Die Insassen - Katharina Münk - E-Book + Hörbuch

Die Insassen Hörbuch

Katharina Münk

4,5

Beschreibung

Börsengang auf STATION 4 Vier Insassen der Nervenklinik St. Ägidius bringen ihre Anstalt zunächst auf Kurs und anschließend an die Börse. Schließlich sind sie vom Fach – handelt es sich doch um drei ehemalige Topmanager und eine Chefsekretärin. Ohnehin ist Exfinanzvorstand Dr. Wilhelm Löhring überzeugt, die Klinik sei seine eigene Firma. Sofort will er sein Unternehmen mithilfe der drei Insider flottmachen. Da im Zeitalter der anonymen digitalen Kommunikation und mit einer entsprechenden Reputation in der Wirtschafts-Community alles möglich ist, gerät der Börsengang zu einem vollen Erfolg.   

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Zeit:3 Std. 45 min

Veröffentlichungsjahr: 2011

Sprecher:Jürgen Uter

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Katharina Münk

Die Insassen

Roman

Deutscher Taschenbuch Verlag

Ungekürzte Ausgabe 2011

© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

eBook ISBN 978-3-423-40756-4 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21299-1

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website

www.dtv.de/​ebooks

Mit seinem Geld begnügt sich keiner,

mit seinem Verstand jeder.

(unbekannt)

Auf zu neuen Ufern

Ausgerastet– Vom Ende des Navigationssystems

Er hätte nie gedacht, dass ihm so etwas einmal passieren würde, von einem Tag auf den anderen, und dass all das, was sich innerhalb und außerhalb von St. Ägidius an Wahnsinn anschloss, überhaupt möglich sein konnte.

Flug LH 960 um 08.05Uhr von Frankfurt nach München war überbucht und die Armlehne neben ihm schon belegt. Sie würde es wohl auch bleiben. Er schaute seinen Sitznachbarn nicht an, als er seine Zeitungen auf dem Sitz ablegte, um das Kabinenfach zu öffnen. Aber er spürte, dass dieser klein und von fülliger Statur war – sein Oberkörper nahm Licht vom Fenster weg. Der klassische Gang-Kandidat eigentlich. Aber er saß am Fenster.

Zehn Minuten später hätte er ihm ins Gesicht schlagen können.

»Schön voll heute Morgen. Aber besser über den Wolken als überarbeitet, was?«

Der Unterarm auf der Lehne neben ihm hatte das Gespräch gleich nach Einklicken des Anschnallgurtes begonnen. Er schien auf der Suche nach Kontakt zu sein, nach was Gutem eben, wie ein Trüffelschwein im Spätherbst. Winter wollte lesen, nur lesen, in Ruhe gelassen werden, drei Wirtschaftsteile durcharbeiten, während dem Rest der Fluggäste im Schlaf die Kiefer herunterklappten und die Sportseiten der Zeitungen aus den Händen glitten. Er nickte kurz und schlug wortlos den ersten Wirtschaftsteil auf, mit einem Hieb aus dem Handgelenk, dass es nur so knallte. Der Unterarm zuckte zusammen, und vorerst blieb alles ruhig.

»Kaffee oder Tee?«

Das Parfüm der brünetten Stewardess kroch in seine Nase, als sie sich leicht zu ihm herunterbeugte. Sie roch, als wolle sie ihre Umgebung in einen kontrollierten Zustand der Bewusstlosigkeit versetzen. Aus dem Eiswürfelbehälter auf ihrem Wagen tropfte es auf seinen Unterarm. Er musste niesen und prustete mit der Luft ein »Nein« heraus.

»Vielleicht ein Sandwich? Pute oder Käse?« Sie zeigte auf ihre Kollegin am zweiten heranratternden Wagen.

Er schaute auf. Ihr Haarreif war aus Plastik, und ihr dunkelblaues Kostüm glänzte ein wenig an den stärker strapazierten Stellen.

»Verdammt noch mal, nein! Kann denn heute niemand mehr auch nur eine Stunde ohne Essen und Trinken auskommen?«

Ihre linke Augenbraue zog sich kaum merklich in die Höhe. Sie rollte weiter. Ihr Parfum blieb.

»Ist die Anästhesistin oder Stewardess?«

Der Typ neben ihm wollte sich offenbar auf Winters Gemütslage einpendeln. Er war aus irgendeinem Grund unruhig und schnipste mit dem Zeigefinger ständig am Nagelbett seines Daumens.

»Lassen Sie sich doch ruhig betäuben und schließen noch einmal kurz die Augen«, erwiderte Winter, ohne aufzusehen und um Kontrolle bemüht. Er litt bereits jetzt. Es fing wieder an.

»Schlafen? Oh nein, wer weiß, was ich da alles verpasse. Ich unterhalte mich lieber ein bisschen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Haben Sie auch in München zu tun?«

»Sehe ich etwa nach Bad Tölz aus?«

Das kam gefaucht. Vor lauter Unsicherheit schallendes Gelächter beim Dicken, sein Bauch vor den Wolken am Kabinenfenster zuckte.

»Wunderbar, die Kurse liegen im Keller, die Weltwirtschaft steht vor der größten Krise seit den zwanziger Jahren, und Sie behalten Ihren Humor. Chapeau! Soll ich Ihnen das alles mal aus meiner Sicht schildern?«

Nach zwanzig Minuten Monolog über alternative Energien zückte sein Nachbar die Visitenkarte und forderte die von Winter ein – nur darum schien es ihm gegangen zu sein. Ein Sammler eben. Winter hatte die letzten zwanzig Minuten in tiefer Resignation verbracht und konterte jetzt wortlos mit Stahlstich in Lucida Console, 11Punkt. Der Mann neben ihm setzte seine Brille auf die äußerste Spitze seiner Nase, blickte über den Rand, las wie beim augenärztlichen Sehtest laut vor und ließ sich dabei jedes Wort auf der Zunge zergehen: »Keith Winter, Beteiligungsmanager, Benderman Ley.« Er schien wie vom Donner gerührt, während er den mittleren Knopf seines Sakkos zuknöpfte: »Das sind Sie? Toll, dass ich Sie einmal persönlich kennenlernen darf. Man erfährt von Ihnen ja sonst nur aus der Zeitung. Oh, da können Sie mir gleich einige Fragen sozusagen aus erster Hand beantworten.«

Dieser Mensch war eine Landplage, indiskret, ignorant und penetrant, war mit Sicherheit Basic-Tarif-gebucht, nicht erstattbar. Winter ließ den Blick in Richtung Kabinendecke wandern. Er konnte nicht weg, war angeschnallt, ausgeliefert, Schulter an Schulter, hörte ihn, roch ihn, spürte ihn. Es war fürchterlich, nicht zum Aushalten. Ihm wurde wieder heiß, sein Puls stieg, die Haarpartie an seinem Hinterkopf fing an, sich zu kringeln – kein gutes Zeichen. Hastig und um Kontrolle bemüht fingerte er in seiner Hosentasche nach seinem Nasenspray und einem Kaugummi.

Als der Flieger aufsetzte, war Winter, noch bevor die Anschnalllichter erloschen, an der Ablage. Dieser Vorsprung von circa drei Sekunden verschaffte ihm eine Position zweieinhalb Meter weiter vorne, näher am Ausgang, und er fühlte sich komfortabler. Business, er würde das nächste Mal wieder Business buchen lassen, um halbwegs abgeschirmt zu sein von jeglicher Art von Intimitäten und Konversationszappeleien. Business, hundertprozentig, auch auf Kurzstrecke, ausnahmslos. Plötzlich sah er nur noch Schwarz. Sein Vordermann im Gang hatte seinen ledernen Kleidersack so schwungvoll über die Schulter geworfen, dass es Winter fast die Brille vom Gesicht gerissen hätte, und jetzt bückte er sich auch noch, streckte sein Hinterteil in pikanter Höhe gegen Winter und lugte durch das nächste Fenster: »Scheiß Außenposition.«

Die Schnellen standen im Gang, die Langsameren mit eingezogenen Köpfen über ihren Sitzen, während sie sich an den Polstern der Vorderreihe festklammerten, dass ihre Fingerkuppen weiß wurden. Die Handys piepsten, blinkten, vibrierten wie im Spielerparadies, verschafften Ablenkung. Winter hatte sein Blackberry bereits nach Aufsetzen der Räder gecheckt und starrte nun über zerknautschte, zugemüllte Sitzreihen hinweg. Bei all dem Herumgehopse quer durch die Welt würde es wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis er vergessene Schuhe unter den Sitzen entdeckte, während die Besitzer sich auf die Socken gemacht hatten, zum nächsten Termin eilend. Winter hinterließ seine Zeitungen stets sauber gefaltet im Rückenlehnenfach und sonst nichts, gar nichts.

Im Bus stand das deutsche Wirtschaftsleben mit kleinen Augen und schlechtem Atem wie im Viehtransporter, und am Terminal rannte es dann völlig enthemmt durch die sich öffnenden Türen. Winter rannte mit. Sein Kopf schaltete dabei auf Autopilot, und er steuerte auf das grüne und orange Leuchten der Mietwagenschalter am Ende der Ankunftshalle zu. Er hatte momentan nur zwei kurzfristige Zielvorgaben: Wagen und weg.

Die drei Repräsentanten der Finanzinvestoren, die er treffen würde, waren hungrig wie die Wölfe und träumten selbst in diesen Zeiten von einem ordentlichen Emissionsvolumen oder zumindest von der Übernahme des Managements, das einen kürzeren Atem als sie selbst haben sollte. Daran würde die Krise nichts ändern. Die Deals mit der Hoffnung auf bessere Zeiten waren schon wieder in vollem Gange. Die drei waren sozusagen seine Patienten in Sachen Geld, und ihrer Situation und Seelenlage galt es nun gerecht zu werden. Dabei war er lediglich Besitzer einiger namhafter Chips in ihrer Lieblingsfarbe, wenn auch teilweise behaftet mit nicht unerheblichen Schulden und Risiken. Aber die ganze Welt war schon wieder besoffen.

Etwa um dieselbe Uhrzeit strich Herr Dr.Wilhelm Löhring in der Frankfurter City leicht irritiert über seinen leeren Schreibtisch im 23.Stock. Sein Büro war voll verglast, und er hätte Keith Winters Maschine starten und auf Augenhöhe in den Wolken verschwinden sehen können. Die Mitarbeiter seines persönlichen Stabs schienen am Freitagnachmittag, vielleicht sogar noch am Wochenende ganze Arbeit geleistet zu haben. Er hatte ihnen oft genug gepredigt, dass ihm allzu unüberschaubare Papieransammlungen auf seinem Schreibtisch und Datenfluten auf dem PC die Luft zum Denken nahmen. Zum Sortieren, Lesen und Schreiben gab es schließlich andere Leute.

Aber jetzt, Montagmorgen um 08.30Uhr, wunderte er sich schon ein bisschen. Sein PC war nicht hochgefahren worden, das Herrengedeck mit 3%-Kaffeesahne fehlte, desgleichen die frischen Blumen und vor allem: Sein Schreibtisch war leer, geradezu aseptisch, keine Unterschriftsmappe, keine Telefonliste, kein Pressespiegel zum Blättern. Mit anderen Worten: Zero Base. Er wusste nicht, ob ihn das jetzt stören oder motivieren sollte.

In solchen Momenten genügte es stets, wenn er die vordere obere Zahnreihe leicht auf die Unterlippe legte, nach dem »F« ein »r« und danach ein »au« intonierte, damit seine Sekretärin in der Tür erschien, noch bevor er sich weiter gedanklich und sprachlich mit ihrem Nachnamen beschäftigen musste.

Sie kam, blieb aber im Türrahmen stehen. Er blickte ihr durch seine randlose Brille in die Augen, weil er nichts anderes auf dem Tisch hatte, auf das er schauen konnte.

Seine Brille war ein wenig zu filigran für seinen doch recht robusten Nasenrücken, und der untere Teil der Brillengläser kam in Kontakt mit seinen wulstigen oberen Wangen, die immer einen kleinen, unschönen Film darauf hinterließen.

Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie ihn anstarrte, als sei er ein Geist.

»Wie gucken Sie denn? Dass Sie mir heute bloß nicht wieder Trübsal blasen! Wir haben noch eine Menge vor!«

Sie stand da wie festgewachsen. Ohne Kalender, Block und Stift, wie sonst. Nun schien sie etwas gesagt zu haben.

»Wie bitte? Etwas lauter müssen Sie schon sprechen. Wir haben hier schließlich keine Fünfquadratmeterzellen.«

Sie wiederholte den Satz.

»Warum ich wieder da bin? Was ist das denn für eine komische Frage? Ich arbeite hier, wenn Ihnen das noch nicht aufgefallen ist. Und Sie arbeiten auch hier. Und zwar für mich. Jetzt!«

Seine Nasenflügel blähten sich. Er hatte keine Ahnung, in was für eine traurige Gemütsverfassung seine Sekretärin heute wieder geraten war.

»Aber wir haben doch gestern…«

»…ein Glas Sekt auf mich getrunken? Ja, und? Das wird man ja wohl auch mal tun können, ohne gleich vom Erdboden zu verschwinden.«

»Ja, aber das war doch Ihre Verabschiedung.«

»Wer sich hier verabschiedet, liebe Frau, das entscheide immer noch ich. Und nun verabschieden Sie sich mal an den Kaffeeautomaten. Wo ist meine Tasse? Das ist ja wie in der Diaspora hier.«

»Ja, aber…«

»Denken Sie nicht immer so viel. Was macht mein Flieger nach JFK?«

Sie schien schon wieder zu überlegen und sagte dann für seinen Geschmack doch etwas zu mechanisch: »Ausgebucht, lange Warteliste, alles Senatoren, es gibt nur noch Economy und auch keine Plätze mehr aus dem Miles-and-more-Kontingent.«

»JFK, morgen, Lufthansa, Business, direkt.«

»Ja, aber…«

»Ich musste schon letzten Monat meine Atlantiküberquerung verschieben, verdammt noch mal. Unfähig, alle unfähig!«

Sie drehte sich um und verließ sein Büro wie eine zerrupfte Fee, die zu dumm ist, drei Wünsche zu erfüllen. Wenig später lag Kaffeeduft in der Luft, was ihn ein wenig beruhigte. Sie schien zu telefonieren, denn das Vorzimmerlämpchen leuchtete.

Das Licht am Mietwagenschalter war viel zu grell und viel zu farbig, die reinste Raumstation. Es tat weh in den Augen. Winter setzte die Sonnenbrille auf und knallte Führerschein und schwarze Centurion Amex Card auf die Hochglanztheke, auf der man jede verdammte verschwitzte Fingerkuppe sah. Ein Mitarbeiter näherte sich ihm bedächtig von der anderen Seite des Schalters. Winter nahm die Langsamkeit dieser Person nur aus dem Augenwinkel wahr. Er musste ihr nicht erst umständlich ins Gesicht sehen. In letzter Zeit war er nicht nur licht- und lärmempfindlicher geworden. Er sah, hörte und spürte alles, überall, bei jedem. Das wäre in freier Natur eine wunderbare Erfahrung gewesen, er hätte jede Schneeflocke erahnen können, noch bevor sie sich weich und leicht auf seinen Hutrand gesetzt hätte. Aber hier, in der freien Wildbahn, war diese geschärfte Wahrnehmungsfähigkeit erst einmal nichts anderes als eine höchst unkomfortable Empfindlichkeit, eine Schwachstelle, die ihn nervös, misstrauisch und ungeduldig werden ließ. Manchmal konnte er vor lauter Sinneswahrnehmung explodieren. Unschön. Er versuchte daher, sich von alledem, so gut es nur irgendwie ging, abzuschotten, mit einer perfekt inszenierten Unausstehlichkeit, einer Art Notfall-Arroganz. Zudem hatte er eine spontane und tiefe Abneigung gegen jede Art von Zögerlichkeit entwickelt und reagierte geradezu allergisch darauf.

Der Servicemitarbeiter am Mietwagenschalter hatte bei Winter verspielt, noch bevor er den Mund aufgetan hatte. Er schaute Winter etwas gehemmt auf die dunklen Brillengläser: »Kann ich Ihnen helfen?«

»Na toll, was für eine Frage! Ich stehe hier mit Führerschein und Kundenkarte sowie viersprachig besetztem Sekretariat, das Fahrzeugklasse, Farbe, Lederbezüge und Europa-Navigationssystem im Voraus gebucht hat, und zwar ohne Fragen. Ich will hier keine Brechtüte haben, mein Lieber, oder den Verlust meiner Hundebox melden. Ich will meinen Wagen.«

Der Mitarbeiter nickte wissend, zog mit einem knappen »Okay« die hingeknallten Unterlagen rasch vom Tresen und flüchtete in die Mietwagen-Bildschirmwelt.

Es schien so, als wolle er gar nicht mehr aufschauen, als er in den PC sagte:

»Ich kann Sie selbstverständlich auf die nächste Kategorie upgraden, aber die gibt es nicht mehr in schwarz.«

Winter checkte gerade seine neuen E-Mails auf dem Blackberry, das jetzt anfing zu vibrieren. Er ging auf Sprechmodus, raunte ein knappes »Jetzt nicht, erledige ich später« ins Gerät, wandte sich dann wieder dem Servicemitarbeiter zu und versuchte es ein letztes Mal mit ganzen Sätzen, um Fassung bemüht, ohne vom Display des Blackberrys aufzuschauen: »Geben Sie mir doch einfach das Fahrzeug, das für mich im System gebucht ist, herrje.«

Er las auf seinem Display: »Nächste Woche doch kurz nach Tokio – die wollen dich da persönlich sehen.« Auf Experimente, wenn auch nur auf farbliche, hatte er jetzt erst recht keine Lust mehr.

Der Mann am PC drückte die Igno-Taste, holte tief Luft und erklärte: »So. Ihr gebuchtes Modell hat sogar das ganz neue Navigationssystem, das wir im Pilotprojekt mit dem Hersteller gerade angeschafft haben.«

Dieser Typ mit der Krawatte, die da, wo das Kinn auflag, wenn er den Kopf zu tief senkte, schon einen Fettrand hatte, kam einfach nicht zur Sache. Service, überall Service, in viel zu viele Worte verpackt. Winter erstickte schier daran, wollte sich nicht »in guten Händen« wissen oder sich »wie zu Hause fühlen« – ein einziger Schwachsinn. Er war immer irgendwo, und eines war »irgendwo« ganz sicher nicht: zu Hause. Schon gar nicht mit Frottepantoffeln in Plastikfolie, ungewaschenen grünen Äpfeln auf dem Kopfkissen oder eben irgendeinem blöden »Pilotprojekt«.

Er ertappte sich dabei, wie er wieder am inneren Rand der Unterlippe kaute, mit kaum merklichen Bewegungen. Die Mundschleimhaut an dieser Stelle war rissig und sofort blutig. Es wurde warm im Mund.

»Für diese Anmietung bekommen Sie fünfhundert Prämienmeilen. Haben Sie Ihre Miles-and-more-Karte dabei? Die ist hier noch nicht hinterlegt.«

Winter holte tief Luft. In den Bauch hineinatmen statt nur ausatmen. Die innere Mitte finden. Blickkontakt. Er fing an zu pusten, unmerklich und gerade noch beherrscht. Nein, an diesem Tag war die Mitte nicht da, wo er sie suchte. Er fand sie einfach nicht. Es war zum Ausrasten. Sein Kommentar kam wie eine gehauchte Drohung, leise, aber gefährlich. Mit Schusswaffe in der Hand hätte er wohl nicht anders geklungen: »Geben Sie mir jetzt endlich den verdammten Schlüssel und die Stellplatznummer.«

Er war schnell am Auto– P4, Eingang 2, Aufzug A, Ebene 1, Oslostraße, Stellplatz 154.Mit seinen langen, ausholenden Schritten konnte er immer etwas Zeit wettmachen. Dies war nicht selbstverständlich, denn er hatte väterlicherseits einen höchst uneffizienten Gang wie aus dem Monty-Python’s-Repertoire vererbt bekommen: Der linke Unterschenkel machte jedes Mal, wenn er Schwung für den nächsten Schritt holte, einen kleinen, verdrehten und sehr undynamischen Extra-Schlenker nach außen. Dies war ein Makel, den er trug wie ein Stigma, ein Makel, den er nicht ausstehen konnte, besonders da er für jedermann ersichtlich war. Er wollte nicht, dass die Leute dachten: »Ah, da geht der Keith.« Peu à peu hatte er sich also seine Winter-Gangart abtrainiert, durch bewusste, lange, aber pfeilschnelle Schritte nach vorn, unter Versteifung des linken Fußgelenks – alles rein kopfgesteuert und ohne operative Eingriffe. Wie man geht, so denkt man, dachte er. Außerdem gab es nichts, mit dem man einfacher Dynamik und Selbstsicherheit suggerieren konnte als mit dem Gang. Er fiel jetzt nur noch durch Schnelligkeit auf.

Es tat sich einfach nichts, kein Kaffee, kein Anruf, keine Netzwerkverbindung – alles still, erbärmlich still. Löhring rutschte auf seinem Stuhl hin und her, musste jetzt irgendetwas machen. Er griff zum Blackberry und checkte eben mal persönlich die Tennisstunden für den Abend. Und dann? Er kam kurzzeitig ins Grübeln. Nein, er würde nicht zum Sekretariat hinübergehen. Er ließ kommen und machte fehlende Nähe notfalls durch Lautstärke wett: »IT, aber sofort!«

Seine Sekretärin hatte vorher beim Hereinbringen des Kaffees die gepolsterte Tür nicht ganz geschlossen. Sie schien schon wieder zu telefonieren, und zwar so laut, dass er fast jedes Wort verstand: »Was um Himmels willen soll ich denn jetzt tun? Soll ich ihn etwa fixieren und ihm eine Infusion legen? Warum schafft den niemand hier weg?«

Löhring stutzte. Das durfte doch alles nicht wahr sein! War die jetzt völlig durchgeknallt? In Ermangelung von Unterschriftsmappen, die man auf den Tisch knallen konnte, riss er die PC-Mouse aus dem Anschluss und schleuderte sie gegen die Tür. Von emotionaler Kälte, die man ihm so oft vorwarf, also keine Spur. Und dann schwang die Tür zum Vorzimmer ganz auf, und sie erschienen.

Der gesamte Restvorstand nahm jetzt Aufstellung in seinem Büro. Na also, ging doch. Der Letzte stolperte über die Maus.

»Wilhelm, ich möchte dich bitten, deinen Arbeitsplatz zu räumen. Du bist seit gestern nicht mehr in unserem Unternehmen tätig, wenn ich dich daran erinnern darf. Deine Art von Führung grenzt schon seit langem an Verhaltensauffälligkeit, und jetzt haben wir offenbar den Beweis.«

Sein Kollege Förster näherte sich ihm kopfschüttelnd, als sei er ein seltenes Exponat in einer Primatenausstellung.

Löhring blieb ruhig. »Darauf falle ich nicht mehr herein, lieber Heiko. Der Aufhebungsvertrag, die Pressemitteilung, die Information an die Mitarbeiter – das war doch alles nichts weiter als ein Riesenkomplott gegen mich, den Finanzvorstand! Ich habe doch längst mitgekriegt, dass ihr mich loswerden wollt, um mit euren dubiosen Konstrukten mein Unternehmen an die Wand zu fahren, es anschließend aufzuteilen und zu verscherbeln auf diesen unüberschaubaren Private-Equity-Märkten. Das ist unverantwortlich!«

»Wilhelm, das, was du uns da vorwirfst, hast du selbst doch alles versucht! Du bist mit den hypersensiblen Finanzmärkten völlig überfordert gewesen!«

»Was ist mit den Abhöraktionen? Den Bestechungsversuchen? Und dieser hinterhältig manipulierten Pressemeldung?«

Förster lachte hysterisch auf: »Das ist ja lächerlich. So etwas gab es doch gar nicht!«

»Euch wird das Grinsen noch vergehen. Einer muss euch ja das Handwerk legen.«

»Dass ein Vorstand alles versucht, um bis zuletzt das Gesicht zu wahren, das verstehen wir nur zu gut, Wilhelm, aber nicht auf unsere Kosten! Du hast erreicht, dass dir dein Fünfjahresvertrag voll ausgezahlt wird, plus Prämie, Zusatzleistungen und Pensionsansprüchen inklusive Firmenwagen und Sekretärin für die Übergangszeit. Was willst du denn noch?«

»Bleiben! Ich bereite meine Klage vor, und zwar auf Unterlassung und Schadenersatz! Und dann stehen euch noch Ermittler ins Haus, mein Lieber.«

»Du hast ja eine Vollmeise, Wilhelm! Ich rufe jetzt deine Frau an.«

Die Herren entfernten sich kopfschüttelnd und offenbar wütend aus seinem Büro, die Tür fiel hinter dem letzten Vorstand ins Schloss.

Löhring ließ sich zurück ins Leder seines hochgepumpten Schreibtischsessels fallen und fühlte sich wie der letzte Mohikaner. Er war nicht frei von einer gewissen Anspannung, das musste er zugeben.

Winters Wagen fuhr sanft, fast schalldicht, und die Außenwelt lief wie ein Film auf der Windschutzscheibe vor ihm ab. Er fingerte mit einer Hand auf dem Nebensitz herum, wo er sein Nasenspray vorsorglich abgelegt hatte. Damit benetzte er erst einmal ordentlich seine verkrusteten Nasenflügel, mit zwei kräftigen Stößen, dass es durchpfiff.

Er fuhr mit einhundert Stundenkilometern auf die Autobahnauffahrt zu, völlig im Flow und vor allem auch wieder gut in der Zeit. Aber so weit er sehen konnte, stockte der Verkehr schon auf der Zufahrt und schien auf der Autobahn ganz zum Erliegen gekommen zu sein.

»Nehmen Sie die Auffahrt in dreihundert Metern rechts.«

Die Stimme des Navigationssystems hielt kaum mit der Fahrtgeschwindigkeit mit und klang immer noch so, als ahne sie nichts von dem Stau. »Scheiß Pilotprojekt«, er fuhr in letzter Sekunde an der Auffahrt vorbei.

»Die Fahrtroute wird neu berechnet. Nächste Auffahrt in zweikommaacht Kilometern.« Das war nicht logisch, nicht folgerichtig, dachte Winter. Warum wurde erst vielversprechend eine Fahrtroute neu berechnet, wenn dem blöden System nichts anderes einfiel, als die nächste Auffahrt zu nehmen? Aber vielleicht war der Stau ja gar nicht so lang. Also gut.

»In zweihundert Metern rechts ab.«

Er bog rechts ab, folgte dem System, gab zähneknirschend die Kontrolle ab. Was blieb ihm anderes übrig? Er hatte auch gar keine Routenalternative, der »Überlandtyp« war er nie gewesen. Schließlich war ja auch »neu berechnet« worden. Er legte sich in die Auffahrtskurve und gab Gas, um möglichst schnell von ganz rechts nach ganz links zu wechseln. Und genau da war er wieder: der Stau.

»Verkehrsbehinderung. Die Fahrzeit wird neu berechnet.«

Auch die Stimme des Pilotprojekts schien jetzt eine Ahnung von Stau zu bekommen. Doch nun war alles zu spät. Er stand. Und seine Fäuste ballten sich. Eine davon schnellte gegen den UV-resistenten, reflexionsarmen Bildschirm des Navigationssystems.

»Möchten Sie Teile unseres Mobile Office nutzen? Ansonsten geben Sie Ihre Zieladresse neu ein.«

Sollte er jetzt einen Schrei- oder einen Lachanfall bekommen? Während er noch darüber nachdachte, schlug er erst einmal gegen alle Knöpfe am Steuerungsboard dieses Pilotprojektes und schrie: »Saftladen!«

»Sie haben die Sprachsteuerung aktiviert. Die Ortskoordinaten Ihres ausgewählten Restaurants werden ermittelt.«

Das System schaltete auf seltsam gestörte Weise auf Multitasking. Es funktionierte noch, nur eben nicht so, wie er es wollte. Zudem spürte Winter, dass er selbst jetzt auch gestört war und nicht mehr so funktionierte, wie er es wollte. Er fuhr auf den Standstreifen, wo er nicht mehr an sich halten konnte, nervlich porös wie ein alter Gartenschlauch. Es brach nur so aus ihm heraus. Er fuhr, ach was, er schleuderte den Sitz nach hinten, holte ordentlich aus und trat in einem Anfall völliger Enthemmung mit dem Fuß gegen das Navigationsgerät. Immer und immer wieder. Zu zusätzlichen verbalen Gefühlsäußerungen war er nicht mehr fähig. Irgendwo in einem hinteren Areal seines Hirns staunte er gerade über sich selbst. Er wusste, dass man so etwas »Affekt-Inkontinenz« nannte. Doch diese beiläufige Erkenntnis nützte ihm jetzt auch nichts. Er war gerade völlig inkontinent. Das System verstummte immerhin.

Löhring hörte, wie man vom Vorzimmer aus die Tür anzog und den Schlüssel herumdrehte. Er sprang auf, riss am Türgriff – abgeschlossen! Er rüttelte, versuchte den Türbeschlag aus der Fassung zu reißen. Aber das würde nichts nützen. Er musste davon ausgehen, dass sie auch die ledergepolsterte Tür dahinter abgeschlossen hatte. Er trat gegen die Tür, immer und immer wieder, bis diese voll war mit schwarzen Schuhcremespuren – fast bis hinauf zur Klinke. Er begann zu schwitzen und gab auf.

Natürlich, er könnte seinen Rechtsanwalt anrufen, aber dessen Telefonnummer war nicht in den Contacts seines Blackberrys hinterlegt. Ohne vorbereitende Unterlagen, die seine Sekretärin zuerst zusammensuchen und tippen musste, wäre das ohnehin äußerst ineffektiv gewesen.

Es verging etwa eine halbe Stunde, bis die Tür geöffnet wurde und seine Frau erschien. Sie trug eine flache Aktentasche, öffnete diese auf Höhe der Sofagarnitur, entnahm ein Dokument und reichte es ihm.

»Wilhelm, alles wird gut. Jetzt bin ich ja hier. Ich habe etwas arrangiert, und ich bitte dich, das einmal anzuschauen und dann mit mir dein Büro zu verlassen.«

Er schaute auf das Papier, überflog es grob. Er musste so viele Vorgänge tagtäglich unterzeichnen, hatte sich ans Querlesen und Herausfiltern der für ihn wesentlichen Punkte gewöhnt.

»Es geht um St. Ägidius, Wilhelm. Du weißt, wir haben schon mehrmals darüber gesprochen.«

»Ja, ja, durchaus. Das sehe ich. Die suchen einen neuen Investor, nicht wahr?«

»Ja, auch. Aber…«

»Ach, Lore, das ist ja schon ein Vertrag mit denen! Du hast die Klinik tatsächlich gekauft? Ich sage ja immer, und das nicht nur zur Presse, dass du mein wichtigster Ratgeber bist!«

»Alles wird gut.«

»Und jetzt brauchen die mich da. Wer sonst soll das auch managen? Das hätte ich mir denken können! Sollen die mich doch alle mal gern haben hier. Ich werde die ganze Angelegenheit noch heute meinem Rechtsanwalt übergeben. St. Ägidius hat auch viel mehr unternehmerisches Profil, damit kann ich mich in der Community gut auf Stand-by halten. Und als Haupteigentümer müssen wir uns nichts sagen lassen, Lore, wir nicht! Die werden meine Expertise für so manchen Deal gut gebrauchen können! Ich werde gleich alles in die Wege leiten.«

Er setzte einen schnellen Tintenschwung unter das Dokument. Da stand zwar schon eine Unterschrift, aber das würde wahrscheinlich die der Altgesellschafter sein.

Und er spürte, wie sie ihm die Hand auf die Schulter legte, wohl in einem Anflug von Nostalgie: »Ja, Wilhelm, wir müssen die nächsten Tage alles in Ruhe vorbereiten, und dann werden ganz neue Zeiten auf dich zukommen. In St. Ägidius wirst du sein können, wie du bist. Und mir wird es auch besser gehen – keine quälenden Krebs-, Gänse- und Karpfenessen mehr vor fremden Kaminen und in zu engen Kostümen, keine geheuchelten Weihnachtskarten mehr, mit Familienfotos vorm geschmückten Baum oder auf dem Boot irgendeines Aufsichtsratsmitglieds.«

Löhring schaute bereits in die Ferne, was vom 23.Stock aus kein Problem war. Er sah, wie sich neue Horizonte vor ihm auftaten. Und über denen schien die Sonne.

»Ach, Lore, sollen wir es nicht auch noch einmal miteinander versuchen?«

»Nein, Wilhelm, ich glaube nicht. Siehst du, du hast schon vor Jahren die Zeit verloren, dann die Nerven, bald darauf ganz langsam die Liebe und nun eben auch den Verstand. Du musst jetzt erst einmal nur an dich denken.«

»Lore, du redest wirr. Wenn ich demnächst auf Reisen bin, dann gönnst du dir etwas mehr Ruhe, ja?«

Er nahm die Aktenmappe und ging zum Fahrzeug, in dem sein Chauffeur bereits mit laufendem Motor wartete. Seine Frau folgte, setzte sich neben ihn und sagte gar nichts mehr, was nicht weiter auffiel.

Winter verstummte jetzt auch, und zwar völlig, hörte auf, ins Navigationsgerät zu treten. Er hatte die letzten vier Stunden weder etwas getrunken noch gegessen, und sein Körper schaltete nun endgültig auf Energiesparmodus. Aber es war mehr als das. Er schien plötzlich nach innen wegzuklappen, bei vollem Bewusstsein, hörte nur noch sein Blut rauschen, und ihm war, als müsse er gegen eine Wand klopfen, um Kontakt zur Außenwelt zu bekommen. Doch das innere Eingangstor war schon passiert, und er konnte sich einfach nicht umdrehen, um noch irgendetwas rückgängig zu machen. Es war ein Gefühl der Ohnmacht.

Nach geraumer Zeit stellte er immerhin fest, dass sein Körper seinen Befehlen noch gehorchte. Also schälte er sich aus dem Auto, zog die Schuhe aus, setzte sich an den Fahrbahnrand und blieb dort wie schockgefroren. Das Zählen der vorüberfahrenden Autos und die begleitende rhythmische Kopfbewegung beruhigten ihn vorerst ein wenig. Er vergaß die Zeit.

»Hallo? Fehlt Ihnen etwas? Kann ich Ihnen helfen?«

Da war sie wieder, die Frage. Dieses Mal reagierte Winter nicht mehr.

Neben ihm stand eine Frau, deren Haare und Rock im Fahrtwind der mit hoher Geschwindigkeit vorbeibrausenden Fahrzeuge wehten. Der Stau hatte sich offensichtlich aufgelöst. Ein Stück von seinem eigenen Auto entfernt stand ein Toyota mit leuchtenden Warnblinklichtern und einem Werbeaufdruck: »Füße gut, alles gut – Ihre mobile Fußpflege«.

Sie rüttelte an seinem Arm. Er schüttelte sie ab wie ein Kind, das man beim Spielen stört.

Er wusste, was sie jetzt denken würde – seine Analyse war trotz allem glasklar: smarter Typ, dunkel, markant, aber etwas seltsam. Sie würde alles für einen schlechten Scherz halten und ein Kamerateam in der Autobahnböschung suchen. Oder ihr würde der Gedanke kommen, dass diese Welt hier nicht ihre Welt war, dass sie sich lieber um Straßenkinder in Rumänien und nicht um Männer mit großen dunklen Autos kümmern sollte, um Männer, die so aussahen, als könnten sie sich jeden Therapeuten dieser Welt leisten. Und überhaupt, mit falsch angewandter Erster Hilfe konnte man Unfallopfer zu Todesopfern machen. Sie würde denken, dass dies ein Fall für Leute war, die etwas davon verstanden. Sie war Spezialistin für Fuß- und nicht für Kopfkrankheiten.

Und tatsächlich, die Frau entfernte sich, holte ein Warndreieck aus dem Kofferraum seines Wagens, klappte es in zwanzig Metern Entfernung von ihm auf, kam zurück, nahm sein Blackberry vom Beifahrersitz und wählte die 112. »Füße gut – alles gut« verschwand bald darauf ganz langsam am Asphalthorizont.

Eingeliefert– Winters Reise

Winter wurde wenig später, zwischen dem achtzehntausendfünfhunderteinunddreißigsten und dem achtzehntausendfünfhundertzweiunddreißigsten Auto, von zwei Rettungssanitätern von der Straße getragen wie ein Blockade-Demonstrant. Die erste Beruhigungsspritze hatte man ihm noch im Schneidersitz verabreicht. Das Blackberry aus dem Wagen legte man ihm auf die Trage, die Schuhe auch, die Limousine wurde verschlossen. Jetzt lag er im Rettungswagen und starrte an die Decke. Ihm entging dabei nichts, auch wenn er – von außen betrachtet – vermutlich einen ziemlich debilen Eindruck machte. Eine der Ladetüren klapperte beim Fahren, und das störte ihn viel mehr.

Aufgrund der mitgeführten Papiere hatte man ihn mittlerweile identifiziert, und einer der Sanitäter drückte kurzerhand die laut Memory-Funktion am häufigsten gewählte Nummer auf seinem Blackberry. Mit Sicherheit würde sich jetzt seine Sekretärin melden.

»Vorzimmer Keith Winter, guten Tag.«

»Vorzimmer?«

Der Sanitäter schien das Wort nicht zu kennen. Sein Kollege wusste es besser: »Mensch, der hat ’ne eigene Tippse. Der kannste erzählen, was hier los ist.«

Der junge Mann stellte sich also angemessen vor und erklärte: »Wir haben Ihren Chef an der Autobahn gefunden. Es gab da einen kleinen Zwischenfall. Er wird jetzt erst einmal in das Münchener Dreifaltigkeitshospital eingeliefert. Würden Sie netterweise die Angehörigen informieren?«

Winter verzog keine Miene und hörte die Worte an seinem Ohr vorbeirauschen.

»In Lebensgefahr? Nein, da muss ich Sie enttäuschen. Er hatte lediglich, wie soll ich sagen, einen kleinen Aussetzer.«

»Ob er tobt? Warum das denn? Nein, im Gegenteil, er ist ruhig, ziemlich ruhig.«

Die Verbindung wurde beendet, und der Sanitäter schaute ungläubig auf das Blackberry. Er bekam wohl allmählich eine Vorstellung vom Begriff »Vorzimmer«.

»Die sagt, er hat keine Familie, nur einen Bruder. Sie bereitet alles vor, sagt sie. Stellt gar keine Fragen. Glaubt man das? So eine hätte ich auch gern.«

Neben ihm im Krankenhaus lag ein Typ, der Breetkötter hieß. Blinddarmdurchbruch. Auch was. Winter spürte, dass sein Zimmernachbar ihn argwöhnisch beobachtete und den Blick nicht von ihm ließ. Kein Wunder, er sah wohl aus wie gerade vom Himmel gefallen, angezogen wie zur Oper, aber eben mit Nadel in der Vene, in der Nährstofflösung oder Beruhigungsmittel oder beides sein mochte. Er hätte dem Typen nebenan im Schlafanzug zunicken können, aber man musste sich ja nicht gleich zum Affen machen. Nein, keine Gesten, keine Worte. Er war verstummt, einfach so, als hätte jemand den Stecker gezogen.