Die Tochter meines Vaters - Romy Seidel - E-Book
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Die Tochter meines Vaters E-Book

Romy Seidel

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Beschreibung

Sie war ein einsames Mädchen und wurde die größte Kinderanalytikerin ihrer Zeit  Wien, 1923. Die junge Anna Freud ist hin- und hergerissen zwischen der Hingabe zu ihrem Vater, dem sie Sekretärin und Vertraute ist, und ihren eigenen Plänen: Mithilfe der Analyse möchte sie bedürftigen Kindern helfen.    Der Roman folgt ihr von Wien, wo sie in der Wohnung ihrer Eltern ihre erste Praxis eröffnen darf, bis nach London, wohin die Familie im Krieg emigrierte. Die Flucht vor den Nazis bestimmt das Leben der jungen, ehrgeizigen Anna genauso wie die Abnabelung von ihrem übermächtigen Vater. Schafft sie es, aus seinem Schatten zu treten und ihre eigenen Träume zu leben?    »Ein sehr lebendiges, unglaublich fesselndes und informatives Portrait über diese starke Frau.« ― nichtohnebuch  Die historischen Romane der Reihe "Bedeutende Frauen, die die Welt verändern" entführen Leserinnen in das Leben außergewöhnlicher Persönlichkeiten wie der Pädagogin Maria Montessori oder der Architektin Emily Warren Roebling. In diesem Band folgen Sie Anna Freud, der jüngsten Tochter von Sigmund Freud, auf ihrem Weg zwischen Wien und London. Selbst bekannt als Kinderanalytikerin, litt sie zeit ihres Lebens unter dem Ehrgeiz ihres berühmten Vaters.    Nach wahren Begebenheiten: So spannend kann das echte Leben sein!   Die biografischen Roman-Reihe wurde von Laura Baldini mit dem ersten Buch über Maria Montessori begründet. Seitdem begeistern die Bücher unzählige LeserInnen und erzählen von den großen Momenten und den kleinen Zufällen, von den schönsten Begegnungen und den tragischen Augenblicken, von den Träumen und der Liebe dieser starken Frauen. Bedeutende Frauen, die die Welt verändern Mit den historischen Romanen unserer Reihe »Bedeutende Frauen, die die Welt verändern" entführen wir Sie in das Leben inspirierender und außergewöhnlicher Persönlichkeiten! Auf wahren Begebenheiten beruhend erschaffen unsere Autor:innen ein fulminantes Panormana aufregender Zeiten und erzählen von den großen Momenten und den kleinen Zufällen, von den schönsten Begegnungen und den tragischen Augenblicken, von den Träumen und der Liebe dieser starken Frauen. Weitere Bände der Reihe:  - Laura Baldini, Lehrerin einer neuen Zeit (Maria Montessori) - Romy Seidel, Die Tochter meines Vaters (Anna Freud) - Petra Hucke, Die Architektin von New York (Emily Warren Roebling) - Laura Baldini, Ein Traum von Schönheit (Estée Lauder) - Lea Kampe, Der Engel von Warschau (Irena Sendler) - Eva-Maria Bast, Die aufgehende Sonne von Paris (Mata Hari) - Eva-Maria Bast, Die vergessene Prinzessin (Alice von Battenberg) - Yvonne Winkler, Ärztin einer neuen Ära (Hermine Heusler-Edenhuizen) - Agnes Imhof, Die geniale Rebellin (Ada Lovelace) - Lea Kampe, Die Löwin von Kenia (Karen Blixen) - Eva Grübl, Botschafterin des Friedens (Bertha von Suttner) - Laura Baldini, Der strahlendste Stern von Hollywood (Katharine Hepburn) - Eva-Maria Bast, Die Queen (Queen Elizabeth II.) - Agnes Imhof, Die Pionierin im ewigen Eis (Josephine Peary) - Ulrike Fuchs, Reporterin für eine bessere Welt (Nellie Bly) - Anna-Luise Melle, Die Meisterin der Wachsfiguren (Marie Tussaud) - Petra Hucke, Die Entdeckerin des Lebens (Rosalind Franklin) - Jørn Precht, Die Heilerin vom Rhein (Hildegard von Bingen) - Elisa Jakob, Die Mutter der Berggorillas (Dian Fossey) - Yvonne Winkler, Kämpferin gegen den Krebs (Mildred Scheel) - Lena Dietrich, Die Malerin der Frauen (Artemisia Gentileschi) - Laura Baldini, Die Pädagogin der glücklichen Kinder (Emmi Pikler)

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2021

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© Piper Verlag GmbH, München 2021

Lektorat: Uta Rupprecht

Covergestaltung und -motiv: Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung von shutterstock.com

und Richard Jenkins Photography

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Inhalt

Cover & Impressum

Die Wiener Jahre I

1922–1924

1 – Anna setzte sich …

2 – Die Sonne schien, …

3 – Später saßen sie …

4 – Die folgenden Wochen …

5 – Tatsächlich war sie …

6 – Ihr Vater hatte sich …

1 – Ein eisiger Wind …

8 – Seit ein paar Monaten …

9 – Am Samstagnachmittag …

10 – Anna hatte begonnen, …

11 – Die Ärzte hatten …

12 – Die ganze Familie …

13 – Wenige Wochen …

14 – Anna war äußerst …

15 – Anna fuhr in die …

16 – Anna hatte eine …

Die Wiener Jahre II

1925–1927

17 – Wie genoss Anna …

18 – Seine Mutter hatte …

19 – Jeden Morgen ging …

20 – Am Tag darauf …

21 – Anna freute sich …

22 – Dorothy sagte sofort …

23 – Zurück in Wien …

24 – An diesem trüben, …

25 – Annas Vater war …

26 – Anna saß am …

27 – Dorothy konnte gar …

28 – Als Anna die …

29 – Zurück in Wien …

30 – Das Holzhaus, das …

Die Wiener Jahre III

1937–1938

31 – Der Nationalsozialismus …

32 – An diesem kühlen, …

33 – Anna kniete in der …

34 – Anna hatte wieder …

35 – Als Anna wenig …

36 – Ein paar Tage …

37 – Ende des Monats …

Die Londoner Jahre

1938–1939

38 – An einem herrlichen …

39 – Sie hatten ein …

40 – Wenige Wochen …

41 – Es war einer dieser …

42 – Anna war in …

43 – In dieser Nacht …

Epilog

Nachwort

Die Wiener Jahre I

1922–1924

1

Wien, Berggasse 19 im Sommer 1922

Anna setzte sich auf und streckte den Rücken.

Seit Stunden hatte sie hoch konzentriert an einer englischen Übersetzung für den Psychoanalytischen Verlag gearbeitet, bei dem ihr Vater Geschäftsführer war.

Sie stand auf, ging zum Fenster und ließ die Schultern kreisen. Vielleicht könnte sie noch einen kleinen Spaziergang machen, die frische Luft würde ihr guttun. Sie war schon viel zu lange in diesem stickigen Zimmer.

Anna ging zurück zum Schreibtisch, schob die Blätter zusammen und überlegte kurz, sie gleich zu ordnen.

Nein, das konnte sie auch morgen noch tun. Für heute war es genug.

Als es klopfte, hatte Anna die Türklinke bereits in der Hand und öffnete die Tür. Sie musste über das erschrockene Gesicht ihrer Tante lachen. »Herrschaftszeiten, Anna, hast du mich erschreckt!«

»Ich bin gerade fertig geworden und will mir ein bisschen die Beine vertreten.«

Ihre Tante wirkte immer streng und missbilligend, was wohl vor allem an ihrer stets dunklen, hochgeschlossenen Kleidung und der Falte zwischen ihren Augen lag. Wenn man sie näher kannte, wusste man, dass sie alles andere als strikt oder gar miesepetrig war.

»Dein Vater möchte mit dir sprechen, Annerl.«

Was mochte er auf dem Herzen haben? Es war eine ungewöhnliche Zeit für eine Unterredung mit ihm. Normalerweise hatte er bis in die frühen Abendstunden Patienten.

»Wir sehen uns dann zum Essen.« Ihre Tante verschwand wieder.

Anna nahm ihre Strickjacke vom Garderobenständer und begab sich zum Arbeitszimmer des Vaters.

Die Wohnung der Freuds – eigentlich waren es zwei Wohnungen, die man zusammengelegt hatte – hatte fast zwei Dutzend Räume, darunter sogar ein eigenes Wohnzimmer für die Tante.

Annas zwei Zimmer befanden sich im südlichen Teil, gleich neben dem Esszimmer. Ihre Stube hatte sie mit einem bequemen Sofa, einem Sekretär und einem Bücherregal in Nussbaum eingerichtet. In einer Ecke stand ein urgemütlicher Ohrensessel samt Hocker, in dem sich herrlich lesen und handarbeiten ließ. Vor dem Fenster hingen helle Vorhänge, die sich sacht im Wind bauschten, wenn ein Flügel geöffnet war. Zusammen mit farbenfrohen Bildern an den Wänden, vor denen man gern stehen blieb, hatte Anna sich inmitten der elterlichen, eher düsteren und dadurch etwas ungemütlich wirkenden Wohnung ein behagliches, helles Zuhause geschaffen. Die Räume des Vaters – Arbeits- und Sprechzimmer sowie ein Behandlungs- und ein Wartezimmer – lagen im westlichen Flügel.

Anna legte kurz das Ohr an die Tür und lauschte.

Nichts. Alles war still. Sie klopfte und betrat auf sein lautes »Nur herein!« hin den Raum.

Ihr Vater saß am Schreibtisch. Im Aschenbecher lag eine dampfende Zigarre, das Jackett hatte er ausgezogen und über die Stuhllehne gehängt. Das Fenster war geschlossen wie meistens. Anna neckte ihn gern, dass er sich ganz offenbar nichts aus frischer Luft mache.

»Darf ich?« Sie machte einen Schritt zum Fenster und wartete auf sein Nicken.

»Meinetwegen.« Er schrieb weiter.

Es war nicht ganz leicht, sich den Weg zum Fenster zu bahnen. Das Zimmer war vollgestellt mit Möbeln, Lampen, Teppichen, die teilweise übereinanderlagen, sowie zahllosen Andenken, die ihr Vater von seinen Reisen mitgebracht hatte. Auf allen Tischen und Regalen standen Statuetten, manche davon verkörperten griechische Götter. Die Sammelleidenschaft war eine Marotte ihres Vaters, wenn er in einem Geschäft eine Figur sah, konnte er einfach nicht weitergehen, ohne sie wenigstens kurz in die Hand zu nehmen. Und das bedeutete dann, dass er sie haben wollte.

Anna stieß mit der Hüfte an ein Beistelltischchen, und die Holzfigur darauf kam ins Schwanken. Mit einer Hand griff sie reflexartig danach.

Als Kind hatte sie einmal einen vollen Aschenbecher umgestoßen und die ganze Zigarrenasche auf dem kostbaren Teppich verteilt. Ihr Vater hatte furchtbar mit ihr geschimpft, wie tollpatschig sie sei, und sie war heulend aus dem Zimmer gelaufen.

Sie öffnete einen Fensterflügel und setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Du wolltest mich sprechen, Papa?«

Er schob das Blatt Papier von sich, nahm die Zigarre auf und rauchte einen Moment. Blinzelnd schaute er den grauen Schwaden nach, die an die Decke stiegen, dann räusperte er sich. »Ich mache mir Sorgen, Anna.«

»Sorgen? Und worüber?«

»Um dich.«

Sie ahnte, was er meinte. Er sorgte sich, weil sie noch immer daheim bei Eltern und Tante lebte und gar nicht daran dachte, sich etwas Eigenes zu suchen. Und er sorgte sich, weil sie bislang keinen einzigen Gedanken an eine Heirat verschwendete. Wen sollte sie auch heiraten?

Es gab durchaus den einen oder anderen Interessenten, Ernest Jones zum Beispiel, ein guter Freund der Familie. Er war Neurologe und arbeitete ebenfalls als Analytiker. Als er vor einiger Zeit begonnen hatte, sie zu umwerben, war ihr ganz mulmig geworden. Es war mehr als deutlich, was er sich von ihr erhoffte, auch wenn er ihr nie einen Antrag gemacht hatte. Das war auch gar nicht nötig, in jedem seiner Sätze hatte eine meist versteckte, dann und wann auch ganz offene Botschaft gelegen. Irgendwann war es ihr zu viel geworden, und sie hatte ihm gesagt, dass er ihr als Freund, und nur das, lieb und teuer sei.

Daraufhin hatte er sich von ihr zurückgezogen und die vermeintliche Schmach erst Wochen später überwunden. Seitdem hatten sie nie mehr von Ehe gesprochen, und wenn es nach Anna ging, blieb das auch so.

In den Augen ihres Vaters blitzte es kurz auf. Entweder er war belustigt oder verärgert, so genau konnte sie das manchmal nicht sagen.

Sie spürte das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, konnte sich aber gottlob zurückhalten.

Ihr Vater rauchte weiterhin schweigend, dann stand er auf und ging zum Fenster. »Die Wahrheit ist: Deine Mutter hat mich gebeten, mit dir zu reden. Sie macht sich nämlich weit mehr Sorgen als ich.«

Anna verdrehte die Augen. Um ihre Mutter ging es also. Wieso schickte sie den Vater vor? Warum sprach sie nicht selbst mit ihr?

»Sie fragt sich, ob du dich denn gar nicht nach einem eigenen Leben sehnst?«

»Aber ich führe ein eigenes Leben. Ich habe meine Räume und meine Arbeit.«

Anna war die Jüngste von sechs Geschwistern – drei Brüdern und zwei Schwestern –, das Nesthäkchen, das immer um Aufmerksamkeit und Liebe gekämpft hatte. Schon als Kind hatte sie sich für die Arbeit ihres Vaters interessiert, hatte seine Schriften und Bücher gelesen und irgendwann begonnen, mit ihm über die Analyse zu diskutieren. Auch später, als sie Lehrerin an einem Lyzeum war, hatte sie das Interesse für die psychoanalytische Arbeit nie verloren und schließlich eine dreijährige Lehranalyse beim Vater gemacht.

Vor drei Monaten war sie in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen worden und nahm dort an den Sitzungen und Vorträgen teil. Außerdem erledigte sie die geschäftliche Korrespondenz und die Übersetzungen ins Englische im Psychoanalytischen Verlag. War denn das kein eigenes Leben? Zählten bei einer Frau immer nur Heirat und Gründung einer Familie?

Ihr Vater betrachtete sie ernst. Seine Augen konnten sein Gegenüber mitunter recht finster und durchdringend mustern.

»Wann fährst du eigentlich zu Frau Lou?«, fragte er unvermittelt, und Anna war überrascht über den plötzlichen Themenwechsel.

»Kommenden Montag.«

Lou Andreas-Salomé war eine gemeinsame Freundin, Anna hatte sie über ihren Vater kennengelernt. Lou war Schriftstellerin und arbeitete seit einigen Jahren auch als Analytikerin. Sie war bereits über sechzig, genauso alt wie Annas Mutter. Dennoch kam sie Anna sehr viel jünger und lebendiger vor.

Ihr Vater setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.

War sie entlassen, oder wollte er ihr noch weiter auf den Zahn fühlen?

Er schrieb weiter und zündete sich nebenbei eine neue Zigarre an. Die alte glomm noch als kleiner Stummel im Aschenbecher. »Ich möchte dir ein Buch für Frau Lou mitgeben. Wenn du so gut sein und mich daran erinnern willst?«

Anna erhob sich und strich sich die Dirndlschürze glatt. »Das mache ich. Wir sehen uns beim Abendessen. Ich gehe noch ein bisschen an die frische Luft.«

Er nickte nur und sah nicht einmal auf, als sie die Tür hinter sich schloss.

2

Am Montag darauf

Die Sonne schien, kaum eine Wolke war am Himmel.

Bestes Reisewetter.

Anna war vergnügt und beschwingt aufgestanden, hatte sich rasch angezogen und war ins Esszimmer gegangen, um eine Kleinigkeit zu frühstücken. Viel Appetit hatte sie morgens nie.

Ihr Vater war bereits in seinem Arbeitszimmer, Mutter und Tante schienen noch zu schlafen.

»Soll ich Ihre Reisetasche nach unten bringen, Fräulein Anna?«, fragte Mizzi, das Stubenmädchen, ein sehr junges, hübsches Ding mit Apfelbäckchen und blond gelocktem Haar.

»Das ist nicht nötig, Mizzi, aber danke.« Anna trank ihren Kaffee aus und überlegte, sich für später etwas zu essen einpacken zu lassen. »Aber wenn Sie der Köchin Bescheid geben würden, dass sie mir Reiseproviant zurechtmacht?«

Mizzi knickste. »Aber natürlich, Fräulein Anna.«

Anna stellte Teller und Tasse zusammen, wie sie es immer machte, auch wenn Mizzi meinte, das sei nun wirklich nicht nötig. »Ich bin in meiner Stube, falls mich jemand sucht.« Sie musste noch das eine oder andere einpacken.

Anna verließ das Esszimmer und ging nach nebenan. Sie lüftete gründlich ihre Zimmer, suchte ihre restlichen Sachen zusammen und überprüfte, ob sie auch nichts vergessen hatte. Sie würde den ganzen Juli bei Lou verbringen.

Mit ihrem leichten Regenmantel über dem Arm betrat Anna die Halle des Wiener Westbahnhofs. Sie brauchte einen Moment, um sich auf den Lärm einzustellen; die lauten Stimmen und das Rufen der Leute, die schrillen Töne der Trillerpfeifen und das Schnaufen und Rattern der ein- und ausfahrenden Züge.

Beim Weitergehen wäre sie um ein Haar über einen kleinen Jungen gestolpert, der auf der Erde saß, die Arme um die Knie geschlungen. Er weinte herzzerreißend.

Sie hockte sich vor ihn hin. »Was hast du denn, Bub?«

»Meine Mama …«, schluchzte er. »Ich hab meine Mama verloren.«

Anna widerstand dem Drang, den Kleinen an sich zu ziehen, um ihn zu trösten. »Komm, wir setzen uns dort drüben hin.« Sie zeigte auf eine Bank rechts von ihnen. »Du kannst nicht hier sitzen bleiben, früher oder später fällt jemand über dich.«

Sie lächelte, als er das Gesicht hob und sie treuherzig ansah. »So wie ich beinahe.«

Der Junge rappelte sich auf und wischte mit dem Hemdsärmel über das feuchte Gesicht.

Er stand kaum, als ein Schaffner herbeigeeilt kam. »Du Lümmel! Was fällt dir ein, dich hier herumzutreiben!« Er wollte den Jungen schon am Ohr ziehen, Anna konnte gerade noch dazwischengehen.

»Ich bitt Sie, lassen S’ doch den armen Jungen!«

»Aua!«, heulte dieser auf, obwohl der Schaffner ihn noch gar nicht zu fassen bekommen hatte.

»Aber er kann hier nicht herumsitzen!«, schimpfte der Schaffner. »Die Passanten fühlen sich belästigt.«

»Weil ein kleiner Junge weinend dasitzt?« Anna schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich kümmere mich um ihn, gehen Sie nur weiter Ihrer Arbeit nach.«

»Sind Sie sicher?« Der Mann schaute sie skeptisch an. »Ich kann auch den Schutzmann holen.« Er zeigte irgendwohin.

»Lassen Sie nur«, versicherte sie. »Wenn ich ihn brauche, hole ich ihn selbst.«

»Schön, Sie müssen’s ja wissen.« Er brummte noch etwas vor sich hin, was sie nicht verstand, und trollte sich.

Anna setzte sich auf die Bank, stellte die Reisetasche zu ihren Füßen ab und wartete, bis der Junge sich neben sie gesetzt hatte. »Und jetzt erzählst du mir in Ruhe, was geschehen ist. Einverstanden?«

Er schniefte, und sie gab ihm ein frisches Taschentuch aus ihrer Reisetasche. »Meine Mama …« Mit dem Tuch wischte er sich über Nase und Augen. »Wir wollen heute mit dem Zug zur Omama fahren. ›Geh ruhig schon mal vor‹, hat die Mama gesagt, ›ich komme gleich nach.‹ Ich bin nämlich schon acht und darf allein zum Bahnhof gehen. Ich hab hier gewartet, aber die Mama ist nicht gekommen, und dann ist der Zug wieder losgefahren.« Ein heiseres Schluchzen. »Was, wenn sie allein eingestiegen ist? Weil sie mich nicht gefunden hat?«

Anna war zutiefst erleichtert. Ein Missverständnis, so sah es jedenfalls aus. Alles würde sich aufklären. Für einen Augenblick hatte sie geglaubt, der Junge meinte mit »verloren« gestorben. »Wie heißt du denn?«

»Johannes.«

»Ich heiße Anna. Deine Mama ist ganz bestimmt nicht ohne dich gefahren, Johannes.«

Er schaute sie mit großen braunen Augen vertrauensvoll an, und ihr Herz zog sich vor Mitgefühl zusammen. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie verloren sie sich als Kind oft vorgekommen war. Sie war das Kind, das eigentlich nicht mehr kommen sollte, nicht geplant war. Ihre Geschwister hatten eine Einheit gebildet, zu der sie nicht gehörte, egal, wie sehr sie sich auch abstrampelte.

Sie wollte dem Kleinen noch etwas Tröstendes sagen, als hinter ihnen eine aufgeregte Frauenstimme zu hören war: »Haben Sie meinen Jungen gesehen? Wo ist denn bloß mein Bub?«

Johannes war aufgesprungen. »Mama!«

Anna stand auf und sah, wie eine zierliche, dunkelhaarige Frau die Arme um ihn schlang und sein Haar mit Küssen bedeckte. »Johannes! Ich dachte schon, du wärst in den Zug gestiegen und allein losgefahren.«

Er machte sich los. »Das dachte ich auch, aber von dir.«

Sie lächelte. »Da haben wir beide ja Glück gehabt, was?«

Johannes zeigte auf Anna. »Die Frau hat sich um mich gekümmert.«

»Wirklich? Das ist aber nett von Ihnen. Vielen Dank.«

»Das war doch selbstverständlich. Ich habe nur versucht, ihm die Angst zu nehmen.«

Die Frau ergriff ihre Hand. »Ich danke Ihnen von Herzen. Ich hoffe, Sie haben jetzt nicht Ihren Zug verpasst.«

»Nein, keine Sorge, ich war sehr früh hier.« Anna deutete nach rechts, wo ihr Zug soeben schnaufend einfuhr. »Da kommt er auch schon.« Sie nahm ihre Reisetasche. »Wiederschauen, Johannes, gib auf dich acht, ja?«

Wie immer hatte Anna ihr Strickzeug dabei, und während sie mit dem Ärmel für Lous Kleid begann, dachte sie über ihre Begegnung mit Johannes nach. Das Erlebnis hatte sie berührt, und es wirkte nach. Ein Kind sollte sich immer sicher und aufgehoben fühlen. Es konnte so leicht aus der Bahn geworfen werden, und die Probleme, die sich daraus ergaben, waren oft schwerwiegend.

Die Stricknadel glitt durch die Maschen, Anna musste kaum hinschauen. Das liebte sie so am Handarbeiten: Ihre Gedanken gingen auf die Reise, und praktisch »nebenbei« entstand ein hübsches Kleidungsstück.

Wie hilflos der Junge war, und wie dankbar er mich angeschaut hat, als ich mich um ihn gekümmert habe, dachte sie. Und wie gut es sich angefühlt hatte, für ihn da zu sein.

Nach dem zweiten Umsteigen hatte Anna beide Ärmel für das Kleid fertig. Dann aber waren ihr die Augen zugefallen.

Sie träumte von Johannes. Hand in Hand standen sie am Bahnsteig und warteten auf den Zug. »Was, wenn die Mama nicht kommt?«, fragte er sie mit großen Augen.

»Ich bin ja da«, erwiderte sie. »Ich werde dich nicht allein lassen. Du kannst mir vertrauen.«

Als sie wach wurde, blinzelte sie und wusste nicht gleich, wo sie war.

Ach ja, im Zug nach Göttingen.

Sie war allein im Abteil. Manchmal genoss sie es, mit einem anderen Reisenden zu plaudern, meistens jedoch war ihr die Stille lieber.

Wie lange hatte sie geschlafen? Sie warf einen vergeblichen Blick auf ihr Handgelenk. Die Armbanduhr hatte sie zu Hause liegen lassen, wahrscheinlich auf dem Nachtschrank.

Anna packte ihr Strickzeug in ihre Reisetasche, rutschte näher ans Fenster und lehnte die Stirn an die kühle Scheibe.

Es war Sommer, unverkennbar. Die Wiesen und Weiden waren saftig grün, Mohn, Kornblumen und wilde Margeriten wucherten am Rand der Weizenfelder, und der Himmel hatte dieses ganz besondere, wuchtige Blau.

Anna liebte das Ländliche. Jedes Jahr wieder, wenn sie das Leben in der Stadt gründlich überhatte, sehnte sie sich nach grünen Weiden, nach Bergen, auf denen Enzian wuchs, und Tälern, in die sich kleine Dörfchen kuschelten. Ihrer Familie ging es nicht anders, deshalb zogen sie jedes Jahr für Wochen, wenn nicht Monate hinaus aufs Land in die Sommerfrische.

Sie musste an ihren ersten Besuch bei Lou denken, drei Monate war er jetzt her. Die lange Heimfahrt hatte sie genutzt, um sich auf ihren Vortrag in der Psychoanalytischen Vereinigung vorzubereiten, den sie wenige Wochen später halten sollte und der zugleich ihre Aufnahme dort bedeuten würde. Ein Vortrag mit dem Titel Schlagefantasie und Tagtraum, eine Fallstudie zum Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Ein Thema, mit dem Anna sich auskannte, für das sie geradezu prädestiniert war.

Sie war schrecklich nervös gewesen, was nicht nur darin begründet war, dass sie grundsätzlich Angst hatte, vor Publikum zu sprechen. Vor allem wollte sie ihren Vater nicht enttäuschen. Ihm, dem berühmten Analytiker, zu genügen war für Anna von jeher der Grund gewesen, sich ins Zeug zu legen und alles zu geben.

Sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als der Schaffner durchs Abteil ging. »Die Fahrkarten bitte, mein Fräulein.«

Seine Uniform roch nach nassem Hund.

Während er die Karte entwertete, tat sie das, was sie vor Jahren zum Spaß begonnen hatte, als ihr langweilig war: Sie überlegte, was für einen Hund er wohl haben mochte und welchen Namen er ihm gegeben hatte.

Einen Pudel, dachte sie. Nein, eher einen Dackel. Einen Rauhaardackel, der ihn ungeduldig an der Haustür empfängt, wenn er heimkommt. Vielleicht bringt er ihm sogar die Pantoffeln und die Zeitung. Und sein Name ist …

»In wenigen Minuten fahren wir in den Göttinger Hauptbahnhof ein.« Er gab ihr die Fahrkarte zurück. »Bitte sehr, mein Fräulein.«

Seppi? Sie musste sich ein Grinsen verkneifen. Unsinn, wir sind nicht in Süddeutschland, hier nennt man seinen Hund ganz bestimmt nicht Sepp oder Seppi. Dann vielleicht Waldi oder Bello.

Anna nahm ihren Mantel vom Nachbarsitz und wankte etwas steif- und breitbeinig, um die Balance zu halten, zur Tür.

Der Zug hielt ratternd an, und die Bremsen quietschten so laut, dass sie das Gesicht verzog. Am liebsten hätte sie sich die Ohren zugehalten, nur hatte sie leider keine Hand frei.

»Ich wünsche einen schönen Aufenthalt in Göttingen.« Der Schaffner tippte an seine Mütze und öffnete die Waggontür.

Sie bedankte sich. »Danke sehr, den werde ich gewiss haben.«

Sie stieg die zwei Stufen zum Bahnsteig hinunter und musste achtgeben, nicht auf ihren Rocksaum zu treten. Sie legte den Mantel auf die Reisetasche, blickte sich zur Orientierung kurz um und ging los.

Lou hatte angeboten, sie abzuholen, doch Anna hatte ihr geschrieben, das sei nicht nötig.

Als sie aus dem Bahnhof kam, blieb sie stehen und schaute in den Himmel. Keine Wolke war zu sehen.

In ihren Beinen kribbelte es, vom langen Sitzen war sie ganz eingerostet. Bis zu Lous Haus, dem Loufried, wie ihre Freundin es nannte, war es nicht allzu weit.

Unterwegs blieb Anna ein paarmal stehen, um sich ein besonders hübsches Haus oder einen Garten anzusehen.

Als sie wieder mal nach kurzem Innehalten weiterging, kam plötzlich jemand aus einem Seiteneingang und wäre beinahe in sie hineingelaufen.

»Ich bitte vielmals um Verzeihung, mein Fräulein.« Ein junger Mann im Tweedjackett und mit brauner Kappe auf dem rötlichen Haarschopf sah sie entschuldigend an.

»Ist ja nichts passiert.«

»Sie sind aus Österreich.« Er lächelte flüchtig. »Nicht zufällig aus Linz?«

»Nein, aus Wien.«

»Ich habe eine Tante in Linz.« Er mochte ungefähr in ihrem Alter sein. Vielleicht ein Student, der nicht heimgefahren war? Im Sommer war Göttingen wie ausgestorben, während es zu den Semesterzeiten vor jungen Menschen wimmelte.»Studieren Sie hier?«, fragte er interessiert.

»Nein, ich besuche eine Freundin.«

»Ich studiere westasiatische Sprachen.« Er wippte auf den Zehenspitzen, beide Hände in den Hosentaschen.

»Bei Professor Andreas?«

»Ja. Kennen Sie ihn?«

»Er ist der Mann meiner Freundin.«

Er strahlte. »Ach, tatsächlich? Na, was für ein Zufall.«

Anna stieg ein Geruch von Tabak und Mottenkugeln in die Nase, und sie musste niesen.

»Gesundheit. Grippe?«

»Heuschnupfen.« Sie zog ihr Taschentuch aus der Rocktasche und wollte weitergehen.

»Gestatten Sie, dass ich Sie begleite?«

»Das ist nicht nötig, aber vielen Dank.«

»Wie Sie meinen. Meine besten Grüße an Herrn Professor Andreas.«

Anna drehte sich im Gehen um. »Ich werde es ausrichten.«

Als sie weiterging, atmete sie auf. Sie hatte schon befürchtet, dass er sich nicht abwimmeln ließ.

Nach einem Fußmarsch von einer guten Viertelstunde sah Anna von Weitem das Loufried vor sich, eingebettet in Felder und Wiesen. Sie lächelte freudig und ging etwas schneller.

Das Haus war von einem herrlich blühenden Garten mit Obstbäumen, Sträuchern und Blumenrabatten umgeben.

An der Pforte des schmiedeeisernen Zauns hing ein Schild mit der Aufschrift Loufried. Es duftete nach Süßkirschen.

Anna stellte ihre Reisetasche ab und atmete tief durch.

Wie schön, wieder hier zu sein!

Sie schob die Pforte auf und nahm eine Bewegung am Fenster wahr. Das Küchenfenster, wie sie wusste. Bestimmt stand Lou hinter der Gardine.

Kurz darauf wurde die Haustür aufgerissen, und Lou stürmte heraus, die Arme ausgebreitet. »Da bist du ja! Willkommen, meine liebe Anna!«

Sie umarmten sich, als hätten sie sich eine Ewigkeit nicht gesehen. Lous Hündin sprang zwischen ihnen hin und her und bellte aufgeregt.

Anna ließ ihre Freundin los und hockte sich hin, um auch die Hündin zu begrüßen. »Du wirst immer runder, meine Kleine.«

Anna war »hundenarrisch«, genau wie ihr Vater, doch bislang hatten sie ihre Mutter nicht von einem häuslichen Vierbeiner überzeugen können. »Wenn ihr unbedingt einen Hund anschaffen wollt, bitte sehr. Dann werde ich eben ausziehen.«

»Martha …« Ihr Vater hatte mit der Zunge geschnalzt.

»Ich mein’s ernst, Sigmund«, hatte sie erwidert. »Ein Hund oder ich.«

Wofür Anna sich entscheiden würde, hatte sie besser nicht gesagt.

»Wollen wir gleich ins Haus gehen?«, fragte Lou. »Oder möchtest du erst eine Runde durch den Garten drehen?« Sie schmunzelte und winkte ab. »Nein, schon gut. Ich kenne deine Antwort.«

3

Später saßen sie sich gegenüber, auf dem Tisch brannte eine Kerze. Die Vögel im Garten waren ganz still geworden, als wollten sie nicht stören. Aber es lag wohl an der Nachmittagshitze, die sich wie eine Glocke über die Stadt gestülpt hatte.

»Du wirst in diesem Jahr siebenundzwanzig, wenn ich nicht irre.« Lou seufzte leise. »Ich erinnere mich noch verteufelt gut daran, als ich noch so jung war. Ich war frisch verheiratet, und mein erstes Buch war erschienen.«

Anna lächelte über diesen seltenen Moment, in dem ihr der große Altersunterschied bewusst wurde. »Wo ist eigentlich dein Mann?«

»In Leipzig. Wir haben das ganze Haus für uns.«

Lou bewohnte die obere Etage des Hauses, ihr Mann die untere. Eine unkonventionelle, aber konsequente Lösung, wenn man bedachte, dass auch ihre Ehe, die eher einer Kameradschaft glich, äußerst ungewöhnlich war.

Lou lief aus dem Zimmer und kam kurz darauf mit einem Buch zurück. Sie legte es auf den Tisch und schenkte Anna frischen Tee nach.

Anna nahm das Buch und blätterte darin: Rainer Maria Rilkes DuineserElegien. Sie hatte den Dichter bereits kennengelernt, einen zurückhaltenden, scheuen, etwas verhuschten Mann mit sehnsüchtigem, verträumtem Blick. Er und Lou waren eine Zeit lang ein Liebespaar gewesen. Begonnen hatte es damit, dass sie seine Muse und Seelenverwandte war, und geendet hatte es – zumindest für ihn – in einer kleinen Tragödie. Lou war gegangen, weil sie sich wie zerrissen gefühlt hatte.

»Es ist das Beste, was Rainer je geschaffen hat«, sagte Lou leise, und Anna meinte, Traurigkeit und Wehmut in ihrer Stimme zu hören.

Den ersten Teil der Elegien hatte sie Anna im letzten Jahr handgeschrieben zum Geburtstag geschenkt. Für Anna ein kostbares Geschenk, das sie wie einen Schatz hütete.

»Aber erzähl doch mal, Anna«, bat Lou. »Wie geht es bei euch daheim?«

»Sehr gut. Viel gibt’s gar nicht zu berichten, ich habe dir ja beinahe täglich geschrieben.«

»Was ist mit deinem Roman?«

Anna errötete. Ach je, ihr Roman. Vor etwa zwei Jahren hatte sie die Idee gehabt, aus den vielen kleinen Geschichten, die sie schrieb, einen Roman zu machen. Die Hauptfigur in diesen Geschichten hatte sie Heinrich Mühsam genannt; ein junger Mann, der etliche von Annas Eigenschaften besaß und ihre Träume und Hoffnungen teilte.

Doch immer, wenn sie sich hingesetzt hatte, um daran zu schreiben, hatte ihr Hirn, in dem es ansonsten vor fantasievollen Ideen nur so sprühte, sich verweigert. Das Blatt vor ihr blieb leer, bis auf wenige Stichworte und ein paar Kritzeleien. Offenbar war sie nicht zur Schriftstellerin geboren.

»Das Wort ›Roman‹ scheint wie ein Damoklesschwert über mir zu schweben.«

»Du musst loslassen, Anna. Sag dir einfach, du schreibst eine etwas längere Geschichte.«

»Du meinst, ich müsste mein Gehirn nur austricksen?«

Lou zuckte mit den Schultern. »So in etwa, ja.«

Ich kann mich nicht selbst überlisten, dachte Anna. Das hatte sie schon viel zu oft versucht und war bislang jedes Mal gescheitert.

»Heinrich Mühsam, das bist du. Das wissen wir doch beide, oder etwa nicht?«

Anna fühlte sich ertappt, was albern war, vermutlich hatte Lou sie von Anfang an durchschaut.

»Lass deinen Heinrich den Weg gehen, den du selbst am liebsten gehen würdest. Lass ihn tun, was du tun möchtest.« Lou zwinkerte ihr verschwörerisch zu. »Das ist das Schöne an Romanfiguren. Man kann sie so sein lassen, wie man selbst gerne wäre.«

»Heinrich ist aber ein Mann«, erinnerte Anna sie.

»Und wenn schon. Was würde dein Heinrich machen? Womit würde er sein Brot verdienen? Wie würde er leben?«

Diese Fragen konnte Anna rasch beantworten. »Er würde in einem niedlichen Landhaus irgendwo rund um Wien wohnen, vielleicht in der Steiermark, da gefällt’s mir auch. Mit einem Garten voller Levkojen und Malven, mit Hühnern und frechen Gänsen. Und er hätte natürlich einen Hund.«

»Und eine Familie?«

»Nein, eher nicht«, antwortete sie zögernd. Lous Fragen waren ihr ein bisschen unangenehm. »Wenn man sich eine Familie wünscht, bedeutet das, dass man heiraten muss. Und das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.«

»Wer redet denn von dir?« Lou lachte.

Anna wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Was ist mit Ernest Jones?«

Musste Lou wieder damit anfangen?

»Mit Ernest ist rein gar nichts«, antwortete Anna ein wenig spitz, um klarzustellen, dass sie nicht vorhatte, mehr als unbedingt notwendig über ihn zu reden.

Lou verschluckte sich vor Lachen an ihrem Tee. »Nicht böse sein, aber die Versuchung war einfach zu groß. Ich wollte dich nur ein bisschen necken. Du wärst auch viel zu schade für einen Mann wie ihn.«

»Ach ja?«

»Versteh mich nicht falsch, ich mag Jones, er ist intelligent und ehrgeizig, aber ich fürchte, er braucht eine Frau, die zu ihm aufblickt und dafür sorgt, dass er anständig gekleidet das Haus verlässt.« Lou zwinkerte ihr zu. »Und dafür wärst du eindeutig zu schade. Du hast ganz andere Qualitäten.« Noch immer grinsend erhob sie sich. »Ich hole frischen Tee.«

»Ich kann das doch machen.«

»Meinen Knochen tut es gut, wenn ich sie bei Laune halte.«

Während Anna am Tisch sitzen blieb und Lous Hündin, die unter dem Tisch lag, gedankenverloren kraulte, geschah es: Plötzlich sah sie sich am Schreibtisch sitzen – in ihrer eigenen Praxis. Wenn sie schon vorher darüber nachgedacht hatte, dann war es nicht bis in ihr Bewusstsein durchgedrungen.

Lou kam wieder herein und stellte die Teekanne auf den Tisch. »Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.«

»Keinen Geist. Ich habe mich am Schreibtisch gesehen, in meiner eigenen Praxis.«

Lou hob verwundert die Augenbrauen. »Ach ja? Seit wann denn das?«

Anna zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht, vielleicht sitzt die Idee schon eine ganze Weile hier oben drin.« Sie tippte sich an die Stirn. Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie nachdenklich: »Anfangs könnte ich meinem Vater Patienten abnehmen. Und dann …« Sie verstummte.

»Und dann?«, hakte Lou nach.

Plötzlich hatte sie wieder Johannes vor Augen, sah ihn auf der Erde sitzen, die Arme um die Knie geschlungen und weinen. »Ich hab meine Mutter verloren.«

Sie erinnerte sich an das, was sie zu seiner Mutter gesagt hatte. »Ich habe nur versucht, ihm die Angst zu nehmen.«

»Wer weiß.« Sie lachte betont heiter. »Bis es so weit ist, fließt sicher noch eine Menge Wasser die Donau hinunter.«

Am Abend machten die beiden einen Spaziergang. Lous Hündin lief voraus, die Nase dicht am Boden, und wieder wünschte Anna, sie hätte auch einen Hund, mit dem sie frühmorgens zum Donauufer gehen konnte.

An einem kleinen Waldstück blieben sie stehen. Ein frischer Wind war aufgekommen, der ein wenig Abkühlung brachte. Über ihnen brauten sich schwere, dunkle Wolken zusammen. Regenwolken.

Lou zeigte nach vorn. »Wollen wir uns dort auf die Bank setzen?«

Sie nahmen Platz, und Anna streckte sich. »Es ist herrlich hier. Du bist zu beneiden.«

Lou hob das Gesicht in die Sonne. »Manchmal beobachte ich die Wolken und denke, dass es spannend sein muss, sich mit dem Wetter zu beschäftigen.«

»Für mich wäre das nichts«, meinte Anna. »Weil ich trotz allen Wissens nichts daran ändern könnte. Ich kann die Wolken nicht verschieben, sie nicht dazu bringen, es endlich regnen zu lassen. Ich kann den Wind nicht steuern, die Sonne nicht abdecken, wenn sie mir zu sehr ins Gesicht scheint. Ich müsste alles hinnehmen, und das liegt mir nicht.« Sie schob ihren Rock bis zum Knie hoch.

»Wie läuft es im Verlag?« Lou hatte die Augen geschlossen und die Hände im Nacken verschränkt.

»Papa macht sich Sorgen, weil das Papier knapp wird und die Preise so immens steigen.«

»Beschäftigst du dich noch mit Traumdeutung?«

»Ein bisschen schon.«

»Erzähl mir von deinem letzten Traum«, bat Lou.

»Ich stehe vor meiner Klasse, und die Kinder lachen mich aus, weil ich im Nachthemd erschienen bin. Und in riesigen Filzpantoffeln.«

»Und du? Was machst du? Lachst du mit?«

Anna schüttelte den Kopf. »Dazu schäme ich mich viel zu sehr. Aber die Kinder haben ihren Spaß. Sie wollen sich vor Lachen ausschütten und zeigen immer wieder auf mein Nachthemd und die Pantoffeln.« Sie runzelte die Stirn, weil ihr soeben ein weiteres Detail eingefallen war. »Ich hatte langes Haar, das mir bis zur Hüfte ging. Seltsam.«

»Vielleicht fehlt dir die Arbeit als Lehrerin. Hast du als Kind auch manchmal geträumt, du könntest fliegen?«

»Manchmal. Es war wunderbar, einfach abzuheben und loszufliegen. Schade, dass man es als Erwachsener irgendwann …« Anna suchte nach einem passenden Wort. »Verlernt?«

»Ich glaube, das liegt am Urvertrauen, das wir als Kind haben. Dieses beruhigende Gefühl, dass uns nichts etwas anhaben kann. Dass wir immer aufgefangen und beschützt werden.«

Anna schwieg. Flugträume hatte sie sehr selten gehabt.

»Neulich habe ich geträumt, dass ich durchs Treppenhaus irre und unsere Wohnung nicht finden kann«, sagte sie nach einer ganzen Weile. Der Traum war noch immer erstaunlich lebendig, für ihren Geschmack viel zu sehr. Sie war gelaufen und gelaufen, treppauf, treppab, bis sie sich schließlich auf eine Stufe gesetzt und gedacht hatte, dass sie jetzt einfach dort sitzen blieb, bis jemand sie fand.

Sie überlegte, ob sie Lou auch von ihrem Vater-Traum, wie sie ihn nannte, erzählen sollte. Immer wieder träumte sie, dass sie unsichtbar für ihn war. Er saß in seinem Arbeitszimmer und schrieb etwas, sie kam herein, und er starrte die offene Tür an. »Ist da jemand?«, fragte er, und Anna antwortete mit zaghafter Piepsstimme: »Ich bin’s doch, Papa. Siehst du mich denn gar nicht?«

Es war auch vorgekommen, dass er an ihr vorbeigehen wollte und sie sich ihm in den Weg stellte, damit er sie bemerkte. Doch er ging durch sie hindurch, und sie wollte schreien, aber kein Ton kam aus ihrer Kehle.

In anderen Träumen ragte sein Schatten drohend und unheilvoll hinter ihr auf. Sehen konnte sie ihn nicht, nur spüren, doch das genügte. Manchmal war sie im Traum so erschrocken, dass sie sich nicht mehr rühren konnte.

Häufig schreckte sie aus diesen Träumen hoch und konnte nicht wieder einschlafen.

Nein, besser, sie erzählte Lou nichts davon. Ihre Freundin würde es missverstehen und etwas hineindeuten, was nicht stimmte.

Sie gingen erst spät zu Bett, aber Anna konnte dennoch nicht einschlafen. Sie war unruhig und aufgekratzt.

Eine eigene Praxis. War es das, wovon sie insgeheim träumte? Warum hatte sich dieser Wunsch in ihrem Unterbewusstsein versteckt, warum kam er erst jetzt hervor und überraschte sie?

Was würde ihr Vater dazu sagen? Vermutlich: »Genügt dir deine Arbeit als Sekretärin, Korrekturleserin und Übersetzerin nicht?«

Anna verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich ans Fenster. Sie wurde im Dezember siebenundzwanzig und war noch immer auf der Suche nach sich selbst. Nach ihrem eigenen Weg. Die Analyse bei ihrem Vater war mit der Hoffnung und vielleicht auch mit der Erwartung verbunden gewesen, herauszufinden, wer sie war und wer sie sein wollte.

Wusste sie es inzwischen? War eine eigene Praxis ein erster Schritt?

4

Die folgenden Wochen waren herrlich. Sie gingen täglich spazieren, lagen im Garten unter dem Birnbaum, kochten Obst ein, bereiteten Marmelade aus Kirschen und Gelee aus Johannisbeeren zu, philosophierten und lachten viel.

An manchen Tagen waren sie albern wie kleine Kinder, dann wieder ernst und nachdenklich.

An einem der letzten Tage im Juli – Anna würde in Kürze wieder abreisen – dösten sie im Garten, ein Handtuch über dem Gesicht. Es war schwül, kein Lüftchen wehte.

Anna war eingenickt und schreckte hoch, als ein plötzlicher Windstoß über sie hinwegfegte und Rilkes Elegien aufblätterte, die neben ihr auf dem Tisch lagen.

»Ich glaube, wir bekommen ein Gewitter.« Lou war bereits aufgestanden. »Wir sollten zusammenpacken. Komm.«

Sie hatte kaum ausgesprochen, als die ersten dicken Regentropfen auf sie niederprasselten. Anna schnappte sich ein Handtuch und hielt es sich über den Kopf. Lou klemmte sich den Rilke unter den Arm und lief zum Haus. Die Hühner gackerten aufgeregt und rannten kopflos durcheinan-der.

Anna versuchte, sie in Richtung des kleinen Stalls zu scheuchen, der in der hinteren Ecke des Gartens stand.

»Achtung, die Weiße versucht zu flüchten!« Lou lachte lauthals, als Anna die Verfolgung der Ausreißerin aufnahm und dabei das Handtuch wie beim Stierkampf einsetzte.

Zu zweit schafften sie es schließlich, die Hühner einzufangen und in den Stall zu bringen. Da waren sie bereits nass bis auf die Haut.

 

Wenig später setzte Lou in der Küche Teewasser auf, während Anna den Tisch deckte. Die Regentropfen trommelten ein Stakkato und hinterließen dünne Streifen auf der Fensterscheibe.

Lou kam herein, das nasse Haar unter einem Handtuchturban, und zeigte auf Annas dunkelgrüne Wollstrümpfe, die farblich nicht zu dem Rock passten, den sie ihr geliehen hatte. »Das ist neuer Pariser Chic, nehme ich an?«

»Ich gehe immer mit der Mode, das weißt du doch.«

»Ich bewundere deinen Geschmack.« Lou stellte das Tablett auf den Tisch.

Anna setzte sich und zog sich einen zweiten Stuhl heran, um die Füße daraufzulegen. Sie rührte in ihrer Tasse, obwohl sie gar keinen Zucker genommen hatte. »Ich habe dann und wann einen … seltsamen Traum. Von meinem Vater.«

Herrje, sie hatte doch gar nicht davon anfangen wollen! Was war denn nur in sie gefahren? Ein solcher Traum war sicher nicht leichter zu ertragen, wenn man sich jemandem anvertraute.

Lou sah sie erwartungsvoll an. »Erzähl, bitte.«

Und das tat Anna.

»Ach, es ist verrückt«, endete sie und lachte betont heiter.

Was sollte Lou nun von ihr denken? Dass sie glaubte, unsichtbar für ihren Vater zu sein, dass sie Angst vor ihm hatte? So sehr, dass sein Schatten sie im Schlaf verfolgte?

In Lou erwachte sogleich die Analytikerin. »Du willst, dass er stolz auf dich ist, dass er dich beachtet, Anna. Dafür strampelst du dich ab, doch es scheint dich zu überfor-dern.«

Anna schwieg und verwünschte sich. Das hatte sie nun davon.

»Es gefällt dir nicht, was ich gesagt habe. Aber so ist es, Anna, glaub mir. Dein Vater steht über allem.« Lou trank einen Schluck Tee. »Darf ich dich ganz offen etwas fragen?«

Anna hatte das ungute Gefühl, dass nun eine Frage kam, die sie nicht gern beantworten mochte. Trotzdem nickte sie.

»Hast du dich als Kind einsam gefühlt?«

Ein wunder Punkt und ein heikles Thema. Anna spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

Wenn sie ganz ehrlich war, hatte sie sich meistens einsam gefühlt. Sie war die Nachzüglerin gewesen, das ungeplante Kind.

Lou schien keine Antwort zu brauchen, denn sie nickte. »Und du hast noch immer daran zu knabbern.«

»Wie viel nehmen Sie pro Stunde, Frau Analytikerin?«, scherzte Anna.

»Mir kannst du nichts vormachen. Du hast etliche analytische Gespräche mit deinem Vater geführt, aber ich nehme an, dass ihr dieses Thema bewusst ausgeklammert habt.«

Anna nickte zögernd.

»Er wird es trotzdem wissen«, meinte Lou.

Anna erwiderte nichts. Sie musste plötzlich erneut an den kleinen Johannes denken und erzählte Lou von der Begegnung, froh, ein anderes Thema anschneiden zu können.

Weit gefehlt. »Und dieser Junge hat dich an dich selbst erinnert.« Lou nickte nachdenklich. »Ein einsames, verlorenes Kind, mutterseelenallein auf einem Bahnsteig. Ich glaube, wenn wir Kinder analysieren könnten …«

»Warum sollte man das nicht können?«, fragte Anna dazwischen.

»Weil es Kinder sind. Sie zu durchleuchten bräuchte einiges an Fingerspitzengefühl und eine Fertigkeit …« Lou verstummte, um kurz nachzudenken. »Nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie sollte das gehen?«

»Sie müssten sich natürlich äußern können.«

»Äußern?«

»Sie müssen bereits sprechen, sich verständlich machen können.« Anna sagte bewusst nicht müssten, weil ihr mit einem Mal etwas durch den Kopf schwirrte. Wäre es nicht eine wundervolle Aufgabe, Kindern zu helfen, ihr Selbst zu finden oder aufzudecken? Ihnen die Angst zu nehmen, ganz gleichgültig, wovor? Hätte sie diese Fertigkeit, das Fingerspitzengefühl, von dem Lou sprach?

Sie schob den Gedanken beiseite, vorerst, und sagte: »Ich fürchte, ich war ein sehr anstrengendes Kind. Ich fand es schrecklich, unsichtbar zu sein, und habe alles dafür getan, um bemerkt zu werden.« Sie musste lachen, auch wenn es im Grunde gar nicht komisch war. »Ich war frech und vorlaut, einen präpotenten kleinen Teufel hat Papa mich genannt. Manchmal hat er fürchterlich mit mir geschimpft, dann wieder hat er sich rasch zur Seite gedreht, damit ich nicht sehe, wie er grinst.« Und das war ziemlich häufig passiert. »Meine Schwestern waren ungeheuer vernünftig und folgsam, Sophie noch dazu bildhübsch.« Anna schluckte. Ihre Schwester Sophie war tot, gestorben an der Spanischen Grippe. »Aber wäre ich genauso brav gewesen, hätte Papa mich gar nicht wahrgenommen.«

»Glaubst du?«, fragte Lou.

»Ich bin mir sicher.«

»Deshalb hast du den Clown gespielt.«

Anna zuckte mit den Schultern. »Ich war weder folgsam noch vernünftig oder hübsch. Ich war immer nur … ich. Anna.«

 

Am Morgen ihres Abschieds spazierte Anna durch das Haus und anschließend durch den Garten. Sie sagte den Blumen, Bäumen und Hühnern Lebewohl, strich über Blüten und Blätter.

Lou stand bereits an der Pforte, Annas Reisetasche neben sich. »Bist du fertig?«

Anna nickte und hakte sie unter. »Ich wünschte, ich könnte noch bleiben.«

Aber sie freute sich auch auf Wien. Der Gedanke an eine eigene Praxis ließ sie nicht mehr los. Und ein weiterer Gedanke hatte sich dazugemogelt: Sie könnte sich der Kinder annehmen.

»Wo ist deine Hündin?« Sie blickte sich suchend um.

»Sie bleibt besser hier. Sie mag den Stadtlärm nicht und bekommt es mit der Angst zu tun, wenn viele Menschen um sie herum sind.«

Anna hielt Lou die Pforte auf und nahm ihr die Reisetasche ab. »Uns bleibt noch genug Zeit, um langsam zu schlendern und dabei zu plaudern.«

 

Vor dem Bahnhofsgebäude angekommen blieben sie kurz stehen.

Kutschen warteten davor, die Pferde schnaubten, irgendwo weinte ein Kind, und eine Frau schimpfte ungehalten und ziemlich unflätig.

Anna hob den Kopf und lächelte. Über ihnen wölbte sich wieder ein blauer, wolkenloser Himmel, wie bei der Hinfahrt.

»Es war wundervoll bei dir, Lou, ich danke dir von Herzen.«

»Ich danke dir, Anna. Ich war in bester Gesellschaft.«

Ob Lou vorhatte, sich gleich hier zu verabschieden? »Ich bin furchtbar schlecht im Abschiednehmen«, hatte sie irgendwann gesagt.

»Du bringst mich doch noch zum Zug?«

»Natürlich.« Lou ging, plötzlich ganz schweigsam, neben ihr her und hielt ihr die schwere Eingangstür auf.

Ein Schwall abgestandener Luft schwappte ihnen entgegen. Es roch nach Schweiß, ungewaschenen Füßen und Tabak.

»Pfui Teufel«, kommentierte Lou und rümpfte die Nase.

Als sie auf dem Bahnsteig standen, umarmten sie sich.

»Wann kommst du wieder?«, fragte Lou.

»Nächsten Frühling?«

»Abgemacht.« Lou zog ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen.

»Du weinst doch nicht etwa?«, fragte Anna gespielt streng.

»Nein, nein. Es liegt am scheußlichen Wind, der hier pfeift.«

»Ich könnte dir wollene Unterhosen stricken.«

»Ja, bitte. Mit einem Bändchen unten am Saum, damit ich sie zusammenschnüren kann, wenn es ganz besonders kalt ist.«

»Selbstverständlich.«

Der Zug fuhr ein, und Lou gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Pass auf dich auf, und herzlichste Grüße an deine Eltern.«

Anna stieg ein und suchte sich ein Abteil mit wenigstens zwei freien Plätzen. Sie hatte Glück und fand eins, das noch ganz leer war, stellte ihre Reisetasche ab und schob das Fenster hinunter.

Lou stand am Bahnsteig, die Stola, die Anna ihr zum letzten Geburtstag gestrickt hatte, um die Schultern geschlungen.