem sie bestimmte „Ausgleichsstrategien“ entwi­ckeln. Hierbei geht es immer um Kontrolle. Wenn ein Grundbedürfnis verletzt wird, dann erleben Heranwachsende (und auch später Erwachsene noch) dies als ein Gefühl von Inkonsistenz: Ihr Wunsch/ihre Erwartung stimmt nicht mit der Realität überein. Das Gefühl von Unvereinbarkeit empfinden sie als Kontrollverlust, und um die Kontrolle wiederherzustellen, stehen bestimmte Strategien zur Verfügung: Anpassung an das Verhalten der Eltern durch Anpassung der eigenen Befindlichkeiten, indem sie ein Verhalten an den Tag legen, das von Eltern mit dem Ausdruck von Liebe belohnt wird (ruhiges Verhalten/gute Leistungen), oder sie eine reine Vermeidungsstrategie fahren (behalten ihre Gefühle für sich und verarbeiten diese nicht selten auf destruktive Art und Weise). Wenn Kinder mit ihren Eltern über Schulängste sprechen, weil der Lehrer streng oder sehr fordernd ist, und von Mama und Papa stets nur ein wenig einfühlsames „Du bist zu empfindlich, stell dich nicht so an und mach, was die Lehrer sagen“ zu hören bekommen, dann kann brave Anpassung auf der einen und Verschweigen ängstlicher Gefühle auf der anderen Seite das traurige Ergebnis sein – um der Inkonsistenz von „Ich vertraue meinen Eltern meine Gefühle an, aber Mama und Papa nehmen mich gar nicht wirklich ernst“ zu begegnen.

Heutige Eltern blicken häufig mit einem ziemlich reflektierten Blick auf die eigene Kindheit. Wir analysieren, therapieren und reflektieren wie keine Generation vor uns. Und das ist auch gut und wichtig, um vergangene Erfahrungen heilen zu können. Wir sind uns unserer Mechanismen bewusst und sehen sehr klar, inwiefern Versäumnisse unserer Eltern uns geprägt und welche Macken als Bewältigungsstrategien sich bei uns eingeschlichen haben. Warum wir schweigen, warum wir das Gefühl haben, nicht zu genügen oder ständig Leistung erbringen zu müssen, woher unsere Ängste kommen, unsere Wut oder unser Perfektionismus. Mit dem wachsenden Analyseblick und dem Bewusstsein, wie weitreichend selbst kleinste „Fehler“ unserer Eltern nachwirken können, werden wir sensibel und achtsam, ebendiese Fehler bei unseren eigenen Kindern nicht zu wiederholen.

Die Beziehung zu unseren Eltern oder anderen Bezugspersonen, insbesondere aber zu unseren Müttern, hat also in vielfacher Hinsicht unglaublich großen Einfluss auf unser Selbstgefühl, unsere Selbstentwicklung und unsere eigene mütterliche Identität. Unsere Mütter werden zu unserem Rollenvorbild, bewusst oder unbewusst, daher entwickeln wir uns entweder zur Nachahmung oder zur Abgrenzung. Eine Mama-Identität bildet sich bei den wenigsten ohne diesen Einfluss heraus. Es wäre gut und hilfreich, wenn wir, bevor wir selbst Mütter werden, uns dieser inneren Prozesse bewusst werden, sie erkennen und aufarbeiten und ungute Bewältigungsstrategien hinter uns lassen, indem wir selbst Verantwortung für unsere Bedürfnisse übernehmen. In den meisten Fällen ist es jedoch so, dass Ansprüche, Glaubenssätze und „nie-wieder“-Selbstbeschwörungen in einem wilden, unterbewussten Potpourri in uns wabern und gären und schließlich die Bausteine werden für das, was unsere „Mutter-Identität“ wird. Häufig führt auch erst die Auseinandersetzung mit unseren Kindern dazu, dass uns unserer Problemthemen und frühkindlichen Prägungen bewusst werden.

In meiner Arbeit als Seelsorgerin begegnet mir immer wieder die leidvolle Erkenntnis: „Ich habe mich selbst so im Dasein für andere verloren. Ich fühle mich erschöpft und würde gerne etwas ändern. Ich möchte wieder mehr für mich tun, auch mir selbst etwas Gutes tun. Aber irgendwie weiß ich gar nicht so richtig, wer ich eigentlich bin und was ich brauche.“ Auf dem Weg, dieses Selbst, das so vielen in ihrer Mutterschaft abhandengekommen ist, wiederzuentdecken, ist „Müttertrennung“ manchmal ein wichtiger erster Schritt: Versuche, deine reale Mutter und deine innere Mutter voneinander zu trennen. So wie wir alle nämlich unser inneres Kind (unsere inneren Anteile, die uns unsere kindlichen Prägungen dauerhaft lebendig erhalten) beständig mit uns herumtragen, haben wir auch die Erfahrungen mit unseren Mamas auf dem Herzen. Eine solche mentale Trennung bedeutet nicht, dass wir den Einfluss unserer Mamas nicht in Ehren halten können. Im Gegenteil: Bestenfalls erleben wir schon als kleine Kinder in unseren Ursprungsfamilien, dass unsere Bedürfnisse gesehen und gestillt werden. In dieser liebevoll fürsorgenden Geste verbirgt sich die für Kinder wichtigste Botschaft der ersten Lebensjahre: Du bist wichtig und wertvoll, einfach, weil du bist, deswegen kümmern wir uns liebevoll um dich. Wenn diese frühkindliche Prägung gelingt, hinterlässt sie in uns ein sicheres Gefühl, dass wir gut sind, wie wir sind. Gerade indem ich mich von meiner Mutter distanziere und für mein Leben nuanciert andere Entscheidungen treffe, transportiert dies für unsere Mütter nicht „Du warst kein gutes Vorbild, deswegen mache ich jetzt alles anders!“, sondern eher ein „Du warst die beste Mutter, die du sein konntest, du hast mir das Selbstvertrauen und die Liebe zu mir selber vermittelt, die nun bewirkt, dass ich mutig eigene, vielleicht ganz andere, vielleicht ganz neue Wege gehe. Das ist dein Verdienst! Ich danke dir!“ So kann tiefe Wertschätzung in bewusster Abgrenzung aussehen.

Ich war zehn Jahre lang ausschließlich Hausfrau und Mutter und habe dieses Leben über weite Phasen sehr genossen. Ich liebe meine Kinder, und ich liebe es, Zeit mit ihnen zu verbringen. Wenn ich mich selbst ganz ehrlich frage, ob ich mich wieder so entscheiden würde, dann bin ich zwar nicht zu 100 Prozent sicher, aber ich denke: „Vielleicht schon“. Wenn ich mir jedoch früher und kritischer erlaubt hätte, die Prägung durch meine Mutter nicht als Teil meiner selbst zu verstehen, dann hätte ich diesen „Job“ vielleicht nicht erst jetzt gemäß meiner ganz persönlichen Bedürfnisse gestaltet. Ohne das innere Bild meiner klaglosen und jederzeit zuständigen Mutter hätte ich mir wahrscheinlich schon viel eher erlaubt, meine eigenen Belastungsgrenzen zu erspüren, und nach zwölf Stunden Kinder-nonstop-Zuständigkeit kategorischer zu formulieren: „Es reicht, ich will nicht mehr und brauche Ablösung!“ Oder ich hätte es geschafft, eine Mama zu sein, bei der es eben manchmal chaotisch aussieht, weil ich den Haushalts-Gold-Standard, den ich von meiner Mama kannte, dankbar bei ihr belassen konnte, statt mich selbst daran abzuarbeiten. Heute kann ich zu ihr sagen: „Es war immer so schön ordentlich bei dir, Mama, das fand ich schön, und das hat mir deine Liebe gezeigt. Aber in meinem Leben habe ich dafür nicht die Kapazitäten, weil ich etwas anderes priorisiere.“ Das ist nicht besser, nicht schlechter – nur anders, wie wir alle anders sind.

Das Verrückte ist: Theoretisch wissen wir das alles, aber praktisch stecken wir doch mehr unserer Energie in Nacheifern oder Abgrenzung, statt unsere eigene Mama-Identität gemäß unserer eigenen Bedürfnisse ganz neu und individuell passend zu gestalten. Es scheint paradoxerweise für viele Frauen so zu sein, dass sie wissen, dass sie nicht wie ihre Mütter sind, sie sich aber auch nicht aus vollem Herzen die Erlaubnis geben, nicht so sein zu müssen.

Meine Kinder haben, als sie sich im Malen noch nicht so sicher fühlten, gerne ausgedruckte Vorlagen an die Fensterscheibe geklebt und dann ein leeres Blatt darüber gelegt. Durch den Lichteinfall konnten sie die Umrisse der Vorlage leicht abpausen und Sicherheit gewinnen. Mir kommt es vor, als würde es uns Müttern und unserer eigenen Mutterschaft nicht anders ergehen. Permanent scheint der Ursprung durch. Wir wollen unser eigenes Bild malen, nehmen uns ein leeres Blatt, lassen aber die Linien unserer Mütter nicht aus den Augen. Und dadurch fällt es uns deutlich schwerer, Dinge anders zu machen.

Lasst uns die Vorlage weglegen. Wenn wir Selbst-Sein und Mutterschaft vereinen wollen, wenn wir unser Muttersein ganz frei definieren und unseren eigenen Stil finden wollen, sodass Mama zu werden nicht mehr automatisch die Gefahr eines Identitätsverlusts mit sich bringt, dann müssen wir uns erlauben, auf die Vorlagen unserer Mütter zu verzichten. Das bedeutet nicht, dass wir uns im luftleeren Raum bewegen, und es bedeutet erst recht nicht, dass wir nun krampfhaft alles anders machen müssen. Aber vermutlich braucht es deutlich mehr „prüfet alles und das Gute behaltet“, denn sonst laufen wir Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten und im Fall einer sehr guten Beziehung zu unseren Müttern (wie ich sie erleben durfte) immer von einem unsichtbaren Ideal überschattet zu werden, oder auch im umgekehrten Fall einen umfassenden Abstoßungseffekt (alles anders machen wollen) erleben. Ähnlich verhält es sich auch mit Erziehungsmaximen, auf die ich später noch detailliert eingehen werde: Wir haben die Neigung, diese zu idealisieren und wie eine Art Gebrauchsanweisung zu verstehen, die es in Gänze zu erfüllen gilt, statt einfach nur das zu übernehmen, was uns gut und richtig erscheint und wirklich zu unserer Familie mit all ihren Charakteren passt.

Die Auseinandersetzung mit Identitätsfragen ist ein wichtiger Schritt, der dem Weg der Selbstwerdung vorausgeht. Wenn wir uns dessen bewusst sind, wer wir eigentlich sind, dann wird es uns deutlich leichter fallen, mit einer Haltung von „Ich übernehme nur das, was für mich selbst passt“ an sämtliche Vorgaben und Vorbilder heranzutreten und sie auf den Prüfstand zu stellen. Es bleibt die Frage: Führt eine solche Haltung des Selbstbezugs nicht dazu, dass wir uns gar nicht mehr kritisch anfragen lassen? Ist zwanghaft sein eigenes Ding machen nicht auch irgendwie toxisch? Immerhin ist es ja auch gut, dass zum Beispiel neue Erziehungsratgeber kindliche Bedürfnisse ins Zentrum stellen und alte Erziehungsideale kritisch hinterfragen, die vielleicht einfach auch zu lange niemand hinterfragt hat. Meiner Meinung nach ist das Ruhen und Fest-Sein in sich selbst eine wichtige Voraussetzung, um kritische Anfragen überhaupt erst mit offenem Herzen zulassen zu können und sich im Dasein für andere zu üben (wer geben will, braucht zunächst selbst gefüllte Hände, nur wer also gut für sich selbst sorgt, kann ebenso beherzt für andere da sein). Wer es gewohnt ist, sich selbst immer wieder neu zu finden und zu definieren, schätzt die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Ängstliches „das war aber schon immer so“ wird eher von Menschen gepflegt, die sich an Normen und Althergebrachtem festhalten, weil sie nicht so genau wissen, wer sie eigentlich selbst sind, wenn sie aufhören, an diesen tradierten Idealen festzuhalten. Wer nicht Fremdbestimmung in der Meinungsbildung gewohnt ist, der sieht keine Konkurrenz in neuen Gedanken, sondern Inspiration und Ergänzung. Nur wer bewusst selbst ist, scheut nicht die Begegnung mit anderen und auch nicht die Veränderung. Denn Selbst-Sein ist Veränderung, solange wir leben, mit der einzigen Konstante, dass wir SELBST prüfen, ehren und behalten. Und das gilt auch für das Vorbild unserer eigenen Mütter.

1Nimm dir die Freiheit, du selbst zu sein, S. 20.

2Nimm dir die Freiheit, du selbst zu sein, S. 20.

3Nimm dir die Freiheit, du selbst zu sein, S. 24.

4 Wer wir sind, S. 48.

Reisen in die eigene Vergangenheit

Wenn wir über Prägungen und Identität sprechen, müssen wir auch über Geschichten sprechen. Der Mensch lebt von Geschichten und versteht sich selbst und sein Leben als eine Geschichte, die er immer wieder versucht, in einen stimmigen Deutungshorizont zu bekommen. Die Frage, wer ich heute bin und wie ich zu diesem Menschen geworden bin, erkläre ich mir mit dem Blick in meine eigene Vergangenheit. Wir denken über uns nach, wir reflektieren, was schöne und schwere Momente mit uns gemacht haben, und werden so sehr eins mit dieser von uns selbst erzählten Geschichte unseres Lebens, dass es zunehmend schwer wird, sich von unserer Prägung, die für uns so viel Sinn ergibt und sich (selbst wenn sie schwer sein mag) so zwingend logisch anfühlt, zu emanzipieren. „Ich bin halt so“, sagen wir dann, und es erscheint uns manchmal undenkbar, anders über uns zu denken.

Wir sitzen zu acht um ein Rechteck aus Tischen herum. Das typische „Kirchengemeinde-Flair“, das stets etwas nach staubigem Rooibuschtee schmeckt, wird aufgebrochen durch Vasen mit frischen Schnittblumen, die unseren Tischkreis zieren. Die Frauengruppe der Gemeinde spricht über das Thema „inneres Kind“. Es gibt einen Input, die Gedanken sind mir nicht neu, wir tauschen uns aus über Erfahrungen, die wir als Kinder gemacht haben. Als die Frage „Hast du in deiner Kindheit schmerzhafte Erfahrungen gemacht, die dich bis heute prägen?“ bei mir ankommt, muss ich nicht lange kramen und komme auch nicht ins Stocken wie manch eine meiner Freundinnen am Tisch. Ich habe diese Thematik schon so oft durchdacht, dass es wie ein kleiner Impulsvortrag aus mir heraussprudelt: Ich bin in meiner Kindheit und Jugend schon früh – viel zu früh für ein Kind – mit pornografischen Zeitschriften konfrontiert worden. Frühe kindliche Prägung, die nicht hätte sein dürfen, traf in meiner Jugend auf erste Beziehungserfahrungen mit dem anderen Geschlecht, die mir wiederum unterschwellig vermittelten: Es müssen große Brüste sein! DAS ist das Schönheitsideal – so sollte eine Frau aussehen. Zeit meines Lebens hatte ich daher Schwierigkeiten, die Form meines Busens zu akzeptieren, immer wieder musste ich gedanklich ankämpfen gegen diese Verunsicherung, optisch niemals einem Mann genügen zu können! Ich ernte verständnisvolles Nicken. „Krass, wie klar du das siehst und alle einzelnen verletzenden Erfahrungen so vor Augen hast. Da bist du ja schon ziemlich reflektiert. Und – hast du das mittlerweile überwinden können? Hat dich die Erkenntnis, inwiefern das toxische Prägung ist, frei gemacht?“ – „Nein“, sage ich wie aus der Pistole geschossen, „es ist, als hätte ich das bis in alle Details analysiert, warum ich mich so defizitär fühle, aber ich schaffe es dennoch nicht, das loszulassen!“

Das wiederum liegt vor allem daran, dass ich das Gefühl habe, so sehr „drin“ zu sein in dieser Geschichte, die bestimmte negative Gefühle und Unsicherheiten erklärt, dass ich sie irgendwie verstoffwechselt habe. Noch stärker ist dieser Effekt, wenn wir mit unseren Geschichten anderen Menschen begegnen und uns von ihnen wahrnehmen und ein Stück weit deuten lassen. Wir empfinden als unsere Identität das, was andere Menschen uns über unser Sein spiegeln, und erkennen uns selbst auch im Innen als diejenigen, als die wir von außen durch andere erkannt werden. Jahrelang war ich das Kind meiner Eltern, das nicht gerne draußen war. Ich WAR das, weil meine Eltern so über mich sprachen. Vermutlich habe ich mich in meiner Kindheit und Jugend einfach nur vor der Gartenarbeit drücken wollen. Als ich 2019 begann, draußen zu schlafen, schrieb ich diese Geschichte neu. Plötzlich lebte ich eine neue Identität – ich verbrachte viele Stunden meines Lebens draußen. Sieht mir gar nicht ähnlich, dachte ich anfangs noch selbst, musste mich dann aber korrigieren: Nein, es entspricht einfach nicht der Erzählung meiner Eltern über mich.

Schon unseren Kindern erklären wir die Welt mithilfe von Geschichten, und auch als Erwachsene sind wir noch fasziniert von Geschichten, in denen wir uns wiederfinden, in denen wir unsere Erfahrungen oder sogar unsere Schicksale abgebildet sehen. Geschichten können unser eigenes Leben deuten und erklären oder uns neue Impulse mitgeben, wenn wir uns mit dem Helden einer Geschichte identifizieren. Ich bin Theologin, und bei aller wissenschaftlichen Analyse der biblischen Texte, die diese in ihren historischen Kontext verweist, ist es doch nach wie vor so, dass mich die Geschichten, die Jesus erzählt haben soll, ganz unmittelbar ansprechen. Und so wie Geschichten uns vom ersten Tag an begleiten, so ist auch unser eigenes Leben eine Aneinanderreihung von Gegenwartsmomenten, aus der eine fortlaufende Erzählung über uns selbst entsteht. Und weil das so ist, ist tief in uns der Wunsch verankert, stets kongruent zu unserer eigenen Geschichte zu leben. Wir verhalten uns gemäß den „Ich bin“- und „Du bist“-Sätzen, die wir selbst über und die auch andere von uns erzählen.

Selbst wenn ich etwas getan hatte, was vielleicht aus einem Impuls heraus geschah oder sich bei näherer Betrachtung eine Dummheit nennen lassen muss, begleitet mich wie die meis­ten Menschen der Impuls, zu erklären, warum wir etwas getan haben. In Erzählende Affen1 berichten Samira El Ouas