Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Nun war es endlich soweit. Allen Unkenrufen zum Trotz, wollte Heike mit ihrem Lebensgefährten Ferdi nach Teneriffa auswandern. Anfangs recht blauäugig, holte sie der Alltag auf der größten Kanareninsel jedoch schnell ein, und die Beziehung geriet auf den Prüfstand. Werden die beiden ihren Traum von einem besseren Leben unter Palmen verwirklichen können? Lassen Sie sich entführen auf eine eindrucksvolle Reise, die Ihnen einerseits wundervolle Eindrücke der Insel des ewigen Frühlings, andererseits aber auch die Abgründe menschlichen Seins vor Augen führt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 713
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ein Satz, den einst meine Großmutter geprägt hatte, als sie mich mal wieder vor den Gefahren des Lebens warnen wollte. Dieser Satz ist mir so manches Mal in den letzten Jahren wieder ins Gedächtnis gerufen worden. Nur leider erst, als es bereits zu spät war!
„Dann machen wir das doch!“ Dieser Satz kam mir damals so leicht über die Lippen, besiegelte ich doch damit einen für Ferdi, meinen Lebensgefährten, und mich längst geplanten Schritt. Wir hatten endlich beschlossen, unseren oft diskutierten Plan Deutschland zu verlassen und im sonnigen Spanien ein neues Leben zu beginnen, umzusetzen. Viele Monate lang hatten wir Überlegungen angestellt, wie schön es doch wäre, alles zurückzulassen, das uns hier in Deutschland davon abhielt unsere Pläne zu verwirklichen. Und nun endlich wollten wir es wagen und unseren Traum Wirklichkeit werden lassen.
*
Natürlich hatte ich mir Gedanken gemacht, wie es denn für mich werden würde, so weit entfernt von meinen Kindern, meinen Freunden und dem Rest meiner Familie zu sein. Aber war es nicht so, dass sie alle im Moment gar nichts mit mir zu tun haben wollten? Meine Kinder, die mir die Trennung von ihrem Vater, meinem Ehemann, nicht verzeihen konnten. Die sich so gut wie nie bei mir sehen ließen. Und wenn, dann nur weil ich mal wieder angerufen und gebettelt hatte, sie mögen mich doch bitte wieder einmal besuchen. Allem voran meine Tochter Marie, die so vernarrt war in die neue Lebensgefährtin ihres Vaters, dass sie beinahe jedes Wochenende eine andere Ausrede hatte, um nicht zu mir kommen zu müssen. Meine Freunde, die meine neue Beziehung nicht tolerieren wollten und sich immer mehr zurückzogen.
Sollte ich ihretwegen darauf verzichten, einen neuen Anfang zu wagen, der für mich so vielversprechend klang? Monatelang hatte ich darüber nachgedacht. Und letztlich beschloss ich, einfach einmal an mich zu denken. Spanien ist mit dem Flugzeug in 2 Stunden zu erreichen. Also wenn sie mich sehen wollten, könnten sie mich ja besuchen. Und ich hoffte, durch den Abstand, den wir durch diese Entfernung gewinnen würden, wäre es vielleicht möglich, eine neue Basis zu schaffen, auf der wir wieder vernünftig miteinander umgehen konnten.
Doch bevor unser neues Leben beginnen konnte, mussten erst einige Voraussetzungen geschaffen werden. Wir sollten Spanisch lernen, zumindest ich, denn Ferdi sprach, so seine Aussage, die Sprache ganz passabel. Ein Job musste gefunden werden, denn wir mussten ja auch dort unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Und nicht zuletzt ein Haus für uns und unsere 6 Hunde, die wir natürlich mitnehmen und auf die wir unsere Zukunft aufbauen wollten.
Ich begann damit, die Sprachkurse in der Umgebung ausfindig zu machen, musste aber feststellen, dass sie entweder schon angefangen hatten und ein Einsteigen mittendrin wenig Sinn machte, oder aufgrund mangelnder Nachfrage gar nicht erst stattfanden. Doch es gab ja auch noch andere Möglichkeiten. Und so lief anstelle meines Radios im Auto jetzt ständig meine spanische Lern-CD, von der ich hoffte, zumindest einige Grundkenntnisse zu erwerben. Schließlich war ich der Meinung, man lernt ja doch am einfachsten und am schnellsten, wenn man in Spanien unter Spaniern lebt.
Ich hatte mich bei einigen Internet-Jobbörsen angemeldet und hoffte, dass sich dort einige interessante Angebote auftun würden. Und was unser neues Zuhause anbelangte - Mietobjekte gab es zur Genüge. Also machte ich mir darüber keine Sorgen.
Alles in allem schien ich auf dem richtigen Weg zu sein. Hatte ich doch alle Fäden gezogen, um uns den Start ins neue Leben so leicht wie möglich zu machen. Jetzt, so dachte ich, braucht man einfach nur auf das perfekte Angebot zu warten und los geht’s. Währenddessen ging unser Leben in Deutschland jedoch weiter und zeigte sich zumeist von einer nicht gerade angenehmen Seite.
Ferdi und ich lebten gerade mal ein halbes Jahr zusammen und unsere Beziehung war keineswegs so gefestigt, wie ich damals angenommen hatte. Er litt nach eigener Aussage unter dem „Burn-Out-Syndrom“ und stand ständig unter ziemlich starken Psychopharmaka, was sein Verhalten mir gegenüber sehr oft unerträglich machte. Er litt unter starken Stimmungsschwankungen und war häufig depressiv. Er verfolgte mich mit seiner ständigen Eifersucht. Dies führte dazu, dass es immer wieder großen Ärger gab, wenn wir gemeinsam ausgingen. Ich traute mich kaum noch, meine Freunde zu besuchen weil ich ihn bei meiner Rückkehr oft völlig deprimiert und in Tränen aufgelöst vorfand. Wenn ich zur Arbeit fuhr, bombardierte er mich ständig mit SMS und Anrufen. Das missfiel natürlich meinem Arbeitgeber sehr und brachte mir des Öfteren ziemlichen Ärger ein. Antwortete ich jedoch nicht, brachte es mir Ärger mit Ferdi ein wenn ich heimkam, sodass ich mich ständig in einer Zwickmühle befand.
Ich wurde immer nervöser und gereizter, war unkonzentriert und mir unterliefen immer häufiger Fehler, die mir bisher nie unterlaufen waren. Seit Jahren war ich mehr oder weniger mein eigener Chef. Ich hatte ein eigenes Ressort, in dem ich schalten und walten konnte, wie ich es für richtig hielt. Inzwischen hatte ich mir so viel Wissen angeeignet, dass selbst meine Vorgesetzten manchmal nicht mithalten konnten und mir freie Hand ließen. Ich traf meine eigenen Entscheidungen und lag damit meistens richtig. Man kannte mich als zuverlässige Mitarbeiterin, der man vertraute. Mein Job als Abteilungsleiterin bei einem namhaften großen Logistikunternehmen war in den vorangegangenen Jahren zu meiner Lebensaufgabe geworden und nicht selten traf man mich auch alleine am Wochenende im Betrieb an, wenn ich etwas testen musste, was ich während der normalen Arbeitszeit nicht tun konnte. Ich liebte meine Arbeit und ging völlig darin auf, war sie doch interessant und abwechslungsreich, brachte mir Anerkennung und Respekt und war für mich jeden Tag eine neue Herausforderung. All‘ das, was ich in meiner langjährigen, stumpfsinnig gewordenen Ehe schon lange nicht mehr hatte, fand ich in meinem Job.
Nachdem ich mit Ferdi zusammengezogen war, änderte sich meine Einstellung zu meiner Arbeit jedoch drastisch. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mich um Ferdi, seine Familie und seine Hunde zu kümmern. Meine gesamte Freizeit bestand nun darin, dafür Sorge zu tragen, dass es allen gut ging.
Ich kümmerte mich um Haushalt und Hunde, bewirtete die ständig anhaltende Gästeschar und hatte kaum mehr als 3-4 Stunden Schlaf pro Nacht. Diese Aufgabe forderte mich so sehr, dass in erster Linie meine Arbeit darunter litt. Ich war total übermüdet, konnte mich manchmal kaum auf den Beinen halten. Meine Gesundheit machte mir Sorgen. Ich litt ständig unter Kopfschmerzen, hatte Probleme mit meinem Kreislauf und wurde so krank, dass ich oft schon nach 2 Stunden wieder nach Hause fahren musste. Doch ich hatte keine Zeit, mich auszukurieren. Zuhause wartete immer eine Menge Arbeit auf mich und ich zwang mich, durchzuhalten. Hatte ich doch ein Ziel vor Augen und wusste, dass sich alles bald bessern würde. Ich war überzeugt davon, wenn wir erst in Spanien wären, würde unser Leben angenehmer und leichter werden.
Also verschloss ich die Augen vor den Warnzeichen meines Körpers und kämpfte mich durch die Tage und Wochen, immer in der Hoffnung, dass sich endlich das richtige Jobangebot in Spanien finden würde, um den Absprung zu schaffen. Doch es geschah nichts. Alles was ich versuchte, schlug fehl oder verlief im Sande. Meine Stimmung war ziemlich gegen den Nullpunkt gesunken, gesundheitlich ging es mir immer schlechter und damit fingen auch die Probleme in unserer Beziehung an.
Nachdem Ferdi mich am Anfang bei meiner Arbeit zuhause noch unterstützt hatte, wurde er immer nachlässiger mit allem und hatte kaum noch Interesse daran, mir zur Hand zu gehen. Er war ständig unterwegs und wenn er dann zuhause war, verbrachte er Stunden an seinem PC mit seinen Spielen. Er kümmerte sich nur noch sehr halbherzig um seine Hunde und überließ mir den Großteil der Pflege. Nur im Beisein seiner Freunde kehrte er den engagierten Hundezüchter heraus. Ich entdeckte, dass er selbst nachts aufstand und sich an seinen PC begab, wenn er der Meinung war, ich sei bereits eingeschlafen.
Irgendwann schlich ich mich leise ins Wohnzimmer und war entsetzt darüber was ich da sah. Über Webcam betrieb er eifrig Cybersex mit einem jungen blonden Mädchen. Ich war zu geschockt, um mich bemerkbar zu machen und erwähnte diesen Vorfall zunächst nicht. Aber die Eifersucht plagte mich von nun an ständig, und ich war fest der Überzeugung, dass er mich nicht nur in der virtuellen Welt betrog. Ich hielt die Augen offen und bemerkte, dass er ständig in irgendwelchen Chaträumen war wenn er dachte, ich würde es nicht merken. Außerdem trug er neuerdings sein Handy, das sonst meist achtlos irgendwo herum lag, ständig bei sich.
Da ich noch immer krank war, kam ich häufig unangemeldet nach Hause. Jedes Mal hatte ich Angst, ihn mit einer anderen im Bett zu erwischen und die Bestätigung für meine Vermutung zu erhalten. Wenn ich um die Ecke bog, zitterte ich schon vor Angst, was mich erwarten würde wenn ich das Haus betrat.
Irgendwann war es dann auch soweit. Ich kam nach Hause und sah, dass ein fremdes Auto vor der Tür stand. Als ich das Wohnzimmer betrat, war dort niemand zu sehen. Mit einem mulmigen Gefühl ging ich nach oben und fand ihn mit einer Bekannten in ziemlich eindeutiger Position in unserem Bett vor. Ich war am Boden zerstört. Meine kleine heile Welt brach plötzlich zusammen wie ein Kartenhaus. Später sollte ich erfahren, dass sie sogar mit ihm verwandt war.
Nachdem sie unser Haus verlassen hatte, versuchte er sich natürlich mit aller Gewalt herauszureden. Aber was ich gesehen hatte, hatte mich zutiefst verletzt und gedemütigt. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er hatte mir so sehr wehgetan.
Als Ferdi merkte, dass seine Ausreden nichts nützten, verließ er das Haus und fuhr davon. Ich fühlte mich wie gelähmt, nicht in der Lage irgendetwas zu tun. Stunden vergingen, in denen ich immer wieder in Tränen ausbrach, bis ich mich endlich aufrappeln konnte, meine Sachen zu packen. Ich lud mein Auto voll bis unters Dach, setzte mich hinein und fuhr einfach davon.
Mittlerweile war es dunkel geworden und ich fuhr ziellos durch die Straßen ohne zu wissen wohin ich mich wenden sollte. Ich fuhr einen einsamen Parkplatz an, um mich erst einmal zu sammeln und mir Gedanken zu machen, was nun geschehen sollte. Sollte ich zurückgehen zu meinem Mann, der nur darauf wartete, dass ich endlich zu ihm zurückkehrte?
Ich wusste, er würde mir verzeihen und würde sein Bestes tun, um mich zu halten. Aber wollte ich das wirklich? Sollte ich mir zunächst ein Hotelzimmer für einige Tage suchen? Meine Ersparnisse waren zwar fast aufgebraucht, aber für eine kurze Zeit hätte ich mich über Wasser halten können.
Doch ein Blick in den Spiegel hielt mich davon ab. Meine Augen waren rot und geschwollen. Ich wollte nicht, dass mich jemand so sah. Ich war total verzweifelt. Alle meine Träume waren geplatzt wie eine Seifenblase. Ich stand alleine auf einem einsamen Parkplatz und zum ersten Mal kam mir der Gedanke: Mach Alledem ein Ende. Setz dich ins Auto, such‘ dir einen dicken Baum und alles ist vorbei!
Ich weiß nicht mehr, wie viele Stunden ich auf diesem Parkplatz verbracht hatte, als plötzlich mein Handy klingelte. Ich sah Ferdis Nummer im Display, aber er war der Letzte, mit dem ich jetzt reden mochte. Er gab nicht auf und versuchte es immer wieder und wieder. Ich war hin- und hergerissen. Als ich dann doch seinen Anruf annahm, hörte ich ihn weinen. Er bettelte und flehte, ich solle zurückkommen. Aber ich konnte nicht. Er hatte mich zutiefst verletzt und ich wusste, ich würde ihm nie wieder vertrauen können. Das würde ich ihm niemals verzeihen können.
Doch je länger wir redeten, desto unsicherer wurde ich. Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Im Auto wurde es eisig kalt, ich war total übermüdet und mit meinen Kräften am Ende. Nach stundenlangen Diskussionen fuhr ich dann doch zu ihm zurück. Eigentlich war mir da schon klar: Es war falsch!
Nachdem ich zurückgekehrt war, trug Ferdi mich auf Händen. Anfangs gab er sich alle Mühe, mich glücklich zu machen. Aber in mir tobte ein Sturm. Ich ließ ihn kaum an mich heran, war misstrauisch und wurde zusehends depressiver. Ich war seit Wochen krankgeschrieben, quälte mich durch die Tage, versuchte meine Aufgaben zu erledigen und wartete noch immer sehnsüchtig darauf, ein Jobangebot aus Spanien zu bekommen, das vielversprechend klang.
*
Mittlerweile hatten wir damit begonnen alles, was wir erübrigen konnten, zu sparen. Wir verkauften alles, von dem wir der Meinung waren, dass wir darauf verzichten konnten, um uns ein Polster zu schaffen, das es uns ermöglichen sollte, den Umzug zu finanzieren.
Wir erkundigten uns über die Formalitäten, die wir zu bewältigen hatten und über die eventuellen Kosten, die das alles mit sich bringen würde. Ferdi hatte sich nun mittlerweile der ganzen Sache angenommen weil ich gesundheitlich einfach nicht in der Lage war, noch zusätzliche Aufgaben zu übernehmen. Ich litt unter erheblichen Depressionen, fühlte mich die meiste Zeit niedergeschlagen und müde.
Ich nahm Antidepressiva, die mir aber kaum halfen und hatte mir zudem durch einen bösen Sturz bei einem Spaziergang mit den Hunden schlimme Verletzungen im Gesicht zugezogen, sodass ich auch nicht vor die Tür gehen mochte. Hinzu kam, dass mein Hausarzt einen Tumor an der Hirnanhangdrüse diagnostiziert hatte. Ich hatte panische Angst davor, er würde recht behalten.
Ich vergrub mich in die Arbeit mit den Hunden. Die Zuneigung, die sie mir entgegenbrachten, war ehrlich. Hunde können nicht lügen. Vor allem Ricco wich mir kaum von der Seite und merkte immer wenn es mir schlecht ging. Sehr oft kam er zu mir und legte seinen Kopf in meinen Schoß als wolle er sagen: „Ich bin da und pass‘ auf dich auf.“ Manchmal rührte es mich zu Tränen.
Eine befreundete Hundezüchterin gab letztlich den Ausschlag für unsere Zukunft in Spanien. Sie erzählte uns von einem Tierheim auf Teneriffa, in dem sie selbst einige Zeit gearbeitet hatte und mit dessen Besitzern sie einmal eng befreundet war. Noch am gleichen Abend schrieben wir Bewerbungen und schickten sie per E-Mail. Von nun an warteten wir gespannt auf Antwort.
Ich hatte mittlerweile wieder angefangen zu arbeiten, so dass Ferdi sich um alles Weitere kümmern musste. Er bekam Antwort vom Tierheim, telefonierte mehrfach mit dem Betreiber in Deutschland und erhielt die Zusage, dass er für uns eine Stelle frei hätte. Nun fehlte uns nur noch eine Wohnung oder ein Haus auf Teneriffa und wir konnten umziehen. Ein geeignetes Haus hatte Ferdi gleich am nächsten Tag gefunden und das Mietverhältnis unter Dach und Fach gebracht, so wie er sagte. Es handelte sich um eine einsame Finca in den Bergen mit viel Platz für unsere Hunde und dem was wir vorhatten: eine Hundezucht, einen Hundetrainingsplatz und viel Platz für weiter Hunde.
Wir waren überglücklich und begannen nun damit, Pläne für unseren Umzug zu schmieden. Die Weichen waren gestellt: Wir hatten einen Job und ein Zuhause. Jetzt mussten wir nur noch alles Nötige in Deutschland regeln und ab ging es in die Sonne.
Ich hatte noch einige aufwändige Untersuchungen vor mir, um herauszufinden ob sich die Diagnose meines Arztes bezüglich des Tumors bestätigte oder nicht. Mir war klar, wenn es ein Tumor wäre, dann wäre er inoperabel und ich hatte große Angst vor den Ergebnissen. Aber ich wollte trotzdem nach Teneriffa gehen. Ich wollte die Zeit, die mir dann noch zur Verfügung stand, genießen. In einem Land in dem immer die Sonne scheint. Ferdi hatte noch eine Bandscheibenoperation vor sich, die ihn auch sehr belastete, die aber unbedingt noch in Deutschland durchgeführt werden sollte. Also legten wir unseren Abreisetermin auf Anfang August fest. Bis dahin wollten wir alle Hürden genommen haben. Wir hatten noch 3 Monate Zeit!
Meine Untersuchungen ergaben, dass die Krankheit an der ich seit Monaten litt, eine Nebenwirkung der Medikamente war, die ich ständig nahm. Ich setzte sie daraufhin umgehend ab und mein Zustand besserte sich täglich. Ferdis Operation war ebenfalls ein Erfolg, und er wurde bereits nach ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen.
Wir hatten mittlerweile den größten Teil unseres Hausrates verkauft und fühlten uns zunehmend unwohler in unserem Zuhause. Wir waren viel unterwegs, um alles zu regeln, was es noch zu regeln gab.
Zwischenzeitlich bekamen unsere Hunde zweimal Welpen. Das bedeutete zwar für uns ein Menge zusätzlicher Arbeit, füllte aber auch unsere Reisekasse. Die Wochen vergingen rasend schnell und unser Abreisedatum rückte schnell näher. Wir hatten die Flüge gebucht, die meisten Sachen waren bereits gepackt.
Eines Abends bekamen wir dann jedoch einen Anruf, der alle unsere Pläne wieder umstürzte. Der Vermieter der Finca teilte uns mit, dass er das Haus erst in einem Jahr an uns vermieten könne, da noch ein Verwandter Anspruch darauf erheben würde.
Ich hatte bereits vorher schon mehrfach darauf gedrängt, dass Ferdi auf einem Mietvertrag bestehen sollte, was er aber immer vehement abgelehnt hatte. Denn der Vermieter wäre ja immer so nett gewesen am Telefon, dem könne man ja blind vertrauen. Nun saßen wir auf gepackten Koffern in einem fast leeren Haus mit den Flugtickets in der Tasche aber ohne ein neues Zuhause.
Am gleichen Tag noch begannen wir nach einer neuen Bleibe Ausschau zu halten, aber es fand sich nichts. Überall auf der Welt gab es Häuser zu mieten, nur nicht auf Teneriffa, zumindest nicht in der Region, in die wir wollten. Langsam bekamen wir Panik. Wir hatten nur noch 4 Wochen Zeit bis zu unserem Abflug und kamen keineswegs voran mit unserer Suche.
Nach langen Diskussionen beschlossen wir dann: Ich fliege hin und suche gleich vor Ort nach einem Haus. Mir wäre lieber gewesen, wenn Ferdi das getan hätte aber er fand Ausreden genug, warum er nicht fliegen mochte. Dabei sprach er doch angeblich sehr gut Spanisch und ich hatte mir gerade mal ein paar wenige Worte angeeignet. Aber er entkräftete es damit, dass seiner Meinung nach Teneriffa ja eine Urlaubsinsel sei, auf der mit Sicherheit Deutsch gesprochen würde. Im Nachhinein denke ich, er hatte einfach keine Lust, überließ er unangenehme Dinge doch lieber Anderen.
Ich buchte kurzerhand ein Ticket und Ferdi brachte mich schon 3 Tage später auf den Weg zum Flughafen. Ich war noch nie alleine geflogen und hatte nicht im Geringsten eine Ahnung, wie ich das alles bewältigen sollte. Zudem hatte ich irrsinnige Flugangst.
Nach den ersten Spießrutenlaufen war ich eingecheckt und saß mit zitternden Knien im Flugzeug. Mich hatte die Panik vollkommen im Griff. Als das Flugzeug auf die Rollbahn fuhr, musste ich allen Mut zusammennehmen, um nicht aufzuspringen und auszusteigen. Ich krallte mich regelrecht in die Lehnen meines Sitzes und hatte das Gefühl, vor Angst gleich ohnmächtig zu werden. In diesem Moment hasste ich Ferdi. Warum hatte er mir das angetan und lies mich alleine hier in diesem Flugzeug sitzen. Genauso gut hätte er sich darum kümmern können, wahrscheinlich viel besser als ich. Doch was nütze mir das jetzt? Ich wusste, wenn ich jetzt versagen würde, dann würde unser Traum platzen. Ich vergrub mich in meine Notizen, die ich mir vor meinem Abflug gemacht hatte. Eine Karte von Teneriffa, in der ich angezeichnet hatte, wo sich das Tierheim, unsere neue Arbeitsstelle, befand. Namen und Adressen der Behörden, die ich aufsuchen musste, um uns anzumelden, für Arbeitserlaubnis, Krankenversicherung usw. Ich versuchte alles zu tun, um zu verdrängen wo ich mich befand - in 12.000 Metern Höhe über dem Atlantik. Allmählich beruhigten sich meine Nerven. Ich begann, mir einen Plan auszudenken, wie ich bei meiner Ankunft am besten vorgehen sollte.
Doch dann sah ich aus dem Fenster und erblickte zum ersten Mal die Insel, die mein neues Zuhause werden sollte. Sie sah so winzig aus! Ich hatte immer nur Fotos von Teneriffa gesehen, war selbst noch nie dort gewesen und hatte doch immer den Eindruck gehabt, sie sei viel größer als das, was ich da unten sah. Ich konnte meinen Blick nicht mehr abwenden und versuchte so viel wie möglich zu erkennen. Beim Näherkommen erkannte ich, wie karg und trostlos diese Insel wirkte, so ohne Leben, kaum ein grüner Fleck. Und ich zog Vergleiche zu Deutschland, wo jetzt alles grün war und in voller Blüte stand. Und ich war enttäuscht. Auf einmal konnte ich mir nicht mehr vorstellen, hier zu leben. Und hätte ich gekonnt, ich wäre in das nächste Flugzeug nach Hause gestiegen. Aber so einfach war das nicht. Mein Rückflug war erst in genau einer Woche geplant. Und bis dahin sollte ich alles erledigt haben, was uns den Weg hierher ebnen sollte. Aber, wollte ich das wirklich noch?
*
Nachdem ich endlich gelandet war suchte ich den Mietwagenschalter auf, um gleich festzustellen - mit Deutsch kommt man auf Teneriffa nicht weit. Der junge Mann am Schalter, war aber ein gebürtiger Niederländer, und mit ihm konnte ich mich dann doch ganz gut verständigen. Als ich alle Formalitäten erledigt und endlich meinen Wagenschlüssel in Händen hielt, verließ ich den Flughafen. Draußen erwarteten mich 35 Grad und ich war im Handumdrehen schweißgebadet. Bei meinem Abflug in Deutschland hatte es geregnet und es war höchstens 15 Grad warm gewesen. Ich suchte meinen Mietwagen und fingerte als erstes ein T-Shirt aus meinem Koffer. Allerdings hatte ich natürlich nicht daran gedacht, dass dieser Wagen eine Klimaanlage hatte.
Ich wollte gleich weg vom Flughafen, denn ich brauchte dringend ein Hotelzimmer und etwas zu essen. Seit 10 Stunden war ich nun schon unterwegs. Ich war müde, hungrig und fühlte mich ausgelaugt. Die Hitze machte mir zu schaffen. Solche Temperaturen waren wir in Deutschland bereits seit Jahren nicht mehr gewöhnt.
Nachdem ich das Flughafengelände verlassen hatte, machte ich mich auf die Suche nach einem Hotel. Ich hatte eine ungefähre Ahnung, in welche Richtung ich fahren musste, um zur nächstgrößeren Ortschaft zu gelangen. Hier hoffte ich, ein Hotel zu finden. Wie zu erwarten, schlug ich natürlich gleich die falsche Richtung ein und befand mich auf einer Straße, die immer höher hinauf in die Berge führte. Je weiter ich mich vom Flughafen entfernte, desto trostloser wurde es um mich herum. Kaum noch Häuser, weit und breit nur Felsen, Geröll, Kakteen und –-- Müll.
Ich war entsetzt über den Anblick. Nichts glich nur im Entferntesten den Bildern, die ich im Internet und in den Urlaubskatalogen gesehen hatte. War ich wirklich so naiv gewesen, all diesen Bildern glauben zu schenken? Und nun erwartete mich hier eine Landschaft wie in einem Science-Fiction-Film! So stellte ich es mir auf dem Mond vor. Nein, hier würde ich mich nie, nie wohlfühlen können. Ich war zutiefst enttäuscht.
Gedankenversunken war ich immer höher hinauf in die Berge gefahren und hatte längst die Orientierung verloren. Weit und breit war keine Ortschaft zu sehen, nur einzelne Gehöfte mit vielen abgemagerten Hunden und Ziegen. Ich wusste, ich konnte niemanden nach dem Weg fragen, denn ich wusste ja noch nicht einmal, wohin ich wollte. An der nächsten Abzweigung las ich ein Schild San Isidro. Ich war erleichtert, denn ich wusste, diese Stadt liegt in der Nähe des Tierheimes in dem wir arbeiten wollten und ist schon etwas größer als ein Dorf. Ich folgte der Beschilderung und erreichte nach etwa einer halben Stunde eine Stadt, die nur aus einer Hauptstraße zu bestehen schien. Hier lebten viele Menschen, und ich stellte erstaunt fest, dass hier sehr viele Nationalitäten vertreten waren. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass auch ich jetzt hier „Ausländer“ war.
Ich hielt Ausschau nach einem Hotel und fand endlich eines, ganz am Ende der Straße. Nachdem ich einen Parkplatz und nach langem Suchen auch endlich den Eingang gefunden hatte, musste ich erneut feststellen, ohne Spanisch geht hier gar nichts. Der Portier sprach leidlich Englisch und mit Hilfe meines spanischen Wörterbuchs verstand er dann doch, dass ich ein Zimmer mieten wollte für einige Tage. Wie lange, konnte ich ihm nicht sagen, denn ich war mir nicht sicher ob ich hier auf dieser Seite der Insel fündig werden würde. Wenn nicht, dann wollte ich mir in einigen Tagen ein anderes Hotel auf der anderen Seite suchen.
Soweit ich den Portier verstanden hatte, war dieses Hotel belegt mit Montagearbeitern, und er wollte mir ein Zimmer geben, in dem ich Ruhe vor diesen Männern hatte. Mir war nicht so ganz klar, wie er das meinte aber mittlerweile war mir alles so ziemlich egal. Ich war hundemüde, wollte nur noch duschen, etwas essen und schlafen. Doch es stellte sich leider heraus -dieses Hotel hatte kein Restaurant. Das Einzige, das man hier zu bieten hatte, war eine Kaffeemaschine, die einen Höllenlärm machte und Kaffee von sich gab, den man besser nicht trank. Wie ich feststellen sollte, war sogar dieser Kaffee noch besser als das, was man mir später in so manchem Café vorsetzte.
Nachdem ich mein Zimmer bezogen und geduscht hatte, ging es mir etwas besser. Ich hatte mich so leicht angezogen wie es nur möglich war und wollte mir ein Restaurant suchen, in dem ich endlich etwas essen konnte. Ich lief die Hauptstraße von San Isidro hoch und runter, fand jedoch kein einziges Restaurant, das um diese Zeit geöffnet hatte. Mittlerweile war es später Nachmittag, und ich war seit über 20 Stunden auf den Beinen. In einem Supermarkt kaufte ich Brot, Käse und Wasser und kehrte ins Hotel zurück.
Ich rief Ferdi an, um ihm zu berichten. Ich erzählte ihm, wo ich untergekommen war und bat ihn, mich dort immer abends zu einer bestimmten Zeit anzurufen. Ich erzählte ihm von meinen ersten Eindrücken, von meiner Enttäuschung über die Insel und der Tatsache, dass ich hier ohne spanische Sprachkenntnisse aufgeschmissen war. Er versuchte mich zu beruhigen, machte mir unmissverständlich klar, dass es für uns kein Zurück mehr gab. Wir hatten beide unsere Jobs gekündigt. Unser Haus war leer. Vieles von unserem Geld steckte in den Flugtickets. Wir hatten bereits alles aufgegeben in Deutschland. Wir mussten den Schritt nach Teneriffa wagen. Auch wenn es vielleicht nicht dauerhaft sein würde. Jetzt mussten wir erst einmal wieder auf die Beine kommen. Jetzt läge alles in meinen Händen. Ich wäre jetzt verantwortlich für unsere gemeinsame Zukunft und ich solle doch meine Zweifel ablegen und mich daran machen, alles in den Griff zu bekommen. Schließlich hätte ich ja nebenbei auch noch Urlaub!
Enttäuscht und unverstanden ging ich an diesem Abend schlafen. Ich hatte Angst davor, was mich am nächsten Morgen erwartete und Zweifel daran ob ich es je schaffen würde, hier eine Bleibe für uns zu finden und uns die Zukunft zu ermöglichen, die wir uns erträumt hatten. Doch ich wusste, würde ich mit leeren Händen zurückkommen, Ferdi würde mir Absicht unterstellen. Ich wünschte, ich hätte mich niemals darauf eingelassen, alleine hierher zu fliegen.
Am nächsten Morgen war ich schon sehr früh wach, obwohl ich sehr unruhig geschlafen hatte. Ich wusste jetzt, warum der Portier mich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass dieses Hotel hauptsächlich von Montagearbeitern bewohnt wird. Mitten in der Nacht wurde ich von lautem Gesang geweckt. Anscheinend ist es hierzulande üblich, den Feierabend gebührend zu begießen und dazu das Ganze mit spanischen Gitarrenklängen zu untermalen. Ganz gleich auf welche Tages– oder Nachtzeit der Feierabend gerade fällt. Nachdem ich geduscht hatte und angezogen war, machte ich mich auf den Weg zum Kaffeeautomaten, um auch gleich der „spanischen Folkloreband“ von letzter Nacht in die Arme zu laufen. Laut jubelnd wurde ich begrüßt, natürlich auf Spanisch, von dem ich kein Wort verstand außer „Hola Señora!“. Hierbei konnte ich wenigstens sicher sein, dass man mich meinte. Außer mir gab es weit und breit kein weibliches Wesen in diesem Hotel. Ich grüßte mit einem freundlichen „Buenos Dias“ zurück und machte mich mit meinem Kaffee möglichst schnell davon.
Von diesem Tag an lugte ich erst einmal vorsichtig aus meiner Zimmertür, bevor ich nochmals Gefahr lief, dieser wilden Horde zu begegnen. Der Kaffee war zwar ungenießbar aber da ich nicht wusste ob und wann ich einen besseren bekommen würde, trank ich ihn schnell, um mich dann möglichst eilig auf die Suche nach Immobilienbüros zu machen.
Eines lag gleich neben meinem Hotel, und ich steuerte zielstrebig darauf zu. Im Schaufenster sah ich einige interessante Angebote und dachte mir, so schwierig würde es ja nicht sein können, etwas Geeignetes zu finden. Eine nette junge Dame begrüßte mich freundlich und ich brachte mein Anliegen vor. Ich wolle eine Finca mieten, mit einem möglichst großen Garten für 2 Personen und 6 Hunde. Natürlich plapperte ich das Ganze auf Englisch herunter mit dem Erfolg, dass die junge Dame mich total entgeistert ansah und allem Anschein nach, kein einziges Wort verstanden hatte außer „Finca“. Sie überschüttete mich mit einem Schwall spanischer Worte, mit denen ich nun wiederum äußerst wenig anfangen konnte. Aber so schnell wollte ich dann doch nicht aufgeben. Ich kramte mein spanisches Wörterbuch hervor und versuchte ihr anhand dessen klar zu machen, was ich eigentlich wollte. Ihre Antwort kam kurzerhand „No se Vende!“ Aha, ich verstand. Sie vermieten nicht! „Na gut, wäre ja auch zu schön gewesen“, dachte ich mir und verließ das Büro. Ich suchte mir das nächste Café, bestellte schon mal sicherheitshalber Cappuccino statt Kaffee in der Hoffnung, dass man den vielleicht trinken konnte und machte mich daran, mit Hilfe meines Wörterbuchs einige spanische Sätze zu notieren, damit ich beim nächsten Mal nicht wieder so einen Reinfall erleben würde.
Den Rest des Vormittages verbrachte ich damit, so ziemlich alle Immobilienbüros in San Isidro zu besuchen. Aber jedes Mal gab es das gleiche Resultat. Entweder gab es wirklich keine Mietobjekte oder man hatte ein Problem damit, an „Ausländer“ zu vermieten. Ich war mir darüber nicht ganz sicher denn das Meiste, was ich als Antwort bekommen hatte, verstand ich ohnehin nicht. Ziemlich deprimiert kehrte ich zum Hotel zurück. Vor dem späten Nachmittag machte es keinen Sinn, weiter zu suchen, denn dann ist allgemeine Siesta angesagt. Und das bedeutet: alle Läden sind geschlossen.
Ich machte mir Gedanken darüber, was ich nur falsch gemacht hatte und überprüfte nochmals meine Übersetzung, fand sie aber weiterhin ganz passabel. Ich wünschte mir, irgendjemanden auf der Insel zu kennen, der mir weiter helfen konnte. Jemand, der die Sprache verstand und wusste, wie man es am besten anstellen würde, hier ein Haus zu mieten. Aber da war niemand. Ich musste es alleine schaffen, und ich wollte mich einfach nicht unterkriegen lassen. Da ich ja auch hier war, um mich im Tierheim vorzustellen, rief ich dort an, um die Leiterin zu sprechen. Nach mehrfachen Versuchen erreichte ich sie auch endlich und vereinbarte mit ihr einen Termin für den nächsten Nachmittag. Wenigstens hier hatte ich Erfolg!
Da ich nun nichts weiter erledigen konnte beschloss ich, endlich mal ans Meer zu fahren und mir die Umgebung etwas näher anzusehen. Ich setzte mich ins Auto und fuhr die wenigen Kilometer bis El Médano. Wie ich bereits wusste, sollte dort die Hochburg der Surfer sein. Mittlerweile war das Thermometer wieder über 30 Grad geklettert und meine Kleidung klebte ein meinem Körper. Ich betrat die nächstbeste Boutique und tauschte sogleich meine Jeans und T-Shirt gegen ein knallrotes Strandkleid mit passenden Flip-Flops. Meine Pumps hatten für den Rest des Aufenthaltes ausgedient. In einem kleinen Supermarkt besorgte ich mir etwas zu essen und machte mich so auf den Weg zum Strand.
Im Gegensatz zu den Bildern, die ich aus den Reisekatalogen kannte, machte El Médano nicht den Eindruck einer Touristenhochburg für Surfer. Es gab nur wenige Hotels und an den Stränden tummelten sich kaum Touristen. Ich suchte mir ein ruhiges Plätzchen auf der Strandpromenade und atmete zum ersten Mal die salzige Atlantikbrise ein. Ein leichter Wind wehte und machte die Mittagshitze ein wenig erträglicher. Ich genoss mein Mittagessen in der Sonne, beobachtete die Pärchen, die Hand in Hand an mir vorbei liefen und fühlte mich mit einem Mal furchtbar einsam.
Ich war allein in einem fremden Land, in dem ich mich noch nicht einmal verständigen konnte. Was wäre, wenn mir hier etwas zustoßen würde? Außer Ferdi wusste niemand wo ich war. Meinen Kindern hatte ich zwar erzählt, dass ich hierher fliege aber sonderlich interessiert hatte es sie anscheinend nicht. Meine Freunde und Kollegen hatten keine Ahnung wo ich war, denn ich war ja offiziell krankgeschrieben und niemand durfte wissen, dass ich hier war. Auch meinen Eltern hatte ich nichts erzählt. Ich beschloss, einige Postkarten zu kaufen und zu verschicken. Nur für den Fall, dass ich aus irgendeinem Grund nicht wieder nach Hause käme. So wussten sie wenigstens, wo sie mich suchen mussten. Ferdi vertraute ich in der Hinsicht nicht. Wenn ich nicht mit erfüllter Mission zurückkäme, ich war nicht sicher ob er mich suchen würde.
Als ich die Karten geschrieben und in den Briefkasten geworfen hatte, fühlte ich mich gleich besser. Ich machte mich auf den Weg, die Immobilienbüros hier im Ort ausfindig zu machen, denn mittlerweile war die Siesta beendet. Doch auch hier hatte ich wenig Erfolg. Lediglich ein Büro bat mich, am nächsten Tag nochmals vorbei zu kommen. Man hätte da eventuell ein Haus für mich, man müsse aber zuerst mit dem Eigentümer sprechen ob er auch bereit sei, an eine Deutsche zu vermieten. Wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer.
Für heute betrachtete ich meine Odyssee als beendet. Auf dem Weg zurück zum Strand suchte ich einen Telefonladen auf und erstand ein spanisches Handy. Ich wurde in einigen Immobilienbüros nach meiner Telefonnummer gefragt aber meine deutsche Nummer wollte keiner haben. Jetzt war ich wenigstens über das spanische Netz erreichbar. Vielleicht erhöhte das meine Chancen.
Als ich die Strandpromenade erreichte, erwartete mich ein völlig neues Bild. Fliegende Händler hatten ihre Stände aufgebaut, Spanierinnen boten Obst und Gemüse an, das ich noch nie gesehen hatte und es herrschte überall reges Treiben. Ich sah mir die angebotenen Waren an und kaufte mir etwas Obst zum Abendessen. Dann nahm ich auf einer freien Bank Platz und beobachtete die Menschen, die sich hier tummelten. Es schienen überwiegend Touristen zu sein. Ich beneidete die Pärchen, die verträumt an mir vorbeigingen und fragte mich ob auch wir hier irgendwann einmal unseren Abendspaziergang machen würden. Noch glaubte ich nicht daran. Ich war bei meiner heutigen Suche nicht einen Schritt weitergekommen und demnach nicht sehr optimistisch. Ich hatte heute fast 30 Immobilienbüros ohne Erfolg aufgesucht! Würde das so weitergehen?
Ich fuhr zurück zum Hotel weil ich mit Ferdi den Anruf vereinbart hatte. Als ich mein Zimmer betrat, klingelte bereits mein Telefon und ein wütender Wortschwall flog mir entgegen. Ferdi war außer sich. Wo ich denn den ganzen Tag gewesen wäre? Ob ich mir einen schönen Tag am Strand gegönnt hätte und ob ich mir schon einen feurigen Spanier für die Nacht gesucht hätte.
Ich war wütend, knallte den Hörer auf und brach in Tränen aus. Den ganzen Tag hatte ich mir die Füße wundgelaufen, um ein Haus für uns zu finden und musste mir nun seine Vorwürfe anhören. Ich war total enttäuscht. Warum gab ich mir solche Mühe wenn er so von mir dachte. Natürlich rief Ferdi weiterhin an, aber unter diesen Umständen war ich nicht bereit, mit ihm zu reden. Ich legte den Hörer neben das Telefon weil ich das permanente Klingeln nicht mehr ertragen konnte.
Doch nach kurzer Zeit klopfte es heftig an meine Tür. Der Nachtportier, der ziemlich gutes Englisch sprach, erklärte mir, dass Ferdi immer wieder anrief und mich unbedingt sprechen wolle. Als er sah, dass ich geweint hatte fragte er, ob etwas passiert sei und ob er mir irgendwie helfen könne. Ich verneinte und bat ihn, das nächste Gespräch durchzustellen. Kurze Zeit später rief Ferdi wieder an und entschuldigte sich für sein Verhalten. Er hätte schon den ganzen Tag immer wieder versucht mich zu erreichen. Aber weder im Hotel noch auf dem Handy habe er mich erreichen können. Erst jetzt sah ich, dass der Akku meines Handys leer war. Ich hatte es nicht bemerkt weil ich nicht damit rechnete, dass er mich anrufen würde. Wir hatten verabredet, dass er mich immer nach 21 Uhr abends im Hotel anrufen sollte.
Ich erzählte ihm, wie mein Tag gelaufen war und wie gering ich die Chance sah, etwas zu erreichen. Wieder konnte ich mir anhören, dass ich allein es in der Hand hätte ob sich unser Traum erfüllen würde. Er redete mir ein schlechtes Gewissen ein, dass ich es zu verantworten hätte, wenn wir in einem Monat nicht übersiedeln könnten. Ich war wütend und erklärte ihm, dass er besser früher darüber hätte nachdenken sollen als er nicht auf dem Mietvertrag bestanden hatte. Dann hätten wir das Problem nicht, sondern hätten uns früher um ein neues Haus kümmern können. Wir stritten noch eine Zeitlang und dann beendete ich das Gespräch. Ich konnte ihn für heute nicht mehr ertragen.
Ich ging hinunter zur Rezeption und erklärte dem Portier, dass er bitte heute keine Gespräche mehr durchstellen solle. Mitleidig sah er mich an. In der Halle saßen drei Spanier, denen er etwas zurief und die ich bis dahin nicht bemerkt hatte. Einer von ihnen stand auf und brachte mir ein Glas Rotwein. Der Portier erzählte ihm etwas auf Spanisch, worauf er antwortete: „Guten Tag Señora, ich verstehen etwas deutsch, wo ist Problem? Ich können helfen?“ Am liebsten wäre ich ihm in diesem Moment um den Hals gefallen. Endlich jemand, mit dem ich mich verständigen konnte.
Wie sich herausstellte, hatte José, so war sein Name, drei Jahre in Deutschland auf Montage gearbeitet und sprach daher ein wenig Deutsch. Er bat mich darum, mich zu ihnen zu setzen und ihm von meinen Problemen zu erzählen, was ich dann auch gerne tat. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich den ganzen Tag versucht hatte ein Haus zu mieten und es wohl absolut nicht möglich war, bot er sich an, mir einen Zettel zu schreiben, den ich dann einfach nur vorzeigen sollte, wenn man mich nicht verstand. Dankbar nahm ich seine Hilfe an und José übersetzte alle Angaben, die ich ihm machte und schrieb sie auf. Leider wäre heute sein letzter Tag auf Teneriffa, meinte er, aber er würde mir gerne seine Telefonnummer geben damit ich ihn anrufen könne, falls ich seine Hilfe brauchen sollte.
Ich speicherte seine Nummer, bedankte mich und versprach, mich bei ihm zu melden, wenn es nötig werden würde. José brachte mich zurück zu meinem Zimmer, nahm mich in den Arm und wünschte mir viel Glück. Er wollte in dieser Nacht nicht alleine bleiben und machte mir ein eindeutiges Angebot. Ich war jedoch in einer Beziehung mit Ferdi. Also lehnte ich energisch ab.
José habe ich niemals wiedergesehen und auch nie mit ihm telefoniert. Seine Nummer habe ich gelöscht, bevor ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, denn ich wollte nicht Ferdis Misstrauen wecken.
In dieser Nacht schlief ich kaum. Ich hatte gehofft, der Rotwein hätte mir einen ruhigen Schlaf beschert aber das war leider nicht so. Nicht nur, dass die Arbeiter wieder gefeiert hatten, sondern ich hatte mir auch noch einen sehr schmerzhaften Sonnenbrand zugezogen und das Liegen bereitete mir große Schmerzen. Am Morgen quälte ich mich aus dem Bett, trank meinen ungenießbaren Morgenkaffee und machte mich, bewaffnet mit Josés Aufzeichnungen, auf den Weg. Ich hatte in El Médano noch einige Immobilienbüros nicht aufgesucht und arbeitete sie systematisch ab. Dank Josés Zettel verstand man zwar sogleich, was ich wollte aber die Antworten waren immer die gleichen. „No se Vende!“ Ich war verzweifelt und wurde immer deprimierter.
Inzwischen hatte ich mich in einem Café niedergelassen, um etwas zu essen, als ein Geländewagen mit lauter Musik und quietschenden Reifen um die Ecke bog. Der Fahrer stieg aus und ging ins angrenzende Gebäude, in dem sich ebenfalls ein Immobilienbüro befand, das ich bisher nicht beachtet hatte weil dort keine Informationen über Mietobjekte im Fenster hingen. Ich bezahlte mein Frühstück und ging hinüber.
Die Tür stand offen und ich trat ein. Hinter einem Schreibtisch saß der Fahrer des Geländewagens. Er telefonierte wortgewaltig. Als er mich an der Tür stehen sah, winkte er mich herein. Ich betrat das Büro, setzte mich an den Schreibtisch und wartete darauf, dass er sein Telefonat beendete. Als er den Hörer auflegte, gab er mir freundlich die Hand und stellte sich vor. Sein Name war Alberto. Er sprach englisch mit mir, was mir sehr gelegen kam. Ich brachte zum wiederholten Mal mein Anliegen vor und erwartete die gleiche Antwort wie immer. Doch diesmal blieb sie aus. Alberto suchte einen Aktenordner heraus und hielt mir ein Foto entgegen. Diese Finca sei zu vermieten, aber nur dann, wenn der Mietvertrag mindestens für ein Jahr geschlossen würde. Sie war bisher als Ferienwohnung vermietet worden aber die Eigentümer wollten sich damit nicht mehr so viel Arbeit machen.
Hatte ich jetzt doch noch Glück? Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich fragte ihn, wo die Finca sich befand und ob ich sie mir einmal ansehen konnte. Alberto bat mich, am nächsten Vormittag gegen 10 Uhr wieder vorzusprechen. Dann wolle er mit mir hinauffahren. Erfreut sagte ich zu, notierte mir für alle Fälle seine Handynummer und verabschiedete mich.
Ich war so glücklich, endlich mal Erfolg gehabt zu haben, dass ich gleich Ferdi eine sms schreiben und es ihm berichten musste. Aber ich bekam keine Antwort. Ich fragte mich, wo er sich wohl gerade aufhielt. Was würde er machen, jetzt, da ich weg war. Eine quälende Eifersucht überkam mich. Nutze er vielleicht die Gelegenheit wieder für ein Schäferstündchen? Seit diesem Vorfall vor einigen Monaten, vertraute ich ihm nicht mehr. Zwar hatte sich sein Verhalten geändert aber ich hatte noch immer das Gefühl, dass er Geheimnisse vor mir hatte und es da noch immer eine andere Frau gab. Aber ich fand keinen Anhaltspunkt mehr. Wir verbrachten zwar sehr viel Zeit miteinander, und er fuhr nur noch selten alleine weg aber Gelegen-heiten hatte er noch immer genug. Ich versuchte die Gedanken zu verdrängen und hoffte darauf, dass es einen triftigen Grund gab, warum er sich nicht meldete.
*
Ich fuhr zurück ins Hotel und bereitete mich auf mein Vorstellungsgespräch im Tierheim vor. Ich hoffte, dass die Leiterin sich an ihre Zusage hielt und mir einen Vertrag gab. Zumindest wäre dann unser Lebensunterhalt gesichert, denn unsere Reserven würden nicht lange ausreichen. Da ich nur ungenau wusste, wo sich das Tierheim befand, machte ich mich frühzeitig auf den Weg, um nicht zu spät zu kommen. Ich fuhr Richtung Flughafen. Von dort aus hatte ich mir den Weg zum Tierheim in die Karte eingezeichnet. Auf dem Weg dorthin, hatte ich wieder einmal die Gelegenheit, mir die Landschaft anzusehen. Ich konnte mich noch immer nicht daran gewöhnen, dass es hier nicht so grün war, wie in Deutschland. Außer Kakteen gab es kaum irgendwelche Pflanzen außerhalb der Gärten der umliegenden Häuser. Dort entdeckte ich aber tragende Zitronenbäume Das faszinierte mich. Außerdem gab es sehr viele Plantagen. Allerdings hatte ich noch nicht herausgefunden, was dort angebaut wurde. Entweder waren sie durch hohe Mauern geschützt oder mit Netzen abgedeckt, so dass man nicht erkennen konnte, was sich dahinter verbarg. Ich nahm mir vor, mir das gelegentlich einmal näher anzusehen.
Inzwischen war ich am Tierheim angekommen und es erstaunte mich doch sehr, dass es keine Zufahrt gab. Im Gegenteil, es war von einer hohen grauen Mauer umgeben und machte nicht gerade einen freundlichen Eindruck. Ich machte mich auf die Suche nach dem Eingang und fand ein rostiges altes Metalltor mit einer Kamera und einem Klingelknopf. Als ich den Knopf betätigte, hörte ich von drinnen lautes Hundegebell und eine unfreundliche Stimme sagte über die Sprechanlage: „Ja bitte!“ Ich nannte meinen Namen und sagte, dass ich einen Termin hätte. Daraufhin hörte ich nichts mehr. Nach einiger Zeit öffnete sich das Tor und eine junge Frau teilte mir mit, dass ich bitte warten solle. Ich würde gleich abgeholt werden. Ich wartete und wartete. Aber niemand kam. Hier gab es keine Möglichkeit, sich vor der sengenden Hitze zu schützen. Es war unerträglich heiß.
Als ich schon kurz davor war, noch einmal zu klingeln, öffnete sich erneut das Tor. Die junge Frau bat mich herein. Im Inneren entdeckte ich einige Hundezwinger, doch die Tiere hatten sich anscheinend in den Schatten verzogen. Ich sah sie nicht. Die Frau führte mich durch einige Schleusen, die sie jedes Mal vor mir öffnete und gleich hinter mir wieder verschloss. Es war wie in einem Labyrinth bevor wir endlich ein Holzhaus erreichten. Als ich eintrat, saß eine ältere Dame desinteressiert an einem Tisch und kraulte eine Katze, die vor ihr saß. Die Frau machte einen müden, kranken Eindruck, begrüßte mich ziemlich kühl und fragte nach meinem Anliegen.
Ich stellte mich vor, erzählte von den Telefonaten zwischen ihrem Mann und Ferdi in Deutschland und dass ich gerne für sie arbeiten wolle, sobald wir hierher gezogen wären. Ich erzählte ihr, dass meine Vorsprache auf Empfehlung einer gemeinsamen Freundin zurückzuführen wäre. Ich war davon ausgegangen, dass sie über unsere Bewerbung informiert war. Dies war offensichtlich jedoch nicht der Fall. Also schilderte ich ihr unseren ganzen Plan, unser Vorhaben Deutschland zu verlassen und hier ein neues Leben zu beginnen. Gerne würde ich einen Tag zur Probe arbeiten.
Sie lehnt jedoch ab mit der Begründung, dass es nicht gut sei für die Tiere, immer wieder fremde Menschen um sich zu haben. Sie fragte mich nach unseren Hunden und ob wir vorhätten auf der Insel damit zu züchten. Ich verneinte, denn ich hatte das Gefühl, sie war damit nicht einverstanden. Das kann ich ihr später immer noch erzählen, dachte ich mir. Zuerst brauchte ich einen Job. Sie meinte, sie wolle zuerst mit ihrem Mann telefonieren. Währenddessen könne ich mir das Tierheim ansehen.
Petra, die junge Frau die mich hierher gebracht hatte, bat mich ihr zu folgen. Wir machten uns auf den Weg zurück durch die vielen Schleusen. Sie zeigte mir die vielen Katzenhäuser, die sehr liebevoll eingerichtet waren und in denen sich an die 100 Katzen tummelten. Für Katzen hatte ich noch nie eine Antenne aber ich gab mich sehr interessiert und stellte viele Fragen. Dann endlich erreichten wir den Hauptteil des Tierheims. Hier gab es nicht so viele Schleusen und das Gelände war ziemlich offen. Die meisten Hunde machten einen aggressiven Eindruck. Aber Petra beruhigte mich und meinte, sie seien alle lammfromm. Ich konnte mir das kaum vorstellen, aber da ich keine Angst vor Hunden habe dachte ich mir, dass ich das schon in den Griff bekäme. Petra erzählte mir die Geschichten einiger dieser Hunde, und ich war teilweise geschockt darüber, auf welche Weise und in welchem Zustand man diese Tiere oft vorfand.
Nachdem wir unseren Rundgang beendet hatten, brachte Petra mich zur Eigentümerin des Tierheims, Frau Krautkremer, zurück. Diese teilte mir dann auch gleich mit, dass sie mit ihrem Mann gesprochen hatte und er uns keinesfalls eine Zusage erteilt habe, hier arbeiten zu können. Er habe lediglich gesagt, wir sollten uns melden, wenn wir auf der Insel wären. Man könne ja dann sehen ob Bedarf besteht. Also hatte mich Ferdi auch in dieser Hinsicht belogen. Es gab gar keine feste Absprache mit dem Tierheim. Frau Krautkremer sagte mir außerdem, sie würde grundsätzlich keine Paare einstellen, denn das hätte in der Vergangenheit immer wieder zu Problemen geführt. Ich würde aber auf sie einen recht netten Eindruck machen. Daher wäre sie bereit mich einzustellen, sobald es eine freie Stelle gab.
Wir unterhielten uns noch eine Zeitlang über die Formalitäten und sie gab mir den Rat, mich gleich um alles zu kümmern, da hier auf Teneriffa alles ein wenig länger dauern würde. Ich versprach, mich gleich am nächsten Tag damit zu beschäftigen und mich wieder bei ihr zu melden, sobald wir endgültig auf Teneriffa angekommen wären.
Als ich wieder auf der Straße stand war ich einerseits erleichtert, andererseits aber auch wütend auf Ferdi. Er hatte überhaupt nichts im Griff gehabt. Er hatte mich einfach ins offene Messer laufen lassen in der Hoffnung, ich würde schon alles regeln. Wie konnte er mich so enttäuschen. Ich schickte ihm eine Nachricht, dass er mich gleich im Hotel anrufen solle, weil ich dringend mit ihm sprechen musste. Ich war so wütend, dass ich nicht bis zum späten Abend warten mochte, um mit ihm zu reden.
Kurz nachdem ich mein Zimmer im Hotel erreicht hatte, meldete er sich. Ich schrie meine Wut ins Telefon und konnte mich kaum beruhigen. Er stritt natürlich alles ab und erklärte, er habe eine klare Zusage bekommen und alles wäre sicher nur ein Missverständnis. Ich glaubte ihm kein Wort. Ich verlangte von ihm, sich jetzt aus allem heraus zu halten, um mir nicht auch noch die letzte Chance zu nehmen. Das versprach er mir dann auch. Ich erzählte ihm von der Finca, die ich mir morgen ansehen wollte und fragte ihn, warum er sich nicht gemeldet habe. Er erwiderte, er habe bisher keine Zeit gehabt. Meine Hündin würde seit dem frühen Morgen Welpen bekommen und Roswitha sei da, um ihm zu helfen. Ich traute meinen Ohren kaum. Es war meine Hündin, die ihre ersten Welpen bekam. Wie gerne wäre ich dabei gewesen. Und dann auch noch diese Roswitha. Wir hatten sie in unserer Hundeschule kennen gelernt, in der auch sie mit ihren Hunden trainierte. Kaum waren wir dort aufgetaucht, lief sie ständig hinter Ferdi her wie ein kleines Hündchen. Permanent hatte sie irgendwelche wichtigen Fragen mit ihm zu klären. Kam ich dazu wurde sie jedoch äußerst wortkarg. Dummerweise hatte Ferdi sie auch noch eingeladen uns zu besuchen, was sie von da an auch regelmäßig tat. Vor allem erschien sie zu den unpassendsten Gelegenheiten bei uns, meistens ohne sich vorher zu erkundigen ob ihr Besuch gerade erwünscht war. Seit ich gemerkt hatte, dass sie Ferdi überall hinterherlief, ständig unter irgendwelchen dummen Vorwänden bei uns zuhause auftauchte und versuchte, Ferdi auch noch möglichst oft bei sich zu haben, um irgendwelche Reparaturen zu erledigen, da sie ja leider alleinerziehende Mutter war und niemand anderen kannte der helfen konnte, sah ich schon rot wenn ich nur ihren Namen hörte.
Ich fragte ihn, was das denn solle, schließlich kannte er meine Einstellung zu ihr und wusste, dass ich sie nicht in unserem Schlafzimmer haben mochte, in dem die Wurfkiste stand. Er meinte, sie wäre halt da gewesen als es losging, und er wollte sie nicht nach Hause schicken. Ich bräuchte mir keine Sorgen machen, er liebe nur mich und mit Roswitha würde er ja sowieso nie etwas anfangen, denn sie sei ja überhaupt nicht sein Typ.
Er beendete das Gespräch schnell, versprach aber, am Abend noch einmal anzurufen. In mir tobte ein Gefühlssturm. Ich war wütend, enttäuscht, misstrauisch und am Boden zerstört. Vor meinem inneren Auge sah ich Ferdi mit Roswitha zusammen in unserem Schlafzimmer und malte mir die schlimmsten Szenen aus. Am liebsten wäre ich jetzt sofort ins nächste Flugzeug gestiegen und hätte dem Ganzen ein Ende gesetzt. Aber ich war 4000 km entfernt von meinem Zuhause und mein Flug war erst in 5 Tagen. Ich konnte nichts anderes tun als abzuwarten. Ich weinte mich wieder einmal in den Schlaf und wurde Stunden später durch das Läuten des Telefons geweckt.
Ferdi teilte mir mit, dass meine Hündin fünf gesunde Welpen geboren hatte und Roswitha nun nach Hause gefahren sei. Er hatte sich überlegt, meine Hündin mit ihren Welpen in Roswithas Obhut zu geben wenn wir nach Teneriffa gingen und sie dann später nachzuholen. Ich schrie ihn an, dass ich das niemals zulassen würde. Eher würde ich in Deutschland bleiben. Er ließ sich auf keine Diskussion ein. Schließlich waren die Welpen noch nicht alt genug und nicht geimpft und somit konnten wir sie nicht mitnehmen. Er hätte das alles schon mit Roswitha geklärt. Sie würde die Welpen aufziehen und verkaufen, den Erlös könne sie behalten für ihre Arbeit und er würde meine Hündin später abholen. Im Augenblick machte es keinen Sinn, weiter mit ihm darüber zu diskutieren. Ich verabschiedete mich schnell und legte auf. Ich konnte einfach nicht verstehen, was mit ihm los war. Warum tat er mir das an? Und vor allem - warum ließ ich es mir gefallen?
Um auf andere Gedanken zu kommen, fuhr ich hinunter an den Strand und ging spazieren. Heute war es ziemlich stürmisch, aber ich empfand die Temperaturen sehr angenehm. Der Sturm um mich herum tobte genauso sehr, wie der Sturm in meinem Kopf. Ich war am Ende mit meinen Nerven, war übermüdet nachdem ich in den letzten Nächten kaum geschlafen hatte und konnte einfach nicht aufhören darüber nachzudenken, was ich tun sollte. Ich stand hier vor beinahe unlösbaren Aufgaben und mein Freund vergnügte sich zuhause. Hatte er überhaupt eine Ahnung wie schwer das hier alles für mich war? Dachte er, ich würde mir hier ein paar schöne Tage machen und so ganz nebenbei ein Haus und einen Job suchen? Ich war ziemlich niedergeschlagen, wusste ich doch nun einfach nicht mehr weiter. Sollte ich wirklich das Risiko eingehen und mit Ferdi hierher kommen? Würde ich mich darauf verlassen können, dass es funktioniert und sich unser Leben endlich zum Positiven verändert? Ich wünschte, es gäbe jemanden, mit dem ich jetzt hätte reden können. Aber ich war allein und musste irgendwie mit der Situation zurechtkommen.
In einem kleinen Supermarkt kaufte ich eine Flasche Rotwein und fuhr zum Hotel zurück. Ich wollte einfach nur noch schlafen und nicht mehr nachdenken müssen. Ein halbe Flasche wenig schmackhaften Rotweins genügte damit ich in der darauffolgenden Nacht endlich einmal durchschlafen konnte.
*
Als ich erwachte, fühlte ich mich erheblich besser. Ich gab mir Mühe mit meinem Aussehen und fuhr nach El Médano, um mich mit Alberto zu treffen. Er wartete schon in seinem Büro auf mich und war sichtlich erfreut, mich zu sehen. Wir machten uns auch gleich auf den Weg. Alberto teilte mir mit, dass es ein weiter Weg sei bis zur Finca. Er erzählte mir, dass er einige Zeit in Deutschland gelebt hatte, sich aber dort nicht wohlfühlte. Ich fragte ob er denn dann nicht Deutsch sprechen könnte, aber er verneinte. So unterhielten wir uns weiter auf Englisch.
Er zeigte mir einige Orte und Sehenswürdigkeiten, erzählte mir von Teneriffa und seinen Besonderheiten. Nach einiger Zeit hielt er an einem einsamen Fabrikgelände an und bat mich, auszusteigen. Alberto erklärte mir, dies sei eine Molkerei, in der man den besten Käse der Welt bekäme und auch vernünftigen Kaffee, zu dem er mich einlud. Er war äußerst gut gelaunt und charmant und gab sich große Mühe, mich zu unterhalten. Ich fühlte mich wohl in seiner Gegenwart und vertraute ihm, obwohl ich ihn noch nicht einmal kannte.
Wir tranken unseren Kaffee, probierten einige Käsesorten und er entschied sich, etwas zu kaufen. Er ermutigte mich, doch auch Käse mitzunehmen, doch wo sollte ich ihn aufbewahren? In meinem Zimmer gab es keinen Kühlschrank und essen konnte ich solche Mengen auch nicht. Aber ich versuchte, mir den Ort zu merken. Vielleicht würde ich später noch einmal hierher zurückkommen.
Von nun an ging es hinauf in die Berge. Seinem Geländewagen machten die Steigungen überhaupt nichts aus. Alberto war ein ziemlich rasanter Fahrer. Man merkte, dass er die Gegend sehr gut kannte. Ich versuchte, mir die Strecke zu merken aber das war gar nicht so einfach. Er sagte die Finca läge auf ungefähr 800 Metern Höhe in einem kleinen Ort namens Los Gavilanes. Ich war ziemlich neugierig auf diese Finca, die wir dann auch bald erreichten. Ich war sofort begeistert. Dieses Anwesen gefiel mir auf Anhieb. Die Finca lag etwas außerhalb eines kleinen Ortes und bot viel Platz für unsere Hunde. Alberto erzählte mir, dass diese Finca früher einmal ein ehemaliges Weingut gewesen sei und zeigte mir die alten Weinkeller, die in die Felsen geschlagen waren. Einen alten Brotbackofen, der angeblich auch noch funktionierte, gab es auch im Hof.
Alles war liebevoll restauriert und neu gestrichen. Die Inneneinrichtung erinnerte mich an die Häuser in einem Freilichtmuseum. Alles war in einem alten Landhausstil gehalten und harmonierte sehr gut zusammen. Alberto bot mir an, Fotos zu machen, die er meinem Freund nach Hause mailen konnte damit er sich die Finca auch ansehen könne bevor wir uns entscheiden. Ich hatte mich auf Anhieb in dieses Anwesen verliebt und fotografierte jedes Detail. Dabei stellte ich mir vor, mit unseren Hunden hier zu leben und mit einem Mal waren alle Zweifel wie weggefegt. Hier wollte ich wohnen, koste es was es wolle. Man hatte einen wunderschönen Blick bis hinunter auf das Meer und hinauf in die Berge. Im Garten wuchsen alle möglichen Obstsorten. Der Gemüsegarten, in dem ein Gärtner seiner Arbeit nachging, war vollgepflanzt. Im Innenhof stand ein Zitronenbaum, der sich unter der Last seiner Früchte bog.
Ich sagte Alberto, dass, egal was mein Freund sagen würde, ich diese Finca mieten wolle und er sich um die Formalitäten kümmern solle. Er versprach, sich gleich nach unserer Rückkehr darum zu kümmern. Der Gärtner kam uns entgegen und begann sich mit Alberto zu unterhalten. Er war ein drahtiger Mann, Ende der Fünfziger, braun gebrannt und sehr freundlich. Ich verstand nur wenige Worte von ihrem Gespräch aber ich hörte heraus, dass ich demnächst hier wohnen würde.
Der Gärtner stellte sich vor. Sein Name war Emilio. Er lud uns ein, ein Glas selbstgemachten Kaktuswein mit ihm zu trinken, was wir auch gerne annahmen. Der Wein schmeckte scheußlich, aber ich ließ mir nichts anmerken. Emilio sprach spanisch mit mir und Alberto übersetzte es für mich. Er sagte, dass er sich freuen würde, wenn wir hier einziehen. Er würde immer dafür Sorge tragen, dass wir genug zu essen hätten und zeigte stolz auf seinen Garten.
Alberto erklärte mir, dass Emilio den Garten gepachtet hatte und in den alten Felsenhöhlen lebte. Emilio zeigte mir voller Stolz seine Felsenwohnung, die sehr kärglich aber praktisch eingerichtet war. Emilio sagte, dort wäre es immer angenehm kühl. Ich konnte mir kaum vorstellen, in so einer Höhle zu leben aber Emilio fühlte sich dort offenbar wohl. In einer offenen Feuerstelle hing ein großer Kessel, in dem etwas sehr gut Duftendes zu kochen schien. Emilio lud uns ein mit ihm zu essen, aber Alberto lehnte dankend ab. Er sagte mir, dass er noch einen wichtigen Termin habe und wir nun dringend aufbrechen mussten. Ich ließ noch einmal meinen Blick umherschweifen in der Hoffnung, bald wiederkehren zu können.
Auf dem Rückweg bombardierte ich Alberto mit Fragen, die er alle ausführlich beantwortete. An seinem Büro angekommen, bat er mich um meine Kamera und schickte Ferdi die Bilder, die ich aufgenommen hatte. Er meinte, er würde mich anrufen sobald er mit den Eigentümern gesprochen hatte. Dann könnten wir gleich den Mietvertrag unterzeichnen. Ich bedankte mich bei ihm für seine Mühe und wollte mich verabschieden, als Alberto mir etwas in die Hand drückte. Es war ein kleiner Käse aus der Molkerei. Er grinste mich an und sagte: „Auf Wiedersehen!“ Ich musste lachen. Den ganzen Tag hatte er nur Englisch mit mir gesprochen und nun das. Ich mochte ihn. Er hatte es mit seiner liebevollen Art geschafft, meine trüben Gedanken zu vertreiben. Wir hatten einen schönen Tag miteinander verbracht und viel gelacht. Heute hatte ich kaum an Ferdi gedacht und plötzlich ein schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts Falsches getan hatte. Ich fuhr nach San Isidro und rief ihn auch gleich an, um ihm die Neuigkeiten zu berichten. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, heute Abend irgendwohin zu fahren und mal wieder etwas Vernünftiges zu essen, unter Menschen zu gehen und nicht alleine im Hotel zu sitzen.
Zum ersten Mal seitdem ich auf Teneriffa weilte, verlief unser Telefonat harmonisch. Ferdi teilte meine Euphorie und beglückwünschte mich zu meinem Erfolg. Er sagte, er hätte gewusst, dass er sich auf mich verlassen könne und dass ich es schaffen würde, ein Haus zu finden. Ich sagte ihm, dass ich noch keinen Vertrag hätte und sich alles noch ändern könne, aber er war zuversichtlich, dass alles nun seinen Weg gehen würde. Er hatte sich die Fotos bereits angesehen, die Alberto ihm geschickt hatte und war ebenfalls begeistert. Ich sagte ihm, dass ich schlafen wolle und bat ihn, heute nicht mehr anzurufen. Ich wollte ihm nicht von meinem Vorhaben erzählen, sonst hätte ich mir ohnehin wieder nur Vorwürfe anhören müssen und das wollte ich heute nicht mehr. Ich wollte, dass dieser Tag genauso schön endete, wie er begonnen hatte.
Ich duschte, kleidete mich an und machte mich, bewaffnet mit meiner Karte, auf den Weg. Ich wollte mir einige andere Orte ansehen und fuhr die Küste entlang. In Los Abrigos stellte ich mein Auto ab und machte mich auf die Suche nach einem Restaurant. Es war ein kleines idyllisches Fischerdorf mit einer kleinen Strand-promenade und vielen Fischlokalen. Ich mag keinen Fisch. Aus diesem Grund las ich erst einmal ausgiebig alle Speisekarten bis ich mich entschieden hatte, in welchem Lokal ich essen mochte.