Eine Lady mit Leidenschaften - Lola Keeley - E-Book + Hörbuch

Eine Lady mit Leidenschaften E-Book und Hörbuch

Lola Keeley

4,0

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Beschreibung

Feindschaft auf Augenhöhe… bis die Funken in den schottischen Lowlands fliegen. Die Großstadt hatte der Tierärztin Tess kein Glück gebracht. Von ihrer Freundin betrogen zieht sie frustriert zurück aufs Land in die Nähe des kleinen schottischen Dorfes, in dem sie aufgewachsen war, um sich an der Tierarztpraxis ihrer besten Freunde zu beteiligen. Auch Lady Susannah Karlson ist unglücklich. Zwar gehört der jungen Witwe das halbe Dorf, aber ihre Schwägerin tut alles, um Susannahs ehrgeizige Pläne, das große Anwesen zu modernisieren und einen Lebenshof für Pferde einzurichten, zu zerstören. Als Tess und Lady Karlson sich zum ersten Mal begegnen, prallen zwei Welten aufeinander. Aber dann ist es ausgerechnet Tess, die der arroganten Großgrundbesitzerin nicht nur erste Hilfe bei ihrem Lieblingspferd leistet, sondern immer mehr zum Gegenstand von Susannahs Gedanken wird. Langsam entwickelt sich zwischen den beiden Frauen mehr als nur eine Leidenschaft für Vierbeiner …

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Seitenzahl: 343

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zeit:8 Std. 19 min

Veröffentlichungsjahr: 2021

Sprecher:Mona Fischer

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Inhaltsverzeichnis

Von Lola Keeley außerdem lieferbar

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Lola Keeley

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Von Lola Keeley außerdem lieferbar

Skalpell, Tupfer, Liebe

Widmung

Für Kaite, die es so leicht macht, sich jeden Tag wieder neu in eine vornehme Frau zu verlieben.

Kapitel 1

»Zieh aufs Land«, hieß es überall. »Freundliche Leute, wunderschöne Tiere und saftige grüne Felder so weit das Auge reicht.« So hatten es nicht nur die Broschüren und die Internetseiten versprochen, alle, denen Tess Robinson von ihren großen Plänen berichtet hatte, waren sich ebenfalls einig gewesen. Die vergangenen zwei Monate war sie als lebende Werbeanzeige für ihre brilliante Lebensentscheidung herumgelaufen, die Großstadt hinter sich zu lassen und einen Neuanfang in der idyllischen schottischen Provinz zu starten. Es versprach, eine dieser herzerwärmenden, inspirierenden Geschichten zu werden, wie sie mit Julia Roberts in der Hauptrolle verfilmt werden. Zumindest wäre das vor 15 Jahren noch so gewesen.

Nur war nie vorgesehen gewesen, dass das »Land« aus einem Feldweg mit mehr Löchern als einem Schweizer Käse bestand. Der Weg führte durch ein Feld, das weder saftig noch grün, dafür aber ausgesprochen braun und hier und da mit leeren Bierdosen oder weggeworfenen Plastiktüten verziert war. In der Luft hing der Gestank von Mist und der einzige Bewohner in der Nähe, der ländlichen Charme versprühte, war ein betagtes Schaf, das immer wieder gegen den Zaun rannte.

»Sie haben Ihr Ziel erreicht«, verkündete das Navi. Tess sah auf ihr Handy und fluchte leise, denn natürlich befand sie sich in einem Funkloch. Willkommen daheim. Während sie im Handschuhfach nach der hoffentlich noch darin liegenden Straßenkarte kramte, kamen ihr ernste Zweifel, ob London zu verlassen nicht doch ein riesiger Fehler gewesen war. Dass sie beim Nachdenken ständig ihre Haare wegpusten musste, die ihr ins Gesicht fielen, besänftigte ihren aufsteigenden Ärger auch nicht gerade.

Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, fing es nun auch noch in Strömen an zu regnen, wodurch die Welt auf ein graues, schlieriges Einerlei zusammenschrumpfte, welches kaum ein paar Meter über ihre Windschutzscheibe hinausreichte.

Die Karte nützte leider nicht viel. Am besten wäre es wohl, irgendwie zu wenden und zurück auf die nächste größere Straße zu fahren. Da der Feldweg jedoch äußerst schmal und zu beiden Seiten von Steinmauern eingefasst war, die kaum genug Platz für ihr Auto boten, war dies leichter gesagt als getan. Aber umzukehren, wenn das auch mehrmaliges Rangieren bedeuten würde, erschien Tess allemal besser, als weiter dem sumpfigen Weg zu folgen und womöglich letzten Endes im Matsch stecken zu bleiben. Nichts wie weg hier.

Sie vermisste ihren wendigen kleinen Mini, den sie in London besessen hatte – obwohl sie in der Stadt nie wirklich viel damit gefahren war. Doch sie hatte ihr treues kleines Gefährt verkauft und stattdessen in einen sperrigen Geländewagen investiert, der angeblich jede Situation meistern sollte. Nur gab es offensichtlich keinen Knopf oder Bluetooth-Befehl, der eine schlechte Navigation korrigierte.

»Waffles, mein Freund, kaum zu glauben, aber ich habe mich anscheinend verfahren. Und das, obwohl wir nur ungefähr fünfzig Kilometer weit weg sind von dort, wo ich aufgewachsen bin.« Sie drehte sich zu ihrem hübschen Golden Retriever um, der sie aus seiner engen Transportbox mit einem noch mürrischeren Gesichtsdruck als sonst anguckte.

»Keine Sorge, sobald ich die richtige Straße gefunden habe, vertreten wir uns mal kurz die Beine.«

Klopf, klopf!

Tess zuckte bei dem Geräusch dermaßen zusammen, dass sich der Sicherheitsgurt seitlich in ihren Hals grub. Das Hämmern gegen das Fahrerfenster hörte sich so laut an, als müsste gleich das Glas zerbrechen. Nur verschwommen konnte Tess durch die regennassen Scheiben eine Gestalt mit einer dunklen Kapuze erkennen. Ihr Herz raste, aber sie atmete tief durch und zwang sich, ruhig zu bleiben. Ein Blick in den Rückspiegel bestätigte, dass ein großer Land Rover hinter ihr aufgetaucht war. Offensichtlich war sie so auf Waffles konzentriert gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie sich eine Person ihrem Wagen genähert hatte.

Als sie die Scheibe hinunterließ, sah sie sich wider Erwarten nicht einem wettergegerbten alten Bauern gegenüber, sondern einer blonden Frau, die etwa in ihrem Alter war. Die Frau hatte ihre teure Barbour-Jacke wie eine Plane über sich gelegt, um ihre schwungvolle, perfekt zurechtgefönte Lockenpracht vor dem Regen zu schützen –Locken, die richtig schön lagen. Sogar an diesem gottverlassenen Ort wirkte sie wie gerade einer Shampoo-Werbung entstiegen.

»Entschuldigung –«, setzte Tess an.

»Eine Entschuldigung nützt mir wenig!« Aha, eine vornehme Engländerin also. Sah so aus und hörte sich auch so an. Die Art von Mensch, von der Tess und ihre Freunde vom Grundstück gejagt worden waren. »Würden Sie Ihr unpraktisches Spielzeugauto wegfahren? In hundert Metern wird der Weg breiter, da können Sie wenden.«

»Ja, natürlich.« Tess startete schon den Motor, als ihr der Gedanke kam, was genau dieser Frau wohl das Recht gab, ihr irgendwelche Befehle zu erteilen. »Wissen Sie, ich habe mich nur eben orientiert. Ich wäre sowieso keine Minute länger hier stehen geblieben. Steigen Sie also einfach wieder in ihren Wagen und –«

»Sie befinden sich auf meinem Besitz und das möchte ich nicht!«, blaffte die Blondine. Manche Dinge änderten sich eben nie, was Snobs mit Grundbesitz in diesem Teil der Welt betraf. »Ich bin heute Nachmittag bereits aufgehalten worden und habe noch mehr Termine. Dringende Termine. Also machen Sie jetzt den Weg frei oder ich schiebe Sie durch eine dieser Mauern, damit ich durchkomme!«

Charmant. Wirklich charmant. Das bewies nur einmal mehr, dass schicke Kleidung und ein perfektes Make-up noch lange keine Dame machen. Auch nicht, wenn man diese theoretisch als attraktiv bezeichnen könnte. Abgesehen von ihrem Verhalten natürlich.

Nein, das durfte jetzt nicht wahr sein! Tess mochte gar nicht darüber nachdenken, wie dringend sie mal wieder ein Date brauchte, wenn sie schon eine aggressive Begegnung im Straßenverkehr als potenzielle Chance betrachtete.

»Nun?«, fragte die ungeduldige Fahrerin.

Waffles, gesegnet sei sein Beschützerinstinkt, bellte bei diesem Tonfall.

Die Frau guckte in Tess’ Kofferraum. »Haben Sie da drin etwa einen Hund? Armer Köter.«

»Ja, habe ich zufällig«, entgegnete Tess. »Und er ist ein pensionierter Blindenhund, kein Köter. Nicht, dass es eine Rolle spielen würde, selbst wenn er einer wäre.«

Das brachte die Blondine zumindest dazu, vom offenen Fenster zurückzutreten und mit großen Schritten, als drehe sich die Welt nur um sie, zu ihrem Wagen zurückzugehen.

Richtig. Tess sollte jetzt besser losfahren und Platz machen. Während sie im zweiten Gang die Straße entlangrollte, spähte sie durch den Regen. Tatsächlich wurde der Weg weiter vorne breiter und die Steinmauern verschwanden. Nachdem sie links an den Rand gefahren war, wartete sie, dass Lady Großkotz vorbeirauschte. Ihr Auto war nicht so ein ramponiertes Modell, wie es die Bauern fuhren. Trotzdem war es eine Frechheit gewesen, Tess’ Wagen zu kritisieren.

Dass sie nun zum Dank weder hupte noch winkte, sondern lediglich den starken Motor aufheulen und Kies aufspritzen ließ, überraschte Tess wenig.

Während sie wendete, schüttelte sie den Kopf. Ihr Auto war großartig und alles andere als ein Spielzeug. Denn zum einen war es wirklich riesig, und zum anderen mit mehr technischen Schikanen ausgestattet, als sie jemals würde bedienen können.

Als sie sich wieder der Hauptstraße näherte, erkannte sie auch, wo sie falsch abgebogen war. Ein Anfängerfehler, der sich hätte vermeiden lassen, wenn sie zum Fahrenlernen in der Gegend geblieben wäre, anstatt bei der erstbesten Gelegenheit an die Uni zu flüchten. Und hier war sie jetzt, zwanzig Jahre später, und stellte alle Uhren in ihrem Leben zurück, um Geschäftspartnerin ihrer besten Freundin Margo zu werden.

Margo war jene beste Freundin, die Tess in der ersten Woche an der Uni kennengelernt hatte, was jetzt mindestens hundert Jahre her schien. Ein merkwürdiger Wink des Schicksals, dass es die aus dem tiefsten Essex stammende Margo schließlich gerade in die Gegend an der schottischen Grenze verschlagen sollte, aus der Tess stammte. Der kleine Landstrich lag etwas über eine Stunde südlich von Edinburgh, aber weit genug von der englischen Grenze entfernt für Tess, um auf ihre schottische Herkunft zu pochen.

Dieses Mal nahm Tess den richtigen Weg und erreichte bald die »Stadt«, nun ja, »Dorf« war eigentlich der passendere Ausdruck dafür. Zwar hatten sich die Namen der Geschäfte geändert und die am Straßenrand parkenden Autos waren größer, auffälliger und neuer als früher, doch Tess erkannte alles wieder. Als Kind war sie oft hier gewesen, dem nächstgelegenen Flecken Zivilisation in der Nähe des heruntergekommenen Bauernhofes, auf dem sie aufgewachsen war.

Schließlich parkte Tess vor der Tierarztpraxis, einem großen Landhaus, das in Tess’ Kindheit im Besitz des Arztes gewesen war. Wenigstens hörte es jetzt genauso schnell zu regnen auf, wie es begonnen hatte. Kaum hatte sie die Autotür geöffnet, als auch schon Margo mit dunkelgrünem Arztkittel und blauen Latexhandschuhen auf sie zugelaufen kam.

»Da bist du ja endlich! Wir hatten schon vor einer Stunde mit dir gerechnet!« Sie umarmte Tess so stürmisch, dass es selbst beim Rugby als Foul gegolten hätte, aber Tess genoss es nur mit einem geduldigen Lächeln.

»Du hast dich doch nicht etwa in deiner eigenen Heimatstadt verfahren, oder?«

»Das ist nicht meine Heimatstadt, okay? Und ich habe mich nicht verfahren!«, entgegnete Tess, aber da lachten beide bereits. »Auf der Autobahn gab es einen Unfall und dann bin ich nur einmal falsch abgebogen – was übrigens in zwei Minuten behoben gewesen wäre, wenn nicht so eine Wichtigtuerin mit Riesenschlitten mich beinahe von der Straße gedrängt hätte, damit sie vorbeikommt.«

»Ich glaube, was Riesenschlitten angeht, solltest du lieber still sein, Tess«, sagte Adam, der gerade nach draußen kam. Im Gegensatz zu Margo hatte er wenigstens den Anstand besessen, seinen Kittel auszuziehen.

»Ach, als ob du nicht in einem Porsche herumbrausen würdest, wenn er den Straßen hier gewachsen wäre!« Tess machte sich von Margo los und umarmte Adam wesentlich vorsichtiger, diesmal ohne zu riskieren, sich alle Knochen zu brechen. »Ihr zwei seht total gut aus. Und glücklich.«

Adam und Margo strahlten sich an. Margo war nicht viel größer als Tess, die kaum mehr als einen Meter fünfzig maß. Ansonsten sahen die zwei Frauen sehr unterschiedlich aus – während Tess blass und rothaarig war, trug Margo einen dunkelbraunen Bob und hatte einen mediterranen Teint, der immer leicht nach Sonnenbräune aussah, selbst wenn sie keine abbekommen hatte. Adam dagegen war groß und schlank, wie an der frischen Landluft aufgewachsene Leute das öfter sind, und seine dunklen Haare wurden von einzelnen grauen Strähnen durchzogen. Tess’ Freunde gaben wirklich ein schönes Paar ab.

Erst ein den nächsten Termin ankündigender Piepston aus ihrem Handy erinnerte Adam und Margo daran, dass sie eigentlich gerade etwas anderes zu tun hatten.

»Hör mal«, sagte Adam. »Ich würde ja gerne bleiben und dich angemessen willkommen heißen, aber …«

»Geht ruhig«, erwiderte Tess. »In ein paar Minuten komme ich nach und helfe euch. Ich möchte mir nur nach der extrem langen Fahrt erst mal die Beine vertreten. Und Waffles Blase muss langsam auch am Platzen sein.«

»Ach natürlich, du hast ja Waffles dabei!«, rief Margo aus.

Als Tess Kofferraum und Transportkiste öffnete, kam Waffles wie üblich freudig herausgesprungen. Obwohl er bereits ausgewachsen war, hatte er manchmal immer noch etwas von einem Welpen an sich.

»Na ja, in den Sprinter mit meinen Möbeln konnte ich ihn ja schlecht stecken. Übrigens dauert es noch, bis die ankommen. Sie sind eingelagert, bis ich den Mietvertrag für mein Haus kriege.«

»Schön, dich zu sehen, Waffles.« Margo kniete bereits am Boden, um dem Hund die rauen Streicheleinheiten zu verabreichen, die er so sehr liebte.

»Macht euch nur wieder an die Arbeit, ich komme schon klar.« Tess pfiff nach Waffles, damit er zu ihr kam. Das tat er, wenn auch mit offensichtlichem Widerwillen. Sie nahm ihn an die Leine und zog an der abgenutzten Lederschnur.

»Batman und Robin machen sich jetzt mal auf die Suche nach Koffein und einem Napf Wasser.«

»Lauf nicht zu weit weg, okay?« Adam rückte seine Krawatte zurecht. Für jemanden, der den Großteil der Woche mit dem Arm in einem Kuhhintern zubrachte, sah er sehr elegant aus. »Heute Nachmittag kommt nämlich eine potenzielle neue Kundin vorbei, die unseren flotten Dreier so richtig auf Touren bringen könnte …«

»Unsere Partnerschaft«, verbesserte Tess ihn seufzend. »Mensch, Adam, ich dachte wirklich, der Dreier-Witz hätte langsam ausgedient. Ist der Kaffee dort gegenüber gut?« Sie nickte in Richtung des Cafés, das sich auf der anderen Straßenseite befand. Es lag neben einem Kreisverkehr mit einem kleinen, hübschen Gärtchen in der Mitte, der einen weißen Pavillon umgab.

»Bis jetzt ging es immer.« Adam zuckte die Achseln. »Übrigens nehme ich gerne einen Americano, falls du mir was mitbringen willst. So, jetzt muss ich aber los, ein Mops wartet auf mich.«

Tess winkte zum Abschied und nach einem symbolischen Blick nach links und rechts marschierte sie mit Waffles im Schlepptau über die Straße. Offensichtlich hatte der Verkehr durch das Dorf im Gegensatz zu früher nicht zugenommen.

Wenigstens im Café war man in diesem Jahrhundert angekommen, denn am Fenster klebten ein WLAN-Sticker und ein Aushang, der darauf hinwies, dass kontaktloses Bezahlen akzeptiert wurde. Mehr als Tess zu hoffen gewagt hatte. Sie ging hinein und betrat einen Raum, der hell, luftig und mit einer gerade ausreichenden Anzahl an bequemen Stühlen versehen war.

Drinnen vermischte sich der Duft von frisch gemahlenem Kaffee mit dem von süßem Gebäck. Wie eine Zeichentrickfigur, die wellenförmigen Duftlinien folgt, wurde Tess davon angezogen.

»Aha, Sie sind also die neue Tierärztin«, stellte die stattliche schwarze Frau hinter dem Tresen fest, als Tess herantrat. Sie mochte Anfang fünfzig sein. »Wir haben schon auf Sie gewartet.«

»Ach ja?« Tess bemerkte, wie sich ihr schottischer Akzent jetzt automatisch verstärkte, da sie endlich auf jemanden traf, der genauso sprach wie sie selbst. »Und hat Ihnen die Buschtrommel auch verraten, dass ich gleich einen Americano und zwei Latte bestelle?«

Das brachte ihr ein Lächeln ein.

»Ich bin übrigens Joan«, sagte die Frau, während sie den Kaffee eingoss. »Margo hat mir erzählt, dass Sie aus der Gegend stammen, aber Sie kommen mir gar nicht bekannt vor.«

»Ich war lange weg. Und wir sind früher nicht wirklich oft in Hayleith gewesen.«

»Haben Sie hier Familie?«

Tess schüttelte den Kopf. »Nein. Meine Mum ist vor ein paar Jahren gestorben und zu dem Zeitpunkt waren schon alle anderen weggezogen. Genau wie ich auch. Ich bin erst nach Glasgow gegangen und dann noch London.«

Joan suchte Deckel für die Kaffeebecher heraus und ließ sich Zeit damit, sie aufzusetzen. In London wäre Tess ungeduldig geworden, aber die lange Fahrt und die ruhige Umgebung hatten sie schon etwas entspannter werden lassen.

»Das ist schade. Werden Sie im Haus des Tierarztes wohnen? Margo und Adam haben doch sicher genug Platz.«

»Ja, für ein paar Tage. Dann ziehe ich in mein eigenes.« Tess lächelte schwach. »Ähm, ich würde ja wirklich gerne bleiben und mich weiter unterhalten«, flunkerte sie, »aber, na ja, es ist mein erster Tag, darum muss ich guten Willen zeigen.« Sobald die Becher im Halter steckten, riss sie sie an sich.

Sie sammelte Waffles am Eingang ein, wo er die Gunst der Stunde genutzt hatte, um den Wassernapf zu leeren, und verließ das Café.

Dann schlenderte sie in aller Ruhe zur Praxis zurück. Unterwegs beschnüffelte Waffles jeden Zentimeter des Bodens und Tess nippte an ihrem Kaffee, während sie die anderen Becher in einer Hand balancierte.

Nur ein einziges Auto fuhr an ihnen vorbei und es war angenehmerweise auch niemand auf der Straße, den sie hätte grüßen müssen. Tess bemerkte das Schild des örtlichen Pubs, dem Spiky Thistle, das sich neben dem Haus des Tierarztes befand.

Als sie die Praxis betrat, blickte dort gerade ein knurrender Welpe zu seinem sehr großen Herrchen auf, das eine Tüte voller Medikamente in der Hand hielt und grimmig und wild entschlossen lächelte. Dieser Tierbesitzer würde sicherlich sehr bald wiederkommen. Hunde, die Medikamente verweigerten, waren immer verlässliche Mehrfachpatienten, und als Tess noch in London praktiziert hatte, war gefühlt die Hälfte ihrer Arbeitszeit dafür draufgegangen.

Da an der Theke niemand war, ging Tess mit einem fröhlichen »Es gibt Kaffee!« durch die Tür, auf der »Personal« stand. Schlagartig blieb sie stehen und starrte mit entsetztem Gesicht die Personen im Raum an. Das Gespräch brach ab und eine der Anwesenden erwiderte ihren Gesichtsausdruck.

Die Blondine von vorhin!

»Wie ich gerade sagte«, nahm Margo die Unterhaltung wieder auf, »ist die Geschäftserweiterung dank dieses netten Zuwachses in unserer Praxis möglich. Tess Robinson ist eine meiner ältesten Freundinnen. Wir haben damals in Glasgow zusammen studiert. Tess, das ist Susannah Karlson. Sie besitzt das große Grundstück nördlich von hier und –«

Waffles nutzte es aus, dass Tess die Leine nur sehr locker hielt, um sie sofort zu verraten und an Susannah zu schnüffeln. Vollkommen bösartig konnte die Frau nicht sein, denn sie streichelte den Hund kurz, bevor sie Margo ins Wort fiel.

»O nein, auf gar keinen Fall! Ich dachte sowieso nicht, dass Sie für Midsummer über genug Kapazitäten verfügen, aber eine erwachsene Frau einzustellen, die noch nicht einmal Auto fahren kann? Wie soll sie mir helfen, wenn um vier Uhr morgens bei Schneefall eines meiner Pferde eine Kolik hat?«

»Ähm, tatsächlich kann ich ganz gut fahren«, wehrte sich Tess, knallte die Kaffeebecher auf den Tisch und stemmte die Hände in die Hüften. »Obwohl ich sowieso bezweifle, dass eine Stallbesitzerin, die nicht mal mit einer Kolik alleine klarkommt, überhaupt beurteilen kann, wie kompetent eine Tierärztin ist!«

Ups, da war aber jemand gereizt! Tess hatte Leute, die sie von oben herab behandelten, noch nie leiden können. Und genauso wenig konnte sie gut damit umgehen, wenn jemand ihr unterstellte, »weniger gut als« zu sein. Diese Frau, diese Susannah, war ein rotes Tuch und Tess der gereizte Stier.

»Ich bin sicher, was Tess eigentlich sagen wollte, Lady Karlson –«, setzte Adam an, aber er wirkte ziemlich schockiert.

»Ich wusste, das hier würde reine Zeitverschwendung sein. Erst komme ich wegen ihr zu spät zu meinem vorherigen Termin und jetzt beleidigt sie auch noch meinen Sachverstand. Ich weiß sehr gut, wie ich meine Pferde bei einer Kolik behandeln muss, aber danke für den Hinweis! Ich glaube, ich gehe lieber zu einer der großen Tierarztpraxen. Ein Besitz, der so groß ist wie meiner, braucht ganz klar leistungsstarke Profis. Und hier ist sicher nicht der Ort, an dem ich sie finden kann.«

Damit rauschte sie in einer Wolke teuren Parfums und mit sanft hüpfenden Locken ab.

Tess starrte ihr mit offenem Mund nach. Im Ernst, wie bekamen manche Frauen es hin, dass ihre Haare so lagen? Tess hatte alles außer einer Dauerwelle ausprobiert und trotzdem waren ihre Haare glatt und etwas kraftlos.

»Okay«, sagte sie und drehte sich zu ihren Freunden um. »Ich kann mir nicht erklären, warum sich das gerade so hochgeschaukelt hat. Aber ich verspreche euch, ich werde für neue Kunden sorgen. Wir haben es doch nicht nötig, für jemanden zu arbeiten, der uns wie Dreck behandelt, oder?«

Adam und Margo sahen sich in einer Art von stummem Paargespräch an, das mit einem Kopfschütteln und einer hochgezogenen Augenbraue endete.

»Schon in Ordnung«, versicherte Margo dann. »Es war sowieso ziemlich unwahrscheinlich, dass sie unsere Kundin wird. Ihr habt ja gehört, was sie gesagt hat. Vielleicht ist unsere Praxis einfach nicht groß genug für ihr neues Gestüt, oder was auch immer sie plant.«

»Gestüt?« Tess stöhnte innerlich auf. Die Gelegenheit, mit Pferden zu arbeiten, war nicht nur der größte Anreiz für sie gewesen, wieder aufs Land zu ziehen, aus diesem Grund war sie überhaupt erst Tierärztin geworden. »Es tut mir so leid, Leute!«

»Na ja, wir hatten sie auch nicht auf dem Schirm, als wir unsere Pläne gemacht haben, also ändert das nichts«, sagte Adam. »Ich muss jetzt ein paar kastrierte Kater sanft aufwecken, aber wie wär’s, wenn wir uns heute Abend was zu Essen bestellen? Und unser Haus ist gleich nebenan, Tess, falls du dich frisch machen willst.«

Tess lächelte und nahm den Schlüssel, den Margo fürsorglich an einem University-of-Glasgow-Schlüsselring befestigt hatte. In ihre eigene Bleibe, die ein paar Häuser weiter hinter dem Pub lag, würde sie erst in ein paar Tagen einziehen können.

»Komm, ich zeige dir und Waffles das Gästezimmer«, sagte Margo. »Danach muss ich nach ein paar Schweinen sehen. Wenn du möchtest, kannst du mitkommen. Oder du packst erst mal aus.«

Arm in Arm gingen sie zum Haus und das erste Mal seit einer Stunde entspannte sich Tess. Alles würde gut werden, entschied sie. Es würde sich als richtiger Schritt erweisen.

Andernfalls …

Kapitel 2

Susannah stellte ihren Land Rover einfach mitten in der Einfahrt ab. Bis zum vergangenen Jahr hatte sie immer äußerst sorgfältig geparkt, teils aus Rücksicht auf ihren Mann, der die Einfahrt mitbenutzte, und teils wegen seines schonungslosen gutmütigen Spotts über ihre Fahrkünste. Sie ging durch die große Eingangstür, die sich knarrend öffnete, und ärgerte sich über deren Gewicht. Aber es war einfach schneller, als um das Haus herumzulaufen und den Hintereingang zu benutzen. Wirklich ganz schön lästig.

Die Räume fühlten sich verdammt leer an. Wie ein Museum mit nur einem lebendigen Ausstellungsstück.

Als Susannah auf einer der Marmorbüsten in einer Ecke des Zimmers, irgendeinem zum Militär gehörenden Vorfahren ihres Mannes, Staub entdeckte, fiel ihr wieder ein, dass sie noch eine neue Haushaltshilfe einstellen musste. Die meisten Mitarbeiter hatten nämlich so schnell es der Anstand erlaubte nach der Beerdigung gekündigt. Jetzt, Monate später, war Midsummer ein herrschaftliches Anwesen beinahe völlig ohne Personal. Ein oder zwei Kündigungen wären ja noch verständlich gewesen. Aber so viele Leute zu verlieren deutete entweder auf Gleichgültigkeit oder auf eine tiefe Loyalität zu ihrem Mann hin, die sich nicht auf Susannah als Vorgesetzte übertragen ließ.

»Da bist du ja!« Finn kam durch die Eingangshalle auf sie zugeeilt wie ein Kaufhausdetektiv, der Susannah gerade beim Lippenstiftklauen erwischt hatte. »Es gab total viele Anrufe für dich.«

»Ich bin sicher, das hat dir keine Probleme bereitet. Außerdem hatte ich geschäftlich im Dorf zu tun.«

»Natürlich war es kein Problem. Aber nur der beste Assistent der Welt zu sein reicht nicht. Man muss sich auch darüber beschweren können, wie schwierig es ist, brillant zu sein.« Finn sah wie immer sehr elegant aus mit dem dunkelgrauen T-Shirt und der schmalen schwarzen Krawatte, die perfekt zur Röhrenhose und den Schuhen mit den flachen Absätzen passten. Finn grinste.

Susannah hatte es schon lange aufgegeben, mit Finns Stil mitzuhalten, und akzeptierte es, dass ihre eigenen Outfits manchmal milder Kritik ausgesetzt wurden.

»Gab es etwas, dass nicht zugunsten eines späten Mittagessens erst mal ignoriert werden kann?«, fragte Susannah.

»Nein.«

»Richtige Antwort. Ganz ehrlich, ich habe gerade einen Teil meines Tages damit verschwendet, auf der Zufahrtsstraße hinter so einer unfähigen Person zu stehen. Dank ihr habe ich die Gelegenheit verpasst, Kenny an seinem letzten Tag auf Wiedersehen zu sagen. Als wäre sein Verlust, nachdem er zehn Jahre mein Stallmeister war, nicht schon schlimm genug. Jetzt wird er denken, dass mir das piepegal ist. Und dann stellt sich noch heraus, dass diese Idiotin, die kaum weiß, wie man in den dritten Gang schaltet, unbedingt unsere Tierärztin werden will. Kommt gar nicht in Frage.«

»Ach, die Neue? Tilly, Tammy, oder wie sie heißt? Margo hat letzte Woche im Café mit meiner Quelle über sie gesprochen.«

Finn kannte absolut jeden im Dorf, umgab sich aber gern mit einem Hauch von Drama, daher wurde aus Joan Barnes, der Cafébesitzerin, eine »Quelle«, die die Geschichte erzählt hatte.

»Sie heißt Tess.« Susannah runzelte die Stirn. Sie hatte meistens schon Schwierigkeiten, sich die Namen ihrer Verwandten zu merken. Warum hatte Tess-die-schreckliche-Fahrerin bei ihr so einen starken Eindruck hinterlassen? Vielleicht wegen des Hundes. Susannah hatte schon immer eine Schwäche für große, dusslige Golden Retriever gehabt.

»Komm, leiste mir Gesellschaft, während ich den Kühlschrank plündere. Wir müssen wirklich intensiv nach einem neuen Koch suchen. Zurzeit lebe ich ausschließlich von dem, was ich an der Feinkosttheke ergattern kann und den Sachen, die Joan mir liefert.«

Da Susannahs Kochkünste nicht über ein angebranntes Omelett hinausreichten, fehlten ihr die Dienste eines Kochs gerade am meisten. Obwohl Francine sich geweigert hatte, nach Midsummer zu ziehen oder Vollzeit zu arbeiten, und darauf bestanden hatte, mit »Chef de Cuisine« angesprochen zu werden, so war sie doch eine verdammt gute Köchin gewesen.

Glücklicherweise gab es noch einen Teller mit verschiedenen Wurstsorten und einen Ziegenkäsesalat von Joans letzter Lieferung. Es reichte auch für Finn, also nahm Susannah eine Flasche Weißwein aus dem Weinkühlschrank und schenkte ihnen beiden ein Glas ein.

»Ich vermute«, meinte Susannah, während sie mit der Gabel eine Scheibe Serrano-Schinken aufspießte, »dass mindestens die Hälfte der heutigen Anrufe von meiner lieben Schwägerin kam?«

Finn nickte und verdrehte die Augen hinter der schwarzen, dickrandigen Brille.

»Ihr weinerlicher Assistent wollte dich an den Brief von Robins Anwalt erinnern. Ich hatte ihm aber schon gesagt, dass du ihn gekriegt hast. Außerdem hatte Robin anscheinend vor, nach Midsummer zu kommen, obwohl ich gesagt habe, dass du diese Woche keinen freien Termin hast. Und dann hat sie noch ›aus Versehen‹ selbst angerufen, aber ich glaube, nur um mich zu ärgern. Ich bin mir sogar sicher, dass es so war, weil sie die Gelegenheit genutzt hat, mich mindestens dreimal mit dem falschen Geschlecht anzusprechen. Es ist schon nervig genug, dass sie nicht ›sier‹ sagt, wenn sie sich auf mich bezieht. Aber die Art, wie sie mich immer ›Mädel‹ nennt, als ob ihr das irgendwas geben würde …«

»O Gott, das tut mir leid.« Voller Empörung und vielleicht auch, um nicht vor Ärger etwas durch die Gegend zu werfen, legte Susannah ihr Besteck weg. »So viel Ignoranz solltest du als Enby eigentlich nicht hinnehmen müssen. Auch wenn Robin mich auf dem Kieker hat.«

»Ach, zum Teufel mit ihr. Wenn sie mich auch nur im Geringsten interessieren würde, würden mich ihre unverschämten Bemerkungen über jeden von uns vielleicht stören. Aber zum Glück ist mir Robin völlig egal. Es gibt schon genug Dinge, die mich nerven, und ich weigere mich, sie auf meine Liste aufzunehmen.«

»Ich wünschte, ich könnte das auch von mir behaupten«, gab Susannah seufzend zu und nahm sich eine Scheibe Salami. »Eigentlich müsste ihr inzwischen gedämmert haben, dass ihr Bruder tot ist. Sie sollte um ihn trauern, anstatt hinter seinem Geld herzujagen.«

»Dem Geld, das er dir hinterlassen hat«, bemerkte Finn, da sie beide wussten, dass im Grunde nur deswegen das Testament angefochten wurde. »Und anstatt zu versuchen, sich dein Haus und dein Grundstück unter den Nagel zu reißen.«

»Ja. Genau das. Ich weiß ja, dass wir keine konventionelle Ehe geführt haben, aber trotzdem mochten wir einander. Und, was das Wichtigste war: Wir haben mit Herzblut dafür gesorgt, dass aus diesem Ort kein zugiges altes Mausoleum wurde. Wenn Robin wüsste, wie viel Arbeit das gekostet hat und wie viel von Jimmys Geld wir ausgegeben haben, wäre sie nicht so verdammt scharf auf Midsummer.«

»Aber sie würde sich die größte Mühe geben, den Rest des Geldes zu verprassen.«

»Ja, das würde sie. Und währenddessen habe ich hier ein riesiges Anwesen zu verwalten und für die meisten Mitarbeiter, die nach Jimmys Tod gekündigt haben, noch keinen Ersatz gefunden. So wenig mir das gefällt, lass uns jemanden von der großen Tierarztpraxis herbestellen. Sie müssen doch wenigstens einen Spezialisten haben, der sich mit Pferden auskennt.«

»Willst du nicht vielleicht doch den Tierärzten im Dorf eine Chance geben?«

»Habe ich nicht gerade gesagt, dass sie nichts von meinem Geschäft verstehen? Die ersten beiden haben versucht, mir Honig ums Maul zu schmieren, was ich nicht leiden kann, wie du weißt. Und dann war da noch die Neue, die Google Maps braucht, um den Unterschied zwischen ihrem Ellenbogen und ihrem … du weißt schon … zu erkennen.«

Finn hob das Weinglas und feixte. »Ach, was sind wir wieder pietätvoll. Du bist immer so eine perfekte Lady, Suze.

»Die Lady von Midsummer, vergiss das nicht.«

»Deine schreckliche Schwägerin vergisst das sicher nicht.«

Beide nahmen aus Verbundenheit einen großen Schluck Wein. Susannah versuchte, nicht an die vielen ungelesenen E-Mails und den Stapel Papierkram im Büro zu denken, der auf ihre Unterschrift wartete. Jetzt gerade gab es nur pikant gewürzte Wurst und knackiges Gemüse zusammen mit Finns beruhigender Gesellschaft. Vorerst brauchte sie nicht über Familienkonflikte oder vorlaute, kleine Tierärztinnnen mit Pferdeschwänzen nachzudenken, die kein Benehmen hatten.

»Und die Tierärztin war also richtig unsympathisch, ja?«

Das Gefühl, dass Finn gerade ihre Gedanken gelesen hatte, ließ Susannah leicht zusammenzucken. »So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich meine, sie spricht, als käme sie aus der Gegend. Also verstehe ich nicht, wie sie es geschafft hat, den falschen Abzweig zu nehmen. Außerdem hat sie einen Panzer von Auto, den sie noch nicht mal richtig fahren kann. Und dann finde ich sie, wie sie die Straße blockiert, als ob niemand sonst jemals an ihr vorbeikommen müsste. Klar, man biegt mal falsch ab. Aber sie schien ganz zufrieden damit zu sein, einfach so orientierungslos herumzustehen, als ob die Welt das Problem für sie lösen würde. Aber nachzudenken, anstatt zu handeln, hat noch nie irgendwas gebracht. Und, wie gesagt, bin ich deswegen zu spät gekommen und konnte mich nicht mehr von Kenny verabschieden.«

Sie wurden vom Klang der Glocke an der Eingangstür unterbrochen. Es fehlte nur noch ein Dutzend Chorknaben, dann wäre das Konzert mit Kirchenliedern vollständig, wie sie sonntagnachmittags im Fernsehen gesendet wurden.

»Ich dachte, wir wollten die Klingel austauschen«, beklagte sich Susannah. Noch auf einem Blatt Rucola herumkauend stand Finn auf und zupfte sien Shirt zurecht.

»Es steht auf der Liste – ungefähr an der dreihundertsten Stelle.«

»Ach, geh lieber die Tür aufmachen.«

»Okay.«

Susannah ahnte bereits, wer der Besuch war, und einen Augenblick später bestätigten laute Stimmen ihre Vermutung. Sie wischte sich die Finger an der Serviette ab und nahm einen letzten Schluck Wein. Es würde sowieso kein Ende nehmen, wenn sie sich nicht selbst blicken ließ.

»Hallo Robin!« Susannah betrat die Eingangshalle und ihr Tonfall machte deutlich, dass sie keinesfalls überrascht war. »Ich muss deinen Namen in meinem Terminkalender doch glatt übersehen haben! Und Jonathan, Sie sind natürlich auch mitgekommen, wie der sprichwörtliche Mörder, den es immer wieder zum Tatort zurücktreibt.« Sie warf Robins Assistenten einen vernichtenden Blick zu.

»Bei dir einen Termin zu bekommen ist ja auch nahezu unmöglich«, entgegnete ihre Ex-Schwägerin oberlehrerhaft und schnippisch wie immer. Mit ihren zwei Schichten Tweed und den praktischen Schuhen war sie der Inbegriff einer Dame vom Land. Die grauen Haarsträhnen, die Susannah noch bei ihrem letzten Aufeinandertreffen vor ein paar Wochen aufgefallen waren, wurden nun von einer grellen rotbraunen Tönung überdeckt. Außer etwas korallenfarbenem Lippenstift, der nicht zum Rest ihrer Erscheinung passte, trug Robin kein Make-up.

Alles, was fehlte, war ein Ehemann – aber Robin, die Mitte fünfzig war, hatte nie geheiratet. Sie hatte irgendwie die Vorstellung entwickelt, dass, obwohl weder sie noch Susannah Jimmys Titel erben konnten, das Haus und das Grundstück nach dessen Tod in ihren Besitz übergehen würden. Und das trotz der großzügigen Erbschaft, die sie von ihrem Vater erhalten hatte, und dem Vermögen, zu dem sie durch glückliche Investitionen gekommen war.

Bevor Jimmy Susannah kennenlernte, hatte er zwar erklärt, dass er sein Geld für wohltätige Zwecke spenden wolle. Aber diese Tatsache hatte in dieser Familienfehde nie wirklich eine Rolle gespielt.

»Ich habe den ganzen Tag versucht, Finn zu erreichen«, schaltete Jonathan sich ein. »Sogar auf der privaten Büronummer, die Lord Karlson mir gab, als ich noch hier gearbeitet habe. Wenn wir keinen Termin kriegen, was bleibt uns da anderes übrig, als vorbeizukommen?«

In letzter Zeit schleppte Robin Jonathan überall mit hin wie eine sprechende Handtasche und Susannah hatte immer den Eindruck, er verhalte sich wie ein hinterhältiger kleiner Bruder, der einen bei der erstbesten Gelegenheit verpetzt. Die Tatsache, dass er sich kleidete wie das unbeliebte Kind aus einem Comic, machte es auch nicht besser, und das I-Tüpfelchen waren seine krausen dunklen Löckchen. Obwohl er schon Ende dreißig war, wirkte er immer wie jemand, der seiner verlorenen Jugend hinterherjagt.

»Nun, wie es Jimmy Ihnen gegenüber wahrscheinlich oft genug erwähnt hat, ist die Verwaltung dieses Anwesens eine arbeitsreiche Aufgabe. Da hat man nicht viel Zeit zum Plaudern.« Susannah bemühte sich sehr, höflich zu bleiben, aber Robins Ansprüche machten sie wahnsinnig. Natürlich bedeutete ein Adelstitel, dass man von Geburt an bestimmte Vorteile genoss, aber ihre Ex-Schwägerin gierte so sehr nach dem, was alle anderen besaßen. Und Jonathan war sogar noch schlimmer, wenn er in Robins Namen handelte. Immer, wenn er einen Blick auf eine Vase oder ein Gemälde warf, verspürte Susannah den überwältigenden Drang, sich hinterher zu vergewissern, dass die Gegenstände auch an Ort und Stelle geblieben waren.

»Also, wenn du dem Job nicht gewachsen bist, es gibt echte Familienmitglieder, die dafür besser qualifiziert sind. Aus diesem Grund habe ich doch diese Auseinandersetzung überhaupt erst begonnen. Und überhaupt solltest du von meinem verstorbenen Bruder vor den Angestellten besser nur als Lord Karlson sprechen. Du weißt doch, was man sagt: Vertrautheit erzeugt Verachtung. Ehrlich, Susannah, wenn du endlich akzeptieren könntest, dass du völlig überfordert bist, dann müsste die ganze Angelegenheit nicht so unangenehm sein. Du warst doch immer recht hilfsbereit. Wenn ich das Gut erst einmal übernommen habe, werde ich bestimmt ein Projekt für dich finden, mit dem du dich beschäftigen kannst.«

»Oh, wirklich, das würdest du tun?« Susannah ging über den schwarz-weißen Marmorboden auf Robin zu, wobei sie sich wünschte, dass er weniger wie ein verstaubtes altes Schachbrett wirken würde. Sie konnte das ändern, wenn sie wollte. Vielleicht sollte sie Robin einladen zuzusehen, wie jemand ihn mit dem Vorschlaghammer zertrümmerte. »Und ich vermute, du würdest mich trotzdem rauswerfen? Aus meinem eigenen Haus?«

»Jetzt hör mir mal zu –«

»Nein, das werde ich nicht. Finn, begleite bitte Robin und Jonathan zu ihrem Auto. Wir haben heute Nachmittag viel zu tun.«

Finn gab sich alle Mühe, Robin zum Schweigen zu bringen, aber diese war auf einer ihrer Missionen und wollte unbedingt das letzte Wort haben. Es war schon komisch, dass Susannah, wie sehr sie sich auch anstrengte, nichts von Jimmys Liebenswürdigkeit oder seiner stillen Würde im Gesicht seiner Schwester entdecken konnte. Mit ihren geschürzten Lippen und den gerunzelten Augenbrauen strahlte ihre Ex-Schwägerin nur Zorn und Bitterkeit aus. Jimmy hatte sich auch immer über ihre Blasiertheit geärgert, darüber wie viel Wert sie auf Titel legte, als ob die einige Leute wertvoller machten als andere.

Seine größte Schwäche waren jedoch prinzipienlose Männer wie Jonathan gewesen, die auf Geld und Status aus waren, die er ihnen im Gegenzug für unkomplizierte, diskrete Affären anbot. Susannah hatte jahrelang wie vereinbart die Augen davor verschlossen, dass am Rande ihres persönlichen Umfeldes die Männer kamen und gingen, genauso wie Frauen still und leise in ihr Leben traten und wieder verschwanden.

»Du hörst von mir und meinen Anwälten. Es wird dir noch leidtun, dass du dich mit mir angelegt hast«, warnte Robin Susannah, bevor Finn sie mit Jonathan im Schlepptau aus der Tür und zur Einfahrt brachte.

Susannah blieb allein an der riesigen Eingangstür zurück und betrachtete das Königreich, um das sie nie wirklich gebeten hatte.

»Verdammte Scheiße, Jimmy. Hättest du es deiner Schwester nicht schonend beibringen können, bevor du gestorben bist? Wie lange werde ich dafür noch bezahlen müssen?«

Das Haus antwortete natürlich mit erdrückendem Schweigen. Mit jedem Tag, der verging, gewöhnte sich Susannah mehr an die widerhallende Leere. Alles, was sie erreicht hatte, war das Ergebnis harter Arbeit gewesen. Sie stammte selbst aus einem Adelsgeschlecht, einem älteren und tatsächlich auch viel angeseheneren als dem der Karlsons. Leider hatte ihr Vater seinen Hang zu Glücksspielen, Alkohol und Wutanfällen nicht im Griff gehabt, deshalb war ihr Besitz nach und nach fast vollständig verkauft und Susannah mehrmals vom Internat geflogen und wieder dort aufgenommen worden, je nachdem, ob das Schulgeld pünktlich bezahlt wurde oder nicht.

Dann war etwas passiert, wie man es in deprimierenden Groschenromanen liest: Susannah hatte Probleme in einer der zugigen alten Schulen bekommen, weil sie Wodka hineingeschmuggelt und Mädchen geküsst hatte, eine Schande, die selbst ihre sonst so schamlosen Eltern nicht ertragen konnten. Damals hatte sie auf die harte Tour lernen müssen, dass ihr Wert ausschließlich darin bestand, sich einen Ehemann zu angeln, der ihnen allen ein verlässlicheres Maß an Luxus bescherte.

Nie hätte sie erwartet, dass sie einen so netten Mann finden würde, der selbst Geheimnisse hatte. Jimmy hatte eigentlich nur nach einer Geschäftspartnerin gesucht, einer Ehefrau, die die anderen Ladies bei den Jagden und den endlosen, langweiligen Abendessen unterhielt. Trotz Geld und Macht war Jimmy nicht in der Lage, zu seinen wahren Vorlieben zu stehen.

»Ich brauche noch einen Drink«, sagte Susannah mehr zu sich selbst. Aber anstatt in die Küche zu ihrem Wein zurückzukehren, stieg sie in die erste Etage hinauf und ging schnurstracks auf die schwere Eichentür hinten rechts zu. Das Einzige, was sie in ihrem ersten Jahr als Witwe zuwege gebracht hatte, war die Umgestaltung ihres einstigen gemeinsamen Arbeitszimmers in ihr eigenes Büro gewesen. Das alte Dekor, die Holzpaneele und die gleichen Schreibtischlampen wie die in der Bibliothek von Oxford hatten sie zu sehr an ihren lieben verstorbenen Partner erinnert. Obwohl sie nie das Bett geteilt hatten, hatten sie unzählige Stunden in diesem Raum verbracht und gemeinsam Pläne geschmiedet, um das Bestmögliche aus dem Anwesen zu machen.

Einen Moment lang blieb Susannah vor dem Kamin stehen. Die langweiligen Ölgemälde darüber hatte sie durch farbenfrohe moderne Malerei ersetzt, die einen leuchtenden Kontrast zu den frisch geweißten Wänden setzten. Während der Tage und Nächte, die sie und Jimmy hier gearbeitet hatten, war ihre einzige große Enttäuschung gewesen, dass Jimmy nicht bereit war, das Anwesen zu modernisieren. Jetzt hatte sie zwar die Freiheit, genau das zu tun, aber dennoch tauchten gerade von allen Seiten Hindernisse auf.

Das Büro hatte auch den Vorzug, dass dort eine Kristallkaraffe mit einem ausgezeichneten Single-Malt stand, ganz zu schweigen von dem dick gepolsterten Sofa vor den riesigen Fenstern, auf dem der nächste Stapel Papierkram nach ihrer Aufmerksamkeit verlangte.

»Auf dich, alter Herr«, sagte Susannah, nachdem sie einen großzügigen Schluck Whisky in ein dickwandiges Glas gegossen hatte. Ohne Eis, ohne Soda. Nur der unverfälschte torfige Geschmack eines zwanzig Jahren alten Whiskys, den sie so sehr mochte. »Ich glaube, wenn ich deine Schwester schon verärgern muss, dann auch richtig. Es ist Zeit, dass ich aufhöre, mich dahinter zu verstecken, dass ich Midsummer am Laufen erhalten will. Stattdessen sollte ich aufs Ganze gehen.«

Jedes Mal, wenn sie aus dem Fenster auf die wunderschönen, friedlichen Gärten sah, die aus getrimmten Rasen und zu geometrischen Formen zurechtgestutzten Hecken bestanden, war das Balsam für ihre Seele.

Gott sei Dank waren ihre Eltern nie nach Midsummer gekommen, um die Idylle in betrunkenem Zustand mit ihren herablassenden Kommentaren und ihren Ausfällen und spitzen homophoben Bemerkungen zu trüben. Sie waren nur wenige Wochen, bevor Jimmy ihr einen Heiratsantrag beziehungsweise den Vorschlag, eine Geschäftsbeziehung einzugehen, gemacht hatte, bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen, und die Aussicht auf einen Neuanfang hatte Susannah damals während ihrer sehr schweren Trauerzeit geholfen. Ja, dies war der Ort, um Zuflucht zu finden. Und auch der Ort, um ihre alten, beiseitegeschobenen Pläne wiederaufzunehmen.

Das oberste Blatt auf dem Stapel war eine Erinnerung an ihren vergangenen Termin beim Tierarzt. Susannah nippte an ihrem Drink und schnaubte beim Anblick des traurigen kleinen Klebezettels. Sie war kurz davor, ihn zusammenzuknüllen und in den Papierkorb zu werfen, als sie innehielt.

Waren die Dorftierärzte wirklich so schlimm? Vielleicht waren sie auf die falsche Art enthusiastisch, aber Susannah wusste bereits, wie der Stall als geplante Zufluchtsstätte für ehemalige Renn- und Arbeitspferde funktionieren würde. Sie verfügte zwar über die nötigen finanziellen Mittel, doch die tatsächliche Belastung wäre die ärztliche Versorgung der armen Tiere, die ein Leben voller Anstrengung und Stress hinter sich hatten. Auf dem Gut hatte es immer Pferde gegeben, aber sie waren nur für Ausritte mit der Familie oder gelegentliche Jagden in der Gegend genutzt worden, damals in den finsteren Zeiten, als Letztere noch legal gewesen waren.

Wäre es so verkehrt, den mutigen Tierärzten aus Hayleith eine Chance zu geben? Selbst wenn diese Tess jetzt neu im Dorf war, stammte sie sicherlich aus der Gegend. Susannah war weit genug weg aufgewachsen, um den Unterschied im Akzent zu erkennen. Was war Tess’ Geschichte? Sie schien nicht mehr allzu jung, sondern ungefähr im gleichen Alter wie Susannah zu sein, die zweiundvierzig war. Also musste sie bis dahin irgendein Leben gelebt haben.

Das war nur eine weitere Sache, die ihr Kopfzerbrechen bereitete, an einem Tag, der voll von solchen Ereignissen gewesen war. Das Knirschen von Reifen auf Kies sagte Susannah, dass Robin und Jonathan mit all ihren Klagen und Drohungen endlich wegfuhren.

Susannah hätte sich gewünscht, mehr Leute zum Reden zu haben – eine dieser Großfamilien mit einer Tante oder Cousine, die am Ende der Straße wohnte. Doch selbst wenn sie so viele Verwandte gehabt hätte, sie lebte dafür im falschen Teil des Landes. Sie nahm ihr Handy heraus und scrollte durch die Kontaktliste: Freunde, die sie in Leeds, Manchester und bei einem kurzen Abstecher nach London kennengelernt hatte. Dann die »Freundespaare«, meistens Geschäftspartner von Jimmy, mit denen sie ausgegangen war und sich auf der Small-Talk-Ebene gut verstanden hatte. Aber es war niemand dabei, der eine nachmittägliche Beschwerde über die Schwierigkeiten, ein Landgut zu führen, zu schätzen wüsste.

Schon bald steckte sie mitten in dem Stapel aus Rechnungen und Werbebriefen, die ihr Dienstleistungen anboten, welche sie weder brauchte noch genau verstand. Nur ein weiteres Zeichen dafür, dass sie ihre eigene Art, die Dinge zu handhaben, vorantreiben sollte. Wenn ihre Gedanken gelegentlich zu der temperamentvollen Tierärztin in dem hellgrünen Sweatshirt, das keine einzige ihrer Kurven versteckt hatte, abschweiften, nun, dann war das nur, weil etwas Neues das verschlafene Landleben unterbrach.