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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2025
KÖNIGS ERLÄUTERUNGEN
Band 417
Textanalyse und Interpretation zu
Franz Kafka
Der Process
Volker Krischel
Alle erforderlichen Infos zur Analyse und Interpretation plus Musteraufgaben mit Lösungsansätzen
Zitierte Ausgaben: Franz Kafka: Der Prozess. Roman. Husum/Nordsee: Hamburger Lesehefte Verlag, 2022. (Die Ausgabe folgt Kafkas Handschrift; Interpunktion und Orthografie wurden behutsam angepasst). Zitatverweise sind mit HL gekennzeichnet. Franz Kafka: Der Proceß. Roman. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2008, 9. Auflage 2023 (ISBN 978-3-596-18114-8). (Die Ausgabe folgt auch in Interpunktion und Orthografie Kafkas Handschrift, übernimmt also Eigentümlichkeiten wie „Tronsessel“.) Zitatverweise sind mit F gekennzeichnet.
Über den Autor dieser Erläuterung: Volker Krischel, geb. 1954, arbeitete nach dem Studium der Germanistik, Geschichte, katholischen Theologie, Erziehungswissenschaften, klassischen Archäologie, Kunstgeschichte und Geografie mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter – besonders im Bereich der Museumspädagogik – am Württembergischen Landesmuseum Stuttgart. Bis zu seiner Pensionierung war er als Oberstudienrat in Gerolstein, Eifel, tätig. Er hat mehrere Arbeiten zu Autor:innen der neueren deutschen Literatur, zur Jugend- und Unterhaltungsliteratur sowie zur Museums- und Unterrichtsdidaktik veröffentlicht.
1. Auflage 2025
978-3-8044-7106-1
© 2025 by C. Bange Verlag GmbH, Marienplatz 12, 96142 [email protected] – www.bange-verlag.de Alle Rechte vorbehalten, darunter fällt auch eine Nutzung des Werks für Text und Data Mining im Sinne von §44b UrhG! Titelabbildung: Kyle MacLachlan als Josef K. in der Neuverfilmung (The Trial / Der Prozess) von 1993 © picture alliance/United Archives
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1. Das Wichtigste auf einen Blick – Schnellübersicht
2. Franz Kafka: Leben und Werk
2.1 Biografie
2.2 Zeitgeschichtlicher Hintergrund
Die „Dreinationenstadt“ Prag
Antisemitismus und Theodor Herzls Idee eines Judenstaates
Der Erste Weltkrieg und die Entstehung der Tschechoslowakei
2.3 Angaben und Erläuterungen zu wesentlichen Werken
3. Textanalyse und -Interpretation
3.1 Entstehung und Quellen
3.2 Inhaltsangabe
3.3 Aufbau
Fragmentarische Form
Josef K. und das Gericht
Verlaufsstruktur
Chronologie
Örtlichkeiten
3.4 Personenkonstellation und Charakteristiken
Lebensbereichs- und Personenkonstellation
Josef K.
Die Bank (Direktor, Direktor-Stellvertreter, Mitarbeiter)
Die Pension (Frau Grubach, Fräulein Bürstner)
Das Gericht (Frau des Gerichtsdieners, Leni, Advokat Huld, Maler Titorelli, Geistlicher)
Die Familie (Onkel, Mutter, Cousine)
Der Stammtisch (Staatsanwalt Hasterer)
Die „Geliebte“ (Elsa)
3.5 Sachliche und sprachliche Erläuterungen
3.6 Stil und Sprache
3.7 Interpretationsansätze
3.8 Schlüsselstellenanalysen
4. Rezeptionsgeschichte
5. Materialien
Der Apfel der Erkenntnis
Der unableitbare Gedanke der Selbstbestrafung
6. Prüfungsaufgaben mit Musterlösungen
Aufgabe 1 *
Aufgabe 2 *
Aufgabe 3 **
Aufgabe 4 ***
Aufgabe 5 *
Aufgabe 6 ***
Lernskizzen und Schaubilder
Literatur
Zitierte Ausgaben
Primärliteratur
Lernhilfen, Kommentare, Arbeitsmaterial für Schüler
Sekundärliteratur
Rezensionen
Sonstige Literatur
Internet-Adressen
Verfilmungen
Damit sich alle Leser:innen in unserem Band schnell zurechtfinden und das für sie Interessante gleich entdecken, hier eine Übersicht.
Im 2. Kapitel beschreiben wir Kafkas Leben und stellen den zeitgeschichtlichen Hintergrund dar:
Franz Kafka lebte von 1883 bis 1924 die meiste Zeit in Prag, das damals zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn gehörte.
Das Leben in Prag wurde von den Konflikten zwischen seinen drei Hauptbevölkerungsgruppen, den Tschechen, den Deutsch-Österreichern und den Juden, geprägt.
Aus dem tschechischen Nationalismus entsteht ein neuer Antisemitismus.
Der jüdische Feuilletonist Theodor Herzl entwickelt die Idee eines eigenen Judenstaates.
Der Erste Weltkrieg bringt den Zerfall des Vielvölkerstaates Österreich-Ungarn und die Entstehung der Tschechoslowakei.
Der Proceß ist einer von Kafkas drei fragmentarisch gebliebenen Romanen und wurde posthum veröffentlicht. Daneben besteht Kafkas Gesamtwerk aus Erzählungen, Briefen und Tagebüchern.
Im 3. Kapitel bieten wir eine Textanalyse und -interpretation.
Die Romanentstehung ist stark mit Kafkas eigener Lebenssituation verbunden (Verlobung mit Felice Bauer, Entlobung im Juli 1914, seine ungeliebte Arbeit als Versicherungsangestellter). Sein Briefwechsel mit der Berliner Angestellten Felice Bauer zeugt von seinem Konflikt zwischen dem Traum von einer freien Schriftstellerexistenz und der Absicht zu heiraten. Aber auch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges dürfte ein Anstoß zur Arbeit am Roman gewesen sein. Kafkas kreative Schreibphase begann ab August 1914 und versiegte im Dezember 1914, der Roman blieb unvollendet.
Der Roman umfasst 10 Kapitel und 6 Fragmente.
Der Bankbeamte Josef K. wird eines Morgens fast überfallartig im Auftrag eines geheimnisvollen Gerichts verhaftet. Er ist sich keiner Schuld bewusst und bekommt auch keine konkrete Anklage mitgeteilt. Auch kann er sein Leben so weiterführen wie bisher. Der Roman schildert, wie der Prozess immer mehr Josef K.’s Leben beeinflusst, und seine vergeblichen, z. T. tragisch-grotesken Versuche, bis zum Gericht vorzudringen. Schließlich lässt er sich fast freiwillig hinrichten.
Der Roman spielt innerhalb eines Jahres. Schauplätze sind der private und berufliche Lebensbereich Josef K.’s sowie die Örtlichkeiten, an die er durch seine „Prozesssituation“ zu gehen veranlasst wird (v. a. der Sitzungssaal, die Kanzleien, die Wohnung seines Advokaten, der Dom).
Die Hauptfiguren sind
Josef K.:
Karrierebeamter, Standesdünkel,
selbstzufrieden, überheblich,
Frau Grubach:
einfach, mütterlich,
vorwitzig,
Fräulein Bürstner:
selbstbewusst, modern,
emanzipiert,
Leni:
dominant,
sexuell-animalisch,
Advokat Huld:
alt, krank,
dominant,
Maler Titorelli:
Bohemien, Lebenskünstler,
geschickter Taktierer,
Staatsanwalt Hasterer:
angesehen,
gefürchtet.
Alle anderen Personen sind eher „Typen“, die nur nach ihrer Funktion bezeichnet werden. Alle Personen werden ausführlich und in ihrer Beziehung zueinander vorgestellt.
nüchterner, sachlicher, unbeteiligter Sprachstil,
von seiner Arbeit als Jurist geprägt,
gezielter Einsatz sprachlicher Mittel,
monoperspektivisches, personales Erzählen.
Der Proceß gehört zu den am häufigsten interpretierten Werken der Weltliteratur. Neben einem Überblick über die klassisch-historischen Interpretationsversuche werden drei neuere Interpretationsansätze vorgestellt:
Der Proceß ist
die Wiedergabe einer traumhaften Einbildung,
ein (homo-)erotischer Roman,
ein grotesk-komischer Roman.
Franz Kafka
(1883–1924)© picture alliance / ullstein bild
Jahr
Ort
Ereignis
Alter
3. Juli 1883
Prag
Franz Kafka wird als 1. Kind des deutsch-jüdischen Kaufmanns Hermann Kafka (1852–1931) und seiner Frau Julie, geb. Löwy (1856–1934), geboren.
1889–1893
Prag
Besuch der „Deutschen Knabenschule am Fleischmarkt“; Geburt der Schwestern Gabriele, genannt Elli (1889), Valerie, genannt Valli (1890), Ottilie, genannt Ottla (1892); die jüngeren Brüder Georg (1885) und Heinrich (1887) sterben bereits im Kindesalter.
6–10
1893–1901
Prag
Besuch des humanistischen „K. K. Staatsgymnasiums mit deutscher Unterrichtssprache in Prag-Altstadt“, in dieser Zeit entstehen Frühwerke, die später von Kafka vernichtet werden.
10–18
1896
Prag
Bar-Mizwa
13
1900
Triesch Roztok bei Prag
Ferien bei seinem Lieblingsonkel, dem Landarzt Siegfried Löwy in Triesch, Sommerferien mit den Eltern in Roztok bei Prag.
17
1901
Norderney, Helgoland
Abitur, Ferien mit seinem Onkel Siegfried Löwy auf Norderney und Helgoland; Studienbeginn an der „Deutschen Universität Prag“, zunächst Chemie, dann Jura, nebenbei hört er kunstgeschichtliche Vorlesungen.
18
1902
Prag
Germanistikstudium, ab dem Wintersemester Fortführung des Jurastudiums; erste Begegnung mit Max Brod (1884–1968).
19
1903
Weißer Hirsch bei Dresden
Rechtshistorische Staatsprüfung; erster Sanatoriumsaufenthalt (im Weißen Hirsch bei Dresden, danach in Südböhmen); Arbeit am verschollenen Roman Das Kind und die Stadt.
20
1904
Prag
Beginn der Arbeit an Beschreibung eines Kampfes, Erzählungen, Skizzen und Prosagedichten.
21
1905
Zuckmantel
Im Sommer: Sanatorium Schweinburg in Zuckmantel, im Winter: Beginn der regelmäßigen Zusammenkünfte mit den Freunden Oskar Baum, Felix Weltsch und Max Brod.
22
1906
Prag
Volontariat in einer Advokatur, Promotion zum Dr. jur., Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande.
23
1906–1907
Prag
„Rechtspraxis“ zunächst beim Landgericht, dann beim Strafgericht.
23–24
1907
Prag
Ab Oktober: Aushilfskraft in der Assicurazioni Generale in Prag.
24
1908
Prag
Erste Veröffentlichung: 8 Prosastücke aus dem späteren Band Betrachtung in der Zeitschrift Hyperion; Eintritt als „Aushilfsbeamter“ in die „Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen“ in Prag,
25
Tetschen Cernosic
erste Dienstreise nach Tetschen und Cernosic; Beginn der engen Freundschaft mit Max Brod.
1909
Riva Tetschen Pilsen
Ferienreise mit Max und Otto Brod nach Riva am Gardasee; zahlreiche Dienstreisen (Tetschen, Pilsen, Maffersdorff); Aeroplane in Brescia, Beginn der Tagebücher.
26
1910
Prag
Ernennung zum „Anstaltsconcipisten“; Besuch von Wahlversammlungen und sozialistischen Massenveranstaltungen sowie einer jiddischen Schauspieltruppe;
27
Paris
Ferienreise mit Max und Otto Brod nach Paris.
1911
Friedland Italien Paris Erlenbach bei Zürich
Dienstreisen u. a. nach Friedland, Reichenberg und Grottau; Ferienreise mit Max Brod an die oberitalienischen Seen und nach Paris; Aufenthalt im Naturheilsanatorium Fellenberg in Erlenbach bei Zürich; stiller Teilhaber an einer Asbestfabrik; Leidenschaft für das jiddische Theater, Freundschaft mit dem jiddischen Schauspieler Jizchak Löwy, Beschäftigung mit dem Judentum.
28
1912
Prag Weimar Harz
Erste Fassung des Romans Der Verschollene; Ferienreise mit Max Brod nach Weimar, Aufenthalt im Naturheilsanatorium „Just’s Jungborn“ im Harz; Zusammenstellung des ersten Bandes Betrachtung; lernt im Hause Brod Felice Bauer kennen, Beginn der Korrespondenz mit ihr; die Erzählungen Das Urteil und Die Verwandlung entstehen.
29
1913
Prag
Ernennung zum „Vice-Sekretär“; verschiedene Treffen mit Felice Bauer, Heiratsantrag an Felice Bauer; Begegnung mit Grete Bloch und Beginn der Korrespondenz;
30
Wien
Dienstreisen mit seinem Vorgesetzten nach Wien; Heirat Max Brods; Der Heizer.
1914
Berlin
Offizielle Verlobung mit Felice Bauer; Verlockung im Dorf, Aussprache mit Felice Bauer im Berliner Hotel „Askanischer Hof“ und Lösung der Verlobung; Beginn der Arbeit am Roman Der Proceß; die Erzählung In der Strafkolonie entsteht.
31
1915
Ungarn Frankenstein
Erstes Wiedersehen mit Felice Bauer; Reise nach Ungarn; Sanatoriumsaufenthalt in Frankenstein bei Rumburg; Carl Sternheim gibt die mit dem Fontanepreis verbundene Geldsumme an Kafka weiter.
32
1916
Marienbad München
Ferien mit Felice in Marienbad (inoffizielle Verlobung); öffentliche Lesung in München; Der Gruftwächter, Fragmente von Der Jäger Graccus, mehrere Erzählungen, u. a. Ein Landarzt.
33
1917
Prag
Ein Bericht für eine Akademie, Die Sorge eines Hausvaters, Beim Bau der Chinesischen Mauer; zweite offizielle Verlobung mit Felice; erster Blutsturz, Beginn der Lungentuberkulose; Entlobung mit Felice.
34
1918
Prag
Hebräischstudien.
35
1919
Schlesien Prag
Verlobung mit Julie Wohryzek; Brief an den Vater; Felice Bauer heiratet.
36
1920
Prag
Beförderung zum „Anstaltssekretär“; Entlobung von Julie Wohryzek; erster Entwurf zu Das Schloss;
37
Matliary
Sanatoriumsaufenthalt in Matliary (Hohe Tatra); Freundschaft mit Robert Klopstock; Begegnung mit Milena Jesenská.
1921
Prag
Erstes Leid.
38
1922
Prag
Ein Hungerkünstler, Fürsprecher, Beginn mit der Arbeit am Roman Das Schloss; Beförderung zum „Obersekretär“, vorzeitige krankheitsbedingte Pensionierung; letzte Begegnung mit Milena Jesenská.
39
1923
Berlin
Hebräischstudien; lernt Tile Rößler und Dora Dymant (Diamant) kennen; Übersiedlung nach Berlin zusammen mit Dora Diamant; Eine kleine Frau, Der Bau.
40
1924
Prag
Rückkehr nach Prag; die Erzählung Josefine, die Sängerin entsteht; Diagnose Kehlkopftuberkulose;
40
Kierling
in Begleitung Klopstocks und Dora Diamants ins Sanatorium Hoffmann in Kierling bei Klosterneuburg; Doras Vater verweigert seine Zustimmung zur Eheschließung; Kafka stirbt am 3. Juni, einen Monat vor seinem 41. Geburtstag.
Prag
Am 11. Juni Begräbnis auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag.
1925
Berlin
Max Brod gibt das Romanfragment Der Proceß heraus.
1942
Chelmno
Tod der Schwestern Elli und Valli im Vernichtungslager.
1943
Auschwitz
Tod der Schwester Ottla im Konzentrationslager.
1944
Ravensbrück Auschwitz
Tod Milena Jesenskás im Konzentrationslager Ravensbrück und Grete Blochs in Auschwitz.
Zusammenfassung
Heimatstadt Prag
Sprachkonflikte
identitätslose Situation der jüdischen Bevölkerung Prags zwischen Deutschen und Tschechen
Aufkommen eines neuen Antisemitismus und Theodor Herzls Idee eines eigenen jüdischen Staates (Zionismus)
Erster Weltkrieg und die Entstehung der Tschechoslowakei
Kafkas Leben und Werk wurden wesentlich durch seine Heimatstadt Prag und durch seine jüdische Herkunft geprägt.
Prag, seit dem Mittelalter europäische Metropole und zeitweise Sitz der böhmischen Könige, aber auch Residenz der Habsburger, war einerseits geprägt vom Glanz seiner Vergangenheit, der, sich in charakteristischer Weise mit den neuen Aspekten einer modernen Industrie- und Verwaltungsmetropole überlagernd, das „Gesicht Prags als ‚Goldene Stadt’ konturierte“[2]. Andererseits war die Stadt aber auch vom Gegensatz zwischen der in den Niederungen des Moldauknies liegenden Altstadt mit ihrer Wohn- und Arbeitswelt und dem ihr quasi gegenüberliegenden weltlichen und kirchlichen „Herrschaftsbereich“, symbolisiert durch den hoch gelegenen Hradschin sowie den Veitsdom, geprägt. Kafka hat diesen durch die Topografie der Stadt bedingten, aber wohl auch selbst erlebten Kontrast zwischen unten liegendem Lebensbereich und quasi nach oben entrücktem Herrschaftsbereich mehrfach in seinem Werk dargestellt, besonders deutlich in seinen Romanen Der Proceß und in Das Schloss.
Prag gehörte bis zu seiner Auflösung 1918 zum Vielvölkerstaat der Habsburger Monarchie, und diese „Vielvölkersituation“ spiegelte sich im Kleinen auch in Prag wider. Die Stadt wurde von drei Nationen bewohnt: Seit dem 9./10. Jahrhundert lebten in Prag neben den einheimischen Tschechen die eingewanderten Deutschen und die (Tschechisch oder Deutsch sprechenden) Juden.
Die ständigen Auseinandersetzungen dieser drei Bevölkerungsgruppen untereinander prägten die Stadt und machten Prag über Jahrhunderte hinweg zum Treffpunkt westlicher und östlicher Kulturen.
Mit etwa 90 % bildeten die Tschechen zu Kafkas Lebzeiten die Bevölkerungsmehrheit der Stadt. Die deutsch-österreichische Bevölkerungsgruppe machte ca. 5 % der Gesamtbevölkerung aus, und die restlichen 5 % fielen auf den jüdischen Bevölkerungsteil.[3]
Infolge der Niederlage des tschechisch-protestantischen Adels im Dreißigjährigen Krieg und der Rekatholisierung war das Tschechische zur Sprache der niederen Schichten abgesunken bei gleichzeitigem Aufstieg des Deutschen (und Französischen) zur Hofsprache.
Und noch im Prag des Habsburgerreiches des 19. Jahrhunderts bildeten die Tschechen hauptsächlich die untere und mittlere Bevölkerungsschicht, während die deutsch-österreichische Bevölkerung die dünne Oberschicht Prags stellte. Deutsch war durch Kaiser Josef II. (1765–1790) zur offiziellen Amtssprache im ganzen Habsburger Reich erhoben worden. Jedoch waren um 1900 nur ca. 10 % der Einwohner Prags deutschsprachig.[4]
Durch die unter Josef II. einsetzende Verdeutschung Prags entstand bei der tschechischen Bevölkerungsgruppe als Gegenreaktion ein anti-deutscher, aber auch anti-semitischer tschechischer Nationalismus. Während die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe kaisertreu und nach Wien ausgerichtet war, strebte die tschechische Bevölkerung zum großen Teil die Befreiung von der österreichischen Herrschaft an.
Dieser deutsch-tschechische Gegensatz spiegelte sich auch in der „Dopplung im Kulturellen“[5] wider. So gab es etwa parallel deutsche und tschechische Theater, aber auch die deutsche Karls-Universität und die tschechische Universität sowie tschechische und deutsche Schulen.
Die jüdische Bevölkerung Prags stand zwischen der verfeindeten deutschen und tschechischen Bevölkerungsgruppe, lehnte sich aber zum großen Teil der deutschen Bevölkerungsgruppe an. Das führte dazu, dass sich der Nationalismus der tschechischen Bevölkerung nicht nur gegen die Deutschen, sondern auch gegen die Juden richtete.
Viele Juden besuchten deutsche Schulen und Universitäten, weil sie (wie auch Kafkas Vater) glaubten, sich dadurch gutes berufliches Weiterkommen und gesellschaftlichen Aufstieg zu ermöglichen. So waren 1904 bei einem Bevölkerungsanteil (in Böhmen) von nur 1,46 % an der Prager Deutschen Karls-Universität 29,8 % der Studenten Juden. Die Juden stellten aber nur 1 % der Studenten der tschechischen Universität Prags. 29,2 % der Studenten der deutschen Technischen Hochschule waren Juden, aber nur 1,2 % der tschechischen Technischen Hochschule. 90 % aller jüdischen Kinder gingen auf deutsche Schulen.[6]
Besonders im literarischen und journalistischen Bereich waren die Juden gerade in der Generation Kafkas äußerst erfolgreich. Erwähnt seien hier nur Max Brod, Felix Weltsch, Willy Haas sowie Franz Werfel, Ernst Weiss und schließlich Franz Kafka selbst.
Dass die jüdische Bevölkerung des Habsburgerreiches (mehr oder weniger) gleichberechtigt mit und neben den anderen Nationen des Habsburger Vielvölkerstaates leben konnte, verdankt sie dem Toleranzedikt des Kaisers Josef II. und seiner Erweiterung durch Kaiser Franz Josef (1848–1916) im Jahr 1849. Erst jetzt begann die sog. Emanzipation der Juden, die bisher an ein Leben in Ghettos gebunden waren. Noch Kafka erinnerte sich an das verwinkelte Prager Judenghetto, das erst zu seiner Zeit abgerissen und durch ein Viertel im Stil der Belle Époque ersetzt wurde.
Mit der Judenemanzipation einher ging jedoch auch ein neuer aus dem tschechischen Nationalismus aufkeimender Antisemitismus. Die meisten Juden waren deutschsprachig, und so enthielt die anwachsende anti-deutsche Stimmung im tschechischsprachigen Kleinbürgertum immer auch antisemitische Tendenzen. Verstärkt wurden sie zudem noch durch die relative wirtschaftliche Besserstellung der Juden. Im Nationalismus und in der Judenfeindlichkeit fand die durch die soziale Unsicherheit im Rahmen der Säkularisierung und Industrialisierung orientierungslos gewordene tschechische Unter- und Mittelschicht den Halt, den sie suchte.[7] So nahmen antisemitische Ausschreitungen trotz der Judenemanzipation und der Aufhebung der Ghettos zu. Kafka selbst wurde mehrfach mit antisemitischen Ausschreitungen konfrontiert: Als 16-jähriger Gymnasiast erlebte er die antijüdischen Ausschreitungen infolge des Sturzes der Regierung Badeni in Wien (1897). Es kam u. a. zum Prager „Dezembersturm“, der sich auch gegen die sog. Tschecho-Juden richtete.
1899 wurde in Böhmen ein tschechisches Mädchen ermordet aufgefunden. Der Mord wurde einem jüdischen Hausierer angehängt und von den Antisemiten zum jüdischen Ritualmord hochstilisiert. Die Folge war eine ungeheure Welle des Judenhasses. Arnold Zweig verarbeitete dieses Ereignis in seiner Tragödie Ritualmord in Ungarn. Als Kafka dieses Werk 1916 las, war er tief betroffen.
Bewusst selbst erlebt hat Kafka die gewaltsame Ausschreitung gegen Deutsche, vor allem aber gegen Juden, in Prag im November 1920. Er berichtet Milena Jesenská darüber:
„Die ganzen Nachmittage bin ich jetzt auf den Gassen und bade in Judenhass. Prasivé plemeno [d. h. räudige Rasse] habe ich jetzt einmal die Juden nennen hören. Ist es nicht das Selbstverständliche, dass man von dort weggeht, wo man so gehasst wird. (...) Gerade habe ich aus dem Fenster geschaut: berittene Polizei, zum Bajonettangriff bereite Gendarmerie, schreiende auseinander laufende Menge und hier oben im Fenster die widerliche Schande, immerfort unter Schutz zu leben.“[8]
Viele Juden hatten, wie auch Kafkas Vater, durch die Assimilation an die deutsche Kultur ihre Identität mit der jüdischen Religion verloren. Die religiösen Riten und Feste waren für sie nur noch zu inhaltslosen gewohnheitsmäßigen Gesten geworden. Aber auch der Versuch, eine neue Identität durch „Integration unter den fremden Völkern“[9] zu erreichen, wurde durch die antisemitischen Ausschreitungen und Stimmungen bei diesen Völkern erschwert.
So fand die Idee des Wiener Feuilletonisten Theodor Herzl (1860–1904), die er 1896 in seinem Buch Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage bekannt machte, bei vielen europäischen Juden Anklang. Herzl sah als einer der Ersten das Judentum, das bisher nur als kulturelle und religiöse Gemeinschaft gesehen wurde, auch als eine nationale Einheit. Er verstand sich daher weniger als religiöser Führer, sondern als Politiker. In einer Zeit, in der in vielen europäischen Ländern antisemitische Stimmungen aufkeimten, suchte er die „Judenfrage“ politisch zu lösen.
Mit seiner Idee eines eigenen Judenstaates fand Herzl nicht nur Zustimmung bei den säkularisierten Juden, sondern auch für die Strenggläubigen war die von ihm geforderte „Rückkehr der Juden nach Palästina“[10] die Erfüllung uralter religiöser Forderungen. Den in der alten Heimat ansässigen Arabern wollte man das Land Stück um Stück abkaufen. So sollte allmählich ein eigener Staat auf einem eigenen Territorium entstehen.
Nach dem Berg Zion, dem Hügel des alten Jerusalem, auf dem die Burg Davids gestanden hatte, nannten sich die Juden, die für die Gründung eines neuen jüdischen Staates in Palästina eintraten, „Zionisten“.
Der Zionismus stärkte das jüdische Selbstverständnis. In vielen europäischen Städten entstanden zionistische Bewegungen. 1909/1910 hielt der jüdische Philosoph Martin Buber Vorträge in Prag, die starken Eindruck auf Kafka machten und ihn veranlassten, sich noch stärker mit jüdischer Literatur und seiner jüdischen Herkunft zu beschäftigen.
Bei Kafkas Freund Max Brod (1884–1968) vertieften die Vorträge und Begegnungen mit Martin Buber sein Verständnis des Judentums. Er wandte sich 1913 dem Zionismus zu, was zunächst zu einem Bruch in seiner Freundschaft mit Kafka führte, der zuerst eine eher abwertende Haltung zum Zionismus vertrat.
1914 führte der gewalttätige Nationalismus die Welt in die Katastrophe. Am 28. Juni 1914 erschoss der serbische (bosnische) nationalistische Student Gavrilo Principi in Sarajewo den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin. Die Spuren führten nach Serbien. Trotz mehrerer Vermittlungsversuche erklärte Österreich am 28. Juli 1914 Serbien den Krieg und stürzte die Welt in den 1. Weltkrieg.
Kafka wurde gemustert, aber vom Waffendienst befreit, weil er „Beamter eines staatsnotwendigen Instituts“[11] war. Er beobachtete missmutig die patriotischen Umzüge und lauschte zynisch den Heilrufen auf den Kaiser: „Endlich hatten jüdische Handelsleute wieder einmal Gelegenheit, ihre nationalistischen Gefühle zu pflegen.“[12] Kafka selbst konnte diese Gefühle nicht nachempfinden; im Gegensatz zu den begeisterten Zuschauern, die die österreichische Artillerie am 6. August nach der österreichischen Kriegserklärung an Russland jubelnd mit Blumen begrüßten, fühlte sich Kafka elend und unzufrieden.[13]