Endgegner - Julia Katharina Bednarz - E-Book

Endgegner E-Book

Julia Katharina Bednarz

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Beschreibung

Als Flo nach seinem erzwungenen Umzug nach Hamburg auf Samy trifft, fühlt er sich augenblicklich zu ihr hingezogen, und zwar auf eine ganz andere, tiefere Art und Weise, als er es bisher kannte. Sein Interesse an "Beziehungen" war bis hier her immer nur oberflächlich und rein körperlicher Natur, doch bereits beim ersten Kontakt mit Samy spürt er, dass sie anders ist, schöner, verführerischer und charismatischer als jedes Mädchen vor ihr. Wie "anders" Samy tatsächlich ist stellt Flo innerhalb kürzester Zeit vor die Entscheidung seines Lebens, in der es nicht nur darum geht, Unbekanntes zuzulassen und über den eigenen Schatten zu springen, sondern auch sich zu fragen, ob man sein eigenes Leben leben möchte oder doch ein Fremdgesteuertes, und wie viele Opfer man bereit ist, für die Liebe seines Lebens zu geben.

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Seitenzahl: 740

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

Deutsche Erstausgabe, Oktober 2024

Autorin: Julia-Katharina Bednarz

Verlag: Neopubli GmbH

            Köpenicker Straße 154a

            10997 Berlin

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verarbeitung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig,

besonders die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung,

Erster Teil (Flo)

(2023)

Es klopft an Flos Zimmertür.

Flo schreibt noch schnell den Satz zu Ende, klappt dann sein Laptop zu.

„Ja?“

Die Tür öffnet sich einen Spalt weit, und der lila Strubbelkopf seiner Mitbewohnerin Jess schaut herein.

„Sag nicht, du arbeitest noch immer?“ fragt sie, aber Flo schüttelt den Kopf und nimmt seine Brille ab: „Gerade fertig geworden, zumindest für heute. Was geht?“

„Andy und ich wollen gleich los, ein bisschen feiern mit Freunden. Hast du Bock mitzukommen?“

Flo denkt kurz nach. Im Grunde spricht diesmal nichts dagegen, er hatte heute ordentlich was für die Uni getan und außerdem war es längst überfällig, mit der WG und deren Anhang mal eine Sause zu machen. Zwei Wochen wohnt er nun schon hier und hat sich die meiste Zeit in seinem Zimmer verschanzt und gebüffelt. Nun wird es Zeit, Hamburg mal zu erkunden, speziell das Nachtleben.

„Ja, bin dabei. Hab ich noch Zeit für eine kurze Dusche? Ich wäre in... 15 Minuten ausgehfertig.“

„Passt! Schön, dass du endlich mal ja sagst!“ freut sich Jess, und Flo springt auf um sich Klamotten herauszusuchen. „Find ich auch.“ sagt er. „Aber jetzt hab ich zumindest das Gefühl, ein wenig Fuß gefasst zu haben. Wo gehen wir hin? Oder lassen wir uns treiben?“

„Wir treffen uns gleich mit den anderen am Beatles-Platz und fahren dann auf ein Konzert von einem sehr guten Freund von uns. Danach Aftershow-Party auf der Reeperbahn.“

„Was ist das für ein Konzert?“

„Hmm... Andy? Womit würdest du Samys Musik vergleichen?“ ruft Jess, kurz darauf ertönt Andys Stimme im Flur: „Puh... ein orientalisch angehauchter Jeff Buckley, maybe?“

Flo sieht Jess überrascht an: „Oh echt jetzt? Das klingt geil. Da bin ich dabei!“

„Ja, mega! Dann mach dich fertig. Das Konzert startet um neun, aber es gibt noch ne kurze Vorband.“

„Alles klar. Bin schon weg!“

Flo geht duschen und zieht sich um. Er ist schnell fertig, seine dunklen Haare können an der Luft trocknen und benötigen kein Styling, so ist er tatsächlich keine 15 Minuten später abfahrbereit.

Andy, Jess und Joshua, der vierte Bewohner ihrer WG, kramen schnell ihre Sachen zusammen, ehe sie die Wohnung mit einem Wegbier verlassen und den Beatles-Platz ansteuern.

Flo fühlt sich direkt wohl, die Wohngemeinschaft scheint für ihn persönlich ein Glückstreffer zu sein. Ihr Musikgeschmack scheint Flos ziemlich ähnlich zu sein, und dass sie so herrlich ausgefallen und schräg aussehen gibt ihm selber das Gefühl, nicht mehr der einzig bunte Vogel zu sein, der er in seinem Heimatdorf gewesen ist. Offenbar hatte er hier sowas wie Gleichgesinnte gefunden. Flo ist gespannt was der Abend so bringt und wie das Konzert sein wird. Sein letztes Konzert ist gefühlt Jahre her und war ihm persönlich auch viel zu groß, MUSE im Stadion, dabei mag er die kleinen Clubkonzerte viel lieber. Umso besser, dass sie sich nun auf dem Weg zu einem befinden, was in einer alten, leerstehenden Fabrik stattfindet. Klingt alles sehr vielversprechend. Wenn die Musik jetzt gleich auch noch passt ist Flos Abend gerettet.

Als Andy, Jess und Flo auf den Hof kommen, staunt Flo nicht schlecht, wie gut besucht dieses Konzert tatsächlich ist. Er hatte an eine kleine, relativ private Show gedacht, so wie er sie aus dem Sauerland kannte, solche, die in der OT seiner Heimatstadt stattfanden, mit vielleicht hundert Zuschauern. Das hier ist allerdings um einiges größer. Allein auf dem Hof tummeln sich hunderte von Menschen, es gibt ein paar Bierbuden und die Atmosphäre ist frühsommerlich gemütlich, der Platz wird durch viele bunte Lichterketten erhellt, aus ein paar Lautsprechern ertönt melodische Rockmusik. Flo blickt sich begeistert um, noch nie hat er so viele bunte, alternative Menschen auf einem Haufen gesehen, und er fühlt sich direkt pudelwohl und unter Seinesgleichen.

„Ganz schön was los.“ bemerkt auch Jess und grinst ihren Freund an.

„Instagram macht´s möglich.“ sagt Andy, dann schaut er Flo an: „Alles gut bei dir?“

Flo nickt: „Hatte nicht mit so etwas Großem gerechnet.“

„Samy sicherlich auch nicht.“ murmelt Jess und blickt sich um: „Wo ist er überhaupt?“ Sie schaut auf ihr Smartphone, „eigentlich sollte er schon hier sein?“

„Wurde sicher aufgehalten.“ meint Andy: „Ich hol uns mal ein Bier. Bin gleich wieder hier.“

Er drückt seiner Freundin einen kurzen Kuss auf und verschwindet dann zu einer der vielen Bierbuden, um drei Bier zu holen.

Flo steckt sich derweil eine Zigarette an und blickt sich neugierig um.

„Die Orga hat ganze Arbeit geleistet.“ meint Jess.

„Wer hat den Spaß denn organisiert?“ fragt Flo und atmet Rauch aus.

„Das AZ und das queere Jugendzentrum. Naja, und Samy. Ich frag mich wirklich wo er steckt. Er kommt nie zu spät!?“

„Wird schon noch auftauchen.“ Ein paar Mädchen gehen an ihnen vorbei und grinsen Flo an, und der lächelt schüchtern zurück. Jess lacht: „Was war das denn?“

Flo zuckt verlegen die Schultern: „Offenbar bin ich hier in meinem persönlichen Paradies gelandet.“ Er sieht den Mädchen hinterher. „Ich hoffe, ich bekomme keine Reizüberflutung.“

Jess kichert: „Demnach bist du Single und auf Brautschau?“

Flo schüttelt den Kopf. „Single ja. Aber das will ich eigentlich auch bleiben. Ich hab keine Nerven für was Festes, und auch keine Zeit. Das Studium fordert mich aktuell sowieso schon mehr als befürchtet und meine Alten steigen mir auf´s Dach wenn ich noch mehr abkacke. Das ist meine letzte Chance hier. Versau ich das, bin ich schneller zurück in der Heimat als ich bis drei zählen kann.“

„Klingt nach Druck.“ wirft Jess ein, und Flo nickt: „Gut erkannt.“ Er sieht sie an: „Wenn´s nach mir ginge, würde ich viel öfter mit euch losziehen, aber ich muss wirklich sehr viel büffeln um den ganzen Unikram in meinem Kopf zu behalten. So wie in Düsseldorf darf ich mich hier jedenfalls nicht gehen lassen, dann ist ganz schnell Schluss mit lustig.“

Andy kommt mit drei Bechern Bier zurück und verteilt zwei davon an Jess und Flo.

„Danke.“ sagt Flo, und sie stoßen miteinander an und trinken einen Schluck.

„Hast du den Superstar mittlerweile gesichtet?“ fragt Andy Jess, aber die schüttelt den Kopf: „Langsam wird’s komisch, findest du nicht?“

„Ich such gleich mal drinnen.“ bietet Andy an.

„Zeigst du mir wo die Toiletten sind?“ fragt Flo, und Andy nickt: „Komm mit. Jess, du wartest hier?“

Sie nickt, und die beiden machen sich auf den Weg zum Eingang.

An der Tür stehen zwei Jungs, die offenbar die Eintrittsbändchen verkaufen, Andy begrüßt beide mit einer Umarmung. Dann zeigt er auf Flo: „Das ist Flo, der wohnt jetzt bei uns.“ erklärt er.

Die beiden Typen lächeln ihn freundlich an, und einer der beiden holt sofort ungefragt zwei Bändchen heraus, die er erst Andy und dann Flo am Handgelenk befestigt, „geht auf´s Haus, Befehl von der Queen.“

„Nice, wo steckt sie denn? “ fragt Andy die Zwei dann, und einer der beiden rollt die Augen: „Ist drinnen mit dem komischen Kevin, du weißt schon, der immerzu im JuZ rumhängt.“

„Zumindest, wenn Samy da ist.“ fügt der andere hinzu.

„Okay, ich geh sie mal retten.“

„Viel Spaß euch!“

Andy und Flo betreten die alte Fabrikhalle, und Andy zeigt auf eine Tür an der rechten Seite: „Da ist das Klo. Ich rette schnell Samy. Wir treffen uns gleich wieder draußen bei Jess, okay?“

„Alles klar.“

Flo steuert die Toiletten an, und Andy durchkämmt die Fabrik, um Samy zu retten.

Flo stößt die Tür zu den Toiletten auf und schießt direkt in die einzige Kabine durch.

Während er sich seiner Wegbiere entledigt, fliegt die Tür ein zweites Mal auf und schlägt dann lautstark wieder zu, Flo beeilt sich, denn offenbar gibt es hier nur diese eine Toilette. Doch widererwartend ruckelt niemand an der Tür. Es bleibt still.

Flo betätigt kurz darauf die Spülung und tritt aus der winzigen Kabine, aufgrund der Stille hatte er gedacht, doch wieder allein zu sein, aber vor dem Spiegel über dem Waschbecken steht jemand und bindet sich gerade die kinnlangen Haare zu einem Dutt zusammen. Flo bleibt irritiert stehen und fragt sich kurz, wer von ihnen beiden sich nun in der Tür vertan hatte. Das Mädchen dreht seinen Kopf in seine Richtung, sieht Flo kurz an, richtet seinen Blick aber dann wieder auf den Spiegel. Sie kramt in der Tasche ihrer Jeans und holt einen Eyeliner hervor, beginnt dann mit konzentriertem Gesichtsausdruck, sich die Augen zu schminken.

Als Flo am Waschbecken angekommen ist, rückt sie ein Stück beiseite, damit er sich die Hände waschen kann. Dass sie beide auf der selben Toilette sind, scheint sie nicht weiter zu wundern.

Flo wäscht sich die Hände und schaut sie verstohlen von der Seite an. Sie ist hübsch, aber auf eine ganz eigenartige Weise. Was Flo sofort ins Auge fällt ist ihr Mund, ihre Lippen sind voll und geschwungen, die Wangenknochen hoch und markant, die Wimpern, die sie sich nun tuscht, endlos lang. Genau so wie ihre Finger. Lang und feingliedrig. Alles an ihr ist irgendwie feingliedrig und zart. Beinahe schlaksig, obwohl sie nicht besonders groß ist. Sie trägt ein weißes Tank Top, welches Flo einen Blick auf ihre nackten Arme erlaubt, die überraschend muskulös sind, nicht wie bei einem Bodybuilder, aber man sieht sofort, dass sie offenbar irgendeinen Sport ausübt. Ihre ganze Erscheinung ist drahtig, athletisch, und trotzdem irgendwie grazil.

Sie tritt einen Schritt zurück, als Flo sich etwas von dem Handtuchpapier abreißen möchte, und Flo bedankt sich mit einem scheuen Lächeln. Dann ist er fertig und sollte eigentlich gehen, aber irgend etwas hält ihn davon ab.

„Bin ich hier verkehrt oder du?“ fragt Flo sie schließlich, und sie sieht ihn überrascht an. Dann lächelt sie amüsiert: „Weder noch.“

Flo versteht nicht, also fügt sie hinzu: „Ist dir der Sticker auf der Tür nicht aufgefallen?“

Ist er nicht. Flo macht ein nachdenkliches Gesicht. „Da waren ungefähr eine Millionen Sticker an der Tür.“ murmelt er. Sie lächelt und zieht mit den Fingern eine gelockte Strähne aus dem Zopf, die ihr nun vor dem linken Auge baumelt.

Flo geht nachschauen, und das Mädchen sieht ihm hinterher, das Lächeln erloschen, ihr Gesicht eher besorgt: „Mach die Tür bloß schnell wieder zu.“ sagt sie leise, und Flo sieht sie noch nachdenklicher an. Okay, der Sticker an der Tür bedeutet wohl, dass es keine Geschlechtertrennung gibt. Veranstalter war schließlich das autonome Zentrum und das „queere“ Jugendzentrum, was diese Besonderheit ganz gut erklärt. Flo macht die Tür wieder zu, und fragt sich im selben Moment, wieso er wieder in der Toilette steht und nicht gegangen ist, schließlich war er mit allem fertig. Aber das Mädchen macht ihn neugierig. „Versteckst du dich?“ fragt Flo sie, „Oder wieso sollte ich die Tür schnell wieder zu machen?“

Sie nickt und verstaut ihren Eyeliner und die Mascara wieder in der Hosentasche. Dann dreht sie sich zu Flo und schlüpft in die viel zu große Strickjacke, die sie bis eben noch um die Hüfte gebunden hatte. Als sie sich in die Jacke einwickelt als wäre es eine Decke, bemerkt Flo, dass sie ziemlich dünn ist, dünn und absolut flach. Da sind nichtmal Ansätze von Brüsten zu erkennen. Flo richtet seinen Blick wieder auf ihr Gesicht. „Hat dich jemand belästigt? Brauchst du Hilfe?“ fragt er sie. Sie sieht Flo nachdenklich an: „Kannst du kurz rausgucken, ob da jemand mit einer roten Bascap vor der Tür herumlungert?“

„Klar.“ Flo schaut sich kurz draußen um, dann steckt er den Kopf wieder zur Tür herein: „Die Luft ist rein.“ sagt er, und das Mädchen atmet erleichtert auf: „Danke.“

Sie schaut auf ihr Smartphone. „Fuck, wegen dem bin ich nun zu spät.“

„Zu spät?“

„Ich wollt mich draußen mit meiner Freundin treffen, aber es hat mich jetzt tatsächlich zwanzig Minuten meiner Lebenszeit gekostet, diesen Blödmann loszuwerden.“

Für Flo ist nun klar, dass er bei ihr bleiben wird, bis sie ihre Freundin gefunden hat.

Sie treten nach draußen auf den erleuchteten Hof, und das Mädchen wühlt in der Jackentasche nach einer Zigarette. „Möchtest du auch?“ fragt sie und sieht Flo an. In dem Moment treffen sich ihre Blicke, und Flo spürt ein Kribbeln in seinem Bauch. Ihre Augen sind unglaublich, denkt er. Sie sind grün, beinahe schon unnatürlich grün, und irgendwie auch exotisch. Durch den Lidstrich, den sie sich eben noch aufgemalt hat, muss Flo augenblicklich an Kleopatra denken, auch wenn das Mädchen eher blass ist, sie hat irgendwie einen orientalischen Touch.

Flo nickt stumm, und das Mädchen hält ihm die Zigaretten hin, Flo angelt sich eine aus der Packung heraus: „Danke.“

Sie reicht ihm ihr Feuerzeug: „Danke dir. Ohne dich würde ich wohl immer noch auf dem Klo feststecken.“ Sie lacht verlegen und Flo denkt: Sogar ihre Zähne sind schön. Ihr Lachen trifft ihn tatsächlich irgendwo in seinen Eingeweiden, und Flo fällt die kleine Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen auf. Sie ist nicht besonders groß, würde vermutlich sonst keinem auffallen, aber Flo findet sie süß. Er lächelt sie an, und sie lächelt zurück.

„Ich...“ sagt sie dann und kramt ihr Smartphone wieder aus der Hosentasche: „Ich schreib kurz meiner Feundin, okay?“

„Klar.“ sagt Flo und betrachtet ihre schlanken Finger, die geschickt auf dem Display herumtippen. Ihre Nägel sind schwarz lackiert.

„Magst du vielleicht was trinken?“ fragt er sie dann, und sie schaut auf und nickt ihm lächelnd zu: „Gern.“

„Und was?“ Flo lächelt sie an, und sie grinst: „Ein Bier wäre nice!“

„Okay. Lauf nicht weg.“

Sie schüttelt lachend den Kopf, und Flo dreht sich um, um Getränke zu holen.

„Samy kommt gleich.“ berichtet Jess Andy, als der nach erfolgloser Suche wieder zu ihr zurück kommt. „Er hat geschrieben.“ Lachend hält sie Andy das Handy vor die Nase:

„Bin gerade meinem zukünftigen Ehemann begegnet. Rührt euch bitte nicht von der Stelle, er holt was zu trinken und bringt mich dann zu euch!“ liest Andy laut vor, dann lacht er: „Scheint, als wäre er Kevin, den Deppen, erfolgreich losgeworden.“

Flos Herz macht einen freudigen Sprung, als er von der Bierbude zurückkommt und feststellt, dass das schöne Mädchen tatsächlich auf ihn gewartet hat. Sie hat sich auf einen Randstein gesetzt und schaut irgendwann auf, und Flos Herz klopft gleich wieder schneller. Als er ihr das Bier reicht, bemerkt er, dass er echt nervös ist, und das ist eine absolute Premiere. Noch nie hat irgendwer sein Herz so zum Hüpfen gebracht wie dieses Mädchen. Sie ist so ganz anders als alle, die er bisher kennen gelernt hatte. Flos Jagdtrieb ist mehr als geweckt.

„Du bist noch da.“ freut er sich, und sie nimmt ihm den Becher ab und lächelt wieder dieses schüchterne Lächeln, was Flo längst wieder ein Kribbeln in den Bauch zaubert.

„Wieso sollte ich weglaufen? Du hast mich schließlich gerettet.“

Sie rückt ein Stück zur Seite und weist Flo an, sich neben sie zu setzen, was er auch sofort macht.

„Was hat es mit der roten Basecap auf sich?“ fragt Flo sie, und sie verdreht die Augen: „Versteht kein nein. Übelst nervig.“

Flo sieht sie an: „Soll ich dem gleich mal die Krone gerade biegen?“

Sie lacht: „Falls er sich nochmal erdreistet hätte ich nichts dagegen, noch mal von dir gerettet zu werden.“ Sie schenkt Flo einen Blick, der etwas flirty ist und länger auf ihm ruht als ein paar Sekunden, dann wendet sie sich verlegen ab.

„Ich bring dich gleich sicher zu deiner Freundin.“ verspricht Flo, obwohl er nichts dagegen hätte, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Sie ist wirklich interessant, und dass sie ihn eben ein wenig zu lange angesehen hatte, war Flo nicht entgangen.

„Lieb von dir. Und danke für das Bier.“ sagt sie dann, ein wenig schüchtern.

„Sehr gerne.“ Flo trinkt einen Schluck, dann sieht er sie wieder an: „Kennst du die Band, die gleich hier auftritt?“

Sie schmunzelt: „Jap, ziemlich gut sogar.“

„Ein Fan?“ fragt Flo.

„Hmm... nicht wirklich. Siehst du später.“ Sie steht auf. „Ich muss leider langsam los.“

Auch Flo erhebt sich nun: „Ich bring dich schnell hin.“

„Danke.“

Gemeinsam schlendern sie zum Eingang, und das Mädchen blickt sich suchend um, sagt dann: „Ich seh sie schon. Sie hat tatsächlich gewartet.“ Sie schaut Flo an: „Mit wem bist du denn hier? Doch nicht etwa allein?“

Flo schüttelt den Kopf: „Mit meinen Mitbewohnern. Ich bin vor zwei Wochen erst von Düsseldorf hier hergezogen. Sie stehen da drüben, siehst du das Mädchen mit den lila Haaren?“

„Jap. Das ist Jess.“ sagt das Mädchen und lacht: „Meine beste Freundin.“

Flo sieht sie verwirrt an: „Ach echt? Und ihr seid hier verabredet?“

Sie nickt: „Ja.“

Flo legt den Kopf schief: „Aber... sie wartet doch auf Samy?“

Wieder nickt sie, zögernd diesmal. Seufzt dann: „Ja, das... bin ich.“

Ehe Flo irgendwie reagieren kann, kommt Jess auf sie zugestürmt und fällt Samy um den Hals.

„Man, was war los? Ich hab mir schon Sorgen gemacht!“ schimpft sie, dann schaut sie irritiert zu Flo rüber, wohl, weil sie gerade kombiniert hat, wer Samys „zukünftiger Ehemann“ ist. „Hast du ihn gefunden?“

Ihn?

Flo nickt irritiert. Prüfend sieht er zu Samy hin und fängt dessen Blick ein. Irgendwie ist dieser Blick schuldbewusst und auch ein wenig traurig. Flo ist absolut überfordert von diesem Wirrwarr, und er kann kaum seine Gedanken sortieren, weil die in solch einer Masse auf ihn einstürzen.

Wer oder was ist Samy?, fragt er sich.

Und während Samy Jess von seiner Flucht vor der roten Basecap berichtet, verschwindet Flo, er geht, irgendwo hin, wo er hofft, sich kurz sortieren zu können.

Was war das?

Flo lässt sich auf eine Bierbank fallen und steckt sich eine Zigarette an. Seine Verwirrung über Samy ist immens. Was ist Samy denn nun? Jess hatte immerzu von ihm gesprochen, Samy selbst hingegen hatte gar nichts gesagt, Flo hat einfach angenommen, er sei ein Mädchen, weil er schlicht wie eins aussah, zweifelsohne.

Bis auf die Oberarme. Flo seufzt. Jetzt macht auch die flache Brust plötzlich Sinn.

Aber dieses feminine Gesicht? Das Make up? Die langen Haare, die makellose Haut? War Samy vielleicht ein Mädchen auf dem Weg zum Mann? So ein transgender-Typ? Oder andersherum? War er mal ein Junge gewesen, der sich nun zur Frau verwandeln ließ?

Flo hat keine Ahnung. Diese ganze Gender-Sache, die seit Jahren irgendwie überall in den Medien breitgekaut wurde, hat ihn nie interessiert. Zu Hause bei seinen Eltern wurde das alles sowieso als Krankheit oder Blödsinn und Wichtigtuerei abgetan, aber Flo hatte auch nie Berührung mit solchen Menschen, sowas gab es bei ihm im Dorf gar nicht. Da gab es nicht einmal einen klassischen Schwulen.

Flo schaut zu Jess und Samy herüber, die in ein offenbar ernstes Gespräch vertieft sind. Und Samy steht so niedergeschlagen da, mit hängenden Schultern, dass Flo sein Abgang plötzlich leid tut.

Er seufzt. Samy hat ja nichts falsch gemacht. Flo hatte sich vertan, und er ist einfach erleichtert, dass er flirttechnisch noch nicht in die Offensive gegangen war. Das wäre mega peinlich geworden. Allerdings auch kein Grund, ihn jetzt einfach so stehen zu lassen, nur weil Flo ihn gerade nirgendwo hin sortieren kann. Unter´m Strich, denkt Flo, ist er/sie doch unheimlich nett gewesen? Sich jetzt abzusondern, weil er/sie nicht so ganz 08/15 ist, ist nicht wirklich fair. Flo schnippt seine Zigarette weg und beschließt, zurück zu gehen. Zurück zu Samy. Flo hat keine Ahnung, wieso, aber er kann es gerade nicht ertragen, dass Samy sich wegen ihm schlecht fühlt, und das tut er, das ist leider offensichtlich.

„Alles okay, Flo?“ fragt Jess, als Flo wieder bei ihnen steht.

„Jap, alles okay.“ Er lächelt angestrengt, während seine Augen Samy abchecken. Der trinkt mit verlorenem Gesichtsausdruck aus seinem Bier und schaut dann auf die Uhr: „Ich muss jetzt rein. Kommt ihr mit?“

Jess und Andy nicken, und Flo fällt jetzt erst wieder ein, dass es ja Samy ist, der heute abend ein Konzert spielt.

„Bist du nicht schrecklich nervös?“ fragt er Samy, und der sieht ihn an, überrascht, dass er noch mit ihm spricht, sogar das Gespräch sucht, seine Augen leuchten auf, er freut sich wohl ziemlich darüber: „Scheiße, und ob!“ sagt er zu Flo. „Ich bin kurz vor der Ohnmacht. Meine Hände sind eiskalt!“

Flo schaut auf Samys Hände, Samy reibt sie aufgeregt aneinander, und Flo fallen die zahlreichen Ringe an seinen Fingern auf.  Ehe er darüber nachgedacht hat, was er da tut, hat er sich Samys Hand geschnappt und schaut sich den Schmuck an. „Deine Hände fühlen sich wirklich an wie ein toter Fisch.“ murmelt Flo und sieht Samy dann an: „Was ist das für ein Ring?“

Er tippt auf einen feinen, schlichten Silberring mit einem grünen Stein, denn der fällt irgendwie aus der Reihe. „Bist du verlobt?“

„Was? Nein! Wie kommst du denn auf das schmale Brett?“ Samy lacht: „Der ist von meiner Mum. Sowas wie ein Talisman. Er soll mir Mut machen.“

Flo sieht Samy ernst an, plötzlich ahnt er, dass es wohl einige Momente in Samys Leben gegeben haben muss, in denen er Mut wohl ziemlich gut gebrauchen konnte. Dass seine Mutter ihm diesen Ring geschenkt hat, um sich in gewissen Situationen stärker zu fühlen, rührt Flo. Augenblicklich mag er Samys Mutter.

Er hebt seinen Blick von Samys Hand hoch zu seinen Augen und lässt seine Hand dann los, um in seiner Hosentasche herumzuwühlen.

Er zieht eine feine, silberne Kette aus der Tasche, an der ein kleines, silbernes Kreuz baumelt.

„Dreh dich mal.“ sagt Flo leise, und Samy gehorcht ihm stumm.

Flo legt Samy die Kette um den Hals, dabei kommt er ihm so nah, dass er seine Körperwärme unter seinen Händen spüren kann, wieder kribbelt es in Flos Bauch, wieder schlägt sein Herz etwas schneller, wieder betrachtet er heimlich Samy, seinen schlanken Hals, den feinen Haaransatz im Nacken, mit zittrigen Fingern schließt er die Kette und dreht Samy dann schließlich wieder zu sich. Er betrachtet das silberne Kreuz, was nun zwischen Samys Schlüsselbeinen auf seiner glatten Haut liegt, als gehörte es schon immer genau da hin.

„Steht dir.“ sagt Flo, sieht Samy in die Augen und schluckt schwer. Das bunte Licht der Lichterketten spiegelt sich in Samys Blick. Seine Augen sind riesengroß und glänzen. Sie sind wunderschön, denkt Flo. Egal, was Samy tatsächlich ist, Flo ist sicher, noch nie einem so schönen Menschen begegnet zu sein. Jemand wie Samy trifft man eigentlich nicht irgendwo auf der Straße, man findet ihn viel eher beim Durchblättern von Modemagazinen oder beim Zappen im Fernsehen. Er hat etwas an sich, was sich schlecht beschreiben lässt. Das gewisse Etwas, und davon sehr viel. Und diese Augen sind unbeschreiblich. Flo ist tatsächlich wie verzaubert.

„Ist das nicht... ein bisschen zu wertvoll, um es einfach einem völlig fremden Menschen auszuleihen?“ fragt Samy ihn plötzlich leise, aber Flo schüttelt den Kopf: „Klingt vielleicht komisch, aber... du bist mir irgendwie nicht fremd. Außerdem verleiht sie dir Magic Power.“ Flo grinst: „Und jetzt hoch auf die Bühne mit dir. Ich will was hören. Sie haben gesagt, du singst wie Jeff Buckley.“

Samy macht noch größere Augen und lacht: „Gut, dass du jetzt so gar keine Erwartungen an mich hast.“ Dann wird sein Blick sanft, dankbar:  

“Danke für die Magic Power. Ich geb sie dir nachher zurück.“

Flo winkt ab. Und Samy dreht sich um und verschwindet in Richtung Bühne.

Was zur Hölle war das denn bitte?

Samy legt den Weg zum Bühneneingang mit zittrigen Beinen und klopfendem Herzen zurück und weiß nicht so recht, was er zu der ganzen Begegnung mit dem neuen Mitbewohner der WG denken soll. Auf der Toilette eben, das war defintiv ein magic moment gewesen, wie Flo ihn angesehen hatte, diese ganze Situation war irgendwie ganz seltsam gewesen, auf die gute Art seltsam, klar, so lange, bis Jess von Samy als ihm gesprochen hat. Offenbar hatte Flo ihn als Mädchen gegendert und war dann ziemlich irritiert gewesen, nichts Neues für Samy, auch die darauffolgende Reaktion des Rückzugs nicht. Aber dann?

Flo war zurück gekommen und hatte das Gespräch gesucht, und es drehte sich nicht darum, was Samy denn nun in seiner Hose hat, nein, er sprach genau so mit ihm wie vorher, sehr nett, zugetan, interessiert und die Aktion mit dem Talisman? Dass Flo ihm direkt nach den paar Sätzen so nah gekommen war... wie er schon sagte, weil man sich nicht fremd miteinander fühlte, sondern irgendwie einen Draht hatte. Samy legt seine Hand auf das silberne Kreuz und lächelt, als er die provisorischen Stufen nach oben erklimmt. Er hat das Gefühl, dass die sogenannte „Magic Power“ von Flo tatsächlich etwas Besonderes sein könnte.

Flo, Jess und Andy quetschen sich derweil in die Menge, und ja, es ist tatsächlich ziemlich eng vor der Bühne, wie auf einem „richtigen“ Konzert, denkt Flo.

„Wieso ist es hier so super gut besucht?“ fragt Flo, und Andy erklärt: „Samy hat ´nen Insta-Account und bloggt hin und wieder, und er hat echt viele Follower.“

„Worüber bloggt er?“

„Verschiedenes. Seine Musik, seinen Tanzkram, LGBTQ-Themen, manchmal hat er Foodblogs dabei...“

„Transkram?“ fragt Flo, und Jess schüttelt lachend den Kopf: „Nee, Tanzen! Er ist wahnsinnig talentiert. Das solltest du dir unbedingt mal ansehen.“

Flo nickt.

Dann richtet er seinen Blick wieder auf die Bühne, wo gerade die Lichter ausgehen. Er ist wirklich gespannt, was da nun gleich kommen wird.

Außer Samy sind noch zwei weitere Musiker in der Band, die zuerst ihre Plätze hinter dem Drumkit und am Bass einnehmen. Samy kommt zum Schluss auf die Bühne, in einem Lichtkegel.

Um seinen Hals hängt eine Gibson Les Paul, die an Samy ein wenig überproportioniert und groß aussieht, weil er selbst so schmal ist.

Er tritt an das Mikrophon und richtet es aus, dann erlischt der Scheinwerferkegel über ihm, die Zuschauer applaudieren, und mit Einsetzen der Drums wird die Bühne in grünes Licht getaucht.

Und Flo läuft ein Schauer über den Rücken, weil er schlicht noch nie so einen unfassbar schönen Menschen wie Samy gesehen hat. Ganz egal, was Samy ist, er ist einfach nur bildschön, und zwar alles an ihm. Flo schluckt hart gegen diese Erkenntnis an. Er ist komplett überfordert von allem, was die Begegnung mit Samy bisher mit sich gebracht hat. Flo ist vierundzwanzig Jahre alt und hinter Mädchen her gewesen, seit er denken kann. Noch nie gab es auch nur einen einzigen Gedanken an „etwas anderes“, bisher hat er sich für absolut und unumstößlich heterosexuell gehalten. Bis jetzt.

Als er Samy vorhin zum ersten Mal gesehen hat, auf dieser schäbigen Toilette, war irgendwie alles in einem einzigen Moment durcheinander geraten. Selbst als Flo noch in dem Glauben war, es mit einem klassischen Mädchen zu tun zu haben, hatten ihn seine Reaktionen auf „sie“ schon überrascht. Diese Nervosität und der unerklärliche Drang, Zeit mit ihr zu verbringen, sie noch auf ein Bier einzuladen, weil er nicht wollte, dass sie ihrer Wege ging. Auf sie aufpassen zu wollen, damit dieser Baseballkappentyp sie nicht noch einmal belästigen könnte. Jetzt war Samy zwar nicht mehr „sie“, aber immernoch das zarte, schöne Wesen mit diesem unvergleichlichen Augenaufschlag und dem wohlgeformten Mund, der immer ein wenig aussieht, als würde er schmollen, und Flo kämpft längst gegen die Vorstellung an, wie sich dieser Mund wohl auf seinem anfühlen könnte, ein weiterer Blick auf die Bühne lässt seinen Hals austrocknen, Samy sieht aus wie ein Topmodel, so vollkommen, so verführerisch und dabei doch irgendwie süß und unschuldig.

Die Band hat ihr Intro zu Ende gespielt, nun geht es nahtlos weiter in den ersten Song, Samy bedient seine Gitarre, ohne auch nur einen flüchtigen Blick auf die Saiten zu werfen, offenbar spielt er schon lange und beherrscht sein Instrument blind. Flo beobachtet wie sich die Muskeln in seinen Oberarmen anspannen, wenn er in die Saiten greift, und er stellt sich vor, ihn dort zu berühren, er könnte schwören, dass seine Haut sich weich und warm anfühlt und dass er vermutlich nicht genug davon bekäme, ihn nur zu berühren. Küssen will er ihn, diesen hübschen, verbotenen Mund schmecken. Samys Augen richten sich auf ihn, und Flo bekommt eine Gänsehaut. Diese verfluchten Augen, denkt er, sie sind so unrealistisch schön, niemand hat solche Augen, und Augen hatten niemals so eine Wirkung auf Flo wie die von Samy. Flo fühlt sich entblößt, gehäutet, offengelegt, aber auf eine sehr aufregende, positive Art und Weise. Und es kommt noch schlimmer: Samys Mund öffnet sich, und er singt in das Mikrophon, Flo zuckt tatsächlich zusammen. Seine Stimme, überraschend tief und voll, erschüttert ihn bis ins Mark. Flo öffnet perplex den Mund, und Samy lächelt flüchtig, als hätte er Flos Reaktion auf seine Stimme augenblicklich durchschaut, schließt die Augen wieder, singt weiter, *„what comes after this momentary bliss? The consequence of what you do to me. Help me to name it, help me to name it.“ * singt er, und Flo fragt sich, woher Samy die Gedanken kennt, die ihm seit ihrer ersten Begegnung im Kopf herumspuken.

Flo tippt Jess an, die sich mit verträumten Augen zu ihm umdreht.

„Ich geh kurz auf´s Klo.“ erklärt Flo, und sie nickt, fragt: „Alles in Ordnung? Du bist blass.“

„Mir ist irgendwie schlecht.“ sagt Flo, und das ist leider die Wahrheit. Je länger er Samy beobachtet, zuhört, ihn mit den Augen abfühlt, desto schlimmer wird es.

Flo spart sich den Umweg über die Toilette, er verlässt die Fabrik gleich ganz, läuft aufgewühlt über den Hof, der nun menschenleer ist, rennt auf die Straße und übergibt sich heftig in die Grünanlage neben dem Gehsteig. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Ihm bricht der Schweiß aus, und alles dreht sich.  Schließt er die Augen, sieht er Samy vor sich, seine Augen, vorwurfsvoll.

Du kotzt wegen mir. Du kotzt, weil ich nicht das bin, für was du mich gehalten hast.

Du kotzt, weil du mich magst und mich begehrst und dir das Angst macht.

Flo steigt stöhnend die Treppen zur WG hoch und stürzt direkt ins Badezimmer, um sich leer zu kotzen. Dann wankt er geschwächt in sein Zimmer, zieht sich seine verschwitzten Sachen aus und fällt ins Bett. Er fällt zwar augenblicklich in einen kurzen, unruhigen Schlaf, wird aber nach einer Dreiviertelstunde wieder wach und steht auf, um sich an seinen Schreibtisch zu setzen. Aus der Schublade holt er das Buch, dem er seine geheimsten Gedanken anvertraut, viel steht noch nicht darin, aber Flo ahnt, dass sich das ab jetzt ändern wird. Er schnappt sich mit zitternden Fingern einen Bleistift und fängt an zu schreiben:

*Aus dem Song „Myth“ der Band „Beach House“

14.Mai 2023

0:23 Uhr

Irgendwo zwischen nachdenken und kotzen

Ich war mit Jess und Andy aus. Endlich mal, seit meinem Einzug in die WG. Zwei Wochen wohne ich nun hier, und bisher habe ich mich eigentlich nur in meinem Zimmer verschanzt und versucht, den ganzen Stoff aus dem Studium nachzuholen, den ich in Düsseldorf versäumt habe. Versäumt wegen zu vieler Parties und ja, zu vieler Mädchen. Hier in Hamburg soll es anders laufen. So der Plan. So weit, so gut.

Heute habe ich trotzdem nachgegeben, und bin mit Jess und Andy auf ein Konzert gegangen.

Eine ziemlich geile Location, eine leerstehende Fabrik, und absolut voller mega interessanter Menschen. Alle alternativ. Bunte Haare, Dreads, Tattoos. Wunderschöne Mädchen. Besonders eine.

Noch nie (und ich übertreibe hier nicht) habe ich so ein vollkommenes Wesen gesehen wie SIE.

Sie stand auf dem Klo vor dem Spiegel und schminkte sich. Und ich konnte nicht anders als sie anstarren.

Innerhalb von Sekunden war es um mich geschehen. Und nicht wie sonst... das war kein oberflächliches Interesse, kein aufreißen wollen, ich wollte sie einfach nur ansehen, sie ansehen, mit ihr reden, sie studieren, weil einfach alles an ihr so absolut anders war. Ihre Schönheit, anders. Keine Instagram-Klischee-Tussi. Irgendwie... urtümlicher, roher, natürlicher. Die Körperhaltung anmutig. Die Kleidung? Unspaktakulär. Jeans, Tank Top, eine zugegebenermaßen gammelige Strickjacke, viel zu groß.

Ihr Gesicht, gerahmt in braunen Haaren, Wellen, schulterlang. Eine Strähne immerzu störrisch vor dem linken Auge, eine mit ihr verankerte, typische Bewegung: Diese Strähne hinter das Ohr streichen, geht drei Sekunden gut, dann springt eben diese Strähne wieder vor das linke Auge. Die Augen...

Smaragde. Leuchtend, grün, umgeben von langen, dunklen Wimpern, ihr Blick, neugierig, scheu, unschuldig, süß. Der Mund? Selten bis nie habe ich bei dem Anblick eines lachenden Menschen gedacht, dass er schöne Zähne hat. Sie hat schöne Zähne. Weiß, gerade, bis auf eine winzig kleine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen makellos, wobei diese Zahnlücke keinen Makel darstellt, im Gegenteil. Die Lippen? Wunderschön. Geschwungen, voll, ein wenig schaut sie aus, als würde sie schmollen.

Sie ist dünn, aber athletisch, schlaksig, obwohl sie nicht besonders groß ist, und ihre Bewegungen elegant, wie die einer Tänzerin.

Wir haben geredet. Nicht viel, aber ich wollte sie nicht gehen lassen. Am liebsten hätte ich den ganzen Abend mit ihr verbracht, doch sie musste irgendwann weg.

Es kam heraus, dass Jess ihre beste Freundin ist. Und dass SAMY, so IHR Name, Jess bester Freund ist.

ER hat sich geschminkt, seine grünen Augen mit Eyeliner umrahmt. Seine langen Wimpern getuscht, mich neugierig, scheu, unschuldig, SÜSS gemustert. ER hat schöne Zähne, und einen anbetungswürdigen Mund, den ich küssen will, seit ich ihn vorhin zum ersten Mal gesehen habe, offenbar ist es mir egal, dass dieser Mund zu einem Kerl gehört, genau weiß ich es aber nicht. (Auf seinem/ihrem Insta-Profil sind die Pronomen „er/sie“ angegeben, was mich nicht wirklich schlauer macht. Sein Hintergrund ist eine dieser Flaggen, vielleicht google ich später noch) 

Ich dachte, ich hab mich gerade in das schönste Mädchen Hamburgs verknallt, und dann ist sie plötzlich ein er?

Von da an wäre alles in Ordnung gewesen, wenn ich mich wieder eingekriegt hätte. Wenn mein Interesse an ihr/ihm erloschen wäre. Aber ihn da stehen zu sehen, so geknickt, weil ich mich von ihm distanziert habe, brach mir beinahe das Herz. Ich konnte es nicht ansehen, dass er litt, weil ich ihn falsch gegendert hatte. Er konnte schließlich nichts dafür, dass ich sie toll fand, bis ich herausfand, dass sie ein er ist. Und dass ich ihn trotzdem noch toll finde, was mich gnadenlos überfordert. Immer noch, obwohl ich seit drei Stunden zu Hause bin.

Ich hab mich übergeben, bis nichts mehr aus mir heraus kam.

Schlafen kann ich nicht. Mir ist schlecht, und immer wenn ich die Augen schließe, sehe ich Samy vor mir. Mit diesen Augen und diesem Mund und der Erkenntnis, dass ich wohl nicht so hetero bin, wie ich bisher angenommen habe.

Als Samy später zu seinen Freunden stößt, sieht er sich gleich suchend in der Truppe um und stellt mit Bedauern fest, dass der „Neue“, Flo, offenbar nicht mehr mit von der Partie ist. Allerdings wartet er noch ab, bis sie später im Club sind, um Jess auszuquetschen, was es mit Flos Verschwinden auf sich hat.

„Dem ist auf einmal ganz schlecht geworden.“ erklärt Jess lautstark, um die Musik zu übertönen: „Plötzlich war er kalkweiß und dann war er weg. Ich hab ihm ´ne Whatsapp geschickt, aber die hat er noch nicht gelesen.“

„Schade.“ findet Samy, „er ist echt nett.“ Samy versucht, das relativ beiläufig zu erwähnen, aber seine beste Freundin hat ihn längst durchschaut: „Nett, ja?“ Sie grinst Samy breit an, und der lächelt verlegen zurück: „Hm, ja, nett. Und...“

„Dein zukünftiger Ehemann!“ Samy erröted und grinst verlegen, worauf Jess verständnisvoll lacht: „Er ist verdammt hübsch, oder?“

„Scheiße, ja.“ Samy nimmt die Cocktails entgegen, die Jess gerade für sie bestellt hat, und reicht ihr einen. „Wieso hast du nichts gesagt? Ich war viel zu unvorbereitet für einen neuen Mitbewohner wie ihn. Er ist absolut heiß und hat wunderschöne Augen“ schwärmt Samy, „Wasserfarbenblau.“ Sie stoßen an und trinken einen Schluck, und Jess grinst Samy allwissend an: „Er sieht wirklich gut aus.“ sagt sie dann.

„Wieso hast du mich denn dann nicht gewarnt?“ fragt Samy dann amüsiert.

„Ich weiß doch gar nicht, wie der Flo so gepolt ist? Ich weiß nur, dass er eine Freundin hatte und jetzt Single ist. Und es bleiben will.“

„Also ist er straight.“ resümiert Samy mit etwas Bedauern. „Immer das Gleiche.“

„Aber ihr hattet doch einen echt guten Draht zueinander, oder hab ich das nur geträumt? Ihr wart die ganze Zeit zusammen und habt gelacht und so. Vielleicht lernt ihr euch einfach kennen? Apropros, wie kam es, dass ihr plötzlich zusammen hier aufgeschlagen seid?“

„Ich hab ihn auf der Toilette getroffen, als ich mich vor Kevin versteckt habe. Flo war so lieb und hat nachgesehen, ob der vor der Tür auf mich lauert.“

„Ein Gentleman.“ Jess schlürft lautstark aus ihrem Cocktail, dann fällt ihr die Kette an Samys Hals auf: „Hast du ´ne neue Kette? Bist du jetzt katholisch?“ kichert Jess und piekst ihm auf das silberne Kreuz auf der Brust. Samy grinst verlegen: „Die hat Flo mir als Glücksbringer ausgeliehen.“

„Ach?“ Jess sieht ihn bedeutungsschwer an: „Interessant!“

„Ja. Er hat sie mir umgelegt und ich wäre beinahe ohnmächtig geworden.“

„Wie kommt er denn dazu?“

„Ich hab keine Ahnung. Ich hab das Gefühl, dass er mich irgendwie mag. Wir haben uns super verstanden... Aber er ist trotzdem etwas irritiert, glaube ich. Er hat mich als Mädchen gelesen.“

„Und hast du ihn aufgeklärt?“

Samy nickt halb: „Nein, er ist doch erstmal abgehauen, hast du das nicht bemerkt? Kaum hast du mich mit „ihn“ betitelt, war er weg.“

„Und kurz danach wieder da. Also ich hatte nicht das Gefühl, dass es daran lag, dass er kurz verschwunden ist?“

„Siehst du ihn denn jetzt hier irgendwo?“ Samy macht eine Schnute.

„Oh... denkst du er ist wegen dir abgehauen?“

„Wäre ja nicht wirklich ´ne Premiere, oder?“

„Mal mal nicht den Teufel an die Wand. Es muss nicht sein, dazu habt ihr euch viel zu gut verstanden.“

Da hat Jess eigentlich Recht.

„Naja, vielleicht ist er wirklich einfach krank.“

„Genau.“

Samy verdreht plötzlich die Augen: „Auch das noch... Kevin ist im Anmarsch.“

Währenddessen liegt Flo zu Hause in seinem Bett und kämpft weiter vergeblich gegen die Übelkeit an, die ihn seit der Fabrik fest im Griff hat.

Den halben Heimweg über hatte er sich schon übergeben, auch zu Hause hatte er die erste Stunde im Badezimmer verbracht. Nun scheint er zwar leer gekotzt zu sein, aber das komische Gefühl hält an.

Schlafen kann er auch nicht. Jedes Mal, wenn er vor Müdigkeit seine Augen schließt, taucht Samy in seinen Gedanken auf und Flos Eingeweide drehen die nächste Runde im Karussell. Er kriegt ihn einfach nicht aus dem Kopf. Wie eine höhere Gewalt drängt er sich immer wieder in Flos Gedanken und sorgt dafür, dass sein Herz bis zum Hals schlägt und ihm schwindelig wird. Es regt ihn auf, dass er so gar keine Kontrolle darüber hat und er fragt sich, was da generell mit ihm los ist, sowas war ihm noch nie passiert! Als ob er verknallt wäre! Aber Samy ist schließlich ein Kerl, und Flo nicht schwul! Wobei... Flo weiß immer noch nicht, was Samy ist, und das macht ihn beinahe wahnsinnig. Wieder drehen sich Flos Gedanken nur um ihn, und er dreht sich fluchend auf die Seite und angelt nach seinem Handy. Er beantwortet Jess´ Nachricht kurz: „Ich bin nach Hause und nur am Kotzen, hab sicher so´nen Magen/Darm-Infekt. Liege im Bett, macht euch keine Sorgen, wünsch euch noch viel Spaß.“

Dann sieht er, dass Jess Bilder in ihren Status gepostet hat. Er sieht sie sich an, in der Hoffnung, Samy auf einem der Bilder zu entdecken. Das vorletzte der sieben hochgeladenen Bilder ist dann tatsächlich ein Selfie von Jess und Samy. Es rauscht leider viel zu schnell durch, so dass Flo überhaupt nicht richtig hingucken konnte. Er sieht sich also alles noch einmal an, und als das Selfie erneut auf seinem Bildschirm erscheint, macht er schnell einen Screenshot.

Dann starrt er das Bild minutenlang an.

Auf dem Bild trägt Samy keinen Lippenstift mehr. Das gefällt Flo sogar besser. Schlimmer noch: Sein Mund ist wunderschön. Wunderschön. Das ist, was Flo denkt. Auch die Ohrringe sind verschwunden. Nur die langen dunklen Wimpern sind noch da. Und Flos Kette liegt noch immer auf seiner Brust. Aber einsortieren kann Flo Samy immer noch nicht.

Flo switcht in die Instagram-App und sucht jetzt gezielt nach Samy. Unter Jess´ Followern wird er fündig, aber Samys Profil ist privat, er muss ihm also erst folgen, ehe er Samys Profil komplett durchstöbern kann.

Als Samy sich gegen halb vier auf den Heimweg macht, steckt er sich seine Kopfhörer in die Ohren und nimmt sein Smartphone zur Hand, um seine Musik zu starten.

Auf dem Bildschirm erscheint in genau diesem Moment eine Push-Nachricht von Insta: Followeranfrage von Flo.

Samy öffnet aufgeregt die App. Flo ist also noch wach und hatte ihn, aus welchem Grund auch immer, bei Insta gesucht und gefunden. Samy nimmt die Anfrage also an, dann geht er mit zittrigen Fingern auf den Nachrichten-Button und schreibt Flo: „Hab gehört, was passiert ist. Ich hoffe es geht dir gut?“

Die Antwort von Flo kommt sofort: „Es geht, hab mich ausgekotzt und liege jetzt im Bett.“

„Zuviel getrunken?“ fragt Samy.

„Ich habe keine Ahnung. Mir ist immer noch schlecht. Denke, ich hab vielleicht so´ne Magen/Darm-Grippe.“

„Oh scheiße... Dann solltest du jetzt besser schlafen.“

„Das versuche ich ja, aber es will irgendwie nicht klappen. Was ist mit dir? Noch am feiern?“

„Auf dem Heimweg. Der Typ mit der Basecap ist wieder aufgetaucht und da hab ich die Flucht ergriffen.“

Samy starrt auf den Bildschirm. Flo lässt sich ziemlich Zeit mit der Antwort, aber dann kommt:

„Wäre ich noch da gewesen, hätte ich mir den mal vorgeknöpft. Ich hoffe er hat dich nicht wieder belästigt?“

„Alles okay. Und... Lieb von dir, dass du mich beschützt hättest.“

Wieder dauert es eine Weile, ehe Flo antwortet: „Hoffe du kommst jetzt unversehrt heim.“

„Bin gerade angekommen.“ schreibt Samy.

„Sehr gut.“ schreibt Flo: „Dann schlaf jetzt gut. Ich versuche es auch nochmal.“

„Ich hab deine Kette noch“ schreibt Samy.

„Bei dir ist sie sicher safe.“

„Ich pass auf sie auf. Gute Nacht.“

Von wegen.

Flo studiert Samys Insta-Profil noch ausgiebig. Seine Stories und Posts beschränken sich hauptsächlich auf  Videos aus dem Proberaum, der Bühne und (vermutlich) Samys zu Hause, wo er ein paar Songs auf der Akustikgitarre spielt und dazu singt. Ein paar andere zeigen ihn beim Tanzen, und da staunt Flo nun Bauklötze.

Seltsamerweise passt das Tanzen zu Samy wie der Arsch auf den Eimer, und obwohl Flo keine Ahnung vom Tanzen hat, erkennt er, dass Samy ziemlich talentiert zu sein scheint, und dazu auch noch unfassbar trainiert. Flo starrt auf sein Handy und bestaunt mit großen Augen, zu was für Verrenkungen und Bewegungen Samy fähig ist, er ahnt, dass Samy diesen Sport schon länger ausübt als erst ein paar Monate. Ihm bleibt tatsächlich die Spucke weg.

Samy hat in den meisten Clips seine Haare zu einem unordentlichen Dutt geknotet, was ihn wieder aussehen lässt wie ein (ziemlich hübsches) Mädchen, sein Körper ist extrem schlank, aber doch irgendwie sportlich, Samy ist anmutig, elegant und scheiße, er ist wunderschön. Sexy.

Hat er das gerade wirklich gedacht?

Flo schließt irgendwann die Augen und hofft, diese Bilder schnell wieder los zu sein.

Und Samy liegt kurz darauf in seinem Bett und liest den kurzen Chat mit Flo immer und immer wieder. Dass Flo ihm so liebe Dinge geschrieben hatte bringt sein Herz ganz schön in Aufruhr.

Das klingt alles tatsächlich nicht so als ob Flo ein Problem mit Samys Person haben würde.

Aber dadurch hat Samy ja längst noch nichts gewonnen....

Er dreht sich auf die Seite und seufzt. Flo hat eine Freundin gehabt und ist vermutlich stockhetero. Besser er schlägt ihn sich gleich aus dem Kopf und findet sich damit ab, dass er offenbar dazu verdammt ist, sich, wenn er sich denn mal verliebt, konsequent in die Falschen zu verlieben. 

Samy ist keiner von denen, die ihr Herz besonders schnell verlieren, aber wenn, dann richtig. Dass Flo ihm in so einer kurzen Zeit schon ein verdächtiges Kribbeln in den Bauch zaubert, ist alarmierend. Er entsperrt sein Handy und schreibt Jess:

„Ganz toll, jetzt bekomme ich den Typen schon nicht mehr aus dem Sinn. Kannst du bitte das nächste Mal, wenn du einen Mitbewohner aussuchst, jemand ganz Schrecklichen wählen?“

Doch das Handy bleibt stumm. Jess scheint schon zu schlafen.

Samy aber bekommt kein Auge zu. Er bekommt Flos Blicke nicht aus dem Kopf, wasserfarbenblaue Blicke, die er nicht einsortieren kann. Da lag so viel in ihnen, dass er keine einzige Bezeichnung dafür findet. Und Flo hatte ihn verdächtig oft angesehen, und zwar auf eine Art und Weise, die bei Samy für eine schlaflose Nacht ausreicht.

Als Flo am nächsten Morgen in die WG Küche kommt, sehen Jess und Andy ihn besorgt an:

„Hey, was war los gestern abend?“

Flo lehnt sich an die Theke und stöhnt: „Ich weiß auch nicht, mir war auf einmal übelst schlecht. Ich hab auf dem Parkplatz schon angefangen zu kotzen und erst hier zu Hause aufgehört.“

„Oh man, hast du denn zu viel getrunken?“

Flo schüttelt den Kopf. „Ich hab keine Ahnung. Vielleicht so ne Magen-Darm-Sache. Mir ist immer noch flau.“

„Soll ich dir einen Tee machen?“

Jess ist längst aufgestanden und hat den Wasserkocher angemacht. Flo lächelt sie dankbar an. „Tee ist eine gute Idee. Danke.“

„Nicht dafür.“ Jess kramt im Küchenschrank herum und angelt ein Sachet Kamillentee aus einer Dose, welches sie in eine Tasse hängt. „Schade dass du nicht mit konntest. Der Abend war noch echt krass geil.“

„Ja? Wo wart ihr noch?“

„Sind erst auf die Reeperbahn, später noch in einen queeren Club, aber der Grabscher war da und hat Samy irgendwie die Laune verdorben.“

Flo sieht Jess eine Spur zu neugierig an: „Der Typ mit der Basecap?“

„Ja, Samy hat den mal gedatet und ihm nen Korb gegeben, was der irgendwie nicht verstehen will. Wir haben Samy später retten müssen.“ Jess verdreht die Augen: „Der hat die ganze Zeit an ihm herumgegrabbelt. Andy hat ihn irgendwann verjagt.“

„An ihm herumgegrabbelt...?“ fragt Flo. Er schluckt laut, denn sein Hals ist plötzlich so trocken wie eine Wüste.

„Ja, der hat sich benommen als wäre Samy sein Eigentum! Hat ihn voll unter Beschlag genommen und bedrängelt und immerzu angefasst. Samy war irgendwann echt genervt.“

Jess gießt das Wasser in die Teetasse. „Ich frag mich ob Samy wohl irgendwann mal jemand findet, mit dem es passt. Der gestern hatte schon wieder so Psycho-Anwandlungen. Irgendwie zieht Samy sowas magisch an.“

„Hm.“ macht Flo. Der Gedanke, dass jemand an Samy „herumgegrabbelt“ und ihn angefasst hatte, missfällt ihm. Vor allem wenn er hört, dass Samy das gar nicht wollte. Die Frage ist nur, wieso ihn das so nervt. Es sollte ihm egal sein, er kennt Samy schließlich überhaupt nicht, aber es ist ihm nicht egal. Absolut nicht!

„Also passiert sowas öfter?“ fragt Flo dann.

„Was heißt öfter? Ich mein, du hast Samy ja kurz kennen gelernt, der hat keinerlei Probleme, Leute kennen zu lernen. Es ist nur erstaunlich, wie viele Idioten er anzieht. Dabei hätte gerade er mal jemand richtig Netten verdient. Samy ist so eine Seele von Mensch und gerät immer nur an Vollspacken.“ Jess sieht Flo neugierig an: „Hätten wir dir eigentlich was sagen sollen?“

„Was sagen worüber?“

„Über Samy. Mir kam es so vor, als hätte dich seine „Erscheinung“ ein wenig irritiert.“

„Also ist er immer so?“ staunt Flo, und Jess nickt: „Sein Alltagsoutfit ist zwar dezenter, aber... ja, er ist immer so.“ Jess lächelt Flo an: „Wir hätten dich warnen sollen, oder?“

„Nein... das passt schon. Ist ja auch eigentlich irrelevant, ich erzähl ja auch nicht jedem im ersten Gespräch dass ich hetero bin.  Find´s sogar irgendwie traurig, dass Menschen wie Samy dauernd darüber reden müssen, was sie sind und wo ihre Vorlieben liegen. Ein lebenslanges Outing, sozusagen... stell ich mir echt nervig bis anstrengend vor. Heteros müssen das irgendwie nicht?“

Jess hebt beeindruckt die Augenbraue: „Mega Einstellung, Flo!Schön, dass du das so locker aufnimmst. Ist uns echt wichtig, weil Samy halt echt oft hier ist, wäre schade, wenn das irgendwie Konflikte gäbe.“

„Ach, quatsch, nicht wegen sowas! Jedem das seine. Hauptsache glücklich.“

Zu gerne würde Flo jetzt fragen, was es denn nun mit Samy genau auf sich hat, aber das traut er sich nicht.

„Hast du eigentlich ne Freundin?“ fragt Andy Flo dann, und Flo schüttelt den Kopf: „Nee, hab auch irgendwie gerade Null Interesse daran. Ich hab mir vorgenommen, mich erstmal auf die Uni zu konzentrieren. Meine letzte Freundin hat mich auch echt gestresst, ich bin erstmal kuriert.“

Es klingelt an der Tür, und Jess verlässt die Küche um auf zu machen.

Flo setzt sich an den Küchentisch und nippt an seinem Tee, der immer noch zu heiß ist.

Gerade switchen seine Gedanken wieder zu Samy, als der plötzlich in der Küche erscheint, in den Händen eine Tüte Backwaren und einen Träger mit Kaffeebechern.

Flo blickt auf und zuckt tatsächlich zusammen. Damit hätte er jetzt wirklich nicht gerechnet, Samy so schnell wieder zu begegnen. Dass Flo gerade völlig zerstört in Unterhosen und Gammelshirt am Tisch sitzt, bereitet ihm in Samys Gegenwart großes Unbehagen. Er fühlt sich sofort absolut unwohl und bereut, nach seinem Kotzgelage nicht mal Zähne geputzt zu haben. Am liebsten würde Flo gerade im Boden versinken.

Samy hingegen sieht wieder aus wie einer Modezeitschrift entsprungen, und er bringt einen wohlriechenden Luftstrom mit in die Küche, der nach frisch geduscht riecht und einem Hauch von Jean Paul Gaultier´s „Le Male“, was Flo tatsächlich irgendwie die Sinne vernebelt. Die Assoziation von Samy und Dusche, Samy unter der Dusche, Samy nackt und nass unter der Dusche, lässt ihm sämtliches Blut zuerst in die Wangen, und dann schließlich gen Süden schießen.

Samy lächelt: „Hey, seid ihr fit? Ich hab uns die leckeren Baklava vom „Simit Saray“ mitgebracht, inklusive Kaffee.“

Er läd sein Gepäck auf der Küchenzeile ab und nimmt seine Sonnenbrille ab. Sein Blick fällt auf Flo, der ihn völlig entgeistert anstarrt, vielleicht weil Samy heute kein Make up trägt, zumindest nicht so viel wie gestern. Hat er seine Wimpern heute getuscht? Oder sind die von Natur aus so unverschämt lang und dunkel? Flo ist erneut beinahe schockiert von Samys Aussehen. Wie kann man nur so schön sein? Samy ist wie so ein Celebrity, der ja sogar in seinen Sportklamotten umwerfend aussieht, wie Flo seit der letzten Nacht weiß. Verlegen senkt er seinen Blick.

„Hey Flo, geht es dir besser?“

Flos Blick schnellt wieder nach oben, wo er auf Samys grünen Augen trifft und einige Sekunden lang daran hängen bleibt, Samy schält sich derweil aus seiner Sweatjacke und hängt sie über die Stuhllehne. Sein Shirt ist wieder mal überaus eng und körperbetont, und als er sich aus der Jacke windet rutscht es auch noch ein kleines Stück hoch und legt einen winzigen Streifen Haut frei, wirklich nur ein kleines Stückchen, aber offenbar genug, dass Flo erschrocken den Blick abwendet und beschämt in seine Teetasse starrt:

„Es geht so... mir ist immer noch flau.“

„Oh man.“

Samy lässt sich auf den Stuhl neben Flo fallen und sieht ihn besorgt an: „Du siehst wirklich nicht gut aus.“

Das entspricht nicht ganz der Wahrheit. Samy findet, dass Flo sogar krank umwerfend aussieht, und er würde ihn zu gerne betüddeln. Längst hat er überlegt, ihm eine Hühnersuppe zu kochen, den Gedanken aber schnell wieder verworfen. Das wäre schon ziemlich schräg, wo sie sich doch gestern erst kennengelernt hatten. „Hast du überhaupt was vom Konzert mitbekommen?“ will Samy dann wissen und guckt Flo mit großen Augen an.

Flo nickt hastig: „Immerhin die ersten zwei Songs.“ Er schluckt hart und sieht Samy dann an, wobei er sich ein Lächeln ins Gesicht zwingt: „Du kannst echt toll singen. Klingst wirklich ein bisschen wie Jeff Buckley.“

Samys Augen leuchten: „Oh, danke.“ Samys Blick geht tief und dauert wieder eine Spur zu lang, und Flo wendet sich verlegen ab.

„Ich hatte ganz schön Lampenfieber!“ gesteht Samy dann mit einem Lachen. „Trotz der hier.“ Er will die Kette abnehmen, aber Flo winkt ab: „Behalt sie ruhig noch, du trägst sie wenigstens, bei mir ist sie nur in der Hosentasche. Und sie steht dir wirklich.“

Samy hält inne: „Okay... wenn du das sagst?“

„Sag ich.“ sagt Flo leise. Sieht Samy wieder flüchtig an: „Nein, war wirklich toll. Ich hätte gerne mehr gesehen, oder gehört.“ Nichtmal gelogen. Flo erinnert sich an Samy, wie er im Scheinwerferlicht gestanden hat wie ein wunderschönes, perfekt beleuchtetes Kunstwerk.

„Du kannst gerne mal zum Proben kommen, wenn dir das gefallen hat?“

Flo nickt überrascht: „Klar, gerne.“

Samy nickt mit glänzenden Augen und schüttelt sich dann zurück in die Realität: „Ich hatte auch dir einen Kaffee mitgebracht, aber ich seh schon, du trinkst lieber Tee?“

Er hat an mich gedacht, beim Frühstück holen, denkt Flo. Ihm wird heiß. Und schwindelig. Und seine Hände beginnen zu zittern.

„Lieb von dir, aber ich fühl mich wirklich noch nicht wieder besonders... ich werd mich jetzt auch wieder hinlegen...“ Flo springt regelrecht auf und nimmt sich seine Tasse. Samy wirft ihm einen besorgten Blick zu: „Brauchst du noch irgendwas?“

„Danke, nein.“ Flo verlässt schleunigst die Küche, und Samy sieht Jess ratlos an, die zuckt nur die Schultern und verteilt die Kaffeebecher.

Gemeinsam decken sie den Tisch im Wohnzimmer zum Frühstücken. Flo taucht erstmal nicht mehr auf.

Flo liegt währenddessen in seinem Bett und ist kurz vor einer Panikattacke.

Er hat keine Ahnung, was mit ihm los ist. Zuerst bekommt er beinahe eine Erektion, nur weil jemand die Worte „Samy“ und „anfassen“ in einem Satz ausspricht, und was war das gerade? Samy kommt herein, und Flo bekommt so krasses Herzrasen, dass er fast daran erstickt!

„Scheiße, Scheiße, Scheiße... !“ murmelt er, und zieht sich die Decke über den Kopf.

Ich finde ihn heiß. Fuck, ich steh auf ihn!, schießt es Flo durch den Kopf. Was denn sonst?

Die Symptome sind doch eindeutig, oder etwa nicht? Aber warum? Er war doch völlig normal gewesen bisher? Er fand Mädchen scharf. Lange Haare, Kulleraugen, weiche, weibliche Körper.

Und jetzt?

Jetzt wandert Flos Hand an seinen Schwanz, weil es offenbar reicht nur an Samy zu denken um knüppelhart zu werden. Vor Flos innerem Auge erscheint das Bild von Samy gestern abend auf der Bühne. Die Haare, die ihm verwegen in die Augen hingen, die vollen Lippen, dieser Blick aus diesen spektakulären Augen... Flo lässt seine Gedanken zum ersten Mal zu und spinnt den Traum weiter, träumt sich mit Samy in den Club, in einen langen, spärlich beleuchteten Flur. Da sind nur Samy und Flo, und Flo packt ihn an seinem nackten Oberarm und hält ihn fest. Dreht ihn zu sich. Samy sieht ihn an, erstaunt, irritiert, seinen Mund halb geöffnet. Flo geht einen Schritt auf ihn zu und betrachtet eingehend all die Stellen nackter Haut, die er in seinem jetzigen Tagtraum völlig ungeniert anstarren kann, und Samys Atem geht schneller, er zittert, und Flo drückt sich an ihn, spürt seinen warmen Körper an seinem, Samy taumelt ein Stück zurück, bis er an der Wand steht, Flo vor ihm, ganz nah.

Samy keucht, Flo keucht... und als er sich vorstellt Samy zu küssen und wie es sich wohl anfühlen mag, seine Zunge in seinem Mund zu spüren, kommt er gewaltig in seine Shorts.

Wie ein Scheiß Teenager!

„Oh verdammt...“

Flo richtet sich benommen auf und schaut sich nach irgendwas um, womit er seine Schweinerei weg machen kann. Er findet ein Päckchen Taschentücher und säubert sich beschämt.

Ganz großes Kino, denkt er. Ich hab mir gerade tatsächlich auf dieses Wasauchimmer einen runtergeholt, und scheiße, es war auch noch geil.

Verzweifelt lässt er sich zurück auf sein Kissen fallen und ist kurz darauf eingeschlafen.

Als er die Augen öffnet, erschreckt er sich beinahe zu Tode, denn sein feuchter Traum steht direkt neben seinem Bett und sieht ihn genau so erschrocken an: „Fuck, entschuldige... ich wollte dich nicht wecken!“ entschuldigt Samy sich. „Ich hab dir nur was auf deinen Nachttisch gelegt, etwas gegen die Übelkeit... und noch einen Tee.“

Flo starrt Samy verständnislos an. Er weiß nicht was er sagen soll. Er wirft einen Blick auf seinen Nachttisch, wo Samy ihm Vomex-Tabletten hingelegt hat, direkt in seinen Haufen Wichs-Taschentücher. Flo läuft rot an und würde am liebsten, mal wieder,  im Boden versinken.

„Ich lass dich weiter schlafen.“ sagt Samy leise. „Also... gute Besserung und... wir sehen uns.“

Flo sieht ihm schweigend hinterher, wie Samy sein Zimmer verlässt und die Tür leise schließt.

Lässt sich verzweifelt zurück in die Kissen sinken und flucht leise. Fragt sich, wieso er es bisher nicht einmal geschafft hat, in einem halbwegs normalen Zustand zu sein wenn er Samy begegnet ist. Entweder hat er gestarrt und gestottert, saß in Gammelklamotten völlig zerstört in der Küche oder er lag in einem Haufen vollgewichster Taschentücher herum. Und wenn alles „normal“ wäre, könnte es ihm ja sogar egal sein. Aber aus irgendeinem Grund ist es Flo nicht egal. Er schämt sich in Grund und Boden.

Später am Tag wagt Flo sich dann doch wieder aus seinem Zimmer. In der WG ist es verdächtig still, so dass er glaubt allein zu sein, aber er irrt sich.

Jess liegt auf der Wohnzimmercouch, und auf dem Fußboden neben ihr hockt ein strubbliger Lockenschopf mit großen, grünen Augen, die sich augenblicklich auf Flo richten, als der an der Tür vorbei schleicht. Flo zuckt zusammen, Samy sieht ihn stumm an, und Jess krabbelt sich zurück in die Vertikale und legt ihr Handy auf den Tisch. „Ich muss jetzt eben los, bleibst du hier oder verschwindest du gleich?“ fragt sie Samy.

Samy richtet seinen Blick auf Jess: „Wie lange bist du denn weg?“

„Keine Ahnung, ne Sunde, vielleicht anderthalb?“ Jess streckt sich, und Flo tapst weiter Richtung Badezimmer. Den Tee hat er tatsächlich getrunken, und der will jetzt in gefühlt zehnfacher Menge wieder raus. Sein Flüssigkeitshaushalt scheint zumindest wieder hergestellt zu sein, das ist schonmal gut. Wo er einmal im Bad ist, schrubbt er sich auch gleich noch gründlich die Zähne und nimmt eine sporadische Deo-Dusche. Er sieht erbärmlich aus, denkt er, und ahnt, dass es nichts bringen wird, irgendwie an sich herum zu fuhrwerken, er ist bleich, hat dunkle Ringe unter den Augen, er sieht einfach aus wie er sich fühlt: schlapp.

Als er schließlich aus dem Bad kommt, ist Jess verschwunden, es ist still in der WG, aber Samy hockt immer noch auf dem Fußboden und daddelt an seinem Handy herum.

„Wo... wo sind denn alle hin?“ fragt Flo und kratzt sich am Kopf. Samy schaut auf, und Flo bemerkt es gleich wieder; dieses Kribbeln, was seine Augen auf ihm verursachen. Zu gern wüsste er, was da los ist.

Samy sieht ihn an und legt sein Handy auf den Tisch: „Jess und Andy sind Jess´ Opa im Seniorenheim besuchen, und Josh ist zu seiner Freundin.“

Flo nickt ihm scheu zu: „Und... du?“

„Ich... pass wohl auf dich auf.“

Samy sieht Flo mit dem Hauch eines Lächelns an, und Flo hat augenblicklich wieder das Gefühl, von Samys Blick durchbohrt zu werden. Eine Mischung aus Unbehagen und Aufregung durchströmt ihn, und irgendwie ist er auch gerührt, dass Samy hier allein im Wohnzimmer sitzt und ihn bewacht, nur weil er sich letzte Nacht ein paar Mal übergeben musste.

„Ich glaube, es geht mir wieder ganz gut.“ seufzt Flo, und läuft dann barfuß in das Wohnzimmer, um sich mit ausreichend Sicherheitsabstand zu Samy auf den Hocker zu setzen.

„Danke für die Vomex. Die haben mich echt gerettet.“

Samy lächelt ihn stumm aber glücklich an.

„Hast du eventuell Hunger?“ fragt er Flo dann: „Ich könnte dir ´ne Suppe machen? Oder Reis?“

Flo reißt seinen Blick von ihm los und steht zögernd auf: „Das lass ich heute lieber, danke. Ich... denke, ich sollte mal duschen...“

„Bist du sicher? Du siehst immer noch ziemlich schlapp aus. Nicht dass du unter der Dusche umkippst?“ Samy beißt sich auf die Unterlippe. Jetzt hat er sich auch noch selber getriggert und hofft, dass Flo seine Verlegenheit nicht bemerkt.

„Ich denke ich schaff das. Was ist mit dir?“

Samy sieht ihn perplex an: „Ich hab schon geduscht, falls du das meinst?“

Flo lacht: „Eh, nein, ich meinte: Kommst du klar?“