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Von falscher und echter Freundschaft, Schulalltag und erster Liebe Als die 16-jährige Cecilia, genannt Cilia, an die neue Schule kommt, erwartet sie alles mögliche, aber nicht das: Gleich am ersten Tag wird sie von Hel angesprochen und in ihre Clique aufgenommen. Und Hel ist nicht irgendwer – Hel ist ein cooles, auffällig gekleidetes und tonangebendes Mädchen. Zum ersten Mal seit Langem fühlt sich Cilia nicht mehr als Außenseiterin, sie hat sogar plötzlich eine beste Freundin! Dass Hel dabei immer bestimmt, wo es langgeht, ist Cilia anfangs egal. Aber dann fängt Hel an, Cilia vor allen anderen bloßzustellen. Wie weit darf eine beste Freundin gehen? - Themen, die Mädchen und Jungen bewegen: Einfühlsam geschriebenes Buch über den Wunsch, dazuzugehören - Wie erkennt man eine falsche Freundin? – Cilia findet einen Ausweg aus der toxischen Freundschaft - Zusatz-Motivation: Zu diesem Buch gibt es ein Quiz bei AntolinEine mitreißende und einfühlsame Geschichte über eine einseitige Freundschaft, die mehr verletzt als guttut, eine Geschichte, die gleichzeitig Mut macht, sich aus einer toxische Beziehung zu befreien. Realitätsnah und authentisch geschildert – einfach mitten aus dem Leben.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 205
Veröffentlichungsjahr: 2022
Originalcopyright © 2022 Südpol Verlag, Grevenbroich
Autorin: Inés María Jiménez
E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim
ISBN: 978-3-96594-165-6
Alle Rechte vorbehalten.
Unbefugte Nutzung, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung,
können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.
Mehr vom Südpol Verlag auf:
www.suedpol-verlag.de
Für dich
Damit du erkennst,
was du tun musst.
1
Alles easy
Es fühlt sich an wie Sterben. Mein Herz rast wie verrückt, ein schwerer Druck lastet auf meiner Brust. Als ob mich irgendetwas zerquetschen will. Wann zerspringt ein Herz? Ich kann nicht mehr richtig atmen, nur noch ganz flach. Ich ersticke.
„Cilia, kommst du? Du musst was frühstücken!“
Die Stimme klingt dumpf hinter der Tür. Ich selbst schwebe an der Decke. Unten auf dem Bett liegt eine Gestalt. Die Augen sind weit aufgerissen. Sie rührt sich nicht. Bin das ich?
Sie ist wieder da. Sie kommt immer dann, wenn ich nicht damit rechne. Ausgerechnet jetzt! Der erste Tag an der neuen Schule und ich bekomme diese scheiß Panikattacke!
Entspann dich! Denk dran, was die Psychotante gesagt hat. Steigere dich nicht rein. Atme langsam aus. Konzentriere dich bewusst auf deinen Atem.
Ich versuche es, aber es funktioniert nicht. Ich liege wieder in meinem Bett. Kann mich nicht bewegen, weil ich so zittere. Ich hab das Gefühl, ich drehe durch.
„Cilia? Hast du mich nicht gehört?“
Die Stimme meiner Mutter klingt hektisch. Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen. Fuck! Beweg dich!
Es klopft an der Tür. Ich atme immer schneller und flacher, daher kommt nur ein gepresstes „Ja“ heraus.
Dann steht Mum in der Tür. Zum Glück rafft sie die Situation sofort und nimmt mich in die Arme. Jetzt hat sie gar nichts mehr von Hetze. Ich höre ihren gleichmäßigen Herzschlag. Einundzwanzig, zweiundzwanzig ... Langsam beruhige ich mich.
„Geht es wieder?“ Mum schaut mich beunruhigt an. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht und nicke.
„Ja, glaub schon.“
Irgendwie bin ich ihr dankbar. Wenigstens stellt sie keine Fragen.
Den Weg zur neuen Schule legen wir schweigend im Auto zurück. Jede in ihre eigenen Gedanken versunken. Draußen regnet es. Die Tropfen fließen an der Scheibe hinab und sehen aus wie Tränen. Ab morgen muss ich allein fahren. Wenn ich es schaffe, ohne Panik in den Bus zu steigen.
„Ich hoffe, deine Schwierigkeiten werden sich bald legen“, sagt Mum.
Ich antworte nicht, schaue einfach weiter aus dem Fenster. Blätterlose Bäume stehen wie Gerippe am Straßenrand. Ihre Äste recken sich hoch zum Himmel, als ob sie ihn um etwas bitten wollen. Wahrscheinlich wünschen sie sich den Sommer zurück.
Deine Schwierigkeiten werden sich bald legen. Dasselbe hat die Psychotante vom Schul-Beratungsdienst auch gemeint. Ihren Namen habe ich vergessen, aber ich sehe sie noch vor mir. Ihre Brille hatte sie wie einen Haarreifen nach oben geschoben, damit ihr die langen Haare nicht ins Gesicht fielen. Hübsch war sie und jung. Trotzdem fand ich sie blöd.
Cilia, vielleicht ist dein Anspruch an die Klasse einfach zu hoch. Ein Schulwechsel ist nicht immer das erste Mittel der Wahl.
Sie hat mich dabei angeschaut, als wäre ich ein hoffnungsloser Fall. Als läge es an mir. Zu hoher Anspruch? Was ist das für ein Kack-Spruch?
Sie haben es doch getan! Sie sind schuld! Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, ihre ständigen Kommentare. Hau ab, du bist hier unerwünscht! Sag mal, raffst du es nicht?
Und immer diese Anspielungen auf meinen richtigen Namen! Cecilia, die Blinde. Irgendwer hatte die Bedeutung rausbekommen. Ey, Cilia, hast du eigentlich schon mal ein Blind Date gehabt? Du bist vielleicht ein Blindfisch! Nun sei doch nicht gleich blind vor Wut!
Am schlimmsten aber war es, wenn sie mich komplett ignorierten. Das tut immer noch weh. Dass ich Luft für sie gewesen bin.
Ich wollte nur noch weg.
„In der neuen Schule wirst du sicher schnell Freunde finden“, sagt meine Mutter zuversichtlich.
Ach, Mum, wenn das so einfach wäre! Das Leben ist kompliziert, wenn man erst 16 ist und niemanden hat. Selbst Marie hat mich im Stich gelassen. Gestern beim Aufräumen habe ich ein altes Bild von uns gefunden. Arm in Arm, lachend, die besten Freundinnen. Für immer. So ein Schwachsinn. Ich hab‘s zerrissen.
Mein Herz pocht. Wäre der Tag doch nur schon vorbei!
Mum parkt, aber meine Hand will die verdammte Autotür gar nicht öffnen.
„Soll ich wirklich nicht mitkommen?“ Sie schaut mich ganz lieb an, aber ich kann einfach nicht zurücklächeln. Außerdem hab ich keinen Bock mehr drauf, dass irgendwer mein Inneres sieht und das wieder ausnutzt.
Ich schüttele den Kopf. „Ich finde das Sekretariat schon. Aber danke.“ Dann verziehe ich doch mein Gesicht, aber das Grinsen gefriert zu einer Eismaske, denn echt ist was anderes.
Ich steige aus und winke ihr schwach zu. Meine Mutter fährt davon und lässt mich allein zurück.
Von überall her strömen die Leute zum Eingang, der sie wie ein riesiger Wal verschluckt. Neugierige Blicke streifen mich, aber ich ignoriere sie und versuche mich zu erinnern, wo sich das verdammte Sekretariat befindet. Bei der Anmeldung vor ein paar Wochen habe ich vor lauter Nervosität nicht darauf geachtet. Rechts oder links?
„Hey, bist du neu hier? Was suchst du?“
Ich drehe mich um. Ein Mädchen in meinem Alter. Sie sieht nett aus, etwas verrückt mit ihren Harley-Quinn-Zöpfen, der eine blau, der andere rot. Sie ist komplett in Schwarz gekleidet, kurze Hose, Overkneestrümpfe, auffällige dunkelrote Lederstiefel. Bevor ich antworten kann, sagt sie: „Komm, ich zeige dir das Sekretariat! Herzlich willkommen an unserer Schule!“
Die Worte schmecken süß. Herzlich willkommen! So was gibt es?
Damit habe ich null gerechnet. Ich muss schlucken, aber mit aller Gewalt kann ich die Tränen zurückhalten. Das Mädchen bemerkt es und legt mir den Arm um die Schulter.
„Entspann dich. Hier ist alles easy. Da vorn ist das Sekretariat! Ich bin übrigens Hel. Meinen richtigen Namen sage ich dir nicht, den finde ich nämlich total scheiße!“ Sie umarmt mich, pulsierend und voller Leben.
Ich dagegen bin steif wie ein Brett.
„Sehen wir uns in der Pause?“
Ich nicke.
„Und wie heißt du?“
Jetzt muss ich meinen verdammten Mund aufkriegen. „Ich ... ich bin Cilia.“
„Cilia? Wie wäre es, wenn ich dich Cici nenne? Ich finde, das passt besser zu dir!“ Hel schaut auf die Uhr. „Mist, ich muss los, die Stunde beginnt. Bis nachher, Cici!“
Irgendwie bin ich so geflasht von ihrer Erscheinung, dass ich eine Zeit lang nur wie blöd dastehe und ihr nachstarre.
Ist das jetzt echt passiert?
2
Seid nett zu ihr
Die Direktorin persönlich bringt mich zur Klasse. Auch das noch. Ich will das nicht, will mich lieber irgendwie in die Klasse hineinschmuggeln. Unsichtbar sein. Aber da ich mich nicht auskenne, bleibt mir keine Wahl.
Sie geht schnell, hart haut sie ihre hohen Hacken in den Boden. Das Geräusch hallt von den Wänden wider. Kein Mensch ist zu sehen. Alle hocken dumpf hinter den verschlossenen Türen in ihren Klassen.
Vor einer bleibt die Direktorin stehen und klopft an.
Ein Junge öffnet die Tür.
„Herr Kollege?“, ruft die Direktorin über seinen Kopf hinweg ins Klassenzimmer. „Ich bringe die neue Schülerin, Cecilia Stockmann!“
„Vielen Dank, Frau Halber! Komm ruhig rein, Cecilia, wir beißen nicht!“
Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Jetzt kann ich mich nicht länger hinter der Direktorin verstecken. Wie ich es hasse, wenn tausend Augen auf mich gerichtet sind!
Aber als mich die Schulleiterin in die Klasse schiebt und die Tür schließt, sind die Blicke nicht feindselig, sondern neugierig. Und freundlich.
Der Lehrer kommt auf mich zu und gibt mir die Hand. „Ich bin Herr Gruber, der Klassenlehrer. Schön, dass du da bist. Wir haben gerade Mathe. Setz dich bitte neben Lola, okay?“
Ich setze mich auf den einzigen freien Platz. Neben ein Mädchen, das mich von den Klamotten her irgendwie an Hel erinnert. Sie lächelt mir zu, flüstert „Hi!“ und deutet auf die aufgeschlagene Seite im Mathebuch. Der Satz des Pythagoras − den kenne ich schon. Besser als die binomischen Formeln. In der alten Schule habe ich die bis zum Erbrechen geübt. Sogar gesungen haben wir sie. Weil unser Mathelehrer auch Musiklehrer war. So was vergisst man nicht.
Ich schlage mein Mathebuch auf und schaue mich in der Klasse um. Die Augen sind zum Glück nicht mehr auf mich gerichtet, sondern zur Tafel. Alle bis auf zwei. Links von mir sitzt Hel und winkt mir zu. Ich feiere mein erstes richtiges Lächeln an diesem Tag. Auch wenn es aus der Erleichterung heraus geboren ist.
In der Pause zieht mich Hel mit zu einer Gruppe, die auf einer Tischtennisplatte abhängt.
„Hey Leute, das ist Cici. Sie ist neu an der Schule. Seid nett zu ihr!“
„Hi, Cici! Ich bin Sam.“ Das kommt von einem blonden Jungen mit Seitenscheitel. Die eine Seite des Haars trägt er raspelkurz, die andere lang, sodass ein Teil seines Gesichts verdeckt ist. Er ist etwas älter als wir, vielleicht zwei Jahre. Daneben erkenne ich Lola. Sie hat wirklich Ähnlichkeit mit Hel, zumindest haar- und klamottentechnisch. Ihre Netzstrümpfe sind an einem Bein kaputt.
„Ich bin Lea, aber alle nennen mich Foxy!“ Foxy, die auf der Tischtennisplatte liegt, hat ihren Namen verdient. Ihre roten Haare leuchten krass.
„Und das sind Raven und Vince, unser perfekter Match!“, meint Hel und zeigt auf zwei, die sich gerade küssen. Vince heißt eigentlich Vincente und ist Italiener, wie mir Hel erklärt. Und Raven heißt Raven, weil sie schon als kleines Kind kein Rosa mochte und lieber Schwarz trug.
„Bei Raven muss alles Schwarz sein, auch ihre blonden Haare. Hat halt eine schwarze Seele!“, sagt Hel grinsend.
Ravens kajalumrandete Augen leuchten, als sie mit den Fingern durch Vince‘ schwarzbraune Locken streicht und mir zulächelt. Ich glaub, ich mag sie.
„Wieso wechselst du mitten im Schuljahr die Schule?“, will Foxy wissen und da ist es schon wieder, dieses Gefühl. Ich will gar nicht darüber reden, reiße mich aber zusammen und überlege mir schnell eine Ausrede. Meine Hände zittern. „Wir ... wir sind umgezogen.“
Sie schlucken es und fragen nicht weiter nach. Ein Glück.
Hel streicht mir über den Arm. „Soll ich diese Woche mal zu dir kommen? Ich kann dir erzählen, was in der Schule so abgeht und wir können für den Englischtest nächste Woche lernen.“
Bevor ich antworte, fällt mein Blick auf Lola. Ihr Lächeln erlischt. Als hätten Hels Worte einen Schalter umgelegt.
„Ja, warum nicht?“, sage ich verwirrt. Trotz Lolas Reaktion freue ich mich irgendwie.
„Echt jetzt? Hell wie Hölle?“ Mein Bruder lacht sich kaputt. Wir sitzen beim Abendessen. Mo ist älter als ich und meistens mag ich ihn. Aber jetzt gerade nicht.
„Hel wie Hella oder Helen, was weiß ich. Sie hasst ihren richtigen Namen“, sage ich mies gelaunt und schaufele die Tomatensuppe in mich rein.
Mo grinst noch immer blöd. „Na, dann pass auf dich auf. Hoffentlich ist der Name nicht Programm!“
„Moritz!“
„Sorry, ich mein ja nur ...“ Die Warnung meiner Mutter wirkt. Mo hält den Mund und fängt an zu essen. „War nur ‘n Witz.“
„Kann ich aber nicht drüber lachen, du Pickelfresse!“
„Cecilia! Jetzt hört aber mal auf!“
Wenn meine Mutter mich Cecilia nennt, dann habe ich es übertrieben. Ich werfe meinem Bruder einen Seitenblick zu. An seinem Gesichtsausdruck sehe ich, dass ich ihn getroffen habe. Gut so.
„Und diese ... Hel will also in den nächsten Tagen zu uns kommen?“ Meine Mutter nimmt sich ein Stück Baguette und taucht es in den Rest Suppe ein. Es tropft herunter. „Ist das nicht ein bisschen früh? Ich meine, ich freue mich ja, dass du neue Bekanntschaften machst, aber ... ich weiß nicht. Geht das nicht vielleicht etwas zu schnell? Willst du sie nicht erst besser kennenlernen?“
Obwohl ich dasselbe denke, habe ich das Gefühl, Hel verteidigen zu müssen. „Und wie soll ich sie kennenlernen, wenn ich mich nicht mit ihr treffe? Ist doch komplett unlogisch!“
Schweigen. Man hört nur Löffel in Tellern klappern. Henry, unser Kater, kommt hungrig maunzend in die Küche und springt mir auf den Schoß. Ich kraule ihn. Schließlich sagt meine Mutter: „Du hast recht. Es wäre schön, wenn du mal wieder mit Gleichaltrigen zusammen wärst. Nach der ganzen schwierigen Zeit ...“
Lange denke ich über Mums Worte nach, als ich im Dunkeln in meinem Bett liege. Ich kann nicht schlafen. Nachdem ich mich ein paarmal hin- und hergewälzt habe, stehe ich auf und knipse die orangerote Lavalampe an, die das Chaos auf meinem Schreibtisch sanft beleuchtet. Das sonnig-warme Licht beruhigt mich. Ich steige wieder in mein Bett und kuschele mich ein. Streichele Henry, der neben mir liegt. Er schaut mich kurz an und leckt sich dann über das Fell.
Wäre schon cool, wenn ich wieder jemanden hätte. Zum Reden und so. Hel ist echt nett gewesen. Ich starre in das sonnig-warme Licht der Lampe. Das Lava-Zeugs darin löst sich vom Boden und steigt langsam nach oben. Einige Zeit schwebt es umher. Versucht, noch höher zu steigen. Dann sinkt es langsam wieder herunter.
Das habe ich so vermisst. Dass sich jemand für mich interessiert.
3
Die Fürstin der Elben
„Sie kommen!“
Der Schrei hallt durchs ganze Gemäuer. Ich stehe oben auf der Mauer und schaue ins Tal. Man legt mir die Rüstung an. Der Brustpanzer ist schwer, er nimmt mir die Luft zum Atmen. Aber er ist notwendig. Ich weiß nicht, wie viele Male ich verwundet wurde. Es war zu oft. Ich fühle mich schwach, aber ich muss weiterkämpfen.
Wir haben uns verbarrikadiert, damit sie die Burg nicht erstürmen. Aber es sind zu viele da draußen. Und wir sind klein, gebrechlich und hilflos. Nur Alte, Blinde, Krüppel, Kinder und Kranke, die mich umgeben. Wie sollen sie mir helfen?
Der Feind formiert sich vor den Toren. Es müssen Hunderte, gar Tausende sein. Sie haben sich gegen uns verbündet. Lange werden wir ihnen nicht standhalten können. Nicht mit den wenigen Waffen, die wir noch haben. Ich ergreife mein Schwert, um mich zu verteidigen.
Doch was ist das? Vor meinen Augen zerfällt es zu Asche. Und alle anderen Waffen mit ihm.
Hexenwerk. Das waren sie. Die Feinde.
Ich schaue von den Zinnen herunter. Sie hat die Hand erhoben. Der Ring an ihrem Finger blitzt auf und blendet mich. Von hier oben wirkt sie klein, aber ihre Macht ist grenzenlos. Über ihr schwebt das orangefarbene Auge, das alles sieht. Es schaut direkt in die Herzen der Menschen und flüstert ihr all ihre Geheimnisse zu, ihre verborgenen Träume, Schwächen und Ängste, damit sie sie vernichtet. Ein Ring, sie alle zu knechten.
Ich werde um Frieden ersuchen müssen. Anders kann ich die Bewohner der Burg nicht retten.
Man hilft mir auf mein Pferd. Es ist alt und kraftlos. Sie öffnen die Tore und lassen mich ziehen. Beistehen können sie mir nicht.
Allein reite ich auf die Feinde zu. Je näher ich komme, desto mehr Teile meiner Rüstung fallen ins Gras. Bis ich vor ihr stehe, nackt und bloß. Sie schaut mir direkt in die Augen. Die langen blonden Haare wehen ihr ums Gesicht und legen ihr höhnisches Lächeln frei. Sie weiß, sie hat gewonnen. Sie zügelt ihr Pferd, zwingt es, kehrtzumachen, dreht mir den Rücken zu. Ihre Gefährten tun es ihr gleich.
Mit einem Mal trifft mich aus dem Hinterhalt eine Lanze ins Herz. Ich habe sie nicht kommen sehen. Warmes Blut fließt an mir herab. Ich kann mich nicht mehr auf meinem Pferd halten und falle auf den harten, kalten Boden. Langsam entweicht das Leben aus mir. Ich ringe verzweifelt nach Luft.
Doch während ich im Sterben liege, fegt ein riesiger Drache die Feinde mit seinem Feueratem fort. Und die Fürstin der Elben, deren blau-rotes Haar im heißen Wind umherweht und ihr Gesicht verdeckt, flößt mir aus einer Phiole den Trank des Vergessens ein.
Ruckartig setze ich mich auf, mein Herz pocht wie irre. Ich bin total verschwitzt. Ein Buch rutscht mir in den Schoß. Der Herr der Ringe. Ich schiebe das Buch zur Seite, bis es auf den Boden fällt. Langsam lehne ich mich zurück in die Kissen. Völlig erschöpft liege ich im Bett und versuche, mich zu beruhigen. Ich greife nach der Wasserflasche und trinke. Ich darf nicht wieder einschlafen, sonst bin ich sofort zurück im Traum.
Ich sollte mal etwas anderes lesen. Vielleicht Romance oder Young Adult, oder wie das heißt. Etwas, das mich nicht so verrückt macht. Es ist nicht der erste krasse Traum, den ich habe. Meistens liege ich danach noch stundenlang wach und denke darüber nach, weil ich sowieso nicht wieder einschlafen kann. Kein Wunder − wenn Hexenarme aus einem Kellerfenster nach mir greifen oder ich in einem Krieg Zeugin von Erschießungen werde. Beim Aufwachen denke ich jedes Mal für einen kurzen Moment, dass alles real wäre. Noch nie habe ich jemandem davon erzählt. Die glauben nachher noch, ich bin durchgeknallt oder so was.
Manchmal habe ich das Gefühl, die Träume kommen wieder häufiger. Was ich nicht kapiere. Ich habe so gehofft, es wäre endlich vorbei.
Ich stehe auf und hole mir ein Stück Schokolade aus dem Kühlschrank in der Küche. Unterwegs mache ich alle Lichter an. Ich hasse Dunkelheit.
Dann krieche ich schnell wieder ins Bett. Wärme meine Füße an Henry, der sich unter der Decke eingerollt hat. Langsam lasse ich die Schokolade auf der Zunge zergehen. Sie schmeckt tröstlich.
Vielleicht hat Mum recht. Vielleicht sollte ich doch eine Therapie machen. Aber nach den ersten Gesprächen mit der Psychotante ist mir alles vergangen. Ich habe nicht sonderlich viel Bock darauf, das Ganze noch mal durchzukauen. Mir von jemand Fremdem sagen lassen, was ich tun und lassen soll. Die haben doch alle keinen Plan, wie es mir geht.
Wer ist eigentlich verrückt? Ich oder die?
4
Schwarz passt
Am nächsten Morgen stehe ich ratlos vor meinem Kleiderschrank. So eine Scheiße, ich hab nichts anzuziehen. Nur langweiliges Zeugs. Die letzten Monate ist mir das egal gewesen. Ich konnte anhaben, was ich wollte. Von irgendwem kam eh immer eine blöde Bemerkung.
Der Berg an sinnlosen Klamotten hinter mir wächst.
Schließlich streife ich eine schwarze Jeans und einen schwarzen Pulli über. Das passt wenigstens irgendwie zu Hel und ihren Leuten. Gestern habe ich mich wieder mal als Außenseiterin gefühlt. Das habe ich so satt.
Ein bisschen Kajal um die Augen, nur ganz wenig, damit es nicht sofort auffällt. Das passt perfekt zu meinen dunklen Augen. In meine langen braunen Haare kämme ich einen Scheitel, sodass eine Seite ins Gesicht fällt.
Es sieht gut aus. Aber was, wenn ein dummer Spruch kommt? Schnell kämme ich die Haare nach hinten und mache mir einen Zopf. Dabei fällt mein Blick auf die Uhr.
Scheiße, der Bus!
Ich rase die Treppe hinunter, schnappe mir ein Brötchen und renne los. Mum ruft mir irgendwas hinterher, aber ich hab keine Zeit hinzuhören. Und auch keine Lust.
Als ich an der Haltestelle ankomme, steht der Bus schon da. Ich krame mein Ticket heraus und lasse mich atemlos auf einen Platz fallen. Geschafft. Yay.
Jemand setzt sich neben mich.
„Bei mir kommt der Bus auch immer zu früh!“ Hel. Sie grinst mich an. „Sag mal, hast du Mathe gemacht?“
Während ich ihr meine Hausaufgaben überlasse, stelle ich fest, dass ich mich freue. Mit ihr ist es so unkompliziert. Als ob wir uns schon lange kennen würden.
„Wo wohnst du?“, frage ich. „Weit weg?“
„Ich muss den Bus wechseln. Aber das ist okay. Dann schaffe ich wenigstens die Aufgaben.“ Sie schaut mich irgendwie kritisch an. „Du siehst anders aus als gestern.“
Ich merke, wie ich mich innerlich anspanne. Die Zugbrücke, die ich runtergelassen habe, geht wieder hoch.
„Wieso?“ Meine Stimme zittert. Nur ganz leicht. Aber Hel bemerkt es.
„Hey, alles gut.“ Sie schaut mich eindringlich an. „Ich meine nur, dass du cooler aussiehst als gestern. Schwarz passt zu dir.“
Mehr als du ahnst, denke ich, und spüre, dass ich erleichtert bin. Hel scheint nicht so eine zu sein. Nicht wie die aus der alten Schule.
Sie gibt mir mein Heft zurück. „Klappt das mit übermorgen? Ich kann auch direkt nach der Schule zu dir kommen.“
Ich nicke. „Ja, kein Problem. Musst du zum Mittagessen nicht nach Hause?“
„Nö.“ Hel sieht nachdenklich aus dem Fenster. „Meine Eltern sind sowieso nicht da. Da vermisst mich keiner.“
Es klingt traurig, wie sie das sagt. Kann aber auch sein, dass ich es mir nur einbilde.
Der Bus hält vor der Schule. An einer Laterne steht Lola. Sie macht ein ernstes Gesicht, als sie uns aussteigen sieht. Sofort habe ich das Gefühl, es ist wegen mir. Aber ich denke schon so lange, dass ich alles falsch mache. Vielleicht spinne ich auch und Lola ist einfach nur müde.
Als ich vom Klo komme, sehe ich von Weitem, wie Hel auf Lola einredet. Ihre Stimme klingt gestresst, aber ich kann nicht verstehen, was sie sagt. Lola nickt. Sie lächelt immer noch nicht.
Zu meiner Überraschung setzt sich Hel in der Klasse neben mich.
„Ich hab Herrn Gruber gefragt, ob ich mich umsetzen darf, damit ich mich um dich kümmern kann. Er war einverstanden“, sagt sie.
Ich schaue zu Lola hinüber, die jetzt auf Hels Platz sitzt. Sie sieht nicht gerade happy aus. Aber mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir haben Englisch. In Mathe bin ich zwar weiter, aber in Englisch hänge ich hinterher. Dabei bin ich eh nicht so der Sprachentyp. Hel hilft mir und flüstert mir die Vokabeln zu, die ich nicht verstehe. Sie ist echt gut.
In der Pause gehen wir zur Tischtennisplatte. Hel hat sich bei Lola eingehakt. Lolas Gesichtszüge wirken wieder weicher als heute Morgen.
„Leute, in sechs Wochen ist das Spring Youth Festival in der Europahalle. Wollen wir an dem Samstag hin? War beim letzten Mal ziemlich gut!“ Hel zeigt auf ein Plakat an der Straßenlaterne.
„Yes! Bin dabei!“, meint Raven und malt weiter in ihrem Notizheft. Wenn sie nicht gerade an Vince‘ Lippen klebt, zeichnet sie richtig coole Mangamädchen in ihr Heft, das sie immer bei sich trägt. Die meisten sehen ein bisschen wie sie selbst aus. Irgendwann will sie nach Japan auswandern, hat sie mir erzählt.
Vince fragt: „Gutes Line-Up?“
Bis auf mich wissen alle, wovon Hel spricht. Shit.
„Keine Ahnung, ist aber auch egal. Hat uns beim letzten Mal auch nicht interessiert, wer kommt, und war trotzdem mega“, antwortet Hel.
„Warst du schon mal auf‘m Spring?“, fragt mich Sam.
Ich nicke und verneine gleichzeitig. Sieht bestimmt bescheuert aus.
Sam lacht. „Ich auch nicht. Letztes Mal war ich krank.“
Vince sieht mich an. „Komm mit. Wird bestimmt superwitzig.“
Dann reden alle auf mich ein. Versuchen, mich zu überzeugen. Nur Lola nicht.
Schließlich sage ich: „Okay, okay, ich komm mit. Wird bestimmt cool.“
Sie freuen sich und das tut echt gut. Das Gefühl, allein zu sein, ist irgendwo vor dem Schultor verloren gegangen.
Aber da sagt Lola: „An dem Tag kann ich nicht. Ich muss zu so ‘ner blöden Familienfeier.“
Foxy und Raven werfen Lola einen mitfühlenden Blick zu, aber ansonsten geht niemand darauf ein. Nur Hel meint: „Na, dann hast du wohl Pech gehabt.“
„Können wir nicht am Sonntag hin?“
Ohne zu zögern, sagt Hel: „Nee, das geht nicht. Den Sonntag brauchen wir zum Chillen!“
Die anderen stimmen ihr zu.
Als es klingelt, bewegt sich keiner. Nur Lola steht auf und geht allein zurück. Ihre Schultern hängen tiefer als vorher.
Als würde ein riesiger Stein aus Traurigkeit auf ihnen liegen.
5
Das halb volle Glas
„Wir müssen unbedingt zusammen shoppen gehen!“
Es ist Freitag. Hel steht vor meinem offenen Kleiderschrank und schaut auf den Klamottenberg neben dem Schrank. „Du hast echt nichts anzuziehen.“
Die Idee gefällt mir. Zusammen shoppen. Das letzte Mal war ich vor zwölf Monaten in der Einkaufsmeile – mit Marie. Damals habe ich mir dasselbe Shirt wie sie gekauft. Passt mir bestimmt nicht mehr und ist sowieso hässlich. Ich reiße es vom Bügel und schmeiße es auf den Haufen. Mit dem Fuß schiebe ich das ganze Zeug unter den Schreibtisch.
Wir hocken uns aufs Bett und hören Musik. Hels Musik. Sie passt zu ihr, ist genauso durchgeknallt.
Heute trägt sie wieder ihre rot-blauen Zöpfe, einen schwarz-rot karierten Rock und über den Netzstrümpfen schwarze Overknees. Ich mag ihren Look.
Meiner Mutter sind allerdings fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Aber sie hat sich nichts anmerken lassen und uns zum Mittag Apfelpfannkuchen serviert. Beim Essen hat sie natürlich versucht, Hel auszufragen. Hel hat ein bisschen was erzählt, aber bei ihrer Familie wurde sie schweigsam. Mum hat nichts aus ihr herausbekommen. Mir war die ganze Situation total peinlich, also sind wir schnell hoch in mein Zimmer.
Wir machen Hausaufgaben. Hel schreibt die blöde Erörterung in einer Viertelstunde runter, während ich noch immer auf meinem Stift herumkaue. Sollten Jugendliche ihr Zimmer abschließen dürfen? Ja klar! Fertig. Was gibt es da noch zu begründen?
Hel gibt mir ihren Text zu lesen. Sie schreibt über Privatsphäre und neugierige Eltern, die in Tagebüchern lesen oder im Zimmer rumkramen.
Als Mutter würde ich ihr sofort einen Schlüssel in die Hand geben, so überzeugend ist sie. Richtig krass, wie sie schreibt.