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Was übrig bleibt, wenn man nichts mehr hat: das einfühlsame Porträt einer alten Frau unter Menschen, denen nur noch ihre Wünsche gehörenElise hat ein langes, arbeitsames Leben hinter sich, da landet sie von einem Tag auf den anderen in einem neuen: Nach dem Tod ihres Mannes wird sie von den Töchtern in ein Armenasyl eingewiesen. Zaghaft versucht sie sich einzufinden in einer Welt, für die sie nie bestimmt war. Eine Welt voller Menschen, Erwachsene wie Kinder, Kranke und Gesunde, die irgendein Schicksal oder auch nur ein unglücklicher Zufall hierhergeführt hat. Eine Welt, in der durch strikte Regeln versucht wird zusammenzuhalten, was kaum zusammenzuhalten ist. Aber auch eine Welt, die erst durch die Geschichten ihrer Bewohner lebendig wird. Und nicht zuletzt durch ihre Wünsche. Katharina Geiser widmet sich behutsam und doch ungeschönt einem vergessenen Stück Schweizer Sozialgeschichte. Sie erzählt vom Alltag in einer Institution, die bis in die 1970er Jahre Bestand hatte. Dabei stellt sie die Menschen in den Mittelpunkt, ihre Hoffnungen und das, worauf sie zurückblicken, in einer Sprache, die sich ihnen ganz dicht annähert.
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2025
© 2025 Jung und Jung KG
Hubert-Sattler-Gasse 1, A-5020 Salzburg
Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung, Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten
Umschlagabbildung: © cover photo Laura Makabresku
Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com
ISBN 978-3-99027-315-9
KATHARINA GEISER
Roman
Für Elise Linder-Brand (1868–1953)
Vielleicht hilft es, wenn man an einem Apfel riecht.
ADELHEID DUVANEL
Das Echte will auch neben dem stehen, was erfunden ist.
WIM WENDERS
1 UND WENN WIR NUR EIN TRAUM VON JEMANDEM SIND?
2 WARUM RIECHEN DIE SCHWEINE ALLE GLEICH, DIE MENSCHEN ABER GANZ VERSCHIEDEN?
3 WOHER WEISS DIE AMSEL, WELCHES LIED SIE SINGEN MUSS?
4 IST DEIN LOCH IM BAUCH GRÖSSER ALS MEINE FAUST?
5 WARUM PFLANZT DENN DER GÄRTNER KEINE BANANEN?
6 WIE WAR DER LETZTE TAG DEINER KINDHEIT?
7 WORAN MÖCHTEST DU DICH NICHT ERINNERN?
8 ABER DER HABICHT FLIEGT DOCH SCHNELLER ALS EIN FLUGZEUG?
9 KANN DER HERRGOTT GEISTER TÖTEN?
10 WIE VERDIENT MAN GLÜCK?
11 WARUM HEISST DAS VÖGELI EIGENTLICH VÖGELI?
12 HAT DER LIEBE GOTT EIGENTLICH MIT TINTE ODER BLEISTIFT GESCHRIEBEN?
13 UND WIE BIN ICH AUS DER TIEFE DER ERDE HERAUSGEKROCHEN?
14 WARUM HAT GOTT REICHE UND ARME MENSCHEN GESCHAFFEN, WENN ER AM ENDE DIE ARMEN DOCH LIEBER HAT?
15 WENN ANNLIES UND FRITZ DAS GLEICHE NÄGGI IM KOPF HABEN, DANN KÖNNEN SIE DOCH HEIRATEN?
16 SOLLTE DER TURM ZU BABEL HÖHER ALS DER NIESEN WERDEN?
17 GÄHNT WISI, SO MUSS ICH AUCH GÄHNEN, ABER WENN ER SEUFZT, MUSS ICH NICHT SEUFZEN – IST DAS NICHT KURIOS?
18 MÜSSTE DIE KÖCHIN NICHT JEDEN TAG OMELETTEN FÜR UNS ALLE MACHEN, WEIL WIR GÄSTE AUF ERDEN SIND?
19 WARUM LACHEN FRAU PFARRER UND FRAU HENNI NIE? HABEN SIE VIELLEICHT NOCH KEINE GNADE BEKOMMEN?
20 WARUM FÜRCHTEN SICH KATZEN VOR DEM WASSER UND TRINKEN ES DOCH?
21 GIBT ES JEMANDEN IN DER SCHWEIZ, DER LÄNGER UND KLÜGER IST ALS MORITZ LONTSCHI?
22 HAT HUREREI ETWAS MIT EINEM EI ZU TUN?
23 SAG, WER HAT IM GARTEN EDEN GEJÄTET?
24 IM KOPF KANN ICH GENAU SO GUT TANZEN WIE FRANCESCA!
An diesem Nachmittag war der Fluss kein aus Wasser gemachtes Getöse. Arglos, wie gezähmt zog er dahin. Wäre er rückwärtsgeflossen, so hätte Elise das genau jetzt bemerkt. Sie sah die größeren und sehr großen Steine im Flussbett, die da und dort das Wasser bremsten, es aufspritzen ließen oder zu durchsichtigen Fächern formten. Sie sah das unterschiedliche Grau der Steine, alle grauer als der Himmel, und dieser Himmel hing als Schmutzwasser über ihr, während eine Kohlmeise unermüdlich ihren Alarm in die frische Luft rief, Revieranspruch oder Paarungsbereitschaft verkündete oder beides zusammen.
Frühling, dachte Elise nur, Frühling.
Der Koffer stand, wo Anna ihn platziert hatte, am diesseitigen Ende der Brücke.
Zum Abschied hatte Idi erwartungsgemäß Adieu, leb wohl genuschelt. Ihr Händedruck war lasch gewesen, er bedeutete Elise gleich viel wie ein Schulterklopfen. Als sie sich Anna zugewandt hatte, wich diese zuerst mit dem Kinn, dann mit dem ganzen Körper unmerklich zurück. Ihr Hut saß makellos. Ohne einen ihrer Hüte und ohne Brille war Anna nie unterwegs. Hinter den Gläsern lauerten schmale, standhafte Augen.
Elises Blick ruhte nun auf den leicht rostigen Verschlüssen des Koffers.
Womöglich schon vor Wochen musste Anna alles ausgekundschaftet haben, zumindest das Dorf mit der Station, den Fußpfad durch den Wald, die kleine Schlucht mit der gedeckten Holzbrücke und, auf der anderen Seite des Flusses, die Straße, die beiden Kurven.
Die Strecke vom Bahnhof bis hinunter zur Brücke war für Elise zu bewältigen, wenn auch beschwerlich gewesen. Anna und Idi hatten sie in ihre Mitte genommen. Falls sie gestolpert oder gefallen wäre, hätte vermutlich weder die eine noch die andere sie aufgefangen. Zu warm, fast heiß war Elise auf dem Weg geworden, bis in den Hals hatte ihr das Herz geklopft. Nicht um alles in der Welt hatte sie sich die Anstrengung anmerken lassen wollen. In ihren Armen dagegen steckte noch die alte Kraft.
Den Koffer hätte sie ohne Mühe selber tragen können. Unzählige Male hatte Kari ihn benutzt. Verreist war er damit nie, bloß in einem fort unterwegs gewesen, mit seinem Rucksack und bei Bedarf eben auch mit diesem kleinen Koffer.
Einen ausgesprochen armseligen Eindruck mache sie mit dem Gepäckstück, hatte Anna gesagt, als sie Elise abgeholt hatten. Spott, wenn nicht gar Triumph, zumindest aber Genugtuung war ihrem Gesicht abzulesen gewesen. Idi hatte wie meistens den Mund gehalten; ein roter Schimmer lag auf ihren Wangen.
Elise sah immer noch gut, vieles an ihr war noch intakt.
Sie war sich sicher, Anna und Idi zum letzten Mal zu sehen, doch schickte sie ihren Töchtern keinen guten Gedanken hinterher, als sie sich jetzt aus mütterlichem Instinkt umdrehte: Dort gingen die beiden, einmütig als falsches Paar. Ineinandergehakt, im Gleichschritt mit geradezu lächerlich anmutenden, kurzen Schritten und leicht nach vorn gekippten Oberkörpern, um den nicht allzu steilen Pfad durch den Wald besser zu meistern.
Wald? Den kümmerlichen Bäumen fehlte es an Licht. Buchen, Hasel und Erlen trugen noch kein Laub. Den Tannen hatte der Winter ein mattes Grün umgehängt. Kreuz und quer lag geschlagenes Holz, die dünnen Stämme gaben nicht viel her, zum Pfählen oder Zäunen taugten sie aber allemal. Vereinzelt waren gedrungene, sperrig wachsende Weiden mit ihren samtigen Silberkätzchen zu sehen und überall Bärlauch, der seine Blätter wie Speerspitzen in die Märzluft stieß. Nur nicht unten an der Brücke, wo nun von der gegenüberliegenden Seite ein Leiterwagen daherrumpelte, gezogen von einem kraftstrotzenden Mann.
Eine Armlänge vor Elise hielt er den Wagen an, stellte sich als Kempf Johann vor und fügte einen Willkommensgruß hinzu, etwas gar gut gelaunt, wie ihr schien. Dann hieß er sie, auf den Leiterwagen zu steigen, der schmal war, bestimmt älter als Elise und passend für eine Fuhre Heu. Eine Holzkiste diente als Tritt. Es war mühselig, da hinaufzuklettern. Johann legte seine Hände an Elises Gesäß und drückte sie hoch. Als ihr der Koffer nachgereicht wurde, bemerkte sie, dass aus dem Halbdunkel der Fachwerkbrücke zwei weitere Kerle hinzutraten. Listige Augen blinzelten unter der Hutkrempe des einen hervor, der deutlich Größere und Jüngere hatte ein fliehendes Kinn und abstehende Ohren. Mit finsterer Miene packte der Große die Deichsel, der Kleine stellte sich an die Seite von Johann und half beim Anschieben, Wenden und Stoßen des Gefährts, das kurz darauf seinem Ziel entgegenholperte, zuerst über den Bretterboden der Brücke, dann hinauf bis zur Landstraße und dort noch ein Stück weiter.
Vor allem war Elise froh, sitzen zu können, wenn auch alles andere als bequem. Einige fadenscheinige, übereinandergelegte Polsterkissen dienten als Sitz, an den Streben des Leiterwagens konnte sie sich festhalten. Ihre Beine taten weh, doch hatte sie sich längst an den Schmerz gewöhnt. Drei kräftige Männer an ihrer Seite! Es hatte Zeiten gegeben, wo sie über diese Situation herzlich gelacht hätte.
Schon am Bahnsteig, bevor der Zug sich weiter talaufwärts in Bewegung gesetzt hatte, war ihr die senkrechte, karg bewachsene Felswand aufgefallen, mächtiger und schroffer als die übrigen den Ort umgebenden Berge, eine einzige Abweisung stellte sie dar. Zuoberst verschwand die Wand in den Wolken. Elise senkte ihren Kopf erneut, sah aber dennoch, wie die bedrohlich wirkende Bergflanke im Lauf der Fahrt auf sie zukam. In ihrem Dorf gab es in erreichbarer Nähe nur Hügel, von guten Wäldern bedeckt, gut für darin weidende Ziegen und um Beeren und Pilze zu finden.
Endlich kamen ein paar Häuser und schließlich ein behäbiges Haus mit Walmdach auf sie zu. Es kaschierte seine Baufälligkeit nicht. Irgendwann mochten die Fensterläden grün gewesen sein.
Es war der Gegenwind, der Elise Tränen in die Augen trieb.
»Ich bin da«, sagte sie leise vor sich her, als der Leiterwagen anhielt. »Aber nicht für ewig.«
Im selben Moment lugte der kleinere der Karrer hinter dem Wagen hervor, um gleich darauf drei, vier ungelenke Sprünge zu machen, seinen Hut mit einer Hand an den Kopf drückend.
Johann deutete auf das Haus und ging Elise voran. Das war gut gemeint, aber insofern unnötig, als zwischen Gartentor und Hauseingang nur ein paar Schritte lagen und Elise keine Sehbehinderung hatte. Darüber hinaus war sie immer noch imstande, Wohnhäuser von Ställen, Bärlauch von Maiglöckchen, Streuzucker von Hagelzucker oder auch Schlangen von Blindschleichen zu unterscheiden. Und Männer von Frauen, obwohl das mittlerweile unbedeutend war. Andererseits hatte Johann sich wie ein Diener ihren Koffer geschnappt; galant, charmant war das. Man hätte verführt sein können zu glauben, gleich ein bestes Gasthaus zu betreten. Aber Bedienstete, so überlegte Elise, gingen sehr wahrscheinlich eher hinter als vor einem her. Und Anna? Sie hatte ihr den Koffer nur aus schlechtem Gewissen abgenommen.
Das mit dem Gasthaus war ziemlich daneben. Allein die paar Zuschauer zwischen Tor und Tür waren dafür Beweis genug. Dennoch gab es hier eine Köchin und eine Küchenhilfe, einen Gärtner (Johann nämlich), eine fidele Wäscherin und drei weitere Angestellte. Fünf Diakonissen widmeten sich dem Dienst am Nächsten und führten Haus- und Gartenarbeiten an. Die Schwestern lebten in Gemeinschaft mit Frauen, Männern und Kindern, von denen die einen unheilbar krank, andere einigermaßen gesund und wieder andere ganz gesund waren. Vom vernachlässigten Säugling über den obdachlos gewordenen Melker und die ehemalige Säuferin bis zur senilen Jungfer wurden hier alle für ein tägliches Kostgeld von fünf Franken versorgt.
Unter der offenen Haustür nahm eine junge Schwester Elise in Empfang. Man konnte sich ihren Namen nicht leicht auf Anhieb merken, wie Burg, aber mit einem A hinten, hatte sie gesagt. Ihre Hand war warm und trocken. Einen gütigen Eindruck machte diese Schwester Burga, die für alle Frauen zuständig war. Sie verkniff es sich nicht zu erwähnen, dass selten jemand mit einem Koffer anreise, die meisten brächten ein Bündel mit, höchstens, wenn überhaupt. Elise meinte, so etwas wie Anerkennung herauszuhören.
Ein strenger Geruch kam von dem langen Gestell hinter der Eingangstür, das fast die ganze Länge des Treppenhauses einnahm. Sämtliche Schuhe der Heimbewohner standen hier, ausgerichtet in Reih und Glied. Wären die Schuhe kreuz und quer dagelegen, hätte dies beruhigend familiär wirken können. Doch zum einen verbot das die Hausordnung, und zum anderen war an diesem Ort Zeit in Hülle und Fülle vorhanden, um Schuhbändel aus Langeweile oder Gewissenhaftigkeit in Schuhe zu stopfen. Selbst jene, für die das letzte Stündchen bald schlagen würde (die Kirche lag jenseits der kleinen Schlucht), fügten sich dieser Ordnung, sofern sie denn noch dazu imstande waren, sich hinunter ins Erdgeschoss zu begeben.
Elises Nase war immer noch gut.
Das Schuhgestell sei als ein Aushängeschild zu betrachten, klärte Schwester Burga auf und wirkte dabei leicht verlegen, »man betritt ein Haus, der erste Eindruck ist wichtig, findet Ihr nicht auch?«
Die Filzpantoffeln, die Elise zugeschoben wurden, waren ausgelatscht. Ihr fielen die dunklen Strümpfe und Schuhe von Schwester Burga auf. Sie hatte sich vor die einzige Zimmertür im Eingangsbereich gestellt. »Das Büro von Schwester Ottilia, unserer Hausmutter und Oberschwester«, sagte sie leise und winkte Elise herbei. »Gleich folgt Euer Eintrittsgespräch.« Die Schwester klopfte an. Elise betrachtete die schwarz-weiße Abbildung, die mit Reißnägeln am Türblatt des Büros befestigt war: zwei unverkrampfte Hände, deren Zeigefinger aufeinander deuteten, sich aber nicht berührten, die eine männlich, die andere eher weiblich. Sie konnte sich keinen Reim auf dieses Bild machen.
Schwester Ottilias Raum glich mehr einer Stube als einem Arbeitsort. Umgeben von Polsterstühlen, einer mit gestickten Kissen bestückten Ottomane, dem mit Büchern, Mappen, Papieren überbordenden Bücherregal und einem stattlichen, ordentlich polierten Sekretär mit zahlreichen Fotos wurde es Elise eine Spur leichter. Es gab außerdem eine Standuhr, deren Ticken nach vertrautem Leben klang, zwei wackere Gummibäume, verschiedene Bilder, sogar einen in Gold gefassten Wandspiegel.
An einem mit Intarsien verzierten ovalen Tisch setzte Schwester Ottilia sich Elise gegenüber und faltete die Hände: »Das ist das Tor zum Herrn, nur Gerechte treten hier ein. Amen.«
Der in der Mitte des Raums angebrachte Kristallleuchter wirkte doch etwas gar pompös und berieselte sämtliche Dinge mit frommem Licht, wie Elise fand. Ihre Lippen kräuselten sich ganz von selbst vor. Die Oberschwester hob den Blick und stellte die zu erwartenden Fragen: Ob sie eine gute Reise gehabt habe und wie es ihr gehe. Ja und geht so, antwortete Elise.
»Elise Linder-Brand, geboren am 15. Juni 1886, verwitwet, ist das korrekt?«, fragte Schwester Ottilia weiter. In verschiedene Spalten eines aufgeklappten Buches notierte sie Personalien und Daten.
Ein Kratzen der Feder vernahm Elise nicht, doch ihr fiel auf, dass die Oberschwester wie gestochen schrieb. Als sie fertig war, schwang Schwester Ottilia ihren massigen Hintern zum Sekretär und griff nach einem Tintenlöscher, mit welchem sie anschließend über die frischen Einträge wippte. Garantiert würde Elise sich hier, unter Gottes Obhut, bald schon wie zu Hause fühlen, meinte sie. Ihr Mund lächelte. Ihre Stimme war angenehm, ihr ausgeprägter Ostschweizer Dialekt weniger. Ihre teichgrünen Augen blieben leer. Sie hatte zu Hause gesagt. Als könnte sie zaubern.
Schwester Burga werde ihr alles Nötige zeigen, fuhr die Hausmutter fort, auch Fragen möge sie bitte immer zuerst an jene richten oder, noch besser, an den Zimmergeist, der in ihrem Fall Stini Lehner sei.
»Zimmergeist?«, fragte Elise.
Das sei eine Person, die schon lange hier lebe, deshalb über alles Bescheid wisse und sich noch um andere kümmern könne. Gäbe es im Zimmer ein Vorkommnis, so hole der Zimmergeist Unterstützung, von Schwester Burga oder von Lydia und Francesca, je nachdem. Letztere werde Elise auch schon bald kennenlernen.
Schwester Ottilia hob die Brauen und holte tief Luft: »Nun aber zu etwas, was wir hier zur allgemeinen Regel erhoben haben. Es betrifft die Übernahme von persönlichen Wertgegenständen. Da die Heimatgemeinden nur sehr knappe Kostgelder für unsere Pfleglinge bezahlen, ist es üblich, mitgebrachtes Geld und Schmuck abzugeben, alles, was eben von weltlichem Wert ist. Das gibt unserem Betrieb eine gewisse Sicherheit. Wie ich sehe, tragen Sie einen Ehering, aus echtem Gold vermutlich. Wären Sie so gut, ihn mir zu geben? Und verfügen Sie auch noch über eine Barschaft?«
Elise schluckte leer: »Ich dachte, meine Tochter würde die Kosten für meine Unterbringung übernehmen?«
»Schon«, erwiderte die Hausmutter, »Sie brauchen sich aber keine Sorgen zu machen, denn bei einem allfälligen Austritt werden Ihnen Ring und Geld wieder ausgehändigt.«
»Vier Franken sechsundfünfzig«, sagte Elise stockend, nachdem sie ihr Portemonnaie aus der Manteltasche gezogen und mit dem Zeigefinger die Münzen darin hin und her geschoben hatte.
»Mit der zentralen Aufbewahrung der Wertgegenstände fördern wir außerdem die Gleichstellung aller«, so Schwester Ottilia weiter. »Schließlich soll niemand unter diesem Dach Neid empfinden. Natürlich muss auch keiner Mangel leiden. Denn der große Gedanke unseres Schöpfers ist, ein Gottesvolk zu bilden, das an Gerechtigkeit und Liebe zu erkennen ist. Darum nehmen wir auch die Eheringe in Gewahrsam.«
Die Logik erschloss sich Elise nicht so ganz. Langsam schob sie die Münzen der Oberschwester zu. Danach legte sie beide Hände auf die Tischplatte: »Schaut, meine Gelenke sind vom Rheuma dermaßen geschwollen, dass ich den Ring schon längst nicht mehr abbekomme.«
Schwester Ottilia warf einen kurzen Blick auf Elises Finger: »Vielleicht lässt er sich später ja doch noch mit viel Seife oder auch anders entfernen, ich mache mir eine Notiz. In ein paar Tagen sehen wir weiter.«
Nachdem sie ihre Hände zurück in den Schoß gelegt hatte, befühlte Elise mit Daumen und Zeigefinger der Rechten den Ring an ihrer linken Hand. Ja, er war aus Gold. Gottfried hatte ihn ihr angesteckt. Niemals würde sie sich dieses letzte Zeichen der Verbundenheit nehmen lassen.
Schwester Burga stieg vor ihr die lange Treppe hinauf, auch sie trug ihren Koffer. Bereits nach wenigen Stufen atmete Elise schwer, das Knarren erinnerte sie an nichts.
Oben im Treppenhaus gab es nach drei Seiten hin eine Tür. Geradeaus sei der Waschraum, erklärte Schwester Burga, daran anschließend die Toiletten. In beiden Haushälften dieser Etage lägen die Zimmer der Frauen, die Männer seien im zweiten Stock untergebracht, die Kinder im Erdgeschoss, und in den Dachkammern schliefen die Diakonissen (noch deutlich unter Gott, ging es Elise durch den Kopf). Sie würde in Zimmer 3 wohnen, es liege auf der linken Seite, Richtung Morgensonne, sagte Schwester Burga.
Kurz danach drängte sie Elise dazu, ihren Mantel an einen Haken im Korridor zu hängen, sie schien in Eile zu sein. Dann strich sie aber doch mit beiden Handflächen über den Wollstoff des Mantels, ohne Hast. Wen wollte sie damit besänftigen?
Es roch nach Mottenpulver.
Ringsum standen mit einem Mal einzelne, dann mehr und mehr Frauen, mit trotzigem Unterkiefer und lauerndem Blick die eine, mit hochgezogenen, knochigen Schultern eine andere. Manche bekam den Mund nicht mehr zu. Kopftücher aus einfachen Stoffen fielen Elise auf, fettiges Haar klebte an einem Schädel, Hände hingen an zu langen Armen oder rangen mit sich selbst. Elise sah in die Runde und grüßte. Ihre Stimme kam ihr heiser vor.
Eine Frau kam ihr entgegen, schlurfte an ihr vorbei und meinte forsch: »Kleiderbügel brauchst du nicht zu suchen, es gibt hier keine! Dafür hält der Herrgott höchstpersönlich einem den Mantel auf!«
Schwester Burga überhörte die Bemerkung und deutete auf das Ende des Korridors. Hier befand sich ein offener Raum, vollgestellt mit Schränken und Kommoden. Vor dem einzigen Fenster hing ein karierter Vorhang, dessen Farben ausgeblichen waren. Eine angebrannte Kerze in einem gusseisernen Halter stand auf der Kommode.
Elise wurde eine Schublade zugewiesen, wo sie ihre Wäsche versorgen sollte. Nein, einen Schlüssel gebe es nicht, sagte Schwester Burga, und sie klang erneut etwas verlegen, den leeren Koffer könne sie dann unter ihr Bett schieben. Auch er dürfe nicht abgeschlossen werden, so sei die Regel. Falls Elise ein Erinnerungsstück mitgebracht habe, möge sie dieses im Koffer verwahren. Ihre Tochter habe ihr hoffentlich ausgerichtet, dass es sich dabei, leider, nur um einen einzigen, kleineren Gegenstand handeln dürfe.
Wieder schluckte Elise leer.
Unfassbar jung war diese Schwester Burga. Dazu eine Hübsche. Ihr Haar zwischen Stirn und Haube schimmerte fast golden, ein klares Zeichen für das Engelhafte, wie einige der Hausbewohner zu betonen nicht müde wurden.
Elise hatte im Laufe ihres Lebens viel gesehen, einen Engel noch nie.
Durch Umschlagtuch und Strickjacke hindurch spürte sie die Hand der Schwester, die sie vorwärts über die Schwelle von Zimmer 3 schob. Hinter ihr zerstreuten die anderen Frauen sich. Abgehackte, unverständliche Wörter drangen noch an Elises Ohr, herausgepresstes, giftiges Lachen flaute ab.
Sie hatte es sich anders vorgestellt. Nein, Elise hatte sich überhaupt keine Vorstellungen davon gemacht, wie sie untergebracht sein würde. Viel zu wenig Zeit war ihr dafür geblieben. Ein Bett, ein Zimmer. Und Anna konnte sie nicht trauen. Sie und Idi würden jetzt bald wieder daheim sein, in ihren eigenen Wohnungen Kaffee trinken und Weggli futtern.
Von Milchbrötchen und gutem Bohnenkaffee konnte man hier höchstens träumen. Den Diakonissen wurde zwar dreimal täglich sättigende Bauernkost aufgetischt, bei den Pfleglingen verhielt es sich anders. An den strikten Regeln war nicht zu rütteln, auch sollten sie froh sein, überhaupt verköstigt zu werden und ein eigenes Bett zu haben, diese Ärmsten der Armen. So stand es wiederholt in den Berichten der Kommissionen und Behörden, und so sagten gelegentlich die Dörfler jenseits des Flusses: die Ärmsten der Armen. Und in den umliegenden Ortschaften und Weilern talauf- oder -abwärts und noch weiter weg und ebenso in jenem Dorf, wo Elise bis vor Kurzem gewohnt, fast ein ganzes Leben verbracht hatte, die Kinder aufgezogen, Gottfried eine gute Frau gewesen war, tagein, tagaus als Wäscherin im eigenen Betrieb unermüdlich gearbeitet hatte, ja selbst dort wussten die meisten Leute um jenes Armenhaus am Tor zum Berner Oberland, dem Brüggli. Auch Elise kannte das Asyl, vom Hörensagen, und insbesondere von Kari.
Doch jetzt, als sie sich in Zimmer 3 auf die hölzerne Bettstatt stützte und sich umsah, begriff sie: Sie hatte mit sieben anderen Frauen einen Raum zu teilen. Nicht einmal ein Nachttisch oder zumindest ein Stuhl stand zwischen den einzelnen Betten. Dafür hockte eine Menge schlechter Luft in diesen Wänden drin.
Nähe war für Elise nie ein Problem gewesen. Wie oft hatte sie ihre Arme ausgebreitet, Menschen an sich gedrückt, wie oft sich ausgezogen, ganz oder nur untenrum, um Männer an sich heranzulassen. Schon früh fing sie damit an, aus Unerfahrenheit zunächst, dann aus der Not heraus. Später aus Freude. Aber das mit der Not war sehr lange her, da musste sie jünger als Schwester Burga gewesen sein.
Damals strebte sie für Anni und sich (eine ledige, noch nicht volljährige Mutter) ein Leben an, das keinesfalls ärmlich sein durfte. Deshalb wollte sie in kurzer Zeit möglichst viel Geld verdienen. Ohne ihren Vater darüber zu unterrichten, geradezu feige und doch auch guten Mutes setzte sie sich nach Zürich ab. Nur ihre Schwester Marie, in deren Obhut sie Anni gegeben hatte, wusste von ihrem Vorhaben. Und die ebenso entscheidenden wie hilfreichen Hinweise für das etwas andere Erwerbsleben hatte sie von einer Freundin der Mutter erhalten. Vor allem aber musst du wissen, dass dieser Beruf nicht schlechter ist als die meisten anderen, hatte die gesagt.
In ihrer ersten Nacht im Brüggli kam Elise jene winzige Dachkammer in den Sinn, die sie seinerzeit im Zürcher Niederdorf mit jenem anderen Mädchen geteilt hatte. Vom frühen Abend bis in die späte Nacht hinein verkauften sie beide sich auf der Straße für zwei oder drei Franken. Den Rest der Zeit verbrachten sie als Freundinnen. Am Morgen stieg jeweils die eine zur anderen ins Bett, auch um sich vertraulich über die Freier auszutauschen. Wenig hatten sie von Zürich gesehen, viel von den Männern, die sich letztlich in fast nichts unterschieden. Immerhin war Elise mit jener Freundin einmal auf einem Dampfer über den ganzen Zürichsee gefahren. Mit ausholenden Armbewegungen hatten sie den Leuten an Land und auf den Ruderbooten zugewinkt und sich dabei so wohl-, von allen Sorgen befreit gefühlt.
Dumm, dass ihr der Name jener Freundin jetzt nicht mehr einfallen wollte!
Nähe hatte sie eigentlich immer als schön empfunden, und Scham hatte Elise bis vor einem knappen Jahr gar nicht gekannt, denn sie hielt es für wichtiger, jemandem beherzt zu begegnen. Aber dann begann das mit den Wunden.
Sie hatte sich zuerst an einem Schemel und kurz darauf an einer offenen Kommodenschublade gestoßen. Nur wenig später hatte sie aus Versehen einen Blumentopf vom Fenstersims gewischt, der sie am anderen Schienbein traf (und das Alpenveilchen war auch ramponiert). Diese an sich harmlosen Vorfälle ließen die Haut platzen, die Wunden wollten nicht mehr zugehen, im Gegenteil, sie vergrößerten sich.
Zunächst gab Elise sich die Schuld. Vielleicht hätte sie mit dem Arbeiten früher aufhören sollen, sagte sie zu Kari. Über Jahrzehnte ist sie immer erst in die Bottiche mit heißem Wasser gestiegen und danach in den eiskalten Brunnen, um stundenlang die Wäsche zu stampfen, das habe der Haut sicher nicht gutgetan. Schädlich seien vermutlich auch die Laugen und Bleichmittel gewesen sowie die zahllosen Fußmärsche bei jedem Wetter nach Thun und zurück. Denn Spaziergänge seien das nicht gewesen, wenn sie den mit Privatwäsche vollbepackten Kinderwagen über die staubheißen, schlammigen oder aber vereisten Landstraßen bugsiert habe. Auf Dauer nachteilig sei womöglich auch das Laden und Entladen der Kasernenwäsche gewesen. Man trage das Gewicht ja mehr mit den Beinen als mit den Armen, vom ewigen Treppensteigen nicht zu reden. Geschont habe sie sich nie, warum auch.
Kari hatte die Stirn gerunzelt. Mit seiner Pranke hatte er Elises Arm getätschelt.
Die Selbstvorwürfe waren der Heilung nicht zuträglich. Und je größer und eitriger die Wunden wurden, desto mehr stanken sie. Elise schämte sich für den Gestank. Er plagte sie nicht weniger als die Schmerzen. Manchmal waren diese kaum auszuhalten, selten genug klangen sie ab. Doch dann setzte ein lästiges Jucken ein.
Schließlich ging sie doch zum Arzt. Kari hatte sie dazu gedrängt, obwohl sie das Geld für die Rechnung am Essen würden absparen müssen.
Der Doktor hatte ihr bereits einige Zeit davor Rheuma in Händen und Beinen diagnostiziert, er hatte Schonung und Wärme empfohlen, Schwefelbäder und das Auflegen von Katzenfellen. Also hatte Elise sich gelegentlich eine Wolldecke um die Beine gewickelt oder sich an das besonnte Fenster gesetzt, mit Blick auf den Gemüsegarten, den die Vermieterin seit geraumer Zeit allein hegte. Ihre Klatschsucht war Elise aber oft lästig. Deshalb zog sie mehr und mehr den Platz hinter dem Küchenfenster vor. Zwar schienen die Sonnenstrahlen nicht um die Ecke, aber vom bequemen Korbsessel aus konnte sie dem dörflichen Straßenleben und den spielenden Kindern zusehen. Außerdem klopften immer wieder Bekannte für einen kurzen oder längeren Schwatz ans Fenster. Jedenfalls kam Elise mit dem Rheuma einigermaßen zurecht, sie gewöhnte sich einfach daran.
Die Wunden an den Unterschenkeln hatten inzwischen die Größe von Fünflibern. Rundherum war die Haut violett; wie aufgeblühte Herbstastern. Der Doktor stellte die Diagnose offene Beine.
Ja, so viel sah und spürte Elise auch.
Sie müsse Geduld haben, meinte der Arzt. Sehr wahrscheinlich würden die Stellen verheilen, im Sommer, wenn die Luft nicht mehr so feucht sei. Vielleicht aber auch nicht. Es liege mit Sicherheit ein Problem der Arterien oder der Venen vor, was vermutlich familiär bedingt sei.
Elise schüttelte den Kopf.
Auf jeden Fall komme dies in ihrem Alter gar nicht so selten vor. Elise solle die Wunden regelmäßig mit kalten Kamillenaufgüssen reinigen, weiterhin sparsam Arnikasalbe auftragen und die Verbände jeden zweiten Tag wechseln. Schonung sei für die Wundheilung hilfreich, obschon etwas Bewegung auch nicht schlecht sei, wegen der Durchblutung.
Die Hoffnung auf Besserung erfüllte sich nicht.
Trotzdem blieb sie zuversichtlich. Immerhin konnte sie sich noch fortbewegen, wenn auch unter Anstrengung, bis zu ihrer Schwester Marie, bis zum Metzger oder bis zur Kirche und zurück, am liebsten an Karis Arm.
Diese kranken Beine hatten sie heute Nachmittag aus der geliebten Wohnung in Steffisburg getragen. Elise hatte Abschied genommen, schlaflose Stunden und einen fiebrigen Morgen lang. Sie hatte ein Stück Schnur um einige Fotos gebunden, die sie mitnehmen wollte, Dinge berührt, die sie bis zuletzt nicht veräußert hatte. Sie war mehrmals durch ihre drei Räume gegangen, hatte ein letztes Spiegelei mit einem allerletzten Rest Speckschwarte, ein Stück Brot und danach noch ein paar gedörrte Apfelschnitze verzehrt wie eine Henkersmahlzeit.
Danach wusch sie sich das Gesicht und machte den Koffer zu. Als Anna und Idi sie abholten, gab Elise sich den Anschein, nur rasch zum Bäcker oder zum Dorfladen aufbrechen zu wollen. Sie sollten nicht sehen, dass ihre Verpflanzung sie erschütterte.
Sie war immer noch gut im Kopf. Anders wäre es wahrscheinlich einfacher gewesen.
Die nicht heilenden Wunden, die offenen Stellen an den Beinen stanken nun unter der Federdecke, unter Wolldecke und Leintuch, unter den Beinbinden. Der Geruch durchdrang sämtliche Schichten und vermengte sich mit den anderen Ausdünstungen. So gesehen, dachte Elise, passte sie in dieses Zimmer.
Zu ihrer Rechten lag Luise Schöni mit ihrer Schüttellähmung und einer unverstellten Sicht ins Freie. Links stand das Bett von Stini Lehner, die das Amt des Zimmergeistes ausübte, geradeaus lag Julie Teuscher. Resle Gempeler hatte hochgradig Gicht, Sophie Schmocker war blind und arbeitete gern in der Zündholzfabrik, Rösi Hartschi hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank, war aber gut für Wetterprognosen und benötigte deshalb den zweiten Fensterplatz, und Dorli Stettler war selber schuld, dass sie als Nächste sterben würde.
Die beiden Fenster waren geschlossen. Zum einen sei die kalte Nachtluft unzumutbar, für manche Pfleglinge geradezu gefährlich, zum andern werde am Vormittag erneut ausgiebig gelüftet werden, hieß es. Es ging um Grundsätzliches, nicht um miserable Luft.
Elise fand keinen Schlaf.
Das aus allen Richtungen kommende Schnarchen war mal knurrend, dann wieder sägend. Gottfried hatte ebenfalls geschnarcht, anrührend wie ein junger Berner Sennenhund. Die leicht pfeifenden, mit Seufzern durchsetzten Atemzüge kamen wohl von Dorli. Eine der Frauen redete im Schlaf, angriffig oder gereizt klang es. Mitunter knatterten Fürze, was ein wenig dem Lauf der Natur, in dieser Nacht aber auch der abendlichen Kohlsuppe geschuldet war. Einmal öffnete sich die Tür. Kurz flatterte ein Lichtstrahl durchs Zimmer, dann wurde sie wieder ins Schloss gezogen. Im oberen Stockwerk polterte es, als wäre einer der Männer zu Boden gefallen, und die Betten quietschten gewaltig, sobald sich jemand drehte. Zu alledem tickte der Schluckauf von Julie alle paar Sekunden.
Sämtliche Geräusche formten die elend schlechte Luft zu einem Teig, den Elise mehr abstoßend als menschlich fand. Sie versuchte sich zu entspannen, hatte Durst. Nachts hatte sie immer Durst und deshalb zu Hause stets eine Tasse mit Wasser auf dem Nachttisch stehen gehabt.
Vermutlich lag auch Julie wach. Oder konnte man mit Schluckauf schlafen?
Als Erste hatte sie Elise begrüßt, ihr die Hand entgegengestreckt und sie gleich darüber aufgeklärt, dass die Frauen sich hier alle duzten. Trotz der erkennbaren Erschöpfung und ihres ununterbrochenen Schluckaufs war sie erstaunlich mitteilsam und neugierig. Woher Elise komme, ob sie mit einem Auto hierhergebracht worden sei und woran sie leide, wollte sie wissen. Knappe Antworten bekam sie zu hören, Elise wollte höflich sein, bedrängt fühlte sie sich.
Sie selber habe ein Magengeschwür, meinte Julie. Die einen sagten Krebs, der Doktor wolle abwarten, und der Pfarrer schwafle etwas von einem Baum, der wieder austreibe. Aber so stark wie ein Baum sei sie längst nicht mehr. »Im Spital hätten sie mir garantiert geholfen. Aber wer hätte das blechen können? Die Armenbehörde wollte jedenfalls nicht zahlen.«
Elise ließ sich auf der Bettkante nieder, nachdem Julie sie mit einem Handzeichen dazu eingeladen hatte. Auf der Wand hinter ihrem Bett waren Flecken und Schmutzschatten nicht zu übersehen.
»Weißt du, was ich von diesem verdammt kurzen Leben noch will?«
Kopfschüttelnd lenkte Elise ihren Blick in Julies Gesicht.
»Nochmals mit dem Postauto über den Gotthard fahren. All die Haarnadelkurven hinauf und hinunter, und anschließend durchs ganze Tessin bis ins Paradies. Paradiso, das ist ein Dorf, glaub mir, das gibts. Dort in einem Grotto Risotto essen, richtig köstlichen Risotto, der mit dem Reisbrei hier gar nichts gemein hat. Dazu Ragout, zart wie Pflaumenfleisch. Zum Dessert Marronikuchen und einen Grappa. Einfach kauen und schlucken, keine Beschwerden haben. In die Ferne blicken, von mir aus auch allein. Ganz in Ruhe. Einmal habe ich das zusammen mit meinem Mann selig gemacht. Unsere einzigen Ferien. Drei Tage am Luganersee. Bist du da je gewesen?«
»Nein«, sagte Elise.
»Ein Pferd hat ihn am Kopf getroffen. Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte, er war doch ein erfahrener Hufschmied. Eine ganze Woche lebte er noch, war bei Sinnen. Hat zwar nicht mehr gesprochen, aber alles verstanden. So was merkt man. Ich bin nicht von seiner Seite gewichen. Kinder haben wir ja keine gehabt. Um meinen Mann wars schade. Er hatte mich genommen, wie ich war. Weißt du, was er zu mir sagte?«
»Nein.«
»Als wir uns kennenlernten und uns irgendwie gefielen, meinte er, dass er nichts wissen wolle von meinem früheren Leben, er könnte sonst eifersüchtig werden. Er nehme mich so, wie ich sei, weil er glaube, dass es eine Zukunft mit mir gebe, und weil mein Mundwerk ihm gefalle. Fertig. Dann haben wir geheiratet. Als er unter dem Boden war, wusste ich zuerst nicht, wie weiter.«
Julie hielt kurz inne, ihre Augen waren wässrig geworden. »Schließlich habe ich zu trinken begonnen. Das half gegen die Trauer und gegen die Orientierungslosigkeit. Man weiß immer, wo die offene Flasche steht oder wo man eine neue besorgen kann, verstehst du?«
»Das wäre nicht so weit gekommen, wenn du eine Katze gehabt hättest«, warf Resle rechthaberisch ein.
Elise wandte den Kopf nach ihr um und verpasste deshalb, wie Julie die Augen verdrehte.
»Heute bleibe ich, wo ich bin«, fügte Resle hinzu, »das Abendessen kann mir gestohlen bleiben, die weißen Bohnen liegen mir immer noch schwer im Bauch. Amen.«
»Oder jetzt gerade«, redete Julie unbeirrt weiter, »jetzt auf der Stelle möchte ich ein Bier. Schön kalt müsste es sein. So etwas gibt es hier natürlich nicht. Stattdessen gibt es für uns Kranke tagein, tagaus Milchsuppe und Brei. Selten auch einmal Apfelmus. Gegen die Magenschmerzen bekomme ich täglich einen Esslöffel Sonnenblumenöl. Und obendrein so viele Gebete, dass ich davon oft kotze. Möge der Herrgott mir verzeihen, aber ein Gebet am Tag sollte reichen. Übrigens musst du jetzt gehen. Hast du die Glocke nicht gehört?«
Elise schüttelte den Kopf.
»Die warten nicht lange mit dem Austeilen der Suppe. Also geh, beeil dich! Und lass die Tür etwas offen.«
Im Treppenhaus traf Elise auf eine Traube aus Frauen und Männern. Sie blickte sich um. Bildete sie sich nur ein, dass die Gesichter und Nacken und Hinterköpfe ausgeprägter waren als jene der Dörfler? Die Aussicht auf einen vollen Teller trieb die Brüggler die schmale, lange Treppe hinunter. Dabei hielten sie sich an den Wänden, am Treppenlauf oder auf gut Glück aneinander fest. Mit einem Mal befand Elise sich mittendrin. Weder die Stufen noch die eigenen Füße konnte sie sehen, die kümmerliche Beleuchtung half auch nicht. Sie durfte keinen Tritt verfehlen und bemühte sich, die Stöße und Berührungen der anderen nicht zu beachten. Für einen kurzen Moment steckte Elise fest, zwischen einem Mann mit Räubervisage und einer Frau, die sie erst scheel ansah, bevor sie rasch sagte: »Ich bin Edith von Nummer 2 und du bist neu hier, hä?«
Elise nickte nur, zog bereits am Büro von Schwester Ottilia, danach am Schuhgestell vorüber und stand endlich im Speisesaal, wo die anderen auf ihre Plätze zustrebten. Stuhl stand an Stuhl, und zwischen den Tischen war auch kaum Platz. Von dem Saal war wenig zu merken. Das kratzende Schrammen von Holz auf Holz beim Rücken der Stühle, das ungeduldige Klopfen der Löffel, das Raunen, Kichern und Reden von etwa vierzig Erwachsenen jeglichen Alters war ebenso rücksichtslos wie unbegreiflich.
»Willkommen, Frau Linder, mein Name ist Lydia. Sie werden dort drüben an einem der Frauentische sitzen, zwischen Stini Lehner und Eva Klopfenstein. Eva wird kaum Notiz von Ihnen nehmen. Das soll Sie nicht stören. Und die übrigen Frauen tauen irgendwann schon auf. Kommen Sie.«
Lydia gefiel Elise auf Anhieb. Sie dankte ihr für die guten Worte und ließ sich an den Tisch führen. Elise grüßte, Stini grüßte. Eine Uralte ohne Zähne machte beim Löffelklopfen mit. Die anderen Frauen unterhielten sich entweder schon mit einer Tischnachbarin oder pressten die Lippen aufeinander.
Mit den Töpfen schlängelten sich Lydia, Francesca und Lotti Bischoff, die Küchenhilfe, von Tisch zu Tisch, um die Suppe auszuteilen. Ganz von selbst stellte sich Ruhe ein. Auf Geheiß von Schwester Ottilia wurde im Dampf der vollen Teller gebetet. Mit dem Finger vor dem Mund gab Stini Elise danach zu verstehen, dass während des Abendessens nicht gesprochen werden dürfe. Es gab Kohlsuppe und Brot. Elise dachte sich Kümmel und ein Stückchen Suppenfleisch hinzu.
Ein kleiner Tisch beim Ofen war als einziger mit einem Tuch bedeckt, sogar einem weißen. Darauf lag die offene Bibel. Schwester Ottilia las vor, während in den Tellern gerührt und die heiße Suppe von den Blechlöffeln geschlürft wurde.
Wie viel musste man sich hier anhören? Und was? Und welche Dinge würde sie selbst preisgeben? Elise dachte in ihrer ersten Nacht im Brüggli lange darüber nach.
Um Strom zu sparen, war das Licht früh gelöscht worden. In ihrer Kindheit hatte niemand Strom gehabt. In Bern, wo sie mit Beni gewohnt und ihre beiden Röseli geboren und verloren hatte, gab es zwar bald einmal zwei Turbinen für Strom, aber vorerst nur für die Straßenlaternen. In Steffisburg hatten sie irgendwann elektrisches Licht; sie benutzten es über all die Jahre hin mit Ehrfurcht. Zum Trost taugten die einstigen Gegebenheiten nun aber nicht. Zumal es hier als Ersatz weder eine Petrollampe noch Kerzen gab.