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Jess bekommt einen begehrten Job bei Goldman Sachs in New York. Zu blöd, dass ihr dort ausgerechnet Josh über den Weg läuft, der ihr mit seinen reaktionären Ansichten schon in der Uni auf die Nerven gegangen ist. Doch er entwickelt sich bald zu ihrem engsten Verbündeten im Büro - und den kann sie als einzige Frau und einzige Schwarze dort gut gebrauchen.
Aus den Kontrahenten werden Freunde - die dennoch beherzt weiterstreiten. Bis sich in die täglichen Grabenkämpfe der alles unnötig komplizierende Faktor namens Liebe einschleicht.
Es ist die alte Geschichte von Gegensätzen, die sich anziehen - und zugleich ein Plädoyer für Toleranz, Neugierde und dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben.
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2024
»Ein messerscharf beobachteter und geistreicher Roman im Gewand einer berührenden Liebesgeschichte – oder eben andersherum«
Nick Hornby
Jess bekommt einen begehrten Job bei Goldman Sachs in New York. Zu blöd, dass ihr dort ausgerechnet Josh über den Weg läuft, der ihr mit seinen reaktionären Ansichten schon in der Uni auf die Nerven gegangen ist. Doch er entwickelt sich bald zu ihrem engsten Verbündeten im Büro – und den kann sie als einzige Frau und einzige Schwarze dort gut gebrauchen.
Aus den Kontrahenten werden Freunde – die dennoch beherzt weiterstreiten. Bis sich in die täglichen Grabenkämpfe der alles unnötig komplizierende Faktor namens Liebe einschleicht.
Es ist die alte Geschichte von Gegensätzen, die sich anziehen – und zugleich ein Plädoyer für Toleranz, Neugierde und dafür, miteinander im Gespräch zu bleiben.
Cecilia Rabess hat als Data Scientist bei Google gearbeitet und war Associate bei Goldman Sachs. Ihre Artikel sind u. a. in McSweeneys, FiveThirtyEight, Fast Company und Flowing Data erschienen. »Everything’s Fine« ist ihr erster Roman.
Simone Jakob lebt und arbeitet in Mülheim an der Ruhr und übersetzt englischsprachige Literatur ins Deutsche, u. a. von David Nicholls, Sefi Atta und Yvonne Adhiambo Owuor.
Übersetzung aus dem amerikanischenEnglisch von Simone Jakob
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Eichborn Verlag
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»Everything’s Fine«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2023 by Cecilia Rabess
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2024 by Bastei Lübbe AG,Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Motto übernommen aus: Toni Morrison, Sehr blaue Augen.
Deutsch von Susanna Rademacher. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH,
Reinbek bei Hamburg, 1979. Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags.
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- undData-Mining bleiben vorbehalten.
Lektorat: Anna Valerius, Köln
Umschlaggestaltung: Anzinger & Rasp, Münchenunter Verwendung eines Motivs von © Stocksy.com: Juan Moyano
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-5958-8
eichborn.de
Für meine Mutter und ihre Mutter
»O mein Gott! Ich liebe Josh!«
Clueless
»Liebe ist um nichts besser als der Liebende.«
Toni Morrison, Sehr blaue Augen
Es ist Jess’ erster Tag bei der Arbeit, der erste Tag vom Rest ihres Lebens. Rein in den Aufzug und hoch in den neunzehnten Stock, wo sich die Türen mit einem gedämpften Wusch öffnen.
Das ganze Gebäude riecht nach Geld.
Sie bekommt ein kleines Schild, auf dem in Großbuchstaben steht: JESSICAJONES, INVESTMENTBANKING-ANALYSTIN. Dann folgt die Vorstellungsrunde mit den anderen Analysten aus ihrem Team: Brad, John, Rich und Tom – oder vielleicht heißen sie auch Rich, Tom, Brad und John. Und dann ist da noch Josh, den Jess vom College kennt.
»Hi«, sagt sie, »du bist’s!«
Er schaut von seinem Schreibtisch auf – er hat es sich schon vor seiner Workstation bequem gemacht, sieht ungeheuer beschäftigt und wichtig aus –, doch sein Gesicht bleibt ausdruckslos.
Sie hatten im letzten Jahr ein Seminar zusammen, und Jess erinnert sich nur zu gut an ihn, weil er ein Riesenarsch ist.
»Jess?«, sagt sie. »Von der Uni?«
Er blinzelt.
»Wir waren zusammen in einem Seminar.« Sie gibt nicht auf. »Über den Supreme Court.«
Er sieht sie nur wortlos an. Hat sie etwa irgendwas im Gesicht?
»Bei Smithson? Im Wintersem–«
»Ich erinnere mich«, sagt er, dreht sich prompt mit seinem Drehstuhl um und kehrt ihr den Rücken zu.
Super, denkt Jess. Echt nett, dich wiederzusehen.
Sie will gehen.
»Weißt du«, sagt er, ohne sich umzudrehen, »ich wusste, dass du diesem Team zugeteilt wirst.«
Jess bleibt abrupt stehen. »Ach ja?«
Er – beziehungsweise sein Hinterkopf – nickt. »Ich hab letzten Sommer hier gearbeitet. Und weil ich außerhalb der normalen Prüfungszeit meinen Abschluss gemacht hab, bin ich schon seit Januar hier.« Er verstummt kurz. »Sie haben mich nach dir gefragt.«
»Und was hast du gesagt?«
»Nichts.«
»Wieso hast du ihnen nicht erzählt, wie toll ich bin?«
»Weil«, sagt er und wendet sich ihr schließlich doch noch zu, »ich nicht davon überzeugt bin, dass du so toll bist.«
Jess hatte Josh im ersten Studienjahr kennengelernt. Im November. Am Abend des Wahltages 2008. Den ganzen Tag lang herrschte pulsierendes Leben auf dem Campus. Geschichte wurde geschrieben. Gegen dreiundzwanzig Uhr, als die Wahlbüros geschlossen wurden, trat Jess überwältigt und im Freudentaumel auf den Collegehof hinaus, auf dem eine Art improvisiertes Konzert stattfand. Studierende strömten jubelnd in die Nacht hinaus, fielen einander in die Arme. Es wurde gehupt. Jemand rief »Wuhuuuuu«, und irgendwo spielte eine Posaune eine vor Pathos triefende Melodie.
Jess fühlte sich, als hätte sie jemand aus einer Kanone geschossen; blinzelnd stand sie im Mondlicht, bis ein Reporterteam der Unizeitung sie ansprach, das Kommentare von Studierenden am Vorabend dieses historischen Moments sammeln wollte. Hätte sie einen Moment Zeit, um ihre Gefühle zu beschreiben, und dürften sie ein Foto von ihr machen? Jess erwiderte, das sei kein Problem, obwohl eine knisternde Atmosphäre herrschte und sie völlig fertig war.
Der Stift des Reporters verharrte über seinem Block. »Wenn du bereit bist, leg einfach los.«
Was sollte sie sagen? Es war unbeschreiblich.
»Ich bin nur … ich bin einfach nur … so scheiße glücklich! Kann das alles überhaupt wahr sein? Ich werd bestimmt ungefähr dreißig Kurze trinken – nein, fünfzig! –, weil, das ist patriotischer!«
Der Unireporter sah von seinem Miniblock auf. »Willst du noch was hinzufügen?«
»Nee, warte! Schreib das nicht auf!«
»Was willst du denn dann sagen?«
Jess überlegte, versuchte sich zu sammeln. Stellte sich vor, ihr Dad würde ihre Worte lesen. Ihr Dad, mit dem sie nur Stunden zuvor geredet hatte und dessen Reaktion zu den vorläufigen Ergebnisse – Ohio und Florida sollten an Obama gehen – darin bestanden hatte, sich noch eine Cola einzuschütten und zu sagen: »Tja, Jessie, ich glaub, ich werd nicht mehr.«
Sie fing noch einmal von vorne an. »Ich spüre heute das Gewicht der Geschichte auf meinen Schultern. Zum ersten Mal zu wählen und für den ersten Schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten stimmen zu können ist ein unglaubliches Privileg. Ein Privileg, das die Sklaven, von denen ich abstamme, nicht hatten. Auf dem Fundament ihrer Stärke und Opferbereitschaft stehend habe ich mich noch nie demütiger und hoffnungsvoller gefühlt.«
»Super«, sagte der Reporter. »Und jetzt geh da rüber, damit wir ein Foto von dir machen können.«
Jess trat einen Schritt nach rechts und schaute zu, wie der Reporter einen weiteren Studenten ansprach. Einen Studienanfänger mit hellbraunen Haaren, der Chinos und ein Hemd trug.
»Schau hierher«, sagte die Fotografin zu Jess. »Ich zähl bis drei.«
Der Reporter fragte den Typen im Businesslook: »Und, was empfindest du angesichts dieser Wahl?«
Jess schaute lächelnd in die Kamera.
Der Chinos-Typ wandte sich dem Reporter zu und sagte: »Alle scheinen zu vergessen, dass wir uns mitten in einer Finanzkrise befinden. Der Aktienmarkt ist im freien Fall. Benzin kostet über einen Dollar pro Liter. Deshalb bin ich nicht davon überzeugt, dass dies der richtige Zeitpunkt ist, um die Wirtschaft einem steuer- und ausgabenfreudigen Liberalen anzuvertrauen« – er zuckte die Achseln –, »aber ich schätze, ich kann schon nachvollziehen, dass er eine gewisse Anziehungskraft besitzt.«
Entgeistert drehte Jess den Kopf und warf ihm in genau dem Moment einen bösen Blick zu, als die Fotografin auf den Auslöser drückte.
Am nächsten Tag prangte ihr Bild auf der Titelseite der Unizeitung, darüber die Schlagzeile: REAKTIONENVONSTUDIERENDENZUOBAMASHISTORISCHEMSIEG.
Es war ein gutes Foto – der Winkel, das Mondlicht, ihr vor andächtigem Staunen strahlendes Gesicht –, was Jess, zusätzlich zur Bedeutsamkeit des Moments, das Gefühl vermittelte, dies könne sie eines Tages ihren Kindern und Enkelkindern zeigen.
Es gab nur ein Problem.
Sie hatten zehn Studierende interviewt, und der Beitrag bestand aus einer Gegenüberstellung von jeweils zwei Fotos mit einem Zitat, unter dem die Namen und der Jahrgang abgedruckt waren. Aber es waren nur zwei Gesichter über der Falz zu sehen. Eins gehörte Jess, das andere dem Typen mit dem Hemd und dem unsäglichen Spruch. Jess’ Freundinnen waren sich einig, dass er unglaublichen Schwachsinn von sich gegeben hatte. Miky von der gegenüberliegenden Flurseite sagte: »Wer hat dem denn in die Cornflakes gepinkelt?« Jess’ Mitbewohnerin Lydia beäugte sein Foto und verkündete: »Sieht strunzlangweilig aus, der Typ.«
Trotzdem heftete Lydia die Zeitung an die Außenseite ihrer Tür und malte einen Rahmen aus Herzen und Sternen um Jess’ Gesicht. Doch die Zeitung ließ sich nicht so falten, dass nur ihr Bild sichtbar war, denn dadurch wurde der Text abgeknickt, und ihr Lächeln wirkte verzerrt. Es war unmöglich, Jess ohne Josh zu sehen. Schließlich nahm Miky einen Edding und malte ihm Teufelsohren und einen seltsamen Schnurrbart ins Gesicht, was es etwas besser machte.
Irgendwann hielt die Reißzwecke nicht mehr, und die Zeitung flatterte zu Boden. Da hatte das Sommersemester schon begonnen, und auf dem Flur herrschte ständig ein moderates, aber hartnäckiges Chaos: zerbeulte Pizzakartons, verknotete Verlängerungskabel und – mysteriöserweise – eine Männerunterhose. Und als das Reinigungspersonal vor den Semesterferien das gesamte Wohnheim putzte, wanderte alles, einschließlich des geschichtsträchtigen Erinnerungsstücks, in den Müll.
Aber bis dahin sah Jess jeden Tag, wenn sie in ihr Zimmer zurückkehrte, die Zeitung wie einen inspirierenden, aufbauenden Talisman an der Tür hängen, und immer dachte sie: Wir stehen, hoffnungsvoll und entschlossen, an der Schwelle zu einer strahlenden neuen Welt, klopfen an die Tür des Fortschritts und sehen der Zukunft voller Zuversicht entgegen.
Und wenn ihr Blick dann nach rechts auf das Foto von JOSHHILLYER, JAHRGANG ’12, und seinen schrecklichen Kommentar fiel, dachte sie: Arschloch!
Die Schreibtische von Brad, John, Rich, Tom und Josh stehen in einem engen Halbkreis rings um einen schmutzigen Teppich in der Mitte des Raumes. Zusammengepfercht wie die Sardinen sitzen sie in einem Großraumbüro, das vor Pitchbooks, Sporttaschen und Kaffeetassen überquillt und in dem für Jess kein Platz mehr ist.
»Wir haben Sie da drüben hingesetzt«, sagt Charles, der ranghöchste Associate im Team, was Jess daran erkennt, dass seine Krawatte am lockersten gebunden ist und er alle mit Nachnamen anredet. Blaine, der Managing Director des Teams, steht zwar noch über ihm, macht sich jedoch nicht die Mühe, sie zu begrüßen.
Charles führt sie zu einer weiteren Reihe von Schreibtischen an der Wand. Nach der ganztägigen Einführung ist es jetzt schon nach fünf, aber im Büro ist immer noch die Hölle los. Trotzdem ist der Platz, auf den Charles deutet, leer, ebenso wie die daneben. Auf den Schreibtischen steht jede Menge technisches Equipment, Telefone, Headsets und Bloomberg Terminals.
Trader, vermutet Jess.
Trader sind die Ersten, die kommen, und die Ersten, die gehen. Nach Börsenschluss ist ihre Arbeit getan. Jess verspürt einen Anflug von Aufregung. Trader sind laut, vulgär und tragen hässliche Nadelstreifenanzüge. Investmentbanker dagegen sind durchschnittlich und humorlos. Jess wäre gern Traderin geworden, aber sie hat die Bewerbungsdeadline verpasst. Vielleicht ist das hier ein Zeichen, eine günstige Gelegenheit.
Sie stellt sich vor, wie sie Anweisungen ins Telefon brüllt und jemandem sagt, er kann sie mal, wenn ihr ein Preis nicht gefällt.
»Sitzen hier die Trader?«
Charles blinzelt. »Nein, nicht ganz.«
»Wozu dann die ganzen Telefone?«
»Telefonzentrale«, erwidert Charles. »Sekretärinnen und so. Sie wissen schon, ›Goldman Sachs, mit wem darf ich Sie verbinden?‹, Telefonzentrale«, wiederholt er. »Sekretärinnen.«
»Oh.«
Er schweigt kurz. »Japp.«
Gegen Ende des ersten Monats kann Jess in vier Sprachen »Mit wem darf ich Sie verbinden?« sagen, hat aber immer noch keine richtige Aufgabe zugeteilt bekommen. Sie sitzt mit dem Rücken zum Großraumbüro, und immer, wenn sie sich umdreht, sitzen die anderen Analysten wie an ihre Stühle gekettet da, über den Schreibtisch gebeugt, und tun Gottes Werk.
Jess tut gar nichts.
Es ist auch nicht gerade hilfreich, dass, wenn die Banker eine Kopie brauchen oder nach einem Kaffee rufen, sie es in ihre ungefähre Richtung tun: Eine Sekretärin ist eine Sekretärin, selbst wenn sie in Wirklichkeit Analystin ist.
Erst gestern hat sie ein abgehetzt wirkender Senior Associate gebeten, einen Anzug aus der Reinigung zu holen.
»Na ja, genau genommen bin ich Analystin.«
Er starrte sie verständnislos an.
»Sollten Sie nicht eine, einen der Verwaltungsassistenten darum bitten?«
»Ich hab keine Zeit für so was«, sagte er und drückte ihr den knallpinken Abholschein in die Hand. »Hören Sie, können Sie mir nicht dieses eine Mal aushelfen?«
Sie verneinte, und dann versteckte sie sich eine Viertelstunde lang auf der Damentoilette, damit er nicht merkte, dass sie nichts anderes zu tun hatte.
Jess fleht Charles an, ihr etwas zu tun zu geben.
Vor Kurzem hat sie einen Artikel über Frauen und Karriere gelesen. Darin heißt es: »Für Frauen, die in Männerdomänen arbeiten, ist es unabdingbar, sich eigenständig Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.«
Und so geht sie zu Charles und sagt: »Für Frauen, die in Männerdomänen arbeiten, ist es unabdingbar, sich eigenständig Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen.«
Seine Augen werden schmal.
»Also hatte ich gehofft, dass Sie mir helfen können. Dabei, mir eigenständig Entwicklungsmöglichkeiten zu suchen? Indem Sie mir, Sie wissen schon, etwas zu tun geben?«
Miky schickt Jess den Link zu einem Video. Darin wurde der Kopf von Nicolas Cage auf den Körper einer Teenagerin in weißem Höschen und Tanktop transplantiert, die auf einer riesigen Zementabrisskugel sitzt.
Jess klickt es an.
Charles, der an ihrem Schreibtisch vorbeikommt, sagt: »Aha.«
Später knallt er ihr einen Stapel Public Information Books mit investitionsrelevanten Informationen auf den Schreibtisch.
»Jones«, sagt er. »Ich brauche ein paar Zahlen.«
»Super.«
»Sollte unkompliziert sein«, fügt er hinzu und blättert eins der Bücher durch. »Wenn Sie sich in den Server einloggen, werden Sie feststellen, dass wir schon eine Vorlage dafür haben. Sie müssen das Modell nur noch anpassen und die Vergleichswerte für die Vermögensanlagen eingeben. Klar?«
»Klar.« Jess beäugt den Stapel. »Wann brauchen Sie sie?«
»Gestern«, sagt Charles.
Jess merkt erst, dass sie keine Ahnung hat, was sie tut, als es schon zu spät dafür ist, um Hilfe zu bitten. Der Einzige, der ihr je Hilfe angeboten hat, ist Josh, aber nicht, weil er sie wirklich unterstützen will, sondern weil er ihr »Kumpel« ist.
An ihrem zweiten Tag war er an ihrem Schreibtisch aufgetaucht.
»Hi, Jess.«
Sie fuhr herum und fand sich auf Augenhöhe mit seiner Taille wieder. »Josh, hi.«
»Ich bin dein Kumpel«, sagte er.
»Wie bitte?«, sagte sie zu seinem Gürtel.
»Dein Kumpel«, wiederholte er.
Sie betätigte den Hebel an ihrem Stuhl und sank ein paar Zentimeter tiefer. Da ihr Gesicht seinem Schritt noch immer unangenehm nah war, erhob sie sich.
»Was soll das heißen, du bist mein Kumpel?«
»Ich wurde eingeteilt, dir zu helfen. Um Fragen zu beantworten, falls du welche hast.« Er zuckte die Schultern. »Sie teilen Analysten im ersten Jahr jeweils einen im zweiten Jahr zu, als eine Art Mentor. Für dich haben sie mich ausgewählt. Wahrscheinlich, weil wir an derselben Uni waren.«
»Aber du bist noch nicht im zweiten Jahr.«
»Nah genug dran«, sagte er. »So oder so, ich bin da.« Mit diesen Worten marschierte er davon.
Und jetzt fragt er sie jeden Abend, wenn er gehen will und sie noch da ist, ob sie bei irgendetwas Hilfe braucht. Aber er hat sein Mobiltelefon und seine Tasche immer schon in der Hand, trägt seine Jacke und hat die Firmen-ID-Karte schon eingepackt, sodass Jess weiß, dass er es nicht ernst meint. Er sagt es nur so. Außerdem befindet sich ihr Schreibtisch direkt neben dem Aufzug.
Natürlich braucht sie Hilfe und hat Fragen. Was unterscheidet ein Verschuldungskapazitätsmodell von einer Kreditrisikoanalyse? Wie beeinflusst die Federal Funds Rate die LIBOR? Wieso kommt sie mit ihrer Schlüsselkarte nicht ins Fitnessstudio im Erdgeschoss?
Aber er ist der Letzte, den sie fragen würde. Sie hat das Gefühl, dass er sie für bescheuert hält, und findet, sie gehöre nicht hierher. Manchmal ertappt sie ihn dabei, wie er ihr verstohlene Blicke zuwirft. Interessiert, aber wenig beeindruckt. Als würde er nur darauf warten, dass sie Mist baut.
Außerdem hat er seine Meinung über sie schon mehr als deutlich gemacht.
In dem Seminar über Supreme-Court-Fälle, das sie beide im Jahr vor ihrem Abschluss besucht haben. Jede Woche wurde ein neues Grundsatzurteil diskutiert, und irgendwer wurde immer laut. Oder erzählte zusammenhanglos eine persönliche Anekdote. Oder beschwor die Gründerväter, um irgendeine dämliche Behauptung zu belegen. Jess konnte das Seminar nicht leiden, aber es brachte ihr die erforderliche Punktzahl für das Pflichtmodul »Recht und Gesellschaft« ein.
Sie saßen um einen großen Holztisch herum, was einen »aktiven Dialog« fördern sollte, und die Diskussionen wurden von Studierenden moderiert, und zwar absichtlich weitschweifig, sodass sie, selbst als zum Beispiel eines Tages Grutter versus Bollinger: Affirmative Action auf dem Studienplan gestanden hatte, trotzdem die meiste Zeit über Basketball und standardisierte Prüfungen reden konnten. Bis irgendwer stöhnte: »Findet noch jemand diese Diskussion total öde?«
Es war der Typ von Jess’ Tür, JOSHHILLYER, JAHRGANG ’12, dem der Benzinpreis solches Kopfzerbrechen bereitet hatte und der Barack Obama nicht leiden konnte. Jess war ihm seit dem ersten Studienjahr erfolgreich aus dem Weg gegangen, aber nun, drei Jahre später, tauchte er aus der Versenkung auf. Unverändert mit Nachrichtensprecherfrisur und üblen Ansichten.
Jess hatte sich zu ihm umgedreht und ihn angefunkelt. Nicht, dass sie von der Diskussion nicht ebenfalls angeödet gewesen wäre, aber er war es offensichtlich aus den falschen Gründen. Es war nicht nur das, was er im Interview der Unizeitung gesagt hatte; es war alles an ihm. Sein Sweatshirt von der Choate-Rosemary-Hall-Privatschule zum Beispiel, das in Jess Assoziationen an gepflegte Rasenflächen, Regatten, Gin-Cocktails und hochmütige Blondinen weckte. Und sein Gesicht. Es hatte sich schon auf dem Foto in der Unizeitung angedeutet, aber im wahren Leben war es noch ausgeprägter.
Er hatte Ähnlichkeit mit dem Bild eines Fünftklässlers, dem man aufgetragen hatte, einen Mann zu zeichnen – lauter gerade Linien und eine unkomplizierte Symmetrie. Markantes Kinn, blaue Augen. Wie einer dieser Typen aus einer alten Sitcom, der seine Frau von oben herab behandelt.
»Wir haben 2011 und führen immer noch diese Diskussion?«, hatte Josh gesagt. »Wie soll man Diskriminierung dadurch beenden, dass man die Tore zu Eliteuniversitäten öffnet? Es geht doch um zerrüttete Familien und Problemviertel. Dort sollten die politischen Maßnahmen ansetzen. In den Haushalten, in den Vierteln, in den Schulen.«
»Das hier ist auch eine Schule«, hatte Jess bemerkt.
»Na und?«, hatte ein anderer Kommilitone gesagt. »Das ist umgekehrter Rassismus.«
»Als ob’s so was gäbe!«, erwiderte Jess.
Eine weitere Kommilitonin sagte: »Leute sollten nicht ins College aufgenommen werden, nur weil sie Schwarz sind.«
»Ist klar«, entgegnete Jess, »in meiner Collegebewerbung stand ja auch nichts außer tausendmal ›Ich bin Schwarz‹.«
Jemand anderes erklärte: »Ich glaube, er meint, dass die Hautfarbe überhaupt keine Rolle spielen sollte.«
»Genau. Affirmative Action ist unfair.«
»Das widerspricht dem Leistungsprinzip.«
»Es ist verfassungswidrig.«
»Es ist schon unfassbar, dass wegen, na ja, Melanin mit zweierlei Maß gemessen wird.«
»Was ist mit der bevorzugten Aufnahme von Sportlern und Leuten, deren Eltern auch schon auf dem College waren?« Jess’ Herz hämmerte; sie fürchtete, durchzudrehen. »Ist das nicht eher unfassbar?« Sie sah sich im Raum um, suchte – wonach? jemandem, der ihr zustimmte? Da konnte sie lange warten. Die anderen würden weiter ungerührt ihre Argumente vorbringen und nach dem Seminar ihre Bücher zusammenpacken, und Jess würde als Einzige mit dem Gefühl zurückbleiben, wiederholt einen Tritt in den Magen bekommen zu haben.
Sie atmete tief durch. »Worauf ich hinauswill, ist, dass jemand mit einem Squashschläger oder einem Treuhandfonds plötzlich auch nicht mehr kritisch geprüft wird. Niemand fragt, ob er wirklich qualifiziert ist. Warum nicht?«
»Das ist nicht dasselbe, und du weißt es.«
»Doch, ist es.«
»Nein, ist es nicht.«
»Doch, ist –«
Der Professor räusperte sich. »Kommen wir zum vorliegenden Fall zurück. War Grutters Klage berechtigt? Oder war die Entscheidung des Gerichts im Grunde verfassungswidrig?«
Jess lehnte sich seufzend zurück.
Josh, der rechts von ihr saß, beugte sich zu ihr herüber.
»Das ist dein ganzes Argument?«, flüsterte er. »Dass Antidiskriminierungsmaßnahmen und Bevorzugung von Leuten, deren Eltern schon aufs College gegangen sind, das Gleiche sind? Ich mein … im Ernst jetzt?«
Jess ignorierte ihn und tat so, als würde sie angeregt lauschen, als jemand behauptete, es ergebe keinen Sinn, wenn Universitäten »die Anforderungen runterschrauben«.
Josh ließ die Ellbogen über den Tisch gleiten, bis seine gefalteten Hände auf Jess’ Notizbuch ruhten. Sie konnte den Weichspüler an seinem Hemd riechen. »Komm schon«, sagte er leise. »Das glaubst du doch nicht wirklich.«
Jess nahm ihren Kuli in die Hand und zeichnete eine Reihe von Schnörkeln und Spiralen in die rechte Ecke ihres Notizbuchs. Vermied es, ihn anzusehen.
»Du siehst doch wohl ein, dass der Vergleich hinkt, oder? Das musst du doch zugeben.«
Jess sah nur seine blassen Handgelenke, die stumm vor sich hin tickende Titanuhr. Die hatte sein Vater ihm garantiert zum Achtzehnten geschenkt, zusammen mit einer Flasche fünfzig Jahre altem Scotch und den Passwörtern für die Brokerkonten.
Sie erwiderte nichts.
Er beugte sich noch weiter vor. »Du glaubst also wirklich, die Zulassungsvoraussetzungen für ›unterrepräsentierte Minderheiten‹« – an der Stelle deutete er Gänsefüßchen an, was ihr bestätigte, dass er tatsächlich ein Riesenarsch war – »zu senken ist eine akzeptable Methode, um« – erneute Gänsefüßchen – »›Gleichstellung‹ zu erreichen?«
Deshalb konnte Jess das Modul »Recht und Gesellschaft« nicht ausstehen. Es war immer dasselbe: Unterdrückung, absichtliche Geschichtsverzerrung, ein Hauch von White Supremacy. Anders als in Wirtschaftswissenschaften oder Infinitesimalrechnung, wo die Dozenten vorne wortlos die Antworten anschrieben und es selten Auseinandersetzungen gab – es sei denn, jemand erwähnte die Unendlichkeit! –, bestanden die Leute in den Geisteswissenschaften darauf, ihre Meinung lauthals kundzutun, wie unsäglich sie auch sein mochte. Viel zu ertragen für ein paar Leistungspunkte. Und doch war sie hier.
Er war ebenfalls hier. Atmete. Sah sie an. Versuchte, sie auf Teufel komm raus in eine Diskussion hineinzuziehen. Strahlte selbstgefälliges Anspruchsdenken aus. Wartete.
»Und du glaubst wirklich, die Hautfarbe sollte genauso viel Einfluss haben, wie eine nachweisbare Fähigkeit oder ein Talent zu besitzen?« Er schüttelte den Kopf. »Komm schon.«
Wieso konnte er nicht einfach seine Uhr polieren und sie in Ruhe lassen?
Aber er konnte nicht aufhören. Immer noch kopfschüttelnd wiederholte er: »Das kannst du doch nicht wirklich glauben«, bis Jess sagte: »Josh?«
Erwartungsvoll beugte er sich vor, und sie zog ihm das Notizbuch unter den Händen weg. »Das sind meine Notizen.«
Er wirkte kurz irritiert, ließ sich jedoch nicht beirren. »Dir ist schon klar, dass du damit im Grunde behauptest, ›Diversität‹ wäre wichtiger als Leistung.«
Ihr riss der Geduldsfaden. »Tja, du behauptest im Grunde, dass sich vierhundert Jahre Sklaverei und systematische Unterdrückung damit gleichsetzen lassen, einen Squashschläger zu schwingen!«
Die Diskussion am Tisch verstummte.
Alle schauten sie an. Jess ging auf, dass sie nicht geflüstert, ja, nicht einmal ihre Stimme gesenkt hatte.
Der Professor runzelte die Stirn. »Jess? Möchten Sie noch etwas hinzufügen?«
Das passierte ständig: Sie ließ sich in Diskussionen verwickeln. Dabei hätte sie viel lieber nur still dagesessen und unter dem Tisch auf ihrem Handy Sudokus gelöst.
Gleichzeitig akzeptierte sie, wenn auch widerwillig, dass es ihre Pflicht war, den Mund aufzumachen. Das hatte ihr Vater ihr beigebracht, denn der hatte während ihrer gesamten Jugend in Nebraska gefühlt ständig den Mund aufgemacht. Hatte verlangt, dass der Wallmart-Geschäftsführer multikulturelle Puppen ins Sortiment aufnahm, während Jess verlegen danebenstand. War an Weihnachten über die Staatsgrenze hinausgefahren, um den einzigen Schwarzen Santa in den Great Plains ausfindig zu machen. Hatte der Schuldirektorin in den Ohren gelegen, weil die Schulbücherei zu wenige Bücher über Schwarze Geschichte vorrätig hatte.
Er gab sein Bestes, das wusste Jess. Versuchte wahrscheinlich, die Tatsache zu kompensieren, dass Jess’ Mom gestorben war, als sie noch ein Baby war. Aber manchmal fragte sie sich, wozu er sich die ganze Mühe machte. Wäre es nicht einfacher gewesen, umzuziehen, statt ihre Lehrer anzuschreien, weil sie die Lerneinheit über den Bürgerkrieg verbockt hatten? Oder ihr Billigkopie-Barbies zu kaufen? Sie wollte immer nur dazugehören und nicht die x-te kindgerechte Biografie von Dr. Martin Luther King lesen.
Und sie hatte keine Lust, sich im Flüsterton mit Josh herumzustreiten, Josh mit seiner Nachrichtensprecherfrisur und dem Prep-School-Shirt; wollte sich, ihre Hautfarbe und ihr Recht, hier zu sein, nicht ständig verteidigen müssen.
Später am Abend, in der Bar, in die alle gingen, kam er zu ihr und versuchte wieder, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Es war neun, und alle waren betrunken. Der Boden der Avenue Tavern war klebrig, und ein Schild über der Tür versprach MORGENFREIBIER. Mit fünfzehn Dollar und einem gefälschten Ausweis bekam man den ganzen Abend lang Drinks für fünfundzwanzig Cent.
Jess hatte Cranberry-Wodka getrunken, bis ihr die Vierteldollar ausgingen, und als der Raum anfing, sich zu drehen, hatte sie sich in eine Sitznische in der Nähe der Toiletten zurückgezogen. Sie saß erst eine Minute dort, als sie spürte, wie sich jemand neben ihr niederließ. Sie öffnete ein Auge und legte den Kopf leicht schräg.
»Jess, stimmt’s?« Da war er wieder. »Josh«, stellte er sich förmlich vor und hielt ihr die Hand hin.
Sie ignorierte es und schloss das Auge wieder, in der Hoffnung, er würde sich vom Acker machen.
Doch er blieb. Sie hörte die Eiswürfel in seinem Glas klirren.
»Tja«, sagte er, »deine Argumentation heute im Seminar war ziemlich schwach.«
Jess erwiderte nichts, ließ sich nur etwas tiefer in die Polster sinken.
Josh ignorierte, dass sie ihn ignorierte, und redete weiter. »Ich verstehe, warum du als direkte Nutznießerin Antidiskriminierungsmaßnahmen verteidigst. Das verstehe ich wirklich. Aber du kannst doch nicht ernsthaft glauben, also intellektuell, nicht emotional, dass die College-Zulassungsbedingungen zu lockern eine geeignete Maßnahme ist, um systematische Ungleichheit zu beseitigen. Seine Kinder auf eine Schule zu schicken, für die sie nicht geeignet sind? Das soll helfen? Außerdem könnte man so etwas niemals durchsetzen. Ich meine, die wahren Probleme mit Ungleichheit in diesem Land haben nichts mit der Hautfarbe zu tun, oder? Es geht um die soziale Schicht. Was soll daran fair sein, wenn ein reicher afroamerikanischer Jugendlicher mit mittelmäßigen Noten und Prüfungsergebnissen einem armen Jugendlichen aus der Appalachen-Region vorgezogen wird, der im Leben noch weniger hat?«
»Also fragst du mich, die Expertin« – Jess öffnete schließlich doch die Augen – »warum wir nicht mehr Antidiskriminierungsmaßnahmen für arme Weiße einführen?«
Er nickte. »Ich meine, es ist ziemlich vereinfacht ausgedrückt, und ich höre Sarkasmus heraus, aber ja, ich würde gerne hören, was du darüber denkst.«
»Was ich darüber denke, ist« – sie trank noch einen Schluck von ihrem Drink, geschmolzenes Eis, das metallisch schmeckte – »fick dich.«
Er schüttelte den Kopf. »Zu versuchen, an dieser Uni eine intellektuell redliche Unterhaltung mit jemandem zu führen, ist echt wie Zähneziehen.«
»Vielleicht wärst du an der Appalachian State University glücklicher.«
»Witzig«, sagte er und stand auf.
Doch kurz darauf war er zurück.
»Hier.« Er stellte ein Glas Wasser vor sie hin, und Jess konnte sich nur mit Mühe ein Dankeschön verkneifen.
»Und«, sagte er, einen Arm über die Banklehne gelegt, »was machst du nächstes Jahr?«
»Was?«
»Nach dem Abschluss. Ich fang bei Goldman Sachs an. Und du?«
»Ach.« Jess zuckte die Schultern. »Weiß ich noch nicht.«
»Echt jetzt? Du hast noch nichts in Aussicht?«
Wieder zuckte Jess die Achseln. »Vielleicht arbeite ich bei einer gemeinnützigen Firma, irgendwas mit Kindern. Oder in einer Galerie.« Das hatte ihre Mitbewohnerin Lydia vor. Sie wollte eine Wohnung im West Village oder in einem Brownstone in Brooklyn mieten und mit dem Taxi zu ihrem Vollzeitpraktikum bei Christie’s im Rockefeller Center fahren.
»Irgendwas mit Kindern? In einer Galerie?« Josh schüttelte den Kopf. »Das sind doch keine richtigen Jobs.«
»Okay, na schön, nicht jeder will Gordon Gekko sein, seine Sekretärin anschreien und Pensionsfonds ausrauben, nur um sich noch mehr Kaviar und reinrassige Hunde leisten zu können. Ein paar von uns möchten der Gesellschaft was zurückgeben.«
»Was zurückgeben? Mit einem Gehalt von vierzigtausend im Jahr?«
»Witzig«, sagte sie. »Mir war gar nicht klar, dass es immer nur ums Geld geht.«
Jess wünschte sich mehr, das zu glauben, als dass sie es wirklich tat. Wollte vorgeben, ein unverkrampftes Verhältnis zu Geld zu haben. Den Anschein erwecken, es wäre ihr egal. Sie wollte nicht zu gierig erscheinen. Oder zu verzweifelt. Oder zu ehrgeizig. Keine ihrer Freundinnen strebte einen Job in der Finanzbranche an. Sie wollten Freiwilligendienste leisten, Erfüllung suchen, Kunst schaffen. Und wieso auch nicht? Sie hatten recht. Geld spielte keine Rolle.
Es sei denn, man hatte keins.
Oder wollte ernst genommen werden.
Er zog eine Augenbraue hoch. »Und womit willst du die Miete bezahlen … Mit Schuldscheinen?«
»Josh.« Sie sah ihn genervt an. »Was kümmert’s dich?«
»Ich bin nur neugierig, das ist alles. Sind das die Pläne deiner Freundinnen? Ich dachte, du wärst anders.«
»Wie, anders?«
»Als deine Freundinnen.«
Es stimmte, dass Jess in vielerlei Hinsicht anders war; anders als Lydia, die ein Internat in den Alpen besucht, in der Mittagspause Käse und Schokolade gegessen hatte und deren Vater der Direktor einer Schweizer Bank war. Und anders als Miky, die kein Mitglied der koreanischen Königsfamilie war, es aber locker hätte sein können – sie insistierte auf eine Art darauf, es nicht zu sein, die es irgendwie umso wahrscheinlicher machte. Aber sie waren seit dem ersten Studienjahr befreundet, und der Gedanke, dass Jess’ Bemühungen, diese Unterschiede zu verwischen, fehlgeschlagen sein könnten, wurmte sie ebenso sehr wie die Tatsache, dass ein dahergelaufener Typ im rosafarbenen Hemd sie in einer Bar darauf ansprach.
»Was meinst du mit anders?«
»Keine Kunstgalerie-Tussi.«
»Tut mir leid.« Jess war irritiert. »Kennst du mich etwa?«
»Sei doch nicht gleich so defensiv«, sagte Josh. »Ein paar von uns mussten arbeiten, um hierherzukommen. Und ein paar von uns werden arbeiten müssen, wenn wir hier weggehen. Und ich schätze, das gilt auch für dich.«
»Du weißt überhaupt nichts über mich. Du glaubst, nur weil ich Schwarz bin, bin ich arm? Wie fortschrittlich.«
»Tja, statistisch gesehen ist das die Realität. Das sind die Zahlen. Aber das meinte ich eigentlich gar nicht. Es ist etwas anderes. Du wirkst so …« Er brach ab, suchte nach dem richtigen Wort.
Jess beugte sich unwillkürlich vor. »Ich wirke so …?«
Er fuhr mit dem Finger über den Rand seines Glases, das leise und melodisch summte wie ein Wal. »Erpicht«, sagte er schließlich.
Erpicht? Erpicht? Sie hätte nicht beleidigter sein können, wenn er ihr gesagt hätte, dass sie nach Müll stank.
»Josh?« Sie deutete über seinen Schoß hinweg, damit er sie durchließ.
»Ja?«, sagte er, rührte sich jedoch nicht vom Fleck.
»Ich gehe jetzt.« Sie schob sich an ihm vorbei aus der Nische und kippte dabei die Gläser um.
An der Bar bestellte Lydia eine weitere Runde. »Wer war das?«, fragte sie und reichte Jess einen Kurzen. »Der ist ja süß! Hast du vor, ihn zu vögeln?«
Jess warf den Kopf in den Nacken, und die eisige Flüssigkeit brannte ihr in der Kehle. Eine Welle der Übelkeit überkam sie, und sie rümpfte die Nase. »Erkennst du ihn nicht?«
»Sollte ich?«
»Das ist der Typ aus der Unizeitung. Aus dem ersten Jahr. Der mit den Teufelsohren.«
»Ach ja!«
»Also nein, er ist definitiv nicht süß.«
»Hmm.« Lydia verzog nachdenklich das Gesicht.
»Was?«
»Es ist nur …« Lydia zuckte die Achseln. »Ich weiß auch nicht.«
»Tja, ich schon«, sagte Jess und schüttelte den Kopf. »Wir können ihn nicht ausstehen. Er ist ein Riesenarsch.«
»Ich bin dann mal weg«, sagt Josh jetzt. »Bei dir alles okay?«
Und weil sie verzweifelt ist, weicht sie vom vorgegebenen Skript ab. »Also, genau genommen habe ich eine Frage.«
Er schaut auf die Uhr. »Und wie lautet sie?«
»Es geht um ein Modell, das ich für Charles anfertigen soll. Das macht mir ein paar Schwierigkeiten.«
»Du bist noch nicht damit fertig?«
»Nicht ganz.«
Sie tippt auf eine Taste, und ihr Computer erwacht summend zum Leben. Sie hofft, ihn mit den komplizierten Zahlen und Berechnungen zu beeindrucken, die auf dem Bildschirm erscheinen. Aber er erkennt sofort, woran sie arbeitet.
»Eine Präzendenzfall-Transaktionsanalyse?« Er beugt sich über Jess, tippt auf ihre Tastatur ein und geht die verschiedenen Dokumente auf ihrem Desktop durch. Er benennt sie, während er sie überfliegt. »Discounted Cashflow, Bilanzierung, Kapitalkosten.« Er sieht Jess an. »Und wo liegt das Problem?«
»Ich weiß auch nicht.«
Er beäugt ihren Bildschirm. Wechselt zwischen diversen Tabellenkalkulationen hin und her. Sein Gesicht ist nur Zentimeter von ihrem entfernt. Er riecht nach billiger Seife und Pfefferminzbonbons. »Weißt du überhaupt, was du da tust?«
»Kommt drauf an, wie man ›wissen‹ und ›tun‹ definiert.«
»Verdammt«, sagt er, schiebt einen Stuhl vom Schreibtisch nebenan zu Jess herüber und setzt sich. »Wo hast du den Diskontsatz berechnet?« Er klickt sich durch die Zellen von Jess’ Tabelle; seine Finger tanzen über die Tastatur wie die eines Pianisten.
»Da.« Jess deutet darauf.
»Das ist falsch.«
Jess kann nicht widersprechen.
»Du brauchst die gewichteten durchschnittlichen Kapitalkosten« – er blättert in einem Public Information Book, nimmt ein zweites zur Hand und schlägt den Anhang auf – »und zwar von hier« – er deutet auf eine Zahl auf der Seite, schnappt sich einen gelben Textmarker und markiert sie – »und die benutzt du dann für die Modellannahmen« – er zeigt auf den Bildschirm – »dort. Siehst du?«
Sie nickt.
»Rutsch mal rüber.« Er rollt seinen Stuhl zu ihr und nimmt die Tastatur auf den Schoß. »Weißt du, wie man einen dynamisch benannten Bereich erstellt?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Himmel.«
Aber er hilft ihr.
Er ist leicht feindselig, aber auch geduldig, wie ein deutscher Lehrer. Und irgendwann sind sie fertig.
Sie schickt Charles das Modell gleich am nächsten Morgen und bekommt sofort eine Antwort: »Kommen Sie zu mir.«
Jess eilt zu seinem Schreibtisch. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück, ein Bein locker über das andere gelegt, und wirft einen Ball aus Gummibändern gegen eine Korkpinnwand. Das Modell ist auf seinem Bildschirm zu sehen.
»Sie wollten mich sprechen?«
Er dreht sich zu ihr um. »Was ist das?«
»Das ist das Modell, um das Sie mich gebeten hatten.« Jess hält sich zurück, um nicht noch mehr zu sagen.
»Calibri?«
»Ähm.«
»Das ist nicht das gottverdammte Mad Magazine. Benutzen Sie beim nächsten Mal Arial. Oder Times New Roman, wenn Sie der Hafer sticht.« Er schnippt ein einzelnes Gummiband knapp über ihre Schulter hinweg. »Kapiert?«
Jess findet Josh in einem leeren Konferenzraum.
»Danke noch mal für die Hilfe gestern Abend«, sagt sie.
Er ignoriert sie, scrollt nur weiter durch sein Handy.
»Kein ›Gern geschehen, Jess‹?«, sagt sie. »Kein ›Hab ich gern gemacht, Jess‹? Kein ›Jederzeit, Jess, wofür hat man denn sonst einen Kumpel‹?«
»Ich hatte Pläne«, sagt er und schaut immer noch nicht von seinem Telefon auf.
Sie hat versucht, freundlich zu sein. Sich zu bedanken. Aber gut.
»Sag nicht, du hast die Happy Hour für junge Republikaner verpasst.«
Endlich legt er das Mobiltelefon weg, hebt den Kopf und zieht eine Augenbraue hoch.
Jess fragt sich, ob sie ihm zu nahegetreten ist und ob es ihr etwas ausmacht. Anzudeuten, jemand sei Republikaner, ist an sich keine Beleidigung. Besonders nicht in einer Bank. Aber er ist es definitiv, da ist sie sich ziemlich sicher. Im Supreme-Court-Seminar hat er ständig über irgendwelche wirtschaftlichen Nischenthemen gesprochen, wie Lohnsteuer oder Staatsverschuldung. Einmal hat sie gesehen, wie er im Buchladen der Uni Kaugummi mit einem Hundertdollarschein bezahlt hat.
»Witzig.« Er nimmt das Telefon wieder zur Hand.
»Tja«, sagt Jess auf dem Weg zur Tür, »was auch immer das bedeutet, ich weiß deine Hilfe wirklich zu schätzen.«
In der Stadt draußen wimmelt es nur so von frischgebackenen Collegeabsolventen, die sich auf Teufel komm raus amüsieren wollen. Es ist Ende August, und nun, da der schwülheißeste Teil des Sommers vorbei ist, fühlt es sich an wie Frühling.
Das Ganze erinnert Jess an die Zeit im College, wenn alle Studierenden geschlossen in kurzen Shorts und mit Plastiksonnenbrillen aus dem grauen Winter auftauchten und Sofas in die Vorgärten schleppten. Manchmal schwänzten Jess, Miky und Lydia ein Seminar, saßen draußen auf der Terrasse und schlürften sonnenwarmes Bier und Spicy Margaritas, bis sich ihnen der Kopf drehte.
Aber das ist jetzt vorbei.
Miky und Lydia haben neue Freundinnen gefunden, während Jess hier drinnen festsitzt.
Ihre neuen Freundinnen, die Weingirls, sind sonnige kalifornische Optimistinnen mit Treuhandfonds und wilden Lockenmähnen, deren Eltern in Napa Valley Wein anbauen und die an freie Liebe, Akupunktur, die private Raumfahrt und Elektroautos glauben.
Jess lernt sie an einem Abend kennen, als sie sich ausnahmsweise zu einer vernünftigen Zeit von der Arbeit weggeschlichen hat. In der Bar Schrägstrich dem Restaurant ist es dunkel und laut, und in der Hitze der Menschenmenge überkommt Jess ein Gefühl von Nostalgie.
Sie findet die anderen um einen kleinen Tisch sitzend, vor sich Cocktails und hohe Glasflaschen mit Mineralwasser.
Ein großes Hallo, dann rufen die Weingirls über die Musik hinweg: »Wozu das Business-Outfit?«
Jess setzt sich und erklärt halb schreiend, dass sie bei Goldman Sachs arbeitet. Sie blicken stirnrunzelnd über ihre Cocktails hinweg und schreien zurück: »Ist ja übel! Wieso arbeitest du da?«
Wortlos schiebt Miky Jess einen Drink hin.
Die Weingirls lassen nicht locker. »Wie kannst du da arbeiten?«
»Es ist nicht so schlimm«, sagt Jess achselzuckend.
»Nicht so schlimm! Goldman Sachs ist ein großer Vampirtintenfisch, der sich am Gesicht der Wirtschaft festklammert und sie aussaugt!«, insistieren die Weingirls.
Ein Kellner taucht auf.
»Ooh.« Lydias Gesicht hellt sich auf. »Sollen wir Tintenfisch bestellen?«
Die Weingirls teilen Jess mit, dass sie trotz ihrer Hundertstundenarbeitswoche im Grunde nur den Mindestlohn verdient – wahrscheinlich sogar weniger, als sie in irgendeinem Imbissschuppen beim Burgerwenden verdienen würde.
Das stimmt natürlich nicht, und, was noch wichtiger ist, bei McDonald’s zu arbeiten bringt einem nicht das Gütesiegel der mächtigsten und wichtigsten Bank der Welt ein. Oder die widerstrebende Anerkennung von Leuten, die Jess sonst einfach abschreiben würden. Oder eine tägliche Gratisheimfahrt in einer schwarzen Limousine. Aber die Weingirls haben nicht ganz unrecht; Jess kann ihren Job im Grunde nicht ausstehen. Er ist langweilig, niemand ist nett zu ihr, und vom Kostümwollstoff juckt ihr die Haut. Sie sieht ihre Freundinnen zu selten, schläft wenig, isst kaum etwas, was nicht aus einer Takeaway-Verpackung kommt. Als Lydia sie danach fragte, beschwerte sich Jess über ihr Leben an vorderster Front.
»Es ist echt übel, Lyd. Ein Haufen Anzugtypen, die nur Mist labern und Mist tun. Den ganzen Tag. Jeden Tag.«
»Tja, das Patriarchat kann man halt nicht an einem Tag abschaffen«, sagte Lydia. »Wenigstens gibt’s keine Schlange vor dem Damenklo.«
Das traf auf Lydias eigenen Arbeitsplatz nicht zu, ein kleines Auktionshaus, in dem zwei Drittel der Angestellten Frauen waren und wo die Toiletten immer mit Tampons verstopft waren.
Jess träumt ständig von einem anderen Job.
Einem wie Lydias in dem Auktionshaus, der zwar erniedrigend sein kann, aber eine ausgesprochen glamouröse Ausstrahlung hat. Oder denen der Weingirls: Callie arbeitet in einem Cookie-Dough-Start-up und Noree in einer Eco-First-Firma, die Schuhe aus recyceltem Bambus herstellt. Selbst Miky, die Account-Koordinatorin für die größte kreative Werbeagentur der Welt ist, ist jeden Tag gegen sechs zu Hause.
Es wäre schon nett: ein Fake Job, ein hübsches Apartment und Eltern, die alle anfallenden Rechnungen begleichen.
Stattdessen: Studienkredite, eine Einzimmerwohnung, deren Miete die Hälfte ihres Gehalts verschlingt, und Leute, die sie ständig schief von der Seite angucken.
Jess’ Vater ruft sie an.
»Na«, sagt er, »zeigst du’s denen?«
Sie weiß, was er hören will. Dass sie früh bei der Arbeit auftaucht und spät nach Hause geht; dass sie sie mit ihren eigenen Waffen schlägt. Das hatte er ihr in ihrer Jugend wieder und wieder eingeschärft. Sie müsse doppelt so gut sein, um halb so viel zu bekommen. Er hatte recht, das wusste sie, trotzdem ärgerte es sie. Wieso musste ihr Erfolg auf Perfektion basieren, statt zum Beispiel auf dem vagen Gefühl, dass sie jemand war, mit dem die Leute gern ein Bier trinken gehen würden?
Trotzdem, sie bemüht sich. Nicht aufzugeben, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich nützlich zu machen. Obwohl sie nicht sicher ist, dass es irgendjemand bemerkt. Und obwohl sie definitiv besser ist als Rich, der einen Harvard-Abschluss in der Tasche hat, aber nicht mal »Annalen« richtig schreiben kann, ist sie nicht eindeutig besser als Josh, der einen diskontierten Cashflow aus dem Effeff erstellt. Sie überlegt, ob sie ihrem Dad die Wahrheit sagen soll: dass sie sich manchmal vorkommt wie ein Baby, hilflos und bedürftig. Dass sie die Einzige ist, die keine Ahnung hat, die Einzige, die keine entschiedene Meinung zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens hat: dem Preis von Sojabohnen, den Nuancen des Glass-Steagall Acts oder der neuen Speisekarte des University Clubs.
Aber sie spürt, dass er am anderen Ende der Leitung lächelnd auf ihre Antwort wartet.
Also sagt sie stattdessen: »Aber hallo. Ich bin großartig. Der Hammer. Alles gut.«
Sie fliegen nach Cincinnati, um an einer Reihe von Sitzungen mit einer auf Privatkunden spezialisierten Versicherung teilzunehmen, die sich auf ein Public Equity Offering vorbereitet.
»Tweedledee und Tweedledum«, sagt Charles zu Josh und Jess, »packen Sie Ihre Koffer, wir fliegen nach Kalifornien.«
»Was? Echt jetzt?«, fragt Jess.
»Nein, war nur ein Witz«, sagt er. »Genau genommen geht’s nach Ohio. Aber wie ich höre, ist das Wetter da scheiße, also nah dran.«
Erster Klasse von LaGuardia nach Ohio mit dem frühestmöglichen Flug; bevor die Flugbegleiterin ihnen auch nur einen Orangensaft anbieten kann, schläft Jess ein. Vom Flughafen aus fahren sie mit dem Taxi direkt zum Büro der LyfeCo.-Versicherung und schleppen ihre Koffer hinter sich her wie Leichen.
Man führt sie in einen höhlenartigen Sitzungssaal, der so lang ist wie eine Bowlingbahn.
Charles stellt komplizierte technische Fragen über versicherungsmathematische Modelle, während Josh sie über ihr Wachstumskapital ausquetscht. Jess schreibt mit.
Der Klient hat etwas Aalglattes, und Jess kann ihn sich gut in Sepiatönen als Räuberbaron vorstellen, der Amerikas Schatzkammern ausplündert, oder vielleicht auch nur als gewöhnlichen Gesetzlosen, der im Schutz der Nacht Kupfer von den Eisenbahnschienen klaut. Er redet endlos von Preisdiskriminierung und Gewinnmaximierung und bezeichnet all seine Kunden als Vollpfosten.
Irgendwann führt er ein besonders kompliziertes Argument aus, und Charles dreht sich zu Jess um und fragt: »Haben Sie sich das notiert?«
Jess nickt und fasst es als »Bestiehl die Armen und gib den Reichen« zusammen.
Danach informiert sich Jess online über eine lokale Chili-Restaurantkette.
»›Kommen Sie vorbei und finden Sie heraus, was uns berühmt macht‹«, liest Jess den Firmenslogan von der Webseite vor.
»Nein, danke«, sagt Josh.
»Komm schon, wir müssen doch was essen.«
Charles geht mit dem Klienten in ein Restaurant, und sie sind nicht eingeladen.
Und so überqueren sie einen sechsspurigen Highway, um zu einer kleinen Einkaufsstraße auf der anderen Seite zu gelangen, wo die Leute vor dem Restaurant Schlange stehen, um Hotdogs und Spaghetti zu erstehen.
»Ist ja nicht gerade Manhattan«, sagt Josh.
»Ich komm praktisch von hier.«
»Woher?«
»Hierher«, sagt sie, als sie sich gesetzt haben und der Kellner ihnen Wasser eingeschenkt hat. »Aus dem Mittleren Westen. Du weißt schon, ›Arsch der Welt‹?«
»Chicago?«
Jess schüttelt den Kopf. »Nebraska.«
Josh beugt sich so plötzlich vor, dass er fast sein Wasser umwirft. »Wirklich?«
»Geboren und aufgewachsen.«
»Da wär ich nie drauf gekommen. Du wirkst so« – er sucht nach dem richtigen Wort – »New-York-erisch.«
»Äh, danke?«
»Nebraska, na, so was.« Er lehnt sich zurück. »Jetzt muss ich mein mentales Modell von dir komplett revidieren.«
»Wozu hast du ein mentales Modell von mir?«
Josh ignoriert die Frage und bestellt einen Gartensalat mit gegrilltem Hähnchen. Jess nimmt ein Chili-Käse-Sandwich.
»Lass mich raten, du trainierst für einen Marathon«, sagt sie.
»Wie bitte?«
»Dieser Laden ist berühmt für sein Chili, nicht sein gedämpftes Gemüse surprise. Wieso lebst du zur Abwechslung nicht mal ein bisschen?«
»Ich bin mir ziemlich sicher, Herzerkrankungen und ein hoher Cholesterinspiegel bewirken das Gegenteil von leben.«
»Na, wenn schon? Isst du etwa nur gesunde Sachen?«
»Ja, so ziemlich. Warum sollte ich was Ungesundes essen wollen?«
»Weil es manchmal gesund ist, was Ungesundes zu tun. Seine dunkle Seite auszuleben. Seinen verdorbensten Gelüsten nachzugeben.«
Er zieht eine Augenbraue hoch.
»Ich meine nur, ist dir denn nie nach, keine Ahnung, Pommes, frittierten Oreos oder Salamipizza?«
»Ich mag Blattgemüse.«
Der Kellner kommt zurück und stellt zwei Teller auf den Tisch: einen Berg Chili mit geraspeltem Cheddar für Jess und eine Schüssel mit Gemüse für Josh.
Jess muss lachen.
Josh ebenfalls. »Okay«, sagt er und spießt mit der Gabel ein schlaffes Blumenkohlröschen auf, »hast gewonnen.«
Später sagt Jess zu Charles: »Ist das zu glauben? Die ganze Strategie dieser Typen ist irgendwie … verdreht.«
»Ich würde sie enorm profitabel nennen.«
»Aber finden Sie nicht, dass sie auf einer gewissen Ebene … alles auf den Kopf stellt? Das ist doch schon fast Raubtierkapitalismus. Finden Sie das nicht irgendwie daneben?«
»So sind Versicherungen halt.«
»Aber das ist einfach falsch!« Jess weiß, dass sie naiv klingt. Trotzdem.
Charles zuckt die Achseln. »Ich schätze, Sie haben recht. Aber, na ja … wer im Glashaus sitzt und so, hm?«
Er nennt es Robin Hood im Rückwärtsgang. Und immer, wenn jemand was besonders Gerissenes oder Hinterhältiges macht, krönt Charles ihn zum neuen König vom Sherwood Forest.
Aber Jess kommt dem nur einmal nah, als sie eines Tages eine Seidenbluse mit Bubikragen trägt und Charles sagt: »Nette Bluse, Maid Marian.«
Ihr Rückflug nach New York verspätet sich um drei Stunden. Es gibt noch genau einen Platz in einem Flugzeug, das in zwanzig Minuten startet, und Charles reißt ihn sich am Check-in-Schalter unter den Nagel. »Sorry, Leute, aber ich muss verdammt noch mal hier raus.«
Jess und Josh warten am Gate und beobachten durch ein riesiges Fenster vorbeirollende Flugzeuge. Jess denkt an den Flughafentest, der bei allen Vorstellungsgesprächen im Investmentbanking benutzt wird, um einzuschätzen, ob die Persönlichkeit der Bewerber zum Unternehmen passt: Würde ich mit dieser Person am Flughafen festsitzen wollen? Jess sieht zu Josh hinüber und überlegt. Er schaut zurück, und ihre Blicke treffen sich kurz. Sie hofft, dass er ihre Gedanken nicht errät.
»Erzähl mir von Nebraska«, sagt er schließlich. »Wie war es, dort aufzuwachsen?«
Jess verdreht die Augen. »Es ist doch immer dasselbe mit euch Ostküstenleuten. Komm näher. Ich erzähle dir jetzt von meiner Kindheit im Herzen Amerikas. Ich bin jeden Morgen mit dem Traktor zur Schule gefahren und hatte einen Präriehund, keinen normalen Hund.«
»So hab ich das nicht gemeint.«
Aus irgendeinem Grund beschließt sie, die Wahrheit zu sagen. »Tja, wenn die Frage ernst gemeint war, würde ich sagen … es war ganz schön … einsam.«
»Gab es dort viele andere afroamerikanische Familien?«
»Nein. Nicht viele«, sagt Jess. Obwohl »nicht viele« ziemlich übertrieben ist. Manchmal hatte sie das Gefühl, sie und ihr Vater wären die einzigen Schwarzen in der ganzen Metropolregion Lincoln, in den ganzen Great Plains, im ganzen Universum.
Es lag nicht nur daran, dass sie kaum andere Schwarze Familien kannte, außer ihrem Dad hatte sie auch keine anderen Angehörigen. Alle waren tot – ihre Mutter, ihre Großeltern – oder lebten weit weg – ein Onkel, den ihr Vater nie erwähnte, diverse Cousins und Cousinen, die Jess nie kennengelernt hatte, die aus weit entfernten Orten wie Los Angeles oder Toronto Weihnachtskarten schrieben.
Alle um Jess herum schienen ein Zuhause voller Menschen und Haustiere zu haben – Brüder, Schwester, Katzen, Hunde –, und wenn Jess sie besuchte, ging es immer laut und chaotisch zu, was ihre eigene winzige Familie würdevoll erscheinen ließ, als hätte sie genau die richtige Größe. Aber dann, an Weihnachten, Thanksgiving oder am Muttertag gab es nur eine überschaubare Anzahl von Arten, wie zwei Menschen feiern konnten, und sie empfand eine tiefe Einsamkeit und erinnerte sich wieder daran, dass ihre Familie unvollständig war.
»Muss schwer gewesen sein«, sagt Josh.
»Ich dachte, die soziale Schicht wäre heute das wahre Problem in Amerika und nicht die Hautfarbe.«
»Du vergisst echt nie, was? Hast du eine Akte darüber angelegt, was für bescheuerte Bemerkungen ich auf dem College gemacht habe, die du bei jedem unserer Gespräche gegen mich verwenden kannst?«
»Du findest deine damalige Bemerkung bescheuert?«
Er seufzt. »Ich glaube, ich habe damals eine Menge Dinge gesagt, die nicht besonders nuanciert waren.«
»Damals? Du meinst, letztes Jahr?«
Er stöhnt auf. »Jess, mach mal halblang. Es ist ja nicht so, als wärst du selbst ein Ausbund an Tugend und Verständnis gewesen.«
»Wovon redest du?«
»Du und deine Freundinnen. Ständig habt ihr getrunken, euch zugedröhnt und über alles und jeden die Nase gerümpft. Im Seminar warst du ständig verkatert. All die riesigen Becher mit Kaffee und die Eiersandwiches. Komm schon. Tu nicht so, als wärst du moralisch so unglaublich überlegen.«
»Da bin ich lieber betrunken als ein verfassungshöriger Konservativer.«
Er lacht kurz auf.
»Ich wurde aufgezogen«, erklärt Jess ihm. »Nichts Extremes. Niemand hat mir auf Facebook nahegelegt, mich umzubringen, aber … ich weiß auch nicht. Kinder können echt fies sein, weißt du?«
Er nickt.
»Und, wie war es für dich, als du aufgewachsen bist? In …?«
»Connecticut.«
»Ah. Ist klar. Connecticut. Choate.« Plötzlich fällt Jess wieder ein, mit wem sie redet. Wünscht sich, sie hätte nicht so viel von sich preisgegeben. »Sag nichts. Als Kind hast du Ärger gekriegt, weil du einen Baseball über den Zaun auf David Lettermans Grundstück geschlagen hast. In der Schule hast du eine Krawatte getragen und am Wochenende im Klub Polo gespielt.«
»Du glaubst echt, du hättest mich komplett durchschaut, was?« Er wirft ihr einen Seitenblick zu. »Ich versteh das, glaub mir.«
»Was verstehst du?«
»Das Gefühl, nicht dazuzugehören. Ich komme auch nicht aus einer wohlhabenden Familie. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich in der Mittelstufe war, und mein Dad ist nach Kalifornien gezogen. Meine Mom musste arbeiten. Es war nicht einfach.«
»Aber du bist auf die Choate gegangen.«
»Ich hatte Hilfe.«
»Und, waren die anderen Kinder Arschlöcher? Die reichen Kinder?«
Josh schüttelt den Kopf. »Nein, aber ich kam mir trotzdem anders vor, verstehst du?«
Jess versteht, und sie ist überrascht, dass er mal einen Gedanken äußert, der nicht klingt, als würde er direkt aus einem Wirtschaftslehrbuch stammen.
Sie nickt. »Tja, die Kinder, mit denen ich zur Schule gegangen bin, waren Arschlöcher … aber ich wollte trotzdem so sein wie sie. Wollte mit ihnen befreundet sein.«
Ihr Flug wird über einen knisternden Lautsprecher ausgerufen, und sie schlendern zum Gate.
»Das ist verständlich«, sagt Josh, der seinen Koffer neben sich herrollt. »Der Wunsch, dazuzugehören, ist einer der hartnäckigsten menschlichen Instinkte. Wir sind kognitiv gepolt, uns anzupassen.«
Und da ist sie wieder, die nervtötende Wikipedia-basierte-Theorie der Welt.
»Ist klar«, bemerkt Jess trocken und richtet die Träger ihrer Tasche. »Wissenschaft.«
Zwei Wochen später.
»Jess.« Josh steht an ihrem Schreibtisch.
»Ich weiß, ich weiß«, sagt sie. »Der Capital Stack ist fast fertig, versprochen. Ich schicke ihn dir … bald.«
»Das ist es nicht«, sagt er.
Sie sieht ihn wortlos an.
»Ich hab mich nur gefragt, ob du Mittagessen gehen willst.«
Sie essen Bagel auf einer Bank im Rockefeller Park.
»Und, was hältst du vom LyfeCo.-Investmentmemorandum?«, fragt er. »Ich bin neugierig, wie du die Strukturierung des Dokuments findest.«
Jess legt den Bagel auf ihren Schoß. »Das Investitionsmemorandum? Du fragst mich, ob ich mit dir was essen will, damit wir über Versicherungen reden können?«
»Klar, warum nicht?«
»Okay. Also, hätte ich geahnt, dass das ein Geschäftsessen wird, hätte ich mich besser vorbereitet. Vielleicht ein paar Ausdrucke mitgebracht.«
»Ich frage dich nur nach deiner Meinung.«
»Na schön. Ich glaube, LyfeCo. ist im Grunde nichts anderes als ein Verbrechersyndikat, das nur dazu da ist, den verletzlichsten Mitgliedern der Gesellschaft das Geld aus der Tasche zu ziehen.« Jess weiß, dass sie wie eine Heuchlerin klingt, findet aber, dass einzig völlige Apathie noch schlimmer ist als eine moralische Mitschuld.
»Ich wollte eigentlich nur deine Meinung zum Memorandum hören und keine kommunistische Grundsatzrede, aber … okay.« Er schweigt kurz. »Glaubst du, es ergibt Sinn, so weit vor der Risikoabschätzung eine SWOT-Analyse einzufügen, obwohl es in beidem um sehr ähnliche Dinge geht?«
Jess zuckt die Schultern, hebt die obere Hälfte des Bagels an und arrangiert den Salat und die Tomaten neu.
Er seufzt. »Na schön, worüber willst du dich dann unterhalten, Jess?«
»Ich hab gehört, einer der Hauptgeschäftsführer betrügt seine Frau mit einer PR-Praktikantin. Jemand hat sie im Treppenhaus rumknutschen sehen.«
»Echt?« Josh sieht überrascht aus. »Wer?«
»Hab ich vergessen.«
Er gibt so etwas wie ein Lachen von sich. »Mann, du bist echt unglaublich.«
Josh isst den Bagel auf und klopft sich die Krümel von den Händen. Dann streckt er die Beine aus und kreuzt die Knöchel, und Jess fragt sich, ob er seine Schuhe putzen lässt.
»Okay, wie wär’s damit: Wieso kannst du Rich Golden nicht leiden?«, fragt er.
Jess überlegt, ob sie etwas Unehrliches erwidern soll wie: Wer, ich?, doch stattdessen sagt sie: »Ist das so offensichtlich?«
»Nein.«
»Er ist einfach so … mittelmäßig.«
»Du weißt, dass sein Vater im Vorstand sitzt.«
Jess nickt. »Klar weiß ich das. Jeder kennt Dick Golden. Ich versteh schon. Er nur so unglaublich anstrengend im Umgang. Als würde man sich mit einem Sack Mehl unterhalten.«
»Er ist tatsächlich nicht die geistreichste Person, die mir je begegnet ist«, gibt Josh zu.
»Ich finde es einfach nur frustrierend, dass er in fünf Jahren wahrscheinlich Vice President ist und ich immer noch Kaffeebestellungen entgegennehme und Pitchbooks ausdrucke.«
»Der wird kein VP.«
»Woher willst du das so genau wissen?«
»Ich persönlich glaube nicht, dass der Grund, warum sie ihn eingestellt haben, ihn besonders weit bringen wird. Ich denke, Goldman ist ganz gut darin, Talente zu identifizieren und zu belohnen. Das meritokratische Ideal wird sich durchsetzen.«
»Du hältst Goldman für eine Meritokratie?«
»Mehr oder weniger, ja.«
»Kein Wunder.«
»Wie bitte?«
»Ich sagte: kein Wunder«, wiederholt Jess, vielleicht einen Tick zu laut.
»Ich hab dich schon verstanden«, erwidert Josh. »Ich will wissen, was du damit meinst.«
»Ich meine, dass du und alle Richs dieser Welt natürlich glauben, dass sie in einer perfekten, glücklichen, wunderbaren Meritokratie leben, wo alle cleveren, fleißigen Menschen Gewinner sind und alle anderen Verlierer.«
»Ich und alle Richs?«
»Weiße Menschen mit Penis.«
»Okay, wow, ich hätte echt gedacht, dass du noch ein bisschen länger um den heißen Brei rumredest«, sagt er. »Wie auch immer, Jess, ich hab nichts mit Rich gemeinsam. Er ist ein Idiot. Da bin ich ganz bei dir. Aber bloß, weil wir beide weiß sind, musst du dich ständig mit mir anlegen?«
»Ich find’s nur echt unfair, dass für den Rest von uns nichts mehr übrig ist, wenn die ganzen Vetternwirtschafts-Jungs damit fertig sind, ihren Amigos Gefallen zu tun.«
»Und inwiefern betrifft dich das genau?«
»Wie meinst du das?«, fragt Jess.
»Du hast doch alles.«
»Nein, hab ich nicht. Wovon sprichst du? Du wirst zu mehr Deals mitgenommen als ich. Du bekommst mehr Anerkennung als ich. Du kriegst mehr Anrufe von Headhuntern als ich. Muss ich weitermachen?«
»Das hat nichts mit Vetternwirtschaft zu tun, Jess. Das liegt daran, dass ich besser bin als du.«
»Besser als ich?«
»Besser im Job.«
»Ich behaupte ja nicht, dass ich die beste Analystin der Welt bin, aber manchmal wäre es nett, die gleiche Sonderbehandlung zu bekommen wie alle anderen.«
»Was soll ich dazu sagen? Tut mir leid, dass du nicht das Gefühl hast, dass die Welt dir auf jede erdenkliche Art entgegenkommt. Aber wir sind an genau demselben Ort, Jess. Wir hatten die gleiche Ausbildung. Haben den gleichen Job. Was willst du denn noch?«
»Ich will den gleichen verdammten Vertrauensvorschuss! Ich will, dass die Leute Größe in mir sehen, ob sie nun da ist oder nicht, und dass sie sie fördern und feiern. Dass sie mir sagen, dass ich brillant und wunderbar bin und dass sie meine gottverdammten Geschenke an die Welt zu schätzen wissen. Ich will, dass die Leute sagen: ›Jess ist auch hier, und das ist fantastisch.‹«
»Na ja«, sagt er nach einer Weile. »Ich glaube nicht, dass das passieren wird.«
Jess wirft die Reste ihres Bagels ein paar Tauben hin, die in der Nähe herumsitzen. »Wie auch immer, mal ganz ehrlich«, sagt sie.
»Ja?«, sagt Josh.
»Ein reicher Typ namens Rich? Ernsthaft?«
»Tja«, sagt Josh, »Dick junior wäre wohl etwas zu platt gewesen.«
Um befördert zu werden, hat Charles angefangen, eigene Deals zu pitchen und Kunden zu akquirieren.
Einer der wichtigsten potenziellen Kunden – der »renommierteste Lieferant von Keksen und Kuchen des Landes« – war auf der Suche nach günstigen Geschäften gewesen, und Charles hatte ihn ins Visier genommen. Ein solides, familiengeführtes Unternehmen, das den Markt im nördlichen Teil des Mittleren Westens dominierte.
Er rief dort an, um das Interesse abzuschätzen.
Nachdem er ein paar Minuten lang herumgereicht worden war, wurde er schließlich zum Geschäftsführer höchstpersönlich durchgestellt, dem fünfundachtzigjährigen Patriarchen, der die Firma seit fünfzig Jahren leitete.
Charles stellte sich vor.
»Hier Charles Macmanus von Goldman Sachs.«
Ein Husten mit Auswurf, dann eine Pause. »Wie war das, Junge? Sprechen Sie lauter!«
»Ich rufe von Goldman Sachs an«, rief Charles ins Telefon.
»Wer ist da?«, krächzte der alte Mann.
»Goldman Sachs«, wiederholte Charles.
»Goldman Snacks?«
Jess erzählt ihrem Vater die Geschichte und wartet darauf, dass er lacht.
»Aber Jessie«, entgegnet er, »vielleicht dachte er, dein Kollege wäre ein Investment Bäcker.«
Und statt über ihren Witz zu lachen, lacht er über seinen eigenen.
Freitags ist es ruhig; die Geschäftsführer sind schon über das Wochenende nach Hause gefahren, und so drängen sich die Analysten im Großraumbüro und spielen abwechselnd ein Ego-Shooter-Game, das jemand illegal runtergeladen hat. CGI-Blut spritzt literweise auf die Straße, und Prostituierte kreischen entsetzt auf, während gestohlene Wagen rücksichtslos auf Gehsteige rasen. Jess schlendert zu ihnen hinüber und tut so, als würde sie sich für eine brennende Lagerhalle interessieren.
Josh rollt mit dem Stuhl zu ihr. »Willst du auch mal?«
»Äh, nein«, sagt Jess. »Ich hatte für heute genug. Hab schon zum Frühstück ein paar unbeteiligte Zuschauer niedergemäht. Das muss bis zum Mittagessen reichen.«
Andere Spiele, die sie spielen: ein kompliziertes Kartenspiel namens Set. Bei den Tradern fängt es an. Denn es ist ein Spiel, bei dem es um Logik, eine schnelle Auffassungsgabe und Mustererkennen geht, es wird für sie zu einer Art Kurzschrift dafür, Gewinner und Verlierer zu identifizieren, im Spiel wie im Leben. Bei Set gibt es eine simple Hierarchie: Je besser der Trader, desto öfter gewinnt er.
Es herrscht eine greifbare, aber unausgesprochene Spannung zwischen Bankern und Tradern. Der Leiter des Trading-Teams ist ein Typ, der in der Bronx geboren und aufgewachsen ist, sich als Enzyklopädie-Vertreter das Geld fürs City College verdient und sich dann von der Postabteilung hochgearbeitet hat. Der Leiter der Investmentbanking-Abteilung ist ein Erbe mit Harvard-Abschluss und einem Wachsmalkreide-Vermögen.
Eines Nachmittags, berauscht von einem triumphalen Jahresbericht, veranstaltet die gesamte Etage ein improvisiertes Turnier.
Sie spielen nach dem K.-o.-Prinzip, sodass der Gewinner mit jeder Runde umso wahrscheinlicher gewinnt, der Verlierer umso wahrscheinlicher verliert. VP, Associate, Analyst, kompromisslos bis zum Ende, bis sie nur noch einem verängstigten Angestellten aus dem ersten Jahr nach dem anderen dabei zusehen, vom Champion fertiggemacht zu werden. So fressen die Starken die Schwachen. Die Trader liegen vorn – ihr Geist ist beweglich, und sie können ihre Gewinnchancen blitzschnell einschätzen.
Die Banker murren.