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Warnung! Wer dieses Buch lesen will, sollte möglichst keine Phobien aufweisen, denn die Autorin schickt den Leser auf eine furchteinflößende Achterbahn-Fahrt der seelischen Nöte. Die Seelenqualen der Protagonistin lassen einem des Öfteren das Blut in den Adern gefrieren und zwingen zum Nachdenken über die eigene Psyche. Den Ausgang der Geschichte - ob gut oder schlecht - bestimmt der Leser selbst. Immer wieder fordert die Autorin den Leser zur Wahl des weiteren Weges. Und je nachdem führt der Weg in den Garten Eden des Seelenfriedens oder in die schaurigen Abgründe der Hölle.
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Kapitel 1: Erwachen
Die Augen geschlossen halten
Die Augen öffnen
Das Shirt heben
Das Shirt nicht heben
Aufstehen
Auf den Bauch legen
Kapitel 2: Dunkles Licht
Die Feder nehmen
Zum Spiegel gehen
Schlafen
Das Buch betrachten
Kapitel 2: Dunkles Licht
Das Haus verlassen
Leise wegschleichen
Rennen!
Erstarren
Rennen!
Sich wehren
Prügel über sich ergehen lassen
Weiter schwimmen
Abwarten und Beobachten
Kapitel 3: Wahrheit
In der Dunkelheit warten
Kapitel 3: Wahrheit
Weiter in der Dunkelheit schweben
Kapitel 3: Wahrheit
Dem Licht entgegenblicken
Kapitel 3: Wahrheit
In der Dunkelheit bleiben
Kapitel 3: Wahrheit
Im Dunkeln bleiben
Kapitel 3: Wahrheit
Der Dunkelheit vertrauen
Dunkelheit. Nichts als Dunkelheit umgibt mich. Dick und fest wie eine Decke umschlingt sie meinen Körper und wärmt meine Haut. Ich spüre nichts durch diese Decke. Keine Kälte, Schmerz, Angst, Wut oder Trauer. Es ist, wie eine Flasche, die man austrinkt. Leer, bis auf ein paar kleine Rückstände.
Weit in der Ferne spüre ich ein Ziehen, das von meiner rechten Seite ausgeht. Fein, fast schon zärtlich zieht es an meinen mageren Rippen. Je mehr ich mich auf das Ziehen konzentriere, desto stärker wird es. Aus dem zärtlichen Ziehen wird ein rhythmisches Pochen, das nicht aufzuhören scheint. Das Pochen sendet kurze, aber starke Signale an mein Gehirn, sodass es schmerzt. Weisse Sterne tanzen vor meinem inneren Auge und spielen Fangen mit mir. Ich kann ihnen nicht folgen und will wegsehen, als ein hoher Schrei die Dunkelheit zerreisst. Der Schrei hallt in meinem Kopf und wird hin und her geworfen, als spielen kleine Wesen Tennis damit. Die Tonlage wird tiefer und droht, meine Ohren zum Platzen zu bringen.
Der Schrei verhallt langsam, als der nächste kommt. Dieser ist tiefer, fast schon wie das Brummen eines Motors. Auch dieser Schrei fungiert als Tennisball der kleinen Wesen in meinem Kopf, die ihn hin und her knallen. Ich will meine Ohren zuhalten, bin aber unfähig mich zu bewegen. Aus meinem Hals will ein Schrei entweichen, doch mein Mund bleibt zu und macht keinen Mucks.
Langsam verschwindet das Brummen und ich höre verschwommen eine Stimme: „Es wird nur ganz kurz wehtun.“
Vor meinem inneren Auge sehe ich einen älteren Mann im weissen Kittel auftauchen. In seiner Hand hält er eine Spritze und setzt sie an meinem Oberarm an. Ehe die spitze Nadel in meine Haut eindringen kann, erscheint ein junger Mann im Bild. Er hat braunes, luftiges Haar, dunkelbraune Augen, hohe Wangenknochen und ein wunderschönes Lächeln. Seine Stimme klingt schon näher, als könnte ich nach den Tönen greifen. Seine Hand berührt meine Schulter, als er sagt: „Kein Grund zur Sorge Aiden. Ich bin es, Ethan.“
Diese beiden Sätze lösen ein unbestimmtes Gefühl in mir aus. Ist es Sorge? Warum soll ich mich sorgen, ist etwas Schlimmes passiert? Aber er sagte doch, es gäbe keinen Grund zur Sorge. Was aber ist der Grund? Und was ist Aiden? Eine Bezeichnung, ein Gegenstand, ein Tier oder ein Name?
Aiden.
Das Wort schallt in meinem Kopf und setzt kleine Rädchen in Betrieb. Aiden, das ist ein Name.
Mein Name.
Jetzt erinnere ich mich daran. Meine Eltern gaben mir den Namen, als ich noch ein kleines Kind war.
Meine Eltern. Wer sie wohl sind? Ich kann mich nicht an sie erinnern. Weder an ihre Gesichter, Namen oder Wohnort. Ich weiss nichts über sie, nichts über mich, noch wo ich bin. Es ist alles wie gelöscht. Als hätte jemand mein Gehirn mit einer unnötigen Datei verglichen und diese in den Mülleimer geworfen und ohne zu zögern gelöscht. Aber das will ich nicht. Ich will meine Erinnerungen zurück. Jede Einzelne.
Aber vielleicht kann ich mehr erfahren, wenn ich meine Augen öffne? Oder werde ich dann noch weniger wissen als vorhin? Soll ich es wagen und meine schweren Lider öffnen?
Du entscheidest!
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Die Augen geschlossen halten: weiter auf Seite →
Die Augen öffnen: weiter auf Seite →
Ich beschliesse, meine Augen geschlossen zu halten und mich ein wenig auszuruhen. Mein Puls beruhigt sich langsam. Die wirren Bilder verschwinden und eine dunkle, aber wohlige Schwärze umgibt mich. Ich spüre, wie sich unter meinem Körper etwas Hartes bildet. Aus meinem Rücken wächst etwas hartes, kaltes und mit rissen durchzogenes Etwas. Ich spüre meine Beine, dann den Fuss und meine Arme. Mein ganzer Körper ist von einem Kribbeln durchzogen, als würden winzige Ameisen auf mir herumwuseln. Meine Lungen füllen sich mit frischer Luft. Das gibt mir ein Gefühl von Leben. Ich denke jedenfalls, dass es frische Luft ist. Die Luft könnte auch vergammelt sein, oder ein heimtückisches Gas enthalten, das mich vergiften will. Wenn es so wäre, dann ist es ziemlich sicher bald vorbei mit dem fröhlichen Gefühl von Leben. Aber was ist Leben überhaupt? Vielleicht bilde ich mir das Leben auch nur ein.
Auf einmal überkommt mich ein Gefühl der Angst. Kribbelnd, juckend, benebelt es alle meine Sinne. Ich bin unfähig, irgendwas zu machen, zu fühlen, zu denken. Ich bin nur von dieser Angst umgeben. Die Angst, dass das Leben nur eine Einbildung ist. Dass alles nur eine Einbildung ist. Alles, was ich bisher wusste, gemacht, gefühlt und erlebt habe. Dass alles nur ein simpler Streich meines Hirns ist. Was aber, wenn es keine Einbildung ist? Wenn alles echt ist? Oder doch eine Lüge? Wer kann mir sagen, was echt und was geträumt ist? Wer kann mir diese Dinge erklären? Gibt es überhaupt so etwas wie eine Erklärung? Ist das nur ein Wort ohne Bedeutung oder steckt mehr dahinter? Ich weiss auf alle diese Fragen keine Antwort. Ich weiss aber, dass wenn ich die Augen öffne, mich eine Antwort auf eine meiner Fragen oder gar die Erklärung des Ganzen erwartet. Soll ich es riskieren und meine Augen öffnen? Sehen, was sich hinter der dünnen Haut des Augenlids befindet?
Ich habe Angst es zu tun. Angst davor, die Augen zu öffnen und der Antwort in die kalten Augen zu sehen. Denn wenn ich eins gelernt habe, dann dass die Antwort meistens grausam und kalt sein kann. Jedenfalls denke ich, dass ich dies gelernt habe. Sicher bin ich mir nicht. Ich bin mir allgemein bei nichts sicher im Moment. Ich habe keine Ahnung, wer ich bin, wo ich bin und was ich vorher tat. Wenn ich etwas weiss, dann wie es ist, keine Ahnung zu haben. Und das verspüre ich seit einiger Zeit sehr oft. Also seit ein paar Minuten.
Langsam verschwindet die Angst und meine Sinne kehren zurück. Mein Rücken fühlt sich wieder normal an. Ich fühle mich jetzt bereit, um meine Augen zu öffnen.
Die Augen öffnen: weiter auf Seite →
Langsam öffne ich meine schweren Augenlider und sehe nichts. Es ist noch zu dunkel, um irgendein Detail zu erkennen. Wieder steigt in mir die Panik hoch. Die Angst vor dem Ungewissen, der Unklarheit und die panische Angst vor der Wahrheit. Was wird mich erwarten, wenn sich meine müden Augen an die Dunkelheit gewöhnen? Wird die Wahrheit grausam oder ausnahmsweise nett sein? Ich kann nur das Beste hoffen. Aber Hoffnung ist auch so etwas Verräterisches. Sie spielt uns vor, dass sie toll ist, dass man sie nie verlieren sollte. Aber ist es nicht die Hoffnung, die uns zerstört? Die Hoffnung ist es, die uns in Zweifel bringt, uns versagen lässt und uns die kalte Schulter zeigt, wenn wir sie wirklich brauchen. Ich mag die Hoffnung nicht. Darum hoffe ich auch nur im schlimmsten Notfall, denn dann kann sie mich nicht im Stich lassen.
Langsam verschwindet die Dunkelheit und schwaches Licht dringt in die Ecken. Die Ecken sagen mir, dass ich in einem Raum bin. Einem nicht sehr grossen Raum. Es hat gerade mal genug Platz für ein altes und schmales Bett, einen Plastikstuhl und ein kleiner Nachttisch mit einer schlichten Lampe. Fenster sehe ich nicht. Die Wände sind kahl und grau. Einst weisser Verputz fällt von den Wänden und schmale Kratzer zieren den schmutzigen Mörtel. An der Wand neben dem Bett klebt Blut. Ein paar kleine Tropfen, rot und einst dickflüssig, strahlen sie von den Wänden. Die rote Farbe löst in mir Herzklopfen aus. Aber nicht das schöne Herzklopfen, sondern das panische, unregelmässige Schlagen der nackten Angst. Ich habe eigentlich keine Angst vor Blut, ausser vor meinem eigenen. Denn das zeigt Schwäche. Und ich will nicht schwach sein. Auch eine Angst, die ich besitze. Die Angst vor der Schwäche. Ich habe aufgehört, meine Ängste zu zählen, es sind zu viele. Jedenfalls denke ich, dass ich sie mal gezählt habe, oder dass ich noch viele andere habe. Nein, dabei bin ich mir ausnahmsweise sehr sicher. Ich habe noch andere Ängste. Die genaue Zahl weiss ich nicht, aber es sind viele.
Schwaches Licht dringt durch die offenstehende Tür. Draussen im Gang erhellt eine schwache Glühbirne den sauberen Korridor und wirft einen schwachen Schein auf mich. Ich sehe an mir herab. Dunkle Stoffhosen mit einem Sternenmuster, die mir bis zu den Knien reichen. Darüber ein ebenso dunkles Shirt in derselben Farbe. Meine Füsse sind nackt und schmutzig. Meine Beine ebenso. Ich sehe mir meine Hände an. Sie sind rau, gross, mit knochigen Fingern. Meine Arme sind mit feinen Narben überzogen und sind genauso knochig wie meine Finger. Die Haut scheint bleich im schwachen Licht und ich erkenne jede Sehne und jeden Knochen. Ich will meinen Bauch sehen, fürchte mich aber vor der Antwort. Was, wenn die Wahrheit diesmal grausam und kalt ist?
Das Shirt heben: weiter auf Seite →
Das Shirt nicht heben: weiter auf Seite →
Mit zittrigen Händen umfasse ich den dunklen Stoff und ziehe ihn langsam hoch. Darunter kommt ein bleicher Bauch zum Vorschein. Die Rippen zeichnen sich stark ab und die Haut fühlt sich ledrig an. Ich will schreien, um mich schlagen, jemandem die Schuld geben, doch mein Mund ist wie ausgetrocknet. Die Unterlippe hat sich ein wenig von der Oberlippe getrennt und läst einen kleinen Abstand entstehen. Ich halte die Luft an. Einfach so, ohne dass ich meinem Körper einen Befehl gab. Es ist so, als hätte jemand Fremdes die Kontrolle über meinen Körper. Aber wer ist das? Wer könnte das sein? Wer könnte das wollen und warum? Was habe ich dieser Person getan, falls sie dahinter steckt. Wenn es überhaupt solch eine Person gibt. Nein, ich bin mir sicher, es ist jemand hier. Hier, in meinem Kopf. Es kontrolliert meinen Körper, mein Handeln. Aber nicht meine Gedanken. Denn meine Gedanken sind frei und unbändig. Niemand kann meine Gedanken haben. Niemand soll sie besitzen. Das werde ich nicht zulassen.
Ich habe Angst davor, dass ich meine Gedanken verliere. Dass dieses Etwas meine Gedanken irgendwie bekommt. Diese Angst zerfrisst mich, will in meine Gedanken eindringen, doch dann könnte dieses Etwas auch in meine Gedanken kommen. Aber der Gedanke an mein Aussehen ist tausendmal schlimmer, als die Sorge, dass jemand in meinem Kopf sein könnte und mich meinen Gedanken beraubt. Der Schreck, der von meinem Aussehen ausging, sitzt noch tief in mir.
Vorsichtig schaue ich nochmals nach, in der Hoffnung, es hätte sich verändert. Aber ich sehe das gleiche Bild wie vorher. Dünne, abgemagerte, hässliche Haut auf einem noch viel hässlicheren Bauch. Eine weitere Angst, die immer an mir nagt. Die Angst vor dem Hässlichsein, nicht schön genug zu sein für die Gesellschaft. Ist man nicht schön, ist man ein Niemand. So gelten die Regeln heutzutage. Man braucht Geld, gutes Aussehen, Charme, gute Schulnoten und Zicken als Freunde. Alles Dinge, die ich nicht habe. Ich bin hier gefangen, in diesem Raum. Ich mag den Raum mit seinem Bett, den Stuhl, sogar die Wände gefallen mir. Sie geben mir etwas Heimeliges, Wohles. Ein Ort, der mich mit etwas verbindet. Ich weiss zwar noch nicht was, aber ich spüre tief in mir eine Verbindung zu diesem Raum. Wenn ich doch nur etwas hätte, an dem ich mich orientieren könnte.
