Eine Prinzessin datet man nicht - Lola Keeley - E-Book + Hörbuch

Eine Prinzessin datet man nicht E-Book und Hörbuch

Lola Keeley

5,0

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Beschreibung

Wenn Pflicht und Herz kollidieren: Eine royale Romanze über Mut, Liebe und Vertrauen. Prinzessin Alice ist als erstes geoutetes Mitglied des britischen Königshauses ein Medienliebling und daran gewöhnt, ständig im Rampenlicht zu stehen. Allerdings leistet sie sich einen ärgerlichen Fehltritt, als sie sich vor Publikum mit Sara Marteau streitet, die überhaupt nichts von der Monarchie hält. Als Alice' Neffe mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hat, muss Alice sich ausgerechnet an die Frau wenden, mit der sie bereits aneinandergeraten ist, denn Sara ist auf genau diese Förderung spezialisiert. Damit die Presse nichts von der Lernschwäche des Kindes erfährt, einigen sich Alice und Sara darauf, eine Beziehung vorzutäuschen. Doch bald schleichen sich echte Gefühle ein und die beiden Frauen müssen sich fragen, ob ihre Liebe unter dem Druck der Erwartungen Bestand haben kann …

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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Zeit:13 Std. 53 min

Veröffentlichungsjahr: 2023

Sprecher:Lisa Rauen

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Inhaltsverzeichnis

Von Lola Keeley außerdem lieferbar

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Danksagung

Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen

Über Lola Keeley

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Von Lola Keeley außerdem lieferbar

Eine Lady mit Leidenschaften

Skalpell, Tupfer, Liebe

The Music and the Mirror – Tanz ins Glück

Widmung

Für Laura,

die mich zum Lachen und zum Nachdenken bringt!

Kapitel 1

Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Alice war eigentlich auf sämtliche Reaktionen vorbereitet, wenn sie in der Öffentlichkeit eine Rede hielt. Dass ein kleines Mädchen in Tränen ausbrach, hatte sie allerdings nicht erwartet.

Alle Anwesenden schienen die Luft anzuhalten, sowohl die Eltern als auch die Kinder, als eine winzige Person zu schluchzen begann. Jeder ihrer bebenden Laute hallte von den größtenteils kahlen Wänden der Schulsporthalle wider. Aus einem Bauchgefühl heraus trat Alice vom Redepult zurück, das mit Kinderzeichnungen geschmückt war, und lief quer über die niedrige Bühne, um das Mädchen zu trösten. Sie hockte sich vor ihr hin und legte ihr sanft und beruhigend eine Hand auf die Schulter. Die Hand, von ihrem letzten Segelausflug immer noch gleichmäßig gebräunt, war blass im Vergleich zum dunkelbraunen Haar und der dunklen Haut der Kleinen.

Alice strich sich die Fransen ihres kurzen blonden Ponys aus der Stirn, bevor sie sagte: »Hallo, du.« Sie sprach leise und freundlich, so als wären sie die einzigen Personen im gesamten Raum.

»H-hallo.«

»Ist alles in Ordnung? Habe ich etwas gesagt, was dir Angst gemacht hat?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

»Ich bin Alice. Wie heißt du?«

Nachdem sie sich die Tränen von den Wangen gewischt hatte, taxierte das Mädchen Alice lange durch ihre feuchten Wimpern. »Libby. Ich heiße Libby.«

»Entschuldigung …«, ertönte eine scharfe Stimme hinter Alice, doch sie brachte die Person mit einer Handbewegung zum Schweigen.

Das hier war ein Moment, der größtes Fingerspitzengefühl erforderte. Solche Situationen hatte sie schon häufiger mit ihrer kleinen Nichte und ihrem Neffen erlebt. Es wäre alles andere als hilfreich, wenn andere Erwachsene sich einmischten.

»Also, Libby, es tut mir leid, dass dir etwas so zugesetzt hat. Möchtest du darüber reden?«

»Na ja …« Libby schaute nach oben zu der Person, die hinter Alice stand, und wog anscheinend ihre Möglichkeiten ab. »Tatsächlich stehe ich ziemlich unter Stress.«

Stress? Stress? Das Mädchen konnte nicht älter als sieben sein. Sie war kaum so groß wie Alice, die sich gerade in der Hocke befand. Wobei Alice zugegebenermaßen in jeder Hinsicht eine groß gewachsene Frau war.

»Was stresst dich so, Libby?« Alice achtete darauf, dass ihre Miene freundlich, aber ernst blieb. Zuzulassen, dass sich ein Lächeln auf ihre Lippen stahl, wäre unverzeihlich. Mit sieben Jahren war alles furchtbar ernst. Von Alice’ Ruf, unnahbar zu sein, ganz zu schweigen. Selbst, wenn sie nur ein paar Kinder anlächelte, fragten die Leute sich, was sie im Schilde führte.

»Ich soll jetzt gleich Geige spielen. Nach Ihrer Rede. Aber Sie reden und reden einfach weiter und ich hab mir Sorgen gemacht, dass ich zu spät drankomme. Oder dass ich gar nicht mehr spielen darf. Ich habe dafür wirklich doll geübt. Jeden Tag!«

Alice’ gesamte Zurückhaltung und ihr stoisches britisches Gemüt waren nötig, damit sie nicht in Gelächter ausbrach. Kinder konnten so dramatisch sein, aber es gab auch keinen Zweifel daran, dass dieses süße kleine Mädchen jedes Wort ernst meinte. Wie erfrischend es sein musste, seine Gefühle einfach so offen ausdrücken zu können. Alice beneidete die Kleine ein bisschen.

»Eure Königliche Hoheit, es tut uns so leid.« Die makellos gekleidete und frisierte Schulleiterin, die Alice bei ihrer Ankunft begrüßt hatte, wuselte hektisch aus der ersten Reihe heran. Sie erinnerte Alice an jede Lehrkraft, mit der sie je an ihrem Internat zu tun gehabt hatte – blind allen Regeln hörig und mit einer ordentlichen Portion Selbstgefälligkeit. Durch das Auftreten der Frau zerplatzte der friedliche Moment zwischen Alice und der Kleinen und die Realität der Situation sickerte wieder herein wie kaltes Pfützenwasser in einen undichten Schuh.

»Nein, entschuldigen Sie sich nicht für sie«, erklang die Stimme hinter Alice erneut und diesmal trat die Frau in Alice’ Sichtfeld. Sie war durchschnittlich groß, ein bisschen kurvig und geradezu unfassbar hinreißend. Die Familienähnlichkeit zwischen ihr und dem Kind war deutlich, auch wenn die Frau sehr viel hellere Haut und hellbraune Augen hatte. Auch sie war schick angezogen, nicht gerade Haute Couture, aber alles an ihrem elegant geschnittenen Rock und der Bluse ließ auf einen guten Sinn für Mode schließen. Das Outfit wurde geschmackvoll durch dezenten Schmuck und einen Seidenschal ergänzt, der kunstvoll auf Höhe ihrer Kehle zusammengeknotet war.

Alice richtete sich wieder auf und wappnete sich für die Unterhaltung mit der fürsorglichen Mutter. »Das ist wirklich nicht der Rede wert«, sagte Alice und streckte eine Hand aus, um die der Frau auf ihre eingeübte, forsche Weise zu schütteln.

Die Frau ignorierte die ausgestreckte Hand.

»Libby hatte schon recht, ich bin ein bisschen ins Schwafeln geraten. Musikprogramme wie dieses sind aber auch so inspirierend. So ein Segen für alle beteiligten Kinder.«

»Ms. Marteau, könnten Sie Ihre Tochter daran erinnern, dass wir in dieser Schule nicht ungefragt das Wort ergreifen – ganz egal, wie man die Dinge dort regelt, wo Sie lehren.« Die Schulleiterin bebte vor Zorn und war offensichtlich bemüht, die Situation wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Alice ärgerte die Störung gar nicht wirklich. Was gerade passiert war, durchbrach die Eintönigkeit der endlosen Reihe an Veranstaltungen, die sich in zwei Dingen immer ähnelten – sie waren alle extrem förmlich und voll mit vor Nervosität verkrampften Menschen. Obwohl Alice sich sehr bemühte, den Menschen, die sie traf, ihre Befangenheit zu nehmen, hörten die nur ›Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Alice, vierte in der Thronfolge im Königshaus von Großbritannien und Nordirland, Herzogin von Dumbartonshire und Wessex, Tochter von Königin Caroline‹. Alice war sich ziemlich sicher, dass die meisten von ihnen immer noch nicht in der Lage waren, über ihren Vater, den kürzlich verstorbenen Mann der Königin und ehemaligen Rugby-Kapitän Cameron Hardcourt, zu reden. Das war eines der wenigen Dinge, die sie wirklich regelmäßig aufregten.

Im Großen und Ganzen spielte nichts davon eine Rolle. Ja, ihr Status gab ihr die Möglichkeit, Geld für wohltätige Zwecke zu sammeln und die Aufmerksamkeit der Medien auf wichtige Angelegenheiten zu lenken. Aber Alice ertappte sich immer häufiger dabei, wie sie sich nach der Anonymität sehnte, die so viele – durchschnittlichere – Menschen zu schätzen schienen. Eine Kostprobe davon bekam sie gerade von dieser Ms. Marteau, die Alice’ Titel, ihre Position oder ihre Versuche, ein aufgebrachtes Kind zu beruhigen, offenbar völlig kaltließen.

»Ich bin keine Lehrerin. Ich bin Beraterin für Sonderpädagogik. Und Libby wurde dazu erzogen, etwas zu sagen, wenn sie ein Problem hat«, entgegnete Ms. Marteau der Schulleiterin. »Und Sie haben mir versichert, dass die Kinder nicht für den heutigen Auftritt zusätzlich unter Druck gesetzt werden. Libby sagt, sie ist gestresst. Das sollte nicht der Fall sein.«

»Nachdem ich meine Rede nun beendet habe, können die Kinder ja vielleicht die Stücke spielen, die sie einstudiert haben? Bestimmt haben sie sehr viel geübt.« Überraschenderweise ertappte sich Alice dabei, wie sie versuchte, Ms. Marteaus Anerkennung zu gewinnen. Warum ihr das wichtig war, wusste sie selbst nicht. Bei jeder anderen Gelegenheit wäre sie inzwischen längst auf halbem Wege zur Tür. »Wäre das okay, Libby? Wenn die Erwachsenen sich hinsetzen und du jetzt Geige spielen kannst?«

Libby nickte und ein kleines Lächeln huschte über ihre Lippen. Das war ein Kind, das es gewohnt war, seinen Willen zu bekommen. Es war schwer, sie dafür nicht zu mögen.

»Nur, wenn du dir sicher bist, Libs. Du musst nichts tun, nur weil jemand mit einem hochtrabenden Titel hier ist.« Das enge Verhältnis zwischen Mutter und Tochter zeigte sich in der Art, wie Ms. Marteau sich nicht hinunterbeugen musste, um Blickkontakt herzustellen, und wie sie eine Hand als Zeichen der Bestärkung auf Libbys Rücken gelegt hatte.

»Nun, es ist durchaus wichtig zu lernen, dass man seine Verpflichtungen wahrnehmen muss.« Bevor ihr bewusst wurde, was sie tat, wiederholte Alice laut eine der Lektionen, die ihre Eltern und Großeltern ihr eingeimpft hatten. »Und es gibt so etwas wie Pflichtgefühl. Wenn wir einem Publikum oder unseren Freundinnen und Freunden ein Versprechen gegeben haben, sollten wir es auch einhalten. Wenn es denn möglich ist.«

»Das sagt sich leicht, wenn man nicht arbeiten muss, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen«, erwiderte Ms. Marteau ohne zu zögern und stemmte die Hände in die Hüften.

Neben ihr fühlte sich Alice ein bisschen schäbig und das passierte normalerweise nur, wenn sie Schauspielerinnen oder Models begegnete. Da war sie außerdem immer die komische ausländische Prinzessin, denn die meisten dieser Promis wirkten viel eher so, wie man sich eine Disney-Prinzessin vorstellte, als sie es tat. Aber die eine Sache, die sie ein Leben lang gelernt hatte, war, extrem diplomatisch zu sein, sogar im Angesicht von äußerst unhöflichen Kommentaren.

Ms. Marteau runzelte die Stirn. »Das soll natürlich keine Beleidigung sein. Es ist bestimmt sehr wichtig, dass jemand all diese Bänder auf Eröffnungsfeiern durchschneidet. Ich bezweifle bloß, dass diese Erfahrung bedeutungsvoll für das Leben meiner Tochter ist. Nehmen Sie es nicht persönlich, ich glaube nicht wirklich an die Monarchie.«

In diesem Moment schmiss Alice die erlernte vornehme Diplomatie über Bord. »Tut mir leid, aber wir sind nicht die Zahnfee. Ich fürchte, wir existieren, ob Sie nun an uns glauben oder nicht.«

»Nun, ich habe noch Hoffnung, dass dieses Land eines Tages, wie Frankreich es schon vor langer Zeit getan hat, zur Vernunft kommt und zur Republik wird.«

Alice bemerkte einen schwachen Akzent bei der Art, wie ihr Gegenüber Frankreich aussprach, wobei sie das r korrekt rollte. »Oh, tja, solange Sie mich nicht beleidigen wollten.« Passiv-aggressiv konnte Alice auch. Sie sah sich um und entdeckte mindestens eine Handykamera, die in ihre Richtung gehalten wurde. Mist. Es wäre wohl besser, wenn sie die Situation schnell wieder unter Kontrolle bekam. »Sollen wir uns setzen? Wir scheinen hier einen kleinen Aufruhr zu veranstalten.«

Ms. Marteau wirkte, als wäre sie drauf und dran, auch darüber zu diskutieren, doch Libby zupfte an ihrem Handgelenk und zog damit die volle Aufmerksamkeit ihrer Mutter auf sich.

»Ich möchte gern spielen, Mummy. Es wird richtig gut, versprochen.«

»Davon bin ich überzeugt, chérie.«

»Wunderbar, dann richten wir doch jetzt unser Augenmerk auf die Kinder. So, wie es sein sollte.« Alice drehte sich zu den Erwachsenen um, breitete die Arme aus und wies sie damit an, an ihre Plätze zurückzukehren. Ein Vorteil ihres Titels war, dass die Leute ihrer Präsenz Gewicht beimaßen. Dass sie ein paar Jahre damit verbracht hatte, Piloten bei der Royal Air Force Befehle zuzublaffen, hatte in dieser Hinsicht auch nicht geschadet. Die meisten kritischen Situationen im Leben konnten mit klarem Kopf und entschlossenem Auftreten gelöst werden; alles andere waren nur Details.

Nachdem die Erwachsenen wieder in der ersten Reihe Platz genommen hatten, stellten sich die Kinder mit ihren Instrumenten auf. Das Ganze war ziemlich niedlich anzusehen. Alice hatte bereits jeden nur erdenklichen Ablauf dieser Art von Veranstaltungen durchlebt. Sei es bei der Eröffnung von Schulen, Stadtzentren, Krankenhäusern und Tausenden anderen Gebäuden. Mit Mitte zwanzig hatte sie aufgehört zu zählen. Sie war sich allerdings sicher, dass irgendjemand die genaue Anzahl kannte. Das Personal im Palast war auf solche obskuren Belanglosigkeiten spezialisiert.

»Also … entschuldigen Sie, ich wollte vorhin nicht so unhöflich sein. Ich bin übrigens Sara, Sara Marteau.« Aus Mangel an freien Plätzen war Sara nichts anderes übrig geblieben, als sich neben Alice zu setzen.

Überrascht wandte sich Alice ihr zu. »Ich bin Alice, auch wenn das zu Beginn der Veranstaltung wohl verkündet wurde.«

»Wurde es, aber es ist trotzdem eine nette Geste, den Prinzessin-Teil wegzulassen.« Sara lächelte sie zum ersten Mal an. »So etwas drückt wunderbar Ich bin eine von euch aus. Wie auch immer, meine Tochter ist ein feinfühliges Kind. Ich versuche, mich nicht bei jeder Gelegenheit vor sie zu werfen, aber meine Lebensaufgabe ist es nun mal, sie zu beschützen.«

Eine Lehrkraft war mittlerweile auf die Bühne getreten, um die Kinder zur Ordnung zu rufen und zu beruhigen. Allerdings wirkte das eher so, als würde sie versuchen, eine Gruppe von Katzen zusammenzutreiben, und weniger, als würde sie ein Orchester dirigieren.

»Sie scheint ein kluges Kind zu sein. Und schon so musikalisch? Sie müssen sehr stolz auf sie sein.«

»Das bin ich. Sie ist das Beste, was mir je passiert ist. Haben Sie Kinder?«

Alice schüttelte den Kopf. Wie ungewohnt es war, mit jemandem zu reden, der nicht schon alle Einzelheiten ihres Privatlebens zu kennen schien. Dann setzte die Musik ein und, ja, Alice musste zugeben, dass es nicht das schlechteste Konzert war, in dem sie je gesessen hatte. Zumindest spielte niemand Blockflöte. Oder hieß Ed.

Das kurze Programm war schwungvoll und fröhlich und Alice’ Blick blieb immer wieder an Libby hängen. Verschwunden war das gestresste kleine Mädchen von vorhin und drei Lieder lang ging sie komplett in der Musik auf, hatte die Augen geschlossen und wiegte sich hin und her, während sie für ihr Alter beachtlich gut spielte.

Als die Musik zu einem Ende kam, applaudierte die kleine Menge Erwachsener begeistert, ging aber nicht so weit, auch aufzustehen. Ein typisch britisches Publikum eben. Sara bildete die Ausnahme, denn sie sprang auf die Füße und klatschte lautstark in die Hände, während ihr Tränen in den Augen standen.

Alice ertappte sich immer wieder dabei, wie sie Sara anstarrte. Dummerweise begegnete sie, sobald sie wegschaute, Josephines wissendem Blick. Verdammt. Ihr Verhalten hatte ihr bestimmt mindestens eine Woche gutmütiger Stichelei eingebracht. Alles wegen einer überfürsorglichen Mutter, die Alice nie wiedersehen würde. Für jemanden wie Sara war dieses bizarre Ereignis sicher bloß eine weitere Geschichte, die sie Freundinnen nach dem Yogakurs oder einem Bekannten im Supermarkt erzählen konnte.

»Ich denke, das ist mein Stichwort zum Aufbruch«, sagte Alice und erhob sich. »Damit die Kinder all die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen.«

»Danke. Und Sie scheinen gar nicht so schlimm zu sein, wissen Sie? Für eine Vertreterin einer uralten, undemokratischen Institution.«

Alice dachte für einen Moment, sie hätte sich verhört. Sie blinzelte einmal. Zweimal. Dann erwiderte sie: »Sie sagen wirklich einfach, was Sie denken, nicht wahr?«

»Das stimmt. Spart eine Menge Zeit und Verlogenheit.«

»Nun, ich bezweifle, dass ich Sie in dem schmalen Zeitfenster zwischen diesem und meinem nächsten Termin vom Wert der Monarchie überzeugen kann, aber ich finde, ich habe dennoch eine faire Chance verdient.« Wo war das denn hergekommen? Alice zupfte an den Ärmeln ihres Blazers herum und strich die Aufschläge glatt. Egal, jetzt musste sie das auch zu Ende bringen. »Wenn Sie so freundlich wären, Sara, ich möchte Sie gern einladen. Und Ihre Tochter.«

»Wozu werden wir eingeladen?«, fragte Libby, die mit ihrem Geigenkoffer in der Hand an sie herangetreten war. Das Ding sah schwer aus und war genauso lang, wie Libby groß war.

»Im Sommer veranstalten wir Gartenpartys. Na ja, meine Mutter richtet sie aus. Im Buckingham Palace. Auf dem Gelände. Und wir dürfen alle möglichen Leute von Wohltätigkeitsorganisationen einladen, die wir unterstützen, und Menschen, die etwas in ihrer Gemeinschaft bewirken. So etwas eben. Wenn ich meiner Privatsekretärin Josephine sage, dass sie sich Ihre Kontaktinformationen notieren soll, kann ich dafür sorgen, dass Sie beide eingeladen werden. Sie könnten sich alles einmal aus der Nähe ansehen und vielleicht ändert das Ihre Meinung über uns ein wenig. Oder Sie denken dann noch schlechter von uns. Ist auch eine Möglichkeit.«

Sara neigte den Kopf leicht zur Seite. »Meine Tochter stört Ihre Rede, ich beleidige Sie in der Hitze des Gefechts und Ihre Antwort darauf ist, uns zum Mittagessen einzuladen?«

»Nun, ja. Ich schätze schon.« Alice’ Wangen wurden unter dem dezenten Make-up, das sie immer trug, verdächtig warm. Na klasse, dass sie rot wurde, machte die unangenehme Situation auch noch leicht demütigend. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich so was nicht jeden Tag mache, aber ich für meinen Teil schaue mir etwas immer gern aus der Nähe und vor allem selbst an, bevor ich mein Urteil darüber fälle.«

Sara lächelte. Zum ersten Mal, seit Alice ihr begegnet war, ließ sie die Schultern ein kleines Stück sinken und ihre leicht geschürzten Lippen verzogen sich zu so etwas wie einem unbeschwerten Grinsen. »Ich laufe auch eher selten echten Prinzessinnen über den Weg. Vielleicht habe ich noch nicht genug Frösche geküsst.«

»Mummy, das gilt für Prinzen.« Libby schaute zwischen ihnen hin und her, als würde sie ein Tennisspiel mit einem unsichtbaren Ball beobachten. »Und du hast seit einer Ewigkeit niemanden mehr geküsst. Außer mich und Mamie.«

»Libby!«

»Kindermund tut Wahrheit kund, hm? Entschuldigung, aber ich muss jetzt wirklich los. Halten Sie Ausschau nach der Einladung.« Alice drehte sich um und lief auf den Ausgang zu. Ihr kleines Team setzte sich wie üblich beim ersten Nicken perfekt eingespielt in Bewegung. Ihr Bodyguard gesellte sich an ihre rechte Seite und Josephine blieb zurück, um mit der Schulleiterin ein kurzes abschließendes Gespräch zu führen und, auf Alice’ unauffällige Geste hin, Saras Kontaktdaten aufzunehmen.

»Alles in Ordnung, Ma’am?« Josephine ergriff als Erste das Wort, als sie wieder wohlbehalten im Wagen saßen.

Der dunkelblaue Bentley fuhr im Schneckentempo vom Parkplatz der Schule.

»Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Untertanen weinen, Josephine.«

»Es hat sich aber doch alles geklärt. Ich habe mit Ms. Marteau gesprochen und sie hat Ihre Einladung zur Gartenparty erwähnt.«

Ganz bewusst schaute Alice hinaus in den Verkehr. »Ich dachte, es könnte die Wogen etwas glätten. Wir wollen ja nicht, dass sie sich an die Presse wendet oder, noch schlimmer, auf Social Media über den Vorfall heute wettert. Ist es nicht das, was Sie mir immer raten?«

»In der Tat.«

»Sie kümmern sich um die Einladung? Vergessen Sie bitte nicht, dass das Mädchen auch mitkommen soll. Allerdings vorzugsweise ohne Geige. Es wurde auch eine Großmutter erwähnt? Omis lieben mich.«

Josephine tippte auf ihrem Handy herum. »Schon erledigt, Ma’am. Soll ich ein Auge auf Social Media haben, um mich zu vergewissern, dass dieser kleine Vorfall da drinnen keine unangenehmen Folgen hat?«

»Das wird sicherlich nicht nötig sein«, erwiderte Alice. »Wer würde denn eine Schlagzeile über ein weinendes Kind schreiben?«

* * *

Daily Bugle, 30. April

Eine recht royale Aufregung

Tränen flossen gestern an der Ryeham-Grundschule in Süd-London, als ein Konzert zur Feier des modernen neuen Musiksaals und der Sporthalle eine royale Peinlichkeit verursachte.

Zu Besuch war I.K.H. Prinzessin Alice, um das neue Gebäude offiziell zu eröffnen und der Schule und der Kommune zum Erfolg ihrer Spendenaufrufe zu gratulieren.

Aber ihre Glückwünsche dauerten einem weinenden Kind wohl zu lange und obwohl die Prinzessin versuchte, das Kind zu trösten, wurde sie das Opfer einer Tirade gegen die Monarchie, ausgelöst durch einen besorgten Elternteil. Der lautstarke Wortwechsel hat im Internet die Runde gemacht und die rasend schnelle Verbreitung des Videos sorgte dafür, dass dieses Schulkonzert ein Publikum erreichte, von dem die meisten professionellen Bands nur träumen können.

Als wir um eine Stellungnahme baten, ließ der Buckingham Palace nur Folgendes verlauten: I.K.H. Prinzessin Alice besuchte heute ein wundervolles Konzert und wünscht den Kindern und ihren Familien, sowie auch den Lehrkräften nur das Beste für die Zukunft.

Kapitel 2

»Mummy!«

Sara schloss die Haustür hinter sich und lehnte sich lächelnd mit dem Rücken dagegen. Ganz egal, wie versunken Libby in irgendetwas war – seien es ihre Hausaufgaben, ihre Musikübungen oder das Backen mit ihrer Großmutter –, sie ließ immer alles stehen und liegen, sobald Sara nach Hause kam. »Wer schreit denn da mein Haus zusammen?«

»Ich!«, schrie Libby und stürzte sich auf Sara.

Sie waren heute beinahe im Partnerlook angezogen, Sara hatte für die Arbeit ihr graues Etuikleid und Libby für die Schule ihr graues Trägerkleidchen und das weiße Polohemd angezogen. Meistens holte Sara ihre Tochter für die gemeinsame Busfahrt von der Schule ab und so kamen sie zusammen zu Hause an. Ihr neuer Job brachte allerdings längere Arbeitszeiten mit sich, sodass ihre Mutter freundlicherweise einsprang.

»Wer nennt dich denn sonst noch Mummy?«

»Oh, ganz viele Leute«, entgegnete Sara, legte eine Hand auf Libbys Kopf und drehte sie sanft herum. Sie war schon wieder gewachsen, ganz bestimmt. Das Mädchen schoss in die Höhe wie Unkraut. Fröhliches, witziges kleines Unkraut. »Also, wo ist Mamie?«

»Sie ist hier«, sagte Inès, die aus der Küche im hinteren Teil des kleinen Hauses kam und sich mit einem nicht mehr ganz frisch aussehenden Geschirrtuch Mehl von den Händen wischte. »Und mademoiselle hier sagt, dass ich ›Granny‹ genannt werden soll, denn so machen das all ihre Freundinnen.«

Das klang nach einem Generationen-Ding. Sara beschloss, dass sie heute nicht die Kraft hatte, diesen Konflikt zu lösen. »Tja, ich nenne dich immer noch Maman. In deiner Anwesenheit jedenfalls.«

»Sehr witzig. Es ist Post für dich gekommen. Un café?«

»Tee?«

Inès rümpfte die Nase, zog sich aber dennoch mit einem kurzen Nicken wieder in die Küche zurück.

Sara setzte sich an den Esstisch und stupste wenig begeistert den Stapel Umschläge an. Rechnungen, Rundschreiben, Leute, die auf ihre Zeit und ihr Geld aus waren, wie immer. Nachdem sie den ganzen Tag mit Schulbeiräten und Lehrkräften über die Finanzierung ihrer Abteilung gestritten hatte, war ihr Akku beinahe leer.

»Machst du sie denn gar nicht auf?«, fragte Libby, die sich ihr gegenüber hinsetzte, die Ellbogen auf die Holzplatte stützte und das Kinn dramatisch auf die Hände fallen ließ.

Bei diesem Anblick kehrte Saras Lächeln zurück. Niemand konnte ihr vorwerfen, kein niedliches Kind zu haben. »Wenn man erwachsen ist, ist Post nicht besonders aufregend. Nur Rechnungen und Leute, die versuchen, mir Dinge zu verkaufen, die ich nicht brauche. Ich kümmere mich später darum.«

»Ich kriege nie Post«, sagte Libby und schob schmollend die Unterlippe vor.

»Sei dankbar. Wenn es erst mal anfängt, hört es nie wieder auf. Und, oh … der hier ist an uns beide adressiert.« Sie sah erstaunt auf den Briefumschlag.

Sofort horchte Libby auf und eilte hastig um den Tisch herum. »Lord Cham … ber … wer?«

»Lord Chamberlain«, korrigierte Sara aus Reflex, während ihr Blick von dem Wappen neben der Briefmarke angezogen wurde: CR I mit einer kleinen Krone darüber. Caroline Regina die Erste. Oder Königin Caroline, für die meisten ihrer Untertanen. Post vom Königshaus. Fantastisch.

»Was ist das?«, fragte ihre Mutter, die inzwischen mit einer dampfenden Teetasse in der Hand aufgetaucht war.

»Erinnerst du dich daran, wie Libby bei ihrem Konzert vor einigen Wochen geweint hat und sich das Video davon im ganzen Internet verbreitet hat?«

Inès nickte. »Mir wäre lieber gewesen, wenn meine Kleine für etwas anderes berühmt geworden wäre. Aber du hast es doch löschen lassen.«

»Na ja, an diesem Tag hat diese Prinzessin Von-und-Zu gesagt, sie würde uns gern zu irgendeiner Party einladen, um mir zu zeigen, dass die Monarchie doch ach so toll ist. Ich kann nicht fassen, dass sie das ernst gemeint hat.«

Libby quietschte, schnappte sich den Umschlag und öffnete ihn. »Gehen wir in einen Palast? Können wir mit einer Kutsche fahren? Mit Pferden?«

Sara rieb sich leicht gereizt mit zwei Fingern über die Stirn. »Mal sehen. Ich kenne ja noch nicht mal das Datum. Vielleicht haben wir da schon was vor.«

»Mummy!«

»Libby, komm schon. Wie weit bist du mit deinen Hausaufgaben?« Sara nahm Libby die Einladung aus der Hand. »Hol dein Buch her, dann unterschreibe ich sie dir.«

Erstaunlicherweise rannte Libby ohne Widerspruch die Treppe hinauf.

Mit einem Schulterzucken wandte sich Sara ihrer Mutter zu. »Gerade, als ich dachte, dieser kleine Vorfall läge hinter mir.«

»Lass mich mal sehen.« Inès las sich die Einladung durch. Ihre Miene hellte sich dabei deutlich auf. »Ms. Sara Marteau, ihre Tochter Elisabeth und Mrs. Inès Marteau. Woher wissen die denn von mir?«

»Ich glaube nicht, dass ich … Oh, Libby hat dich erwähnt. Vor der Prinzessin. Aber es ist ja nicht so, als hätte sie sich hingesetzt und das Ding selbst geschrieben. Solche Leute haben Personal.«

»Eine Menge Personal. Man hat viel zu tun, wenn man sich so für wohltätige Zwecke einsetzt. Du solltest etwas mehr Respekt davor haben, Sara.« Trotz der milden Zurechtweisung zog Inès ihre Tochter in die Arme. »Langer Tag?«

»Hmm.« Sara genoss für einen Moment die Wärme und den so vertrauten Geruch ihrer Mutter. Dann löste sie sich aus der Umarmung und sagte: »Ich mache allerdings kleine Fortschritte. Die Schule hat endlich eingesehen, dass man etwas Geld in die Hand nehmen muss, wenn man Kinder mit Lernschwierigkeiten wirklich unterstützen will. Trotzdem lassen sie mich um jeden Penny kämpfen.«

»Du leistest da gute Arbeit. Ich weiß, dass die Leute denken, die Lehrkräfte wären am wichtigsten, aber niemand setzt sich so für die Kinder ein wie du.«

»Danke, Maman. Also, sollen wir einen Tag lang Prinzessin spielen und Libby in den Palast mitnehmen? Wahrscheinlich bietet sich uns so eine Gelegenheit nie wieder …«

»Natürlich gehen wir hin! Ich brauche unbedingt einen neuen Hut.«

»Was ist das nur immer mit Müttern und Hüten? Du musst dir wirklich keine Umstände machen. Sicherlich geht es dabei nur darum, eine Tasse Tee zu trinken und Hände zu schütteln.«

Inès schnappte sich Saras Teetasse, bevor sie sie austrinken konnte, und ging wieder in die Küche. »Unfug. Königin Caroline wird dort sein. Und ihr hübscher Sohn, Prinz Jamie.«

»James. Prinz James.«

»Du weißt, wen ich meine. Seine Frau scheint sehr nett, sehr höflich zu sein. Ich verstehe nicht, warum du sie alle so ablehnst. Obwohl du mit all diesen reichen Kindern an der Universität von Cambridge warst, hat sich deine Meinung nicht geändert. Das hier ist dein Land, deine Königsfamilie und meine genauso.«

»Ich wurde hier geboren, aber das heißt nicht, dass ich alles an diesem Land mögen muss. Und glaub mir, Cambridge ist nicht der Ort, der dafür sorgt, dass man ein großer Fan der Oberschicht wird. Im Gegenteil. Liebst du denn alles an Frankreich? Oder am Iran?«

»Es ist ja nicht so, als wäre ich aus komplett freien Stücken von Teheran nach Paris gezogen, hmm? Aber du Glückliche bekommst durch mich das Beste aus beiden Welten. Das Abendessen ist übrigens fast fertig«, erwiderte Inès und wich Saras Blick aus. »Und oui, vielleicht haben wir auch nicht so viel für die Monarchie übrig.«

»Ich ziehe mir mal was Bequemes an und mache mich frisch. Und dann schaue ich nach, was Libby macht. Danke fürs Kochen. Du weißt, dass du das nicht jeden Tag machen musst.«

»Es gibt mir was zu tun. Aber okay, nur bis du dich in deinem neuen Job eingelebt hast.«

»Du bist die Beste.« Sara gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Schläfe, bevor sie die Treppe hinaufeilte und dabei die restliche Post durchblätterte. Nichts Interessantes, wie vermutet.

Sie schälte sich aus ihrer formellen Arbeitskleidung und schlüpfte in die gemütlichere Jogginghose und ein langärmeliges T-Shirt, beides in einem ausgewaschenen Marineblau und so angenehm zu tragen wie eine zweite Haut.

Ein Blick in Libbys Zimmer zeigte, dass diese mit Lesen beschäftigt war. Also genehmigte Sara sich einen Abstecher ins Badezimmer und wusch sich ihr Make-up vom Gesicht. Nachdem sie sich dann noch die Haare mit einem Haargummi zurückgebunden hatte, ging sie in das Zimmer ihrer Tochter.

Libby schien mittlerweile völlig vergessen zu haben, dass sie ihre Hausaufgaben holen sollte, aber ein kurzer Blick in das Übungsheft verriet Sara, dass sie sie wenigstens erledigt hatte. Als sie sich im Zimmer umsah, wurde ihr wieder einmal bewusst, dass die Möbel allmählich zu klein für ihre beinahe achtjährige Tochter wurden. Sie würden wohl in nächster Zukunft ein Wochenende darauf verwenden müssen, einen größeren Schreibtisch und Stuhl ausfindig zu machen und aufzubauen. War das Bett dann als Nächstes an der Reihe? Sara setzte es in Gedanken auf ihre To-do-Liste. Eine Liste, die nie kürzer zu werden schien, ganz egal, wie viele Punkte darauf sie abhakte.

»Hey, Monsterchen. Kommst du zum Essen runter?«

»Was?« Libby sah von ihrem Comic hoch. »Oh, meine Hausaufgaben sind da drüben.«

Sara lächelte. »Ich muss noch mal in den Kalender schauen, aber Granny findet, wir sollten zum Palast gehen. Möchtest du wirklich dorthin? Diese Veranstaltungen können ziemlich langweilig und voller Erwachsenendinge sein. Ganz viel Anstehen und noble kleine Häppchen.«

»Aber es ist was Besonderes, oder? Da darf nicht jeder hin?«, fragte Libby mit gerunzelter Stirn.

»Das stimmt.« Sara nickte.

»Und diese vornehme Prinzessin wollte uns zeigen, dass sie nett sind. Es wäre unhöflich, ihr nicht die Chance dazu zu geben.«

»Oh, ich bezweifle, dass wir sie noch mal sehen werden. Höchstens aus der Ferne. Aber es wird ein schöner Tag für uns alle und etwas, das du allen in der Schule erzählen kannst.«

Libby erhob sich von ihrem Sitzsack und schob das Comicheft zurück in den richtigen Stapel. »Gibt es da Pferde?«

»Auf der Party? Ich glaube nicht. Vielleicht sehen wir aber welche draußen vor dem Palast.«

»Weil, ich weiß, dass wir warten müssen, bevor ich Stunden nehmen kann …«

Sara seufzte leise. »Libby, Süße. Lass uns das nicht schon wieder durchkauen.« Sara versuchte, ihr Kind soweit es möglich war von der harten Realität abzuschirmen. Aber in London von nur einem Gehalt leben zu müssen, ließ kaum Spielraum für unnötige Ausgaben. Und dazu gehörten leider auch Reitstunden. »Falls und sobald es möglich ist, buche ich dir Stunden, versprochen.«

»Ich weiß.«

»Mir gefällt es nicht, Nein sagen und warten zu müssen. Aber so ist es nun mal. Na komm, wollen wir mal langsam zum Essen runtergehen, bevor wir Ärger mit Granny bekommen?«

Libby grinste und ging in Richtung Tür. »Aber, Mummy, ich glaube, es gefällt ihr, uns hin und wieder mal anzubrüllen.«

Als sie ihrer Tochter folgen wollte, fiel Sara auf, dass einer der Bilderrahmen in Richtung Wand gedreht war. Normalerweise stand er auf einem Ehrenplatz oben auf der Kommode. »Was stimmt denn mit diesem Foto nicht?«, fragte sie, bevor Libby die schmale Treppe hinunter verschwinden konnte.

Libby blieb einen Moment lang wie erstarrt vor der hellblauen Wand stehen. »Nichts. Ich gucke es mir bloß manchmal nicht so gern an. Darauf bin ich bloß ein Baby und sehe ganz anders aus als jetzt.«

»Aber das ist das Foto mit deinem Dad.« Sara blieb bewusst dort stehen, wo sie war, entschlossen, jetzt nicht locker zu lassen. »Hat irgendjemand etwas gesagt?«

»Nein! Nein, aber in dieser Woche ging es in der Schule schon wieder um Stammbäume. Wir müssen dieses dumme Bild malen und ich will das nicht.«

Ah, das ist das Problem. Entschieden stellte Sara das Foto wieder auf seinen richtigen Platz, ging zu Libby, die am oberen Ende der Treppe stand, und umarmte sie fest. »Bestimmt bist du nicht die Einzige in deiner Klasse, die nur ein Elternteil oder Lücken im Stammbaum hat.«

»Das ist es nicht.« Libby rieb ihre Nasenspitze über den Saum von Saras T-Shirt. Sie schien in der ausgewaschenen und ausgeblichenen Baumwolle Trost zu finden. »Ich mag es bloß nicht, wenn die Leute Fragen stellen. Zum Beispiel, warum du und Daddy ein Baby bekommen habt, wenn ihr doch wusstet, dass er sterben würde? Und ihr wart nicht verheiratet und auch nicht zusammen und …«

»Du musst das niemandem erklären.«

»Schon, aber die Leute fragen ständig und ich will nicht lügen, Mummy.«

Sara streichelte Libby über den Kopf. »Du musst nicht lügen, Süße. Oder den Leuten mehr erzählen, als du willst. Dein Daddy war mein allerbester Freund und er hat dich so sehr geliebt. Er wollte so gern ein Dad sein, also haben wir getan, was wir eben getan haben, und dann kamst du. Das hat ihn unfassbar glücklich gemacht.«

Im Lauf der Jahre war es Sara immer leichter gefallen, diese Geschichte zu erzählen. Sie hatte Jayesh wirklich geliebt. So, wie es nur beste Freunde taten. Seine Tumordiagnose hatte ihr gemeinsames letztes Jahr an der Uni zutiefst erschüttert. In einer Minute hatten sie eine Reise durch Indien geplant, um nach dem Abschluss seine entfernteren Verwandten zu besuchen, und in der nächsten war sein Leben geprägt von Arztterminen und viel zu vielen schlechten Neuigkeiten.

»Okay. Es wäre aber schön, einen Daddy zu haben. Oder eine zweite Mummy.«

»Eines Tages vielleicht. Eine Stief-Mummy.« Sie hatten dieses Gespräch mehr als einmal geführt. Sara war davon überzeugt, dass Libby verstand, dass eine Frau an ihrer Seite die einzig mögliche Option war.

Libbys Schnauben war ein Moment purer genetischer Vererbung, als wäre Inès durch die Dielen emporgeschwebt, um das Geräusch selbst von sich zu geben. Vielleicht verbrachten die beiden ein bisschen zu viel Zeit miteinander.

»Wie willst du mir denn eine Stief-Mum besorgen, wenn du nie mit jemandem ausgehst? Ehrlich, Mummy. Ich werde öfter um eine Verabredung gebeten als du.«

Autsch. Dass die Aussage zutraf, machte sie nicht weniger schmerzhaft. Kindermund tat Wahrheit kund, genau wie Prinzessin Alice gesagt hatte.

»Ihr beide habt ja ewig gebraucht«, meinte Inès, als sie die Teller kurz darauf auf den Esstisch stellte.

Libby setzte sich auf ihren Platz und verteilte die Teller, während Sara in die Küche ging.

Inès schaute sie kurz an. »Dauert es wirklich so lange, um sich so herzurichten, als wäre man gerade aus dem Berg schmutziger Wäsche gekrochen?«

»Wir sind doch jetzt da«, sagte Sara und stieß ihre Mutter mit der Hüfte an, als sie am Herd vorbeilief. »Ich habe Reisdienst, hm?«

»Selbst du kannst meinen Reis nicht ruinieren, Liebling.«

»Nein, aber ich kann eine tolle Pizza bestellen. Das müsste ich nämlich tun, wenn du nicht so gut zu mir und Libby wärst.«

Inès gab ein zufriedenes Geräusch von sich, während sie im Topf auf der Herdplatte herumrührte. »Wofür ist eine Mutter denn sonst da?«

»Es tut mir bloß leid, dass wir nicht dauerhaft ein Zimmer für dich haben. Es gefällt mir nicht, dass du immer allein nach Hause gehen musst.«

»Ach, hör auf, wir alle brauchen unseren Freiraum. Ich habe lange genug gebraucht, um deinen Vater aus meinem Leben zu werfen. Meine neu gewonnene Freiheit gebe ich nicht so schnell wieder auf.« Nachdem sie das Hühnchen direkt von dem Holzkochlöffel gekostet hatte, runzelte Inès die Stirn.

Insgeheim schloss Sara mit sich selbst eine Wette ab und tatsächlich griff ihre Mutter einen Moment später nach dem Kreuzkümmel. Sie liebte es, das Gewürz reichlich einzusetzen, und Sara vermisste diesen besonderen Geschmack, wenn andere Menschen in ihrem Leben das Kochen übernahmen.

»Na ja, zumindest bekommst du die Möglichkeit, den Palast zu besuchen. Sieh das als mein aktuellstes Dankeschön an. Eigentlich könnten du und Libby sogar allein hingehen. Das wäre dann dein Geschenk an mich.«

Inès schnalzte mit der Zunge, doch der Laut war gedämpft, weil sie gleichzeitig die Lippen schürzte. »Ich habe dich nicht zu einem undankbaren Menschen erzogen. Ein Nachmittag zusammen mit uns wird dich schon nicht umbringen. Außerdem gibt es Schlimmeres, als die Aufmerksamkeit einer Prinzessin auf sich zu ziehen. Die hier ist sogar queer.«

Daraufhin lachte Sara laut auf. »Nur du, Maman. Nur du siehst eine romantische Gelegenheit in einer PR-Aktion. Jede Wette, dass sie sich nicht mal an uns erinnern kann. Es gibt ein unverbindliches Lächeln und einen Händedruck, wie bei allen anderen Gästen auch.«

»Du brauchst ein bisschen Romantik in deinem Herzen, ma fille. Du bist zu jung, um so viele Dinge schon aufgegeben zu haben. Das Leben kann nicht nur aus Arbeit und Libby bestehen, ganz egal, wie viel Zeit beides in Anspruch nimmt.«

Sara schüttete den Inhalt des Reistopfes in eine Schüssel und nickte beim Anblick der lockeren, fluffigen Konsistenz. Jedes Mal perfekt. »Na schön. Ich lade mir eine Dating-App oder so was runter. Aber ich setze mir lieber etwas realistischere Ziele, als das Herz der ersten queeren Prinzessin der Welt zu gewinnen. Als würde sie rumlaufen und etwas mit einfachen Bürgerinnen anfangen wollen. Ernsthaft!«

»Den Zeitungen zufolge ist sie in Beziehungsdingen in etwa so gut wie du, also sag niemals nie. Komm, geben wir deinem Kind was zu essen, damit sie groß und stark wird.«

»Schon unterwegs«, sagte Sara und trug die große Schüssel Reis zum Esstisch.

Dort fiel ihr erneut der Brief vom Königshaus ins Auge, der ordentlich neben Libbys Teller lag. Die Einladung sah fast persönlich aus und nicht wie eine von Hunderten, die für das gleiche Event verschickt worden waren. Aber sicher war das nur eine Täuschung. Bestimmt hatten die im Palast eine raffinierte Methode entwickelt, um genau so etwas vorgaukeln zu können. Diese triviale Aufgabe war zweifellos irgendeinem unterbezahlten Praktikanten aufgebürdet worden. Aber gut. Diese Veranstaltung war auf jeden Fall eine Abwechslung. Vielleicht würden sie als Familie in zehn Jahren immer noch über den Tag reden, an dem sie alle zu Besuch im Palast gewesen waren.

»Bereit?«, fragte Inès, als sie das herrlich duftende Ragout auf den Tisch stellte.

»Ich denke schon«, sagte Sara.

Kapitel 3

Alice nickte dem Kammerdiener zu, als sie das private Esszimmer im Buckingham Palace betrat. Obwohl sie ihr halbes Leben hier verbracht hatte, spürte sie immer noch hin und wieder, wie sich das Gewicht dieser Mauern schwer auf ihre Schultern legte. Die düsteren Ölgemälde und dicken Wandteppiche an jeder Ecke waren ihr vertraut, erinnerten sie aber auch immer wieder daran, wie viel Historie, Geld und Erwartung in diesen Gebäuden und über ihrem Leben hing.

»Guten Morgen, Mummy.«

Ihre Mutter schaute von ihrer Ausgabe der Times auf. Sie war für einen Tag voller Verpflichtungen gekleidet und sah in dem ärmellosen pinkfarbenen Kleid so majestätisch aus wie immer. Eine passende Bolero-Jacke hing über dem leeren Stuhl neben ihr.

Alice ließ sich auf den Platz ihr gegenüber sinken. Der Kammerdiener tauchte neben ihr auf, ohne dass er sich je durch den Raum bewegt zu haben schien. Es überraschte sie nicht.

»Und für Ihre Königliche Hoheit?«

»Ich habe schon im St. James’s gegessen, danke. Aber könnte ich vielleicht eine Tasse Tee bekommen?«

»Selbstverständlich. Noch etwas für Eure Majestät?«

»Nein, danke, Robin.« Ihre Mutter nahm die filigrane Porzellantasse in die Hand und nippte demonstrativ daran. »Ich habe nicht erwartet, dich so früh schon hier zu sehen, Alice.«

»Ich habe mich erkundigt, wann du heute Zeit hast, und das war die einzige Möglichkeit. Ich muss gleich nach Manchester.«

Ihre Mutter butterte eine Scheibe Toast mit langsamen, präzisen Bewegungen. »Ich hörte von der kleinen Aufregung bei dem Konzert vorletzte Woche. Bringst du wieder aus Spaß Kinder zum Weinen?«

»Du kennst mich, ich liebe es einfach, so oft wie möglich als Star eines dieser viralen Videos aufzutreten.« Dankbar nahm Alice ihre Tasse Tee entgegen und gab etwas Zucker hinein, was ihr ein missbilligendes Schnalzen von ihrer Mutter einbrachte. »Ich dachte, ich hätte alles einigermaßen im Griff. Bis ich die Mutter des Kindes beleidigt habe. Das war mein erster echter Fehler.«

»Es überrascht mich, dass sie dir so eine Standpauke gehalten hat. Du musst sie wohl verdient haben?«

»Das habe ich. Und sie hat bloß ihr Kind beschützt, wie es ihr gutes Recht war. Du hättest das Gleiche für James oder mich getan.«

»Es sah fast so aus, als hätte dir das Wortgefecht Spaß gemacht. Hat dein Blut in Wallung gebracht, was? Endlich mal zur Abwechslung mit jemandem diskutieren zu können?«

»Mummy …«

»Ich stelle lediglich die Faktenlage dar, Alice. Es ist eine ganze Weile her, seit du eine junge Frau auf dem Radar hattest, und dieser Vorfall hat mir diese Tatsache lediglich bewusst gemacht.«

Alice schnaubte. Das Letzte, was sie wollte, war, ihr Liebesleben zu erörtern.

»Wir haben schon länger nicht mehr darüber gesprochen, dir eine geeignete Partnerin zu suchen.« Ihre Mutter biss von ihrem Toast ab und wartete auf eine Erwiderung. »Natürlich nicht diese junge Frau. Aber dadurch ist die Idee wieder auf die Agenda gerutscht. Dass wir darüber nachdenken sollten, jemanden der Familie hinzuzufügen. Es würde alles unter Ausschluss der Öffentlichkeit ablaufen, bis du dir über die Eignung sicher bist.«

Aufgebracht erhob Alice sich und begann, auf und ab zu gehen. Mit den Händen hinter dem Rücken, wie sie es als kleines Kind schon gelernt hatte. Sie konnte förmlich spüren, wie der Blick ihrer Mutter abschätzend über ihren blassblauen Rock und die schwarze Bluse wanderte. Mühsam unterdrückte sie den Reflex, die Wahl ihrer Kleidung zu rechtfertigen. Ihre Schuhe waren praktisch. Der eine Vorteil davon, eine groß gewachsene Frau zu sein, war, dass Eugenia, die für Alice’ umfangreichen Kleiderschrank zuständig war, ihr nur selten Absätze aufzwang.

»Ich soll jemanden in all das hier hineinziehen?«, frage Alice schließlich. Sie deutete auf den Pomp des Raums, der den Prunk des gesamten Palastes gut wiedergab. Am Ende blieb sie neben dem kunstvoll verzierten Kamin stehen. »Das wäre einer nichts ahnenden jungen Frau gegenüber nicht gerade fair, oder?«

»Oh, komm schon, Liebling. Wir haben dich bedingungslos unterstützt, genau wie James damals, als er mit Annabel an die Öffentlichkeit gegangen ist. Ich weiß, du wurdest schon mal furchtbar enttäuscht …«

»Ich habe nicht die Absicht, jetzt über Kristina zu reden.« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bereute Alice es bereits, ihre Mutter angefaucht zu haben. Was nichts daran änderte, dass sie die Wahrheit gesagt hatte. Sie war wirklich nicht erpicht darauf, diesen Teil ihrer Vergangenheit zu diskutieren.

Ihre Mutter stand auf, kam zu ihr und tätschelte leicht Alice’ Arm. »Nur, weil sie sich nicht dazu in der Lage gefühlt hat, den Anforderungen gerecht zu werden, heißt das wohl kaum, dass es niemand je kann. Und sogar die Zeitungen haben allmählich Mitleid mit dir, weil du niemanden in deinem Leben hast.«

Alice schloss einen Moment lang die Augen und nahm die tröstenden Worte ihrer Mutter in sich auf. »Das sagst du, aber für Leute wie mich ist es noch etwas anderes. Ich weiß, dass die Presse nicht mehr so sehr hinter mir her ist und dass sie mein Coming-out weitgehend gut aufgenommen hat. Aber sie haben immer noch einen Hang dazu, auf jedem rumzuhacken, der nicht weiß, männlich und konservativ ist. Man müsste die Haut eines Elefantenbullen haben, um sich von all der Aufmerksamkeit nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.«

»So hat es dein Vater immer beschrieben.«

»Er hat einfach nie ein Blatt vor den Mund genommen.«

Alice lächelte liebevoll. Ein Lächeln, das sich auf dem Gesicht ihrer Mutter spiegelte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren war Alice tatsächlich versucht vorzuschlagen, dass sie all das Händeschütteln und Bänderschneiden heute sausen ließen und sich stattdessen im Wohnzimmer zusammenkuschelten und ein paar alte Filme schauten.

Bevor sie in die Versuchung kam, genau das wirklich auszusprechen, sagte ihre Mutter: »Ich habe einen Bürgerlichen geheiratet, Alice, und wir wussten beide, dass das einen Preis fordern würde. Deshalb haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um die Lage für dich und James zu verbessern und euch beide zu beschützen. Und es hat sich gelohnt, wie du sicherlich zugeben musst. Ihr seid auf recht normale Schulen gegangen, zur Uni. Ihr habt sogar Wehrdienst geleistet, um Himmels willen, obwohl ich dagegen war. Das ist in jeder Hinsicht ein Fortschritt.«

»Mag sein. Wie auch immer, ich bezweifle, dass es für das große Ganze irgendeine Bedeutung hat, aber ich habe die Frau aus dem Video zu einer unserer Gartenpartys eingeladen. Josephine hielt es für die richtige PR-Entscheidung und ich bin geneigt, ihr zuzustimmen.« Alice wich dem Blick ihrer Mutter aus und schaute stattdessen entschlossen aus dem Fenster.

»Nun, Josephine liegt in diesen Angelegenheiten üblicherweise richtig«, sagte ihre Mutter. »Obwohl man meinen könnte, ein hübscher Blumenstrauß hätte es auch getan.«

»Lieber auf Nummer sicher gehen.« Alice verspürte den Drang, das Thema zu wechseln. »James und Annabel haben über Schulen gesprochen, als wir uns das letzte Mal gesehen haben, und wie viel Aufregung diese Veränderung in ihr Leben bringen wird. Rupert und Anne gehen bald auf die Vorschule, aber es wurde noch nicht verkündet, an welcher sie eingeschrieben sind. Vorher, als Rupert noch als männlicher Nachkomme automatisch der Nächste in der Thronfolge gewesen wäre, wäre seine Ausbildung praktisch in Stein gemeißelt gewesen. Aber da sich die Regeln geändert haben und Anne nach James die nächste in der Thronfolge ist, nehme ich an, dass ihre Bedürfnisse an erster Stelle stehen?«

»Es wurden Vereinbarungen getroffen …« Ihre Mutter wandte sich ab, kehrte zum Tisch zurück und setzte sich wieder. Dann griff sie nach ihrem Toast und biss so elegant davon ab, wie nur sie es konnte.

»Aber diese Vereinbarungen haben sich geändert? James sieht jedes Mal, wenn die Frage aufkommt, aus, als würde er gleich die Krise kriegen.« Alice folgte ihrer Mutter zurück zum Tisch und nahm ebenfalls wieder Platz.

»Du solltest mit deinem Bruder reden.«

»Das werde ich. Wann auch immer ich ihm das nächste Mal über den Weg laufe. Ist er nicht wieder irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs?«

Ihre Mutter spähte auf den ausgedruckten Zeitplan neben ihrem Teller. »In Wales, glaube ich.«

»Ich habe gehört, er soll dort Prinz sein.« Alice versuchte, sich das Grinsen zu verkneifen.

»Alice, meine Liebe, hast du schon mal darüber nachgedacht, dass es nicht das ständige Interesse der Öffentlichkeit an deinem Leben, sondern dein ausgesprochen seltsamer Sinn für Humor ist, der dafür sorgt, dass keine Frau bei dir bleibt?« Die Miene ihrer Mutter war geradezu schelmisch.

Wenn bloß die britische Bevölkerung und die Reporter der Klatschpresse diese Seite ihrer Monarchin zu sehen bekommen könnten. Sie würden sie kaum wiedererkennen.

Alice stand auf. »Hab einen schönen Tag, Mummy. Wir sehen uns auf der Gartenparty.«

* * *

»Ach du Scheiße, schau dich bloß an: Du siehst ja aus wie ein Mädchen.« James stieß Alice spielerisch an.

Er war etwa fünf Zentimeter größer als sie und hatte den kräftigen Rücken und die breiten Schultern geerbt, die ihrem Vater in seiner Rugby-Karriere so gute Dienste geleistet hatten. Trotzdem zuckte Alice nicht zusammen, sondern revanchierte sich mit einem ebenso heftigen Stoß. Das brachte ihnen einen düsteren Blick und ein leises missbilligendes Schnalzen vom Privatsekretär ihrer Mutter ein.

»Das Gleiche könnte ich von dir behaupten. Ich habe Bilder von dir im Kilt gesehen. Du weißt schon, dass du in Cardiff und nicht in Glasgow gewesen bist, oder?«

»Höre ich da Eifersucht heraus, weil ich die schöneren Beine geerbt habe? Bist du bereit für die diesjährige Party der alten Knacker?«

»Ich nehme an, du meinst die Gartenparty, du Banause? Den Höhepunkt des Jahres für einige dieser Leute?«

»Sei nicht so naiv, Lice.«

»Nenn mich nicht so. Nicht heute, wo die Leute es hören könnten.«

Das erregte unglücklicherweise die Aufmerksamkeit ihres Bruders. Ein Anfängerfehler, wie Alice zu spät klar wurde.

»Die Leute kriegen doch sowieso alles mit, was wir je sagen … Also, ist heute jemand Besonderes da? Ich dachte, du hättest dem Fleischbeschau da draußen abgeschworen?«

Alice boxte ihn gegen den Arm, doch das hinterließ leider noch nicht einmal Falten in seinem hellblauen Hemd. »Nichts dergleichen. Ich hatte ein kleines PR-Desaster, also musste ich mich mit einer Lehrerin und ihrer Tochter gutstellen.«

»Ach, genau! Die gute alte Lice hat die Kinder besucht und sie zum Weinen gebracht. Annabel hat mir das Video gezeigt. Wir hatten gut was zu lachen.«

Das brachte ihm nur ein Augenrollen ein. Alice hatte schon sehr viel schlimmere Dinge durchgestanden und James ebenso. »Dann übernimm du doch die Schulbesuche von jetzt an. Könnte dir und Annabel dabei helfen, endlich mal eine Entscheidung zu treffen, wo ihr die Zwillinge hinschickt. Ihr habt euch für ein Internat entschieden, oder?«

Alice hatte keine echte Reaktion erwartet. Ihr Bruder hatte schon immer ein besseres Pokerface als sie. Doch stattdessen verriet ihn seine Rastlosigkeit, als er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und wieder zurück verlagerte.

»Wir überlegen, eine Hauslehrerin einzustellen«, sagte er schließlich leise. »Das ist bestimmt besser als so ein zugiges altes Verlies voller junger Earls und Kindern von Ölmagnaten, oder nicht?«

»Eine Hauslehrerin? Statt sie auf eine Schule zu schicken? Soweit ich mich erinnere, war unsere doch recht ›normal‹. Malen mit Fingerfarbe und so. Zumindest, bis du nach Eton abgehauen bist und mich im Stich gelassen hast.«

James warf ihr einen warnenden Blick zu und fuhr sich mit einer Hand über seine kurz geschnittenen Haare, um durch diese Handlung seine Geheimratsecken zu verbergen. »›Normal‹ ist das Problem. Das ganze Land ist von dem verdammten Wort besessen und doch kann sich niemand darauf einigen, was ›normal‹ überhaupt heißt. Hab ich nie verstanden.«

»Jamie …«

»Nenn mich nicht so.«

»Sieh es als Rache für Lice an. Jetzt spuck’s aus. Was ist los?«

Wieder blickte James über die Schulter. »Nichts Ernstes. Nur ein bisschen spät dran mit ein paar Entwicklungsmeilensteinen oder wie auch immer man das nennt. Viele Schulen sind bereit, darüber hinwegzusehen, bloß damit die Erben des Königshauses bei ihnen eingeschrieben sind. Und hier geht es nur um Rupert, damit das klar ist. Annie … na ja, das macht es schlimmer. Eine absolute Überfliegerin bisher, ein Glück. Das ist auch gut so, schließlich ist sie die Nächste in der Thronfolge. Aber Rupes hat echte Schwierigkeiten. Wir dachten zuerst, dass er einfach ein eigensinniger Junge ist, aber der Arzt hat anklingen lassen, dass mehr dahinterstecken könnte.«

Alice nickte. »Ehrlich gesagt sind mir hin und wieder ein paar Sachen aufgefallen. Beim Essen kann er ja immer recht wählerisch sein, und dann gab es da diesen Schreianfall an Weihnachten. Er ist nicht der Gesprächigste, im Vergleich zu Annie schon mal gar nicht. Aber lässt sich daraus wirklich schließen, dass irgendwas mit ihm nicht stimmt? Könnte es nicht einfach daran liegen, dass er eine andere Persönlichkeit hat?« Alice war klar, dass sie die Vorfälle herunterspielte, doch es widerstrebte ihr zutiefst, jemanden sofort in eine Schublade zu stecken. Sie wollte einem Angehörigen der nächsten Generation nicht einfach ein Etikett aufdrücken, jedenfalls nicht, ohne sich vorher gründlich informiert zu haben.

»Ich fürchte, das ist nur die Spitze des Eisbergs. Du weißt so gut wie jeder andere, dass wir eine Menge Unterstützung haben, aber bislang fiel es uns ziemlich schwer, Nannys zu halten. Diese Episoden oder ›Anfälle‹, wie Annabel sie nennt, können recht einfach ausgelöst werden. Das falsche Essen, die falsche Kleidung, wenn man ihn von einer Aktivität wegholt und ihn bittet, sich auf etwas anderes zu konzentrieren … Man bekommt geradezu das Gefühl, überhaupt nichts richtig machen zu können. Wir haben beim Arzt nachgehakt, aber er scheint sich nicht festlegen zu wollen.«

»Bestimmt haben die Hausärzte mit so etwas wenig Erfahrung … Gibt es keine Experten, die man dazuholen kann? Leute, die sich mit so was auskennen?«

James verzog das Gesicht.

Alice versuchte wirklich, sich zurückzuhalten, aber es war eben schon immer Teil ihrer Rolle gewesen, ihm zu helfen. Hätte sie das Problem selbst aus der Welt schaffen können, hätte sie sich auf der Stelle freiwillig gemeldet, doch es war offensichtlich, dass diese Situation ihre Kompetenz überstieg.

Schließlich sagte ihr Bruder: »Rupert ist keine neue Fähigkeit, die es zu erlernen gilt, oder ein bisschen rudimentäres Italienisch, das man aufschnappt. Ich glaube nicht, dass wir medizinische Hilfe im engeren Sinn brauchen. Laut allem, was ich gelesen habe, ist das, was wirklich zählt, die Art, wie wir ihn unterrichten und mit Menschen in Berührung bringen. Was wir wirklich brauchen, ist eine Person, die abseits der Norm lehrt, eine Person, die tatsächlich einschätzen kann, was er braucht. Aber ich will nicht, dass er sich für den Rest seines Lebens mit Gerüchten herumschlagen muss. Die Vorstellung, dass einige dieser Klatschpressereporter die Situation ausnutzen, um sich über ihn lustig zu machen … Nein, ich kann den Gedanken nicht ertragen, was sie vielleicht über ihn schreiben würden.«

Alice zog ihren Bruder in eine kurze einarmige Umarmung, was so ziemlich die liebevollste Geste war, zu der sie sich als Erwachsene hinreißen ließen. James lehnte sich in die Berührung, was ein klares Zeichen dafür war, dass er unter Stress stand.

»Was, wenn ich mich einschalte? Wenn ich über eine unserer Wohltätigkeitsorganisationen ein paar Leute kontaktiere oder Josephine sich nach den richtigen Ansprechpartnern umhört … Dann würde bestimmt niemand Verdacht schöpfen, oder? Tatsächlich habe ich erst unlängst eine Expertin auf diesem Gebiet kennengelernt. Zumindest vermute ich das.«

Er sah sie an. »Moment mal, diese Lehrerin, die dich angeschrien hat? Die nicht an das Königshaus ›glaubt‹? Kommt mir nicht so vor, als wäre sie daran interessiert, unseresgleichen irgendwelche Gefallen zu tun.«

»Sie ist nicht direkt Lehrerin, sondern eine Art Beraterin für Sonderpädagogik. Wenn ihr euch Sorgen macht, könnt ihr sie ja näher durchleuchten lassen, aber sie wirkte auf mich sehr engagiert, trotz der Aufrufe zur blutigen Revolution und dazu, unsere Köpfe rollen zu lassen.« Alice lächelte über ihre eigene übertriebene Dramatisierung. »Ist nur ein Vorschlag. Mir scheint, du steckst in einer Zwickmühle, und ich möchte helfen. Wenn sie selbst nicht infrage kommt, dann kennt sie vielleicht die richtigen Leute, die man fragen kann.«

James löste sich von ihr und rieb sich mit einer Hand übers Gesicht, eine Geste, die so sehr an ihren Vater erinnerte. »Ich habe das Gefühl, dass alles, was wir tun, eine Signalfackel über Ruperts Kopf entzünden würde. Vielleicht ist es gar nichts, vielleicht doch. Aber er hat es nicht verdient, dass ein ganzes Land über sein Lernvermögen spekuliert.«

»Natürlich nicht. Es versteht sich von selbst, dass die ganze Situation mit größter Vertraulichkeit behandelt wird. Egal, ob wir uns nun an diese Sara Marteau oder jemand anderen wenden. Wir finden schon eine Lösung und ich werde Josephine darauf ansetzen, bevor wir irgendwelche Schritte unternehmen.«

»Du bist eine von den Guten. Alles klar, sollen wir uns für den ungewaschenen Pöbel wappnen? Ich hoffe, du hast Desinfektionsmittel in der Tasche.«

»Jamie!«

»War ein Scherz, nur ein Scherz!«

Ihre Wege trennten sich und sie gingen zu den jeweiligen Schlangen aus handverlesenen Gästen, die sie als Erstes begrüßen sollten. Als Josephine wieder an ihre Seite trat, beugte Alice sich zu ihr und erzählte ihr leise, was sie gerade mit James besprochen hatte.

Josephine nickte und sagte: »Ich werde sehen, was ich herausfinden kann, Ma’am. Haben Sie meine Notizen über Ihre Gäste erhalten?«

»Das habe ich, danke. Sie sind wie immer meine Lebensretterin, Jos.« Alice spielte kurz am Ring ihres Vaters herum, den sie an ihrer linken Hand trug, bevor sie die nächsten Gäste begrüßte.

Ihre Mutter tauchte aus einer kleinen Ansammlung von Hofbeamten auf, strahlend wie immer, und widmete sich der sehr viel längeren Schlange ganz vorne. Natürlich war sie jedes Mal die Hauptattraktion, wenn Gäste geladen waren.

Alice arbeitete sich im üblichen langsamen Tempo von einer Person zur nächsten vor. Sie hatte vor langer Zeit gelernt, dass man nicht von ihr erwartete, lange bei einem Gast zu verweilen. Es fühlte sich ein bisschen schroff an, das Ganze so geschäftlich zu behandeln, wenn ihr so viele aufgeregte Gesichter entgegenblickten, aber für Alice war es auch nur eine weitere Veranstaltung in einer Woche voller großer Veranstaltungen. Alle wollten einen Teil von ihr und sie achtete darauf, dass auch alle etwas abbekamen.

Die geladenen Gäste unterschieden sich nicht von denen in all den Jahren zuvor. Es gab ältere Menschen und Kinder, eine Mischung aus verschiedenen Ethnien, die die Zusammensetzung der Bevölkerung des Landes recht gut widerspiegelte. Alice murmelte ein paar nette Worte und lächelte so breit, wie sie konnte, schüttelte eine Hand nach der anderen und entschuldigte sich, dass sie nicht für ein Selfie stehen bleiben konnte, auch wenn die Person bereits erwartungsvoll das Handy gezückt hatte.

Dann sah sie das Gesicht, auf das sie insgeheim gewartet hatte. Sie erkannte Libby sofort wieder und zum ersten Mal kam Alice vollständig zum Stehen. »Oh, hallo. Bevor wir beginnen, sollte ich wirklich fragen: Besteht die Gefahr auf Tränen?«

Libby lachte entzückt auf, was wie Musik in Alice’ Ohren klang. Die Umstehenden wandten sich ihnen zu und zählten wohl eins und eins zusammen. Lautes Klacken zeugte davon, dass die offiziellen Pressefotografen ebenfalls die Besonderheit dieses Moments erkannt hatten.

»Nein!« Libby machte einen energischen Knicks und hüpfte sogar einmal, als sie den Boden berührte. In ihrem hellgrünen Kleid war sie der Inbegriff eines unschuldigen, engelsgleichen Kindes. »Heute wird nicht geweint, Eure, ähm … Königliche Hoheit?«

Alice nickte. Das war ihre korrekte Anrede, auch wenn sie selten darauf bestand. »Warum stellst du mir nicht deine Begleiterinnen vor, Libby?«

»Das ist meine Mamie«, sagte Libby und deutete auf die ältere Dame neben ihr, die Libbys Mutter gerade mit dem Ellbogen anstieß.

»Inès Marteau, Eure Königliche Hoheit. Es ist mir ein großes Vergnügen.«

»Was für ein wundervoller Akzent. Höre ich da einen Hauch Français heraus?« Im Stillen dankte Alice ihrem beinahe fotografischen Gedächtnis, das ihr half, sich die paar Fakten in Erinnerung zu rufen, die Josephine für genau so einen Moment auf eine Karteikarte geschrieben hatte.

»Oui, Ma’am. Ich bin 1979 nach Paris gezogen. Sie erinnern sich sicher an meine Tochter Sara, wenn Sie schon die kleine Libby wiedererkannt haben?«

»Selbstverständlich. Ms. Marteau, wie schön, Sie zu sehen.«

Sara hob eine Augenbraue, streckte aber trotzdem höflich eine Hand aus.

Trotz ihrer bereits erwähnten Geringschätzung des Königshauses hatte sie sich durchaus passend für den Anlass gekleidet. Alice fiel es schwer, den Blick von dem makellosen cremefarbenen Hosenanzug abzuwenden. Die smaragdgrüne Bluse darunter passte sehr gut zu Libbys Outfit. Die gleichen Farbtöne fanden sich auch in dem bunten Muster von Inès’ Kleid, deren Hut herrlich dramatisch war. Alle zusammen gaben sie eine reizende Familie ab.

»Danke für die Einladung«, sagte Sara amüsiert, aber freundlich. »Wie Sie sehen können, sind die restlichen Familienmitglieder große Fans Ihrer Familie.«

»Wie nett von Ihnen allen, an uns zu glauben. Nun, ich werde noch eine Menge Hände schütteln müssen, aber nach dem ganzen Wirbel halte ich mich gern in dem kleinen Zelt dort drüben auf, wo Getränke ausgeschenkt werden. Falls Libby irgendwelche Fragen hat.«

»Sie müssen nicht …«

»Nur für den Fall. Ich muss jetzt weiter. Ich grüße Sie, wie schön, dass Sie heute gekommen sind.« Alice ging zum nächsten Gast in der Reihe über, einem betagten Kriegsveteranen, der seine Orden stolz auf seiner gebügelten und gestärkten Uniform präsentierte. Während sie sich kurz mit ihm unterhielt, fragte sie sich, warum sie dieses Angebot gemacht hatte. Sicherlich waren der Handschlag und die kostenlosen Gurken-Sandwiches genug Zeichen des guten Willens? Und steuerte sie damit direkt auf die nächste Demütigung in den sozialen Medien zu?

Als sie zurückblickte und entdeckte, dass Sara sie ansah, ertappte sich Alice dabei, inständig auf das Gegenteil zu hoffen.

* * *

Alice setzte ihre Runden fort, schüttelte Hände und machte Small Talk, und gönnte sich erst eine Pause, als ihr Handgelenk anfing sich zu beschweren. Das Überbleibsel einer alten Hockey-Verletzung.

Kaum hatte sie das private Zelt betreten, tauchte Josephine in ihrer üblichen lautlosen Art neben ihr auf. »Ich habe einige erste Nachforschungen angestellt, Ma’am. Und ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich mir erlaubt habe, mit dem Personal im KP Rücksprache zu halten, die gewissermaßen mit diesem Familienzweig arbeiten. Ich dachte, es wäre das Beste, genau zu wissen, womit wir es zu tun haben.«

»Ich bin nun wirklich keine Expertin, aber reden wir hier von etwas wie Autismus?« Bei dieser Frage schaute Alice sich um, um sich zu vergewissern, dass niemand nah genug bei ihnen stand, der vielleicht lauschen könnte, selbst wenn dieser Rückzugsort für alle außer der Familie und des Palastpersonals tabu war. »Es gibt bestimmt auch noch andere Problematiken und Lernschwierigkeiten, aber bei James’ Erzählung hat bei mir irgendwas geklingelt.«

»Ja, soweit ich das beurteilen kann, sollten wir zumindest in Betracht ziehen, ihn auf Autismus testen zu lassen, auch wenn es noch andere Möglichkeiten gibt. Ich habe ein wenig von Ihrem Gespräch mit dem Prinzen von Wales mitbekommen, Ma’am, und, nun ja, wie sich herausgestellt hat, ist die von Ihnen eingeladene Frau, Sara Marteau, eine der führenden Expertinnen des Landes. Obwohl sie noch keinen Doktortitel führt. Sie hat an einigen Sonderschulen in Süd-London gearbeitet und mehrere Artikel geschrieben, die in ganz England als neuer Standard im Bildungswesen eingeschätzt werden. Ms. Marteau ist eine durchaus beeindruckende Persönlichkeit auf ihrem Gebiet.«

Alice ließ die Information auf sich wirken. Sie durfte hier nichts überstürzen. »Aber wir haben auch noch andere Namen?«

»Ja, ein paar. Nicht alle sind so unmittelbar verfügbar und es gibt zu niemandem eine persönliche Verbindung, aber es wäre eine Zusammenarbeit mit allen möglich.« Josephine warf einen Blick auf ihre Notizen. »Allerdings fängt das neue Schuljahr bald an, deshalb ist es mehr als ein glücklicher Zufall, dass sich Ms. Marteau heute direkt vor unserer Nase befindet. Manche würden es vielleicht ein Zeichen nennen.«

»Ein Zeichen für irgendwas bestimmt.« Das Universum lachte sich sicherlich schlapp darüber, dass sie ausgerechnet an die Frau herantreten musste, die Alice in der Öffentlichkeit blamiert hatte und alles hasste, wofür sie stand. Wenn Sie Ms. Marteau um einen Gefallen bat, könnte das diese noch weiter gegen Alice’ Familie aufbringen. Insgeheim hoffte Alice aber, dass das nicht passieren würde. Etwas an dieser Frau faszinierte sie, weckte in ihr den Wunsch, mehr Zeit in ihrer Gegenwart zu verbringen und sich wieder mit ihr zu unterhalten. »Sollen wir meinen Bruder in dieser Sache auf dem Laufenden halten?«