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Eigentlich könnte Jochen mit seinem Leben mehr als zufrieden sein. Er ist Oberstudiendirektor eines angesehenen Gymnasiums im bürgerlichen Süden Berlins, glücklich verheiratet, hat zwei Söhne, und sein Haus teilt er außerdem mit einer stattlichen Zahl von Hunden und Katzen. Die Pensionierung ist schon in Reichweite, da reißt ihn ein plötzlicher Gedächtnisverlust aus seiner Ruhe. Auf einmal tauchen die Gespenster der Vergangenheit vor ihm auf, Menschen aus seiner Umgebung verschwinden, und nichts scheint mehr sicher. Hat Jochen vielleicht selbst etwas mit deren Verschwinden zu tun? Welche Schuld hat er auf sich geladen als Heranwachsender in der NS-Zeit und in den Jahren danach? »Bittere Felder«: Freimut Fitzeks gewaltiger, furios erzählter Roman ist eine deutsche Chronik des 20. Jahrhunderts und seiner Verwerfungen – und eine Studie über die bohrende Frage persönlicher Verantwortung.
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Seitenzahl: 1360
Veröffentlichungsjahr: 2015
Freimut Fitzek
Roman
Denen gewidmet, die annehmen,sich auf einer Geraden zu befinden, und nicht mitbekommen, daß sie im Kreis laufen
Als man ihn fand, war er nicht ansprechbar. Sein Pierre-Cardin-Jackett lag säuberlich zusammengefaltet auf einer Bank neben ihm. Die Füße waren nackt. Ein hellbrauner, etwas dicklicher und besorgter Dackelspitz preßte sich an ihn. Wimmern. Knurren. Da gab es zunächst keine Möglichkeit, näher heranzukommen.
Diese sechs Sätze bzw. satzähnlichen Bemerkungen standen am Anfang eines umfangreichen Konvoluts.
Irgendein Insider stöberte durch die Knäuel der Papierschlingen. Recherchierte. Magere Ergebnisse: die Schriftstücke gehörten zum Familienbesitz. Sie verstaubten in einem Kellerschrank.
Sie tauchten auf bei einer Routineentrümpelung. Die neuen Mieter informierten die Familie über den Fund. Die Aufzeichnungen wurden nicht abgeholt und in der Hektik der Renovierungsarbeiten verlegt. Wahrscheinlich landeten sie im offenen Müll. Ein Postbote entdeckte sie Ecke Zikade/Kiefernweg in Eichkamp auf einem kleinen Vorplatz. Dort abgestellt neben den gelben Säcken für Plaste. Ziemlich weit vorn. Der Postbote hat einen mächtigen Schrecken bekommen. Er dachte, irgend jemand hat in seinem Postsack gekramt – beim abgestellten Fahrrad – und dann das Postgut einfach weggeworfen. Dann hat er wohl seine Dienststelle informiert über den Plastikbeutel. Der war recht unordentlich verschnürt. An der Außenseite des Bündels klebte, getackert und geleimt, eine Hülle mit der Aufschrift: Lesezeichen.
In der Hülle vier zusammengefaltete, mit Buchstaben gekennzeichnete Blätter: ein Tagebuchauszug / ein Gutachten / eine vergilbte, bis auf die Überschrift nicht mehr lesbare Sportauflistung; am Rand einige dunkle Flecken; vielleicht hatte man versucht, Blutspuren wegzuwaschen / eine Notiz.
/ Lesezeichen A /
2. Lebensjahr; 5. Monat; 10.000 g; er nennt sich selbst »Bubi« / 3. Lebensjahr; 2. Monat; 13 Zähnchen; er formt schon Nebensätze; Bedingungssätze wie: »Wenn Bubi sagt los, dann los« / 3. Lebensjahr; 8. Monat; 38,4 Fieber, etwas Durchfall; seine Geschwister bemühen sich vergeblich, ihm seinen Vornamen Joachim beizubringen. Er sitzt ernst da, nickt mit dem Kopf, nölt monoton und ziemlich energisch: »Jo, Jo, Hottan«
/ 4. Lebensjahr; 3. Monat; das erste »Ich« / 6. Lebensjahr; letzte Vorbereitungen zum Schulgang. Dr. Stadler ist verwundert, weil er nicht »ich« sagen will. Nennt sich stets »Joachim« oder »Jochen«, ab und zu auch »Meister Hagen«. Wir finden das eigentlich niedlich. Länge 113 Zentimeter /
»Ja, das ist alles. Über die Geschwister berichtet das Tagebuch bedeutend ausführlicher, ca. 90 Seiten lang.«
/ Lesezeichen B /
Joachim Hagen, Klasse 1b, arbeitet interessiert und erledigt seine Aufgaben ordentlich. Er liest verschiedene Buchstaben-Typen, ist der beste Erzähler und ein guter Rechner. Auf der Schiefertafel schreibt er sehr unregelmäßig, mit Bleistift auf Papier geht es besser. Er zeigt starke Vorliebe für den Atlas und zeichnet mit Geschick Landkarten ab. Es fällt auf, daß er konsequent das Wort »ich« vermeidet. Entweder läßt er jedes direkte Personalpronomen weg, oder er verwendet seinen Vornamen. Beispiele: »Habe den Abschnitt schon vorgearbeitet« – »Jochen meint, das macht man nicht.« Das führt zu Neckereien der Mitschüler. Er heißt in der Klasse »der Habe-Hagen«. Das scheint ihn aber nicht zu stören. Gespräche mit der Mutter haben stattgefunden. Er verhält sich zu Hause ähnlich. Es soll der Schularzt befragt werden / Möbius, Klassenlehrer
/ Lesezeichen C /
Überschrift: Bayern München / Spieltermine; Personalien; Magazin; Tabelle (Text ist unleserlich)
/ Lesezeichen D /
Glückwunsch. Du hast gewonnen, Kleiner. Aber ich hab noch was im Köcher. Denk an Adorno. Bei der Aufarbeitung von Vergangenheit spricht der Teufel mit. Druck über der Nase? Da war doch noch was. Ach so, Ottchen läßt grüßen.
Fragen: Wer ist zuständig für die vorliegenden Nachrichten, Dokumente, Berichte und Geschichten? Man kann mitunter nicht sicher sein, wer jeweils erzählt. Da mischen viele Puzzler mit: Beteiligte; unbekannte Beobachter; ein sogenannter Chronist; ein Typ, um den sich alles dreht. Fast jeder hält sich dann und wann für allwissend. Wer weiß, ob da nicht Fremde etwas hinzugefügt haben.
Restbestände? Trotz genauer Numerierung kann nicht ausgeschlossen werden, daß Seiten fehlen. Das Ganze ein Gemisch von Zerfahrenheit und eigentümlicher Ordnung; immer wieder überraschen eingeschobene, nicht numerierte Zettel mit Vermerken; Sportauflistung aussortiert; Zeitungsausschnitt aussortiert.
Wahrscheinlich ein Internum. Vielleicht eine Kladde, die eigentlich keiner lesen sollte. Höchstens heimlich, so wie eine Mutter vorgeht oder eine Freundin oder ein Geschwisterteil oder ein Voyeur: Nun wollen wir doch mal sehen, was Sache ist.
Die Ermittlungen haben ergeben, daß gegen Jochen H. ein dringender Tatverdacht besteht in den Fällen Otto R., Monika B., Maria K., Fritz S. bzw. Günter G., Knut G. und anderen. Jochen H. ist noch nicht greifbar, aber wir sind ihm auf der Spur. Leider sind Kopien seiner persönlichen Aufzeichnungen in der Öffentlichkeit aufgetaucht. Das erschwert einerseits unsere Nachforschungen, kann aber andererseits auch förderlich sein, wenn uns eventuelle Zeugen oder Kenntnisträger Informationen liefern.
Als man ihn fand, war er nicht ansprechbar. Sein Pierre-Cardin-Jackett lag säuberlich zusammengefaltet auf einer Bank neben ihm. Die Füße waren nackt. Ein hellbrauner, etwas dicklicher und besorgter Dackelspitz preßte sich an ihn. Wimmern. Knurren. Da gab es zunächst keine Möglichkeit, näher heranzukommen.
/ Hinweise /
In der Notaufnahme haben sie ungefähr das gesagt:
»Er hat sich dann überreden lassen. Wir haben immer wieder freundlich Fragen gestellt und auch auf den Hund eingesprochen. Das hat ’ne ganze Zeit gedauert. Und dann ist er plötzlich aufgestanden und hat sich in meinen Wagen gesetzt. Der Hund gleich hinterher. Im Wagen war der dann ganz friedlich. Meine Freundin hat dann noch sein Jackett geholt. Wir haben ihn gefragt, wo er denn wohne. Aber da hat er nur den Kopf geschüttelt. Meine Freundin hat dann in seinem Jackett gewühlt und dort eine kleine Lederhülle, hier ist sie, und ein leeres Kuvert entdeckt. In der Lederhülle stak, also steckte unter anderem sein Ausweis. Wir haben ihm seinen Ausweis gezeigt und gefragt, ob die gegenwärtige Anschrift noch stimme. Da hat er wieder den Kopf geschüttelt. Wir haben ihn dann nach seiner neuen Adresse gefragt. Da hat er wieder den Kopf geschüttelt. Dann hat meine Freundin weiter in der Lederhülle gekramt und ein Rezept vom St. Hedwigkrankenhaus gefunden. Da haben wir uns gedacht, er sei dort bekannt. Ja, und dann sind wir hierhergefahren. Behalten Sie ihn hier? Gut.
Und was ist jetzt mit dem Hund?«
/ Hinweis /
Inhalt der kleinen schwarzen Lederhülle: 1 Personalausweis; 1 Versichertenkarte; 12 Arzt-Visiten-Karten; 1 Rezept vom St. Hedwigkrankenhaus, HNO: Rhinozare Nasendusche; 1 Herrenfrisörkarte; 1 Taxikarte aus Hof; 1 Berliner Rundfunk-Visiten-Karte; 2 Weberbank-Karten; 1 Schein der Bibliothek für Publizistik; 1 Zettel mit der Aufschrift: polycythämia vera (oder so ähnlich).
/ Mitteilung einer Praktikantin /
Er saß teilnahmslos da, sah jeden gleichgültig an. Schien aber nicht unglücklich zu sein. Ich glaube, man nennt das einen Belle-Indifference-Zustand. Die Stimme blieb immer in der gleichen Tonlage. Manchmal redete er sehr merkwürdig. Beispielsweise sagte er zu einer Krankenschwester – ich hab das stenografiert; ich hab alles stenografiert, was er gesagt hat; so einen Fall hat man ja nicht jeden Tag – er sagte also: »Nein, das ist nicht meine Frau. Sie sind, Verzeihung, nicht unhübsch. Vielleicht würde meine Frau auch so aussehen, wenn ich eine hätte. Aber ich kenne keine Frau, die ich habe. Ach, das ist doch alles Blödsinn. Schicken Sie die Frau weg.«
/ Ärztlicher Vorbericht /
Bei Aufnahme fiel ein entgleister arterieller Hypertonus mit einem Blutdruckwert von 200/110 mm Hg auf. EKG erlaubte bei Linksschenkelblock keine Rückschlüsse auf mögliche Myokardischämien. Nikotinabusus 25–30 Zigaretten/Tag nach eigener Angabe. Nach Applikation von Nitro-Spray beschwerdefrei; Blutdruckwerte im Normbereich um 130/80 mm Hg. Patient wach in befriedigendem AZ; kann aber keine Angaben zur Person machen. Angehörige verständigt. Will sie nicht sehen, erkennt sie nicht. Zunächst Aufnahme in der Intensivstation zur Überwachung. Bleibt beschwerdefrei, CK im Normbereich, kein Anstieg von GOT und HBDH. Zeigt sich gesprächsbereit. Wird auf die periphere Station übernommen.
/ Jochen-Notizen /
Wie war denn das mit den ersten Erinnerungsstücken?
Starren gegen die Decke, weiß, ein grauer wasserfleckartiger Schatten in dem Weiß, am Handgelenk ein dünner Schlauch, wo bin ich? Ach so, ja. Was ausgelassen wird, zählt; was verschwiegen wird, wiegt. Wie war das? Da gab es etwas mit einem Auto, als er sieben Jahre alt war oder zehn oder acht. Ist doch nebensächlich. Einzelteile sind in Ordnung. Druck über der Nase. Was ist los? Immer wieder dieser verdammte 4. Mai.
Traumreste, Halbschlaf. Blues ist eine Herzenssache. Sein Kopf war kein Karteikasten. Die Schadstoffe sind noch da. Was jetzt so Menschen abgehen. Chef entläßt ins Leben. Ja, laß die Hand da. Noch seine Last haben. Kämpft briefreich gegen hartes Anwohnerparken. Alte Regalreihen mit Büchern, Zeitungen, Zettelkram. Bin nicht grob, brauche Platz zum Streicheln. Verlängerte Straße in Eichkamp.
/ Ärztlicher Vermerk /
Kann nach ca. 20 Stunden neue Langzeiterinnerungen bilden; alte sind und waren offensichtlich nicht gelöscht. Also: implizite Erinnerungen immer vorhanden; explizite nur für kurze Zeit (s.o.) beeinträchtigt. Wahrscheinlich vorübergehende Kognitions- und Emotionsstörung.
Vorspiegelungen nicht nachweisbar. Können aber auch nicht ausgeschlossen werden.
/ Jochen-Notizen /
Erinnerungsstücke. Gegen die Decke, wasserfleckartiger Schatten in dem Weiß, das Handgelenk kribbelte. Druck über der Nase. Dann ein Gespräch, ungefähr so. Irgend jemand kam heran und fragte:
»Wie fühlen Sie sich?«
Ach der schon wieder. Müde:
»Etwas schwach, aber sonst gut. Einzelteile sind in Ordnung.«
Und nach einer Weile:
»Welche? Weiß nicht …«
»Ja, gut. Bin ansprechbar. Das wollen Sie doch hören.«
»Wissen Sie, wer ich bin?«
Blöde Frage. Wie ein Oberlehrer.
»Sie sind der, der mir helfen will.«
Dann ganz langsam und bedächtig:
»Der mir hilft.«
Und nach einer Weile schnell:
»Ein Arzt natürlich.«
»Gut. Ich helfe Ihnen. Wollen Sie mir etwas erzählen? Sehen Sie mich doch bitte an.«
Vorsichtiges Nicken. Kopf von der Decke weg.
»Vielleicht. Es macht aber Mühe. Muß alles noch ein bißchen ordnen.«
»Wollen Sie es lieber aufschreiben?«
Rasch, fast unvermittelt:
»Ja, schreiben ist gut.«
»In Ordnung.«
Plötzliches Aufrichten.
»Und was soll ich schreiben? Worüber?«
»Schreiben Sie über das, woran Sie sich erinnern können. Am besten über sich selbst.«
»Womit soll ich anfangen?«
»Das überlasse ich Ihnen.«
Kopfschütteln. Eine Weile stumm.
»Haben Sie mal eine Zigarette für mich?«
»Man darf hier nicht rauchen.«
»Ja. War nur eine Frage. Also schreiben. Geschichten oder so was?«
Ungefähr so war das Gespräch gelaufen, mit dem alles anfing, wieder anfing. Hatte sich doch tapfer verhalten. Sogar das Wort ich nicht vermieden. Nur nicht noch mehr auffallen.
/ Ärztliche Überlegungen /
Patient wünscht dringend rasche Entlassung aus persönlichen und dienstlichen Gründen (Abiturprüfung). Künftige Medikation? Weitere Diagnostik ambulant? Erinnerungsübungen sind angebracht. Soll Tagebuch führen. Gesprächstherapie? Gemeinsame Unterhaltung mit der Ehefrau?
Noch offen, unbedingt in der Abteilung besprechen: Stoffwechsel im Gehirn; eventuelle Unregelmäßigkeit bestimmter Botenstoffe; mögliche Vulnerabilität; schizophrene Variante; Haldol; Stimmen; Depression; Psychiatrie; frühe Ich-Beeinträchtigung?
Möglicher Vorschlag: Tests durchführen, auch Kernspinuntersuchung. Unklar: vielleicht Epilepsie / Blutwerte normal.
/ Tonbandaufzeichnung /
»Sicher. Für den 2. Mai 95 sind Erinnerungen da.«
»Ausgezeichnet. Halten wir fest. Sie können sich klar an den 2. Mai 95 erinnern. Dann fangen wir doch damit an. Versuchen Sie sich nach vorn zu erinnern, also: was war am 2. Mai, 3. Mai, 4. Mai und so fort.«
»Nicht zurück? Nach vorn?«
»Natürlich können Sie auch zurück, aber interessanter ist nach vorn. Dann erfahren wir unter Umständen, woran es eigentlich gelegen hat.«
»Das versteht der Patient nicht.«
»Weshalb Sie sich an den 2. Mai erinnern und nicht an den 3. oder 4.? Das ist ja das Problem. Bei Ihnen liegt eine Pause vor vom 2.5.95, also genauer, vom 3.5.95 bis heute und vom 1.5.95 bis etwa 1948-Abitur. Also, an das Abi 48 können Sie sich doch noch gut erinnern. Aber an das Danach? Da ist doch Leere.«
»Na, einiges ist mir da schon präsent. Eigentlich vieles.«
»Sicher. Aber eben nur einiges, ja, meinetwegen auch vieles, aber nicht alles. Auf jeden Fall fehlen manche Verbindungen, manche Zusammenhänge.«
»Versteh das noch immer nicht.«
»Was meinen Sie?«
»Wieso sollen die Ursachen in der Zeit nach dem 2. Mai liegen? Ursachen liegen doch immer in der Vergangenheit.«
»Das stimmt schon. Sie haben aber zur Zeit nicht eine Vergangenheit, sondern drei. Sie sind im Moment definiert durch drei Stationen: Heute, 2. Mai 95, Abitur 48. Und Sie haben drei leere oder zumindest schwach gefüllte Vergangenheiten, ja, ich weiß schon, also teilweise nicht ganz gefüllte Vergangenheiten: Heute bis 2. Mai 95; 1. Mai 95 bis Abitur 48; 1947 bis Geburt, sagen wir, bis zum 3. oder 4. Lebensjahr, die ersten Lebensjahre sind ja ohnehin nicht für Erinnerungen heranzuziehen. Sie müssen also drei Zeiträume füllen bzw. sich an drei Zeiträume erinnern. In allen drei Phasen stecken die Ursachen, in der letzten die aktuellen. Das sind gemeinhin die taufrischen, sie sind eben die nächsten. Es ist anzunehmen, daß der Weg zu ihnen der kürzeste ist. Deshalb ist die Zeit vom 2.5.95 an bis heute die zunächst interessanteste.«
»Was soll das? Also definiert. Also gefüllt. Also schwach gefüllt. Bin nicht definiert, bin müde. – Und wenn ich gar keine Lust habe, mich zu erinnern? – Na gut. Na gut. Also ab 2. Mai.«
»Schreiben Sie alles auf, was Ihnen einfällt. Ordnung wird nicht verlangt. Sie müssen nur auf die Daten achten. Sie können das in Tagebuchart erledigen oder in Auflistungsform oder meinetwegen auch in kleinen Geschichten, also zusammenhängenden Geschichten.«
»Also, mit den kleinen Geschichten, das ist nicht übel.«
»Verfahren wir so?«
»Ja. Ja, da ist noch eine Schwierigkeit. Schreib nicht gern in der Ich-Form. Kann das nicht.«
»Das brauchen Sie auch nicht. – Weshalb ist denn das so schwierig für Sie?«
»Ist Ihnen wohl doch nicht so recht, daß ich nicht in der Ich-Form schreibe.«
»Nein. Das ist nicht wichtig. Wirklich nicht. Ist nicht wichtig.«
/ Jochen-Notizen /
Früchtetee in kleinen Schlucken. Alles war weiß in diesem Raum. Oben ein Fleck in der Decke. Druck über der Nase. Verstand immer noch nicht alles. Das war zu theoretisch. Hatte Appetit auf alle diese sogenannten leeren Zeiten. Der Weg rückwärts war eigentlich spannender. Oder? Warum sperren? Zur Zeit nur müde, schrecklich müde.
Das ist so gewesen: an dieser Stelle hat er es getan, dort hat er es zurückgewiesen, da überfiel ihn die Erinnerung, und hier stellte er fest, das kann nicht sein.
Jede Gedächtnisleistung hat zwei unerträglich vorzügliche Begleitaktionen: weglassen, wenn es zuviel wird; interpretieren, damit es gefällt.
Sollen doch die anderen jammern, wenn ich auf Krücken laufe. Die ersten Ansätze waren beim Klassentreffen zu spüren oder bei der Vorbereitung zum Klassentreffen. Was ist das überhaupt: Klassentreffen? Oder später oder vielleicht viel früher? Ein Vorgang läßt sich nicht zusammenhängend schildern.
Man lebt in Einzelheiten. Jede Zusammenstellung ist flüchtig. Handlungsfolgen sind nicht immer voraussehbar. Da gibt es verschiedenartige Blickwinkel. Blickwinkel helfen weiter. Ist es möglich, daß sie weiterhelfen? Helfen sie wirklich weiter? Müssen weiterhelfen. Sollten aufgelistet werden.
Fangen wir doch mit einer Geschichte an:
Wachte kurz nach Mitternacht auf, onanierte, arbeitete an einem Schriftstück, ging in die Geschäftsstelle, arbeitete dort sechs Stunden an aktuellen Vorgängen, aß ein, zwei Happen in einem Restaurant, trank in einer Kneipe drei, vier Bier, schlief so recht und schlecht mit einer Prostituierten, nahm eine Taxe nach Hause, arbeitete im Garten, fuhr etwas Rad – der kleine Sohn war dabei, auf dem Kindersitz –, unterhielt sich mit seiner Frau, versuchte Sex mit ihr, schlief ein.
War er das überhaupt? Konnte man doch gar nicht anbieten. Das wird nicht weitergegeben.
/ Einige handschriftliche Zettel /
(Angaben von sogenannten Zeugen – vermutlich ständigen Kohlegängern, Gleisarbeitern, Möchtegernjournalisten – über angetane Gewalt an einem Jungen in einem Güterzug Richtung Wolfen)
Einer will Augenzeuge auf einem anderen Wagen gewesen sein:
Sie haben das Opfer runtergeschleudert, sind nachgesprungen. Dann rammt ihm der erste die Faust in die Magengegend, tritt ins Gesicht. Der zweite schlägt ihn mit der Faust zweimal ins Gesicht und einmal in die Magengegend.
Einer soll vom Nachbargleis zugeschaut haben: Der Lange schlägt ihn einmal mit der Faust ins Gesicht und ein zweites Mal mit dem Ellenbogen in die Schläfengegend. Der Kleinere stößt ihm das Knie in den Unterleib, schlägt ihm einmal mit der Faust ins Gesicht, tritt dem mühsam Hochkommenden …
/ Jochen-Notizen /
Keine Lust, das weiterzulesen. Kann damit nichts anfangen.
Davon haben die doch gar nichts erzählt. Was soll bloß dieser Zettelkram? Woher stammt der? Wie kommt der plötzlich in seine Notizen? Charlotte? Vor ein paar Tagen hat sie von einem alten Bitterfelder Kriminalfall gehört, der jetzt wieder aufgerollt wird oder aufgerollt werden soll. Aus dem Jahr 1947. Bitterfelder sprechen von der Komob-Sache. Komob. Komisches Wort.
Was bedeutet das?
Da kommt wohl eine ganze Masse auf einen zu. Keine Freude, keinen Ärger, keine Neugier. Viel zu müde, um auf das zu warten, was da kommen wird. Eigentlich nichts, was sich konkretisieren läßt. Oder?
Weshalb wollen die, daß ich mich erinnere? Weiß doch alles. Sogar mehr, als die annehmen. Ein bißchen getrickst.
Gemäß der Verabredung mit dem 2. Mai beginnen. Warum? Sicher. Er hatte den Vorschlag gemacht. Aber sie waren sehr schnell darauf eingegangen. Vielleicht ist denen das Datum völlig schnuppe. Hauptsache, er schreibt etwas auf. Vorsicht.
Laut Brigitte, 23, S. 85ff, sind Erinnerungen Privateigeneigentum. Wir können mit ihnen machen, was wir wollen. Jeder bastelt an neuen Varianten seiner Vergangenheit.
Wenn etwas aufgeschrieben wird, ist es sofort Vergangenheit. Geben wir das Ermittelte aus der Hand, legen wir uns fest, will man wissen, wer das getan hat. Wenn etwas aufgeschrieben wird, erwartet man gespeicherte karteikastengeordnete Auflistung.
Gut. Sollen sie eine Auflistung erhalten. Aber auf meine Weise. Nach meinem Karteikasten. Und da geht es zur Zeit recht bunt durcheinander, Fakten, Gedankensplitter: Jetzt soll die Poststelle aufgelöst werden; hüte dich vor dem Hund der Ärztin; Hearst brachte es 1930 auf 33 Zeitungen; auch Affen bellen den Mond an; das Jüngste aber konnte nichts begreifen; das Gruseln soll man schon lernen.
Na, besser nicht übertreiben. Sollte schon lesbar bleiben. Sonst halten sie einen für verrückt.
Also ran an die Sache. Den 2. Mai lassen wir mal noch etwas in Ruhe. Versuchen wir es doch mal mit dem 1. Mai.
01.05.95
/ Jochen-Notizen /
Tagesablauf: Garten, Tennis, Arbeit an der Unterrichtsverteilung. Kein Mai-Bummel mit Mai-Bier. Das war mal. Vor ca. 35 Jahren vielleicht. Aber eine lange Rad-Tour durch Ostberlin, heißt für uns immer noch so, schön großräumig an den Demobereichen vorbei. Was noch?
Am frühen Abend eine Rundfunkmeldung, die ihm irgend jemand (Faxauszug) in den Briefkasten gesteckt hatte: ›Ein Spaziergänger hat heute nachmittag auf einem verwilderten Grundstück an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain eine Frauenleiche ohne Kopf entdeckt. Der Körper war in einen Teppich eingewickelt, nur ein Fuß schaute heraus. Die 4. Mordkommission der Kriminalpolizei ermittelt. Bis zum Abend war die Identität der 20- bis 40jährigen Frau noch unbekannt. Eine Obduktion wurde angeordnet.‹
Irgendwie davon berührt. Wer hatte die Sache zugestellt? Direkter Bezug? Sollte man darüber nachdenken? Lassen wir das.
Was war noch los? Na, ja, das übliche: statt Ostermarsch gewalttätige Auseinandersetzungen auf dem Kollwitzplatz in der Nacht zum 1. Mai im Anschluß an eine Walpurgisfeier. Barrikaden aus Baugittern, Müllcontainern, Autos. Gegenmittel: Wasserwerfer, Tränengas. 72 Polizeibeamte verletzt; 36 Personen verhaftet. Auf der offiziellen revolutionären Mai-Demo am Oranienplatz viele Mao-Fahnen, auch PKK-Fahnen. Was noch? Bestimmt eine ganze Menge. Aber keine Lust drauf.
Aber da war doch noch was. Eine eigentümliche Bilderfolge: Bahnhof wird im Umfeld abgesperrt. Auf Gleis 6 ein Sonderzug.
In einer halboffenen Schiebetür ein Gesicht. Wer war das? Die Bilder wiederholten sich am Tag mehrmals. Nicht richtig beschreibbar, das Gefühl war noch da, Details nicht mehr genau konkretisierbar. Filmszene? Lassen wir das.
02.05.95
/ Jochen-Notizen /
Also der 2. Mai, wie verabredet. Was lag vor?
Letzter Ferientag. Auf keinen Fall ausgeschlafen. Gegen 5 Uhr aufgewacht. Soll ich auflisten, einfach aneinanderreihen, Daten, Daten? Hat was für sich. Aber dann kann man mit den Daten machen, was man will. Ein Tag besteht ja nicht nur aus Daten. Da gibt es auch Geschichten. Nicht nur Hunde bellen den Mond an. Mein Vater hatte drei Kinder, davon war das älteste klug und gescheit und wußte sich in alles wohl zu schicken, das jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen, und wenn es die Leute sahen, sprachen sie: »Mit dem wird der Vater noch seine Last haben.« So etwas war im Traum vorgekommen.
Also: ich schlief. Im Traum kam ich besser über die Sachen hinweg. Einmal mußte es ja klappen.
Was soll das? So kann man das nicht formulieren. Ich bin nicht Jochen. Jochen ist der, über den ich schreibe. Schreiben muß. Also künftig nur noch Jochen, nichts als Jochen. Oder Joachim. Oder er. Das ich fällt weg. Zumindest meistens. Habe ja auch den Ärzten angedeutet, daß ich die Ich-Form nicht mag. Bin vor kurzem auf ein altes Klassenlehrergutachten gestoßen. Aus dem Jahre 1937. »Es fällt auf, daß er konsequent das Wort ich vermeidet.«
Also: Jochen schlief. Im Traum kam er besser über die Sachen hinweg. Einmal mußte es ja klappen.
Das war besser. Endlich wieder auf Distanz. Fehlt das ich, wird die Welt ertragbarer. Man muß nicht alles preisgeben.
Nicht nur Hunde bellen den Mond an. Ein Vater hatte drei Kinder, davon war das älteste klug und gescheit und wußte sich in alles wohl zu schicken; das jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen, und wenn es die Leute sahen, sprachen sie: »Mit dem wird der Vater noch seine Last haben.« Wieso nur der Vater? Mutter mischte sich viel stärker ein. Der Älteste fiel 1943 bei Wjasma, als eine der unzähligen Einbruchs-Abriegelungen laut OKW-Bericht vorgenommen wurde. Kopfschuß sollte es gewesen sein; die Familie erhielt nie die kümmerlichen persönlichen Sachen zurück, die in Wirdenkenandichfeldpostpäckchen geschickt worden waren. Das Jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen. Jochen schlief, eine Hand über der Nasenwurzel – auf einer kleinen matten undeutlichen Flamme. Im Traum kam er besser über die Sachen hinweg. Einmal mußte es ja klappen.
Jochen drehte sich im Bett, die verrutschte Decke und Zeitungsseiten wickelten sich um seine Füße; Traumreste, Halbschlaf; notfalls gab es noch einen anderen Ausweg. Für Jahrgang 30 gab es immer Auswege. Jahrgang der Soziopathen; sie spielen eine Rolle; zeigen Emotionen, die sie nicht empfinden; verstecken eigene Gefühle, die sie stark empfinden; sind egoistisch und unsicher. Wo liegt Ihr Vater? Welches Zimmer, bitte? Wann ist Besuchszeit? Wie geht es ihm? Der Mann sagte: Mein Vater ist tot. Jahrgang 30 – eine durch Betrug im Betrug geübte Generation. Recht unbewußt darunter gelitten, wenn man das so sagen darf, nur undeutlich registriert. Schaden genommen. Das nie oder kaum begriffen oder eingestanden. Weshalb auch? Süße Verführung des Betrugs. Man kann die Wahrheit drehen und bekommt Appetit, selbst daran zu drehen.
Jochen blinzelte, angestrengtes Blinzeln, die Tür zum Arbeitszimmer war wieder nicht geschlossen, alte Regalreihen mit Büchern, Zeitungen, Leitzordnern, Zettelkram, da lief eine Biographie ab (Tagesspiegel); in der oberen Zahnreihe wartete ein 8 x 5 x 5 mm großes, polypoides Schleimhautexcisat; herzlichen Dank für Deine Zusage zur Teilnahme an unserem Klassentreffen in Bitterfeld, bei Anreise per Auto Abfahrt von der A 9. Oder doch in Berlin? Westberlin? Reaktionäre Vokabel. Ob das Dach dicht blieb? Braas, Frankfurter Pfanne, 3 Kilogramm pro Quadratmeter, ziegelrot. Vielleicht doch erst im nächsten Jahr. Wie geht es Ihnen? Einzelteile sind in Ordnung. Schule ist ein Chaos. Aber dieses Chaos bietet viele Freiheiten. Der Erfolg macht hungrig, nie satt, weil man ja nicht weiß, wie lang der Erfolg dauert; er kann ja nicht andauern, weil er erschlichen ist. Und dann bleibt der Erfolg doch dann und wann, obwohl er nicht der Wahrheit entspricht. Interesse am Erfolg überwiegt alles. Und immer wieder Ottchen, das tat weh, mit seiner Formel: Tue nichts mit erhobener Hand. Zwei Kinder blieben übrig, Siegfried lächelte dazu; eines war blind, konnte aber erzählen, was geschah, Siegfried lächelte dazu; eines war stumm, wußte aber, wo es geschah und wer es tat. Siegfried lächelte. Ich hab jetzt Nachspielzeit.
Als er um 5 Uhr endgültig aufwachte, wußte er nur, daß irgend etwas nicht stimmte.
Ein Vater hatte drei Kinder, das älteste wußte sich in alles wohl zu schicken, Kopfschuß bei Wjasma im nordwestlichen Ortseingang von Kostenki; über das zweite wurde nicht so viel gesprochen; mit dem dritten sollten die Eltern noch ihre Last haben, meinten die Leute.
Traumreste, Halbschlaf; notfalls gab es noch einen anderen Ausweg. Für Jahrgang 30 gab es immer Auswege. Angestrengtes Blinzeln, vielleicht Klassentreffen in Bitterfeld oder Berlin, Einzelteile sind in Ordnung, und immer wieder Ottchen, Siegfried lächelte.
Als er um 5 Uhr endgültig aufwachte, wußte er, daß irgend etwas nicht stimmte. Die Uhr ging genau, das kleine Radio schaltete sich automatisch ein, 104.6 RTL, das elfte Gebot wurde befolgt: du sollst außer Arno und der Morgencrew keine andere Sendung haben, Peers erste Station; Jochen schüttelte etwas ungeduldig den Kopf, na, wird's bald, und dann setzte das andere Radio ein, schwarzlackierte Football-Ei-Form, Peers zweite Station, Berliner Rundfunk, 91.4, Musik mit Gefühl, Information mit Verstand; das 11. Gebot wurde übertönt; 91.4, ach, bin ich froh, die Schrippenshow.
Eine kurze Zeit herrschte Mediensalat im Schlafzimmer, dann verstummte das kleine Radio ruckartig, die Schrippenshow hatte sich gegen die Morgencrew durchgesetzt. Jochen sah zur Seite und auf die Fußgegend, seine Partner schliefen ungerührt weiter: Sophie-Charlotte-Josephin; Mücke, Percy, Lady; Natascha und Charly vor den Betten, Polly nebenan im Arbeitszimmer, Sir Henry und Rosa Luxemburg unten in der Veranda. Der Tag wird sonnig werden, bis 16 Grad Wärme. Bei Hauttyp 2 kommt es um die Mittagszeit nach etwa 40 Minuten zur Hautrötung.
Ende der Birkenblüte. Pollenbelastung schwach. Jochen drehte die Wetternachrichten leiser. Mücke schniefte, schubbelte, einer ihrer Hinterläufe stießen an sein Kinn. Er drückte sie weg und sah dabei, daß Charlotte die Augen geöffnet hatte.
»Geht's?«, fragte er.
Sie nickte.
»Bist du Hauttyp 2?«
Sie sah ihn erstaunt an, schüttelte den Kopf und gähnte. Er tastete an Mücke vorbei nach hinten zum Fensterbrett am Kopfende, fingerte nach einem Stück Brot, knochentrocken.
»Wer hat da kapituliert?«, fragte sie.
Erst nach einer Weile begriff er, daß sie das Radio meinte.
»Mauzele oder hör richtig hin«, sagte er kauend. »Heute ist der 2. Mai. Vor 50 Jahren hat Berlin kapituliert.«
»Schlimm«, sagte sie. »Eine Viertelmillon. Furchtbar.«
Jochen sah zu, wie sie Lady und Percy gleichzeitig streichelte; Lady lag links neben ihrem Gesicht, Percy über ihrem Kopf – halb im Haar. Beide Katzen schnurrten. Furchtbar? Die Größe der Zahl? Die nicht vorstellbare, nicht begreifbare, unverbindliche Anonymität? Eine Viertelmillon ignoriert jedes Gefühl. Eine Viertelmillion schafft Distanz. Distanz ermöglicht Überleben. Distanz bringt einen aus der Schußlinie. Distanz hebt die Ichbeziehung aus den Angeln. Fehlt das Ich, wird die Welt ertragbarer, vielleicht sogar objektiver, auf jeden Fall objektiver. Man muß nicht alles preisgeben. Na, das hatten wir ja schon mal. Gestern sind fünf Personen gestorben. Sicher schlimm, geht aber nicht unter die Haut. Gestern sind mein Bruder, die alte Kroischin, Bäckermeister Prunge (der mit den pappigen Brötchen), der pensionierte Kriminalbeamte Waisinger, Tante Hedwig gestorben. Das saß.
»Du lebst«, sagte er. »Das ist die Hauptsache. Du siehst lieb aus – und treulos. Richtig lieb treulos.«
»Laß das doch sein«, sagte sie, immer noch etwas schläfrig. Mücke schubbelte mit ihrem Hinterteil und fiepte.
»Ja, du siehst auch lieb aus«, sagte er.
Sie griff über Mücke hinweg und erwischte seinen Arm. Dabei richtete sie sich halb auf, ließ Percy wegrutschen.
»Du bist ein Lieber«, sagte sie.
Notfalls Ökosteuer einführen und Lohnkosten senken. In Brandenburg besteht ein Defizit von 192.500 Wohneinheiten. Tränengas auf einen Fahrkartenschalter im Bahnhof Neukölln. Wir müssen noch die Sachen für die Altkleider- und Altpapiersammlung rausstellen; ab 7 Uhr wollen sie kommen.
»Meinst du nicht«, sagte er, »daß wir ein bißchen viel Tiere im Bett haben? Ich seh dich nur noch in Einzeleinheiten.«
»Einzeleinheit? Du meinst wohl Einzelheit?«
»Nein. Du bist eine Einzeleinheit. Gib Ruhe, Mücke.«
»Na gut. Dann streichle mal deine Einzeleinheit. Hier im Nacken.«
»Auch das noch.«
Er drehte sich wieder zur Seite, schob Mücke und Percy nach hinten; sanftes Knurren, sanftes Fauchen.
»Sei doch nicht so grob.«
»Ich bin nicht grob, ich brauche Platz zum Streicheln.«
Sie drehte sich auf den Bauch und tastete nach Percy.
»Nein, er ist nicht grob«, sagte sie. »Du weißt das, was Percy? Er spricht nur immer etwas vorbei. Ja, laß die Hand da, ich glaub, da ist ein Haar, ja, gut, fester. Du machst das wunderbar.«
Jochen massierte leicht ihren Nacken; es wird ein warmer Tag werden; Dreekmann tritt in München gegen Boris Becker an; die Separatisten kämpfen weiter im Kaukasus; Dollar zur DM 1,370; Erdmann: Es gibt viele Gründe, sich auszuziehen. Hitze gehört nicht dazu. Davon werden Sie unsere Leinen-Sakkos überzeugen.
Heute haben zwei Kolleginnen Geburtstag. Anrufen. Für 10.3 Geschichte und Deutsch vorbereiten.
Alles recht erträglich; das war ein Morgen wie jeder Morgen, aber da war noch etwas. Klebte an ihm, seit Monaten, seit Jahren, seit jeher; zäh, stickig, verlockend, pelzig wie sein alter, unvergessener Heimatort Bitterfeld. Lauernd wie die Komob-Sache, die Charlotte angedeutet hatte.
Ein Vater, drei Kinder, das älteste tot durch Kopfschuß, das dritte schwierig zu handhaben. Halbschlaf, notfalls Auswege, Blinzeln, Eimzelteile sind in Ordnung, Klassentreffen, Ottchen, Siegfrieds Lächeln, 5 Uhr. Na, ja, das hatten wir schon mehrmals. Irgendwo unklar, irgendwann richtig wach, zwischen 5 Uhr und 6 Uhr, am 2. Mai 1945 kapitulierte General Weidling 5.57 Uhr als Berlin-Verteidiger laut Radio, irgend etwas stimmte nicht.
»Ja, laß die Hand da, ich glaub, da ist ein Haar, ja, gut, fester. Du machst das wunderbar.«
Jochen beendete das Streicheln mit einem Klaps, Mücke fuhr auf, kläffte; sie verteidigte stets den anderen, heftige Bewegungen konnte sie nicht ausstehen.
»Mücke, bell leise«, sagte er. »Eichkamp schläft noch. Denk an den Alten Fritzen. Hunde – wollt ihr ewig leben?«
Er schob die Decke weg, Mücke grummelte leicht verärgert. Jochen hob die Beine aus dem Bett, blieb sitzen, nickte Charly zu, der sich an Natascha vorbeidrückte und nölte.
»Ja, ich weiß, du willst raus.«
Wer hatte bloß die Behauptung aufgestellt, daß Katzen miauen? Keine Katze hier im Hause machte miau. Percy öffnete die Schnauze und stieß Luft aus – ohne Ton; Natascha krächzte heiser, dann und wann klagte sie in der Nacht, lange Vokalketten in Moll; Lady drückte kurze Piepssequenzen durch das strenge, kleine Gesicht; Polly krähte heftig und selten, dabei die Augen zu Schlitzen zusammengepreßt, das Ehepaar Henry und Rosa äußerten sich fast ausschließlich nonverbal; Sir Henry jammerte manchmal, wenn er Rosa nicht finden konnte, in breitgezogenen eintönigen A-Lauten; Charly nölte, ohne Unterbrechung, nervtötend, mißmutig, ungehalten wie ein Hausmeister, zeitweise steigerte sich sein nicht zu stoppendes Nölen in Mäh-Blöken, richtiges Schafsblöken. Keiner oder keine konnte miauen. Das waren alles Quertreiber.
Jochen drehte am Radio. Prinz Charles besucht Hamburg. Großkreuz für Jacques Delors. Frauenleiche ohne Kopf. Immer noch. Lore Maria Peschel-Gutzeit. Was für ein Name. 50 Jahre organisierte Frauenpolitik. Will was anderes. Suchen, Drehen, Weiterdrehen, Aufdrehen. Bobby McFerrin; Charly; Natascha; Lady; Mücke; Don't Worry; quälendes Nölen; hiobsartiges Klagen; Charlotte; Stakkato-Piepser; Be Happy; Grunzen-Kläffen-Quieken; habt ihr noch alle, gebt Ruhe; eine Vier-Minuten-49-Sekunden-Zeit. Offene Fenster. Verdächtige Ruhe in den Nachbargrundstücken.
»Eigentlich schade, daß wir keinen Papagei haben.«
»Läßt du Charly raus?«
Jochen nickte. Plötzlich ein dumpfes Klatschen, Pfeifgeräusche; die alte Dame Natascha hatte versucht, auf das Bett zu springen, und war auf dem niedrigen Radiotisch gelandet, dabei verhedderten sich ihre seit, war das März?, halbgelähmten Hinterpfoten kurzfristig in der Teleskopantenne; diese zitterte über das ungerührte Dreifarbenfell; laut Gebrauchsanweisung führt das Neigen und Schwenken der Antenne eigentlich zur günstigsten Empfangsrichtung, in diesem Falle jedoch zum Verlust der Feinabstimmung, zur Verfärbung des Klangbilds, zu ungesteuerten Tieftönen und Baßreflexen; dann war Don't Worry weg. Die unvermutete Stille überraschte. Lady und Percy rollten sich ein; Mücke hechelte, schnaufte abschließend durch die braune Nase; Charly hatte den Raum verlassen und sogar das Nölen eingestellt. Natascha löste sich von Antenne und Radiotisch, hakelte, zerrte, plumpste, zog sich mit halbsteifen Hinterpfoten zum Trinknapf.
»Kriegst du das Radio wieder hin? Läßt du Charly raus? Nimm Natascha mit runter, bitte.«
»Meinst du nicht, daß wir ein bißchen viel Tiere im Zimmer haben? Bin ich nun ein Tier-Sitter oder noch ein Ab-und-zu-Schulleiter?«
»Häng nicht den Maxen raus«, sagte sie. »Du bist mein Alles.«
Er starrte auf den Fußboden. Die Beklemmung war wieder da. Letzter Ferientag ist nie schön. Diese blöde Beklemmung, eigentlich unerklärlich, bohrend, Olympus S 926 DG, Diktiergerät für Microcassetten, regelbarer Mikrofoneingang, Sprachsteuerung, eingebauter Lautsprecher, 99,95 bei Wegert. Jochen legte den Werbezettel an alle Haushalte, jeden Tag sowas, lassen immer die Gartenpforte offen, zurück auf den Bücherstoß am Boden, Werbezettel-Lesezeichen, tastete nach der Zigarettenpackung, die dort unten irgendwo liegen mußte, fand sie auf dem Bett, eigentlich sollte im Schlafzimmer nicht mehr geraucht werden, reiß dich zusammen, dachte an nichts, dann an die Schule, heute noch entwickeln: Erinnerung an das 4. Prüfungsfach; Anfrage an die Kursleiter wegen der TU-Tage; Zettel für Prüfungsaktionen der Fachbereichsleiter und Fachleiter; Einladungen zur 4. Schulkonferenz und 6., nein, 7. Gesamtkonferenz. Bückte sich wieder, entdeckte nur einen Hausschuh, den anderen hatte Mücke gebunkert. Ottchen, Ottchen. Da war doch was. Was soll das? Beklemmung. Druck über der Nasenwurzel. Als sie vier Jahre alt waren, fuhren beide im selben Personenzug ins Kinderheim nach Norderney. Als sie fünf Jahre alt waren, spielten sie zusammen im Schrebergarten am großen Teich. Als sie acht Jahre alt waren, veranlaßte Jochens Mutter, daß sie in der Schule auseinandergesetzt wurden. Als sie zehn Jahre alt waren, lieh sich Jochen von ihm Geld, das er nie zurückgab. Als sie zwölf Jahre alt waren, verließ er den Ort.
Jochen stand auf, trat mit seinem nackten Fuß in eine Reißzwecke, die er gestern vergeblich gesucht hatte. Nachdem sicherstand, daß sich im Hause lediglich Hühneraugentip, aber kein Hansaplast befand, hatte sein Kopf das Bedrohliche vergessen. Charlotte beugte sich interessiert über seinen blutenden Zeh, das kurze Nachthemd in der Hand als Angebot für eine Verbandszwischenlösung. Während sie betont träge wickelte, vergaß Jochen auch den Fuß. Charlotte tat etwas verwundert, war aber froh und – wie immer – sozusagen bereit. Percy und Lady blieben in ihrer eingerollten Lage, die durchsichtigen Ohren aufgestellt; Natascha trank weiter; Mücke verließ das Bett, sie hielt die beginnende Prozedur – quer über den Betten – schlicht für ein Gestrampel, besitzergreifend, platzraubend, rudelstörend, sie bellte ungehalten, rhythmisch und unaufhörlich. Die Nachbarn begriffen: Eichhörnchenpfad 301 startete in den neuen Tag.
Der Älteste fiel 1943 bei Wjasma. Der Jüngste konnte nichts begreifen und lernen. Im Halbschlaf störten das Stöhnen Ottchens und das freche Lächeln Siegfrieds. Irgend etwas stimmte nicht. Besitzergreifende Prozedur. Start in den neuen, eventuell warmen Tag.
Muß mich an die Sachen rantasten. Wiederhole mich oft. Das passiert beim Rantasten. Manchmal stehen die Wörter da, bevor ich denke. Wenn ich das nach einer Stunde lese, frage ich mich, wer hat das geschrieben?
Das Telefon klingelte.
»Wer will denn so früh was von uns? Gehst du ran?«
Charlotte nahm den Hörer ab.
»Ja«, sagte sie. Dann lachte sie. »Bobbie«, sagte sie; freudig, erstaunt. Sie dehnte das Wort so lang wie die Telefonschnur. Das o klang wie ein langes a, aber nicht ganz wie ein deutsches a, und das eine Mittel-b wurde weggelassen.
»Ach, uns geht's so gut«, sagte Charlotte. »Es ist Bobbie.«
»Nein, nein; ich meinte Jochen, Bobbie. Warte mal, ich laß ihn mithören.«
Jochen stöhnte etwas und nickte. Anwählen, halten. Drücken.
»Hallo, Charlotte. Was machst du mit Jochen?«, sagte Bobbie mit ihrem unverkennbaren amerikanischen Akzent.
»Ich laß ihn mithören.«
Bobbie verhielt sich wie immer. Sie hörte nicht zu, wenn sie etwas nicht verstand.
»Laß ihn machen. Er macht alles. Grüße von mir, den liebe, liebe Jochen. Gib ihm kleines Küßchen. Bist du neidvoll?«
»Aber Bobbie«, lachte Charlotte. »Ich hab dich so lieb.«
»Du Gutes, Gutes, ich hab dich auch lieb. Merkste, ich sprech jetzt richtig Deutsch. Ich sag nicht dir, ich sag dich. Fein, nicht? Nein, brauchst nicht neidvoll sein auf so alte Bobbie.«
Jochen registrierte: wenn das hier vorbei war, Frühstück, dann vielleicht in den Garten, Rad ölen.
»Bobbie. Du und alt. So was gibt's doch gar nicht.«
»Was sagst du?«
»Du bist nicht alt.«
»Ja, ja – nicht alt, serr alt, weiß du. Peanuts spielt immer am Strumpf von mir. Peanuts! So, jetzt is Ruhe. Strumpf is kaputt. Ach, Charlotte, is Percy brav, is Mücke brav. Frißt liebe liebe Percy wieder mehr?«
»Sie sind alle munter und frech.«
Jochen registrierte: vielleicht gegen 10 Uhr Tennis mit Peer, falls der Rücken mitspielt; die Jacke mußte endlich umgeändert werden.
»Du Gutes, Gutes. Es war herrlich bei euch und es schön, uns Wiedersehen. Ich finde, ihr seid immer in meine Gedanken und deine hübsche Haus. Ich denke an Percy und sehe Mücke rennen durch das Garten. Oh, weißt du – ihr habt eine schöne, freundliche, gemütliche Haushalt.«
Jochen nickte und verzog das Gesicht. Die Unterrichtsverteilung, die verdammte Unterrichtsverteilung, weshalb wollte der Bezirk diesmal so früh die Prognosen? Da fehlten noch die Eckdaten, da bummelten sie wieder beim Senat. Außerdem stand noch die Kurswahl an.
»Bobbie«, sagte Charlotte, legte die freie Hand hinters Ohr und wippte mit drei Fingern in Jochens Richtung.
»Wann kommt ihr wieder?«
»Sei umarmt. Jetzt ihr kommt zu uns, wenn du kannst. Ganz schnell.«
»Wir werden kommen«, sagte Charlotte, »sobald Jochen die Schule hinter sich hat.«
»Ach, die schlimme, schlimme Schule. Ich quetsche den Daumen. Nur den linken.«
»Jochen wird's schon schaffen«, sagte Charlotte.
Ja, ja, natürlich wird er es schaffen. Zunächst einmal die Erinnerungen hinkriegen. Das wird schon klappen, wenn da nicht die Bilder wären, die sich automatisch, klar und völlig unpassend einschalteten. Leichtes interessantes Grauen.
Die Leiche hatte man notdürftig mit einem Laken abgedeckt. Der Kopf war nicht zu sehen, an dieser Stelle lag ein aufgeklappter Regenschirm, das weiße Tuch halb darüber. In der Mitte ragte etwas ein mehrfach gebrochenes Bein hervor, die starren Füße unverhüllt, ein Schuh fehlte. Eine Tasche neben der Leiche links, drei Frauen neben der Leiche rechts. Der Tatort war abgesperrt, zumindest die gegenüberliegende Straßenseite. Zwei Blutrinnen liefen über den Bürgersteig, die kleinere kam von der Mitte des Körpers, die größere vom oberen Teil, sie sammelte sich in einer Lache. Eine Frau stand an der Mauer mit verschränkten Armen, Schmollmund, die Augen verloren sich über alle Passanten hinweg, das mußte ja so kommen, jetzt habt ihr den Salat. Eine Frau kniete neben der Leiche, Hände über dem Schoß, eine Hand hielt die andere fest und ein Taschentuch, der Mund verzogen, unverwandter Blick auf das tote Bündel.
Ihr Kopf spiegelte sich in der Blutlache. Der dritten Frau hatte man einen Stuhl hingestellt. Da saß sie nun vor den Füßen. Alt, massig, unbeweglich wie immer nach getaner Arbeit. Kein Weinen, kein Entsetzen, bedächtige Ratlosigkeit im Gesicht, die Haare etwas ungeordnet. Das war's also. Bin am Ende. Sagte immer wieder, monoton:
Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Ich weiß nicht, warum die da so liegt.
Warum die da so lag? 17 Stiche, Rippen und Brustbein durchtrennt, der Hals mehrmals zerschnitten, Hände mit Klebeband verschnürt. Das war kein Traum. Das war real. Aber was hatte er damit zu schaffen?
»Wally grüßt viel, viel, viel«, sagte Bobbie. »Wally ist wieder in seine Dunkelkammer versetzt, aber er ist rausgekommen lang genug. Er sagt mir nur, sei umarmt und geküßt von uns alle. Wally hat die Negativen noch nicht gefunden, aber wir werden nicht vergessen, und die kommen bei Post bald. Verstehst du viel? Oh, mein Deutsch ist nicht so ordentlich genug.«
»Bobbie, ich hab dich lieb. Wenn die Schulsache vorbei ist, kommen wir ganz bestimmt. Das war so schön, Euch bei uns zu haben.«
Jochen nickte und verzog das Gesicht. Charlotte wippte mit den Fingern und stieß schnell die Zungenspitze zu Jochen hin.
»Oh, du Gutes, Gutes. Vielen Dank. Eure Haushalt hat uns so gut getan und das Garten und die vielen Tiere und der kleine, aber schöne Sonne. Ach, Wally, sei ruhig. Entschuldige Charlotte, aber der dumme Wally ärgert mich.«
»Bobbie, laß dich nicht ärgern. Sag ihm, hallo Bobbie, sag ihm …«
»Ach was, Charlotte. Ich hör nicht zu seiner Rede. Soll er reden. Bababababa. Oh, jetzt hat er mich geboxt. Erst Peanuts und nun Wally, böser, böser Wally. Sag Charlotte, heißt das die oder der Sonne? Was lachst du Wally. Ich weiß, daß die Sonne scheint, aber du weiß nicht, daß der Sonnenschein scheint. Haha. Bababa. Siehst du Charlotte. Nun ist er pleite. Nein, ich hab vorhin der Sonnenschein gesagt, Wally, und nicht der Sonne. Du hast gesprochen, und da hab ich den Schein verschluckt. Bababa. Hier in meiner Kehle steckt es. Willst du sehen das Schein in meiner Kehle? Hallo, Charlotte, du bis noch da? Entschuldigung, aber ich muß Wally geben Sprachunterricht. Er sagt immer, meine Deutsch ist hundsmisarabel. Findest du? So, jetzt ist er wieder in Dunkelkammer. Ich hab seine Nerven gesägt.
Oh, Peanuts, jetzt greift er mein anderes Strumpf an, Charlotte, ich muß schließen. Grüß mir Jochen und die Tiere und immer mehr Percy, wenn ich denke an ihn, schmorzelt mein Herz.«
»Die scheinen sich wohl wieder zu verstehen«, sagte Jochen. »Mit der Zeitverschiebung kommt sie immer noch nicht klar.«
»Ich finde Bobbie wunderbar«, sagte Charlotte. »Ist doch schön, daß es da wieder klappt. Schön, daß sie angerufen hat. Der ganze Tag wird schön werden. Glaub mir.«
»Na, ja.« Jochen nickte. Solche Szenen liefen so ab oder so ähnlich. Diese Szene war so gelaufen. Sie war fest drin im Kopf. Weshalb? Keine Ahnung. Wahrscheinlich für die Ärzte recht unergiebig.
Letzter Tag der Osterferien. Es wird sonnig werden, bis 16 Grad. Alles in ihm und alles um ihn bereit für die Realität, leichtes, weites Atmen. Percy und Lady, Natascha und Mücke, Polly und Charly, Sir Henry und Rosa Luxemburg, Sophie-Charlotte-Josephin, ein Haus, das lachte. Und da war noch etwas; ein Frösteln trotz der ungewöhnlichen Morgenwärme des Maitages. Jochen spürte. Ach, lassen wir das. Jochen schüttelte sich ein wenig. Dieses Frösteln war peinlich. Als sie 14 Jahre alt waren, sah Jochen in einem Zug, ein Güterzug war das wohl, ein Gesicht, das an ihn erinnerte.
Er ging in den kleinen Flur. Charlotte klapperte unten mit Tellern, Tassen; Kaffeegeruch.
»Du rufst mich, wenn du fertig bist?«
»Klar. Bin gleich fertig. Ich geh dann noch mit Mücke eine Runde.«
»Ist gut. Ich bin in meinem Zimmer.«
Er drückte die klemmende Tür auf. Vertraute schwere Luft, alte Regale mit Büchern, Zeitungen, Leitzordnern, Zettelkram, ein vollgepackter Schreibtisch, drei Seitenablagen mit hochgeschichteten Materialien. Abschlußarbeiten. Unschlüssig, etwas verlegen starrte Jochen auf den Beginn kleiner Übersichten, an denen er in den vergangenen Tagen unter anderem geknobelt, gewurstelt, gefummelt hatte. Vorspann und Strukturmotive für die letzte Abirede, eventuelle Absicht, mit bloßen Fakten eine Brücke zu schlagen zwischen ihm und den Abgängern, fürchterlicher Ausdruck, na gut, den Abiturienten eben:
Es gab einmal das Jahr 1930, da erschien Thomas Manns Buch »Mario und der Zauberer«, trügerischer Versuch, den Cipolla-Faschismus aufzuhalten. – 1995 feierte im Beisein von Helmut Kohl und Roman Herzog im badenwürttembergischen Dorf Wilflingen seinen 100. Geburtstag Ernst Jünger; eine merkwürdige, erlesen-gebändigte, ästhetisch-kühle Schriftstellerfigur, nach außen hin diszipliniert-ungerührt von Stahlgewittern, Mamorklippen oder Strahlungen der Kaiserzeit, der Weimarer Demokratie, der Hitler-Epoche und der Entwicklung der bundesrepublikanischen Deutschlandversuche; ein intellektueller Protagonist des militanten Zeitgeistes. – Max Schmeling boxte nur einmal 1930 und auch nur für vier Runden, und der Kampf nahm auch noch ein unbefriedigendes Ende, denn sein Gegner Sharkey wurde disqualifiziert, aber all das reichte zum Weltmeistertitel. – Axel Schulz verlor 1995 umstritten einen WM-Kampf im Schwergewicht gegen den Oldtimer George Foreman in Las Vegas. – 1930 trat der Reichsbankpräsident Schacht wegen des Young-Plans zurück …
Er nahm die Blätter hoch und schlug sie leicht gegen das Fenster zur Straße hin. Ob das ankam? 1930 war Jochen geboren worden, das hatte nicht viel zu sagen, das Jahr war nicht viel anders als jedes andere Jahr, mit Unterschieden natürlich; aber Jochen war diesem Jahr dankbar. Wen interessierte das? Das paßte auch strukturell nicht. Sein Geburtsjahr und deren Abiturjahr? Das war ja wie roter Mohn und kalte Füße. 1995 kannten sie doch selbst, zumindest forderten sie den Anspruch darauf ein, so wie er sie stets erlebt hatte.
Er ging zum Drehstuhl zurück, dort saß jetzt Polly, weißplusterig, voll, große Augen, na Meisterin, sie wollte bewegt werden, er drehte den Stuhl, Polly klammerte sich an der Rücklehne fest, ließ eine Pfote los, tatzte mit eingezogenen Krallen, grunzte, ist ja gut, Dicke. Benimmst dich wie die Tussi, über die der Wiehießerbloß vor den erstaunten Kriminalbeamten berichtete:
»Gucken Sie sich doch mal die Puppe an. Wie sie dasteht.
So von der Sorte, schenkelklatschend, ichentscheidschonselberwerhiermalranmuß. Ach, so was läßt sich doch nicht vergewaltigen. Keine Spur. Gucken Sie doch mal. Locker, aufdringlich energisch. Sieht man so aus, wenn man Gewalt abbekommen hat?
Da kann man doch nur lachen. Gereizt hat sie mich, aber wie. Gucken Sie doch mal. Kurzer Rock. Ach, was sag ich da, das ist doch kein Rock, was sie da über dem Po hat, das ist ein Stoffrest, nur pralle Beine und nichts drunter. Ja, da war nichts unter dem Rock da. Sie hat ja auch gar nicht reagiert, als ich, na Sie wissen schon, so mit der Hand, nein, nicht grob, ja, richtig hingefaßt schon, aber nicht grob, sie hat nicht reagiert, nischt gesagt, nicht weggedreht, nur weiter gegessen an ihrem Hamburger, gekaut und blöde geguckt. Ja, ganz ruhig hat sie mich angestarrt, als ich mit der Hand da unten. Nein, nichts gesagt, nicht weggedreht, nur gestarrt und gekaut. Sie ist doch son Typ, bei mir darf keiner, der nen Kurzen hat, ansonsten, mach schon. Vorspiel ist Kinderkram. Sie hat doch noch gekaut, als sie ihn schon drin hatte. Nein, sie hat nie nein gesagt, zu keiner Zeit. Im Gegenteil.
War ja selber überrascht. Aufgestanden, weiter gekaut, an die Wand gelehnt, ein Bein schön angewinkelt, ganz locker wie jetzt da drüben, so in der Art, wie man 'ne Selters trinkt.«
Er griff in ihren Nacken, sie biß leicht und sanft zu, also das mit 1930 und 1995 war nichts; vielleicht sollte er die jeweiligen Geburtsjahre vergleichen. Wann waren die denn eigentlich geboren? Jochen zog die Personalienmappe aus dem Stoß, Jahrgang 75, 76, 75, 75, 75, 76, 76, 75, 74, das war ja schon der dritte Jahrgang; gab's da noch mehr? Er überflog rasch die Namen, zum Glück nicht, aber immerhin drei Jahrgänge, Polly, nicht so doll bitte. Er streichelte, zählte zusammen, verglich.
Er faßte Polly an beiden Ohren, zog sie zu sich heran, die Katzenaugen verengten sich zu Schlitzen; er tupfte seinen Mund andeutungsweise in ihre Schnurrbarthaare, sie schmatzte leicht, brummte, nee Polly, das geht wohl nicht. Bei 200 Daten mit Vergleich hörte keiner mehr zu. Das gab keinen Sinn. Er hob Polly vom Drehstuhl, die eine Pfote hatte sich festgekrallt, ließ sich erst nach einigem Zerren lösen, setzte sich.
Jochen lehnte sich zurück, stöhnte, fing an zu rauchen. Wer interessierte sich eigentlich – sich selbst mal ausgenommen – für Geburtsjahrgänge? Zeiten der völligen Abhängigkeit, der schamlosen Auslieferung. Man war ein mehr oder weniger liebenswertes Nichts, mit dem man alles ausprobierte. Was einem widerfuhr, wußten nur die anderen und das eigene Unterbewußtsein (falls überhaupt vorhanden). Keins von beiden war verläßlich. Diese ewigen Erinnerungssprüche zu Geburtstagen oder sonstigen Familienfesten. – Du hast dich schon am ersten Tag rumgedreht, plötzlich, mit einem Ruck, lag das Köpfchen links – Oma klatschte die Hände ineinander: So ein großer Kopf und so ein dünnes Hälschen, hoffentlich bricht das nicht ab – Du warst vier Stunden früher da, als dein Vater, der kluge Mathematiker, ausgerechnet hatte, die träge Schwester sagte, nee, nee, der läßt sich noch Zeit, da hab ich sie vielleicht angeschrieen, und plötzlich hat die gemerkt, das ging ja wirklich los, und da ist sie gerannt, will mir was vormachen, mein drittes Kind, Junge. War das eine Sturzgeburt – Dieses Dauergehabe: »Vortreten. Heute ist ein besonderer Tag. Am 23. Februar 1930 erlosch ein Leben für den Nationalsozialismus, Horst Wessel. Am 23. Februar 1930 begann ein Leben für den Nationalsozialismus, Jochen Hagen. Gratulation.« Jochen stand in Haltung, roter Fleck an der Nasenwurzel, Lächeln, nein, Schatten um den Mund. Sprücheklopfer. Schulfrei wäre besser. 1942 kam es zu einem Eklat, unmittelbar nach den fünf Ritualsätzen. Einer – das war wohl Ottchen – stimmte die zweite Nationalhymne an, das Horst-Wessel-Lied, die Fahne hoch. Es war mehr ein Krächzen, aber laut und geburtstagsfröhlich. Keiner sang mit. Der Lehrer zog Ottchen am Ohr aus der Klasse, kam zurück und wischte sich die Hände mit einem Löschblatt ab. »Hagen, setzen.« Stille im Klassenzimmer, im Schulgebäude. Aufhorchen. Könnte schwören, da sang doch einer draußen weiter. Nicht hinhören. Rauschen im Ohr. Wahrscheinlich eine Täuschung. Künftig wurde die Geburtstagsprozedur nicht mehr durchgeführt. Ottchen kam nicht zurück –
Charlotte rief von unten: »Ich geh kurz mit dem Hund raus, ich laß offen, ja?«
Jochen nickte, wartete, bis die Tür zuklappte, ein preßhafter Stoß, noch einer, dann ein satter Schließton. Man sollte doch die Klinke hochheben. Stille. Gedämpfte Schritte unten an der Fensterseite zu den serbischen Fichten hin, Mückes Hecheln.
Also das mit den Geburtsjahrgängen war Mist. Konzentrier dich endlich aufs Wesentliche. Was stand an? Abitur geschafft, Schule fertig, Chef entläßt ins Leben. Was wollte er? Die Wichtigkeit rausnehmen. Schule wurde zu wichtig genommen. Man existierte auch trotz Schule. Schule heute war genauso blöd wie früher. Abi 95 war nicht schwerer, war nicht leichter, nicht wichtiger als das Abi 48. Mit dem Abi 95 konnte man genauso viel oder so wenig anfangen wie mit dem Abi 48. Viel und nichts. Kam nur auf den einzelnen und auf die Umstände an, mit denen man zu tun hatte oder die man verantwortlich machte. Na, gut.
Was stand noch an? Die Leute wollten verabschiedet werden. Jede Verabschiedung ist eine Einleitung zur Erinnerung. Na, gut. Dann erinnern wir uns an das Gemeinsame, an die Gemeinsache Abitur. Von jetzt an war Schule für alle Vergangenheit (bei manchen hatte man diesen Eindruck schon früher).
Draußen klopfte irgend etwas, nicht rhythmisch, aber laut und beständig; nicht genau zu definieren, recht störend und außerdem ziemlich früh, was soll denn das. Jochen ging zum Fenster. Natürlich, die Dame aus Mexico, oder? Soll nebenberuflich früher Pfarrerin, kaum zu glauben, teenageralthaarschnitt, zeitweise hübsch auf nette Weise, die Arme in den Hüften, Rundblick über das ungeschickt, aber engagiert eingelagerte Hauptbeet des schiefwinklichen Gartens, nervös drehender Hals:
»Ach, wie wachst ihr nur wieder durcheinander, ihr Pflanzen!
Und ich hab mir doch solche Mühe gegeben. Wenn jetzt noch die Wildsau …« Mit einem Fuß trat sie unregelmäßig gegen einen selbstgezimmerten Holzkastenwagen.
Jochen drehte sich wieder zum Schreibtisch zurück. Das Klopfen blieb. Sie war im Grunde recht freundlich, hilfsbereit, dann und wann mit diakonieähnlichem Auto in der Seniorenbetreuung zugange, mitunter schmucke Hütchen, lärmte aber hin und wieder recht unvermutet und stark, hetzte, wenn sie im Garten war, hin und her, erledigte alles in mindestens vier Gängen, immer hin und her, immer hin und her. Meistens in der Mittagszeit, manchmal vor dem Aufstehen. Heute war es ziemlich früh, sehr früh würd ich sagen …
Abi 48, Abi 95.
Wie sollte man anfangen? Ich möchte Ihnen ein wenig über meine Abizeit erzählen. Ihre kennen Sie ja. Vielleicht eines vornweg: Ich hatte es nicht schwerer und nicht leichter als Sie. Die Abizeit war nur anders. Ich finde, man kann sich besser verstehen, wenn man in andere Verhältnisse hineinsieht. – Legten die überhaupt Wert darauf, mich zu verstehen? Lassen wir das.
– Also, ich erzähl Ihnen etwas über meine Abizeit, und Sie vergleichen das für sich mit Ihrer eigenen. Am besten machen wir das – Blödsinn, dieses wir klingt wie Krankenschwester:
Und jetzt nehmen wir unsere Morgentablette – Also, am besten erfolgt das, also der Vergleich, nach geschlossenen Komplexen wie Wetter, Ernährung, Finanzen, Lehr- und Lernmaterial, Prüfungsfächer, Prüfungszeiten, Prüfungsgebiete, Prüfungsschluß, Berufsaussichten, Berufswünsche, Namen, persönliche Daten.
Jochen schüttete den kleinen, spärlich gefüllten Aschenbecher in den großen, Standort auf dem niedrigen Wandregal unter dem Eichhörnchenpfadfenster, zündete sich eine neue Zigarette an. Das waren 12 Komplexe, bißchen viel, ließen sich auch nicht immer trennen. Draußen klopfte es weiter. Wie sollte man anfangen?
Abi 48 in Bitterfeld. Pelzige Erinnerungsfetzen. Im Juni das Schriftliche, ungefähr Mitte Juli das Mündliche; da lief schon die Berliner Blockade; 14 Tage vor der zweiten Währungsreform, der Giro ging in die entscheidenden Bergetappen, Favorit der vom Papst gesegnete Bartali; Papa Oels (1933 von den Nazis ausgemustert, 1945 nach dem Kriege wieder ausgekramt; Fächer Erdkunde, Geschichte) stimmte ein: Pflegen Sie besonderen Umgang mit Wörtern, die auf -ismus enden, besser, hüten Sie sich vor diesen Begriffen; zwischen den Prüfungen knabberte man Möhren, Karotten, Kohlrabi, die Menge hing von der Größe des Gartens ab, die reinste Kaninchenidylle, man mümmelte und wartete darauf, geschlachtet zu werden; über Stullen verfügten nur zwei, die betreffenden Mütter arbeiteten in einer Fleischerei und in einer Bäckerei; an den Prüfungstagen gab es außerdem die Sokolowski-Brötchen (erstmalige Ausgabe Winter 1946), ideologische Stärkung des künftigen Nachwuchses sozialistischer Garanten des Arbeiter- und Bauernstaates DDR, damals noch SBZ, Zusatzbrot konnte sich kaum einer leisten, zwischen 50 und 200 Mark auf dem Schwarzen Markt je nach Geschäftslage oder Situation: ja, das war alles genauso wichtig wie die Prüfungen selbst.
Langsam wurde es Zeit, etwas anzuziehen. Langsam wurde es Zeit, daß Charlotte und Mücke wieder auftauchten. Langsam wurde es Zeit für das letzte Ferienfrühstück, eventuell mit Bratkartoffeln und Sauer-Scharf-Suppe; keine Möhren, keine Sokolowski-Brötchen. Draußen klopfte es weiter. Was war noch beim Abi 48?
Prüfungsaufsatzthemen: Einheit Deutschlands – eine Lebensnotwendigkeit des deutschen Volkes? Lösungen des Umsiedlerproblems? Vater-Sohn-Problem in der deutschen Literatur / Mathe: Zinseszinsrechnung und binomische Reihe; Ellipse und Differentialrechnung; die dritte Aufgabe war was mit Trigonometrie / Latein: Übersetzung Catalina / Englisch: irgendeine Nacherzählung / Mündlich jeder in drei Fächern, zumindest war's so geplant, Pflichtwahlfach und zwei Fächer, in denen man im Schriftlichen von der Vornote abwich / Prüfungszeiten: 7 Uhr bis 15 Uhr und 16 Uhr bis 21 Uhr / Politreferent der SED beendete die Prüfung, verglich die Zehn Gebote mit Zehn sozialistischen Losungen, die Zehn Gebote kamen dabei nicht gut weg.
Zwischen den Prüfungen: was machte man anschließend? Eine halbe Flasche Wodka oder mehr, nachdem ihn Mutter wütend, beleidigt, Familienehre gekränkt, wegen der nicht erwarteten Gesamtnote angeschrieen und die aufgebauten Kunst-Bücher-Geschenke aus der Vorkriegssammlung in ein Laken gepackt und in den Keller geworfen hatte. Allein nachts durch die Kleinstadt gezogen, im Lober gebadet, Gartentüren ausgehängt. Na, das erzählen wir lieber nicht, obwohl sie da bestimmt zuhörten. Was machte man anschließend? Wer über bürgerliche Herkunft oder akademische Eltern verfügte, hatte keinen Anspruch auf einen Studienplatz. Ja, was haste denn nun vor? Keiner rückte offen heraus. Abwarten, vorsichtiges Lauern. Man kannte sich ziemlich gut, man hatte gelernt, über bestimmte Sachen nicht zu reden, Verhaltensfortsetzung aus der Nazizeit, jeder hatte etwas zu verbergen. Da gab es singuläre Freundschaften aufgrund geographischer Gemeinsamkeiten, da gab es die Ideologienahen, die Fahrschüler, keiner war eindeutig einzuordnen.
Da gab's den langen Detlev, der immer wieder Westberliner Zeitungen hervorkramte; da gab es den Fahrschüler Wolfgang aus Zörbig (Abfahrt 5.35, Rückfahrt 14.35, Zug hatte manchmal Schwierigkeiten, den »Überbau« zu schaffen, weil alle Kraft der Braunkohle nicht ausreichte); da gab es den Karl, wollte schon immer Lehrer werden, fi donc!, stets frisch gewaschen, freute sich meistens ohne Prädilection; da gab es den völlig unterernährten Bernhard, Jahrgang 28, Sudetendeutscher, Vater war hochgestellter Schulamtmann in Böhmen/Mähren gewesen, wurde 45 in Prag vor den Augen seines Sohnes gehängt, Bernhard konnte fliehen – in einer Turnhose, Zwischenheimat mit seiner Mutter in Mühlbeck bei Bitterfeld, jeden Morgen mit einem klapprigen Damenfahrrad abgehetzt in die Schule, stak Sommer wie Winter in einer umgeschneiderten Wehrmachtsjacke, Philosophieexperte; da gab es den umtriebigen Helmut, den Klassenopa, Jahrgang 27, erst Zwickau, dann Berlin, dann Niederschlesien, dann Oberschlesien, Flakeinsatz hinter dem Hydrierwerk Blechhammer, unweit von Auschwitz, kurze Zeit dreitageblitzausgebildeter Fallschirmgrenadier, erlebt Kapitulation in der Nähe von Teplitz-Schönau, landet anschließend in Jeßnitz, dort Kaufmannslehrling, später Bauhilfsarbeiter auf dem Wasserturm in Bobbau, macht die Mittlere Reife, stößt 1946 zur Klasse in Bitterfeld, kümmert sich um keine Vorschriften, hat als einziger an den Prüfungstagen alte Lehrbücher angeschleppt, obwohl seit April 48 nur noch Bücher in die Schule mitgenommen werden durften, die nach 45 in der Ostzone erschienen sind; da gab es Siegfried, rheinlandevakuiert, war nicht mehr dabei, hatte vor dem Abi die Schule verlassen, kurz vor einem Rausschmiß, drei Monate lang nicht die Wohnung seiner Freundin verlassen, sogenannter toller Hecht.
Jochen brach ab. Da war wieder der sanfte, undeutliche Schmerz in der Nasengegend. Das Klopfen im Nachbarsgarten hatte aufgehört. Polly lag im Körbchen und schnaufte. Irgendwas Stickiges und Pelziges im Nacken. Er konnte Siegfrieds Lächeln nicht vergessen, verschlagen, faszinierend, grauenhaft. Sonst fiel ihm zu Siegfried nichts ein. Doch, da war mal was mit einer Katze. Das war ziemlich schlimm damals. Ach, lassen wir das. Die Abirede hat jetzt Vorrang. Nein, Abi 48 taugte nicht für die Abirede 95. Was sollten die Abiturienten davon halten? Sicher saßen sie mehr oder weniger höflich da und dachten, da erzählt mal wieder Opa am Küchentisch von den schönen alten Zeiten. So verhielten sie sich ja ständig in der Kommunikation mit den Großeltern, wenn es um alte Zeiten ging. Es war nicht immer so, daß die Alten nichts sagen wollten. Oft wollten die Jungen nichts hören.
Man sollte sein Versteck nicht verlassen. Weshalb überhaupt diese Vergangenheitsbezüge? Weil er sich erinnern sollte?
Eigentlich hatte er schon immer Appetit auf ehemalige Sachen. Verschiedene Gerichte schmeckten besonders gut, wenn sie aufgekocht waren oder etwas abgestanden, wie Hasenbrote.
Unten klappte die Tür, Mücke flitzte, hechelte die Treppe hoch, ihre Krallen klapperten sanft wie pochende Fingernägel.
»Bin wieder da. Da hat mich ein Typ angesprochen, eigentümlicher Kerl. Das ist sicher die Mücke, hat er gesagt. Ich kenn den gar nicht. Der lächelte in einem fort. War eigentlich mehr ein Grinsen. Hörst du?«
Jochen nickte. Nochmals die Notizen durchsehen. Da muß manches raus. Dürfte die Ärzte nicht interessieren. Sollte sie nicht interessieren. Wenn er bloß wüßte, was sie eigentlich wissen wollten. Dann könnte man sich besser einrichten.
Nachmittags den abgebrochenen Fliederast zerkleinert und die am 26.4. angelegten Saatbeete zweimal gegossen: Kerbel, Schnittlauch, Wurzelsellerie, Pflücksalat, Schnittsalat, Frührettich, Cosmea, Tagetes, Kresse, Kapuziner. Alle Aktionen – wie immer – genau im Gartenbuch vermerkt.
Am Abend und nachts Arbeit an der Unterrichtsverteilung, Terminfestsetzungen, Notizen jedweder Art, Finanzkontrolle; begleitend Fernsehen, Radio, Platten, Kaffee, Zigaretten, trockenes Brot, zum Schluß ein Bier. Bis auf das Bier alles ziemlich parallel. Manches wiederholte sich: