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"Sie werden nicht schlafen, bis Sie AGENT NULL zu Ende gelesen haben. Ein erstklassiges Werk, mit einer Reihe von gut entwickelten, sehr genießenswerten Figuren. Die Beschreibung der Action-Szenen befördert uns direkt in eine Realität, in der man meinen könnte, man säße im Kino mit Surroundsound und 3D (es würde wirklich einen tollen Hollywood Film abgeben). Ich kann die Fortsetzung kaum abwarten." --Roberto Mattos, Books and Movie Reviews In EINE FALLE FÜR ZERO (Buch #4) erringt ein neuer, fanatischer Anführer die Macht in einer Terroristenzelle. Er ist darauf besessen, den bisher tödlichsten Angriff auf amerikanischem Boden in die Tat umzusetzen. Kann Agent Null die Verschwörung aufdecken und ihn rechtzeitig aufhalten? Agent Nulls Töchter sind zwar sicher zu Hause, doch die geistige Qual ihrer Erfahrungen lastet schwer auf ihrer kleinen Familie. Null, der sich darum bemüht, ein guter Vater zu sein und den Schaden wieder gut machen möchte, entscheidet sich zu einer Operation, um seine all Erinnerungen zurückzubekommen. Doch wird dies funktionieren? Währenddessen wird er wieder zu seinen Pflichten gerufen, als eine amerikanische Botschaft im Nahen Osten zerstört und eine neue, experimentelle Waffe entdeckt wird. Doch wem kann er schon wirklich vertrauen, wenn ihm seine Erinnerung fehlt und einige seiner eigenen CIA-Verbündeten auf seine Zerstörung bedacht sind? Eine Falle für Null (Buch #4) ist ein Spionage-Thriller, den man einfach nicht aus der Hand legen kann. Sie werden bis spät nachts weiterlesen. "Thriller-Schriftstellerei vom besten." --Midwest Book Review (in Bezug auf Koste es was es wolle) "Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe." --Books and Movie Reviews (in Bezug auf Koste es was es wolle) Jack Mars' #1 Bestseller LUKE STONE THRILLER Serie (7 Bücher) ist ebenfalls erhältlich. Sie beginnt mit Koste es was es wolle (Buch #1), das gratis heruntergeladen werden kann und über 800 fünf-Sterne-Rezensionen erhielt!
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Seitenzahl: 506
Veröffentlichungsjahr: 2020
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E I N E F A L L E F Ü R N U L L
(EIN AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER—BUCH 4)
J A C K M A R S
Jack Mars
Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie.
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BÜCHER VON JACK MARS
LUKE STONE THRILLER SERIE
KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)
AMTSEID (Buch #2)
LAGEZENTRUM (Buch #3)
EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE
AGENT NULL (Buch #1)
ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)
JAGD AUF NULL (Buch #3)
EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)
AKTE NULL (Buch #5)
RÜCKRUF NULL (Buch #6)
ATTENTÄTER NULL (Buch #7)
Agent Null - Buch 3 Zusammenfassung (Rekapitulation)
Als seine Töchter von einem Schatten aus seiner Vergangenheit entführt werden, muss Agent Null alles geben, um sie zurückzubringen - selbst, wenn das bedeutet, sich direkten Anweisungen der CIA zu widersetzen und von seiner eigenen Regierung abgeleugnet zu werden.
Agent Null: Obwohl er erfolgreich den Attentäter Rais getötet hat und seine Töchter aus den Händen von Menschenhändlern befreit hat, wurde er von der CIA losgesagt. Zuletzt sah man, wie er von drei Agenten in ein ungewisses Schicksal geführt wurde.
Maya und Sara Lawson: Nach ihrer entsetzlichen Qual in Osteuropa und der darauffolgenden Rettung durch ihren Vater sind die Töchter von Agent Null körperlich und geistig traumatisiert. Auch wenn sie stark von seiner Entschlossenheit, sie zu finden, beeindruckt sind, so werden sie sich dennoch jetzt bewusst, dass er mehr ist als das, was er zuvor zugegeben hatte.
Kate Lawson: Während seines letzten Kampfes mit Rais erinnerte sich Agent Null daran, dass seine Frau nicht an natürlichen Ursachen starb, sondern von einem tödlichen Gift ermordet wurde. Rais’ letzte Worte behaupteten, dass ihr Mörder die CIA war.
Agent Alan Reidigger: In einem Brief, den er Null vor seinem Tod schrieb, teilte Reidigger ihm den Namen des schweizer Neurologen mit, der den Gedächtnishemmer in Nulls Kopf installierte. Er ist ebenfalls seine beste Chance, jemals sein komplettes Gedächtnis wiederzuerlangen.
Agent Maria Johansson: Maria offenbarte, dass sie für zwei Seiten arbeitet - nicht nur für die CIA, sondern auch für die ukrainische FIS. Sie behauptet jedoch, dass sie beide Seiten manipuliert in der Hoffnung, eine Verschwörung über einen angeblich bald ausbrechenden Krieg aufzudecken.
Agent John Watson: Nachdem aufflog, dass er Agent Null dabei half, seine Töchter wiederzufinden, wurde Watson von der CIA verhaftet - genauso wie Maria Johansson.
Agent Todd Strickland: Er ist ein junger CIA Agent und ehemaliger Army Ranger, der anfänglich geschickt wurde, um Agent Null zu verhaften, doch letztendlich ihm und seinen Töchtern half. So kam es zu einer seltsamen Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Agenten.
INHALTSVERZEICHNIS
PROLOG
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREISSIG
KAPITEL EINUNDDREISSIG
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
KAPITEL DREIUNDDREISSIG
KAPTEL VIERUNDDREISSIG
KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
KAPITEL VIERZIG
KAPITEL EINUNDVIERZIG
KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
KAPITEL DREIUNDVIERZIG
Reid Lawson war erschöpft, nervös und stand unter starkem Schmerz.
Vor allem jedoch war er verwirrt.
Vor nur weniger als vierundzwanzig Stunden hatte er seine zwei jugendlichen Töchter erfolgreich aus der Macht slowakischer Menschenhändler befreit. Dabei hatte er zwei Frachtzüge angehalten, unbeabsichtigt einen sehr teuren Prototyp-Helikopter zerstört, achtzehn Männer getötet und mehr als ein weiteres Dutzend schwer verletzt.
Waren es achtzehn? Er hatte den Überblick verloren.
Jetzt befand er sich durch Handschellen an einen Stahltisch gefesselt in einer kleinen, fensterlosen Arrestzelle und erwartete Neuigkeiten über sein Schicksal.
Die CIA hatte ihn gewarnt. Die Deputy Direktoren hatten ihm gesagt, was geschähe, sollte er ihre Anweisungen ignorieren und eigenmächtig handeln. Verzweifelt wollten sie einen weiteren Amoklauf, wie jenen, der zwei Jahre zuvor stattgefunden hatte, vermeiden. So hatten sie es genannt - einen „Amoklauf”. Einen gewaltsamen, blutigen Riss durch Europa und den Nahen Osten. Dieses Mal war es Osteuropa, durch Kroatien, die Slowakei und Polen.
Sie hatten ihn gewarnt, ihm damit gedroht, was geschähe. Doch Reid sah keinen anderen Ausweg. Es ging um seine Töchter, seine kleinen Mädchen. Jetzt waren sie in Sicherheit und Reid hatte sich damit abgefunden, das zu akzeptieren, was ihn jetzt erwartete.
Von der Aktivität der letzten paar Tage und extremem Schlafentzug abgesehen hatte man ihm Schmerzmittel gegeben, nachdem seine Wunden behandelt wurden. Während seines Kampfes mit Reid hatte er eine oberflächliche Stichwunde im Bauch erlitten, starke Quetschungen, einige oberflächliche Schnitte und Abschürfungen, eine klaffende Wunde am Bizeps, wo ihn eine Kugel gestreift hatte und sich außerdem eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Nichts davon war ernst genug, um nicht verhaftet zu werden.
Ihm wurde sein Ziel nicht gesagt. Ihm wurde überhaupt nichts gesagt, während drei CIA Agenten, von denen er keinen wiedererkannte, ihn still aus dem polnischen Krankenhaus zu einem Flugplatz und in ein Flugzeug führten. Er war allerdings etwas erstaunt, als er am internationalen Flughafen von Dulles in Virginia ankam, und nicht wie erwartet in dem geheimen CIA Gefängnis Hölle-Sechs in Marokko.
Ein Polizeiwagen hatte ihn vom Flughafen zum Hauptquartier der Agentur gebracht, dem George Bush Center für Geheimdienst in der Gemeinde Langley in Virginia. Von dort aus wurde er in das stählerne Arrestzimmer im Erdgeschoss gebracht und an einen Tisch gefesselt, der in den Boden verschraubt war. Niemand gab ihm eine Erklärung hierfür.
Reid gefiel es nicht, wie er sich aufgrund der Schmerzmittel fühlte. Sein Gehirn war nicht ganz aufmerksam. Doch er konnte nicht schlafen, noch nicht. Ganz besonders nicht in der unbequemen Position, in der er sich an dem Stahltisch befand. Die Kette der Handschellen war durch eine Metallschlaufe gezogen und lag eng um beide seiner Handgelenke.
Er saß schon seit fünfundvierzig Minuten in dem Zimmer, wunderte sich, was zum Teufel da vor sich ging und warum er noch nicht in ein Loch in der Erde gesteckt worden war, als die Tür plötzlich aufschwang.
Reid stand sofort soweit auf, wie es ihm, gefesselt an den Tisch, möglich war. „Wie geht es meinen Mädchen?” fragte er schnell.
„Denen geht’s gut”, antwortete Deputy Direktor Shawn Cartwright. „Setz dich.” Cartwright war Reids Chef - vielmehr war er es gewesen, bis Reid losgesagt wurde, weil er eigenmächtig loszog, um seine Töchter zu finden. Cartwright war Mitte Vierzig, relativ jung für einen CIA Direktor, doch sein dickes, dunkles Haar ergraute an den Schläfen. Sicherlich war es nur ein Zufall, dass dies zum gleichen Zeitpunkt geschah, an dem Kent Steele von den Toten auferstanden war.
Reid setzte sich langsam wieder, während Cartwright den Stuhl ihm gegenüber nahm und sich räusperte. „Agent Strickland blieb bei deinen Töchtern, bis Sara aus dem Krankenhaus entlassen wurde.”, erklärte der Direktor. „Die Drei sind jetzt in einem Flugzeug und befinden sich in diesem Moment auf dem Weg nach Hause.”
Reid stieß einen kurzen Seufzer der Erleichterung aus - einen sehr kurzen, denn er wusste, dass es jetzt an ihn ging.
Die Tür öffnete sich erneut und Wut schwoll spontan in Reids Brust an, als Deputy Direktor Ashleigh Riker in das kleine Zimmer kam. Sie trug einen grauen Bleistiftrock und den dazu passenden Blazer. Riker war die Vorgesetzte der Spezialeinsatzgruppe, einer Untergruppierung von Cartwrights Division für Spezialaktivitäten, die sich um verdeckte internationale Einsätze kümmerte.
„Was macht die hier?” fragte Reid spitz. Sein Tonfall war alles andere als freundlich. Riker war seiner Meinung nach nicht vertrauenswürdig.
Sie setzte sich neben Cartwright und lächelte freundlich. „Ich, Herr Steele, habe die außerordentliche Freude, Ihnen mitzuteilen, wohin Sie jetzt kommen.”
Ein Knoten des Grauens formte sich in seinem Magen. Natürlich bereitete es Riker Freude, ihm seine Strafe auszuteilen. Ihre Verachtung für Agent Null und seine Taktiken war kaum zu übersehen. Reid erinnerte sich daran, dass er seine Mädchen in Sicherheit gebracht hatte und wusste, dass dies auf ihn zukam.
Doch das machte es nicht leichter. „In Ordnung”, sagte er ruhig. „Sagen Sie es mir. Wohin werde ich geschickt.?”
„Nach Hause”, antwortete Riker kurz.
Reids Blick huschte von Riker zu Cartwright und wieder zurück. Er war sich nicht sicher, dass er richtig gehört hatte. „Wie bitte?”
„Nach Hause. Sie gehen nach Hause, Kent.” Sie schob etwas über den Tisch. Ein kleiner, silberner Schlüssel rutschte über die polierte Oberfläche, direkt vor ihn.
Es war der Schlüssel zu den Handschellen. Doch er ergriff ihn nicht. „Warum?”
„Das kann ich leider nicht sagen”, antwortete Riker schulterzuckend. „Die Entscheidung wurde von höheren Rängen getroffen.”
Reid schnaubte. Er war erleichtert, um es gelinde auszudrücken, dass er nicht in ein elendes Loch wie H-6 geworfen würde, doch irgendwas schien hier nicht zu stimmen. Sie hatten ihm gedroht, ihn abgeleugnet und sogar zwei weitere Einsatzagenten hinter ihm hergeschickt... nur um ihn wieder freizulassen? Warum?
Die Schmerzmittel, die man ihm gegeben hatte, betäubten seine Gedanken. Sein Gehirn konnte nicht verarbeiten, was an dieser Entscheidung, die man ihm mitteilte, nicht stimmte. „Ich verstehe nicht...”
„Du warst die letzten fünf Tage nicht da”, unterbrach ihn Cartwright. „Du führtest Interviews durch, recherchiertest für ein Geschichtsbuch, das du herausgibst. Wir haben Namen und Kontaktinformation für mehrere Leute, die diese Geschichte bezeugen können.”
„Der Mann, der die Gräueltaten in Osteuropa begangen hat, wurde von Agent Strickland in Grodkow konfrontiert”, fuhr Riker fort. „Es stellte sich heraus, dass es sich um einen russischen Auswanderer handelte, der sich als Amerikaner ausgab, um eine internationale Krise zwischen uns und den Ostblocknationen auszulösen. Er zielte auf einen CIA Agenten und wurde erschossen.”
Reid blinzelte in Anbetracht der vielen falschen Informationen. Er wusste, was dies war. Sie gaben ihm eine Deckungsgeschichte, dieselbe, die man auch den Regierungen und Strafverfolgungsbehörden rund um die Welt gäbe.
Doch es konnte nicht so einfach sein. Irgendetwas stimmte nicht - angefangen mit Rikers seltsamen Lächeln. „Ich wurde losgesagt”, antwortete er. „Mir wurde gedroht. Ich wurde ignoriert. Ich glaube, ihr seid mir so was wie eine Erklärung schuldig.”
„Agent Null...” begann Riker. Dann kicherte sie ein wenig. „Entschuldigung, das ist eine alte Angewohnheit. Sie sind kein Agent, nicht mehr. Kent, wir haben diese Entscheidung nicht getroffen. Wie schon gesagt, sie kommt von weiter oben. Doch die Wahrheit ist, wenn wir uns das Ergebnis und nicht die Einzelteile ansehen, dass Sie einen internationalen Ring von Menschenhändlern außer Gefecht gesetzt haben, der die CIA und Interpol schon seit sechs Jahren plagt.”
„Du hast Rais umgebracht und damit vermutlich auch das letzte Amun-Mitglied”, fügte Cartwright hinzu.
„Ja, Sie haben Menschen getötet”, fuhr Riker fort. „Doch es hat sich bestätigt, dass jeder von ihnen ein Krimineller war - einige waren die Schlimmsten der Schlimmen. Mörder, Vergewaltiger, Pädophile. So sehr ich es auch hasse, es zuzugeben, ich muss der Entscheidung, dass Sie mehr Gutes als Schlechtes angerichtet haben, zustimmen.”
Reid nickte langsam - nicht, weil er der Logik zustimmte, sondern weil er sich dessen bewusst wurde, dass es für den Moment am besten war, aufzuhören, mit ihnen zu streiten, die Begnadigung zu akzeptieren und später zu versuchen, das alles zu verstehen.
Doch er hatte immer noch Fragen. „Was meint ihr damit, dass ich kein Agent mehr bin?”
Riker und Cartwright tauschten einen Blick aus. „Du wurdest versetzt”, erklärte ihm Cartwright. „Falls du den Job annimmst.”
„Die Division für nationale Ressourcen”, klang Riker ein, „das ist die inländische Abteilung der CIA. Sie gehört weiterhin zur Agentur, doch benötigt keine Einsätze. Sie müssen das Land oder Ihre Mädchen nie wieder verlassen. Sie heuersn Assets an. Kümmern sich um Nachbesprechungen. Treffen Diplomaten.”
„Warum?” fragte Reid.
„Einfach gesagt - wir wollen dich nicht verlieren”, erklärte ihm Cartwright. „Wir hätten dich lieber weiter bei uns in einer anderen Funktion, als dich ganz zu verlieren.”
„Wie steht’s mit Agent Watson?” fragte Reid. Watson hatte ihm geholfen, seine Mädchen zu finden. Er hatte ihm Ausrüstung zukommen lassen und Reid außer Landes gebracht, als dies notwendig war. Dabei hatte man Watson entdeckt und ihn festgenommen.
„Watson ist für acht Wochen wegen seiner Schulter krankgeschrieben”, sagte Riker. „Ich denke, er wird zurückkommen, sobald sie geheilt ist.”
Reid zog eine Augenbraue hoch. „Und Maria?” Sie hatte ihm auch geholfen - obwohl die CIA sie damit beauftragt hatte, Agent Null festzunehmen.
„Johansson befindet sich in den USA”, antwortete Cartwright. „Sie nimmt sich ein paar Tage Auszeit, bevor sie einen neuen Auftrag erhält. Doch sie kehrt in den Einsatz zurück.”
Reid musste ein sichtbares Kopfschütteln unterdrücken. Irgendwas stimmte hier ganz sicher nicht. Nicht nur er wurde begnadigt, sondern alle, die mit seinem letzten Amoklauf verbunden waren. Doch er hatte ebenfalls das Gefühl, das ihm riet, dass dies nicht der richtige Ort und Zeitpunkt war, um sich darüber zu streiten, nach Hause zu gehen.
Dazu bliebe später noch Zeit, wenn sein Gehirn nicht durch Schlafentzug und Schmerzmittel vernebelt wäre.
„Also... wie steht es nun?” fragte er. „Ich kann gehen?”
„Sie sind frei.” Riker lächelte erneut. Ihm gefiel der Ausdruck auf ihrem Gesicht überhaupt nicht.
Cartwright schaute auf seine Uhr. „Deine Töchter sollten in etwa zwei Stunden in Dulles ankommen. Draußen wartet ein Auto auf dich, falls du es möchtest. Du kannst dich frischmachen, umziehen und rechtzeitig dort ankommen, um sie zu begrüßen.”
Die zwei Deputy Direktoren standen auf und gingen zur Tür.
„Schön, dich wieder zurückzuhaben, Null.” Cartwright blinzelte ihm zu, bevor er den Raum verließ.
Als er allein im Zimmer war, blickte Reid auf den silbernen Schlüssel der Handschellen hinab, der vor ihm lag. Er sah zu den Kameras hinauf, die in den Ecken des Raumes angebracht waren.
Er ginge nach Hause - doch irgendwas fühlte sich gar nicht richtig dabei an.
*
Reid eilte auf das Parkhaus in Langley zu, befreit von den Handschellen und dem Arrestzimmer - befreit davon, Einsatzagent zu sein. Befreit von der Angst vor Auswirkungen gegen jene, die er liebte. Befreit von einem Dreckloch im Boden in H-6.
Eine verblüffende Idee überkam ihn, während er durch die Tore hinaus auf die Straße fuhr. Sie hätten ihn einfach in die Hölle-Sechs stecken können. Sie hätten ihm wenigstens damit drohen können, die schwarze Wolke der Angst, seine Familie nie wiederzusehen, über seinen Kopf verhängen können. Doch sie hatten es nicht getan.
Weil ich ansonsten jeden Grund gehabt hätte, darüber zu sprechen, argumentierte Reid. Es gäbe einen Grund für mich, alles auszuplaudern, wenn ich gedacht hätte, dass ich den Rest meines Lebens in einem Loch verbrächte.
Es spürte sich zwar wie Wochen an, doch nur vier Tage zuvor war eine fragmentierte Erinnerung zu ihm zurückgekommen. Vor dem Gedächtnishemmer hatte Kent Steele Information über einen vorgeplanten Krieg gesammelt, den die US-Regierung konzipierte. Er hatte mit niemandem darüber gesprochen, doch er hatte Maria offenbart, dass er sich an etwas erinnert hatte, dass eine Menge Probleme für eine Menge Leute bedeuten könnte.
Ihr Rat war einfach und direkt: Du kannst niemandem außer dir selbst vertrauen.
Er hatte es nicht zuvor gesehen, in dem Arrestzimmer, in dem sein Schicksal in Frage stand und die Schmerzmittel sein Gehirn vernebelten. Doch er sah es jetzt. Die Agentur wusste, dass er etwas wusste, doch sie wussten nicht, wie viel er wusste - oder an wie viel er sich erinnern würde. Er war sich nicht mal selbst sicher, wie viel er wirklich wusste.
Er schüttelte den Gedanken aus seinem Kopf. Jetzt, da die zweifelhaften Fragen über seine Zukunft gelöst waren, floss all die Anspannung aus seinen Schultern und er fühlte sich erschöpft und voller Schmerzen. Unter diesen Gefühlen braute sich eine sprudelnde Freude bei dem Gedanken, seine Mädchen wiederzusehen.
Es blieben ihm zwei Stunden, bevor ihr Flugzeug landete. Zwei Stunden waren mehr als genug, um nach Hause zu fahren, sich zu duschen, umzuziehen und sie dann zu treffen. Doch er entschied sich dazu, darauf zu verzichten und fuhr stattdessen direkt zum Flughafen.
Er wollte einfach nicht alleine in das leere Haus fahren.
Stattdessen stellte er das Auto auf dem Kurzzeitparkplatz von Dulles ab und betrat das Gebäude durch die Ankunft. Er kaufte sich einen Kaffee am Zeitungsstand und setzte sich in einen Plastikstuhl, nippte langsam daran, während ihm tausend Gedanken durch den Kopf gingen. Keiner davon blieb lange genug, um als bewusster Eindruck registriert zu werden, doch jeder einzelne flog vorbei, bevor er wieder zurückschwirrte, wie in einem Wirbelsturm.
Er musste Maria anrufen, entschloss er. Er musste ihre Stimme hören. Sie wüsste, was zu sagen war und selbst wenn nicht, dann gab es trotzdem immer etwas bei jedem Gespräch mit ihr, dass sein marodes Gehirn zu heilen schien. Reid hatte kein Handy, doch zum Glück gab es Telefonzellen, eine wachsende Seltenheit, im Flughafen. Dann hatte er kein Wechselgeld für die Maschine, weshalb er zuerst eine Null wählte und anschließend die Nummer, die er auswendig kannte.
Niemand ging dran. Es klingelte vier Mal, bevor der Anrufbeantworter sich meldete. Er hinterließ keine Nachricht. Er war sich nicht sicher, was er sagen sollte.
Schließlich kam endlich das Flugzeug an und eine Reihe eilender Passagiere schritt den langen Gang entlang, durch die Gates und die Sicherheitskontrolle, entweder in die Arme wartender Angehöriger oder hastig auf das Gepäckkarussell zu.
Strickland sah ihn zuerst. Agent Todd Strickland war jung, siebenundzwanzig, mit einem militärischen Haarschnitt und einem dicken Nacken. Sein Gang hatte einen Hauch von Stolz, der ihn gleichzeitig ansprechbar und autoritär erschienen ließ. Strickland schien überhaupt nicht überrascht darüber, Reid zu sehen. Die CIA hatte ihn zweifellos darüber informiert, dass man Kent Steele freigelassen hatte. Er nickte Reid nur einmal zu, während er die zwei jugendlichen Mädchen den langen Gang entlangführte.
Es schien, als hätte Strickland keiner seiner zwei Töchter gesagt, das er bei ihrer Ankunft da wäre, und Reid war ihm dankbar dafür. Maya entdeckte ihn als Nächstes und obwohl ihre Beine sich weiter bewegten, fiel ihr Unterkiefer vor Überraschung schlaff hinunter. Sara blinzelte zwei Mal, bevor ihre Lippen sich zu einem erfreuten, breiten Lächeln verzogen. Ihr Arm, der sich in Gips und einer Schlinge befand - sie hatte ihn gebrochen, nachdem sie aus einem fahrenden Zug gesprungen war - hielt sie nicht davon ab, auf ihn zuzurennen. „Papa!”
Reid ging auf ein Knie und fing sie in einer festen Umarmung auf. Maya eilte ihrer jüngeren Schwester hinterher und die drei umarmten sich für eine lange Weile.
„Wie?” flüsterte Maya heiser in sein Ohr. Beide Mädchen hatten ausreichend Grund, um zu glauben, dass sie ihren Vater für womöglich lange Zeit nicht wiedersähen.
„Wir reden später”, versprach Reid. Er löste seine Umarmung und stand auf, um sich Strickland zuzuwenden. „Danke, dass du sie sicher heimgebracht hast.”
Strickland nickte und schüttelte Reids Hand. „Ich halte nur mein Wort.” In Osteuropa war es zu einer Art von seltsamem, gegenseitigen Verständnis zwischen Reid und Strickland gekommen. Dabei hatte der jüngere Agent ihm versprochen, auf die beiden Mädchen aufzupassen, egal, ob Reid da wäre oder nicht. „Ich mach mich dann mal auf den Weg”, sagte er zu ihnen. „Seid lieb, ihr zwei.” Er grinste die Mädchen an und schritt von der kleinen Familie weg.
Die Fahrt nach Hause war kurz, dauerte nur eine halbe Stunde, und aufgrund von Saras untypischem Gerede erschien sie noch kürzer. Sie erzählte ihm, wie gut Agent Strickland sie behandelt hatte und wie die Ärzte in Polen sie selbst die Farbe ihres Gipses auswählen ließen, doch dass sie sich dennoch für das normale Beige entschieden hatte, damit sie ihn selbst mit Buntstiften anmalen konnte. Maya saß seltsam still auf dem Beifahrersitz. Hin und wieder blickte sie über die Schulter auf ihre kleine Schwester und lächelte kurz.
Als sie zu Hause in Alexandria ankamen, schien es als sei die Eingangstür ein Staubsauger für jeden fröhlichen oder erfreulichen Gedanken. Die Stimmung änderte sich im Handumdrehen. Das letzte Mal, als sie die Eingangshalle betraten, lag ein toter Mann direkt vor der Küche. Dave Thompson, ihr Nachbar, war ein pensionierter CIA Agent, der von dem Attentäter ermordet wurde, der anschließend Maya und Sara entführte.
Niemand sprach, als Reid die Tür schloss und den Code eingab, der die Alarmanlage aktivierte. Die Mädchen schienen zu zögern, überhaupt einen weiteren Schritt in das Haus zu wagen.
„Es ist in Ordnung”, sagte er ihnen leise, und obwohl er selbst kaum daran glaubte, ging er voran zur Küche, um ihnen zu beweisen, dass sie keine Angst haben müssten. Das Team der Tatort-Reinigung hatte gründlich gearbeitet, doch der starke Geruch von Salmiakgeist und die blitzblanken Fugen zwischen den Fliesen wiesen immer noch darauf hin, dass jemand hier gewesen war, das Blut aufgewischt und jegliche Spur von dem Mord, der hier stattgefunden hatte, entfernt hatte.
„Hat jemand Hunger?” fragte Reid und versuchte dabei, so sorglos zu erscheinen, dass er laut und theatralisch klang.
„Nein”, antwortete Maya leise. Sara schüttelte ihren Kopf.
„OK.” Man konnte die bedeutungsvolle Stille, die folgte, spüren, als sei sie ein unsichtbarer Ballon, der sich aufblies, um eine riesige Distanz zwischen ihnen zu schaffen. „Na dann”, sagte Reid letztendlich und hoffte, ihn zu zerbersten, „ich weiß ja nicht, wie es mit euch beiden steht, aber ich bin erschöpft. Ich glaube, wir sollten alle etwas zur Ruhe kommen.”
Die Mädchen nickten erneut. Reid küsste Sara auf den Kopf und sie schlurfte zurück in die Eingangshalle - er bemerkte, dass sie dabei näher an einer Wand entlangging, obwohl ihr nichts im Weg stand - und die Treppen hinauf.
Maya wartete, sagte nichts, doch horchte aufmerksam, bis die Schritte auf der Treppe den Teppichboden am oberen Ende erreicht hatten. Sie zog sich die Schuhe aus und fragte dann plötzlich: „Ist er tot?”
Reid blinzelte zwei Mal. „Ist wer tot?”
Maya blickte nicht auf. „Der Mann, der uns entführt hat. Derjenige, der Herrn Thompson ermordet hat. Rais.”
„Ja”, antwortete Reid leise.
„Hast du ihn getötet?” Ihr Blick war hart, aber nicht wütend. Sie wollte die Wahrheit wissen, keine weitere Deckungsgeschichte oder Lüge hören.
„Ja”, gab er nach einem langen Moment zu.
„Gut”, flüsterte sie zurück.
„Hat er euch seinen Namen verraten?” fragte Reid.
Maya nickte und sah ihn dann entschlossen an. „Da war noch ein weiterer Name, von dem er wollte, dass ich ihn weiß. Kent Steele.”
Reid schloss seine Augen und seufzte. Irgendwie schaffte Rais es immer noch, ihn weiter zu plagen, selbst über den Tod hinaus. „Damit bin ich jetzt fertig.”
„Versprichst du das?” Sie zog beide Augenbrauen hoch und hoffte, dass er ehrlich war.
„Ja. Ich verspreche es.”
Maya nickte. Reid wusste nur zu gut, dass es noch nicht zu Ende war. Sie war viel zu intelligent und wissbegierig, um die Dinge dabei zu belassen. Doch für den Augenblick schienen seine Antworten sie zu befriedigen, und sie ging die Treppe hoch.
Er hasste es, seine Töchter zu belügen. Er hasste es noch mehr, sich selbst zu belügen. Seine Einsatzarbeit war noch nicht vorbei - vielleicht die bezahlten Einsätze, doch er musste noch eine Menge tun, wenn er der Verschwörung auf den Grund gehen wollte, die er gerade erst begonnen hatte, aufzudecken. Er hatte keine Wahl, solange er etwas wusste, war er weiterhin in Gefahr. Seine Mädchen könnten sich immer noch in Gefahr befinden.
Er wünschte sich für einen Moment, nichts davon zu wissen, dass er alles vergessen könnte, was er über die Agentur wusste, über Verschwörungen, und einfach nur ein College Professor und Vater für seine Töchter sein könnte.
Doch das kannst du nicht. Also musst du das Gegenteil tun.
Er brauchte nicht weniger Erinnerungen. Er hatte dies schon ausprobiert und es hatte nicht sehr gut funktioniert. Er brauchte mehr Erinnerungen. Je mehr er sich an das erinnern könnte, was er vor zwei Jahren wusste, desto weniger müsste er arbeiten, um die Wahrheit aufzudecken. Vielleicht müsste er sich nicht mehr lange sorgen.
Während er da in der Küche stand, nur ein paar Meter von dem Flecken entfernt, an dem Thompson ermordet wurde, traf Reid seine Entscheidung. Er würde den alten Brief von Alan Reidigger finden - und damit auch den Namen des schweizer Neurologen, der den Gedächtnishemmer in seinen Kopf implantiert hatte.
Abdallah bin Mohammed war tot.
Der Körper des alten Mannes lag auf einer Granitplatte im Hof des Lagers, einer ummauerten Gruppe von verschachtelten, beigen Gebäude, die etwa achtzig Kilometer westlich von Albaghdadi in der Wüste Iraks lag. Dort hatte die Brüderschaft sowohl den Ausschluss von Hamas als auch die Überwachung durch amerikanische Streitkräfte während der Besetzung und darauffolgenden Demokratisierung des Landes überlebt. Für jegliche Person, die nicht der Brüderschaft angehörte, war das Lager lediglich eine Kommune orthodoxer Schiiten. Razzien und erzwungene Kontrollen des Geländes hatten nichts ergeben. Ihre geheimen Lager waren gut versteckt.
Der alte Mann hatte sich persönlich um ihr Überleben gekümmert, sein Vermögen im Dienst der Aufrechterhaltung ihrer Ideologie ausgegeben. Doch jetzt war bin Mohammed tot.
Awad stand stoisch neben der Platte, auf dem die aschfarbene Leiche des alten Mannes aufgebahrt war. Bin Mohammeds vier Gattinnen hatten ihm schon ghusl zukommen lassen. Sie wuschen seinen Körper drei Mal, bevor sie ihn in Weiß kleideten. Seine Augen waren friedlich geschlossen, seine Hände über seine Brust gekreuzt, die Rechte über die Linke. Die Leiche hatte keinen Flecken oder Kratzer, während der letzten sechs Jahre hatte er in der Anlage gelebt und war dort gestorben, ihre Mauern nicht verlassen. Er wurde nicht durch Granatfeuer oder Drohnenangriffe, wie so viele andere Mudschaheddin, getötet.
„Wie?” fragte Awad auf arabisch. „Wie starb er?”
„Er hatte Nachts einen Krampfanfall”, antwortete Tarek. Der kleinere Mann stand auf der anderen Seite der Steinplatte Awad gegenüber. Viele in der Brüderschaft sahen Tarek als den stellvertretenden Kommandeur nach bin Mohammed an, doch Awad wusste, dass seine Aufgabe kaum die eines Boten und Betreuers überschritt, als die Gesundheit des alten Mannes sich verschlechterte. „Der Anfall rief einen Herzinfarkt hervor. Es dauerte nur einen Augenblick. Er litt nicht.”
Awad legte eine Hand auf die stille Brust des alten Mannes. Bin Mohammed hatte ihm viel beigebracht, nicht nur bezüglich des Glaubens, sondern auch was die Welt anging, die vielen Notlagen in ihr, und was es bedeutete, ein Anführer zu sein.
Und er, Awad, sah nicht nur eine Leiche vor sich, sondern ebenfalls eine Chance. Drei Nächte zuvor hatte Allah ihn mit einem Traum beschenkt, doch jetzt war es schwer, ihn nur so zu nennen. Er war prophetisch. In ihm sah er Mohammeds Tod und eine Stimme sagte ihm, dass er aufstiege und die Brüderschaft anführte. Die Stimme, so war er sich sicher, gehörte dem Propheten, er sprach im Auftrag des Einen Wahren Gottes.
„Hassan ist auf einem Munitionsraubzug”, gab ihm Tarek leise zu wissen. „Er weiß noch nicht, dass sein Vater verstorben ist. Er kommt heute zurück. Bald schon wird er erfahren, dass es jetzt an ihm liegt, die Brüderschaft anzuführen-”
„Hassan ist schwach”, entfuhr es Awad schärfer, als er es eigentlich vorhatte. „Während Mohammeds Gesundheitszustand sich verschlechterte, tat Hassan nichts, damit wir nicht schwächer würden.”
„Doch...”, Tarek zögerte. Er war sich Awads aufbrausendem Temperament nur zu gut bewusst. „Die Pflichten der Führerschaft fallen auf den ältesten Sohn-”
„Das ist hier keine Dynastie”, gab Awad zurück.
„Wer denn dann...?” Tarek hielt inne, als er bemerkte, worauf Awad anspielte.
Der jüngere Mann verengte seine Augen zu einem Schlitz, doch sagte nichts. Das war nicht nötig, ein stechender Blick reichte schon als Drohung aus. Awad war jung, noch nicht einmal dreißig, doch er war groß und stark, sein Kiefer so steif und unnachgiebig wie sein Glaube. Nur Wenige erhöben das Wort gegen ihn.
„Bin Mohammed wollte, dass ich der Anführer würde”, erklärte Awad Tarek. „Er hatte es selbst so gesagt.” Das stimmte nicht ganz. Der alte Mann hatte bei mehreren Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht, dass er das Potentiell für Größe in Awad sah, und dass er ein natürlicher Anführer von Menschen wäre. Awad interpretierte diese Aussagen als eine Erklärung der Absichten des alten Mannes.
„Mir hat er nichts davon gesagt”, wagte es Tarek, zu widersprechen, auch wenn er es nur sehr leise hervorbrachte. Sein Blick war nach unten gerichtet, traf nicht Awads dunkle Augen.
„Weil er wusste, dass auch du schwach bist”, forderte ihn Awad heraus. „Sag mir, Tarek, wie lange ist es her, seit du das letzte Mal hinter diesen Mauern herausgekommen bist? Wie lange lebst du schon von der Wohltätigkeit und Sicherheit bin Mohammeds, unbesorgt von Kugeln und Bomben?” Awad lehnte sich nach vorn, über den Körper des alten Mannes, während er leise hinzufügte: „Wie lange, glaubst du, würdest du überleben, wenn ich die Macht übernehme und dich nur mit den Klamotten, die du auf dem Leib trägst, verbanne?”
Tareks Unterlippe bewegte sich, doch kein Klang entrann seiner Kehle. Awad grinste. Der kleine, pausbackige Tarek hatte Angst.
„Mach schon”, trieb ihn Awad voran. „Sag mir, was du denkst.”
„Wie lange...” schluckte Tarek, „wie lange, glaubst du, dass du innerhalb dieser Mauern ohne die Unterstützung von Hassan bin Abdallah überlebst? Wir werden in der gleichen Lage stecken. Nur an anderen Orten.”
Awad grinste. „Ja. Du bist gerissen, Tarek. Doch ich habe eine Lösung.” Er lehnte sich über die Platte und sprach leiser. „Unterstütze meinen Anspruch.”
Tarek sah scharf auf, überrascht von Awads Worten.
„Sag ihnen, dass du dasselbe wie ich gehört hast”, fuhr er fort. „Sag ihnen, dass Abdallah bin Mohammed mich zum Anführer nach seinem Tod ernannt hat, und ich schwöre dir, dass du immer einen Platz in der Brüderschaft hast. Wir werden unsere Kraft zurückgewinnen. Wir machen unseren Namen bekannt. Und der Wille Allahs, Friede sei mit ihm, wird geschehen.”
Bevor Tarek antworten konnte, rief ein Wächter durch den Hof. Zwei Männer hievten die schweren Eisentore gerade rechtzeitig auf, damit zwei Lastwagen, mit matschigen Rädern von dem kürzlich gefallenen Regen, durchfahren konnten.
Acht Mann traten hinaus - alle, die hinausfuhren, waren auch zurückgekommen - doch selbst von seinem Blickwinkel aus konnte Awad erkennen, dass der Raubzug kein Erfolg war. Sie hatten keine Munition mitgebracht.
Einer der Acht trat voran, seine Augen in Schock geweitet, als er auf die Steinplatte zwischen Awad und Tarek starrte. Hassan bin Abdallah bin Mohammed war vierunddreißig Jahre alt, doch er sah immer noch wie ein hagerer Jugendlicher aus. Seine Wangen waren seicht und sein Bart lückenhaft.
Ein leises Stöhnen entrang Hassans Lippen, als er die still liegende Figur auf der Platte erkannte. Er lief darauf zu und seine Schuhe ließen den Sand hinter ihm aufwirbeln. Awad und Tarek schritten zurück, gaben ihm Raum, während Hassan sich über die Leiche seines Vaters warf und laut schluchzte.
Schwach. Awad grinste höhnisch aufgrund der Szene, die sich vor ihm abspielte. Es wird einfach sein, die Brüderschaft zu übernehmen.
An diesem Abend führte die Brüderschaft im Hof Salat-al-Janazah durch, das Begräbnisgebet für Abdallah bin Mohammed. Jede anwesende Person kniete sich in drei Reihen in Richtung Mekka nieder. Sein Sohn Hassan war seinem Körper am nächsten und seine Frauen bildeten das Ende der dritten Reihe.
Awad wusste, dass die Leiche sofort nach den Riten begraben würde. Die muslimische Tradition befahl, dass eine Leiche so schnell wie möglich begraben werden musste. Er war der Erste, der nach dem Gebet aufstand und sprach mit inbrünstiger Stimme: „Meine Brüder”, begann er. „Mit großem Kummer übergeben wir Abdallah bin Mohammeds Körper der Erde.”
Alle Augen richteten sich auf ihn, einige waren durch seine plötzliche Unterbrechung verwirrt, doch niemand stand auf oder unterbrach ihn.
„Sechs Jahre sind vergangen, seitdem wir wegen der Heuchelei Hamas’ aus Gaza verbannt wurden”, fuhr Awad fort. „Vor sechs Jahren wurden wir in die Wüste vertrieben und leben von der Wohltätigkeit bin Mohammeds, plündern und rauben, was wir können. Seit sechs Jahren leben wir eine Lüge und halten uns in den Schatten von Hamas auf. In den Schatten von Al-Qaeda. Von Isis. Von Amun.”
Er hielt einen Moment inne, während er den Blick jedes Augenpaares erwiderte. „Nicht länger. Die Brüderschaft wird sich nicht länger verstecken. Ich habe einen Plan ausgearbeitet. Vor Abdallahs Tod habe ich ihm meinen Plan erklärt und seinen Segen erhalten. Wir, Brüder, werden diesen Plan durchführen und unseren Glauben behaupten. Wir werden die Häretiker ausmerzen, und die ganze Welt wird die Brüderschaft kennenlernen. Ich verspreche es euch.”
Viele, sogar die meisten, Köpfe nickten im Hof. Ein Mann stand auf, ein starker und etwas zynischer Bruder, der sich Usama nannte. „Und worum geht es in diesem Plan, Awad?” fragte er mit herausfordernder Stimme. „Welchen großartigen Komplott hast du da ausgeheckt?”
Awad lächelte. „Wir werden den heiligsten Dschihad, der jemals auf amerikanischen Boden durchgeführt wurde, anzetteln. Einen, den Al-Qaedas Angriff auf New York als fruchtlos erscheinen lassen wird.”
„Wie?” wollte Usama wissen. „Wie werden wir das anstellen?”
„Alles wird offenbart”, antwortete Awad geduldig. „Doch nicht heute Nacht. Dies ist ein Abend der Ehrfurcht.”
Awad hatte wirklich einen Plan. Er hatte sich in seinem Gehirn schon für einige Zeit geformt. Er wusste, dass es möglich wäre, er hatte mit dem Libyer gesprochen, der ihn über die israelischen Journalisten und die Kongressdelegation aus New York informierte, die bald in Bagdad wären. Es schien wie eine schicksalhafte Fügung, dass sich alles so ergeben hatte - sogar Abdallahs Tod. Awad war sogar soweit gegangen, eine vorläufige Vereinbarung mit einem Waffenhändler zu treffen, der Zugang zu der notwendigen Ausrüstung für den Angriff auf die US Stadt hatte, doch es war eine Lüge, dass er es mit Abdallah besprochen hatte. Der alte Man war ein Anführer, ein Freund und ein Wohltäter für die Brüderschaft - und dafür war Awad ihm dankbar - doch er hätte niemals zugestimmt. Es bräuchte erhebliche finanzielle Mittel und könnte den Bankrott für ihre Ressourcen bedeuten, falls etwas schiefging.
Deshalb wusste Awad, dass er sich bei Hassan bin Abdallah beliebt machen musste. Die Pflicht der Bestattung wurde für gewöhnlich von dem engsten männlichen Verwandten durchgeführt, doch Awad konnte sich kaum vorstellen, dass Hassans dünne, schlaksige Arme ein Loch grüben, das tief genug wäre. Außerdem könnte er Hassan näherkommen, wenn er ihm bei der Aufgabe hälfe, und so seinen Plan mit ihm besprechen.
„Bruder Hassan”, sagte Awad. „Ich hoffe, dass du mir die Ehre gibst, dir dabei zu helfen, Abdallah zu begraben.”
Der anämische Hassan blickte ihn an und nickte einmal. Awad konnte in den Augen des jungen Mannes sehen, dass er vor Angst, die Brüderschaft anzuführen, erstarrte. Die beiden traten aus der dreireihigen Gebetsformation heraus, um Schaufeln zu holen.
Nachdem sie außer Hörweite der anderen waren, im Mondlicht des offenen Hofes erleuchtet, räusperte Hassan sich und fragte: „Was hast du da für einen Plan, Awad?”
Awad bin Saddam hielt ein Grinsen zurück. „Er fängt damit an”, antwortete er, „drei Männer zu entführen. Morgen, nicht weit von hier. Er endet mit einem direkten Angriff auf die Stadt New York.” Er hielt inne und legte eine schwere Hand auf Hassans Schulter. „Doch ich kann das nicht alleine inszenieren. Ich brauche deine Hilfe, Hassan.”
Hassan schluckte und nickte.
„Ich verspreche dir”, fuhr Awad fort, „dass diese sündenverdorbene Nation habgieriger Abtrünniger einen unzählbaren Verlust erleidet. Die Brüderschaft wird endlich als eine Macht im Islam anerkannt werden.”
Und, behielt er bei sich, der Name Awad bin Saddam wird für immer einen Platz in der Geschichte haben.
„Erinnert, erinnert, den fünften November”, sagte Professor Lawson, während er vor einer Gruppe von siebenundvierzig Stunden im Healy Hörsaal der Georgetown Universität auf- und abging. „Was bedeutet das?”
„Wissen Sie denn nicht, dass wir erst April haben?” witzelte ein braunhaariger Junge in der ersten Reihe.
Einige Studenten kicherten. Reid grinste. Im Hörsaal war er in seinem Element, es fühlte sich gut an, wieder hier zu sein. Fast, als sei alles wieder normal. „Nicht ganz. Das ist die erste Zeile eines Gedichts, dass einem sehr wichtigen Anlass - oder fast-Anlass, sozusagen - in der englischen Geschichte gedenkt. Der fünfte November, bitte?”
Eine junge, braunhaarige Frau einige Reihen weiter hinten erhob höflich die Hand und bot an: „Guy Fawkes Tag?”
„Ja, danke schön.” Reid blickte kurz auf seine Uhr. Die digitale Anzeige nach Neuigkeiten zu überprüfen, war seit kurzem zu einer Gewohnheit geworden, fast wie ein eigentümlicher Spleen. „Ähm, obwohl die Feierlichkeiten nicht mehr so verbreitet sind wie zuvor, fand am fünften November ein gescheiterter Mordkomplott statt. Ich bin mir sicher, dass ihr alle schon Mal den Namen Guy Fawkes gehört habt.”
Köpfe nickten und bejahendes Gemurmel war im Hörsaal zu vernehmen.
„Gut. 1605 arbeiteten Fawkes und zwölf weitere Verschwörer einen Plan aus, um das House of Lords, den englischen Bundesrat, während einer Versammlung zu sprengen. Doch die Mitglieder des House of Lords waren nicht ihr eigentliches Ziel. Vielmehr wollten sie König James I ermorden, der Protestant war. Fawkes und seine Freunde wollten wieder einen katholischen Monarchen auf den Thron setzen.”
Er blickte erneut auf seine Uhr. Eigentlich wollte er es gar nicht, es war ein Reflex.
„Ähm...” Reid räusperte sich. „Ihr Plan war recht einfach. Über einige Monate hinweg verstauten sie sechsunddreißig Fass Schießpulver in einer Krypta - das ist so was wie ein Weinkeller - direkt unter dem Parlament. Fawkes war der Attentäter. Er sollte eine lange Zündschnur entfachen und dann, so schnell ihn seine Beine trugen, zur Themse rennen.”
„Wie in einem Wile E. Coyote Zeichentrickfilm”, sagte der Witzbold in der ersten Reihe.
„So ähnlich”, stimmte Reid zu. „Deshalb nennt man ihren Mordversuch heutzutage auch den Schießpulver-Komplott. Doch sie schafften es nicht, die Zündschnur zu entfachen. Jemand gab dem House of Lords anonym einen Hinweis und man durchsuchte die Krypten. Das Schießpulver und Fawkes wurden entdeckt...”
Er warf wieder einen Blick auf seine Uhr. Sie zeigte ihm nichts außer der Zeit an.
„Und, ähm...” Reid kicherte leise über sich selbst. „Es tut mir leid, Leute, ich bin heute einfach ein bisschen abgelenkt. Fawkes wurde ertappt, doch weigerte sich, die anderen Verschwörer zu verraten - zumindest zu Anfang. Er wurde in den Tower of London gesteckt und dort für drei Tage gefoltert...”
Plötzlich blitzte eine Vision in seinem Gehirn auf. Es war eigentlich weniger eine Vision als vielmehr eine Erinnerung, die sich da aufdringlich breitmachte und ihren Weg in seinen Kopf bahnte, als er Folter erwähnte.
Ein geheimes CIA-Gefängnis in Marokko. Codename H-6. Bei den meisten unter ihrem Pseudonym bekannt - Hölle-sechs.
Ein gefangener Iraner ist auf einen leicht geneigten Tisch gefesselt. Über seinem Kopf eine Kapuze. Du drückst ein Handtuch auf sein Gesicht.
Reid erschauerte, als ein Frösteln ihm über den Rücken jagte. Die Erinnerung war eine, die er schon zuvor hatte. In seinem anderen Leben als CIA Agent Kent Steele, hatte er an gefangenen Terroristen „Verhör-Techniken” durchgeführt, um an Information zu gelangen. So hatte die Agentur sie genannt - Techniken. Dazu gehörte Waterboarding, Daumenschrauben und das Ziehen von Fingernägeln.
Doch das waren keine Techniken. Es war ganz einfach nur Folter. Gar nicht so anders, wie bei Guy Fawkes im Tower of London.
Du machst das nicht mehr, erinnerte er sich selbst. Das bist du nicht.
Er räusperte sich erneut. „Drei Tage lang wurde er, äh, verhört. Dann rückte er schließlich die Namen sechs weiterer Verschwörer heraus und alle wurden zum Tod verurteilt. Der Komplott, das Parlament und King James I vom Untergeschoss aus zu sprengen, wurde vereitelt, und der fünfte November verwandelte sich in einen Tag, an dem man den gescheiterten Mordversuch feiert...”
Eine Kapuze über seinem Kopf. Ein Handtuch auf seinem Gesicht.
Wasser gießen. Nicht aufhören. Der Gefangene schlägt so fest um sich, dass er seinen eigenen Arm bricht.
„Sag mir die Wahrheit!”
„Professor Lawson?” fragte der braunhaarige Student in der ersten Reihe. Er starrte Reid an - sie alle starrten. Habe ich das gerade laut gesagt? Er dachte, dass dem nicht so sei, doch die Erinnerung war in seinen Kopf vorgedrungen und hatte sich vielleicht sogar bis zu seinem Mund ausgebreitet. Alle Augen waren auf ihn gerichtet, einige Studenten flüsterten zueinander, während er da verlegen stand und sein Gesicht rot wurde.
Er blickte zum vierten Mal in ebenso vielen Minuten auf seine Uhr.
„Ähm, Entschuldigung”, kicherte er nervös. „Sieht so aus, als wäre uns für heute die Zeit ausgegangen. Bitte lest über Fawkes und die Hintergründe bezüglich des Schießpulver-Komplotts nach. Am Montag besprechen wir dann den Rest der protestantischen Reformation und beginnen mit dem dreißigjährigen Krieg.”
Im Hörsaal erklang das Geräusch von Schlurfen und Rascheln, als die Studenten ihre Bücher und Taschen aufsammelten und sich auf den Weg nach draußen machten. Reid rieb sich die Stirn, er spürte, wie Kopfschmerzen sich ankündigten. Das war etwas, das in letzter Zeit immer häufiger vorkam.
Die Erinnerung des gefolterten Andersdenkenden hing wie ein schwerer Nebel über ihm. Auch das war in letzter Zeit öfter geschehen: wenige neue Erinnerungen kamen zurück, doch jene, an die er sich schon zuvor erinnert hatte, kehrten stärker, instinktiver wieder. Sie erschienen wie ein Déjà-vu, doch er wusste, dass er dort gewesen war. Es war nicht nur ein Gefühl, er hatte all diese Dinge und noch viel mehr wirklich getan.
„Professor Lawson.” Reid blickte scharf auf wurde von einer jungen, blonden Frau aus seinen Gedanken gerissen, die sich ihm annäherte und dabei eine Tasche über ihre Schulter warf. „Haben Sie heute Abend ein Rendezvous oder so?”
„Wie bitte?” Reid runzelte die Stirn, fühlte sich von der Frage überrumpelt.
Die junge Frau lächelte. „Ich bemerkte, dass sie etwa alle dreißig Sekunden auf ihre Uhr starrten. Ich dachte mir, dass sie heute Abend vielleicht eine heiße Verabredung hätten.”
Reid erzwang ein Lächeln. „Nein, nichts in der Art. Ich, äh, freue mich nur aufs Wochenende.”
Sie nickte zustimmend. „Ich auch. Genießen Sie’s, Professor.” Sie drehte sich, um den Hörsaal zu verlassen, doch hielt inne, blickte über ihre Schulter und fragte: „Hätten Sie denn mal Lust, irgendwann?”
„Wie bitte?” fragte er düster.
„Auf eine Verabredung. Mit mir.”
Reid blinzelte, war sprachlos. „Ich, äh...”
„Denken Sie drüber nach.” Sie lächelte erneut und ging hinaus.
Er stand einen langen Moment da, versuchte zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Alle Erinnerungen an Folter oder geheime Gefängnisse, die noch da schwebten, wurden von der unerwarteten Einladung zur Seite geschoben. Er kannte die Studentin ziemlich gut. Sie war mehrmals zu seiner Sprechstunde gekommen, um die Arbeiten für die Vorlesung überprüfen zu lassen. Sie hieß Karen, sie war dreiundzwanzig und eine der Intelligentesten in seiner Vorlesung. Nach der High School hatte sie sich ein paar Jahre Zeit genommen, bevor sie mit der Universität begann und war währenddessen gereist, hauptsächlich durch Europa.
Fast hätte er sich auf die Stirn geschlagen, als er plötzlich bemerkte, dass er mehr über die junge Frau wusste, als er sollte. Diese Besuche seiner Sprechstunde waren nicht gedacht, um Hilfe für ihre Aufgaben zu bekommen. Sie hatte sich in den Professor verliebt. Und sie war unbestreitbar schön, falls Reid es sich auch nur für einen Augenblick erlaubte, so zu denken - was er für gewöhnlich nicht tat, nicht seit er gelernt hatte, die körperlichen und geistigen Eigenschaften seiner Studenten zu trennen und sich auf ihre Bildung zu konzentrieren.
Doch diese Studentin, Karen, war sehr attraktiv, blond, mit grünen Augen, schlank, doch athletisch, und...
„Oh”, sprach er laut in den leeren Hörsaal.
Sie erinnerte ihn an Maria.
Vier Wochen waren vergangen, seitdem Reid und seine Mädchen aus Osteuropa zurückgekehrt waren. Zwei Tage später wurde Maria auf einen weiteren Einsatz geschickt, und trotz seiner SMS und Anrufe auf ihr persönliches Handy hatte er seitdem nichts mehr von ihr gehört. Er wunderte sich, wo sie war, ob es ihr gutging... und ob sie immer noch dasselbe für ihn verspürte. Ihre Beziehung zueinander war so komplex geworden, dass es ihm schwerfiel, zu wissen, wo er stand. Eine Freundschaft, die fast romantisch wurde, dann zeitweise durch Misstrauen versauerte und sie letztendlich zu zwei Verbündeten auf der falschen Seite einer Regierungsvertuschung machte.
Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, was Maria wohl für ihn fühlte. Er hatte geschworen, zu der Verschwörung zurückzukehren, zu versuchen, mehr über das herauszufinden, was er damals wusste. Doch seitdem er wieder unterrichtete, eine neue Position in der Agentur hatte und sich um seine Mädchen kümmerte, hatte er kaum die Zeit gehabt, darüber nachzudenken.
Reid seufzte und blickte wieder auf seine Uhr. Vor kurzem hatte er eine teure Smart-Uhr gekauft, die per Bluetooth mit seinem Handy verbunden war. Selbst wenn sein Telefon auf seinem Pult oder in einem anderen Zimmer lag, würde er weiterhin über SMS oder Anrufe benachrichtigt. Ständig darauf zu starren wurde so instinktiv wie Blinzeln. So zwanghaft wie das Jucken, wenn es irgendwo kratzt.
Er hatte Maya eine Nachricht geschickt, kurz bevor die Vorlesung begann. Normalerweise waren seine SMS scheinbar harmlose Fragen, wie etwa „Auf was hast du zum Abendessen Lust?” oder „Soll ich irgendwas auf dem Heimweg mitbringen?” Doch Maya war nicht dumm, sie wusste, dass er sich um sie sorgte, egal, auf welche Weise er es auch versuchte, zu verstecken. Besonders, weil er fast jede Stunde eine SMS schickte oder sie anrief.
Er war intelligent genug, um sich dessen bewusst zu sein, was hier geschah. Die Neurose wegen der Sicherheit seiner Mädchen, sein zwanghaftes Überprüfen und die darauffolgende Nervosität, während er auf eine Antwort wartete. Selbst die Stärke und der Einfluss der Flashbacks, die ihm widerfuhren. Egal, ob er bereit war, es zuzugeben oder nicht, alle Zeichen deuteten darauf hin, dass er unter einem Grad von posttraumatischer Belastungsstörung litt, nach den ganzen Qualen, die er durchgemacht hatte.
Dennoch, seine Herausforderung, das Trauma zu überwinden, wieder zu einem Leben zurückzukehren, das einer Art von Normalität glich, und zu versuchen, die Angst und Sorge über das Geschehene zu besiegen, war nichts im Vergleich zu dem, was seine Töchter gerade durchmachten.
Reid schloss die Tür zu ihrem Zuhause in der Vorstadt von Alexandria im Bundesstaat Virginia auf, balancierte eine Pizza-Schachtel auf seiner Hand und gab den sechsstelligen Alarmcode in die Schaltfläche neben der Tür ein. Er hatte das System gerade vor einigen Wochen verbessern lassen. Dieser neue Alarm sendete eine Notfallnachricht sowohl an den Rettungsdienst als auch an die CIA, falls der Code nach Öffnung einer der Ausgänge nicht binnen dreißig Sekunden richtig eingegeben wurde.
Es war eine von mehreren Vorsichtsmaßnahmen, die Reid seit dem Vorfall getroffen hatte. Es gab jetzt Kameras, drei insgesamt. Eine von ihnen war über der Garage angebracht und zielte in Richtung Auffahrt und Eingangstür, eine weitere war im Flutlicht über der Hintertür versteckt und eine dritte befand sich außerhalb des Panikraumes im Keller. Alle drei nahmen rund um die Uhr auf. Er hatte auch alle Schlösser im Haus ausgetauscht. Ihr ehemaliger Nachbar, der jetzt verstorbene Herr Thompson, hatte einen Schlüssel für die Eingangs- und Hintertür, doch seine Schlüssel verschwanden, als der Attentäter Rais seinen Wagen stahl.
Außerdem waren Ortungschips in seine Töchter implantiert worden. Beide waren sich dessen nicht bewusst. Man hatte ihnen eine Injektion gesetzt und ihnen gesagt, dass es sich um eine Grippeimpfung handelt. Doch in Wirklichkeit war es ein subkutanes GPS-Ortungsgerät, kleiner als ein Reiskorn, das man ihnen in den Oberarm gespritzt hatte. Wo auch immer sie auf der Welt wären, ein Satellit wüsste darüber Bescheid. Das war Agent Stricklands Einfall und Reid hatte ihm fraglos zugestimmt. Insbesondere merkwürdig war es, dass Deputy Direktor Cartwright sofort unterschrieb, obwohl es sehr kostenaufwendig war, zwei Zivile mit CIA Technik auszustatten.
Reid ging in die Küche und fand Maya im Wohnzimmer nebenan., die einen Film im Fernsehen sah. Sie faulenzte auf ihrer Seite des Sofas, immer noch im Schlafanzug, und beide ihrer Beine hingen von der Lehne.
„Hallo.” Reid stellte die Pizza-Schachtel auf die Arbeitsfläche und zog sich seine Tweedjacke aus. „Ich habe dir eine SMS geschrieben. Du hast nicht geantwortet.”
„Das Telefon lädt sich oben auf”, antwortete Maya gelassen.
„Kann sich das nicht hier unten aufladen?” fragte er spitz.
Sie zuckte nur mit den Schulter.
„Wo ist deine Schwester?”
„Oben”, gähnte sie. „Glaube ich.”
Reid seufzte. „Maya -”
„Sie ist oben, Papa. Mann...”
So sehr er sie auch für ihr launische Haltung der letzten Zeit ausschimpfen wollte, hielt Reid sich dennoch zurück. Er wusste immer noch nicht genau, was die beiden während des Vorfalls mitgemacht hatten. In seinem Inneren nannte er es jetzt „den Vorfall”. Saras Psychologin hatte vorgeschlagen, der Sache einen Namen zu geben, damit sie in Gesprächen Bezug auf das Ereignis nehmen könnten. Er hatte es allerdings noch nie laut ausgesprochen.
Überhaupt sprachen sie kaum darüber.
Aus den Krankenhausberichten, sowohl aus dem aus Polen als auch aus dem einer zweiten Untersuchung in den USA, wusste er, dass beide seiner Töchter zwar kleinere Verletzungen erlitten hatte, doch keine von ihnen vergewaltigt worden war. Er hatte jedoch mit eigenen Augen gesehen, was mit einigen der Opfer der Menschenhändler geschehen war. Er war sich nicht sicher, ob er bereit war, die Details der fürchterlichen Qual zu hören, die sie wegen ihm erlitten hatten.
Reid ging nach oben und hielt einen Augenblick vor Saras Schlafzimmertür inne. Die Tür stand ein paar Zentimeter offen. Er blickte hinein und sah, dass sie auf ihrer Bettdecke lag und die Wand anblickte. Ihr rechter Arm lag auf ihrer Hüfte, immer noch vom Ellenbogen an in dem beigen Gips. Morgen hatte sie einen Termin beim Arzt, um festzustellen, ob man ihn abnehmen könnte.
Reid drückte sanft die Tür auf, doch die Scharniere quietschten trotzdem. Sara bewegte sich jedoch nicht.
„Schläfst du?” fragte er leise.
„Nein”, murmelte sie.
„Ich, äh... ich habe eine Pizza mitgebracht.”
„Hab keinen Hunger”, gab sie matt zurück.
Seit dem Vorfall aß sie nicht viel. Reid musste sie sogar ständig daran erinnern, Wasser zu trinken, sonst nähme sie kaum etwas zu sich. Er verstand besser als die meisten, wie schwer es war, Trauma zu überleben, doch dies fühlte sich anders an. Schlimmer.
Dr. Branson, die Psychologin, zu der Sara ging, war eine geduldige und mitfühlende Frau, die sehr empfohlen wurde und von der CIA zertifiziert war. Doch laut ihrer Berichte sprach Sara während der Therapie-Sitzungen nur wenig und beantwortete Fragen mit so wenig Worten wie möglich.
Er saß auf dem Rand ihres Bettes und strich das Haar aus ihrer Stirn. Sie zuckte leicht bei seiner Berührung zurück.
„Kann ich irgendwas für dich tun?” fragte er leise.
„Ich will einfach nur allein sein”, murmelte sie.
Er seufzte und stand vom Bett auf. „Verstehe ich”, sagte er empathisch. „Ich würde mich trotzdem sehr darüber freuen, wenn du herunterkämst und wir zusammen sein könnten, wie eine Familie. Vielleicht könntest du versuchen, ein paar Happen zu essen.”
Sie antwortete nichts.
Reid seufzte erneut, als er wieder die Treppen hinunterging. Sara war offensichtlich traumatisiert. Es war jetzt noch viel schwerer, zu ihr vorzudringen als zuvor, im Februar, nachdem die Mädchen eine Begegnung mit zwei Mitgliedern der Terrororganisation Amun an der Strandpromenade in New Jersey hatten. Er dachte damals, dass es schlimm war, doch jetzt war seine jüngste Tochter komplett freudlos, schlief oder lag im Bett und starrte in die Luft. Selbst wenn sie körperlich anwesend war, fühlte es sich an, als ob sie kaum da wäre.
In Kroatien, der Slowakei und in Polen wollte er einfach nur seine Mädchen zurück haben. Jetzt, da er sie sicher heimgebracht hatte, wollte er einfach nur seine Mädchen zurück haben - doch auf andere Weise. Er wollte, dass die Dinge wieder so wären wie zuvor.
Maya war im Esszimmer und deckte den Tisch mit drei Papptellern und -bechern. Er sah ihr dabei zu, wie sie sich ein wenig Limo eingoss, ein Stück Peperoni-Pizza aus der Schachtel nahm und die Spitze abbiss.
Während sie kaute, fragte er: „Also. Hast du schon ein bisschen mehr darüber nachgedacht, wieder zur Schule zu gehen?”
Ihr Kiefer bewegte sich kreisförmig, während sie ihn gerade anblickte. „Ich glaube, ich bin einfach noch nicht so weit”, antwortete sie nach einer Weile.
Reid nickte, als ob er ihr zustimmte, doch er dachte, dass vier Wochen mehr als genug Zeit wären und es ihnen guttäte, wenn sie wieder zur Routine zurückkehrten. Keine von ihnen war nach dem Vorfall zur Schule zurückgekehrt. Sara war ganz offensichtlich noch nicht bereit, doch es schien, dass Maya wieder in Form war, um ihre Bildung erneut aufzunehmen. Sie war schlau, fast zu schlau. Selbst in der Mittelschule hatte sie jede Woche an ein paar Kursen der Georgetown Universität teilgenommen. Das sähe auf einer Universitätsbewerbung gut aus und gäbe ihr Vorsprung bei einem Studium - doch nur, wenn sie die Kurse auch beendete.
Mindestens ging sie ein paar Mal pro Woche zur Bibliothek, um zu lernen, das war schon ein Anfang. Sie hatte vor, an den letzten Prüfungen teilzunehmen und sie zu bestehen, damit sie nicht wiederholen müsste. Doch so schlau sie auch war, Reid zweifelte daran, dass das ausreichen würde.
Er wählte seine Worte vorsichtig, als er ihr sagte: „Es sind nicht mal mehr zwei Monate Unterricht, doch ich glaube, du bist schlau genug, aufzuholen, falls du zurückkehrst.”
„Du hast recht”, gab sie zurück, während sie einen weiteren Happen Pizza abbiss. „Ich bin schlau genug.”
Er blickte sie von der Seite an. „Das war nicht, was ich meinte, Maya -”
„Oh, hallo Mäuschen”, sagte sie plötzlich.
Reid blickte erstaunt auf, als Sara in das Esszimmer kam. Ihr Blick fegte über den Boden, während sie sich schüchtern auf den Stuhl zubewegte. Er wollte etwas sagen, sie ermutigen oder sie einfach nur wissen lassen, dass er sich darüber freute, dass sie zu ihnen kam, doch er hielt sich zurück. Es war das erste Mal in mindestens zwei Wochen, wenn nicht noch länger, dass sie zum Essen heruntergekommen war.
Maya legte ein Stück Pizza auf einen Teller und gab ihn ihrer Schwester. Sara biss ein winziges, fast unbemerkbar kleines Stück von der Spitze ab, sah keinen von den beiden an.
Reids Gehirn raste, suchte nach etwas, was er sagen könnte, etwas, dass dies wie ein normales Familienessen aussehen ließe und nicht die angespannte, stille, schmerzhaft unbehagliche Situation, die es wirklich war.
„Ist heute irgendwas Interessantes passiert?” gab er schließlich von sich und schimpfte sich sofort für den lahmen Versuch aus.
Sara schüttelte ein wenig den Kopf, starrte auf die Tischdecke.
„Ich habe einen Dokumentarfilm über Pinguine geschaut”, bot Maya an.
„Hast du was Wissenswertes dabei gelernt?” wollte er wissen.
„Nicht wirklich.”
Und so kehrte die Stille und Anspannung wieder zurück.
Sag was Sinnvolles, brüllte sein Gehirn ihn an. Biete ihnen Unterstützung an. Lass sie wissen, dass sie dir offen erzählen können, was geschehen ist. Ihr habt alle Traumata überlebt. Überlebt es zusammen.
„Hört mal”, sprach er. „Ich weiß, dass es in letzter Zeit nicht gerade einfach war. Doch ich möchte, dass ihr beide wisst, dass ihr mit mir darüber sprechen könnt, was geschehen ist. Ihr könnt mir Fragen stellen. Ich werde ehrlich sein.”
„Papa...” begann Maya, doch er hob die Hand.
„Bitte, das ist mir wichtig”, fuhr er fort. „Ich bin für euch da und werde es immer sein. Wir haben das zusammen überlebt, wir drei, und das beweist, dass es nichts gibt, was uns trennen kann...”
Er hielt inne, sein Herz brach erneut, als er sah, wie Tränen über Saras Wangen flossen. Während sie weinte, starrte sie weiterhin hinunter auf den Tisch, sagte nichts, ihr Blick schien weit weg und drückte aus, dass sie geistig woanders war, nicht bei ihrer Schwester und ihrem Vater.
„Schatz, es tut mir leid.” Reid stand auf, um sie zu umarmen, doch Maya war schneller. Sie legte ihre Arme um ihre jüngere Schwester, während Sara in ihre Schulter schluchzte. Reid konnte nichts weiter tun, als ungelenk dazustehen und sie zu beobachten. Keine tröstenden Worte kam ihm in den Sinn. Jeglicher Ausdruck von Zärtlichkeit, den er anböte, stellte kaum mehr als ein Pflaster auf einer Einschusswunde dar.
Maya ergriff eine Serviette vom Tisch und tupfte damit sanft die Wangen ihrer Schwester, strich ihr das blonde Haar von der Stirn. „Hey”, flüsterte sie. „Warum gehst du nicht hoch und legst dich ein Weilchen hin? Ich komme gleich nach und schaue nach dir.”
Sara nickte und schniefte. Sie stand wortlos vom Tisch auf und schlurfte aus dem Esszimmer auf die Treppen zu.
„Ich wollte sie nicht aufregen...”
Maya drehte sich zu ihm, mit den Händen auf den Hüften. „Warum hast du dann wieder darüber reden müssen?”
„Weil sie kaum zwei Worte mit mir darüber gesprochen hat!” verteidigte sich Reid. „Ich will, dass sie weiß, dass sie mit mir reden kann.”
„Sie will nicht mit dir darüber reden”, platze es aus Maya. „Sie will mit niemandem darüber reden!”
„Dr. Branson sagt, dass es therapeutisch ist, über vergangenes Trauma zu sprechen...”
Maya schnaubte laut. „Und du glaubst, dass Dr. Branson jemals so etwas mitgemacht hat, was Sara widerfahren ist?”
Reid atmete tief durch, zwang sich, die Ruhe zu bewahren und nicht zu streiten. „Wahrscheinlich nicht. Aber sie behandelt CIA Agenten, militärisches Personal, alle möglichen Arten von Trauma und posttraumatischer Belastungsstörungen -”
„Sara ist aber kein CIA Agent”, gab Maya schroff zurück. „Sie ist kein Elitesoldat oder Mitglied der Navy. Sie ist ein vierzehnjähriges Mädchen.” Sie strich sich durchs Haar und seufzte. „Du willst es wissen? Du willst darüber sprechen, was passiert ist? Na gut: Wir sahen Herrn Thompsons Leiche, bevor man uns entführte. Sie lag genau hier, im Eingang. Dann beobachteten wir diesen Verrückten dabei, wie er die Gurgel der Frau an der Autobahnraststätte durchschnitt. Ihr Blut war auf meinen Schuhen. Wir waren dabei, als die Menschenhändler ein weiteres Mädchen erschossen und sie im Kies liegen ließen. Sie versuchte, mir dabei zu helfen, Sara zu befreien. Ich wurde unter Drogen gesetzt. Wir wurden beide beinahe vergewaltigt. Und Sara... irgendwie schaffte sie es, sich gegen zwei erwachsene Männer zu wehren, von denen einer eine Waffe hatte, und dann ist sie bei voller Fahrt aus dem Zugfenster gesprungen.” Als sie zu Ende erzählt hatte, bebte ihre Brust, doch keine Tränen entrannen ihr.
Sie war nicht traurig darüber, die Ereignisse des letzten Monats wieder zu erleben. Sie war wütend.
Reid sank langsam auf einen Stuhl. Er wusste über das meiste, was sie ihm gesagt hatte, Bescheid, weil er ihnen auf der Spur war, doch er hatte keine Ahnung, dass ein weiteres Mädchen vor ihren Augen erschossen worden war. Maya hatte recht, Sara war nicht darauf vorbereitet, solche Dinge zu verarbeiten. Sie war nicht mal erwachsen. Sie war eine Jugendliche, die Dinge erlebt hatte, die jeden, egal ob er darauf trainiert war oder nicht, traumatisiert hätten.
„Als du auftauchtest”, fuhr Maya fort, ihre Stimme jetzt leiser, „als du uns endlich fandest, da warst du für uns wie ein Superheld oder so. Zu Beginn. Doch dann... als wir etwas Zeit hatten, um darüber nachzudenken... da ist uns bewusst geworden, dass wir nicht wissen, was du sonst noch vor uns versteckst. Wir sind uns nicht sicher, wer du wirklich bist. Weißt du, wie viel Angst uns das macht?”
„Maya”, antwortete er sanft, „ihr müsst niemals Angst vor mir haben -”
„Du hast Leute umgebracht.” Sie zuckte mit einer Schulter. „Einen ganzen Haufen. Stimmt’s?”
„Ich...” Reid musste sich daran erinnern, sie nicht anzulügen. Er hatte versprochen, dass er es nicht mehr täte, soweit das möglich wäre. Stattdessen nickte er nur.
„Du bist nicht die Person, die wir dachten, die du seist. Es wird ein Weilchen dauern, bis wir uns daran gewöhnen. Das musst du akzeptieren.”
„Du sagst ständig ,wir’”, murmelte Reid. „Spricht sie mit dir?”
