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Wien nach Ende des Weltkriegs: Während die Stadt in Schutt und Asche liegt, findet sich eine Gruppe von Kindern, die allein mit den Folgen und Schrecken der Gewaltherrschaft fertig werden müssen, im Keller eines ausgebombten Hauses zusammen. Die Wege, die sie in den Untergrund geführt haben, könnten unterschiedlicher nicht sein: Jid hat das KZ überlebt, Goy ist aus einem Kinderverschickungslager zurückgekehrt, während Ate vor nicht langer Zeit noch BDM-Führerin war. Die Not lässt sie Seite an Seite hoffen, lässt sie hungern und leiden, aber auch Pläne schmieden. Robert Neumann hat seiner Heimat, aus der er mehr als ein Jahrzehnt zuvor nach England geflohen war, in Children of Vienna (1946) ein erschütterndes Denkmal gesetzt. Als der Roman 1948 erstmals auf Deutsch erschien, reagierte die Kritik mit Ratlosigkeit. Manchen galt Neumann als »Nestbeschmutzer«, ein Vorwurf, der später auch andere Autor:innen von Rang treffen sollte. Ein Jahr vor seinem Freitod 1975 hat Neumann Die Kinder von Wien in einer faszinierenden Kunstsprache selbst ins Deutsche übertragen. Mit diesem Roman ist eine eigensinnige, widerborstige, eine wichtige Stimme der österreichischen Literatur nach 1945 neu zu entdecken!
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Jung und Jung, Salzburg
© 1946, 1974 und 1975 Robert Neumann Estate
Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten
Umschlagbild: David Seymour
© APA PictureDesk Magnum Photos
Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com
ISBN 978-3-99027-301-2
ROBERT NEUMANN
Roman
mit einem Nachwortvon Franz Schuh
Vorwort
Erster Teil
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Zweiter Teil
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Dritter Teil
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Neumanns Kinder: Der Parodist als Romancier
Editorische Notiz
Ich weiß, ich weiß. Schwer, daß man es eindeutscht. Aber wie ich es damals auf englisch schrieb, damals vor dreißig Jahren – war es da wirklich englisch? Es war nicht. So haben diese Besprisorni eben gesprochen, diese übriggebliebenen Kinder, trotzdemnochimmerlebendig aus allen Lagern, HJ-Schulungslager und DP-Durchgangslager und Werwolfausbildungslager und KZs, zueinandergefunden, weil sie allein waren, zusammen ist es wärmer. Sie haben deutsch gesprochen, gemischt mit Jiddisch, gemischt mit American Slang und Popolski und Russian Slang, damals, dort, in dem Keller in Wien. Es kann aber auch ein anderer Keller gewesen sein anderswo, es kann jeder Keller gewesen sein überall, damals Anno fünfundvierzig, jenseits von dem Meridian der Verzweiflung.
Fragt sich: wozu eindeutschen, überhaupt? Für die Gestorbenen ein Denkmal in diesem Buch – vielleicht am besten auch ein Denkmal für die Sprache von den Gestorbenen? Gelebt haben sie nur kurze Zeit, aber mehr Zeit haben sie eben nicht gehabt, für sie war diese kurze Zeit ihre Ewigkeit. Und die Lebendiggebliebenen – wo?
Jid, vielleicht ist es ihm gelungen nach Israel und ist inzwischen aufgewachsen und gefallen gegen die Araber? Oder es ist ihm gelungen in die United States, President of the United Baby Doll Toys Corporation, und nur noch in seinem Slumberland Luxury Bed schlägt er im Traum um sich, er hat viele Alpträume, deshalb geht er zum Psychoanalyst.
Ewa wahrscheinlich eine Bäckersfrau mit sechs Kindern, Großbäckereigattin, sie sitzt an der Kasse. Außer sie ist damals wirklich professionell gegangen, ohne Büchel, auf-ab jahrein-jahraus, seit vierzig Jahren noch immer stattlich mit Gspaßlaberl und Doppelkinn, erst unlängst hat sie sich zurückgezogen auf Garderobentoilettedame im Opernkaffeehaus.
Goy, der mit den Russen gegangen ist, von ihm weiß man nichts. Towarisch Iwan Iwanowitsch Goy vielleicht, Aktivist in Magnetogorsk?
Und the Reverend Hoseah Washington Smith? Ach, the Reverend. Für ihn war es am bittersten. Später ein Mitarbeiter des Reverend Martin Luther King. Smith, vielleicht lebt er immer noch. Trotz der verminderten Lebenserwartung von so einem in den United States. Nein, es war ihre Welt, ihre Sprache in jenem Augenblick ihrer Ewigkeit. Am besten, man deutscht nicht ein.
Ein feiner Platz! Die Augen angepaßt an das Zwitterlicht, schaut er nicht aus wie ein Keller. Wahrscheinlich hat man gestützt, damit man heruntergehn kann in einem Luftalarm, Gasalarm oder was weiß ich. Das ist warum es nicht alles zusammengequetscht hat, wie das Haus daraufgestürzt ist. Komisch, ein ganzes Haus fällt herunter auf das eigene Kellergewölb, und nicht ein Loch, nicht ein Riß. Der wirkliche Eingang ist natürlich geblockt, Mauertrümmer mit gesplitterten Balken, die ganzen Stufen herauf zur Straße verschüttet. Nur Licht kann durch dazwischen. Und Luft. Heißt aber nicht, einer geht vorüber und bleibt stehn und schaut. Man geht weiter, man denkt: Getrümmert. Aus.
Nicht zu glauben, was alles vorübergeht, Tag und Nacht. Es war früher nicht eine Hauptgasse. Erst nachdem die richtige Hauptgasse geblockt war von dem Volltreffer, haben sie begonnen und gehn da vorbei. Schaut man herauf von unten, was sieht man? Füße gehen nach Westen, Füße gehen nach Osten. Sandalen, Schuh, neue Militärstiefel, oder alte Stiefel, oder ganz alte Stiefel die auseinanderfallen, wenn man sie nicht zubindet mit einem Strick. Ein paar Räder dazwischen, Schiebkarren Ziehkarren Kinderwagen, was der Ami dazu sagt es heißt a Pram.
Das Geräusch dazu. Straßenlärm – aber nicht einmal ein richtiger Straßenlärm. Prams und Handwagen, anderes fährt nicht. Kein Geschrei kein Gered, alles hat sich längst ausgeschrien und ausgeredt. Nur das Geräusch wie man geht. Ein Geräusch – man hat aus ihm die Innereien herausgenommen, so hohl ist es. Von unten, vom Keller, wundert es einen: es klingt die ganze Zeit verschieden und klingt doch dasselbe die ganze Zeit.
Höher herauf, so hoch wie ein Dachbodenfenster vielleicht von dem Haus das nicht mehr da ist, könnte man die Sofienkirche gesehen haben – wie weit? Zwei Revolverschuß weit, drei Revolverschuß, nicht mehr. Das steile Kirchendach eingedrückt. Ein Mann mit der Drehorgel irgendwo in einer von den kleinen Gassen, man sieht ihn nicht, man hört nur die Musik. Wie – einst – Lilimarleen.
Der Eingang geblockt, aber um die Ecke sind zwei Fenster gegen was früher der Hinterhof gewesen ist. Das eine Fenster ist weg, mit Brettern darüber genagelt, aber so schlau, daß man nur wissen muß wie, dann kann man dort heraus-herein über Balken und Kisten zum Klettern hingelegt. Das andere Fenster ist ganz. Ein richtiges Fenster mit richtig Glas und vor ihm ein Eisengitter. Schaut man es an, kommt einem vor es ist Frieden, so total ganz wie das Fenster ist. Schaut man von unten herauf, war dort früher der Hinterhof. Dort liegen Trümmer. Mit Schnee drauf. Schaut man von dort oben hinunter, müssen erst die Augen sich angewöhnen bevor man sieht, was für ein feiner Platz dort unten der Keller ist.
Die zwei Männer oben stehen nicht vor dem Fenster, sie stehen vorn auf der Straße, wo der geblockte Eingang ist. Von unten sieht man von den beiden nur die untere Hälfte, mit vielen Menschen dahinter hin und her. Die Schuh von den zwein sind so man schmeißt sie am besten weg und handelt bessere wenn man etwas zum Handeln hat. Komplette zwei Minuten schreien die zwei, erst jetzt stoppen sie.
»Was is los«, sagt Jid leise ganz hinten in dem Keller. Er ist ein Jiddisch Kind mit einem langen deutschen jiddischen Namen, erster Name zweiter Name alles komplett, man kann es nicht gebrauchen, es ist zu lang. »Was is los? Was wollen sie?«
Er ist dreizehn, klein wie zehn, mit Augen ungeglänzt wie ein Mann von fünfunddreißg oder fünfundfuffzg. Dazu prima angezogen mit einer pelzgefütterten Kraftfahrerjacke, die aber um ihn herumhängt wie ein Schlafrock, so groß ist sie. Von den Ärmeln hat er ein Stück geschnitten, damit er frei ist mit den Händen. Seine Hände sind lang mit dünnen Fingern immer in Bewegung, man glaubt Krabben Spinnen Schlangen was weiß ich, so bewegliche Hände hat der. Sagt er: »Ich bin in meinem Zimmer gewesen, darum hab ich nicht gleich gehört. Was is los?«
Der Junge zu dem er spricht ist sieben, oder ist neun, oder er ist sechs. Mit blonden Krausen oder Curls oder wie sagt man, blonde Locken mein Ehrenwort daß man lachen muß, es ist wie ein Mädel. Er ist eingewickelt in eine Decke. Pferdedecke. Es schaut aus, es ist ihm warm. Darum vielleicht hat er sich nicht bewegen wollen. Sitzt hinten im Keller auf der Bank ganz hingewickelt und raucht einen Tschik, eine Zigarett. Dort ist er gesessen vielleicht schon die ganze Zeit.
»Was is los? Nix is los«, sagt er schläferig. »Nur ein Geschrei.« Schaut herunter auf das Handwagel neben sich. »Ich hab schon geglaubt sie wecken das Kindl auf.«
»Mit was hast du sie zugedeckt? Mit Papier?«
»Das is die Zeitung von voriger Woche«, sagt Curls. »Begräbnisspielen.« Hebt das Blatt auf, liegt darunter ein Girl so winzigklein, mit einem Gesicht so groß man glaubt der Mond.
Sagt Jid: »Sie schläft nicht.« Ihre Augen sind weit offen.
»Nein!« – Curls deckt sie wieder zu mit der Zeitung. »Sie will das so. Ist warm. Begräbnisspielen.«
Jid: »Sie hat die Augen offen.«
Die zwei Männer draußen, in dem Moment fangen sie wieder an und schrein.
Curls: »Laß sie schrein. Das ist der Mann vom Bezirksrat.«
Gibt Jid einen leisen Lacher.
Die Füße oben von den Männern, weg sind sie. Dann sieht man sie auf der anderen Seite im Hof, dort steigen sie über die Trümmer.
»Suchen das Fenster.«
»Ja«, sagt Curls, schläfrig. Bewegt sich nicht, gewickelt in die Decke.
Jid: »Goy, wenn er zurück sein würde vom Markt, würde er ihnen zeigen. Aber den Panzerknacker hätt er abliefern sollen. Feuerwaffen geben sie eine Woche Zeit daß man abliefert. Zu spät jetzt.«
»Ja.«
»Aber hängen tun sie nicht. Nicht mehr. Kinder nicht. Und Goy kann nicht lesen, also kann er sich verteidigen er hat nicht gewußt. Aber für die zwei dort draußen genügt seine Fäuste. Den Panzerknacker schmeißt er am besten in den Fluß.«
»Oder tauscht«, sagt Curls, schläfrig.
»Kann er nicht. Panzerknacker kann man nicht tauschen. Außer bei Polen. Was geben die Polen für Panzerknacker, wenn einer ein Junge ist? Wenn du ein Mädel bist – ja. Aber dann brauchst du keinen Panzerknacker.«
»Ja.«
»Goy, für ihn möcht ein Rasiermesser richtig sein.«
Mit den Fingern spielt Jid ein Rasiermesser aus der Tasche. Läßt es hochsegeln in die Luft. Fängt es. Läßt es segeln, links. In der Luft macht es sich auf, wie eine Schwalbe so elegant. Fängt er es, elegant. Ist es schon wieder verschwunden.
Curls: »Wo ist es?«
»In deiner Tasche.«
Curls schaut nach, da ist es. Lacht er langsam. »Jetzt in mein Ärmel.«
»Das is nix. Is das Kindl gut zugedeckt? Bin ich nah gekommen? Nein? Gut. Dann schau nach unter seinem Arsch.«
Curls nimmt die Zeitung weg. »Großartig.« Lacht ein bissel, holt das Rasier heraus.
Das Kindl schaut sie an, mit großen Augen ohne Glitzer. »Na, na«, sagt Jid. »Macht dir Spaß? Macht dir Spaß man spielt ein bissel? Na? Macht dir Spaß man gibt dir ein bissel kaltes Wasser?«
»Tschik«, sagt das Kindl ernst. Mit weiten Augen, was sich nicht rühren.
»Ist schlecht für dein Alter.« Jid hält seine Zigarett an ihren Mund. »Zieh«, sagt er. »Da. Kann nicht einmal ziehn.«
Curls, mit dem Rasiermesser: »Da ist ein Hakenkreuz aufm Griff.«
Jid: »Erst sagt sie, sie will rauchen, dann zieht sie nicht. Schau wie sie schaut auf uns. Sie is beinah schon weg.«
»Nein. Sie hat nur gern, wenn sie still liegt. Hast gern man spielt mit dir Leichenbegängnis, was? Da ist ein Hakenkreuz am Griff, schau.«
Jid: »Das Messer hab ich einem SS-Mann aus der Tasche und er hat nicht gemerkt. Auch seine Uhr – hat er nicht gemerkt.« Das Rasiermesser ist weg, er zieht es aus seinem Schuh, mit zwei Fingern, elegant. »Ich kann alles ziehen aus alle Taschen.« Beugt sich über das Kindl. »Magst rauchen? Nein? Sie ist beinah schon weg, schau dir an ihren Bauch. Das weiß ich vom Lager. Man kann sterben von Schrumpfbauch oder man kann sterben von Ballonbauch.«
»Oder man kann sterben von Flecken.«
Jid: »Es gibt fünf verschiedene Arten Flecken. Was weißt du? Nix.«
»Sie hat keine Flecken.«
»Sie hat einen Ballon. Willst du ein bissel kaltes Wasser? Da. Will nicht. Ballons wollen nie Wasser.«
Curls sagt: »Sie mag Geschichten.«
Jid: »Schau, sie haben das Fenster gefunden. Da kommen sie.«
Sie stehen dort draußen, ihre beiden Unterhälften.
»Tür auf!« schreit der vom Bezirksausschuß. Er hat die amtliche Bescheinigung angesteckt an die Brust von seinem Regenmantel. Mit dem Stempel vom Magistrat und mit dem Siegel von der Kommandantura. Russisch und englisch oder amerikanisch. »Military-Governmentkommandanturazivilexekutive.« Unter der Bescheinigung hat er einen großen Buchstaben angenäht, ausgeschnitten aus einem roten Fetzen. »P«. Politisch.
Er preßt das Gesicht ans Fenster, vielleicht kann er doch herunterschauen. »Kann sein, was Sie gesehen haben, waren nur Ratten.«
»Was ich gesehen hab, waren Kinder, nicht Ratten«, sagt der andere. »Ich bin da gegenüber gestanden gestern den ganzen Tag und hab aufgepaßt.« Er regt sich auf. »Ich hab eine Berechtigung zum Beschlagnehmen. Hab ich eine Berechtigung oder hab ich nicht?« Er knöpft den Mantel auf und will das Papier herausziehn mit den vielen Stempeln. Zwei, zehn Papiere hat er zwischen den Fingern. »Nein. Das ist die Eisenbahnfahrerlaubnis. Was ist das? Das ist der Entlausungsschein. Ziehen Sie es heraus, das richtige. Ich hab steife Finger von der Kälte.«
»Ich habs schon gesehen, regen Sie sich nicht auf, ich brauch es nicht.«
»Nein nein. Ich hab eine Requisitionsberechtigung für einen Schlafplatz. Wenn die Kinder dort unten leben, muß dort Platz sein für ein Bett.«
»Haben Sie ein Bett?«
»Ich hab sechs Betten gehabt. Ein Dutzend Betten hab ich gehabt vor dem Krieg. Ich hab eine Requisitionsberechtigung. Da is sie! Nein, warten Sie, das ist die Berechtigung fürs Geschäft. Ich hab ein Recht auf das Eckgeschäft dort hinten. Ecke Lilienstraße. Das ist mein Geschäft, es ist noch da. Ich bin zufuß gekommen den ganzen Weg von Karimmenstadt, es wieder zu übernehmen. Der Mann in dem Geschäft schmeißt mich heraus, schon dreimal hat er mich geschmissen. Ich muß irgendwo schlafen können. Den Keller da hab ich entdeckt und ich hab die Berechtigung.«
»Tür auf«, schreit der Regenmantel, nur damit jemand etwas schreit. »Ich hab mir den Mantel zerrissen an dem Nagel, da, schaun Sie her. Weil man da über die Trümmer klettern muß. Wer zahlt mir das?«
»Ich hab Ihnen den Mantel nicht zerrissen. Ich bin nicht verantwortlich. Wollen Sie jetzt den Keller für mich beschlagnahmen, ja oder nein? Ich werd Sie anzeigen wegen Antisemitismus. Ich darf mich nicht aufregen, ich hab ein schwaches Herz.«
»Allein kann ich nichts machen, ich muß warten, bis der andere Herr kommt. Schrein Sie mich nicht an, ich bin eine Amtsperson. Ich war drei Jahr im Lager. Haben Sie eine Nadel, geben Sie mir eine Nadel. Sie werden mir keinen neuen Mantel kaufen, da, schaun Sie sich das an.«
»Ich war sechs Jahr im Lager! Schrein Sie mich nicht an. Meine ganze Familie hat man vergast. Ich lass mich nicht behandeln wie Dreck. Hüten Sie sich, ich bin epileptisch! Der Doktor, wie sie das Lager befreit haben, hat gesagt, ich muß regelmäßigen Schlaf haben oder mich trifft der Schlag. Ich zeig Sie an. Auf wen glauben Sie, daß Sie schreien? Mein Neffe ist in der amerikanischen Armee.«
Der andere schreit: »Ich bin selbst krank! Ich bin selbst krank, drei Jahre lang hab ich im Lager – greifen Sie meinen Arm nicht an! Ich bin eine Amtsperson, ich hab nur eine Niere.« Er beginnt zu zittern, mitsamt seinem »P«-Buchstaben und Amtsausweis. Seine Zähne schlagen, so zittert er. Sagt er zitternd: »Da! Endlich der andere Herr, da kommt er. Jetzt können wir sofort anfangen. Sie, was rennen Sie denn weg? Sie, Herr Silberstein. Hörn Sie, da kommt der Herr auf den wir gewartet haben. Wir können jetzt – Sie, Herr Silberstein, warum rennen Sie denn so?«
Rennt der tatsächlich davon, stolpernd, man hörts am Schritt.
»Weg sind sie«, sagt Jid in dem Keller unten. »Nein, nur der eine. Der andere is noch da.«
»Eisenbahneigentum«, sagt Curls, »Eisenbahneigentum jeglicher Art, ob entwendet oder von DPs gekauft, namentlich Einrichtungsgegenstände, Schreibmaschinen, Telefone, Abortmuscheln und so weiter, werden, wenn nach Mittwoch dem 12. bei unberechtigten Personen aufgefunden –«
»Was liest du da?«
»Aus der Zeitung. Das Kindl mag, daß man ihm vorliest. Egal was. Nicht wahr, Kindl? Nicht wahr?«
»Am besten, du liest ihr aus dem Buch.«
Curls liest: »Bezüglich der Verwendung von Fliegeralarmsirenen hat die Kommandantura mit sofortiger Wirkung verfügt, daß diese Sirenen nur dann substitutionsweise für beschädigte Fabrikssirenen verwendet werden dürfen, wenn die Beschädigung –. Was heißt ›substitutionsweise‹?«
»Lies ihr vor aus dem Buch«, sagt Jid.
»Also wieder Sirenen. Aber was heißt ›substitutionsweise‹?«
»Substitutionsweise is amerikanisch, es heißt: ein Schnitt. Man kriegt ein Viertelpfund von etwas substitutionsweise statt vorher ein halbes Pfund. Substitutionsweise heißt ein Schnitt in der Zuteilung.«
»Da sagts was von Fliegeralarmsirenen.«
»Von Fliegeralarm lies dem Kindl nicht vor. Lies ihr vor aus dem Buch. Was is das, was du da liest? Da. Militärkommandantura-Verordnungsblatt. Jeder muß Gräber schaufeln. Willst du, das Kindl soll Gräber schaufeln?«
Musik ist draußen. Drehorgel.
»Da«, sagt Jid. »Auch nix fürs Kindl. Lilimarleen! Das haben sie auf den Lautsprechern gespielt in Kolkowka. Dem Kindl lies aus dem Buch.«
»Du hast es aus dem Schrank weggenommen.«
Jid: »Ewa hat es herausgeschmissen. Sie reißt die Seiten heraus für den Abort. Ich erlaub das nicht. Wenn man die halben Seiten herausreißt aus einem Buch – schon kann man nicht richtig lesen.«
»Liest du das?«
»Ich behalt es jetzt in der Tasche. Von heute angefangen schlaf ich im Abort. Ich hab Durchfall. Wenn Ewa meine Sachen aus dem Schrank herausschmeißt, weil sie ihn haben will zum Schlafen für sich allein, schlaf ich auch allein. Im Abort. Vielleicht borg ich dir das Buch, daß du dem Kindl vorliest.«
»Durchfall?«
Jid: »Der Abort is der feinste Platz da in der Stadt.«
»Durchfall?«
»Ein Abort mit Rinnwasser und mit einer Schüssel, kein einziger Sprung darin. Das ist ein Wunder! Was fragst du Durchfall, was weißt du von Durchfall? Der Unterschied ist, bei Ruhr hat man rote Augen und sie rinnen. Weiß ich vom Lager. Ich hab gelbe Augen, also ist es Durchfall. Mit Hungertyphus hat man blaue Augen mit Flecken. Blaue Augen mit keine Flecken ist wenn sie dich aus der Gaskammer herausziehn. Ich könnt ein Doktor sein, wenn ich will. Ich hab Durchfall, Schluß.«
»Ich will viele Sachen lernen«, sagt Curls. »Ich will alles lernen. Flecken und Durchfall und jedes Abzeichen von jeder Army. Alles.«
Jid: »Ich kann dich anlernen für alles. Eine Zigarett eine Lektion.«
»Ich will Taschendieb lernen. Und Filmstar.«
»Mit Flecken«, sagt Jid, »is die große Wissenschaft, wie schmiert man die Flecken über mit Dreck, für die Inspektion. Sie sehn ein einzigen Fleck – schicken sie dich schon ins Gas.«
»Filmstar und alles«, sagt Curls. »Und Singen. Wir sind ins Kino gegangen, ich und meine Mutter, zweimal die Woche.«
»Ich kann dich auch anlernen, wie man streitet mit einem Rasiermesser. Die feinste Art, wenn man will a Streit. In Kolkowka haben sie bei der Inspektion meine Mutter erwischt mit Flecken – und schon aus. Gas.«
»Meine Mutter«, sagt Curls, »haben die Polen befreit, gleich wie das letzte Schießen vorüber war. Polnische DPs. Sie hat geschrien. Sie haben sie auf den Kopf gehauen und befreit. Wie ich wieder aufgewacht bin, war sie schon weg.«
»Ich muß in mein Zimmer. Es is Durchfall.«
Curls sagt: »Sie kommt wieder.«
»Was ist los, wo brennts?« fragt der Mann mit dem Pelzkragen und der Melone. Er ist über die Trümmer gestiegen, er staubt den Ärmel ab.
Der Regenmantel sagt: »Er ist davongerannt, im Augenblick wie er Sie gesehn hat.«
Der mit der Melone: »Man hat mir Ihre Botschaft gegeben beim Magistrat. Was ist los? Beschlagnahmen? Was?«
»Davongerannt im Augenblick wie er Sie gesehn hat. Hat Sie vielleicht gekannt, von früher? Diese Juden verlieren den Verstand, im Augenblick, wenn sie eine Amtsperson sehn und er ist dieselbe Amtsperson. Hat sie ins Lager geschickt und da ist er schon wieder. Ohne daß ich Ihnen nahetreten will, Herr Kropf.«
»Was wird da beschlagnahmt?« fragt der mit der Melone. Er raucht eine Zigarre. Einen Pelzkragen hat er am Rock.
»Nix wird beschlagnahmt. Er ist weggerannt. Die rennen immer weg. Auch im Lager. Kommt wieder daher und verlangt sein Geschäft zurück, so sind die.«
Der mit Melone: »Menge Baumaterial da auf dem Hof.«
»Im Lager haben sie keine Geschäfte zurückverlangt«, sagt der Regenmantel zitternd. »Kommen zurück und schrein die Leute an. Ich hab nur eine Niere.«
Melone – keine Antwort. Schaut sich um. Raucht. Zigarr.
Der Regenmantel kreischt: »Ich kann jeden Augenblick tot umfallen, wenn man mich aufregt!« Jetzt hämmert er gegen die Bretter vor dem Fenster, schreit: »Aufmachen!« Lächerlich. »Schrein einen an, die«, sagt er noch leise.
Die Bretter vor dem Fenster lautlos auseinander. Die hatten Angeln, das war der Trick. Ein Boy heraus, mit Goldcurls wie ein Mädel. Sein Gesicht grau im harten Tag und Schneelicht. Die Schatten unter seinen Augen hat man im Keller unten gar nicht bemerkt. Er hat so viele Schatten unter den Augen, wenn zwei Dutzend Soldaten ein Mädel befrein, die hat nachher immer noch kleinere Schatten als dieser Boy. Sagt er: »Grüß Gott.«
Der Regenmantel: »Ich bin vom Ausschuß. Ich hab einen Beschlagnahmezettel.«
Lehnt der Boy im Fenster, höflich, so versperrt er den Weg hinein.
Der Regenmantel: »Es is die patriotische Pflicht von jedem Patrioten, daß er Schulter an Schulter zusammenhält und dem Sturme die Stirn entgegenbietet besonders mit leeren Häusern und Wohnungen sowie Einzelzimmer aus nationalem Patriotismus.«
»Klar.« Der Boy hat noch was sagen wollen, aber es geht nicht. Am Ende sagt er doch noch: »Das is das Haus von Oberst Grau.« Mit Zitterlippen.
»Stimmt.« Der Regenmantel schaut in seine Zettel. »Da steht es drin. Stimmt. Oberst Grau. Ist tot.«
Melone dazu noch: »Aufgehängt. Bandit, Widerstandsbandit, hiesige Freiheitsfront, aufgehängt.«
»Nicht gehängt. Erschossen.« Lehnt da, jetzt parieren ihm die Lippen schon wieder. Und leise: »Ich bin der Sohn.«
Melone: »Menge Baumaterial, was da herumliegt. Dachziegel, Balken.«
Der Boy: »Das ist unser Haus.«
»Kommt nicht drauf an, von wem es das Haus ist«, sagt der Regenmantel, »es ist jedenfalls die patriotische Nationalpflicht von jedermann, solang es Leute gibt mit keinem Dach überm Kopf, daß man enger zusammenrückt und aus solidarischem Patriotismus –« Da hört er zu reden auf. Niemand hat ihn unterbrochen, er hört einfach zu reden auf.
Der mit der Melone: »Dachziegel, Balken, Bretter, Brennholz.«
»Das ist unser Haus«, sagt der Boy leise. »Das is nicht Brennholz. Ich bin nur da, weil ich auf meine Mutter wart.« Und schon wieder Zitterlippen, er kann nicht weiter für ein paar Augenblicke. »Meine Mutter hat gesagt, wenn sie wieder da ist, bauen wirs wieder auf.«
»Baun auf? Baun wieder auf? Das is Brennholz. ›Meine Mutter.‹ Wo ist sie?«
»Befreit«, sagt der Boy.
Lacht Melone auf, einmal kurz.
Der Boy: »Sie wird wiederkommen.«
Der Regenmantel: »Vorwärts, vorwärts. Stellst du dich in den Weg – oder was? Schaun wir uns einmal den Keller an. Ich hab da eine Beschlagnahmgenehmigung, und jeder hiesige Volksgenosse –«
Gibt der Boy ihm den Weg frei, sagt kein Wort.
»Bist du dort unten allein?« – der Regenmantel, mit einem Nervenzucken. Und schreit: »Man hat da noch andere Personen beobachtet!« Aber nicht einen Schritt. Steht einfach da und zuckt.
Der Boy nickt. »Fünf sind noch unten. Wir sind elf gewesen. Sechs sind weg. Weg, tot, hin. Die liegen noch unten. Der Boden war gefroren, wir haben nicht graben können. Aber sie stinken nicht. Nicht solang es so kalt ist.« Und gibt wieder dem Mann den Weg frei.
»Was heißt das?« Der Regenmantel schaut sich um. Ängstlich.
Der mit der Melone – nicht ein Wort mehr, steigt dort schon über die Trümmer, weg ist er.
»Was heißt das« – der Regenmantel, »du hast keine Gefühle für eine patriotische Verantwortung!« Aber keinen Schritt, er schreit nur: »Was heißt das – sie stinken nicht?«
»Fieber«, sagt der Boy gleichmütig. »Weiß nicht was. Fleckenfieber. Mit Flecken.«
Der Regenmantel springt zurück, stolpert. Rennt weg, ein ganzes Stück. Keine Melone mehr weit und breit. Der Boy lehnt noch immer in der Fenstertür, da kommt der Regenmantel doch noch einmal. Zehn Meter weit bleibt er stehen. Ihm ist heiß in der kalten Luft, er wischt sich den Schweiß ab, so heiß ist ihm. »Du«, ruft er heiser über zehn Meter weg. »Du, wegen dem Holz. Ich weiß wen, der kauft Bauholz, zehn Wagen. Preis spielt keine Rolle. Bar! Na? Nix?« Zittert. »Er hat zwanzig Schreibmaschinen, amerikanische«, sagt er heiser. »Na? Nix?« Sein Gesicht verfällt. Er dreht sich weg, stolpernd.
Eine Wolke segelt hoch oben. Rauch steigt auf über dem Nordbahnhof, wo grad ein Zug einfährt, fünfundfünfzig Viehwaggons mit Männern Frauen Koffern, Soldaten hängen an den Trittbrettern, schreien, auf den Bahnsteig gespien, eine Rauferei eine Verhaftung Paßkontrolle, sieben Bahren aus einem Winkel mit sieben Toten, ein Weib heult wie ein Hund.
Der Boy mit den Locken lehnt mit einem Graugesicht in der offenen Fenstertür immer noch.
Hinten in der Paradiesgartengasse scheppern drei Jeeps und ein Schützenpanzerwagen.
Nebel steigt vom Fluß, Frost. Die Brücke kann man immer noch nicht benützen.
Ein Trupp Männer schaufelt im Waldfriedhof.
Krähen segeln hoch oben vom Waldhügel gegen den Fluß hinüber, krächzend, einen trübseligen Wanderruf.
Auf dem Sofienplatz vor dem gebombten Dom sind fünfhundertfünfzig schwarze Käfer ineinander verklammert. Siebenunddreißig Zigaretten kosten einen Liter Petroleum. Für elf Uhren ist der Kurs vier Schreibmaschinen und eine Flasche Schnaps.
Drei Flaggen hängen an der Kommandantura, brüderlich.
Gestank steigt von dem ausradierten Kilometer am Kanal, dort ist es nicht so kalt.
Der Boy mit den Locken ist da schon in den Keller zurückgestiegen.
Die Drehorgel spielt immer noch.
Die Drehorgel spielt immer noch. Ein Mann pfeift dazu die Melodie. Er steht vor dem Fenster und will hinunterschaun. Steht wahrscheinlich schon eine ganze Zeit da. Dann geht er hinüber zum andern Fenster, das eine Tür ist. Klopft. Dann tritt er mit dem Stiefel gegen die Bretter. Splittert der Riegel, die Tür springt auf. Steht er da im Rahmen.
Seine Schuh sind deutsche Wehrmachtschuh. Die Hosen Zivilistenhosen, Manchestersamt. Die Jacke amerikanische Airforce wahrscheinlich eine Offizierjacke ohne Rang. Wo die Abzeichen waren, ist nur ein Fleck. Muß da auch eine ganze Reihe Orden gewesen sein, das Tuch darunter ist nicht verschossen. Das war einmal eine prima Jacke, mit Schultern ausgestopft. Für einen kleineren Mann als den, der da im Türfensterrahmen steht und herunterschaut. Sein Gorillarumpf sitzt in der feinen Kluft und macht sie lächerlich. Er hat eine britische Infanteriemütze auf, mit einer Rosette, die es nicht gibt.
Sein Gesicht – ein Gesicht was man vergißt, im Augenblick wenn man sich wegdreht. Schalterfensterbeamter, möchte man denken, so einer, der hinterm Schalter sitzt. Nein, falsch, der hat einen Kramladen in einem Dorf. Teiggesicht. Nur seine Augen sind so, daß man sich erinnert. Er ist weich in den Augen! Sie sind blaßblau gewesen und so, daß man nicht durchsieht, billige Produktion en gros, aussortierte Ausschußware mit kleinen Fehlern, man schmeißt sie in flache Schachteldeckel und offeriert sie zu einem Mezziepreis. Nasse Augen, man fragt sich ist es ein Katarrh, oder rinnt da heraus was er trinkt, oder ist er mit einem Gefühl er muß weinen die ganze Zeit?
»Grüßgott«, sagt er, wie er herunterspringt, weich und schwer. »Halloh. Grüazi, Gutmorning, Heilwieheißterdenngschwind.« Er ist auch weich im Kehlkopf, eine Weichkaltstimme ohne Stimme. Schaut sich um mit einem Inventurblick; der geblockte Ausgang, die Fenster, das ganze große niedrige Kellergeschoß mit dem Kochherd und dem gestorbenen Heizkessel und der Tür von dem Wandschrank und Türen wer weiß zum Keller daneben oder zum Abort. Er wischt mit seinem Blick über Tisch Stuhl Bank. Es dauert eine ganze Minute, bevor er bemerkt: ein Jid Boy liegt auf der Bank mit halb zugeschlossenen Augen, beweglos. »Ha, du«, sagt der Mann, ohne Stimme. »Biste taub, biste tot, oder was?« Er schaut herum, Augen rot. »Stellst dich tot, was?« Schaut sich um: »Ich such jemand.«
Sagt Jid: »Da is kein Jemand.«
»Intressant«, sagt der Mann. »Gut, du mußt ja wissen.« Zieht sich den Stuhl nah her zu der Bank und setzt sich weich und schwer. Schaut sich seine Teighand an, kurzsichtig, wie wenn er sie zum erstenmal sieht. »Also da is kein Jemand«, sagt er und schlägt dem Jid Boy über den Mund, mit seiner Hand mit Ringen an den Fingern. War wahrscheinlich ein Ring, was dem Boy die untere Lippe geschnitten hat. Ein Schnitt nicht die Rede wert, kaum ein Tropfen Blut. Der Boy wischt nicht einmal weg, er zuckt nicht, er liegt beweglos.
»Gut«, sagt der Mann, schwermütig oder wie nennt man das. »Gut, ich kann warten. Keine Eile.« Setzt sich bequemer hin, bis der Jid vielleicht beschließt daß er sich erinnert, und vertreibt sich inzwischen die Zeit mit Nachschaun, was hat er alles in seinen Taschen? Er zieht ein Taschentuch heraus, steckt wieder ein. Zieht die zusammengelegte Zeitung heraus, steckt wieder ein.
Zieht heraus, was hab ich da, ist es ein Bleistiftstumpf und ein Taschenmesser, steckt wieder ein. Aus der Hosentasche zieht er einen kleinen Gummiball heraus und schaut an, es ist wie er sieht ihn zum erstenmal. Er laßt ihn hochfliegen und schnappt ihn zurück, mit der linken Hand, geschickt. Und noch einmal. Und noch einmal noch einmal. Schad, da is kein Kerl, mit dem man spielen kann, sagt er mit seinen Augen. Ich schmeiß du fang. Zwei Minuten, drei Minuten spielt er mit sich allein, bevor er wieder einsteckt. »Also«, sagt er, schwermütig. »Schon erinnert?«
Sagt Jid: »Wenn Sie einen Boy suchen was hier lebt, er is nicht zuhaus. Er is einkaufen gegangen und nicht zurück.«
»Boy, ah?« sagt der Mann. »Und das Radio, was?« Schaut sich um, vielleicht steht es wo.
Jid: »Radio? Über ein Boy mit ein Radio weiß ich nix. Wenn Sie einen gesehn haben er is da herein mit ein Radio, so wissen Sie nicht daß viele Leute da vorne hereingehn und hinten wieder heraus durch den Hof, wahrscheinlich also Ihr Boy mit Radio genauso. Wie soll ich wissen? Ich lieg da, ich hab Durchfall, also was hab ich zu tun mit Ihr Radio? Ich bin da gelegen die ganze Zeit.« Muß ein Fieber haben, er redt so viel. Oder vielleicht hat er Angst. Liegt aber beweglos. Der Bluttropfen von seiner unteren Lippe ist halbweg herunter das Kinn gekommen zu einem Halt.
»Nur ein Boy mit ein Radio, ja?« Schaut sich um, wachsam.
Etwas liegt gleich daneben unter dem Tisch. Sieht es und bückt sich im Sitzen und hebt es auf. Ist es ein abgerissener Strumpfbandhalter, Gummiersatz, mit einem Stück Draht daß man es wieder verwenden kann, schmutzig rosa, am besten man schmeißt es weg. Schaut er es an, und riecht dazu, und steht auf, und nicht ein Wort.
Ein anderes Stück hat weiter weg gelegen, vor dem hereingebauten Schrank neben dem kalten Ofen. Geht er herüber weich und schwer und reißt die Schranktür auf. Drinnen ist es leer. Man muß es vielleicht als Trockenschrank verwendet haben, früher einmal. Leer, aber ein paar Fetzen, ein Geruch von Parfum und Schweiß.
Der Mann gibt einen kleinen Ton wie ein Jäger. Nimmt in die Hand die Sachen, eins nach dem andern, und legt sie wieder hin. Dann kommt er zurück und setzt sich noch einmal.
»Da« – ohne Stimme. Schlagt dem Jid Boy über den Mund. Nicht stark, nur so mit den Fingerspitzen.
Sagt Jid: »Ich hab geglaubt Sie suchen a Boy.«
Sagt der Mann: »Zu dem Boy hab ich nur gesprochen, weil eine Schickse mit dabei war. Dann war sie weg.«
»Auf die Schickse scharf?«
Der Mann zeigt auf den Wandschrank: »Die! Wo is die?«
Jid: »Dort drin hat sie früher geschlafen in dem Schrank.«
»Ich hab ihr gesagt, komm mit spazieren unten am Kanal«, sagt der Mann. »Dann war sie weg.« Er beugt sich zu dem Jid Boy wie ein Geheimnis. »Das is mein Geburtstag heut«, sagt er weich.
Sagt Jid: »Sie is nicht zuhaus.«
Der Mann: »Wo is die Schickse?«
Sagt Jid: »Wieviel?«
Der Mann: »Ich hab schon gezahlt. Ein Radio! Dem Kerl, der mit ihr gewesen ist. Dann war sie weg. Ich war besoffen. Jetzt bin ich klar.«
Jid: »Was weiß ich von ein Radio?«
»Ein Unrecht«, sagt der Mann. »Immer muß ich weinen an mein Geburtstag.«
»Wieviel?«
Der Mann: »Zehn Zigaretten. Zehn Tschik.«
»Nicht zu machen. Sie wissen selbst es is nicht zu machen für zehn Tschik. Auch nicht für zwanzig Tschik.«
»Fünfzehn Tschik. Ich krieg eine Schickse für fünf Tschik. Ich kann eine kriegen für nix! Vorige Woche hab ich eine mit Pelzmantel gekriegt, für fünfzehn.«
»Dann hat der Pelz nicht ihr gehört.« Jid liegt da noch immer beweglos, sein Gesicht ein Krampf. »Für das Mädel da möchte es kosten dreißig Zigaretten und wär eine Mezzie.«
»Ein Unrecht. Preistreiberei. Sagen wir fünfundzwanzig.«
Jid: »Nur daß ich den Preis sag. Da war ein Herr vorgestern zahlt fünfzig Tschik und ein Paket Trockeneipulver. Engländer. Soll ich diesen Moment tot umfallen wenn es nicht wahr is. Gekommen in sein eignen Jeep! Nur daß ich Ihnen sag was für eine Sorte Girl das Girl is. Gesund wie ein Fisch! Der Doktor im Spital vorigen Monat war ganz weg vor Staunen jemand is so gesund. Gibt kein gesunderes Mädel in der ganzen beschissenen Stadt, hat er gesagt, seine eigenen Worte. Sie wäscht sich! Die ganze Zeit. Kalt oder nicht kalt, sie wäscht, das is ihre Filosofie, sie wäscht. Das is die Sorte Girl was das Mädel is. Solche Brüste – so! Im Kino haben Sie nicht gesehn solche Brüste. Die größten Brüste in der ganzen Gegend. Nur daß ich Ihnen erklär was für eine Sorte von Girl sie is.« Ah, hat bestimmt Fieber, er redt so viel.
»Wo is sie?«
Jid: »Wieso weiß ich?«
Schaut der Mann auf seine schweren Finger und schlägt sie ihm übern Mund. Nicht stark eigentlich; nur von den Ringen wieder ein paar Tropfen Blut.
»Wo is sie?« – ohne Stimme. Dann wartet er einen Moment, dann schlägt er härter, dann fragt er noch einmal.
»Weiß nicht.«
