Tod im Schärengarten - Viveca Sten - E-Book
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Tod im Schärengarten E-Book

Viveca Sten

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Beschreibung

Der 2. Fall für den attraktiven Kommissar Thomas Andreasson Konzentrierte Spannung vor dem Start zur berühmten Segelregatta vor den schwedischen Schäreninseln. Alle erwarten, dass das neue Boot von Oscar Juliander vorne liegen wird – doch Juliander wird erschossen, zeitgleich mit dem Startschuss und vor den Augen des Regattapublikums.Kommissar Thomas Andreasson, der sich gefreut hatte, bei der bekannten Segelregatta hautnah dabei zu sein, ist nun Zeuge eines Mordes. Die Ermittlungen führen ihn ins Milieu der Vornehmen und Reichen, der Yachtbesitzer und Adeligen. Während sich Thomas an der vornehmen Gesellschaft die Zähne ausbeißt, hat Nora, seine Freundin aus Kindertagen, andere Probleme: Ihr Mann will das gerade geerbte Haus auf Sandhamn verkaufen. Während ihre Ehe zu zerbrechen droht, geschieht ein neuer Mord … »Viveca Sten ist Anwärterin auf den Thron der schwedischen Krimikönigin.« (Grazia)

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Seitenzahl: 479

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Viveca Sten

Tod im Schärengarten

Thomas Andreassons zweiter Fall

Roman

Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt

Kurzübersicht

Buch lesen

Titelseite

Inhaltsverzeichnis

Über Viveca Sten

Über dieses Buch

Impressum

Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Karten zum Buch

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Rückblende

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Rückblende

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Rückblende

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Rückblende

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Rückblende

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Rückblende

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

Kapitel 61

Kapitel 62

Kapitel 63

Kapitel 64

Kapitel 65

Kapitel 66

Rückblende

Kapitel 67

Kapitel 68

Kapitel 69

Kapitel 70

Kapitel 71

Kapitel 72

Kapitel 73

Kapitel 74

Kapitel 75

Kapitel 76

Kapitel 77

Kapitel 78

Kapitel 79

Rückblende

Kapitel 80

Kapitel 81

Kapitel 82

Kapitel 83

Kapitel 84

Kapitel 85

Kapitel 86

Kapitel 87

Kapitel 88

Kapitel 89

Kapitel 90

Rückblende

Kapitel 91

Danksagung der Autorin

Inhaltsverzeichnis

Für den liebsten Alexander der Welt

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Sonntag

Kapitel 1

Die Frauenstimme auf Funkkanal sechzehn zählte langsam rückwärts.

»Zehn, neun, acht …«

Das Meer wimmelte von Schiffen. Die großen Hochseeregattaboote mit ihren enormen Segeln und glänzenden Rümpfen drängten sich an der Startlinie, wenige Distanzminuten von Sandhamn entfernt. Außerhalb des Startbereichs manövrierten die Zuschauer ihre Boote im Kampf um den besten Beobachtungsposten. Mit Ferngläsern verfolgten sie gespannt das Schauspiel vor ihren Augen.

Querab steuerbords der Startlinie lag das Startfahrzeug, ein von der Marine zur Verfügung gestelltes Minenräumschiff.

Die Segel blähten sich wie Ballons, um die leichte Brise voll auszuschöpfen. Die Voraussetzungen für einen spannenden Wettkampf waren perfekt.

»… sieben, sechs …«

Die Wettkampfboote navigierten geschickt, um sich zu positionieren. Es grenzte an ein Wunder, dass sie einander nicht rammten. Manchmal trennten sie nur wenige Handbreit in ihrem Kampf um den besten Startplatz – so nahe der orangefarbenen Luvflagge wie möglich.

»… fünf, vier …«

Bei »drei« würde man die Startpistole abfeuern. Das Signal brauchte ein paar Sekunden, um von allen gehört zu werden.

Der erste Vizevorsitzende der Königlich Schwedischen Seglergesellschaft, Rechtsanwalt Oscar Juliander, stand breitbeinig und selbstsicher am Ruder seines schlanken grünen Swan-Boots, einer eleganten Schönheit, die auf den Namen Emerald Gin getauft war. Sie maß einundsechzig Fuß, bot Platz für fünfzehn Mann Besatzung und hatte ihn ein stolzes Sümmchen gekostet. Über zwölf Millionen hatte er der Nautor-Werft in Finnland dafür hinblättern müssen.

Aber sie war jede Krone wert, dachte Oscar Juliander. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn sie heute nicht als Erste vom Start wegkämen. In diesem Sommer würde er den Gesamtsieg der Regatta »Gotland Runt« nach Hause holen, koste es, was es wolle.

Das Adrenalin pulsierte in seinen Adern. Gott im Himmel, wie er das Segeln liebte!

Er warf einen raschen Blick voraus aufs Meer und bemerkte erfreut den Hubschrauber des Fernsehsenders, der über ihnen kreiste. Das würde ein schönes Bild abgeben, wenn die Emerald Gin als Erste die Startlinie überquerte.

Wie üblich hatte er nichts dagegen, in den Medien zu erscheinen, so wie die Medien nichts dagegen hatten, über ihn zu berichten. Hauptsache, er hielt bis zum Schluss die begehrte Position hoch am Wind, um die alle kämpften.

Er ballte die Fäuste. Gleich, gleich würden sie auf dem Weg nach Gotland sein.

Es schäumte unter dem Kiel, als sein Boot durchs Wasser schnitt, nur wenige Meter von der Startlinie entfernt. Sie durften sie nicht zu früh queren, sonst mussten sie zurück und den Start wiederholen. Das würde wertvolle Minuten kosten und konnte über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Er hielt den Atem an, während die letzten Sekunden heruntergezählt wurden. Jetzt waren sie so dicht dran, dass er die Startboje beinahe berühren konnte.

Der Rauch aus der Startpistole stieg in den Himmel, und im nächsten Moment dröhnte der Schuss übers Meer.

Der erste Vizevorsitzende Oscar Juliander kippte langsam nach vorn. Die Hände glitten vom Steuerrad, bedeckt von dem Blut, das aus der Wunde in seiner Brust strömte. Seine blicklosen Augen nahmen nicht mehr wahr, dass das Rennen begonnen hatte. Noch ehe sein Körper dumpf auf dem Deck aufschlug, hatte er das Bewusstsein verloren.

Der Schuss, der Oscar Juliander tötete, fiel perfekt mit dem Schuss zusammen, der den Teilnehmern das Startsignal gab.

Die Emerald Gin überquerte die Startlinie als erstes Boot ihrer Klasse.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 2

»Was machen die denn nur?«, rief Kriminalkommissar Thomas Andreasson aus.

Er stand zusammen mit Peter Lagerlöf, seinem besten Freund bei der Wasserschutzpolizei, an Deck eines der schnellsten Schiffe der Polizeiflotte, einem Kampfboot 90 mit fast sechzehn Metern Länge und einer Höchstgeschwindigkeit von vierzig Knoten.

Thomas hatte dieses Boot selbst befehligt, als er noch bei der Wasserschutzpolizei war. Aber jetzt war Peter der Schiffsführer, denn Thomas hatte sich vor einigen Jahren zur Kriminalabteilung der Polizeistation Nacka versetzen lassen.

Als Peter ihn gefragt hatte, ob er mitkommen und sich vom Boot aus den Start der Regatta anschauen wolle, hatte er keine Sekunde gezögert. Einen Tag auf dem Wasser ließ man sich nicht entgehen. Schon gar nicht, wenn es um die größte Hochseeregatta Nordeuropas ging.

Jetzt bemerkte sein geschultes Auge, dass drüben an der Startlinie etwas vorgefallen war. Eine herrliche Swan 601, die als Erste ihrer Bootsklasse vom Start weggekommen war, fiel plötzlich zurück und brach seitlich aus dem Feld der Konkurrenten aus. Ein sehr merkwürdiges Manöver, da sie für den Weg nach Gotland schnurgerade Kurs auf Almagrundet hätte nehmen müssen.

»Gib mir mal das Fernglas«, bat Thomas und streckte die Hand danach aus. Er hob den schwarzen Zeiss-Feldstecher an die Augen und richtete sich zu seiner ganzen Größe von eins vierundneunzig auf, um besser sehen zu können.

Die Swan war gleich hinter der Startlinie hart am Wind gewesen. Sie hätte inzwischen mehrere Hundert Meter weiter vorn sein müssen, aber stattdessen war sie ans Ende des Teilnehmerfeldes zurückgefallen, während die anderen Boote kräftig Fahrt aufgenommen hatten.

Einer von der Crew stand auf dem Vordeck und winkte mit beiden Armen hoch über dem Kopf.

Ein klassisches Notsignal auf dem Meer.

Durch das Fernglas sah Thomas die Verzweiflung im Gesicht des Mannes. Sofort hatte er ein ungutes Gefühl. An Bord musste etwas passiert sein, etwas Ernstes.

»Kannst du was sehen?«, fragte Peter und blinzelte in das grelle Licht.

»Offenbar ist im Cockpit was nicht in Ordnung. Um das Ruder herum stehen mehrere Leute.« Thomas drehte an der Einstellung des Fernglases, um ein schärferes Bild zu bekommen. »Sieht aus«, sagte er langsam, »als ob da ein Mann zusammengebrochen ist, er liegt auf den Planken und bewegt sich nicht. Ist aber schwer zu sagen, ich kann nicht viel erkennen.«

Peter wandte sich rasch an den Polizisten, der am Steuer stand. »Fahr mal rüber zu der Swan.«

Der Kollege warf das Steuerrad herum und gab Gas.

»Jemand hat den Skipper niedergeschossen!«, schrie der junge Mann auf dem Vordeck, als sie näher kamen. Er gestikulierte wild mit den Armen. »Verdammte Scheiße, irgendein Verrückter schießt auf uns!«

Er verstummte abrupt, als wäre ihm plötzlich bewusst geworden, dass noch weitere Schüsse folgen könnten. Erschrocken ging er in die Hocke und presste sich eng an den Mast. In seinen aufgerissenen Augen stand Angst und Verwirrung.

Thomas ließ den Blick übers Wasser schweifen, ohne genau zu wissen, wonach er eigentlich suchte. In dem Gedränge der Boote war es unmöglich, etwas Bedrohliches auszumachen.

Die große Menge der Zuschauer schien noch gar nicht mitbekommen zu haben, dass etwas passiert war. Die meisten waren damit beschäftigt, die Rennsegler zu beobachten, die inzwischen volle Fahrt aufgenommen hatten. Sonnenreflexe tanzten auf dem Wasser, und hinter ihnen türmte sich das riesige Startschiff auf. In der Ferne waren die Umrisse von Sandhamn und vom Leuchtturm Korsö zu sehen.

Thomas erkannte den Ernst der Lage sofort.

Vor seinen Augen war ein Mord begangen worden. Und vor den Augen Hunderter Zuschauer und Regattasegler. Während einer der wichtigsten Wettkampfveranstaltungen des Segelsports.

Das hier würde einen Medienaufruhr ohnegleichen geben.

Eine große Motorjacht, eine Storebro 500, näherte sich ihnen. Sie war fast siebzehn Meter lang und hatte mehrere Decks. Das fein polierte Mahagoniholz glänzte. Gekrönt wurde sie von einer ausladenden Flybridge, einem offenen Aussichtsdeck mit Kommandostand, von dem aus das Schiff gesteuert werden konnte.

Im grellen Sonnenlicht erkannte Thomas eine Gruppe von Männern und Frauen, die auf ihn hinunterblickten.

Ein Mann in mittleren Jahren mit Kapitänsmütze und KSSS-Emblem auf dem Pullover stand am Steuer. Als seine Jacht nur noch wenige Meter vom Polizeiboot entfernt war, beugte er sich über die Reling.

»Ist was passiert?«, rief er.

»Halten Sie Abstand«, brüllte Peter automatisch zurück.

Es war nicht einfach, das Polizeiboot so zu manövrieren, dass sie weder der Swan zu nahe kamen noch mit der Jacht zusammenstießen. Eine Kollision war das Letzte, was sie in dieser Situation gebrauchen konnten.

»Wir haben Julianders Frau an Bord. Was ist mit ihm?«

Im Cockpit des Segelboots richtete sich plötzlich ein Mann in den Fünfzigern mit silbergrauem Haar und Brille auf. Er wirkte benommen und geschockt, so als könne er nicht richtig glauben, was er gerade gesehen hatte. Auf seinem Polohemd waren rote Spritzer.

»Jemand hat Oscar erschossen«, rief er dem Mann mit der Kapitänsmütze zu. »Oscar ist tot!«

Aus den Augenwinkeln sah Thomas, wie eine Frau mit hellbraunem Haar die Hände vors Gesicht schlug, bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand. Gleich darauf machte das Geknatter des TV-Hubschraubers alle Versuche einer Verständigung zunichte.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 3

Nora Linde legte die Hand auf die schmiedeeiserne Klinke und drückte sie vorsichtig herunter. Die altertümliche weiße Pforte reagierte sofort und öffnete sich zum schönen, aber bereits verwilderten Garten.

Sie blieb am Fuß der Treppe stehen, die zum Eingang der Brand’schen Villa hinaufführte, Sandhamns wohl schönstem Haus. Es stand ganz oben auf dem Kvarnberget, direkt über der Fahrrinne zur Insel mit Blick in alle Himmelsrichtungen. Drüben im Sund nahm gerade eine der weißen Waxholmfähren Kurs auf den Dampfschiffhafen, voll besetzt mit Touristen natürlich, denn es war ja Hochsaison. Nora konnte sehen, wie die Passagiere sich voller Vorfreude über die Reling lehnten und Richtung Sandhamn blickten.

Ihre rotblonden Haare, die den Winter über gewachsen waren und ihr nun bis auf die Schultern reichten, flatterten in der leichten Brise. Mit geübten Bewegungen fasste Nora sie zu einem Pferdeschwanz zusammen und zog ein Gummiband darum.

Von Weitem sah sie aus wie ein Teenager mit ihrer knabenhaften Figur und den langen, braun gebrannten Beinen. Erst wenn man näher kam, konnte man sehen, dass sie eine erwachsene Frau war, die zwei Kinder geboren hatte. Trotzdem umspielte das hellblaue Top ihre Taille ganz locker.

Sie war gerade neununddreißig geworden und hatte ein paar Fältchen um die Augen bekommen. Das eine oder andere graue Haar war zu sehen, und die Sommersprossen auf der Stupsnase erzählten von viel Sonne und frischer Luft.

Ihre grauen Augen waren dunkel vor Kummer.

Den ganzen Tag schon hatte ihr vor diesem Gang gegraust. Sie hatte Henrik angefaucht und mit den Kindern geschimpft. Schließlich hatte Simon, der erst sieben war, sie gefragt, ob er etwas Schlimmes getan habe, weil sie so böse war. Adam hatte neben ihm gestanden und zustimmend genickt.

Das tat weh.

Sie hatte tief Luft geholt und beschlossen, sich nicht so herunterziehen zu lassen. Oder wenigstens ihre Anspannung nicht an der Familie abzureagieren.

Dass Signe Brand, ihre alte Nachbarin und zeitlebens so etwas wie ihre Nenn-Oma, ihr die Brand’sche Villa vermacht hatte – an den Gedanken hatte sie sich inzwischen gewöhnt. Aber der Kummer über das, was Signe sich hatte zuschulden kommen lassen, war immer noch frisch und schmerzlich.

Letzten Sommer war herausgekommen, dass Signe ihren Neffen und dessen Cousine getötet hatte, als die beiden ihren Anteil an der großen Villa forderten und Signe zwingen wollten, das Haus zu verkaufen. Nora selbst war kurz davor gewesen, an einem Insulinschock zu sterben, nachdem Signe – ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, in die sie Nora damit brachte – sie im Leuchtturm auf Grönskär eingesperrt hatte. Hätten ihr Mann Henrik und ihr bester Freund Thomas sie nicht in letzter Sekunde gefunden, wäre auch sie jetzt nicht mehr am Leben.

Ihr lief unwillkürlich ein Schauer über den Rücken.

Nora holte tief Luft und versuchte, sich zusammenzureißen. Der Stein im Magen wollte nicht weichen, aber es war Zeit, hineinzugehen. Sie musste eine Entscheidung treffen, was mit dem Haus werden sollte. Heute war dafür ein genauso guter Tag wie jeder andere.

Langsam ging sie die Treppenstufen hinauf und steckte den Schlüssel ins Schloss. Es knirschte ein wenig, nicht überraschend bei einem so alten Haus. Aber dann ging die Tür auf und eröffnete den vertrauten Blick auf ein Heim, in dem sie von Kindesbeinen an ein und aus gegangen war.

Die geräumige Diele führte zu einem großen Esszimmer, das zum Meer hin lag, so dicht am Wasser, dass man es riechen konnte. Schöne alte Spitzengardinen schmückten die hohen Fenster. In einer Ecke thronte ein riesiger Kachelofen, dunkelgrün und mit Goldranken verziert.

Neben dem Esszimmer befand sich ein großer Salon mit einer altmodischen Sitzgruppe, an den sich eine Glasveranda mit Sprossenfenstern anschloss. Auf dieser Veranda war Signe kurz vor ihrem Tod gefunden worden. Sie hatte sich mit Morphin und einer Überdosis Schmerztabletten das Leben genommen.

Es war ganz still im Haus. Zu still.

Nach einer Weile ging Nora auf, was fehlte. Die alte Standuhr im Esszimmer tickte nicht mehr. Signe hatte immer sorgfältig darauf geachtet, die Uhr aufzuziehen, die ihr Großvater Alarik Brand Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte hierher bringen lassen.

Sie ging zu dem grauen Büfett, das in einer Ecke stand, und nahm den Schlüssel heraus. Sie wusste genau, wo Signe ihn aufbewahrte. In der obersten Schublade links. Vorsichtig öffnete sie das Glas der Standuhr und zog sie auf. Als sie das vertraute Ticken hörte, musste sie lächeln, und gleichzeitig stiegen ihr die Tränen in die Augen.

Sie zwinkerte sie hastig weg. Sie musste das hier hinter sich bringen.

Gestern Abend waren Henrik und sie beinahe in Streit geraten. Er war der Meinung, sie sollten die Brand’sche Villa abstoßen. Sie so schnell wie möglich verkaufen, damit wieder Ruhe einkehrte.

Sie hatten im Bett gelegen und diskutiert, noch lange nachdem die Jungs eingeschlafen waren. Nora hatte das Kinn auf den Ellbogen gestützt und ihm zugehört. Nur eine der Nachttischlampen hatte gebrannt und lange Schatten auf die blau gemusterten Tapeten geworfen. Wegen der Wärme standen beide Fenster weit offen, aber es war trotzdem stickig im Zimmer.

Henriks markantes Gesicht war ernst und seine braunen Augen blickten nachdenklich. Während sie ihn betrachtete, war ihr durch den Kopf gegangen, wie gut er immer noch aussah. Das dicke dunkle Haar mit den wenigen Silberfäden darin war noch nicht ausgedünnt wie bei so vielen ihrer Bekannten. Der Mittelscheitel lenkte den Blick auf sein gut geschnittenes Gesicht.

Manchmal wunderte Nora sich immer noch darüber, dass ein so attraktiver und geselliger Mensch wie Henrik sich in sie verliebt hatte.

Sie selbst war wesentlich zurückhaltender und schüchterner. Sie hatte bei Weitem nicht so ein Selbstvertrauen wie er, und sie bewunderte sein Talent, sich in allen Situationen zurechtzufinden. Ganz selbstverständlich war er der Mittelpunkt bei Gesellschaften, während sie sich meistens damit begnügte, den lebhaften Unterhaltungen zuzuhören. Aber sie liebte es, neben ihm zu stehen und zu beobachten, wie ihre gemeinsamen Freunde über seine witzigen Bemerkungen und schlagfertigen Kommentare lachten.

Während er sprach, hatte sie seinen Arm gestreichelt. Hatte den seit fünfzehn Jahren so vertrauten Geruch eingeatmet.

»Du wärst beinahe gestorben, Nora«, hatte er gesagt. »Wenn wir nicht in den Leuchtturm eingebrochen wären, hättest du nicht überlebt. Du hättest schwere Hirnschäden davontragen können. Wie kannst du nach dieser ganzen Sache in ihrem Haus wohnen wollen?«

 

Wenn es so einfach wäre, dachte Nora und seufzte.

Sie verließ das Esszimmer und ging die Treppe hinauf. Vier große Schlafzimmer beanspruchten fast das ganze Obergeschoss. Das ursprünglich fünfte Zimmer war schon früh zu einem Bad umgebaut worden, in dem eine große Badewanne auf Löwentatzen stand.

Weil Signe so lange allein in diesem Haus gelebt hatte, war nur das südliche Schlafzimmer bewohnt worden. Die anderen Zimmer waren unbenutzt, seit Nora zurückdenken konnte, und sie waren immer noch so möbliert wie zu Signes Jugendzeit Anfang des letzten Jahrhunderts. Die Möbel waren zwar altmodisch-wuchtig, aber sie passten zu ihrer Umgebung. Viele waren außerdem handgefertigt und regelrechte Kunstwerke.

In einem der Räume stand ein herrliches altes Schlafsofa mit Holzschnitzereien und schwarzen Samtpolstern. Signe hatte erzählt, wie ihr Bruder einmal fast in diesem Sofa erstickt wäre, als er noch ein kleiner Junge war. Er hatte sich abends zu Bett gelegt und war gerade eingeschlafen, als das Sofa von ganz allein hochklappte. Im letzten Moment hatte die Mutter ihn schreien gehört und ihn befreit. Danach hatte Helge sich geweigert, jemals wieder auf dem Sofa zu schlafen. Die ganze Familie musste nach Gustavsberg fahren, um ein neues Bett für ihn zu kaufen.

Vor einem Porträt von Signes Eltern blieb Nora stehen. Nach alter Sitte schauten sie mit ernsten Gesichtern direkt in die Kamera. Signes Mutter war ganz in Schwarz gekleidet und saß steif in einem Sessel. Dahinter stand der Vater mit würdevoller Miene. Im Hintergrund sah man den schönen Kachelofen im Esszimmer.

Jetzt konnte Nora ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Es war ein unerträglicher Gedanke, dass Signe nicht mehr lebte. Und unter welchen Umständen sie gestorben war.

Der Kummer über den Verlust machte Nora das Herz schwer. Sie musste beschließen, was mit dem Haus werden sollte. Die Zeit war reif für eine Entscheidung.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 4

»Der heutige Start der Regatta Gotland Runt wurde von dem Mord an einem der Teilnehmer überschattet, Rechtsanwalt Oscar Juliander, dem Vizevorsitzenden des KSSS.«

Der Nachrichtensprecher im Fernsehen trug mit sonorer Stimme vor, was passiert war. Währenddessen schwenkte die Kamera über das glitzernde Meer und zeigte einen Pulk von Segelbooten, die Kurs auf Gotland genommen hatten.

»Der bekannte Anwalt Oscar Juliander war Teilhaber der Kanzlei Kalling, einer der größten Anwaltskanzleien in Schweden. Während seiner langjährigen Tätigkeit als Rechtsanwalt hatte Juliander sich einen Namen als gefragtester Insolvenzverwalter des Landes gemacht.«

Auf dem Bildschirm erschien in Großaufnahme ein Archivfoto, das einen Mann in den Sechzigern zeigte, der durch seine Brille mit ernster Miene in die Kamera starrte. Er trug ein dunkelblaues Polohemd. Die rot glänzende Stirn verriet, dass er sich in praller Sonne auf dem Wasser befand.

»Wir sind natürlich zutiefst schockiert«, sagte ein Mann, bei dem es sich laut Untertext um Hans Rosensjöö handelte, den ersten Vorsitzenden des KSSS. »Unsere Gedanken sind in dieser schweren Stunde vor allem bei seiner Frau Sylvia und seinen Kindern.«

»Was können Sie uns über den Verstorbenen sagen?«, fragte der Reporter und hielt ihm das Mikrofon gefährlich dicht unter die Nase.

Hans Rosensjöö machte ein pikiertes Gesicht, als fände er die Frage ungehörig.

»Oscar war ein passionierter Regattasegler und ein hochgeschätzter Klubkamerad. Wir vom KSSS sind natürlich bestürzt und traurig, dass er nicht mehr unter uns ist.«

»Haben Sie irgendeinen Verdacht, wer ihn ermordet haben könnte?«, bohrte der Reporter weiter.

»Darauf zu antworten ist wohl Sache der Polizei«, versuchte Rosensjöö das Gespräch zu beenden. Er trat einen Schritt zurück, als wollte er einen Angriff abwehren.

»Müssen Sie die Regatta jetzt nicht abbrechen?«, fragte der Reporter in aggressivem Tonfall. »Wäre es nicht ein Wagnis, unter diesen Umständen weiterzumachen, mit einem Mörder draußen auf hoher See?«

»Die Regatta wird wie geplant fortgesetzt. Oscar hätte es nicht anders gewollt. Im Übrigen habe ich nun wirklich nichts mehr dazu zu sagen«, fügte Hans Rosensjöö hinzu und gab sich keine Mühe, seinen Unmut zu verbergen.

Der Reporter zeigte mit einer ausladenden Armbewegung auf den Hafen, wo Motor- und Segelboote einträchtig nebeneinander an den Stegen lagen.

»Hier, mitten im paradiesischen Schärengarten, fragen sich Klubmitglieder und andere Segelsportler, ob es nicht lebensgefährlich ist, den Törn fortzusetzen. Die Polizei hat noch keine Theorie über die Hintergründe des Mordes verlauten lassen. Aber die gesamte Insel steht unter Schock, und die Spekulationen schlagen hohe Wellen.«

Die Kamera schwenkte übers Wasser und verharrte einen Moment bei Lökholmen, der großen Hafenanlage gegenüber von Sandhamn. Links war Telegrafholmen zu sehen, das den Hafen einrahmte und für die geschützte Lage sorgte, für die die Seglermetropole Sandhamn so berühmt war. Die Kamera glitt weiter zu Oscar Julianders Swan, die weit draußen ganz allein an einem der Pontons lag. Der grüne Rumpf glänzte in der Sonne. Die Jacht wirkte verloren und im Stich gelassen, wie ein Rennpferd vor dem Start, das im Stall vergessen worden war.

Das letzte Stück des Anlegers war mit blauweißem Polizeiband abgesperrt. »Zutritt verboten« stand auf einem gelbroten Zettel, mit Verweis auf den Gesetzesparagrafen, der Neugierigen die Annäherung untersagte. Weit draußen war ein Polizeiboot zu erkennen, das sanft auf den Wellen schaukelte.

Mit einem letzten Panoramaschwenk auf das falunrote Klubhaus, das halbmast geflaggt hatte, wurde der Beitrag beendet.

 

»Hast du das gesehen, Ingmar?«, sagte Isabelle von Hahne zu ihrem Mann und wandte sich vom Fernsehapparat ab. »Der gute Hans hat ja keine besonders vorteilhafte Figur gemacht. Braucht ein bisschen Medientraining, der alte Zausel.«

Sie warf einen zerstreuten Blick durch die Balkontür ihrer Suite im Seglerhotel und schaltete den Fernseher mit der Fernbedienung aus.

Ihre blonde Pagenfrisur mit den unauffällig eingearbeiteten hellen Strähnen saß perfekt wie immer. Am kleinen Finger der linken Hand trug sie ihren Wappenring in Gold und Blau mit dem Symbol des baltischen Adelsgeschlechts. Flüchtig bemerkte sie, dass er geputzt werden musste, ebenso wie ihr brillantbesetzter Ehering. Sie zuckte mit den Schultern und begann, rastlos in einer Illustrierten zu blättern.

Ingmar von Hahne schüttelte abwehrend den Kopf.

»Was erwartest du an so einem Tag? Nach einem derartigen Vorfall.« Er ging zur Minibar und nahm eine Portionsflasche Whisky heraus.

»Musst du jetzt trinken?«, fragte Isabelle und verzog das Gesicht.

Ingmar blickte die Frau an, die seit gut dreißig Jahren seine Gattin war, verzichtete aber darauf, die rhetorische Frage zu beantworten.

»Wir haben nachher noch eine außerordentliche Sitzung«, sagte er. »Hans hatte mich gebeten, einen Rundruf zu machen und so viele Vorstandsmitglieder wie möglich zusammenzutrommeln. Wir müssen eine Pressemitteilung aufsetzen und besprechen, wie wir mit dieser traurigen Situation umgehen wollen.«

»Hat er keine Sekretärin, die das erledigen kann?«

»Ich bin der Schriftführer des Vereins«, erinnerte Ingmar seine Frau. »Solche Sachen gehören zu meinen Aufgaben. Besonders in einer Krisensituation wie dieser.«

Er öffnete die kleine Whiskyflasche und leerte den Inhalt in ein Glas.

»Wir treffen uns um acht. Im Mitgliederzimmer. Du musst allein essen, aber ich wäre heute Abend sowieso keine besonders angenehme Gesellschaft. Vielleicht isst du mit Britta?«

Isabelle seufzte und schaltete demonstrativ den Fernseher wieder ein.

»Das einzige Thema, das Britta Rosensjöö kennt, sind ihre Enkel.«

Ingmar nahm einen Schluck von seinem Whisky.

»Hat eigentlich schon jemand mit Sylvia gesprochen, seit sie wieder an Land ist?«, fragte Isabelle.

Ihr Mann schüttelte den Kopf. »Nicht dass ich wüsste«, sagte er. »Aber ich vermute, Hans hat dafür gesorgt, dass sie ein Beruhigungsmittel bekommt. Er wollte die Kinder anrufen. Sie sind sicher unterwegs, falls sie nicht schon hier sind.«

»Jedenfalls die, von denen man weiß«, murmelte Isabelle.

Ingmar warf ihr einen schnellen Blick zu. »Mir ist bekannt, dass Oscar kein Unschuldslamm war, aber das hat er nicht verdient.«

Er sah seinen Sportsfreund vor sich, als sie das letzte Mal miteinander gesprochen hatten. Das war gestern gewesen, beim Skippertreffen, achtzehn Uhr am Samstagabend. Da hatten sich alle Segler zu einem letzten Durchgang der Wettkampfbedingungen getroffen.

Oscar hatte neben der Fahnenstange am großen Kai gestanden, ein breites Lächeln auf den Lippen. Er war genauso sonnengebräunt wie üblich. Das kräftige blonde Haar, das immer noch nicht grau werden wollte, war schon von der Sonne gebleicht. Ebenso wie seine Seglershorts, deren ursprünglich rote Farbe zu einem hellen Rosa verschossen war. Oscar war bester Laune gewesen. Voller Kraft und Energie. Er hatte mit seiner Crew gescherzt und gelacht.

Ingmar von Hahne steuerte erneut die Minibar an.

 

»Nora, hast du schon gehört, was passiert ist?«

Henrik kam aufgeregt zur Haustür herein. Nora hatte auf dem Sofa gedöst. Die Anspannung von dem Besuch in Signes Haus hatte an ihren Kräften gezehrt.

Sie sah ihn verschlafen an. »Was denn?«

»Jemand hat Oscar Juliander erschossen.«

»Was?«

»Den Anwalt. Den Vizevorsitzenden des KSSS. Er wurde genau im Moment des Starts ermordet.«

»Ist das wahr?«

»Erinnerst du dich, dass wir uns gestern sein Boot angesehen haben? Emerald Gin heißt es. Das war diese Swan, die im Hafen lag.«

»Das grüne?«

»Genau das.«

Nora musste sofort an die Ereignisse des letzten Sommers denken. Schon wieder ein Mord auf Sandhamn. Sie spürte ein Ziehen in der Magengrube. Sie wollte nicht, dass Henrik recht behielt.

»Bist du dir wirklich sicher?«

»Wenn ich’s dir doch sage. Es ist bestimmt in den Nachrichten gekommen.« Er griff zur Fernbedienung und drückte die Taste für Bildschirmtext. »Hier, lies selbst.«

Die grünen Buchstaben leuchteten auf dem schwarzen Hintergrund. In dürren Worten schilderte der Text, was vor wenigen Stunden passiert war.

Nora merkte, wie Tränen ihren Blick verschleierten. Alle schrecklichen Erinnerungen brachen über ihr zusammen.

»Das ist vielleicht ein Ding«, fuhr Henrik fort, ohne sie zu beachten. »Ich muss meine Eltern anrufen. Julianders Sommerhaus auf Ingarö liegt nicht weit von ihrem.«

Er verschwand in der Küche, und Nora hörte, wie er telefonierte.

Sie sank wieder zurück aufs Sofa. Sie weigerte sich zu glauben, dass es stimmte.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 5

»Was ist bloß mit den Menschen auf dieser Insel los?«

Göran Persson, Chef der Kriminalabteilung der Polizeistation Nacka und normalerweise besser als »der Alte« bekannt, konnte seinen Ärger nicht verhehlen.

Es war halb sieben am Sonntagabend und Thomas war ans Festland zurückgekehrt. Seine jüngeren Kollegen Kalle Lidwall und Erik Blom waren ebenfalls eilig zusammengetrommelt worden. Neben ihnen saß Carina Persson, die Tochter des Alten, die in den vergangenen zwei Jahren als Bürokraft auf der Station gearbeitet hatte, während sie sich um einen Studienplatz an der Polizeihochschule bemühte. Im Herbst würde es nun endlich so weit sein.

»Erst diese verrückte Oma letztes Jahr, die wegen eines alten Hauses reihenweise Leute umbringt. Und in diesem Sommer werden irgendwelche Regattasegler auf offener See abgeknallt. Die Journalisten sind kurz vorm Durchdrehen. Habt ihr eine Vorstellung, wie viele von denen schon hier angerufen haben?«

Der Alte war hochrot im Gesicht, und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Sein massiger Körper quoll über den Bürostuhl. In der Ferne grollte ein Gewitter, der Himmel war von graublauen Wolken bedeckt, die rasch aufgezogen waren und das sonnige Wetter abgelöst hatten.

»Noch ein Sommer, der zum Teufel geht, weil irgend so ein schießwütiger Idiot seine Finger nicht unter Kontrolle hat.«

Dein Sommer war es ja wohl kaum, der voriges Jahr zum Teufel gegangen ist, dachte Kriminalkommissarin Margit Grankvist missmutig und trank einen Schluck von dem nach Kaffeesatz schmeckenden Gebräu, das sie sich gerade aus dem Kaffeeautomaten geholt hatte.

Ihr war der verdorbene Urlaub im letzten Sommer noch frisch in Erinnerung. Sie hatte ihren Mann und ihre beiden pubertären Töchter an der Westküste allein lassen müssen, um an der Aufklärung der Morde auf Sandhamn mitzuwirken.

In diesem Jahr hatte sie, aus Schaden klug geworden, stattdessen ein Haus auf Djurö gemietet, eine drei viertel Autostunde von der Polizeistation Nacka entfernt. Dass ihre Töchter damit von der Mopedgang, die sie letztes Jahr unten in Halland kennengelernt hatten, ferngehalten wurden, hatte Margit Grankvist die Entscheidung zusätzlich erleichtert.

Nach drei Wochen Urlaub hatte sie nun eine frische Sonnenbräune, die ihre mageren Gesichtszüge ein wenig freundlicher machten. Ein Gesicht, in dem langjähriger Polizeidienst und unregelmäßige Arbeitszeiten ihre Spuren hinterlassen hatten. Die tief liegenden Augen blickten wachsam. Es war kaum das Verdienst des Alten, dass sie ihren Sommer in diesem Jahr besser geplant hatte.

»Thomas, du warst am Tatort. Was kannst du uns berichten?«, fragte der Alte.

Thomas sah von seinen Notizen auf und blickte in die Runde.

Auch er hatte Farbe bekommen, und sein Haar war an den Schläfen nahezu weißblond. Um die Augenwinkel zeigten sich hellere Runzeln in der Sonnenbräune. Er trug ein hellblaues Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln und eine Jeans, der man deutlich ansah, dass das Portemonnaie seit Jahren in der Gesäßtasche deponiert wurde. Obwohl der Mord einen entspannten Tag auf See in anstrengenden Polizeidienst verwandelt hatte, sah er frisch und ausgeruht aus. Thomas streckte den Rücken und versuchte zusammenzufassen, was sich vor einigen Stunden abgespielt hatte.

Ehe sie die Swan in den Hafen manövriert und Arzt und Kriminaltechniker hinzugeholt hatten, war fast der halbe Tag vorbei gewesen. Nach einer Weile hatte man Oscar Julianders Leiche zur Obduktion und weiteren Untersuchung in die Rechtsmedizin nach Solna gebracht. Die Emerald Gin lag immer noch im Hafen von Sandhamn. Sie sollte beschlagnahmt und auf die Polizeiwerft geschleppt werden. Dort konnte man sie genauer unter die Lupe nehmen, als es im Hafen möglich war.

Thomas und Peter hatten in einem Konferenzraum des Hotels kurze vorläufige Vernehmungen der Augenzeugen durchgeführt, die sich an Bord der Emerald Gin befunden hatten.

»Niemand scheint besonders viel gesehen oder gehört zu haben. Nach Aussage des Crewmitglieds Fredrik Winbergh, der direkt neben Juliander gestanden hatte, war alles blitzschnell gegangen. In der einen Sekunde ging es noch darum, den Start für sich zu entscheiden, und in der nächsten brach das Opfer vor seinen Augen zusammen.«

»Könnte Winbergh der Täter gewesen sein?«, fragte Margit.

»Ausschließen können wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts«, erwiderte Thomas. »Aber sie waren fünfzehn Leute an Bord, und mehrere von ihnen befanden sich beim Start in der Nähe des Cockpits.«

»Dann ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass einer von denen eine Pistole gezogen und vor aller Augen geschossen hat«, beantwortete Margit ihre eigene Frage.

»Es wäre schlauer gewesen, eine Nachtwache abzuwarten. Oder bis sie wieder an Land gegangen wären«, warf Erik ein. »Wieso sich unnötige Mühe machen?«

»Wir haben sämtliche Kleidungsstücke der Besatzung sichergestellt, um sie auf Schmauchspuren und andere Indizien für einen Nahschuss zu untersuchen«, sagte Thomas.

»Was wäre die Alternative?«, sagte Margit. »Dass der Täter sich an Bord eines anderen Schiffes befunden hat? Einer der Konkurrenten vielleicht?«

Thomas nickte.

»Das würde heißen, wir suchen die Nadel im Heuhaufen.«

Thomas hatte Margits Kommentar nichts hinzuzufügen. Es war praktisch unmöglich, die Hunderte von Booten zu überprüfen, die sich im Gebiet getummelt hatten. Der Täter konnte von jedem dieser Boote aus geschossen haben.

Er blickte wieder auf seine Notizen.

»Winbergh glaubte zuerst, Juliander hätte einen Schlaganfall«, fuhr er fort. »Das war jedenfalls sein erster Gedanke, bis er das Blut auf der Brust sah. Aber nicht einmal da begriff er, dass der Mann niedergeschossen worden war.«

»Was ist mit den Booten der Zuschauer?«, fragte Margit. »Hat auf denen jemand beobachtet, was passiert ist?«

Thomas schüttelte den Kopf.

»Nicht direkt. Wir haben kurz mit einem Zeugen auf einer Storebro gesprochen, die eine größere Gesellschaft des KSSS an Bord hatte. Sie befanden sich nahe der Startlinie, als Juliander erschossen wurde. Wir werden sie morgen ausführlich befragen, heute war dafür keine Zeit.« Er las in seinen Notizen. »Julianders Frau Sylvia war ebenfalls auf der Storebro. Sie stand so unter Schock, dass wir sie nicht befragen konnten. Zu der Gesellschaft gehörten auch ein Hans Rosensjöö und seine Frau.«

»Ist das nicht der Vorsitzende des KSSS?«, fragte der Alte.

»Richtig. Er ist Bankdirektor. Seine Frau heißt Britta. Er hat hauptsächlich darauf geachtet, wie die Segel im Moment des Starts standen, sagt er, und nicht, was im Cockpit von Julianders Boot passierte.«

»Wer war noch da?«, fragte Margit.

»Sekunde«, sagte Thomas und blätterte in seinen Notizen. »Ein weiteres Ehepaar namens Ingmar und Isabelle von Hahne.«

»Die Crème de la crème natürlich«, brummte der Alte vor sich hin.

»Der Eigner der Storebro heißt Axel Bjärring und ist Arzt«, fuhr Thomas fort, ohne sich ablenken zu lassen. »Seine Frau Lena ist auch Ärztin, sie war es, die an Bord der Swan ging und Julianders Tod feststellte. Ihre halbwüchsige Tochter war bei ihnen. Nach den Weingläsern an Bord zu urteilen war die Gesellschaft nicht mehr ganz nüchtern.«

»Was wissen wir noch über das Opfer?«, fragte Margit. »Ich habe ihn manchmal im Fernsehen gesehen. Er war ja ziemlich bekannt.«

»Er galt als Favorit für dieses Rennen«, sagte Thomas. »Laut Winbergh hat Juliander an mehr als fünfzehn Gotland-Runt-Regatten teilgenommen. In diesem Jahr war er mit seinem neuen Swan-Boot aus Finnland am Start, deshalb setzte er alles daran zu gewinnen. Er war ein hohes Tier im KSSS und aktiver Segelsportler.«

»Feinde?«, warf Erik ein.

»Ein so bekannter Anwalt muss sich Feinde gemacht haben«, erwiderte Thomas. »Fragt sich nur, ob einer von denen hinter dieser Sache steckt.«

»Es ist trotzdem ungewöhnlich, dass Rechtsanwälte ermordet werden«, sagte Margit. »Und dann auf so eine spektakuläre Art und Weise. Verdammt aufsehenerregend, das kann man wohl behaupten.«

Kalle, der bisher noch nichts gesagt hatte, brummte zustimmend.

»Gibt es ein offensichtliches Motiv?«, wollte der Alte wissen.

Thomas schüttelte den Kopf. Die Ermittlung war gerade erst angelaufen. Aber spekulieren konnte man ja.

»Liebe, Hass oder Geld«, murmelte Margit.

»Was sagt die Rechtsmedizin?«, fragte der Alte und wechselte das Thema.

»Sie ziehen unseren Fall vor«, sagte Margit mit einem Anflug von Zufriedenheit in der Stimme. »Vielleicht schaffen sie es, ihn schon am Dienstag in Augenschein zu nehmen.«

Sie warf einen Blick zu Thomas, der beifällig nickte. Margit musste ordentlich Druck gemacht haben, damit es so schnell ging.

Seit den Mordermittlungen im letzten Sommer waren Thomas und Margit so etwas wie ein Gespann. Sie hatten auf einer persönlichen Ebene zueinandergefunden und entdeckt, dass sie sich bei der mühsamen Ermittlungsarbeit gut ergänzten.

Thomas hörte geduldig zu, wenn Margit sich über ihre beiden Teenagertöchter und die ständigen Diskussionen beklagte. Zum Dank hielt Margit ein wachsames Auge auf Thomas und versuchte zu verhindern, dass er allzu viele unangemessen lange Tage im Dienst verbrachte.

»Sobald Julianders Frau ansprechbar ist, werden wir mit ihr reden«, sagte Thomas. »Wir müssen natürlich seine Kollegen in der Kanzlei befragen und den Vorstand des Segelklubs. Sie sind alle auf Sandhamn wegen der Regatta, deshalb fahren wir morgen früh wieder raus.«

Er wandte sich an Carina.

»Ruf den Fernsehsender an und bitte sie, uns die Filmaufnahmen vom Start zu schicken, ja? Vielleicht bringt es was.«

»Mach ich gleich, wenn wir hier fertig sind.«

Der Alte wirkte nachdenklich, so als würde er gerade einen Entschluss fassen.

»Ich glaube, ich werde den Polizeichef um einen Pressesprecher bitten. Wir brauchen jemanden, der sich um die Medien kümmert, sonst können wir nicht in Ruhe arbeiten. Das hier ist ein großes Ding, ich hoffe, das ist euch klar.«

Niemand widersprach. Die unangenehmen Erfahrungen vom letzten Sommer waren allen noch gut in Erinnerung, und die reißerischen Schlagzeilen auf den Zeitungsplakaten, die die Nachricht bereits herausposaunten, gaben dem Alten recht.

»Landeskriminalamt?«, warf Margit ein. »Sollen wir sie einschalten?«

»Wir behalten den Fall vorläufig bei uns.« Die Antwort des Alten kam scharf und knapp. »Gut, das war’s dann«, fuhr er fort. »Margit und Thomas, ihr leitet die Ermittlungen. Margit hält den Kontakt zur Staatsanwaltschaft. Ich weiß noch nicht, wer dort den Fall übernimmt. Kalle und Erik können euch wieder zur Hand gehen, das hat ja letzten Sommer gut geklappt.«

Er ließ den Blick zwischen Margit und Thomas hin und her wandern und verzog das Gesicht zu einem ironischen Lächeln.

»Ihr habt doch sicher nichts dagegen, euren Urlaub auch dieses Jahr zu verschieben? Aus alter Gewohnheit sozusagen. Wieder mal ein Sommeraufenthalt im exklusiven Sandhamn.«

Margit, die im August noch eine Reise auf die Kanarischen Inseln geplant hatte, lächelte steif zurück.

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Kapitel 6

Es war drückend heiß im Raum, obwohl es schon nach zwanzig Uhr war. In der Ferne grummelte ein Gewitter.

Hans Rosensjöö zog ein weißes Baumwolltaschentuch hervor und trocknete sich diskret die Stirn. Sein Polohemd war am Rücken schon durchgeschwitzt, dabei hatte er eben erst geduscht.

Der Stuhl zu seiner Linken, wo normalerweise der erste Vizevorsitzende hätte sitzen sollen, war gähnend leer.

An dem langen Konferenztisch, der eilig aus mehreren kleineren Tischen zusammengestellt worden war, saßen elf der regulär fünfzehn Vorstandsmitglieder. Gar nicht mal schlecht für eine so hastig einberufene Sitzung, dachte Rosensjöö. Aber die meisten waren ja wegen der Regatta ohnehin auf Sandhamn. Es war das größte Segelrennen des Klubs und eine wichtige Einnahmequelle.

Hans Rosensjöö erinnerte sich, wie er als kleiner Junge seinen Vater nach Sandhamn begleitet hatte, um sich die feierliche Preisverleihung anzusehen. Damals hatten imposante Mahagoniboote um den Sieg bei Gotland Runt gewetteifert. Sie trugen ehrwürdige Namen, wie Refanut, Barracuda und Beatrice Aurore. Heutzutage wurden alle nach ihren Sponsoren getauft, ein Ericsson und Volvo nach dem anderen. Hans Rosensjöö schnaubte verächtlich, was waren das eigentlich für Namen für einen Rennsegler?

In der guten alten Zeit waren die Polsterbänke in den Kajüten mit dunkelrotem Samt bezogen und die Skipper umwehte ein leichter Zigarrenduft. Drei-Gänge-Menüs und ein kleines Nickerchen waren obligatorisch. Gute Weine gehörten auch dazu.

Heutzutage waren die großen Weltumsegler unter Deck meist leer, dachte Hans Rosensjöö. Es gab nicht einmal genug Schlafplätze für alle, da die Crew sowieso in Schichten arbeitete.

Die Teilnehmer der Nachkriegszeit bewältigten ihre Törns mithilfe von Uhr, Echolot und astronomischer Navigation. Der Kontrast zu den heutigen Regattamaschinen mit ihrer hochgezüchteten elektronischen Ausstattung und ihren spezialdesignten Segeln hätte nicht größer sein können. Die Computerausstattung an Bord konnte sich mit der eines Flugzeugs messen. Es gab keine Grenzen für das, was mit Computerunterstützung alles möglich war.

Außer vielleicht die menschliche Kunst des Segelns.

In modernen Zeiten hatte Gotland Runt sich zu einem großen Event entwickelt, bei dem Millionen Kronen umgesetzt wurden. Wenn am ersten Sonntag nach Mittsommer der Startschuss für die Regatta fiel, richtete sich das Interesse der ganzen Seglerwelt auf Sandhamn. Die Zuschauerplätze außerhalb des Startbereichs im Südosten der Insel füllten sich mit geladenen Sponsoren, Touristen und anderen Interessierten. Exklusive Jachten lagen neben kleinen offenen Motorbooten. Jeder wollte bei dem Volksfest dabei sein, ganz gleich, ob zum Anstoßen mit Champagner oder zum Verzehren mitgebrachter Käsebrote.

Volksfest. Heute klang allein schon das Wort wie Hohn.

Hans Rosensjöös Laune war düster. Aber trotz seiner depressiven Stimmung hatte er mit charakteristischer Entschlossenheit den Tag damit verbracht, das Chaos zu bewältigen, das auf das Ereignis gefolgt war. Das Telefon hatte ununterbrochen geklingelt. Wenn nicht irgendein Journalist dran war, der ihn mit Fragen löcherte, waren es schockierte Klubmitglieder und Funktionäre, die sich bei ihm meldeten.

Rosensjöö war ein Mann von altem Schrot und Korn. Ein rechtschaffener Bürger, der sich den Wahlspruch des alten Königs bedingungslos zu eigen gemacht hatte: Die Pflicht geht immer vor. Er hatte als Reserveoffizier der Marine den Rang eines Korvettenkapitäns erreicht und war als ehrbarer, anständiger Mensch von hoher Moral bekannt. Als geschäftsführender Vorstand hatte er den wechselnden Konzernchefs seiner Bank loyal gedient, aber nun würde er bald in Rente gehen und von seinen Kollegen verabschiedet werden.

Er hätte sich nie träumen lassen, dass die letzten Monate seiner langen Amtszeit als Vorsitzender des KSSS von einem kaltblütigen Mord an seinem Nachfolger überschattet sein könnten.

Noch nie zuvor hatte er bei der Eröffnung einer Sitzung ein solches Gefühl von Ohnmacht und Lustlosigkeit gehabt. Er griff zum altehrwürdigen hölzernen Sitzungshammer und schlug damit auf den Tisch. Die Sitzung war eröffnet.

Rechts von ihm saß der Schriftführer und zweite Vizevorsitzende des KSSS, Ingmar von Hahne. Er hatte einen unbenutzten Schreibblock vor sich, daneben lagen zwei frisch gespitzte Bleistifte. Im Moment saß er mit gesenktem Kopf da und starrte auf das schneeweiße Papier. Am kleinen Finger seiner linken Hand glänzte der Siegelring mit dem Adelswappen.

Da saß ein Mann, dessen größte Begabung in seiner gesellschaftlichen Gewandtheit und seiner piekfeinen Herkunft bestand, dachte Rosensjöö säuerlich. Niemand konnte bei einem Dinner so charmant mit den Damen plaudern wie Ingmar. Niemand tanzte so elegant wie Ingmar. Auf dem Ball der königlichen Klubs war er der Favorit der Königin. Aber er war kein Vollblutkerl, der Oscars Platz ausfüllen konnte.

Hans Rosensjöö ließ den Blick um den Tisch wandern, bis er bei Martin Nyrén ankam, dem Vorsitzenden des Intendentkomitees, der kleine Figuren auf seinen Block malte. Neben ihm saß der dicke Arvid Welin, Vorsitzender des Klubkomitees und ein bekannter Mann in der Finanzbranche. Beide machten verkniffene Gesichter.

Hans Rosensjöö räusperte sich.

»Lasst uns mit einer Schweigeminute für unseren verstorbenen Kameraden Oscar Juliander beginnen«, sagte er und senkte den Blick.

Er hielt fünfundvierzig Sekunden durch, dann fand er, dass es reichte.

»Vielen Dank, dass ihr alle so kurzfristig kommen konntet«, begann er. »Das hier ist eine Situation, auf die wir natürlich überhaupt nicht vorbereitet sind.«

Er schwieg einige Sekunden und suchte nach den richtigen Worten.

»Wir müssen zuallererst an den Fortgang der Regatta und den guten Ruf des KSSS denken. Es sind eine Reihe von Beschlüssen zu fassen.«

Er räusperte sich wieder.

»Sind wir uns darüber einig, die Regatta ganz normal fortzusetzen? Dass wir Oscar ehren, indem wir sie zu Ende bringen?«

Alle Anwesenden nickten zustimmend. Noch immer hatte kein anderer das Wort ergriffen. Das Schweigen bedrückte ihn, ohne dass er wusste, wieso.

»Ich glaube, dass Oscar es so gewollt hätte«, fügte er lahm hinzu. Dann atmete er tief durch und betrachtete die Mitglieder des Vorstands.

»Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass wir in größtmöglichem Umfang mit der Polizei zusammenarbeiten müssen.«

»Herr Vorsitzender, ich bitte ums Wort«, meldete sich Arvid Welin. Auf seiner Glatze glänzte der Schweiß. »Hans, wer soll denn jetzt auf der Jahresversammlung im September zu deinem Nachfolger gewählt werden? Oscar war ja schon nominiert. Und du kannst nicht noch einmal antreten.«

Hans Rosensjöös Gereiztheit wuchs. Arvid war so ein kleinkarierter Formalist. Was spielte das an einem Tag wie diesem für eine Rolle?

»Wir finden eine Lösung«, sagte er ausweichend. »Eins nach dem anderen.«

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Er war sieben Jahre alt, als er zum ersten und einzigen Mal in der Mittagspause weinend nach Hause kam. Er war gerade in die erste Klasse der Privatschule Broms auf Östermalm gekommen, nicht weit von der großen, prächtigen Wohnung, die ein paar Hundert Meter vom Karlaplan entfernt lag.

Verzweifelt warf er sich in die Arme der Mutter, als sie die Haustür öffnete. Sein kleiner Körper wurde vom Schluchzen geschüttelt.

Plötzlich sah er seinen Vater in der Eingangshalle auftauchen. Er erstarrte. Wieso war Vater mittags zu Hause?

Die große Gestalt im dunklen Anzug sah ihn missbilligend an.

»Warum weinst du, Junge?« Die Stimme war kalt und distanziert.

Zwischen den Schluchzern versuchte er zu erklären, dass einer der großen Jungs ihm seine schönste Murmel weggenommen hatte, die aus blauem Glas, als sie auf dem Schulhof spielten.

»Was hast du daraufhin getan?«, fragte der Vater streng.

Stockend berichtete er, dass er weggelaufen war. Es hatte keinen Sinn, sich mit Wille Bonnevier anzulegen, der zwei Klassen über ihm war. Er hatte sich nicht getraut, etwas zu tun, sondern den Schulhof verlassen.

Die Ohrfeige warf ihn beinahe um. Der Schock bewirkte, dass er aufhörte zu weinen.

Ein großer roter Fleck breitete sich auf seiner linken Wange aus. Niemand sagte etwas.

Er suchte den Blick seiner Mutter, aber sie wandte den Kopf ab. Auf der Schwelle zur Küche stand seine geliebte Kinderfrau Elsa, aber sie wagte nicht zu protestieren.

Wenn der Herr Direktor in so einer Stimmung war, hielt man besser den Mund.

Elsa rang die Hände. Ihr blutete das Herz, während sie den kleinen Jungen ansah, der zitternd vor seinem Vater stand.

»Du gehst jetzt in die Schule und holst dir deine Murmel zurück. In unserer Familie dulden wir so etwas nicht. Denk daran, wer wir sind. Und du hörst sofort auf zu heulen.«

»Ja, Vater.« Die Worte kamen nur flüsternd.

Er senkte den Kopf und zog seine Jacke wieder an. Vergeblich suchte er noch einmal den Blick seiner Mutter. Mit langsamen Schritten stieg er die grüne Marmortreppe hinunter und öffnete das schwere Tor.

Die Angst, dem Vater zu missfallen, war größer als die Angst vor den älteren Schulkameraden.

Als er seine Murmel zurückforderte, war ihm ganz übel vor Furcht, aber er bekam sie in die Hand gedrückt. Ob es daran lag, dass Wille verblüfft über seine Dreistigkeit war oder ob er einfach das Interesse verloren hatte, bekam er nie heraus.

Sein Vater fragte nicht nach der Murmel, als er am Abend nach Hause kam.

In dieser Nacht nässte er wieder ein.

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Montag, erste Woche

Kapitel 7

Das rote Taxiboot legte gerade vom Kai in Stavsnäs ab, als Thomas und Margit vom überfüllten Parkplatz angelaufen kamen. Sie hatten mit Mühe geschafft, Thomas’ Volvo in eine winzige Lücke zu quetschen, in der hintersten linken Ecke des Platzes. Kein Zweifel, es war Hochsommer. Hunderte von Autos, die alle den Freizeit-Inselbewohnern im südlichen Schärengarten gehörten, drängten sich auf dem Platz.

Der Bootsführer sah sie kommen und erbarmte sich. Er stoppte das Rückwärtsmanöver und steuerte zurück an den Kai, sodass sie an Bord springen konnten.

»Danke«, keuchte Thomas und nickte ihm zu.

Sie gingen die Treppe zum Passagierraum hinunter und suchten sich einen der Tische im Salon, der kaum halb voll war. Thomas ging zu dem kleinen Tresen, der auch als Cafeteria fungierte, um zwei Fahrscheine zu lösen. Es duftete verführerisch vom Mini-Grill herüber, und Thomas merkte, wie hungrig er war.

»Was riecht denn da so gut?«, fragte er die freundliche Frau hinter dem Tresen.

»Überbackener Toast. Wollen Sie einen? Die sind richtig gut, wenn ich das mal so sagen darf.«

Sie hielt ihm einen Teller hin, damit er sich selbst ein Bild von den Toasts machen konnte.

Thomas musste nicht lange überredet werden. Er bestellte einen für sich und einen für Margit. Zwei Leichtbier durften es auch sein. Er nahm die Flaschen und zwei Gläser und ging zurück zu Margit.

»Hier«, sagte Thomas und hielt ihr die kleine Plastikkarte hin, als Beweis, dass er Margits Überfahrt nach Sandhamn bezahlt hatte.

»Hast du dir eine Quittung geben lassen?«, fragte sie mit Unschuldsmiene.

»Japp. Hab ausnahmsweise mal daran gedacht. Aber danke, dass du fragst.«

Thomas’ schludriger Umgang mit Quittungen und Spesen war ein running gag unter den Kollegen.

Plötzlich hörte er eine wohlbekannte Stimme.

»Na, wenn das nicht der Thomas ist. Tag auch!«

Thomas blickte auf und erkannte einen seiner Nachbarn von Harö. Hasse Pettersson war ein wettergegerbter Kerl in den Siebzigern, der seit seiner Pensionierung die meiste Zeit draußen auf Harö verbrachte, wo er aufgewachsen war. Seine verschlissene Jeans hatte einen großen Ölfleck auf dem Oberschenkel. Was Pettersson nicht über Motoren wusste, war es nicht wert, gewusst zu werden. Er war in der ganzen Gegend geschätzt als Fachmann für alles, was nicht mehr funktionierte, und er half gerne als Retter in der Not. Natürlich ohne Rechnung.

»Tag, Pettersson.« Thomas erhob sich und schüttelte ihm die Hand. »Wie geht’s?«

»Ach, muss ja, du. Hast du schon Urlaub? Hab neulich erst deinen Vater getroffen, er meinte, du würdest wohl bald kommen.«

»Ist noch nicht ganz so weit.« Thomas schüttelte den Kopf. »Bin gerade auf dem Weg nach Sandhamn. Dienstlich. Du hast sicher gehört, dass gestern beim Regattastart jemand erschossen wurde? Wir wollen uns mal unter den Leuten umhören, die dabei waren.«

»Oscar Juliander. Der Anwalt.« Pettersson spuckte die Worte geradezu aus. »Wenn du mich fragst, ist das kein großer Verlust. Das war ein altes Aas, dieser Juliander.«

Er nickte nachdrücklich, schob sich einen Snus unter die Lippe und ließ sich mit seiner Kaffeetasse an ihrem Tisch nieder.

»Haben Sie ihn mal getroffen?«, fragte Margit.

»Nicht nur ein Mal. Der Kerl hat vor etlichen Jahren versucht, mich übers Ohr zu hauen. Und zwar gewaltig.«

Pettersson schnaubte, um sein Missfallen zu bekunden, und stopfte die Snusdose in seine Gesäßtasche. Sein rechter Zeigefinger zeugte vom eifrigen Gebrauch des Lutschtabaks, er war nikotingelb und der Tabaksaft hatte sich als prächtiger Trauerrand unter seinem Nagel verewigt.

»Was meinen Sie damit, er hätte versucht, Sie übers Ohr zu hauen?«, fragte Margit und biss von ihrem Toast ab, den die Cafeteria-Bedienung eben gebracht hatte. Sie biss gleich noch einmal ab, obwohl sie den ersten Bissen kaum geschluckt hatte. Das war ja richtig lecker.

»Er wollte mir ein Grundstück abluchsen, das ich auf Runmarö habe. Dafür gab’s keine Baugenehmigung, von wegen Strandschutz und so. War also nicht viel wert. Er meldete sich bei mir und wollte es mir für ’n Appel und ’n Ei abkaufen.«

»Und warum?«, fragte Thomas.

»Er wollte es als Holzland haben.«

»Holzland?« Margit machte ein verständnisloses Gesicht. »Was ist das?«

»Das ist Land, auf dem du Holz sammeln und Ähnliches machen kannst«, erklärte Thomas, »aber du darfst keine Gebäude darauf errichten.«

»Und was ist dann passiert?«, fragte Margit.

»Tja, das kann ich Ihnen sagen. Wie sich herausstellte, hatte die Kommune vor, wenigstens ein paar Bauanträge doch zu bewilligen. Anscheinend hatte irgendjemand unten in Europa geklagt, wenn ich es richtig verstanden habe. Irgendein Dickschädel, der sich nicht damit abfinden wollte, ein Strandgrundstück zu haben, das zu nichts taugt.«

»Damit hatten sie bei der Kommunalverwaltung wohl nicht gerechnet«, sagte Thomas.

Pettersson wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und schüttelte den Kopf.

»Mit Baugenehmigung war dieses Grundstück einige Millionen wert«, fuhr er fort. »Und nicht die hundertfünfzigtausend Kröten, die Juliander mir geboten hat.«

Er drehte sich um und spuckte den Snus in den grauen Plastik-Papierkorb, der neben dem Sofa stand. Ohne mit der Wimper zu zucken, zog er die Snusdose aus der Tasche und schob sich einen neuen Priem ein. Anschließend spülte er mit dem letzten Schluck Kaffee nach.

»Hast du an ihn verkauft?«, fragte Thomas.

Pettersson grinste.

»Hätte ich um ein Haar. Aber zum Glück hatte mein Sohn so ein dummes Gefühl, er fand das alles ziemlich merkwürdig.«

»Kann man verstehen«, sagte Margit.

»Jaha.« Pettersson lachte. »Warum sollte ein Stadtmensch, noch dazu ein reicher Rechtsanwalt, Holz sammeln wollen, wunderte sich mein Junge. Also hat er mit einem Freund gesprochen, der bei der Kommune arbeitet, und der hat ihm erzählt, was Sache war. Und da hatte ich irgendwie die Lust verloren, an den Herrn Anwalt zu verkaufen.«

»Und er hat so einfach aufgegeben?«, fragte Margit.

Pettersson schüttelte wieder den Kopf.

»Er hat alle möglichen Tricks versucht. Erst hat er behauptet, wir hätten den Kauf per Handschlag besiegelt. Dann sagte er, dass eine mündliche Verabredung, wie er es nannte, ebenso bindend wäre wie ein schriftlicher Vertrag. Schließlich hat er sein Angebot erhöht, wollte eine halbe Million bar auf den Tisch legen. Aber ich hab ihn ausgelacht. Hab gesagt, er soll sich zum Teufel scheren. Danach habe ich nie wieder was von ihm gehört.«

»Und jetzt ist er tot«, sagte Margit.

Der Alte grinste.

»Tja. Vielleicht hat er versucht, einen übers Ohr zu hauen, der nicht so gutmütig war wie ich.«

 

»Da wären wir also wieder«, sagte Margit mit schiefem Lächeln, als sie in Sandhamn angekommen waren und im Dampfschiffhafen an Land gingen. »Oder sollte man vielleicht sagen: Auf vielfältigen Wunsch unserer Zuschauer wiederholen wir unser Programm?«

Sie ließ den Blick über den Hafen schweifen, wo sich Segel- und Motorboote an den Stegen drängten. Wie üblich standen vor dem Kiosk die Aufsteller mit den Verkaufsplakaten der Boulevardzeitungen.

Beherrschendes Thema war der Regatta-Mord. Riesige schwarze Schlagzeilen spekulierten über den Tod des Promi-Anwalts.

Direkt gegenüber lief das Geschäft auf vollen Touren, trotz der regnerischen Witterung. Vor dem »Sommerlädchen«, einem der örtlichen Modegeschäfte, drängten sich Touristen und wühlten in den Kleidern auf den verschiedenen Ständern. Auf den beiden Parkbänken nebenan saßen ein paar Rentner und ruhten die müden Knochen aus, während sie die Volksmassen beobachteten.

So lange Thomas zurückdenken konnte, hatten die alten Einwohner von Sandhamn auf diesen Bänken gesessen und über die Leute getratscht, die vorbeigingen. Das war eine ebenso feste Einrichtung wie die weißen Waxholmfähren. Für einen Moment stand die Zeit still, und Thomas erinnerte sich, wie er als kleiner Junge ungeduldig darauf gewartet hatte, dass sein Vater endlich die Unterhaltung mit einem der Alten beendete, die sich dort niedergelassen hatten.

»Komm«, sagte er und steuerte auf das Seglerhotel zu. »Sie haben einen Konferenzraum für uns vorbereitet, den wir benutzen können. Wir fangen am besten so schnell wie möglich an. Es wird den ganzen Tag dauern, wenn nicht länger, bis wir uns mit allen Leuten unterhalten haben.«

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Kapitel 8

Der längliche Konferenzraum unterschied sich nicht nennenswert von anderen, in denen Thomas gewesen war, aber die Aussicht war bildschön und erstreckte sich meilenweit Richtung Osten.

Thomas und Margit hatten sich an einem Ende des Tisches niedergelassen. Ihnen gegenüber stand ein einsamer Stuhl, auf dem ihre Besucher Platz nehmen sollten.

Hans Rosensjöö hatte den Raum gerade verlassen. Er hatte im Großen und Ganzen die Aussagen bestätigt, die Thomas während der kurzen Befragungen am Vortag gesammelt hatte. Alle, die an Bord von Bjärrings Storebro-Jacht gewesen waren, als Oscar Juliander erschossen wurde, erzählten ungefähr die gleiche Geschichte. Und ebenso wie sie konnte Hans Rosensjöö sich nicht genau erinnern, welche anderen Boote in der Nähe der Emerald Gin gewesen waren, als der Startschuss fiel. Seine Beobachtungen waren vom Schock geprägt. Und vermutlich auch von dem Wein, der an Bord der Jacht ausgeschenkt worden war.

Da der Start auf dem offenen Meer stattfand, musste der Täter sich auf einem Schiff befunden haben. Auf Julianders oder dem eines anderen. So viel stand jedenfalls fest.

Thomas streckte sich nach einer Flasche Mineralwasser, als ihm eine Idee kam. Wenn es möglich wäre, Zeugenaussagen über den Schusswinkel der Kugel zu bekommen, die Juliander getötet hatte, würde das die Anzahl der Boote eingrenzen, von denen aus der Täter geschossen haben konnte. Dann könnten sie ihre Suche auf ein bestimmtes Gebiet beschränken, anstatt alle möglichen Boote zu berücksichtigen, die in der Nähe gelegen hatten.

Sofort wurde ihm leichter zumute und er lächelte Britta Rosensjöö, die gerade zur Tür hereinkam, freundlich zu.

Sie sah aus wie eine verängstigte Lehrerin, die wegen einer Verfehlung, von der sie nichts wusste, zum Rektor gerufen worden war. Ihre dünnen blonden Haare waren von überwiegend grauen Strähnen durchzogen und zu einer Pagenfrisur geschnitten, die ihr nicht besonders gut stand. Man sah ihr an, dass sie viel Zeit auf dem Wasser verbracht hatte, denn ihr sonnenverbranntes Gesicht war hager und runzlig. Thomas schätzte ihr Alter auf sechzig, aber sie konnte ebenso gut fünf Jahre jünger oder älter sein.

Britta Rosensjöö ging zum Stuhl, der noch warm von ihrem Mann war, und setzte sich unsicher.

»Es geht um den gestrigen Tag. Würden Sie uns bitte sagen, woran Sie sich erinnern?«, begann Margit.

Britta Rosensjöös Augen füllten sich sofort mit Tränen.

Thomas musste daran denken, wie er am Vortag vergeblich versucht hatte, mit ihr zu sprechen. Sie war hysterisch gewesen, genau wie Sylvia Juliander. Er hoffte, dass sie sich inzwischen wieder etwas gefangen hatte, damit die kleine Chance bestand, eine vernünftige Aussage von ihr zu bekommen.

Sie zog ein besticktes Taschentuch hervor und wischte sich die Tränen ab, die ihr über die braunen Wangen liefen.

»Möchten Sie einen Schluck Wasser?«, fragte Margit freundlich und hielt ihr ein gefülltes Glas hin.

»Entschuldigen Sie«, sagte Britta Rosensjöö. »Ich kann einfach nicht begreifen, dass Oscar vor unseren Augen erschossen wurde, ohne dass wir etwas tun konnten. Das ist alles so furchtbar.« Die Tränen drohten wieder über die Ufer zu treten, aber sie schluckte krampfhaft und fuhr fort: »Ich hatte gerade seine schöne Emerald Gin fotografiert, wie sie die Startlinie überquerte, und da passierte das Schreckliche. Unfassbar.«

Sie wischte wieder eine Träne mit dem Taschentuch weg.

Thomas beugte sich interessiert vor.

»Fotografiert, sagen Sie?«

»Ja, ich habe oft meine Kamera dabei, wenn ich Hans zu verschiedenen Veranstaltungen begleite. Ich habe zu Hause sicher ein paar Dutzend Alben voller Bilder von Regatten, die wir im Laufe der Jahre besucht haben.«

»Können wir uns die Fotos mal ansehen?«, fragte Margit.

Britta sah bekümmert aus.

»Das könnten Sie gerne, aber mein Fotoapparat ist weg. Ich muss ihn irgendwo verlegt haben.« Sie lächelte entschuldigend. »Ich bin manchmal ein bisschen unordentlich. Aber er muss ja hier im Seglerhotel sein. Wir wohnen im ersten Stock, in einer der Suiten mit Aussicht aufs Meer. Er liegt vermutlich irgendwo zwischen all den Sachen.«

»Frau Rosensjöö«, sagte Thomas sanft. »Wir würden uns Ihre Kamera gern für eine Weile ausleihen. Oder die Speicherkarte, besser gesagt, sobald sie sich wieder gefunden hat.«

Britta Rosensjöö lächelte bedauernd.

»Es ist leider nicht so eine moderne Digitalkamera, sondern eine ganz normale alte mit Rollfilm. Ich habe mich nie richtig mit diesen neumodischen Dingern anfreunden können, wissen Sie.«

»Das macht nichts. Aber dann brauchen wir den Film. Das wäre uns eine große Hilfe. Würden Sie bitte noch einmal gründlich suchen?«

Britta nickte wortlos.

»Haben Sie an dem Tag noch mehr fotografiert?«, fragte Margit.

»Ich habe eine ganze Menge Fotos gemacht. Vor allem von den großen Rennseglern. Sie sind immer so ein herrlicher Anblick. Das waren sie in diesem Jahr auch, bis wir mitbekommen haben, dass Oscar tot ist.«

Sie verstummte und seufzte schwer.

»Ich muss immer nur an die arme Sylvia denken. Wie soll sie jetzt zurechtkommen?«

Sie blickte auf ihren Schoß, während ihre Augen sich wieder mit Tränen füllten. Das kleine bestickte Taschentuch war inzwischen schon ganz nass.

»Ich weiß, dass Oscar so seine Seiten hatte, aber ich kenne ihn und Sylvia seit dreißig Jahren.«

»Wie war die Ehe der Julianders, Ihrer Meinung nach?«, fragte Margit.

»Sie waren ja lange verheiratet, haben drei Kinder zusammen …«

Ihre Stimme wurde immer leiser, während sie den Blick aus dem Fenster in die Ferne schweifen ließ.

»Manchmal habe ich wohl gedacht, dass er Sylvia ganz schön vernachlässigt.«

»Inwiefern vernachlässigt?«, hakte Margit nach.

»Oscar war ja sehr oft weg. Und er war wohl einer, der es mit der ehelichen Treue nicht so genau genommen hat, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Sie lächelte Margit verlegen an.