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Jonas sehnt sich nach Liebe, erträumt sie sich zunächst - und stellt überrascht fest, dass sie schon längst in seinem Leben ist... Der Roman stellt einen sensiblen Träumer in den Mittelpunkt, der in Geschichten lebt, sie umdichtet, weiter spinnt. Es ist ein Liebesroman, aber auch ein Buch über das Lesen, über Fantasie und Kreativität... "Sag mal, mein lieber Kirschbaum, wie kann man Glück eigentlich definieren?" "Glück definieren? Tja, Glück. Glück ist: ein lächelndes Kindergesicht zu beobachten, ein Schmetterling, der sich auf eine schöne Blume niedersetzt, die leuchtenden, funkelnden Augen eines beschenkten Menschen." "Sag mir noch mehr Beispiele." "Nein, ich bin müde. Lass uns schlafen." "Ein letztes noch, bitte." "Ich liebe dich, mein Stern." "Gute Nacht." Der Stern schloss freudig seine Augen, der Baum begab sich ebenfalls zur wohlverdienten Ruhe.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Jannis Plastargias
Der träumende Jonas
Jannis Plastargias
Der träumende Jonas
Roman
ImpressumDer träumende JonasJannis Plastargiaspublished by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.deCopyright: © 2012 Jannis PlastargiasISBN 978-3-8442-2507-5
Erneut dem schönsten Mann der Welt gewidmet
Inhaltsverzeichnis:
Neben einem Namensverzeichnis gibt es einen kleinen Prolog, dann folgt die Geschichte, der Dank und ein paar Empfehlungen...
»Ich träumte einst, ich sei ein Schmetterling, ein hin und her flatternder, in allen Zwecken und Zielen ein Schmetterling. Ich wusste nur, dass ich meinen Launen als Schmetterling folgte, und war meines Menschenwesens unbewusst. Plötzlich erwachte ich; und da lag ich: wieder ´ich selbst´. Nun weiß ich nicht: war ich da ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder bin ich jetzt ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch?« (Tschuang-Tse)
»Ich glaube, ich träume. Ich träume aber nicht.«
(Christian, dreieinhalb Jahre alt)
Namensverzeichnis:
Jonas: achtzehn Jahre alt, französischer Hintergrund, braune Haare, leicht gelockt, liest viel, träumt noch mehr, schreibt... sehnt sich nach Liebe... heißt auch Lance(lot), Scheherazadios, Aladdin, Romeo Greschbach, Cheng, Jean, Noureddin, Schahzeman...
Max: sechzehn Jahre alt, goldblonde Haare, Holländer, aus Amsterdam, spielt eine große Rolle, obwohl er meist dort ist, heißt auch Douban, Maxi, Badouro, Julian Andlau, goldenes Sonnenkind...
Patrick: sechzehn Jahre alt, mittelblond, braune Augen, Graffiti Sprayer (Writer), berauscht sich nur dadurch, Naturwissenschaftler, weiß nicht, wie ihm geschieht..., heißt auch Artus, Khacan, Padraig, junger Prinz, Duan, Julien, Caschcasch...
Yasar: achtzehn Jahre alt, türkischer Hintergrund, Biologiegenie, Schulfreund von Jonas, hat eine Freundin, Depressionen vermutlich auch, schwieriges Verhältnis zu Jonas, der einst in ihn verliebt war, leidet wie Jonas darunter, in einem kleinen Kaff zu wohnen, heißt auch Camaralzaman, ist im ´Rat der Zehn´...
Dali: achtzehn Jahre alt, kroatischer Hintergrund, beste Freundin von Jonas, Künstlerin, sehr intelligent und entschieden, war einst in Jonas verliebt, voller Name Daliborka, heißt auch Zobeida, Morgaine, Buchhalterin...
Sebastian: elf Jahre alt, „kleiner Bruder“ von Jonas, unternimmt manchmal etwas mit Jonas, sehr reif für sein Alter, heißt auch Engel Sebastian, Dinarzadios, Amino...
Aleks: sechzehn Jahre alt, polnischer Hintergrund, sehr religiös und homophob, Sportler, smart, heißt auch Wächter, Saouy, Ritter Gareth, Engel Aleks, Beamter...
Elsa: Schwester von Jonas, älter als er, ihr Partner heißt Jürgen, haben nicht viel Kontakt zu Jonas, fahren trotzdem gemeinsam in Urlaub
Sascha: siebzehn Jahre alt, guter Freund von Patrick, auch Graffiti Sprayer, sehr nett, hat viele Freunde, sehr kommunikativ
Christoph: achtzehn Jahre alt, auch in der Clique von Sascha, kommt meistens nur in den Träumen von Jonas vor
Hannes: vier Jahre alt, Schweizer, Urlaubsbekanntschaft, multilingual
Conor: der irische Sänger Conor J. O'Brien, seine Band heißt Villagers, sie mag Jonas, Conor kommt nur in Träumen vor
João Nikiforow: unbestimmbares Alter, fast unbestimmbare Herkunft, Stricher, trotzdem weit gereist, kommt nur in Träumen vor, ist der beste Liebeslehrer für Jonas, Freund von Alejandro
Nenad und Fabian: etwa in Jonas´ Alter, ebenso kreativ wie Aleks, kommen nur in Träumen vor...
Steffen: der erste Schwarm von Jonas, merkt später, dass er auch schwul ist, spielt Tischtennis
Christine: achtzehn Jahre alt, in der Klasse von Jonas, weiß nicht, was sie von Patrick halten soll, heißt auch Gwenhwyfar
Julien: ein Breaker und Sprayer, Bruder von Jerôme, schwul, wie sich am Ende herausstellt, heißt auch Raschid und Erzengel Julien
Jens, Tobi, Claudia, Christina, Hotte etc.: viele Namen, Jonas hat einen sehr großen Bekanntenkreis, die meisten sind aber recht unwichtig für die Geschichte
Prolog
Was möchtest du denn gerne lesen? wird Jonas in der Buchhandlung gefragt, und er denkt sich: Mann, ich möchte Bücher lesen, die von Liebe handeln, aber nicht immer nur dieses Mann-Frau-Ding, die ganze Weltgeschichte dreht sich ja wohl nur darum, aber wo sind denn diese anderen Geschichten? Aber kann er das aussprechen? Er tut es nicht. Es gibt diese andere Literatur – nur nicht in der Schule, nicht in der Bibliothek seiner Eltern, nicht in den Regalen seiner Freunde. Aber es ist ihm auch zu peinlich danach zu fragen... Es gibt sie und man kann sie bestellen, aber er möchte gute Sachen lesen, etwas empfohlen bekommen... Leichter ist es, die Geschichten, die er zu lesen bekommt, umzudichten, so wie sie ihm passen...
Welchen Film möchtest du gerne sehen? wird Jonas bei den DVD-Abenden gefragt, und er denkt sich: Mann, die Filme, die ich gerne sehen möchte, schaut ihr euch nicht mit mir an, da bin ich mir sicher. ´Kultfilme´ schauen sie sich an, sie gefallen ihm, aber er möchte diese anderen Filme sehen, ja, es gibt sie, und heutzutage gibt es Möglichkeiten, sie im Netz herunterzuziehen, doch möchte er sich auch darüber austauschen. Er schaut sich diese Kultfilme mit seinen Freunden und seiner Familie an – und dichtet sie in Gedanken um.
Wovon träumst du? wird Jonas von seiner Schwester gefragt, und er denkt sich: Mann, das kann ich dir nicht sagen, das möchtest du nicht wissen, du würdest dich sehr wundern...
Und am liebsten möchte Jonas nicht mehr träumen, er sehnt sich nach Liebe, will diese leben, doch wie? Doch wie! Da ist niemand, der ihn lieben möchte. So erträumt er sich die Liebe, ständig und überall...
Wer möchtest du sein? wird Jonas von seinen Lehrern gefragt, und er denkt sich: Ich bin jemand, der liebt, ich bin jemand, der Geschichten erzählt, ich bin jemand, der träumt...
Da stand er plötzlich: Goldblonde, glänzende Haare, blaue, wild funkelnde Augen, ein süßes Stupsnäschen, ein atemberaubendes Lächeln. Er glaubte, den süßesten Jungen auf der ganzen Welt vor sich zu sehen. In Kehl kannte er alle Gesichter, ihn jedoch hatte er noch nirgends zuvor gesichtet. Er wäre ihm aufgefallen. Der Junge diskutierte gerade mit seinen Eltern, welche Wurst sie sich kaufen sollten. Jonas versuchte unauffällig näher zu rücken. Sie sprachen holländisch miteinander. Der süßeste Junge der Welt war also ein Holländer. Jonas nannte ihn, in Gedanken, Max, ja, dieser Name passte. ´Max´ und Eltern hatten sich entschieden und liefen weiter, genauso wie Elsa, Jonas´ Schwester. Geistesabwesend tat er die Lebensmittel, die auf seinem Einkaufszettel standen, in seinen Einkaufswagen; währenddessen suchten seine Blicke den Holländer.
Elsa fragte ihn, ob sie nun alles haben. Sie müssten noch in die Backstube, antwortete er. Danach gingen sie an die Kasse, um zu bezahlen.
Sie luden die Lebensmittel in Elsas Auto und fuhren heim. Ein Holländer. Bestimmt Tourist. Aber in Kehl? Vielleicht sind sie gerade erst hierhergezogen. Hoffnung. Aber nein! Warum sollten Holländer nach Kehl ziehen? Ich würde das niemals freiwillig tun, dachte er sich, ich werde ihn niemals wieder sehen!
Daheim angekommen nahm Jonas die Dinge, die für ihn bestimmt waren, aus Elsas Wagen. Er war alleine zuhause. Seine Eltern waren nach Frankreich gefahren, zur Verwandtschaft. So war Jonas für den Haushalt verantwortlich. Elsa wohnte mit ihrem Freund Jürgen zusammen.
Es war viertel vor zwei. Gerade rechtzeitig, um in Richtung Baggersee aufzubrechen. Er musste die zehn Kilometer nach Legelshurst mit seinem Fahrrad bewältigen. Kurz vor Neumühl war eine steile Brücke, die das schlimmste Hindernis auf der ganzen Strecke darstellte, danach war der Weg in Ordnung. An der Kirche vorbei, nach links abbiegen. ´Auf dem Stein´ nach rechts. Und dann auf den Fahrradweg, der durch Mais- und Mohnfelder führte. Über die Eisenbahnschienen. Am Reitstall nach links. Dann rechts – und hier endlich erblickte man den Baggersee. Er schloss sein Fahrrad ab und suchte... Sascha und Daniel; als er sie fand, legte er sich zu ihnen. Er fragte sie, wo Patrick ist, und sie antworteten, dass er wahrscheinlich zu Hause am ´Pennen´ sei.
Jonas legte sich zu den beiden Jungen und zog sich rasch aus. Er schloss die Augen und dachte an Patrick, an die mittelblonden Haare, die braunen Reh-Augen, an das neckische Lächeln, das liebe Gesicht mit den milden Zügen. Der dunkelhaarige Lockenkopf Jonas hatte wohl eine Schwäche für Blonde.
*
Die Nebel von Avalon: Lancelot (Jonas) hat sich in Artus´ Braut Gwenhwyfar (Christine) verliebt. Gwen kann keine Kinder kriegen, doch Artus (Patrick) sucht die Schuld bei sich, denn er weiß nichts von seinem Kind Gwydion, das er mit Morgaine (Dali), seiner Schwester, bei ihrer Hirschkönighochzeit zeugte. Das Gerücht geht um, dass Lance (Jonas) für Artus (Patrick) mehr als nur ein guter Freund ist. Es wird von Knabenliebe gesprochen. In einer Nacht überredet Artus (Patrick) Lance (Jonas) und Gwen (Christine) dazu, miteinander zu schlafen, um ihm einen Thronfolger zu zeugen. Die beiden willigen nach langem Widerspruch ein, obwohl Gwen (Christine) eine enthusiastische Christin ist, die diese Sache nicht mit ihrem Glauben vereinbaren kann.
Bettszene, zu dritt: Lance (Jonas) liebt Gwen (Christine), Artus (Patrick) liebkost Lance (Jonas), streichelt ihn, Gwen (Christine) sieht es genau. Artus (Patrick) will mit Lance (Jonas) schlafen. Dies ist sein größter Wunsch, seine tiefste Sehnsucht, doch Lance (Jonas) liebt Gwen (Christine) und die Frauen. Ein Zusammenkommen ist unmöglich.
Viele Jahrhunderte später: Jonas, der genauso aussieht, wie er sich Lance vorstellt: Dunkle, lockige Haare, braungebrannt, freundliche, gutmütige Art, trifft auf Patrick, der in den Phantasien von Jonas Artus gleicht. Doch diesmal ist es Lance (Jonas), der die Knaben liebt, und insbesondere seine Majestät Artus (Patrick), der jetzt jedoch seine Augen auf das weibliche Geschlecht geworfen hat. Das ist quasi die vom Schicksal auferlegte Strafe für Lance (Jonas), Artus (Patrick) in einem früheren Leben abgewiesen zu haben.
*
»Jonas«, brüllte Sascha, »du willst doch nicht abratzen, oder?«. »Was?« fragte Jonas, »was ist los?« Er war etwas verwirrt, brauchte einen Moment, um in der Gegenwart anzukommen.
Er forderte ihn auf, mit ins Wasser zu kommen. Sie mussten über die Wiese laufen, und da sie nicht am Steilufer ins Wasser wollten, überquerten sie auch den Sandstrand, wo die Klassenkameraden von Jonas ihren Stammplatz hatten. Er ging zu ihnen und begrüßte sie pflichtbewusst.
»Na, Jonas, beehrst du uns auch einmal mit einem Besuch?« fragte ihn Jens, der genauso wie er in der zwölften Klasse war.
Er rannte in Richtung Wasser, sprang hinein und schwamm seinen Freunden hinterher.
»Wollen wir ans andere Ufer schwimmen?« fragte Sascha.
*
Daniel fragte die beiden, ob sie Lust auf Volleyball spielen hätten. Er balancierte den Volleyball geschickt auf dem Zeigefinger seiner rechten Hand. Sie nickten.
Die drei spielten im Wasser, an einer Stelle, an der sie noch gut stehen konnten. Immer wieder hechtete einer von ihnen ins kalte Nass, um den Ball vor dem Stillstand zu retten. Jonas sah ständig auf den Strand. Er hatte jemand Besonderen gesichtet: Aleks, den polnisch-stämmigen, smarten Typen, den er vor kurzer Zeit auf einer Party kennengelernt hatte.
*
Es war eine Baggersee-Party. Am Legelshurster. Jonas saß am Feuer, umringt von hübschen Mädels aus Aleks´ Klasse, sie schmachteten Jonas an, und der redete mit ihnen freundlich und einigermaßen interessiert. Aleks hatte es sich ihm gegenüber gemütlich gemacht, fünf-sechs Meter von ihm entfernt. Er schaute ihn an: Diesen blonden Jungen, der wunderschöne, klare, blaue Augen hatte und einen verdammt guten Körper. Aleks lächelte zurück. Später tanzten sie beide, als Aleks »Barbra Streisand« von Duck Sauce und »Alors On Danse« von Stromae aus seiner iPod-Anlage dröhnen ließ.
Nachher fragte Aleks ihn: »Bist du heterosexuell?«. Jonas wich dieser Frage aus. Zwei Tage später trafen sie sich wieder auf einer Baggersee-Party am Legelshurster. Jonas war gerade in ein Gespräch über Homosexualität geraten, mit Kerstin und Pia, und sie waren sich alle einig: Pro Homos. Aleks stieß hinzu und war ganz anderer Meinung:
»Mein Vater hat schon Recht. Er hat gesagt, wenn er zwei Männer sehen würde, die sich küssen, dann würde er sie verprügeln.« Sein Blick war fast schon eisig.
»Ihr seid Scheiße!« erwiderte Kerstin empört.
»Der Papst hat völlig Recht. Alles was er sagt ist richtig«, sagte nun Aleks ganz rechtgläubig.
Unverständnis bei den anderen.
Jonas fragte: »Aleks, wenn jetzt ein guter Freund zu dir käme und sagen würde, er sei in dich verliebt, was würdest du mit ihm tun?«
»Totprügeln!« lautete die rasche, kaltblütige Antwort.
Jonas dachte sich, dass das doch nicht wahr sein könne.
»Du bist doch ein Arschloch!« entgegnete er ihm fassungslos. An diesem Abend fiel nur noch ein Satz zwischen ihnen, von Aleks:
»Du bist doof, weil du für die Schwulen bist.«
Als er sich nachts ins Bett legte, dachte er über Aleks nach, wie ihn dieser so nett angelächelt hatte bei der vorigen Party. Er sieht toll aus, richtig geil. Wenn Jonas die Bezeichnung ´Herzensbrecher´ einem bestimmten Jungen verleihen müsste, dann wohl ihm. Er stellte sich sein verwegen lächelndes Gesicht vor, seine strahlenden, blauen Augen, diese Wärme, die von seinem Blick ausging, und dann dieser Satz, dieses Wort: »Totprügeln«. Jonas dachte eine Zeit lang, er hätte sich in ihn verliebt.
Aber das darf nicht sein, nicht in ihn. Er sieht traumhaft aus, ja, er gefällt mir wirklich, doch er kann mir nur wehtun. Vergiss ihn!, mahnte er sich selbst. Trotzdem: Wie Aleks ihn angelächelt hatte... Jonas glaubte, dass der andere gegen bestimmte Gefühle in sich kämpfte, vielleicht hatte er selbst manchmal den Verdacht schwul zu sein und dieses »Totprügeln« war sein Abwehrmechanismus...
Vergiss es, Jonas! Er durfte nicht einmal daran denken, ihn anzumachen.
Wochenlang hatte ihn Jonas nicht mehr gesehen, er fand es sehr schade, aber auf der anderen Seite war es besser so. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nun ja, er merkte wenigstens, dass er nicht wirklich in ihn verliebt war. Er sah ihn erst wieder an dem Tag, bevor er ´Max´ erblickte. Am Legelshurster Baggersee. Gerade als er sein Rad abschloss und wieder aufschaute, sah er ihn, Aleks. Noch bevor er sich zu Sascha und Daniel legte, ging er zu ihm und sie redeten kurz miteinander, wie alte Freunde, eine trügerische Ruhe zwischen ihnen.
*
»Sascha, Daniel, ich höre auf. Habe keine Lust mehr. Spielt alleine weiter. Ich gehe aus dem Wasser«, sagte er unschuldig.
Aleks spielte auch Volleyball, auf dem Platz neben dem Zaun, sie hatten ein Netz, er und seine Kumpels. Jonas setzte sich zu Jens, denn von diesem Platz aus konnte er Aleks sehr gut beobachten. Er unterhielt sich nebenbei mit ihm, immer beide Augen auf das Objekt seiner Begierde gerichtet. Der andere merkte das nicht. Gut, dachte sich Jonas.
Ja, beobachten, das tat Jonas gerne. Überall. Am Baggersee, in der Disco, im Café, beim Einkaufsbummel... Leute anblicken, Jungs vor allem, sich Geschichten, Biographien zu den Gesichtern ausdenken, aber vor allem hübsche Jungs anschauen und davon träumen, dass einer von denen der Richtige ist. Und sich sattsehen an ihnen. Wie jetzt an Aleks. Der sah wirklich toll aus.
Aleks hörte mit dem Volleyballspielen auf und rannte ins Wasser. Jonas drehte sich in die andere Richtung, um ihn weiter beobachten zu können, wieder fiel es nicht auf. Geschickt angestellt. Jens redete ununterbrochen, Jonas kriegte nichts davon mit. Macht nichts.
»Jonas, du sagst ja heute gar nichts. Was ist los? Du redest doch sonst so viel!« sagte Jens. Ausgerechnet.
»Weiß nicht, hab meinen ruhigen Tag heute.«
Nach einiger Zeit hörte Aleks auf und ging an seinen Platz, leider hinter einem kleinen Hügel gelegen. Jonas sagte, dass er wieder an seinen Platz zurückgehen werde. Auf dem Weg zurück traf er Claudia und Stefanie. Er setzte sich zu ihnen und quatschte über dies und jenes mit ihnen, sie waren in der Stufe von Patrick.
Später legte er sich wieder zu Sascha und Daniel, beides süße Skater mit keinem Gramm zu viel Fett am Körper und kurzen dunklen Haaren, die sie sonst unter Baseball-Caps verbargen.
»Wir gehen«, sagte Sascha.
»Mach ich auch. Kommt ihr heute Abend zu mir?« fragte er sie.
Sie verabredeten sich für später.
Doch später sagte Sascha ab, weil ihn Ariane sehen wollte.
*
Jonas und Sascha kannten sich noch nicht lange. Sie hatten sich bei der Verkehrszählung kennengelernt. Jonas wollte von der Schule aus heimgehen und kam dabei am Beobachtungsposten von Sascha, Daniel und ein paar anderen vorbei. Da er einen davon kannte, setzte er sich dazu und unterhielt sich mit ihnen. Später brachte er ihnen Süßigkeiten und Eis mit. Sascha und er kamen ins Gespräch. Sie redeten über Graffiti und Hip-Hop. Jonas sagte:
»Ach, in meinem Zimmer könnte man eigentlich auch sprühen.«
»Echt? Ich würde es gerne machen!« erwiderte Sascha sofort.
Nach ein paar Wochen kam dieser dann in Begleitung von Patrick und sie besprühten zwei Wände in Jonas´ Zimmer. Jonas war sehr erfreut darüber, dass Patrick (Artus), der ein sehr begabter Graffiti-Künstler ist, mitgekommen war, weil er seit Wochen überlegt hatte, wie er ihn ansprechen könnte, doch er hatte sich nicht getraut, und jetzt schneite der Angebetete einfach so herein und verewigte sich auf seiner Wand. Das Schicksal führte sie zusammen, ja, das musste es sein. Es konnte kein Zufall sein. Wenn Jonas sich das genauer überlegte, dann lernte er früher oder später jeden Jungen kennen, für den er schwärmte; es kam oft vor, dass er sich mit Jungs anfreundete, in die er sich verliebt hatte.
Als Sascha und Jonas einmal zusammen am Baggersee lagen, meinte Sascha:
»Ich habe keine Lust mehr, ich gehe heim. Fährst du mit, Jonas? Dann kann ich dir unseren Teich zeigen.«
Sascha wohnte in Bodersweier und so mussten sie erst einmal von Legelshurst nach Bodersweier fahren. Dort schauten sie sich zuerst den Teich mit den Fischen und Schildkröten an, dann gingen sie hoch auf Saschas Zimmer und unterhielten sich längere Zeit. Sascha weihte ihn in seine Geheimnisse ein, beispielsweise in seine geheime Affäre mit Ariane. Nach einiger Zeit sagte er zu Jonas, dass man ihm vertrauen könne. Er musste darüber schmunzeln. Er war ehrlich, aber er verschwieg, dass er schwul ist. Später fragte Sascha:
»Was ist bei dir mit Mädels? Jemand hat mir erzählt, dass du erst vor kurzem eine Freundin hattest.«
Jonas schwieg und schaute auf den Boden. Der andere ließ ihn in Ruhe, weil er glaubte, dass das Mädchen Schluss mit ihm gemacht hätte.
*
Jonas beschloss erst einmal zu baden, er hatte ja jetzt den ganzen Abend Zeit. Er holte sich seine iPod-Musikbox ins Bad und drehte die Musik laut auf. Er legte das Telefon neben die Badewanne und etwas zu essen und zu trinken. So richtig gemütlich machte er es sich da drinnen, so konnte er Stunden im Bad verbringen. War das entspannend! Heißes Wasser, kalter, süßer Sprudel und Joghurt.
Das Telefon klingelte. Jonas nahm ab. Es war Yasar. Er hatte die Idee, dass sie eine Party machen könnten am Freitag Abend, wenn Jonas schon mal eine sturmfreie Bude hatte. Jonas sagte, wieso nicht, aber ich bade jetzt erst einmal – dann war Jonas wieder mit sich allein. Er lümmelte sich in der Badewanne. Er hörte Raï-Musik. Von Khaled. Hatte er von seiner Mutter. Er schloss die Augen...
*
Jonas war auf den Straßen von Damaskus. Da spielten die Geschichten von ´Tausendundeiner Nacht´.
»Scheherazadios, komm herein!« ertönte es aus dem Gebäude des Großwesirs. Jonas blickte sich um, da war kein Mensch, weit und breit, nur er. Scheherazadios?
»Scheherazadios, ich sage es nicht noch einmal!« schrie er nun wütend.
Scheherazadios (Jonas) ging ins Haus. Er fragte:
»Vater, stimmt es, dass der Sultan Shahriar alle seine Ehemänner nach einer Nacht umbringt?«
(Offensichtlich war das eine Schwulen-Phantasie!)
»Ja, mein Sohn, es stimmt, es ist sehr schade, sehr viele junge, hübsche Männer werden erhängt. Und ich muss sie aussuchen«, sagte der weise Mann traurig.
»Nimm mich als nächstes. Ich kann nicht mitansehen, wie Shahriar die adretten Jünglinge ermorden lässt«, sagte er tapfer.
»Nein, das kann ich nicht. Du bist mein Lieblingssohn. Weswegen habe ich dir die besten Lehrer besorgt, damit sie dich in Philosophie, Medizin, Geometrie und Geschichte unterrichten? Nein!« entgegnete ihm der betroffene Großwesir.
»Aber ich kann tolle Geschichten erzählen. Das mache ich jeden Tag«, begann er zu erklären.
»Was?« fragte der Vater erstaunt.
(Oh, ich habe völlig vergessen, dass er zu diesem Zeitpunkt noch nichts von meinem Plan weiß.)
»Schlag mich vor, unter der Bedingung, dass mein kleiner Bruder Dinarzadios (also mein kleiner Freund Sebastian) bei mir schlafen darf.«
»Du bist verrückt! Was hast du vor?« fragte der Vater aufgebracht.
»Doch, ich bitte dich darum, ich habe einen Plan!«
Shahriar wunderte sich über den Vorschlag, doch er nahm ihn letztendlich an.
Gut, die beiden waren also nun im Schloss des Herrschers. Nachts wollte Dinarzadios (Sebastian) eine Geschichte von Scheherazadios (Jonas) erzählt bekommen. Er fing an:
»Mein Herr, es war einmal ein reicher Kaufmann...«
Als der Morgen graute, war er noch immer nicht mit seiner Geschichte zu Ende. So musste er in der nächsten Nacht weitermachen. So ging es mehrere Nächte lang. Scheherazadios (Jonas) erzählte, erzählte, erzählte... Irgendwann einmal sagte Shahriar:
»Wer so schön erzählt, wird bestimmt ein treuer, guter Ehemann sein. Du sollst mein Gatte bleiben, solange bis wir beide sterben.«
»Schön, mein lieber Herr. Ich freue mich sehr über deinen Entschluss und werde dir ein besonders guter Ehemann werden, der dir treu alle Wünsche von den Lippen abliest.«
(Jonas dachte: na ja, er ist schätzungsweise zehn Jahre älter als ich, aber er sieht für einen Araber ganz gut aus und wird mir bestimmt einige Liebeskniffe zeigen können.)
»Und was machen wir mit dem lieben Dinarzadios (Sebastian), mein Schatz? Ich behielte ihn gerne bei mir im Schloss«, sagte er mit zarter Stimme.
»In Ordnung, mir soll es recht sein. Andererseits gefiele er mir auch gut als Ehemann von Schahzeman«, war die abschätzende Antwort seines neuen Meisters. Doch Jonas wollte ihn bei sich behalten – und dem Wunsch wurde stattgegeben.
So wurden Schahriar und Scheherazadios ein Paar, doch irgendwie war Scheherazadios (Jonas) nicht so sehr glücklich mit diesem Mann und schaute sich immer wieder andere Jungs an. Und eines Morgens passierte es. Er sah ihn: Douban (Max), der für einen Perser überraschend goldblonde Haare und blaue, funkelnde Augen hatte. Der muss mein sein, dachte sich Scheherazadios (Jonas), aber Schahriar wird mich umbringen. Ich muss mit dem Angebeteten fliehen. Und Dinarzadios (Sebastian) darf ich nicht vergessen. Er ließ Douban (Max) zu sich holen, um herauszufinden, ob sich die Mühe überhaupt lohnte. Ja, Douban (Max) fand ihn genauso toll, aber...
»Was wird Schahriar mit uns machen, wenn die Flucht nicht gelingt? Ich habe Angst!« sagte der Angebetete ängstlich.
»Ach, mein lieber süßer Douban (Max), du bist noch jung, vertraue mir, ich bin schon halb-weise, wäre ich sonst noch am Leben?« säuselte Jonas. (Schön hast du das gesagt, Jonas.)
»Im Morgengrauen werden wir fliehen. Zunächst lade ich die gesamte Schlossgesellschaft zu einem großen Fest ein, ich werde genügend Schlafmittel in die Töpfe der Großküche schmeißen.«
Jonas hatte einen ausgeklügelten Plan, der entgegen der Ängste funktionierte, und die drei retteten sich in ein sehr weit entferntes Gebirgsdorf zu der Magierin Zobeida (Daliborka), die ihnen Schutz gewährte. Scheherazadios und Douban liebten sich innig und Dinarzadios freute sich über das Glück der beiden.
*
Jonas stieg aus der Wanne. Er trocknete sich ab und setzte sich ins Wohnzimmer. Nun stellte er die iPod-Box dorthin, um weiterhin Musik zu hören und nebenbei zu lesen. Um zehn schaltete er die Musik aus und den Fernseher ein, denn seine Lieblingsserie lief (»Mad Men«). Er freute sich bereits darauf. Um viertel nach elf schaltete er auf einen anderen Kanal, ein Film von Neill Jordan lief. Angeblich überraschende Handlung, von wegen, Jonas wusste von Anfang an, dass die geheimnisvolle Fremde die Mutter von Jimmy war. Naja, der Film war trotzdem gut. Jonas hatte eine Schwäche für Geschichten, er war voll davon und konnte nicht genug kriegen. Immer neue Geschichten, anders erzählt, anders erlebt, verschiedene Sichtweisen und Perspektiven. Er war die neue Scheherazade, nein, der neue Scheherazadios, nur erzählte er im Normalfall nichts von in Stiere verwandelte Prinzen. Nach dem Film schrieb er noch einen Brief an seinen Freund Steffen.
*
Steffen und Jonas hatten sich das erste Mal beim Tischtennis begegnet: Steffen kam aus Schutterwald und spielte bei Langhurst. Jonas fand ihn auf Anhieb sympathisch. Sie waren beide dreizehn. Sie trafen sich häufiger bei Turnieren, freundeten sich jedoch nur recht oberflächlich an. Irgendwann einmal bemerkte Jonas, dass er sich stärker zum etwas kleineren Steffen hingezogen fühlte, als das normal für eine Freundschaft unter Jungen war. Er hatte sich vorher noch nie in einen Jungen verliebt, er war ganz ´normal´ gewesen. Aber was war jetzt passiert? Er hatte sich tatsächlich in diesen schmächtigen, dunkelblonden Jungen aus Schutterwald verknallt. Zunächst ließ er es laufen, sie sahen sich sowieso selten, doch nach den Sommerferien, kamen sie beide in den gleichen Tischtennis-Bezirkskader und trafen sich jede Woche. Jonas wagte den Vorstoß.
»Wollen wir uns einmal treffen? Besuchst du mich in Kehl?« fragte er den Angebeteten schüchtern.
»Ja, warum nicht«, war die recht unverbindliche Antwort.
Sie freundeten sich so langsam, aber sicher, an. Außer beim wöchentlichen gemeinsamen Training trafen sie sich noch immer zu selten, zum Verdruss von Jonas, aber sie waren einfach nicht mobil genug. Zum mit dem Fahrradfahren lagen die beiden Orte zu weit voneinander entfernt. Sie schrieben sich lange Briefe und telefonierten miteinander. Jonas wollte eine engere Beziehung zu Steffen, doch der blockte ab, er hatte nichts von dessen Gefühlen mitgekriegt. Wie sollte er draufkommen, dass ein Junge in ihn verliebt war? Steffen erzählte von Mädchen und wollte Ratschläge haben, und der Verliebte gab sie ihm sehr missmutig und frustriert. Warum konnte Steffen nicht schwul sein? Und doch! Manchmal hatte er das Gefühl, dass Steffen genauso war wie er selbst. Konnte er sich so täuschen?
*
Es war halb zwei und er war sehr geschlaucht vom Briefe schreiben. Es machte eben sehr viel Mühe, um den heißen Brei zu reden. Noch immer wusste Steffen nichts von Jonas´ Homosexualität, der diese zwar andeutete, aber nicht das Gefühl hatte, dass Steffen das jemals verstanden hätte.
Jonas fühlte sich nicht nur geschlaucht, er war auch mies drauf, weil er daran denken musste, dass er jedes Mal Pech in der Liebe hatte, dass er hier in Kehl wohl immer alleine bleiben würde, denn er kannte keinen schwulen Typen in seinem Alter. Scheißkaff, dachte er sich. Ich will hier weg. Nach dem Abitur. Sofort ausziehen und einen Schlussstrich ziehen unter das Kapitel Kehl-Kaff. Übermüdet und frustriert schlief er ein.
*
Vor Jonas´ Fenster steht ein Kirschbaum. Der konnte nicht zur Ruhe kommen heute Nacht. Ein Stern leuchtete ihn an. Dieser fragte den Kirschbaum:
»Wieso schüttelst du ständig deine Äste? Wieso kannst du heute Nacht nicht schlafen?«
»Siehst du, mein lieber Stern, normalerweise sollte es mich nicht aufregen, was dieser Junge in diesem Zimmer erlebt und fühlt, doch auch der älteste Kirschbaum, der eigentlich erfahren und weise sein sollte, hat manchmal solche Momente«, erklärte der Kirschbaum redselig.
»Was hat denn der Junge? Ist er unglücklich?« fragte der Stern. »Ja, er ist unglücklich. Er liebt die falschen Leute«, sagte der Kirschbaum, während er seine Äste schüttelte.
»Was bedeutet das?« fragte der Stern neugierig nach.
»Er ist ein Junge und liebt andere Jungs«, war die Antwort darauf.
»Na und, ist doch gut, dass er lieben kann«, meinte der Stern irritiert.
»Ja, natürlich, aber die Menschen sind der Meinung, dass ein Junge ein Mädchen lieben muss, sonst ist er nicht ‘normal’. Sie sagen, es sei unnatürlich, wenn man mit dem gleichen Geschlecht anbandelt.« Der Baum sagte es in diesem abschätzigen Ton, der anzeigt, dass diese Denkweise gar nicht nachvollziehbar erscheint.
Das verstehen beide nicht.
»Die Liebe ist das wichtigste auf der Welt, doch viele Menschen begreifen das nicht«, sagte der Baum.
»Liebt er denn gerade einen bestimmten Jungen?« wollte der Stern wissen.
»Ich denke, keinen bestimmten. Er ist nicht wirklich verliebt im Moment. In seinen Gedanken schweift er von einem zum anderen, da er sowieso denkt, dass keiner von ihnen seine Liebe erwidert. So schwärmt er mal von Patrick, mal von Aleks, mal von ‘Max’. Es ist sowieso egal. Wenn sie aus seinem Blickfeld verschwinden, dann vergeht auch seine Schwärmerei.«
»Das ist traurig«, sagte der Stern, der nun nicht mehr so hell strahlte. »Ja, das ist es wirklich, aber lass uns jetzt versuchen zu schlafen. Nun, da ich mit dir geredet habe, bin ich etwas entspannter. Gute Nacht, mein lieber Stern«, wünschte der Baum.
»Gute Nacht, mein lieber Kirschbaum.«
*
Am nächsten Tag wachte er um zwölf Uhr mittags auf. Es regnete. Heute also kein Baggersee, dachte er sich. Also: lesen, schreiben, nachdenken, philosophieren. Aber zuerst musste er sich etwas zu essen machen. Er schaltete den Fernseher im Wohnzimmer ein und schaute zum dritten Mal die gleiche ´How I met your Mother´-Folge. Er legte eine Pizza in den Backofen.
Er war ganz alleine zuhause, konnte in Unterhosen herumrennen oder ganz nackt, konnte in jedes Zimmer, er konnte alles tun, was er wollte. Vieles davon dürfte er auch tun, wenn seine Eltern da wären, aus dem Haus gehen, wann er Lust dazu hatte, zum Beispiel. Man konnte (fast) alles tun, doch man musste sich ewig rechtfertigen, Gründe angeben für sein Tun, dumme Kommentare ertragen. Das gab es jetzt nicht. Und was noch stört: Ständig ist jemand im Weg in so einer Wohnung. Mal versperrt jemand den Weg zum Wohnzimmer, weil er sich blöd in den Türrahmen stellt, mal besetzt jemand die Toilette, wenn man selber gerade muss.
Später nahm er sich ein Buch und las. Nach einiger Zeit legte er es weg und holte ein leeres Heft aus seinem Zimmer, dann setzte er sich an den Wohnzimmertisch und überlegte: Er wollte eine Geschichte schreiben. Aber was? Er ging noch einmal in sein Zimmer und schaute sich seine Notizen an, dort standen etliche Ideen zu Geschichten.
»Ich weiß was!« rief er, er kehrte wieder zurück ins Wohnzimmer und schrieb.
*
Die Märchenerzählerin
Als ich vor einigen Jahren nach Irland fuhr, lernte ich einige tolle Leute kennen, darunter auch die wunderbare, noch einzig lebende richtige Märchenerzählerin, die tatsächlich schon fünfundneunzig Jahre zählte. Eines Abends wurde ich von einer irischen Freundin zu einem Erzähl-Abend dieser sehr alten Dame mitgenommen. Sie setzte an:
»Heute werde ich euch eine Geschichte erzählen, die ich bisher erst einmal von mir gegeben habe. Und das aus gutem Grund, denn im katholischen, konservativen Irland ist dieses Märchen erfolgreich unterdrückt worden, dabei ist es ein wunderschönes – nur eben etwas verrucht in den Augen der meisten Menschen. Aber hier stoße ich auf ein tolerantes, offenes Publikum.
Da gab es einmal vor sehr langer Zeit einen alten König Fiachna, der das Königreich Galway regierte. Er war sehr beliebt bei seinem Volk, denn er war gütig und großzügig, tapfer und weise, und er hatte eine Schlitzohrigkeit, die jeder, der ihn kannte, aufreizend fand. Jeder wusste, dass er das Leben liebte und dass er glücklich war, obgleich seine von ihm über alles geliebte Frau viel zu früh verstorben war und ihn alleine ließ mit den beiden Söhnen Liam und Padraig. Die beiden waren achtzehn beziehungsweise einundzwanzig, und nun war die Zeit gekommen, da der ältere so langsam die Stelle des alten Fiachna übernehmen musste. Padraig wollte allerdings überhaupt nicht König werden, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Was sollte Fiachna nun machen? Schließlich besagte die Regel, dass der ältere Sohn sein Nachfolger werden müsse; der wollte nicht, also müsste er ihn ausstoßen, das wiederum erschien ihm als keine glückliche Lösung. Padraig sagte:
´Hör zu, Vater, ich habe noch nicht gelebt, noch nichts von der Welt gesehen, ich habe noch keine Erfahrungen gesammelt, ich bin noch nicht reif dafür, über ein Königreich zu herrschen. Ich hätte dich schon vor Jahren fragen sollen: Darf ich ein bisschen umherstreifen, durch das Land ziehen, meinen eigenen Weg finden? Vielleicht werde ich später ein guter Herrscher werden.´
Fiachnas Stirn legte sich in Falten: Padraig wollte von dannen ziehen und Liam erschien ihm noch zu jung, so beschloss er ein bis zwei Jahre weiter zu herrschen, bis Liam so weit wäre. Padraig verließ die beiden. Er nahm nicht viel mit, ein bisschen Verpflegung, ein paar Goldmünzen, und er sattelte sein Lieblingspferd. Liam war sehr traurig über den Fortgang seines älteren Bruders, denn er hing an ihm. Padraig ritt einfach drauflos, er lebte in den Tag hinein und kümmerte sich wenig um seine Zukunft. Fiachna hingegen wendete sehr viel Zeit darauf, seinem jüngeren Sohn Liam die Feinheiten des Regierens näher zu bringen. Es war eine gute Zeit dazu, da es ausnahmslos ruhig war in Galway, wenig Probleme drückten die Bewohner, es herrschte kein Krieg und auch keine Krankheitsepidemie oder Hungerkatastrophe. Liam lernte schnell und Fiachna dachte daran, ihn bald als Nachfolger einzusetzen. Im ganzen Reich ließ er verlautbaren, dass sein Sohn Liam am Tag der Wintersonnenwende gekrönt werde und dass alle seine Gefolgsmänner zu diesem Ereignis auf sein Schloss kommen sollten. Gleichzeitig verhandelte er mit anderen Herrschern über eine Heirat seines Sohnes mit einer von deren Töchtern. Die Tochter des Herzogs von Cornwall, Lucille, bekam den Zuschlag. Am Tag der Wintersonnenwende war alles bereit. Alle Gäste, Lucille eingeschlossen, waren da, die Krönung und die Feier vorbereitet. Nur Liam ließ sich nicht blicken. Er hatte in den Wald gehen wollen, sich vor diesem nervenaufreibenden Tag noch einmal entspannen, doch er war nicht zurückgekehrt. Fiachna machte sich Sorgen, er sprach sich mit dem weisen Gareth aus und der riet ihm einen Trupp loszuschicken, der Liam suchen sollte. Die gesamte Gästeschar beunruhigte sich: ´Was mag wohl nur geschehen sein?´ Man suchte und suchte und fand Liam erst einmal nicht.
´Ich habe ihn!´ schrie plötzlich Gaheris, ein Cousin des Gesuchten. ´Er liegt hier, hinter der großen Pinie und atmet nur noch ganz schwer. Er glüht.´
Eilig hoben die Männer Liam hoch und trugen ihn ins Schloss. Der heilkundige Gareth untersuchte ihn sofort und sagte:
´Wir müssen sofort sein Fieber senken und einen Boten nach Fermanagh schicken. Dort hat die ehrwürdige Niamh Kräuter, die ihn vielleicht noch vor dem Tod retten.´
Doch auch diese Kräuter halfen nicht viel. Liam blieb in dem fieberhaften Zustand und wurde von seinem Vater verzweifelt gepflegt. Keiner wusste, wie es weitergehen sollte. Gaheris, der all zu gerne die Macht in diesem Reich übernommen hätte, bot sich an, die Geschäfte seines Onkels weiterzuführen, doch der entgegnete ihm: ´Es geht schon. Ich werde es alleine schaffen.´ Gareth riet ihm, seinen anderen Sohn suchen zu lassen. Nun schickte Fiachna erneut einen Trupp los, doch Padraig wurde nicht gefunden. Der König verbitterte.
Eines Tages wollte ihn Peadar, der Sohn seiner eifrigsten Magd, sprechen. Der erzählte:
´Gestern Nacht hatte ich einen Traum, in dem ich Padraig vor mir sah. Ich würde mich gerne auf die Suche nach ihm begeben. Kann ich mit Eurer Hilfe rechnen?´
´Ja, selbstverständlich. Du kannst alles haben, was du brauchst. Wenn du ihn nur finden könntest...´, sagte Fiachna verzweifelt.
Peadar machte sich auf den Weg. Er hatte im Traum einen Ort gesehen, an dem junge Männer nackt in einem See badeten und beieinander lagen, und mittendrin hatte er Padraig gesichtet. Aber wo war dieser See? Peadar hatte keine Ahnung. Sein einziger Hinweis waren besonders geformte Felsen, die aus dem Wasser ragten. Er hatte davon gehört, dass im Süden Erins solche eigenartige Felsformationen existierten, doch er wusste nicht wo genau. Er ritt also zunächst in den Süden und fragte jeden nach diesen Felsen und nach diesem See, an dem Knabenliebhaber verweilten. Keiner kannte diesen Ort und hielt Peadar für einen perversen Wüstling. Oft entging er nur knapp Anschlägen auf sein Leben. Eines Tages traf er einen dunkelhaarigen Mann, der sich Ciaran nannte, und von diesem See wusste. Er fragte Peadar:
´Na, mein hübscher, blonder Jüngling, suchst du jemand Bestimmtes dort? Wenn nicht, so würde ich dich gerne zu mir mitnehmen. Du gefällst mir.´
´Es wäre mir lieber, wenn du mich zu diesem Ort bringen könntest´, erwiderte der junge Mann
´Aber es muss ja auch etwas für mich herausspringen´, entgegnete ihm Ciaran.
´Wenn du mich hinbringst, dann werden wir ja weitersehen, wie es mit uns weitergeht, mein Fremder´, antwortete er listig.
Peadar mochte diesen Mann nicht besonders, doch er musste an diesen See gelangen und dafür war dessen Hilfe nötig. Nach einem Tagesritt bereits waren sie angekommen. Hier war das Paradies für alle Knabenliebhaber im ganzen Reich. Überall wälzten sich junge Männer herum. Kleidung brauchte man hier keine. Wenn gutes Wetter war, dann badete man draußen und lag am Ufer. Und bei schlechterem Wetter verkroch man sich vor den Kaminen des Schlosses, das hundert Meter vom See entfernt lag. Peadar glühten die Augen. Ein junger Mann kam auf ihn zu.
´Fremder, warum ziehst du dich nicht aus und badest eine Runde mit mir?´
Peadar erkannte ihn sofort als Padraig, mit dessen blonden, weichen Haaren, den braunen Augen, die für einen Sohn aus dem Geschlecht Fiachnas sehr ungewöhnlich und noch dazu sehr wunderschön waren, dem muskulösen Körper und der wohl klingenden Stimme. Peadar, der seit jeher Padraig verehrte, und das nicht als Königssohn, sondern als Jungen und später als Mann, glaubte sich in einem wunderschönen Traum. Eine große Erregung überfiel ihn. Mit letzter Kraft zog er seine Kleider aus und sprang mit Padraig ins Wasser. Sofort kamen sie sich näher. Sie küssten sich. Padraig kannte Peadar nicht, sie waren sich nur ein bis zweimal begegnet, schließlich war Padraig Königssohn und Peadar Sohn der Magd. Der Königssohn fragte ihn nach dessen Name und Herkunft aus. Peadar sagte nur bei seinem Namen die Wahrheit, den Rest log er sich zusammen, weil er nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte und weil er nicht wusste, wie der andere auf die Nachrichten aus Galway reagieren würde.
Außerdem wollte Peadar seinen Schwarm für sich gewinnen, wenigstens für ein paar Tage. Und er schaffte es. Die beiden liebten sich, doch Ciaran meldete Ansprüche auf ihn an. Padraig, der unsterblich in Peadar verliebt war, stellte ihn zur Rede. Sie kämpften miteinander um ihn. Der Königssohn gewann.
Das war der Beginn einer schönen Beziehung; die Zeit verstrich und Liam war noch nicht wieder gesund geworden, im Gegenteil. Fiachna wurde immer verzweifelter, doch er wollte nicht, dass Gaheris sein Nachfolger wurde und harrte aus als Herrscher. Peadar wollte Padraig nun endlich seinen Auftrag erzählen. Der letztere war sehr bestürzt, doch er hatte keine Lust, diesen Ort zu verlassen.
´Ich will dich lieben können, Peadar, ich will nackt umherspringen und baden und keine Angst haben müssen, von meinem eigenen Volk verspottet und nicht respektiert zu werden. Ich will hierbleiben, mit dir´, sagte er ein bisschen unreif für sein Alter.
´Padraig, ich würde auch gerne hierbleiben, aber dein Vater, dein Bruder und dein Volk brauchen dich. Und ich werde ja in deiner Nähe sein. Wir werden nicht mehr nackt umherspringen können, aber wir werden vielleicht eine andere Möglichkeit finden, weiterhin zusammen zu sein und uns zu lieben. Lass uns zurückgehen´, sagte der vernünftige Peadar.
Auf dem Weg nach Galway schmiedeten sie Zukunftspläne. Als sie ankamen, wurden sie stürmisch und überschwänglich begrüßt. Mann kann die Freude Fiachnas gar nicht in Worte fassen, als er seinen ´verlorenen Sohn´ sah. Fiachna fragte Peadar:
´Wie kann ich dir, großem Helden, nur danken? Sag mir, wie ich das alles wieder gutmachen kann!´
´Ich habe einen Wunsch, aber den soll Padraig Euch mitteilen´, antwortete der junge Mann stirnrunzelnd. Fiachna ging zu seinem Sohn:
´Wo warst du denn so lange Zeit?´
´Es ist eine lange Geschichte, die ich dir irgendwann einmal erzählen werde. Zunächst will ich meine Zukunft regeln. Ich werde der neue König, doch nur unter einer Bedingung: Ich muss weiterhin mit Peadar zusammen sein dürfen´, sagte Padraig ganz bestimmt.
´Aber was sagst du da, Junge?´ Der Vater war fassungslos.
´Ich liebe ihn. Ich will mit ihm zusammenleben´, sagte der Sohn entschieden.
´Aber das geht doch nicht. Was werden die anderen sagen... Du wirst das Gespött des ganzen Reiches – und ich gleich mit!´ Der Vater ist außer sich, als er das dem Sohn entgegen brüllte.
´Das ist mir egal´, schrie der junge Mann zurück.
Man diskutierte darüber, dass eine Frau zum Schein geheiratet werden könnte, vielleicht eine nimmersatte Männerliebhaberin, es ging hin und her. Fiachna beriet sich mit Gareth und mehr aus Rücksicht auf Liam, dem es seit der Ankunft seines großen Bruders besser ging, wurde überlegt, dass Fionula T. die neue Prinzessin werden solle, wenn auch nur zum Schein. Allerdings blieb sie das nicht lange, denn nachdem sie einen Sohn gebar, der Ciaran genannt wurde, wurde sie wegen unzüchtigen Verhaltens verstoßen, denn tatsächlich hatte sie bei mehreren Männern gelegen. Ab diesem Zeitpunkt lebten Padraig und Peadar als Paar weiter. Sie taten dies nicht offensichtlich, doch es gab trotzdem genügend Gerüchte um die beiden. Doch weil Padraig in seiner Güte und Großzügigkeit, Weisheit und Tapferkeit sogar noch seinen Vater übertrumpfte, ward er stets von seinem Volk respektiert und geliebt. Fiachna starb bald danach. Liam wurde wieder gesund und nahm das Mädchen Maire, das sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert hatte, als Frau. Sie blieben bei Padraig und waren alle miteinander bis zum Tode glücklich.
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