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Liebe, Vertrauen und ein Hotel voller Geheimnisse
Der mitreißende Liebesroman über einen Traum, der alles verändert
In einem Künstlerviertel Londons erfüllt sich Alix einen langersehnten Wunsch und eröffnet ein außergewöhnliches Hotel: Mit lediglich drei Zimmern, die stundenweise vermietet werden, setzt sie auf ein einzigartiges Konzept. So lockt es auch den reichen Geschäftsmann Colton an, der regelmäßig eine Suite bei ihr bucht. Alix ist gleichermaßen verwirrt und fasziniert von ihm. Warum entscheidet sich jemand wie er für ein diskretes Hotel für Seitensprünge, ohne je eine Begleitung mitzubringen? Nach und nach lernt Alix den geheimnisvollen Hotelgast besser kennen und es entwickelt sich eine fesselnde Anziehung zwischen ihnen. Doch dann steht plötzlich Alix‘ Existenz auf dem Spiel und ausgerechnet Colton scheint derjenige zu sein, der ihr helfen kann, wieder Ordnung ins Chaos zu bringen …
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen Titels Liebe all inclusive
Erste Leser:innenstimmen
„Dieser Liebesroman hat einfach alles: Humor, Liebe, Leidenschaft und Spannung.“
„Alix durch ihr emotionales Chaos zu begleiten, war sehr unterhaltsam und aufwühlend zugleich.“
„Eine romantische Millionaire Romance, in der sich alles um ein besonderes kleines Hotel dreht.“
„Prickelnd, berührend und aufregend – ein großes Lesevergnügen!“
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2024
In einem Künstlerviertel Londons erfüllt sich Alix einen langersehnten Wunsch und eröffnet ein außergewöhnliches Hotel: Mit lediglich drei Zimmern, die stundenweise vermietet werden, setzt sie auf ein einzigartiges Konzept. So lockt es auch den reichen Geschäftsmann Colton an, der regelmäßig eine Suite bei ihr bucht. Alix ist gleichermaßen verwirrt und fasziniert von ihm. Warum entscheidet sich jemand wie er für ein diskretes Hotel für Seitensprünge, ohne je eine Begleitung mitzubringen? Nach und nach lernt Alix den geheimnisvollen Hotelgast besser kennen und es entwickelt sich eine fesselnde Anziehung zwischen ihnen. Doch dann steht plötzlich Alix‘ Existenz auf dem Spiel und ausgerechnet Colton scheint derjenige zu sein, der ihr helfen kann, wieder Ordnung ins Chaos zu bringen …
Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits erschienenen TitelsLiebe all inclusive
Überarbeitete Neuausgabe Januar 2024
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98778-930-4 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98778-926-7 Hörbuch-ISBN: 978-3-98778-966-3
Copyright © 2021, dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Dies ist eine überarbeitete Neuausgabe des bereits 2021 bei dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH erschienenen Titels Liebe all inclusive (ISBN: 978-3-96817-514-0).
Covergestaltung: Herzkontur – Buchcover & Mediendesign unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Thomas Ramsauer depositphotos: © feedough Lektorat: Astrid Rahlfs
E-Book-Version 03.02.2025, 16:54:55.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Liebe, Vertrauen und ein Hotel voller Geheimnisse Der mitreißende Liebesroman über einen Traum, der alles verändert
Für Aline, die kein verletztes Katzenbaby aus einem Abwasserkanal gezogen und sich dabei auch nicht die Hand verletzt hat. Danke für die Inspiration.
Liebe Leser:innen,
schön, dass ihr euch für „Check-in for love“ und damit für einen Besuch im erlebnisreichen Seitensprunghotel entschieden habt. Herzlich willkommen im „Three Rooms“, dem ausgefallenen Hotel, in dem sämtliche Unterkunftsbedürfnisse erfüllt werden.
Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt und vergnügliche Lesestunden und hoffen, dass ihr uns nach eurem Besuch mit Freude weiterempfehlt. Über eine positive Hotelbewertung, in Form einer Rezension, würden wir uns freuen.
M.L. Busch & das „Three Rooms“
Obwohl Alix gerade den dritten Schokoladenriegel mit einem halben Liter Cola hinuntergespült hatte, fühlte sie sich nur minimal besser. Wenigstens war ihr Heißhunger auf Zucker damit kurzzeitig gestillt. Bedauerlicherweise dauerte es bei solchen Aussetzern nicht lange, bis sich das schlechte Gewissen einstellte. Bevor sie weiter über das ungesunde Essen, das sie gerade zu sich genommen hatte, nachdenken konnte, griff sie nach der Vitamin C-Packung, die neben der Computertastatur lag. Eilig drückte sie gleich drei Tabletten aus dem Streifen. Mit einem Rest Cola schluckte sie die Dinger hinunter. Bestimmt würde das Vitamin C ihr Gewissen nicht vollständig in Schach halten. Aber eine Frau musste sich zu helfen wissen, wenn mal wieder einer dieser Tage anstand.
Alix war gelernte Hotelfachfrau und arbeitete gefühlt rund um die Uhr. Sie war Empfangsdame, Nachtportier, Zimmerkellnerin und zu guter Letzt war sie auch für das Gepäck der wenigen Hotelgäste verantwortlich, wenn sie denn welches hatten. Lediglich den Job als Tellerwäscher und Zimmermädchen erledigte Eddie, die Aushilfskraft, der einmal täglich für ein paar Stunden kam.
An diesem Montagmorgen erwartete sie zwei Gäste, die jeden Augenblick eintreffen konnten. Die Zimmer waren beide für zehn Uhr reserviert worden. Mr „Ich-bin-schön-prominent-und-berühmt“ hatte sich heute für den Purpursalon entschieden und der aufgeplusterte Geschäftsmann bevorzugte wie so oft das Waldzimmer mit der schönen Aussicht und den mediterranen Klängen.
Die Möchtegernberühmtheit würde drei Stunden bleiben und mindestens zwei Frauen dabeihaben. Der schweigsame Anzugträger reservierte seine Räumlichkeiten stets den ganzen Tag, auch wenn er nur ein paar Stunden blieb. Offenbar spielte Geld für ihn keine Rolle.
Das Three Rooms war im weitesten Sinne ein Seitensprunghotel, welches Alix gehörte und ihre Haupteinnahmequelle darstellte. Das zweistöckige Gebäude, auf dem gleich zwei Hypotheken lagen, befand sich in Shoreditch, einem hippen und sehr angesagten Stadtteil von London, und hatte einen makellosen Ruf.
Es gab im Three Rooms – wie der Name schon sagt – lediglich drei Räumlichkeiten, alle mit Bad und kleiner Küche ausgestattet. Da Alix bestrebt war, die Zimmer mehrmals täglich anzubieten, verlangte sie für einen Tag samt Übernachtung eine unerhört hohe Summe. Seit der reiche Geschäftsmann ihr Konzept mit seinen ständigen 24-Stunden-Buchungen ruiniert hatte, hatte sie den Preis allein für ihn schon dreimal angehoben. Es half nichts. Er blieb hartnäckig und kam ständig wieder. Eine Frau ‒ es war immer die gleiche, meist mit Aktentasche und Hosenanzug ‒ brachte er nur äußerst selten mit.
Alix hatte sich schon oft gefragt, was er in dem Zimmer, das einem ruhigen Waldplatz nachempfunden war, trieb. Denn keiner übernachtete in einem Seitensprunghotel, weil die Getränke der Minibar bei einer Tagesbuchung kostenlos waren. Auch das im Preis inbegriffene Essen, das sie beim Lieferservice bestellte, aß er höchst selten. Es wunderte sie nicht wirklich. Sein Äußeres ließ darauf schließen, dass er weitaus besseres als Pizza und Pasta gewohnt war. Alix konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum er ins Three Rooms kam. Höchstwahrscheinlich war er nur ein arbeitswütiger Singlemann mit Waldfetisch.
In den letzten zwei Jahren ihrer Selbstständigkeit hatte sie die Kundschaft, die bei ihr ein Zimmer reservierte, studieren und ein Gefühl für sie entwickeln können. Natürlich wusste sie es nicht mit Sicherheit, aber ihrer Vermutung nach befanden sich nur sehr wenige Ehebrecher unter den männlichen Hotelgästen.
Das Three Rooms wurde von den unterschiedlichsten Leuten besucht. Auch Frauen kamen mit großem Interesse und buchten sich eine Auszeit vom tagtäglichen Stress.
Eine alleinerziehende Mutter von vier kleinen Kindern kam immer mittwochs vormittags, sobald sie ihre Blagen los war und reservierte sich den Purpursalon für zwei Stunden. Das Zimmer besaß eine runde Badewanne mit Massagedüsen. Die Benutzung der unzähligen Duftkerzen und Badeöle war natürlich im Zimmerpreis inbegriffen. Außerdem gab es superflauschige Handtücher, die nach Lavendel rochen. Nur das Beste für die Gäste.
Alix musste jedes Mal schmunzeln, wenn die ausgeruhte Mutter nach zwei Stunden gut duftend und wunderbar entspannt mit ihrem Buch unter dem Arm abzog. Warum auch nicht? Hier hatte sie mehr Privatsphäre als in jedem Wellnesstempel, in den sie gehen konnte.
Leiser Tumult am Eingang ließ Alix hochschauen. Die Modelberühmtheit war im Anmarsch und hatte diesmal sogar drei Paparazzi an den Hacken. Beim letzten Mal war es nur einer gewesen. Busenwunder eins ging an seiner rechten Seite und Busenwunder zwei schmückte seine linke. Alle drei lächelten und machten hübsche Gesichter für die Fotografen, die nicht ganz so interessiert schienen wie die Modelberühmtheit es gerne gehabt hätte.
Dass Jason Toms ein gefragtes Männermodel war, wusste Alix, weil er ihr das erzählt hatte. Brühwarm und nicht nur einmal. Wenn sie ihn reden hörte, konnte man glatt glauben, er würde demnächst für die Wahl zum „Modelmann des Jahres“ kandidieren. Alix bezweifelte das.
Sie reckte das Kinn und starrte durch die verglaste Eingangstür nach draußen. Bestimmt würde Jason sich für die Paparazzi etwas einfallen lassen. Der Frauenschwarm war erfinderisch und bot seinen treuen Fans stets eine gute Show. Letzten Monat war es ein wenig geschickter Nippelblitzer seiner ständig wechselnden Begleitung gewesen. Neugierig verfolgte Alix das Treiben vor dem Hotel. Was es wohl diesmal zu sehen geben würde?
Auch wenn Jason Toms eindeutig ein zu großes Ego besaß, mochte sie den Casanova irgendwie. Sie kaufte ihm nicht eine Sekunde lang ab, dass er auf flotte Dreier stand, wie er alle glauben lassen wollte. Er war unglaublich nett, außerdem sorgte er stets dafür, dass seine Beliebtheit auch für sie Profit abwarf. Seit er das Three Rooms in regelmäßigen Abständen besuchte, hatten sich ihre Follower in den sozialen Netzwerken verdoppelt. Kein Wunder, wenn man bedachte, welchen Wirbel er bei jedem Kommen veranstaltete. Das ein oder andere Foto ihres kleinen aber feinen Hotels war so bereits mehrere tausend Mal geliked worden. Natürlich auch aus dem Grund, weil Jason sie freundlicherweise verlinkt hatte.
Sie kam nicht dazu, ihre Neugier zu befriedigen, da Gast Nummer zwei – der reiche Anzugträger – sich räusperte und nach Aufmerksamkeit verlangte. Colton West tippte ungeduldig mit seinem Autoschlüssel auf den Tresen, als würde er schon lange warten.
Alix war verwirrt. Wo kam er so plötzlich her? Wie war er hereingekommen? Hatte er den Hintereingang benutzt?
Dass Hotelgäste über den Notausgang ein- und ausgingen, war nicht üblich und hatte bei seinem letzten Besuch eine einmalige Ausnahme bleiben sollen. Wegen eines defekten Türscharniers hatte sie Mr West angeboten, das Hotel durch den hinteren Zugang zu verlassen. Offensichtlich fühlte er sich jetzt berechtigt, immer diese Abkürzung einzuschlagen.
„Guten Morgen, Mr West“, begrüßte sie ihn höflich und griff nach dem Schlüssel, an dem ein grüner Baumanhänger aus Holz baumelte. „Es wäre schön, wenn Sie demnächst wieder durch den vorderen Eingang kommen würden.“ Sie schob ihm den Schlüssel zu. „Auch wenn der Weg vom Parkplatz über den Hintereingang kürzer ist, bleibt er in der Regel allein den Angestellten des Hotels vorbehalten.“ Dass Eddie ihr einziger Angestellter war, behielt sie für sich.
Die Miene ihres Gastes zeigte kaum eine Regung. Nur ein Mundwinkel bewegte sich minimal. Wie immer trug er einen dunklen Anzug und eine akkurat gebundene Krawatte. „Ich benutze mit Vorliebe den Haupteingang, Ms Harrison, wenn er denn passierbar ist.“
Hä?
Wollte er sich über sie lustig machen? Das Scharnier war längst repariert. Der Handwerker hatte noch am selben Tag alles erledigt. Es gab keinen Grund, sich zu beschweren.
Verunsichert blickte Alix zum Eingang. Wo blieben Jason und seine Busenwunder überhaupt? War doch etwas mit der Tür nicht in Ordnung?
Ach du grüne Neune!
Alix klappte der Mund auf. Das Männermodel stellte vor ihren Augen und denen der Paparazzi seinen Bizeps unter Beweis, indem er versuchte, zwei Frauen gleichzeitig über die Schwelle zu tragen. Alle lachten und machten verrückte Posen für die Boulevardpresse. Am Ende nahm er das Blondchen huckepack und klemmte sich die Rothaarige unter den Arm. Es sah merkwürdig und für alle Beteiligten unbequem aus. Außerdem blockierte er mit der Zirkusnummer den kompletten Zugang zum Hotel. Sogar der Bürgersteig war wegen der Paparazzi kaum passierbar. Kein Wunder, dass West den Hintereingang gewählt hatte. Sie hätte es genauso gemacht.
„Es tut mir leid“, wandte sie sich an ihren Gast. „Bitte entschuldigen Sie.“ Alix deutete mit dem Kinn nach vorn. „Das Spektakel war nicht geplant.“ Wenn sie nicht bald versuchte, Jasons Ausgelassenheit unter Kontrolle zu bekommen, würden seine Besuche auf lange Sicht verlustbringend enden. Das musste sie unbedingt verhindern. Sie hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Neue Follower hin oder her.
Colton West steckte den Schlüssel ein und griff nach seinem Aktenkoffer, den er abgestellt hatte. Er warf einen wenig unauffälligen Blick auf das Schreibtischchaos, das sich völlig selbstständig neben ihrer Computertastatur ausgebreitet hatte und fing an zu grinsen. Verdammt, der Mann sah aus wie ein wahrgewordener Traum, wenn er seine Grübchen spielen ließ. Der leichte Bartschatten, den er eher selten trug, ließ ihn zudem wunderbar verführerisch wirken. Zum Anbeißen.
„PMS?“, fragte er und deutete auf die Schokoriegelverpackungen und die leere Flasche Cola. Dabei grinste er noch offensichtlicher, fast schon unverschämt.
Was? Frechheit!
Hatte er das wirklich gefragt? Alix’ Schlagfertigkeit blieb ihr im Halse stecken. Leider.
Was wussten Männer schon von den monatlichen Beschwerden und Unpässlichkeiten einer Frau? Gar nichts!
Bevor Alix etwas antworten konnte, zwinkerte er ihr zu und ließ sie im Anmeldebereich zurück. Als Dauergast kannte er natürlich den Weg und fühlte sich wie zu Hause.
Arrrgh.
Leider kam sie nicht dazu, ihm einen schlagfertigen Kommentar hinterherzurufen, weil Jason gerade seine Gespielinnen hereintrug und japsend nach dem Schlüssel verlangte. Offenbar wollte der verrückte Kerl die Frauen bis ins Bett tragen. Teufel auch! Alix musste einfach lachen, weil sich bereits erste Schweißtropfen auf seiner Oberlippe gebildet hatten. Anscheinend ließ die Fitness von Mr Supermodel zu wünschen übrig. Also doch nix mit „Modelmann des Jahres“.
Heute würde sie den Frauenhelden mit der Show, die sich von Mal zu Mal steigerte, durchkommen lassen.
Ausnahmsweise. Ein letztes Mal.
Als Alix keine Stunde später den Geruch von Zigarettenqualm wahrnahm, war es an der Zeit, Jason Toms ein paar Grenzen aufzuzeigen. Das Three Rooms war ein reines Nichtraucherhotel. Das galt auch für solche Spaßvögel wie ihn.
Der Nase folgend landete sie, wie sie vermutet hatte, vor dem Purpursalon. Sie klopfte und wenig später öffnete Jason ihr mit freiem Oberkörper und einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen die Tür. Leises Gekicher ließ Alix vermuten, dass seine Gespielinnen im Bett lagen.
„Lass mich raten“, er zeigte ihr die Kippe zwischen seinen Fingern, „du bist gekommen, um mir die Zigarette danach zu verwehren.“
Zigarette danach?
Beinahe hätte Alix laut gelacht. Glaubte dieser Supermacho wirklich, sie hätte so wenig Erfahrung in der Branche? Männer die kamen, um eine schnelle Nummer zu schieben, verhielten sich nicht wie Jason.
Sie unterdrückte ein Seufzen und begnügte sich mit einem minimalen Kopfschütteln. „Genau.“
Wenn er Wert darauf legte, spielte sie seine Spielchen eben mit. Der Kunde war schließlich König. Irgendwann würde sie herausfinden, warum er sich so viel Mühe gab, eine falsche Vorstellung zu erwecken.
„Dies ist ein Nichtraucherhotel“, informierte sie ihn. „Keine Zigaretten. Auch keine nach einem flotten Dreier.“ Na bitte. Bei dem Wort Dreier fing er gleich an zu strahlen. Das war es, was er hatte hören wollen. Ihr außerordentliches Gespür für besondere Gäste bestätigte sich mal wieder.
„Spielverderberin.“ Ihr Gegenüber zog ein letztes Mal am Glimmstängel und marschierte anschließend ins Badezimmer. Sie hörte Wasser rauschen und danach Jasons Stimme. „Erledigt. Ich hab sie ertränkt. Du kannst wieder durchatmen.“
Verrückter Kerl. „Danke.“
Schnell schloss sie die Tür, bevor sich Jason noch animiert fühlte, ihr in seinem Übermut zu beweisen, was für ein starker und potenter Mann er war.
Als Alix an den Anmeldebereich zurückkam, wartete ihr Bruder auf sie. Eindeutig ein Zeichen für Ärger. Dieser Montag schien aber auch von allem etwas parat zu haben.
„Hey“, begrüßte sie ihn reserviert und setzte sich zurück hinter den Tresen an ihren Schreibtisch.
Charly war deutlich größer als sie, hatte breite Schultern, eine schlanke Taille und die gleichen blauen Augen, die sie auch hatte. Die Beziehung zu ihrem kleinen Bruder war kompliziert und wurde ständig schwieriger. Früher hatten sie sich gut verstanden und sogar Gemeinsamkeiten geteilt. Aber das war lange bevor sie das Elternhaus verlassen hatten und nach London gezogen waren.
„Was treibt dich her?“, fragte sie argwöhnisch.
Alix ahnte nichts Gutes und wollte die Antwort eigentlich gar nicht hören. Es würde ihr nicht gefallen, was Charly zu sagen hatte. Sie war sich nicht sicher, aber seine erweiterten Pupillen ließen darauf schließen, dass er irgendetwas genommen hatte. Bis zum letzten Jahr war nur Alkohol sein großes Laster gewesen, aber nun schien noch ein weiteres Problem hinzugekommen zu sein. Es machte sie traurig, ein Familienmitglied in einem solchen Zustand zu sehen. Leider wusste sie nicht mal im Ansatz, wie sie ihm helfen sollte.
„Ich brauche ein Zimmer zum Pennen“, informierte er sie und grinste übertrieben. „Und da dachte ich, ich besuche mal meine fürsorgliche Schwester, die so ein hippes Hotel führt.“ Er taumelte leicht nach links und hielt sich an der Kante des Tresens fest. Anscheinend war er nicht nur high, sondern auch betrunken. Schlechte Kombination.
„Verdammt, Charly, es ist nicht mal Mittag. An einem Montag. Warum bist du nicht auf der Arbeit?“
„Wurde entlassen“, säuselte er, „schon letzte Woche.“ Sein Blick ging wild umher, als könnte er sich nicht auf einen Punkt konzentrieren. „Egal. War eh ein Scheißladen. Ohne den Job kann ich besser feiern und Party machen.“ Seine Miene verzog sich, wurde anmaßend. „Aber davon hast du natürlich keine Ahnung. Du bist immer brav und strebsam und möchtest mit deinem lächerlichen Minihotel“, er machte eine Kreisbewegung mit der Hand um den überschaubaren Anmeldebereich, „ein Vermögen verdienen.“ Er lachte und es klang hässlich. „Mit drei Zimmern. Welches Hotel hat denn nur drei Zimmer? Damit kann man doch kein Geld verdienen.“
Alix spürte Enttäuschung und Schmerz in sich aufsteigen. Ihr Bruder war momentan nicht zurechnungsfähig, versuchte sie ihn zu entschuldigen. Aber trotzdem verletzten sie seine Worte. Es waren dieselben, die ihre Eltern gebraucht hatten, um ihr die ungewöhnliche Idee auszureden. Zugegeben, es war nicht leicht und sie war bis über beide Ohren verschuldet, aber sie hielt sich über Wasser und hatte Spaß an ihrer Arbeit. Außerdem ermöglichte ihr die viele Zeit, die sie an der Anmeldung saß, ihren zweiten Job zu erledigen. Neben dem Hotel arbeitete sie freiberuflich als Webdesignerin. Sie hatte ihr Leben im Griff, Charly nicht.
„Geh nach Hause, Charly. Schlaf deinen Rausch aus.“ Sie deutete auf die Tür, was gleich eine nächste Lachattacke bei ihm auslöste.
„Geht nicht.“ Er beugte sich über den Tresen und blies ihr seine Alkoholfahne ins Gesicht. „Überraschung! Sie haben mich rausgeworfen. Kannst du dir das vorstellen? Ich besorge das Zeug, um richtig fett zu feiern und dann werfen meine verfickten Freunde mich aus der WG, nur weil ich in die Küche gekotzt habe.“
Oh Gott!
Hoffentlich hatten seine Mitbewohner ihn nicht dauerhaft rausgeworfen. In dem Fall würde er bei ihr unterkommen wollen. Das konnte nur in einer Katastrophe enden. Sie würde mit ihm darüber reden müssen, sobald er nüchtern war. Jetzt hatte das wenig Sinn. Alix gab sich einen Ruck. Er war schließlich ihr Bruder.
„Ich habe ein freies Zimmer für dich.“ Eigentlich erwartete sie in zwei Stunden Gäste, aber sie würde anrufen und behaupten, es gäbe einen Wasserschaden. Damit würde sie zwar die Einnahmen für einen ganzen Tag verlieren, aber sie konnte ihren Bruder in dem Zustand schlecht sich selbst überlassen. „Komm, ich helfe dir. Du musst aus den Klamotten raus und dich waschen.“ Erst jetzt nahm sie den Geruch von Erbrochenem wahr.
Charly klopfte mit der Handfläche auf den Tresen und lächelte selig. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Alexandra.“ Er setzte sich in Bewegung und schwankte. „Du bist meine große Schwester.“ Er legte ihr einen Arm um die Schulter, als sie neben ihm auftauchte, um ihn zu stützen. „Meine Schwester ist immer für mich da, wusstest du das?“
Das wusste Alix nur zu gut.
Eine weitere Stunde später war es an der Zeit, Mr West sein Essen zu bestellen und den Purpursalon für das nächste Gästepaar herzurichten. Da Eddie heute nicht kommen würde, um ihr beim Zimmerservice zur Hand zu gehen, musste Alix das selbst übernehmen. In einem Hotel wie ihrem war Sauberkeit das oberste Gebot. Keiner wollte in einem Seitensprunghotel irgendwelche Spuren oder Rückstände von anderen Gästen vorfinden. Das war ein absolutes No-Go. Aus dem Grund wurden nicht nur Bettwäsche und Handtücher gewechselt, sobald ein Paar ausgecheckt hatte, auch das Badezimmer musste nach der Reinigung desinfiziert werden. Vielleicht war Alix in dem Bereich ein bisschen pingelig, aber da sie sich selbst vor einzelnen Haaren anderer Leute ekelte, legte sie besonderen Wert auf akribische Sauberkeit. Die vielen positiven Bewertungen, die ihr kleines Hotel auf den unterschiedlichsten Portalen einheimste, bewiesen, dass sich die Mühe lohnte.
Mit Gummihandschuhen und weniger Elan als gewöhnlich stellte sie sich dem Chaos, das Jason Toms und seine Freundinnen hinterlassen hatten.
Verdammte Supermodels! Beim nächsten Mal würde sie einen Aufschlag für die anschließende Säuberung verlangen. Was hatten die drei nur im Badezimmer veranstaltet? Die runde Badewanne mit den Massagedüsen war voller Farbe. Rot, Blau und ein senfähnliches Gelb zogen sich über den Wannenrand und die Wandfliesen. Auf dem Boden war ein Fußabdruck in grellpink und die Armaturen waren mit lila Sprenkeln übersäht. Wenn diese Schweinerei nicht mit Wasser und Seife wegzuwischen war, würde sie Jason die Hölle heiß machen und ihn anschließend kastrieren. Vor der nächsten Buchung war ein Gespräch fällig. Aber so was von.
Farbspuren in der Menge ließen darauf schließen, dass Toms das Badezimmer benutzt hatte, um Körper zu bemalen. Welche Körper, das war nicht schwer zu erraten. Auf den Brüsten seiner Spielkameradinnen hätten ganze Landschaften oder Stillleben Platz gefunden.
Alix griff nach der Brause und stellte das Wasser an.
Dem Himmel sei Dank! Die Schmierereien ließen sich leicht und mit wenig Mühe abwaschen. Die Farbreste mischten sich in der Wanne, sodass eine braune, wenig appetitliche Brühe entstand, die wenig später im Abfluss verschwand. Wenigstens etwas Gutes.
Ein Blick in den Badezimmermülleimer verriet ihr, dass Jason wie bei jedem Besuch leere Kondomverpackungen zurückgelassen hatte. Heute waren es sogar drei.
Alix musste lachen. Glaubte der Macho wirklich, sie würde ihm das abkaufen? Er musste ungeahnte Höhenflüge durchlitten haben. Welcher Mann konnte in so kurzer Zeit zweimal nachladen? Das war lächerlich.
Immer noch mit einem Schmunzeln auf den Lippen drehte sie sich um und sah Colton West im Türrahmen stehen. Offensichtlich hatte er sie gesucht und nicht an der Anmeldung vorgefunden. Warum hatte er nicht auf sie gewartet oder die Klingel, die für solche Fälle auf dem Tresen stand, gedrückt? Ihrer Meinung nach fühlte sich der geheimnisvolle Dauergast in letzter Zeit ein bisschen zu sehr wie zu Hause. Er war wie ein herrenloses Hündchen, das ihr ständig nachlief und Aufmerksamkeit verlangte.
„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte sie höflich, obwohl ihr nicht der Sinn danach stand, ihm bei irgendetwas zu helfen. Mit der frechen Bemerkung über PMS hatte er bei weitem keine Bonuspunkte gesammelt.
„Hat Eddie heute frei?“ Er deutete auf ihre wenig eleganten Gummihandschuhe, die ihr viel zu groß waren und grinste herausfordernd.
Hä?
Woher kannte er Eddie? Ihr einziger Angestellter sollte keine Freundschaften mit den Gästen schließen. Dafür war er nicht da. Eddie sollte seinen Job erledigen und keine unnötigen Schwätzchen halten. Noch jemand, mit dem sie in naher Zukunft reden musste.
Streitsucht kochte in ihr hoch und ließ den Unmut über diesen grottenschrecklichen Montag weiter anschwellen. Verdammte Hormone. Die Tage vor den Tagen waren eine Katastrophe.
„Entschuldigung, aber das geht Sie eigentlich nichts an. Eddie arbeitet nur in Teilzeit für das Three Rooms. Sie müssen heute mit mir vorliebnehmen.“
Vielleicht nahm sie seine PMS-Bemerkung doch mehr mit, als sie vermutet hatte. Sie spürte, wie sich wenig vorteilhafte Schweißtropfen über ihrer Oberlippe und auf der Stirn bildeten. Jason hatte die Heizung hochgedreht, weswegen nicht nur im Badezimmer saunaähnliche Temperaturen herrschten.
„Der Glückskeks fehlt“, informierte sie ihr Gast, ohne ihrem wenig freundlichen Kommentar Beachtung zu schenken.
Was? Hatte sie sich verhört?
„Wie bitte?“ Alix näherte sich diesem sonderbaren Individuum. Vielleicht schlug ihr die schlechte Laune auf die Ohren. Möglich konnte schließlich alles sein.
„Mein Glückskeks … er ist nicht in der Tüte vom Lieferservice.“ West hob die Transportbox vom Chinaimbiss an und deutete auf das Logo, als wäre sie schwer von Kapee. „Sehen Sie? Da hätte ein Keks drin sein müssen.“
Wollte er sie zur Weißglut treiben? Absichtlich?
Alix sah ihn einen Moment lang in fassungslosem Unglauben an. Sein Gesichtsausdruck verriet nicht, was er dachte. Unbestreitbar meinte dieser versnobte Anzugträger das ernst. Alix wusste nicht, was sie sagen sollte. Erfahrungsgemäß rührte er das Essen, was sie für ihn bestellte, gar nicht an. Und heute? Heute, wo Eddie nicht da war, verlangte er nach einem bescheuerten Glückskeks! Nicht zu glauben. Das Fass war bis zum Überlaufen voll.
Dem Siedepunkt nahe, zog sie sich die Gummihandschuhe von den Händen und ging zu dem kleinen Schreibtisch in der Ecke des Zimmers. Sie nahm den Stift und schrieb etwas auf den Notizblock, der neben dem Telefon lag.
Bringen Sie das Putzteufelchen nicht auf die Palme, indem Sie es nach einem Glückskeks fragen. (Weisheit des Three Rooms)
Fachmännisch, als wäre sie in einem früheren Leben Glückskekshersteller gewesen, faltete sie den Spruch und reichte den Zettel an ihn weiter.
„Bitteschön. Ihr Glückskeksspruch. Heute ohne Kekshülle.“
Zufriedenheit erfüllte sie und umschloss sie wie eine warme Decke. Da sollte noch mal einer sagen, die Gäste würden ihr nicht am Herzen liegen. Wenn es möglich war, erfüllte sie jeden Wunsch. Auch verrückte, welche nicht nachzuvollziehen waren.
Womöglich hatte sie den Glückskeksliebhaber mit ihrer Ungezogenheit endgültig vergrault. Auch egal. Wenn er nicht wiederkam, würde ihr Hotel das überleben. Dann konnte sie das Waldzimmer an allen Tagen mehrmals vermieten. Das brachte sowieso mehr Geld in die Kasse.
Mr West faltete den Zettel auseinander. Anders als erwartet, verzog sich sein Mund zu einem charmanten Schmunzeln, samt Funkeln in den Augen. Warum sah bei ihm jedes noch so kleine Lächeln gut aus? Das war nicht fair.
Fand er ihr Geschreibsel etwa witzig? Es war nicht witzig gemeint. Nur das mit der Weisheit vielleicht.
Ihre Laune war wirklich unterirdisch schlecht. Am besten, sie sagte heute gar nichts mehr. Meist konnte sie sich selbst nicht leiden, wenn sie dermaßen kratzbürstig drauf war.
„Sie erinnern mich an meine kleine Schwester.“ Der glückselige Ausdruck in seinem Blick verschwand. „Der Spruch hätte auch von ihr stammen können.“ Er tippte mit dem Finger auf die Schrift und schien plötzlich in Gedanken versunken. Eine gewisse Schwermut umgab ihn von jetzt auf gleich.
Ihn so bekümmert zu sehen, die Niedergeschlagenheit zu spüren, ließ Alix’ Frust und den Unmut verrauchen.
„Gerne dürfen Sie mein Hotel ihrer Schwester weiterempfehlen“, sagte sie, weil die Situation irgendwie unangenehm war. Rasch zog sie die Putzhandschuhe wieder über. Sie war noch lange nicht fertig und sollte sich besser beeilen. Die nächsten Gäste würden in dreißig Minuten eintreffen.
„Danke für die humorvolle und sehr originelle Zurechtweisung. Ich habe verstanden.“ West sah aus, als hätte er wirklich verstanden. Alix bezweifelte das. „Sie sind anders, als die Leute, die mich für gewöhnlich umgeben. Bitte entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit.“
Wo kam das plötzlich her?
War das eine Beleidigung oder ein Kompliment? In jedem Fall eine Entschuldigung. Der Mann war ihr in vieler Hinsicht ein Rätsel.
Mit einem Nicken ließ er sie stehen und verschwand den Gang hinunter. Seine Schultern schienen ein Stück nach unten gesackt zu sein.
Verdammt! Gewissensbisse quälten sie. Hatte sie wirklich so unfreundlich sein müssen?
Alix schwor sich, beim nächsten Mal einen richtigen Glückskeks für ihn parat zu haben. Die Gedanken an seine kleine Schwester schienen ihn traurig gestimmt zu haben. Vielleicht war sie gestorben oder ihr war etwas anderes Schlimmes zugestoßen.
Alix sah auf die Uhr. Sie musste sich sputen und hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken.
Der Dienstagmorgen startete vergleichsweise ruhig. Alix saß am Tresen hinter ihrem Computer und probierte einige Farbkonzepte für eine Webseite aus. Der Kunde, ein kleines Elektro-Unternehmen, bevorzugte einen klassischen Stil und klare Linien. Alix gähnte auf den Bildschirm starrend und betete für eine zündende Idee, die nicht total langweilig aussah.
„Guten Morgen.“ Colton West stand plötzlich vor ihr und legte den Schlüssel mit dem Baumanhänger auf den Tresen. Alix hatte ihn gar nicht kommen hören. Mal wieder. Der Mann konnte sich anscheinend lautlos bewegen.
„Guten Morgen“, erwiderte sie steif und setzte sich aufrechter. Augenblicklich war sie auf der Hut. Würde er ihr den Spruch oder ihre aufmüpfige Art von gestern übelnehmen? Im Nachhinein betrachtet war es ein dummes und sehr kindisches Verhalten gewesen. Alix wusste auch nicht, warum sie sich dazu hatte verleiten lassen.
„Möchten Sie noch einen Kaffee, bevor Sie auschecken?“ Sie sah erst auf seine wie immer straff gebundene Krawatte und anschließend auf den Aktenkoffer in seiner Hand. „Vielleicht einen zum Mitnehmen?“
Die Idee war ihr spontan gekommen. Frühstück gehörte nicht zu einer Buchung im Three Rooms. Aber weil sie einen ausgezeichneten Kaffeevollautomaten besaß, wäre sie bereit, das Gerät heute Morgen mit ihm zu teilen. Quasi als Friedensangebot.
Ihren Gast schien die Frage zu amüsieren. „Ist das ein Versuch, sich zu entschuldigen?“
Autsch!
Hatte sie ihm noch nie einen Kaffee angeboten? Vermutlich war sie lange nicht so nett, wie sie selbst von sich dachte. In Zukunft würde sie mehr darauf achten.
Alix kratzte sich am Kinn. „Zu offensichtlich?“ Sie legte den Kopf schief und verzog das Gesicht, in der Hoffnung, dass ihr Charme ihn milde stimmen würde.
Er zuckte mit den Schultern. „Ein bisschen.“
„Dann vergessen Sie mein Angebot.“ Sie winkte ab. „Sie hatten den Spruch verdient. Wer besteht schon auf einen verdammten Glückskeks? Das ist lächerlich.“ Ihr Mundwinkel begann unkontrolliert zu zucken.
Colton West trat näher heran und legte sogar beide Unterarme auf den Tresen. Er beugte sich ein Stück vor und wenn Alix es nicht besser gewusst hätte, hätte sie vermutet, der neugierige Kerl wollte auf ihren Monitor sehen.
„Ist Ihnen je der Gedanke gekommen, dass dies ein Test war?“ Seine Stimme klang butterweich, fast schon geheimnisvoll.
Was?
Alix blieb die Luft weg. Sie klappte den Mund auf und schloss in wieder, als sie merkte, dass sie darauf nichts zu erwidern hatte.
Ein Test?
Warum sollte sie jemand testen? Ihre Gedanken überschlugen sich, nahmen Fahrt auf und ließen einen Eisklotz in ihrer Brust entstehen. Steckte hinter Wests Aufenthalten im Three Rooms ein Plan mit Hintergedanken? Wollte er ihrem Hotel einen Preis oder eine Auszeichnung verleihen? Sie auf Herz und Nieren prüfen? Das würde zumindest die ständigen Tagesbuchungen erklären. Oder kam er vom Gesundheitsamt, um die Sauberkeit zu kontrollieren?
Alix spürte, wie ihr Gesicht an Farbe verlor und ihr Herzschlag sich beschleunigte. Hatte ihr vorlautes Mundwerk sie frühzeitig ruiniert? Warum hatte sie sich gestern nicht zurückgehalten? Sie hatte einem ihrer Gäste einen unpassenden Spruch serviert und würde nun für ihre Gedankenlosigkeit bezahlen. Verdammt! Daran war nur das verfluchte PMS schuld.
„Ms Harrison?“ Eine Hand berührte ihren Arm, was Alix zusammenzucken ließ. Anscheinend hatte West sie bereits mehr als einmal angesprochen. Sie holte Luft und stieß verunsichert den Atem aus.
Ihr Gegenüber lächelte, als sie ihm in die Augen sah. Sein Blick war ungemein freundlich und liebenswert. So sah kein Mann aus, der ein kleines, unscheinbares Hotel in Shoreditch mit seiner Kritik ruinieren wollte.
„Ja?“ Sie räusperte sich und wartete auf das, was jetzt kommen würde. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Egal wofür.
„Ich bin sehr beeindruckt von Ihnen und der Art, wie Sie Ihr Hotel führen.“ Er nickte anerkennend. „Das ist mit ein Grund, warum ich häufig herkomme.“
Alix spürte, wie ihr Herzschlag sich verlangsamte und der Eisklotz in ihrer Brust zu schmelzen begann. Er war zufrieden mit ihrem Service, sogar beeindruckt. Wahnsinn. Sie hatte es nicht in den Sand gesetzt. Was für ein Segen. Ein kleines Wunder.
„Danke.“ Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Bevor er sich fragen konnte, was das sollte, öffnete Alix sie wieder und lächelte ihn an. „Das freut mich zu hören. Bitte entschuldigen Sie die Sache mit dem Glückskeks.“ Umständlich räusperte sie sich und blickte verlegen auf ihre Hände, die nichts zu tun hatten. „Das nächste Mal wird garantiert ein Keks für sie bereitliegen.“ Alix schwor sich, gleich eine ganze Packung dieser blöden Dinger zu kaufen. Sicher war sicher. Auf den Lieferservice war anscheinend kein Verlass.
West nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. Ohne den angeblichen Test ein weiteres Mal zu erwähnen, gab er ihr seine Kreditkarte, um die Rechnung zu begleichen.
Noch bevor sie ihm die Karte samt Quittung zurückgeben konnte, schob er ihr eine Visitenkarte hinterher. Fragend sah sie ihn an.
„Ich möchte Ihnen einen Job anbieten, natürlich in der Hotelbranche.“ Er seufzte, als würde es ihm schwerfallen weiterzusprechen. „Ich bin mir im Klaren darüber, dass Sie womöglich mit dem, was Sie sich aufgebaut haben zufrieden sind, aber es wäre eine einmalige Gelegenheit. Ein Angebot, das ich nicht jeden Tag ausspreche.“ Er grinste fast schon ein wenig verlegen und nahm die Arme vom Tresen. Wohl um Abstand zu schaffen. „Eigentlich habe ich noch nie so ein Angebot gemacht.“
WOW. Und noch mal WOW.
Alix fühlte sich geschmeichelt. Dieses Wechselbad der Gefühle ließ sie schwindeln. Hatte ihr Mr West, der Mann, der ihr gerade noch Angst wegen einer möglichen Prüfung eingejagt hatte, einen Job angeboten? Was sollte das für eine Arbeit sein?
Alix kam nicht dazu, irgendetwas zu erwidern, weil Charly an die Anmeldung trat. Ein Blick in seine Miene und sie wusste, dass Ärger im Anmarsch war. Offensichtlich hatte ihr Bruder einen schlimmen Kater und war bereit, seinen Unmut darüber an ihr und ihren Gästen auszulassen. Das konnte schlimm enden.
Alix wollte gerade etwas sagen und der drohenden Katastrophe zuvorkommen, da klopfte Charly Mr West bereits auf die Schulter, als wären sie beste Kumpel. Ihr Bruder sah nur minimal besser aus als am Tag zuvor. Seine Augenränder waren dunkel und die Alkoholfahne, die von ihm ausging, ließ sie die Nase rümpfen. Da er in seiner Kleidung geschlafen hatte, war sie völlig zerknittert wie bei einem Obdachlosen.
„Na, war die Nacht erfolgreich? Weiß Ihre Frau von dem hier?“ Er zeigte auf den Schlüssel mit dem Baumanhänger, der immer noch zwischen ihnen lag.
Schnell nahm Alix den Schlüssel an sich und gab West die Kreditkarte samt Rechnung. Hoffentlich verstand er den Wink und würde schnell verschwinden. Charly war eindeutig auf Krawall gebürstet.
„Oh, oh!“ Ihr Bruder sah auf die Kreditkarte und schüttelte den Kopf, als hätte West gerade eine große Dummheit begangen. „Nur Barzahlung. Das weiß doch jeder.“ Er lachte und es klang viel zu laut. „Sie betrügen Ihre Frau wohl zum ersten Mal, was?“
„Charlyyyy!“
Das ging zu weit. Wollte er sie bloßstellen?
Wests Miene versteinerte. Er schob Charlys Hand mit stoischer Gelassenheit von seiner Schulter und trat zurück. Als hätte er alle Zeit der Welt, steckte er die Kreditkarte zurück in sein Portemonnaie. Wie es aussah, war er ein Mann von Welt, der nicht leicht aus der Ruhe zu bringen war. Sein Schweigen deutete Alix als Zeichen. Ob als ein gutes oder schlechtes, wusste sie noch nicht.
„Was?“ Charly wandte sich ihr zu. „Stimmt doch, was ich sage.“ Er ging um den Anmeldebereich herum und trat neben sie. Ohne zu fragen, nahm er sich ihren Kaffee und trank einen Schluck.
Alix schüttelte den Kopf und beschloss, keine Szene zu machen. Wenn sie Glück hatte, ging West ohne etwas zu erwidern. Sobald er verschwunden wäre, könnte sie sich ihren Bruder vorknöpfen. Diesmal war Charly zu weit gegangen. Er mochte seinen Spaß daran haben, sich über sie lustig zu machen, aber seine frechen Sprüche waren unpassend und geschäftsschädigend. Sehr sogar.
„Ich habe meiner Schwester schon oft geraten, dass jeder Gast eine Anleitung für den perfekten Seitensprung bekommen sollte. Gleich beim Einchecken.“ Er lachte und verschüttete dabei Kaffee. „Sie wissen schon: Zehn Tipps, wie ich meine Frau betrüge. Oder so ähnlich.“
Das war ihr Untergang.
Am liebsten wäre Alix im Boden versunken. Ihr Bruder würde es schaffen, sie an einem einzigen Tag zu ruinieren. Schwer enttäuscht sah sie ihn an. „Es reicht!“ Ihre Stimme klang messerscharf.
Kurz entstand Stille. Charly erwiderte ihren Blick, war aber schlau genug, den Mund zu halten.
„Mein Angebot steht“, sagte West und hustete leicht. Alix sah ihn an. Sein Blick war wider Erwarten mitfühlend. Vielleicht war seine Schwester genauso unmöglich wie ihr Bruder. Seine Bemerkung von gestern ließ darauf schließen, dass sie zu der schwierigen Sorte Geschwister gehörte.
„Rufen Sie mich an, wenn Sie Interesse haben. Meine Karte haben Sie.“ Ohne auf ihre Reaktion zu warten, verschwand er durch den Hintereingang.
Sie konnte dem Mann die plötzliche Flucht nicht verübeln. Sie stand selbst kurz davor, die Beine in die Hand zu nehmen und ihren Bruder sich selbst zu überlassen.
„Was für ein Angebot?“, fragte Charly und tat so, als wäre alles völlig in Ordnung.
Alix schnellte herum. „Glaubst du, du hast ein Recht darauf, mich danach zu fragen? Du bist ein Idiot! Nimm deine Sachen und verschwinde. Sofort!“
„Alexandra …“
„Hau ab! Und zwar schnell.“ Sie nahm ihm die jetzt leere Kaffeetasse ab. „Krieg dein Leben auf die Reihe und hör auf, dich selbst zu bemitleiden. Und komm ja nicht wieder her, falls deine Freunde dich nicht zurücknehmen. Ich will dich nicht hier haben, wenn du darauf aus bist, meine Gäste zu vergraulen.“
Schreck! Jetzt war es raus.
„Alix …“
Seine Stimme wurde weich, aber das machte alles nur schlimmer. Sie war stinkwütend auf ihn. Ihre Hände zitterten und ihr Innerstes drohte zu platzen. Diese Person konnte unmöglich ihr Bruder sein. Ihr kleiner Bruder war lieb und nett gewesen und hatte sie verstanden. Er hatte mit ihr gemeinsam gegen ihre strengen Eltern rebelliert. Sie waren ein Team gewesen. Damals – als sie noch Kinder waren.
Verdammt. Sie brauchte eine Auszeit.
„Geh!“ Erschöpft holte sie Luft und versuchte, sich unter Kontrolle zu bekommen. „Und komm am besten nicht zurück. Nie mehr!“
Stille.
Hatte sie das wirklich gesagt?
Ihr Bruder erstarrte und wurde blass.
Mist! So hart und unnahbar hatten ihre Worte gar nicht klingen sollen. So war sie nicht.
Wenig später senkte Charly den Blick und ging. Ohne sich noch einmal umzudrehen oder seine Jacke aus dem Zimmer zu holen, verließ er das Hotel.
Alix wollte ihn zurückrufen, aber sie bekam den Mund nicht auf. Warum war alles so schrecklich kompliziert mit ihm?
Sie fühlte sich, als hätte sie gerade einen Welpen getreten. Nur dass ihr Bruder schon lange kein kleiner Welpe mehr war. Der Welpenschutz war abgelaufen.
Alix brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um ihre Nerven zu beruhigen und ihren Körper auf Betriebstemperatur herunterzukühlen. Die Arbeit an der Webseite hatte sie für heute abgebrochen. Dermaßen aufgewühlt würde sie sowieso nichts zustande bringen.
Jeglichen Gedanken an ihren Bruder und wohin er jetzt gehen würde, nachdem sie ihn rausgeschmissen hatte, verschob sie auf später. Zuerst brauchte sie Abstand. Sie musste über etwas anderes nachdenken, als darüber, dass Charly nur noch einen Wimpernschlag davon entfernt war, in der Gosse zu landen. Ein schrecklicher Gedanke.
Ob ihre Eltern von seinen Problemen wussten? Sicher nicht. Womöglich war es an der Zeit, sie in die neusten Schwierigkeiten ihres Sohnes einzuweihen. Die Idee war entsetzlich. Alix war noch nie eine Petze gewesen. Sie hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache und würde diesen Ausweg nur im äußersten Notfall wählen.
Mühsam zwang sie sich zur Ruhe und nahm die Visitenkarte von Colton West in die Hand, die sie unachtsam zur Seite gelegt hatte. War das wirklich eine Visitenkarte? Sie drehte das Kärtchen um und wurde mit einer blanken Rückseite belohnt. Merkwürdig. Mehr als ein Name stand nicht darauf.
Wer besaß denn eine Visitenkarte, auf der nur ein Name stand? Streng genommen war es nicht mal ein Name, sondern lediglich eine Hotelkette. Zugegeben, eine sehr bekannte Hotelkette, aber trotzdem.
Ihr Gehirn setzte eins und eins zusammen. Konnte es tatsächlich sein, dass Colton West, der Mann mit dem Waldfetisch, etwas mit den West Hotels zu tun hatte? Natürlich kannte Alix die luxuriösen Hotels, deren Fronten meist mit viel Chrom und Glas verkleidet waren und in denen eine Suite ein kleines Vermögen kostete.
Unter Umständen war Colton West ein Verwandter vom großen Boss. Alix würde auf der Internetseite recherchieren und herausfinden, in welcher Beziehung der Glückskeksliebhaber zu der Hotelkette stand. Er konnte unmöglich der Besitzer sein.
Das wäre wenig wahrscheinlich, versuchte sie ihre Gedanken im Zaum zu halten, die mal wieder Purzelbäume schlugen.
Sie betrachtete die kleine weiße Karte mit den Augen einer Designerin. Webseiten waren ihre Spezialität, aber sie machte auch alles andere, was mit Werbung zu tun hatte. Das komplette Erscheinungsbild des Three Rooms hatte sie selbst entworfen. Darauf war sie mächtig stolz.
Wests Visitenkarte war eigentlich nichts anderes als ein hochwertiges Stück Büttenpapier, auf dem in klassischen Buchstaben ein Name geschrieben stand ‒ mittig und in das feine Papier eingeprägt. Es war schlicht und einfach.
Zu einfach? Nein. Gerade die Einfachheit und das Fehlen jeglicher Information machte es irgendwie interessant. Zwar ein bisschen sinnlos ohne Adresse und so, aber interessant.
Ob er seine Handynummer in seltenen Fällen per Hand dazuschrieb? Möglich war es. Schließlich wurde er nicht tagtäglich von nichtsnutzigen Brüdern vertrieben.
Ihr Computer stand direkt vor ihr, also beschloss Alix, den Namen, in Kombination mit der Hotelkette, in die Suchmaschine einzugeben und ein bisschen zu stöbern.
Nur zehn Minuten später wusste sie, dass Colton West tatsächlich der Besitzer der West Hotels war.
Schreck lass nach. Sie hatte tatsächlich ein Foto von ihm im Impressum gefunden.
Auf dem Bild sah er so aus, wie sie ihn kannte: maßgeschneiderter Anzug und akkurat gebundene Krawatte. Der einzige Unterschied: Auf dem Foto lächelte er nicht. Dabei hatte er so ein charmantes Lächeln.
Ein nervöses Kribbeln setzte ein und ließ sie innehalten. In Gedanken ließ sie ihre Verfehlungen der letzten Wochen Revue passieren. Unbehagen machte sich breit.
Woher hätte sie das denn wissen sollen? West war ein geläufiger Nachname. Es gab in London sicher unzählige Wests, die nichts mit der Hotelkette zu tun hatten. Wer konnte denn ahnen, dass der Besitzer des London West Hotels in einer winzigen Unterkunft wie ihrer absteigen würde? Sogar zum Stammgast wurde.
Warum tat er das? Kam er zum Arbeiten her? Brachte er deshalb in unregelmäßigen Abständen die Frau mit, die ganz hervorragend als seine persönliche Assistentin durchgehen könnte? Jedenfalls wenn Alix von der Frau auf die spießige Bürokleidung samt Brille schloss.
Oh Gott! Erst jetzt wurde ihr bewusst, was es bedeutete, dass er ihr einen Job angeboten hatte. Wollte er, dass sie für ihn arbeitete? In einem seiner Hotels? Sie hatte nachgeschaut. Allein in London gab es drei West Hotels.
Nein. Das war lächerlich! Alix war gelernte Hotelfachfrau, die sich mit einem kleinen, aber feinen Hotel selbstständig gemacht hatte. Das Three Rooms hatte gerade mal drei Zimmer.
Sein Hotel im Zentrum der Stadt hatte … sie schlug kurz nach … über zweihundert Suiten und ein paar Einzelzimmer.
Aufgewühlt unterdrückte sie ein Kichern. Irgendwie drollig.
Was sollte das für ein Job sein? Und warum glaubte er, sie würde in ein Imperium wie seines passen? Fragen, die sie ihm stellen würde, sollte er das nächste Mal ein Zimmer reservieren. Oder auch nicht. Eventuell kam es gar nicht dazu. Charly hatte schließlich ganze Arbeit geleistet. Im Leute-vor-den-Kopf-stoßen war ihr Bruder kaum zu übertreffen.
Seit wann bot er Leuten Jobs an? Colton war von sich selbst überrascht. Mehr als das. Er saß in seinem Büro und konnte sich nicht auf die Arbeit konzentrieren. Ständig musste er an Alix Harrison denken. Alix war die Abkürzung für Alexandra, das hatte er von ihrem wenig charmanten Bruder erfahren. Auf dem Weg zu seinem Auto hatte er ein paar Wortfetzen aufgeschnappt, die sicher nicht für seine Ohren bestimmt gewesen waren. Dieser Jüngling schien ein ganz anderes Kaliber zu sein als die Frau, die seinen persönlichen Entspannungsort führte. Ein Ort, den er für nichts auf der Welt mehr missen wollte. Das Waldzimmer war sein Schatz, den er höchstpersönlich gefunden hatte, als er auf der Suche nach einem eintägigen Erholungstrip auf der Internetseite des Three Rooms gelandet war.
Colton war sich der Tatsache, dass es sich bei seinem Fund um ein Stundenhotel handelte, durchaus bewusst. Und dennoch … selten hatte er sich in einem Hotel so wohlgefühlt wie in diesem. Und das wollte etwas heißen. Denn schließlich war er ein geborener West. Er war in Hotels aufgewachsen, hatte dort seine Kindheit und Jugend verbracht. Er lebte von jeher in Hotelzimmern und Penthouse-Suiten. Nichts anderes kannte er.
Seine Eltern führten in der zweiten Generation exklusive Hotels in verschiedenen Großstädten. Wenn sie in der Vergangenheit hatten reisen müssen, war er dabei gewesen. Er war in seiner Kindheit oft umgezogen und später sogar von einem Privatlehrer unterrichtet worden, weil seine Schulbildung unter keinen Umständen unter den vielen verschiedenen Aufenthaltsorten hatte leiden dürfen.
Colton war nicht glücklich mit diesem Arrangement gewesen. Aber seine Schwester hatte es deutlich härter getroffen. Sie war jünger, unschuldiger und mangels Umgang mit Gleichgesinnten schnell in eine frühe Trotzphase gefallen. Dass sie nie lange genug an einem Ort geblieben waren, um Freunde zu finden, hatte das Ganze für sie nicht besser gemacht.
Ob Alix in ihrer Jugend auch eine Trotzphase durchlitten hatte? Zuzutrauen wäre es ihr. Der freche Spruch, den sie ihm auf einem Zettelchen serviert hatte, hätte auch von seiner Schwester stammen können. Bestimmt würden die beiden sich gut verstehen, sollten sie sich jemals über den Weg laufen. Was natürlich unwahrscheinlich war.
Woher kamen solche verrückten Gedanken? Colton schüttelte den Kopf und versuchte, gedanklich an seinen Schreibtisch zurückzukehren. Er sollte nicht in Erinnerungen schwelgen. Seine Eltern waren schon vor Jahren zurückgetreten und hatten ihm die Führung des West-Imperiums überlassen. Seine Schwester würde in ihren Augen immer zu unreif und oberflächlich bleiben, um Verantwortung zu tragen, weswegen sie sich fernab des Hotelgewerbes ihren eigenen Weg gesucht hatte.
Anders als seine Eltern war Colton stolz auf Tammi. Er führte lediglich die Arbeit seiner Eltern und Großeltern fort. Aber seine Schwester hatte vor einem Jahr ihre Sachen gepackt und sich auf den Weg gemacht. Mit gerade mal neunzehn Jahren bereiste sie als Backpacker die amerikanische Westküste und … suchte. Wonach, wusste Colton nicht genau. Vielleicht nur ein Abenteuer. Aber allein dass sie versuchte, den Familienzwang, der ihnen beiden auferlegt worden war, zu durchbrechen, war in seinen Augen eine Meisterleistung. Er hatte das nicht geschafft. Kein Stück, in all den Jahren nicht.
Aber nun wollte auch er versuchen, etwas an seinem stupiden Arbeitsalltag zu ändern. Sich ebenfalls einen Traum erfüllen und etwas Neues und Spektakuläres erschaffen. Etwas, bei dem es nicht darum ging, unendlich viel Geld zu verdienen oder ein neues West Hotel in einer neuen Stadt hochzuziehen. In seinen Augen gab es genug davon.
Und um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen, brauchte er Alexandra Harrison. Sie hatte in seinen Augen den richtigen Riecher gehabt. Und mit dem Three Rooms, das in seinen Augen eher ein Erlebnishotel als ein Stundenhotel war, eine Nische gefunden.
Hoffentlich war sie wenigstens bereit, sich sein Angebot anzuhören. Wenn sie nicht nur so eigensinnig wie Tammi war, sondern auch genauso stur, dann würde sie ein harter Verhandlungspartner sein.
Gerne hätte er sich jetzt wieder seiner gewohnten Arbeit gewidmet, aber aus Erfahrung wusste er, dass er sich nicht würde konzentrieren können. Nicht, solange er nicht wenigstens den Grundstein für sein Vorhaben gelegt hatte.
Ohne sich länger zu quälen, ließ er sich von seiner Assistentin mit dem Three Rooms verbinden. Da Alix bis auf Eddie niemanden beschäftigte – zumindest waren ihm keine anderen Angestellten aufgefallen – war er sich ziemlich sicher, dass sie das Gespräch persönlich annehmen würde. Darauf setzte er.
Wie erwartet nahm sie nach dem dritten Klingeln ab. Sie stellte sich vor und endete mit der Frage: „Was kann ich für Sie tun?“
Das war seine Chance. Er umklammerte den Hörer fester. „Colton West hier. Haben Sie über mein Angebot nachgedacht? Wären Sie bereit, sich meinen Vorschlag anzuhören?“
Zugegeben, freundlich klang er nicht gerade. Aber Meetings, die das Geschäft betrafen, organisierte für gewöhnlich seine Assistentin. Unter Umständen war es ungünstig, mit der Tür ins Haus zu fallen. Leider kam ihm der Gedanke reichlich spät.
Er vernahm ein viel zu tiefes Seufzen am Ende der Leitung. „Mr West …“
Der unfertige Satz hing in der Luft. Wollte sie ihm eine Absage erteilen, noch bevor sie wusste, worum es überhaupt ging? Das war neu und absolut ungewöhnlich. Hatte er sie falsch eingeschätzt? Wusste sie nicht, wie töricht das war? Das Angebot eines Wests lehnte keiner ungehört ab. Zumindest bis jetzt hatte das niemand in seinem Umfeld jemals getan.
„Wenn Sie mich abwimmeln, ohne mich angehört zu haben, sind Sie dümmer als ich geglaubt habe. In dem Fall wäre es vielleicht besser, nicht mit Ihnen arbeiten zu wollen.“
Empörung stand unausgesprochen zwischen ihnen.
„Ich bin nicht dumm.“
Interessant. Anscheinend hatte er einen wunden Punkt getroffen. „Beweisen Sie es.“
Es herrschte kurz Stille. Colton konnte die Rädchen, die sich wie wild in Alix’ Kopf drehten, förmlich hören.
„Also schön.“ Wieder war ein Seufzen zu vernehmen. Die nächsten Worte fielen ihr offenbar nicht leicht. „Was wollen Sie?“
„Gehen Sie mit mir essen und ich erkläre es Ihnen.“
Seine Gesprächspartnerin gluckste. „Ist das Ihre Masche, um an ein Date zu gelangen? Geht es nicht ein wenig subtiler?“
Sein Mundwinkel zuckte unkontrolliert. Die kleine Ms Harrison hatte offensichtlich keine Scheu, drauflos zu plappern und zu sagen, was sie dachte. Ob das gut oder schlecht war, konnte er noch nicht beurteilen. Auf jeden Fall war es erfrischend anders.
„Ich denke, ich kenne den Unterschied zwischen einem Date und einem Geschäftsessen. Dies ist eine Einladung zu einem Geschäftsessen.“
Möglicherweise war es gut, dass sie das gleich zu Beginn klärten. Mit Leuten, mit denen er Geschäfte machte, hatte er keine Dates.
„Okay. Also gut.“ Klang sie enttäuscht oder ergeben? Es hatte fast den Anschein.
Colton vernahm Geräusche und anschließend die Stimme eines Gastes, der nach seinem Schlüssel verlangte. „Ich hole Sie am Samstag um neunzehn Uhr ab. Ziehen Sie etwas Hübsches an.“ Er stieß die Worte schnell und hastig aus und ärgerte sich, dass er irgendwie nervös klang. Er klang nie nervös.
Ein empörtes Luftschnappen war zu hören. Bevor seine eigensinnige Gesprächspartnerin sich über seinen kühn ausgesprochen Wunsch, sich etwas Hübsches anzuziehen, aufregen konnte, legte er auf. Vielleicht hätte er das nicht sagen sollen. Bedeutete es nicht im Umkehrschluss, dass sie sonst nichts Hübsches trug? Was für ein Durcheinander.
Egal. Besser nicht drüber nachdenken. Komplimente und dieser zwischenmenschliche Kram, von dem seine Schwester eine Menge Ahnung hatte, waren noch nie sein Ding gewesen.
Mit einem zufriedenen Gefühl sah Colton auf den Berg Akten auf seinem Schreibtisch. Endlich konnte er in Ruhe arbeiten. Bis Samstag würde er nicht mehr an Alexandra Harrison denken müssen. Das war jedenfalls sein Plan.
***
Alix fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Sie hatte ihr einziges schwarzes Businesskostüm aus den Untiefen ihres Kleiderschranks gefischt und wartete seit fünf Minuten auf Colton West, um sich zu einem Geschäftsessen ausführen zu lassen. Ob der Besitzer der West Hotels ihr Outfit hübsch genug fand? Schwierig zu sagen, da sie nicht wusste, wohin er mit ihr gehen wollte. Mr West würde sie nehmen müssen wie sie war. Pech für ihn, falls er ein Kleid erwartete.
Die Einladung war immer noch äußerst merkwürdig. Wenn Alix nicht so verflucht neugierig gewesen wäre, hätte sie das Angebot im Keim erstickt. Das war streng genommen immer noch ihr Plan, sollte es darum gehen, in einem seiner Hotels als Angestellte zu arbeiten.
Nein danke! Sie war ihre eigene Herrin und darauf war sie mächtig stolz. Auch wenn das Finanzielle alles andere als einfach war und sie tagtäglich ums Überleben kämpfen musste, würde sie es nicht anders wollen.
Nicht auszuschließen war allerdings, dass West in ihre Idee investieren wollte. Er war schließlich ganz vernarrt in das Waldzimmer mit seinem faszinierenden, wenn auch künstlichen Ausblick. Vielleicht wollte er ein ähnliches Zimmer in einem seiner Hotels haben. Abwarten. Es war zu früh für Spekulationen. Nach dem Abendessen würde sie mehr wissen.