Der Esel steht - Erik Kormann - E-Book
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Der Esel steht E-Book

Erik Kormann

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Beschreibung

Wandern ohne Esel ist zwar möglich, aber sinnlos    Erik Kormann ist auf den Esel gekommen: Mit "Narcisse"  durchstreift er die Cevennen in Südfrankreich. Was er dabei  erlebt? Die ungeheure Erleichterung, nicht immer die Zügel  in der Hand zu haben. Zeitplanung ist hinfällig – wenn  Narcisse steht, dann steht er. Und wenn der Esel läuft,  dann durchwandern sie wunderbare Landschaften. Esel sei  Dank, begegnet Erik Menschen und Natur auf vollkommen  neue Weise. Zurück bleiben einzigartige Reiseerfahrungen  und der eine oder andere leergefressene Blumenkübel.   Wer hier mit wem wandert, wer die Route und das Ziel  vorgibt, das ändert sich von Tag zu Tag. Es entsteht eine  skurrile Symbiose zwischen Mensch und Tier und damit  eine witzige, intelligente, feinfühlige Reiseerzählung. 

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EPUB
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Seitenzahl: 182

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum

© eBook: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2020

© Printausgabe: GRÄFE UND UNZER VERLAG GmbH, München, 2020

Alle Rechte vorbehalten. Weiterverbreitung und öffentliche Zugänglichmachung, auch auszugsweise, sowie die Verbreitung durch Film und Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme jeder Art nur mit schriftlicher Zustimmung des Verlags.

Redaktion: Wilhelm Klemm

Lektorat: Martin Waller, Werkstatt München

Bildredaktion: Nora Goth

Covergestaltung: independent Medien-Design, Horst Moser (Artdirektion)

eBook-Herstellung: Lena-Maria Stahl

ISBN 978-3-8342-3159-8

1. Auflage 2020

Bildnachweis

Coverabbildung: shutterstock: Terence Baelen

Illustrationen: Patrick Tümmers, Tümmersdesign

Fotos: shutterstock: Terence Baelen; Erik Kormann; AdobeStock: Gerald; Alamy Stock Photo: Christian GUY; mauritius images: Patrick Kunkel; shutterstock: Budimir Jevtic

Syndication: www.seasons.agency

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„Das hatte ich mir anders vorgestellt.

Damit der Esel meine Entschlossenheit spürt und gar nicht erst zögerlich wird, gehe ich zügig voran und gebe ein ordentliches Tempo vor. Wir sind schon mindestens 100 Meter weiter als gestern zu Beginn der Proberunde. Läuft doch. Zack. Zu früh gefreut. Der Esel steht.“

Erik Kormann

Ich danke:

 Marie-Ange Benoit von Le Mas des Ânes, Doriane Scolan und Vick (†) für die praktische Hilfe und die fortdauernde Freundschaft.

Meinem Vater Dr. Joachim Kormann und meiner Freundin Xenia Trost.

Narcisse, dem verfressendsten Houdini aller Zeiten, der mit etwas Glück bald in meiner Nähe leben wird.

Urlaub & Natur, Lupe Reisen für die Organisation der Reise.

Meinen Freunden Ulrike und Daniel Riegelmann für die Unterstützung und den Mut.

Anja Scharfenberg und Matthias Honnacker – ihr hattet die Idee, die ganzen Abenteuer aufzuschreiben.

Und nicht zu vergessen Baloo (†), dem freundlichen Riesen von Le Plagnal.

Ich danke euch allen.

Da stehen wir, mein Wanderesel Narcisse und ich – glücklich

Vorweg

Das Glück hat vier Beine und zwei schöne, lange, flauschige Ohren. Allerdings hat das Glück gerade jetzt beschlossen, wieder eine Pause einzulegen, und deshalb rührt es sich nicht von der Stelle. Keinen Zentimeter. Manchmal ist es schwierig mit dem Glück. Es geht weder vor noch zurück, keiner meiner Tricks scheint zu helfen, und ich frage mich, wie ich ihm wohl diesmal Beine machen könnte. Was ist zu tun, damit der Graue sich in Trab setzt und wir unser Tagesziel noch erreichen? Ich weiß, die letzten Tage waren nicht leicht. Mir machen die vielen, langen Anstiege ebenfalls zu schaffen. Doch irgendwie muss es weitergehen – die Aussicht auf eine warme Dusche und ein richtiges Bett finde ich verlockender als eine weitere Nacht im Wald. Ob er es darauf anlegt? Los, beweg die Hufe oder ich zieh dir die Ohren lang! Ich will ein richtiges Abendessen mit mehreren Gängen, ich will eine Dusche und ich will ein Bett. Auf, auf mein grauer Freund, komm weiter. Nein?

Mein Esel steht da wie ein Denkmal und schaut mich an, als könne er Gedanken lesen. Nur, warum läuft er dann nicht? Sollte ich aussprechen, was mich bewegt? Mir ist zwar grad nicht nach schimpfen, aber unverblümt aussprechen, was mir auf der Zunge liegt, das bekomme ich auch bei bester Laune hin. Es ist ein gutes Gefühl, nach Herzenslust fluchen zu können. Zum einen ist der Esel Franzose und versteht mich garantiert nicht, zum anderen sind wir hier draußen im Wald völlig allein. Wer sollte mich hier schon hören? Blöder Esel! Na? Was habe ich dir gerade gesagt?

Ich schnappe mir eines seiner flauschigen Ohren, drücke ihm einen Kuss auf die Stirn und atme tief ein. Wie wunderbar mein Eselchen duftet. Narcisse steht still; es scheint, als würde er in den Wald hineinlauschen. Was ist los, Narcisse? Da ist nichts. Seit Stunden sind wir allein unterwegs, und den kleinen Bach da unten, den höre sogar ich mit meinen Ohren. Komm, beweg dich! Ich streichle ihn unterm Kinn und drücke vorsichtig eins meiner Ohren in eins von seinen. Ganz so, wie man es mit Muscheln macht. Plötzlich höre ich Geräusche, die vorher nicht vernehmbar waren. Plötzlich sind da viel mehr Vögel, und von ganz weit her trägt der Wind Gesang herbei. Tolle Ohren. Das war es also! Du Herdentier wartest auf die anderen Wanderer? Willst ein Stück mit einer Gruppe laufen? Gerne doch. Lassen wir uns überraschen, wer da kommt, und bis dahin machen wir eine Kaffeepause. Möhre?

Da sitze ich – Erik Kormann, geboren in Leipzig und seit 39 Jahren Berliner – nun alleine im Wald und koche Kaffee. Seit zehn Tagen und fast 200 Kilometern ist der Esel meine einzige Gesellschaft. Gut sind wir vorangekommen, und während das ewig hungrige Langohr eine Schneise der botanischen Verwüstung quer durch die Ardèche geschlagen hat, erlebten wir jede Menge Abenteuer. Wir sind durch Gegenden gewandert, wie man sie sich schöner kaum vorstellen kann. Gut, er hat einen Großteil der Landschaft aufgefressen, er ruinierte Blumenkübel vor Cafés, Hotels und Geschäften, bediente sich auf dem Markt hinter meinem Rücken bei den Endivien, brach mehrfach nachts aus seinem Gehege aus und hat mich doch jeden Morgen immer wieder freudig mit seinem lang gezogenen I-ah begrüßt. Ich bin jetzt seine Herde, er ist mein Freund, und nach anfänglichen kleinen Machtkämpfen hat er akzeptiert, dass ich die Ansagen mache und mich dafür mit viel Zuwendung, Möhren, trocken Brot, Hafer und Streicheleinheiten revanchiere. Ob er weiß, wie dankbar ich für seine Gesellschaft bin?

Fast schon mein ganzes Leben lang trage ich die Idee zu dieser Reise mit mir herum – das Reisen und das Tragen gehören eng zusammen. 50 Jahre musste ich alt werden, um mir diesen Wunsch erfüllen zu können, und nun wurde ein richtiges Abenteuer daraus. Allein mit einem Esel auf den Spuren von Robert L. Stevenson durch Südfrankreich. Zehn Wandertage, etwa 230 Kilometer und reichlich Zeit für die eigenen Gedanken. Genau das hatte ich mir gewünscht.

Meine Eltern konnten natürlich nicht ahnen, dass Stevensons Büchlein „Reise mit dem Esel durch die Cévennen“ zu einem Herzenswunsch für mich werden sollte, einer Idee, der ich viele Jahre hinterherträumen würde. Aber ständig keine Zeit, kein Geld und keine Gelegenheit. Es gab Tage, da spürte ich schon die Enttäuschung über das in weiter Ferne entschwindende Ziel. Ich war drauf und dran, das Scheitern meiner Idee klaglos zu akzeptieren, wie ein Unglück, das ich selbst herbeigedacht hatte. Die Frage war nur, warum ich zu oft der Traurigkeit und nicht den Träumen folgte. Wer oder was hielt mich denn zurück? Esel gibt es doch fast überall.

Als Sohn einer bulgarischen Mutter und eines deutschen Vaters hätte ich leicht in den Sommerferien einen bulgarischen Esel durch die Rhodopen führen können. Überhaupt kein Problem. Unsere Familie besitzt oben in den Bergen, keine Autostunde von Plovdiv entfernt, in Ravnogor ein Häuschen, und die Bäuerin von nebenan, eine zahnlose, alte Frau, der ich oft beim Butterstampfen zusah, besaß sogar zwei Esel. Sie zu fragen wäre gar kein Problem gewesen.

Hallo Tantchen, kann ich mal einen Esel haben? Das hätt’ ein schönes Theater gegeben. Ich seh es deutlich vor mir, wie sich die Bäuerin mit ihrer schwarzen Kittelschürze die Lachtränen aus dem Gesicht wischt und die Bauern mir spöttisch hinterherwinken. Da schaut euch den deutschen Bengel an, wie er mit einem Esel spazieren geht. Seht doch nur, da laufen zwei Esel: vorn einer aus Deutschland und dahinter ein Bulgare! Ein Halbbulgare, so wie ich. Was für ein Fest, und dazu stimmt mein Cousin wieder sein „Erich Honneckel, Erich Honneckel“ an. Nachdem Krasimir erst mal mitbekommen hatte, wie sehr es mich ärgerte, wenn er aus Erik Erich machte, zog er mich bei jeder Gelegenheit damit auf. Erich Honneckel spaziert mit einem Esel!

Nein, die Eselwanderung musste noch warten. Spätestens zum 65. Geburtstag aber würde ich mich auf den Weg machen. Stevenson war damals zwar jünger als ich sein würde, aber er war lungenkrank und ich wäre natürlich gesund. So der Plan. Gleichstand nach Punkten. Wie konnte ich denn ahnen, dass Günter Schabowski mir schon 1989 die Erlaubnis zu jeder Eselwanderung dieser Welt erteilen würde. Danke.

Aber auch nach dem Mauerfall waren wieder erst mal andere Dinge wichtiger, und so dauerte es noch einmal 27 Jahre, bis ich endlich einen Esel hinter mir herzerren durfte. Egal, was für Pläne ich mache, nie läuft es so, wie ich es mir wünsche. Aber soll ich deswegen Trübsal blasen? Irgendwie habe ich mich an diesen Zustand gewöhnt. Letztendlich geht es doch immer auf die eine oder andere Weise weiter. Man muss nur erst mal loslaufen.

Hast du gehört, Narcisse? LOSLAUFEN! Ich wäre nämlich eigentlich lieber mit dir allein. Immer diese Wandergruppen, und dann sind die auch noch so laut und so fröhlich. Magst du dich nicht doch aufraffen? Es ist schöner nur mit dir. In deiner Gesellschaft fühle ich mich wohl, da ist nichts, was fehlen würde.

Für eine bestimmte Zeit ist dieser Esel hier mehr als genug. Geduldig folgt er meinem Ziel und hat sich meinem Empfinden nach an das Alleinsein mit mir gewöhnt. Schön ist das Alleinsein, wenn man nicht einsam ist. Als ich anfing, dies zu realisieren, wurden die Wanderpläne konkret, nahmen die Träume Gestalt an. Es war wie ein Loslassen von alten Gewohnheiten. Festhalten und loslaufen schließen sich nun mal aus. Wobei der Esel im Moment mehr so am Feststehen interessiert zu sein scheint. Na gut, wenn du nicht zu mir kommst, dann fress’ ich die Möhre selber. Mitleidig guckt der Esel mich an. Er weiß zu gut, dass da noch viel mehr Möhren in der Tasche sind und mir meine Hartherzigkeit in Kürze leidtun wird. Durchschaut von einem Esel. Ach, mach doch, was du willst.

Wer mit einem Esel alleine wandert, sollte Ruhe und Fürsichsein gut aushalten können. In Kombination mit einer Eselwanderung darf man diese beiden Zustände übrigens nicht mit einer Meditation verwechseln. Der Esel nimmt viel Raum ein, schnell holt einen das Grautier auf den Boden der Tatsachen zurück. Nachdenken, sich über etwas klar werden, träumen, den Gedanken freien Lauf lassen und zugleich voranspazieren, während der Esel die Sachen trägt, das sind romantische Vorstellungen, für die sich der Esel mit Sicherheit nicht interessiert. Wenn der erst mal steht und das Tagesziel mit der untergehenden Sonne im dunklen Wald entschwindet, wird aus dem Selbstfindungstrip schnell eine Wanderung im Mondschein. Halt, was war das für ein Geräusch? Ein Wolf? Das Handy hat plötzlich keinen Empfang, der Akku ist natürlich runter, ganz in der Nähe knackt ein Ast, und der Esel spitzt die Ohren. Der perfekte Augenblick für eine kleine Panik. Hiiiiilfeeeeeee.

Allein mit einem Esel auf eine lange Wanderung zu gehen ist alles andere als kinderleicht. Ohne gründliche Vorbereitung und zahlreiche Übungstouren durch die Uckermark mit Esel Leo wäre ich schon am ersten Tag gescheitert. Esel sind vorsichtige Tiere, die nicht immer und sofort tun, was wir von ihnen erwarten. Nur mit Bedacht folgen sie unseren Anweisungen. Für so manchen Schritt ist viel Vertrauen nötig. Esel lehren uns, was es heißt, NEIN zu sagen, und wer eine Beziehung zu seinem Wandergefährten aufbauen will, der sollte sich schnell darauf einstellen. Versuchen Sie, das Neinsagen, das Stehenbleiben und Innehalten als Tugenden zu begreifen, die in einer Zeit permanenter Flexibilität und Verfügbarkeit durchaus zur Nachahmung anregen können. Sagen Sie NEIN! Benehmen Sie sich wie ein Esel und verlieren Sie nicht Ihr Ziel aus den Augen. Man hat eben nicht nur Zeit für die eigenen Gedanken. Die ständige Beschäftigung mit dem Selbst bringt einen zu Beginn einer Eselwanderung nicht weiter, und allein ist man auf keinen Fall. So ein Esel ist präsenter, als man denkt, und er kümmert sich herzlich wenig um fremde Gemütszustände. Wer sich selbst finden will, der sollte mit sich selbst wandern. Ein Esel nimmt keine Rücksicht. Keine Chipstüte, in die er seine Nase nicht steckt (egal wem sie gehört), keine Pause ohne seinen Kopf im Arm. Mir ist nach Alleinsein, dem Esel ist nach Herde, und genau deshalb stehen wir jetzt hier. Ich halte Distanz für einen Zivilisationsgewinn, meide volle Fahrstühle und hasse Massenaufläufe, während der Esel nichts lieber tut, als genau dorthin zu rennen, wo schon viele Esel oder Wanderer sind. Unterschiedlicher könnten die Interessen kaum sein. Im Grunde seines Herzens ist Narcisse ein verfressener Faulpelz, der nur darauf zu warten scheint, dass ihm die Butterblümchen ins Maul wachsen, und zwar am liebsten in Gesellschaft. Ich dagegen bin gern dort, wo ich gerade nicht bin, liebe es, in Bewegung zu sein, und möchte oft gar nicht ankommen. Kaum etwas stimmt so traurig wie das Ziel, weil dies zugleich ein Endpunkt ist. Lass dich kraulen, mein lieber Narcisse, gleich ist die Wandergruppe da. Mal ist die Einsamkeit das Glück, mal kommt es in Gestalt einer kleinen Wandergruppe singend um die Ecke. Bitte versprich mir, nicht alles zu fressen, was man dir hinhält!

Die gut 20 Damen und Herren eines Wandervereins, die ebenfalls auf der Strecke unterwegs sind und uns jetzt eingeholt haben, freuen sich sehr, uns zu sehen. Vor allem freuen sie sich wohl über meinen Esel. Endlich Gelegenheit für ein Fotoshooting. Ein Foto mit Esel, und schon ist man zum Stevenson geadelt. Fast jeder möchte ein Bild, fix noch einen Schluck aus der Thermoskanne und dazu ein Stückchen Apfel. Jaja, geben sie ihm ruhig was davon ab, und nein, es ist kein schwangeres Eselgirl, es ist ein dicker Eselboy. Narcisse wandert und nimmt dabei zu.

Dann werden die Rucksäcke wieder aufgesetzt – und schon startet das Langohr durch. Auf geht’s mit Schwung den Berg hinauf. Es ist doch gut, sein Glück zu teilen. Die Damen und Herren haben ihre Eselbilder, und ich habe einen Esel, der jetzt wie ein Sechszylinder den Berg hochschnurrt. Dicht fliegen die ersten Nebelwolken über unsere Köpfe hinweg. Ganz vorsichtig zupfe ich Narcisse am Schwanz. Mach nicht ganz so schnell, mein Süßer, wir haben es nicht eilig. Jetzt bin ich es, der trödelt und auf die Bremse tritt. Soll die Wandergruppe ruhig vorauseilen. Wir haben alle Zeit der Welt. Da unten im Tal kann ich bereits unser nächstes Ziel sehen, und hier oben ist es so schön ruhig.

Es hat einige Tage gedauert, und wir haben so manchen Kampf miteinander ausgefochten. Doch weil wir inzwischen auch gemeinsam wandern können, ohne dass ich Narcisse permanent antreiben muss, bleibt genügend Zeit für eigene Gedanken und Erinnerungen. Ich sehe mich in Le Plagnal, wo wir uns kennenlernten und eine erste gemeinsame Übungstour unternahmen. Da sind Marie und Vick und der riesige Baloo, die ewig schimpfende Gänsepolizei und all die anderen Esel. Vom ersten Moment an habe ich mich hier wohlgefühlt.

Ein kleines Wölkchen fliegt direkt auf uns zu, das Eselchen legt die Ohren an, und für einen kurzen Moment verschwinden wir beide selbst, zusammen mit der Welt um uns herum, im kühlen Nebel. Wie in Zuckerwatte eingehüllt stehen wir da und warten ab, bis unser Weg wieder sichtbar wird … glücklich.

Lunatischer Esel – Narcisse wandert frei umher

Le Plagnal – Sturm im Paradies

Ein eisiger Wind pfeift gnadenlos über die Landschaft, im Abendlicht sehe ich unzählige Esel, und aus dem Schatten des Hause erhebt sich ein riesiger Hund, der mich misstrauisch mustert und vorsichtshalber kurz bellt. Langsam fahre ich etwas dichter ans Haus heran. Keine Sekunde später ist die Eisenkette, die den Hofhund hält, zum Zerreißen gespannt. Was für ein Ungetüm! Gut, gut, überzeugt, ich fahre wieder etwas zurück. Prompt verstummt das Bellen. Es heißt ja, Hunde, die bellen, beißen nicht. Aber so wie der aussieht, tut er garantiert beides. Oder er kennt die Regel nicht. Lust, es herauszufinden, habe ich jedenfalls keine. Ist denn niemand zu Hause? Gibt es vielleicht eine Klingel am Haus? Bei dem Gebell eigentlich nicht nötig, und wenn ja, wie sollte man die erreichen? Zu allem Überfluss kommt jetzt auch noch ein Gänserich mit ausgebreiteten Flügeln laut schnatternd aus seinem Stall marschiert. Er gibt zuerst dem Hund eins drüber und attackieret dann sofort mein Auto. Hier scheinen raue Sitten zu herrschen. Langsam lasse ich das Auto zurückrollen. Nach 30 Metern kehrt Ruhe ein, der Ganter ist wieder verschwunden und der Hund hat wohl erkannt, dass ich kein Gegner für ihn bin. Langsam öffne ich die Autotür und gehe zu den Eseln. Ob sich wohl so etwas wie eine Vorahnung bei mir einstellt, mit welchem der Tiere ich unterwegs sein werde? Wissen die Tiere, was es bedeutet, wenn Besuch vor der Tür steht? Kennen sie die Route?

Es ist interessant, wie verschieden sie reagieren. Von Neugier bis Desinteresse ist alles dabei. Die einen machen einen langen Hals, andere bleiben in der zweiten Reihe, und jetzt kommt auch noch einer im Rückwärtsgang an und hält mir seinen Hintern hin. Einzeln oder in kleinen Gruppen verteilen sich schätzungsweise 30 Esel über das Gelände. Einige fressen, andere stehen nur so rum. Was macht ein Esel, wenn ihm langweilig ist? Kennen Tiere überhaupt solche Zustände? Darf ich mir einen von denen aussuchen?

Inzwischen ist es völlig dunkel geworden. Ich habe nicht die geringste Lust, mein Zelt aufzubauen. Der kräftige Wind hat sich in ein hübsches Stürmchen verwandelt, und richtig kalt geworden ist es außerdem. Den Frühling in Südfrankreich hatte ich mir anders vorgestellt. Hoffentlich wird das Wetter noch besser.

Schnell hole ich aus dem Kofferraum meinen Schlafsack, schlüpfe in einen ollen Trainingsanzug, putze mir mit etwas Sprudel die Zähne, klappe den Autositz so weit wie möglich zurück und krieche mit gemischten Gefühlen in meinen Schlafsack. In das Toben des Sturms mischen sich die ersten unsicheren Gedanken. Warum ist niemand hier? Ist das alles richtig so? Wird wenigstens morgen früh jemand kommen, um mich zu begrüßen? Mit diesen Gedanken schlafe ich schließlich ein.

Zwei Stunden später schrecke ich schlagartig hoch und drücke sofort auf die Türverriegelung. Meine Reflexe funktionieren noch. Ich bin hellwach. Ängstlich sehe ich mich um, und obwohl ich in der Dunkelheit nichts und niemanden erkennen kann, fühle ich mich beobachtet. Müsste der Hund nicht bellen? Lebt er noch? Ich habe eindeutig zu viele Gruselfilme geschaut. Mein Herz rast, und weil der Wind einige Wolken zur Seite geschoben hat, erleuchtet der Mond von einem Moment zum nächsten die Umgebung und taucht alles in eine gespenstische Mischung aus Schatten und Helligkeit. Noch einmal schaue ich nach rechts und links, dann in der Rückspiegel – und mich trifft fast der Schlag. Da steht ein Esel und guckt mich an. Alter Schwede, hast du mich erschreckt. Wo kommst du denn her? Ich lasse das Seitenfenster herunter, und im nächsten Augenblick steckt der ganze Eselkopf im Auto. Na hallo, rennst du hier draußen alleine rum? Bist du ausgebüchst? Darf’s etwas von dem trockenen Brötchen sein?

Autospiegel haben die perfekte Form, um sich mal die Nase zu kratzen

In aller Ruhe inspiziert der Esel den Innenraum des Autos und knuspert in Nullkommanix das harte Brötchen weg. Minuten später schlafe ich beruhigt ein und wache erst am nächsten Morgen wieder auf, weil das Auto leicht wackelt. Der Esel steht direkt neben dem Auto, reibt sich den Hintern an der Tür und nutzt anschließend den linken Außenspiegel, um sich damit in der Nase herumzupopeln. Praktisch, denke ich mir, und blicke in Richtung Haus. Noch immer keiner da. Langsam werde ich echt unruhig. Türe auf, Esel rein. Ich habe sofort seinen Kopf im Arm. Es tut unheimlich gut, den Esel umarmen zu können. Fest drücke ich mein Gesicht in sein Fell. Er riecht gut, der Esel, nach einer Mischung aus Moschus und Heu, und seine Ohren sind wunderbar flauschig. Immer wieder streichen meine Finger durch sein Fell. Ich kann gar nicht genug von diesem herrlichen Duft bekommen. Besonders die Stirn hat es mir angetan. Was für ein göttliches Parfum. Eau d’Esel.

Die frische Luft ist angenehm kühl. Sie schmeckt nach Regen und Gras. Wenn nur ein paar Menschen da wären. Ich hole mir aus dem Kofferraum etwas Essbares, greife eine Tüte Wiesenbussi-Pellets und setze mich, weil es draußen zu kalt und ungemütlich ist, wieder ins Auto zurück. Für mich gibt’s ein hart gekochtes Ei, den traurigen Rest eines belegten Baguettes vom Vortag, und der Esel verputzt eine Handvoll Leckerlis. Die vorsorglich eingepackten Wiesenbussis – ein gesunder Snack für alle Huftiere – kommen gut. Ich werde den Knabberspaß wohl etwas einteilen müssen.