Ethik für die Soziale Arbeit und helfende Berufe - Thomas Schäfer - E-Book

Ethik für die Soziale Arbeit und helfende Berufe E-Book

Thomas Schäfer

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Beschreibung

Wie verhalte ich mich, wenn ich vor einem beruflichen Dilemma stehe? Wie werde ich meinen Klientinnen und Klienten gerecht – und auch mir selbst? Ethisch kompetentes Denken und Handeln ist im sozialarbeiterischen Alltag immer wieder gefragt. Dieses Lehrbuch präsentiert wichtige Grundlagen für professionell-verantwortliches ethisches Denken und Handeln im Bereich Sozialer Arbeit. Neben ethischen Grundbegriffen und Theorien erläutert der Autor auch Themen wie Menschenrechte und Achtsamkeit, immer zugeschnitten auf die Bedürfnisse angehender Sozialarbeiter:innen. Übungen regen zum Mitdenken an und helfen dabei, entsprechende professionelle Haltungen einzuüben.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 227

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thomas Schäfer

Ethik für die Soziale Arbeit und helfende Berufe

Eine Einführung in ethisches Denken, Handeln und philosophische Reflexion

2., durchgesehene Auflage

Verlag Barbara BudrichOpladen & Toronto 2026

[4] Der Autor:

Dr. Thomas Schäfer, Akademischer Mitarbeiter und Lehrbeauftragter für Ethik, Philosophie und Propädeutik an der Alice Salomon Hochschule Berlin und der Hochschule Fulda

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

 

Informationen unter https://budrich.de/nachhaltigkeit/.

Alle Rechte vorbehalten.

© 2026 Verlag Barbara Budrich GmbH, Opladen & Toronto

Stauffenbergstr. 7 | D-51379 Leverkusen | [email protected] | www.budrich.de

utb-Bandnr.  5608

utb-ISBN      978-3-8252-6579-3

utb-e-ISBN   978-3-8385-6579-8 (PDF)

utb-e-ISBN   978-3-8463-6579-3 (EPUB)

DOI               10.36198/9783838565798

E-Book-Estellung: CPI books GmbH, Leck, Germany

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter https://www.utb.de/.

Umschlaggestaltung: siegel konzeption | gestaltung

Titelbildnachweis: pixabay, Free-Photos

[5] Für Susanne und Sophie

[7] Inhalt

Einleitung

1 Ethische Fragen und Probleme und ihre Hintergründe

1.1 Grundbegriffe der Ethik

1.1.1 Der Begriff der Ethik in Alltag und Wissenschaft

1.1.2 Normative und nicht-normative Urteile

1.1.3 Technische und ethische Urteile

1.1.4 Ethische und moralische Urteile

1.1.5 Moralisieren und ethisches Argumentieren

1.1.6 Normen, Werte und ethische Begründungen

1.1.7 Das ethische und moralische Dilemma

1.2 Ethische Konfliktfälle

1.2.1 Fall 1: Suizid verhindern – Verantwortung und freier Wille

Exkurs: Verantwortung und Freiheit

Verantwortung

Freiheit

1.2.2 Fall 2: Unprofessionelle Arbeit – Nutzen oder Prinzip

1.2.3 Fall 3: Entlassung aus der Psychiatrie – Sprache und Menschenbilder

Exkurs: Identität und Identitäten

Der Begriff der Identität

Identitäts-Konflikte

Kollektive Identität

2 Ethische Theorien und Konzepte

2.1 Die Ethik Immanuel Kants

2.2 Die Ethik des Utilitarismus

2.3 Vergleich der beiden Positionen

2.4 Praktische Anwendung

2.5 Weitere ethische Positionen

Exkurs: Glück und gutes Leben

[8] Philosophie

Psychologie

Spirituelle Weisheitslehren

3 Allgemeine ethische Orientierungen: Achtsamkeit und Menschenrechte

3.1 Achtsamkeit

3.1.1 Grundgedanken

3.1.2 Achtsamkeit in sozialen Berufen

3.2 Menschenrechte

3.2.1 Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession

3.2.2 Menschenrechte und Professionsethik

Exkurs: Toleranz, Respekt und Wertschätzung

Der Begriff der Toleranz

Toleranz und Intoleranz

4 Formen der kritischen Selbstreflexion

4.1 Michel Foucaults Subjektanalytik

4.1.1 Das Begriffsschema

4.1.2 Praktische Anwendung auf die eigene Berufsidentität

4.2 Selbstreflexion und seelische Gesundheit

4.2.1 Umgang mit Ärger und Wut

4.2.2 Bedeutung für die sozialen Berufe

Schlussbetrachtung

Anhang

A Bearbeitungshinweise zu den Übungen

B Lösungen zu den Aufgaben

C Lösungen zur abschließenden Übung

Literatur

[9] Einleitung

In dem vorliegenden Lehrbuch1 geht es um ethische Probleme und Konflikte im Rahmen Sozialer Arbeit und helfender Berufe, die uns – wie auch sonst im Leben – tagtäglich begleiten. Dabei handelt es sich aber nicht nur um einfache alltägliche Herausforderungen, die wir zumeist mehr oder weniger gut bewältigen. Sondern es geht v.a. um solche, die uns immer wieder sehr zu schaffen machen und die uns manchmal im Denken und Handeln blockieren können. Gerade hier ist es deshalb umso wichtiger, mit viel Sorgfalt, Umsicht, Nachdenklichkeit und Reflektiertheit vorzugehen. Dabei wollen die hier vorgelegten Gedanken und Überlegungen unterstützen und hilfreiche Wege aufzeigen.

Das Buch möchte Ihnen konkrete Strategien und Wege zur Lösung solcher und anderer ethischer Probleme und Konflikte sowie deren Hintergründe aufzeigen. Es beherzigt damit die Aufforderung aus den berufsethischen Prinzipien der International Federation of Social Workers (IFSW) und der International Association of Schools of Social Work (IASSW), in denen es heißt:

„Sozialarbeiter_innen sollen die ethische Debatte mit ihren Kolleg_innen und Arbeitgeber_innen fördern und pflegen und die Verantwortung übernehmen, ethisch informierte Entscheidungen zu treffen“ (IFSW/IASSW, 2004, S. 6).

Das „Lösung“ ethischer Fragen, Probleme und Konflikte kann hier allerdings nicht als endgültige Klärung verstanden werden, weil die Antworten, die gefunden werden, in der Regel umstritten sind und bleiben. Und dies zu Recht, weil die dahinterstehenden menschlichen Werte oder Weltanschauungen in der Regel einen zutiefst subjektiven, perspektivabhängigen oder kulturspezifischen Charakter haben. Allerdings kann im Rahmen dieses Buches doch sehr viel zu der Frage des Umgangs mit ethischen Herausforderungen gesagt werden. Es lassen sich nämlich verschiedenste Vorklärungen, Situationsanalysen und Reflexionen aufzeigen, mit deren Hilfe sich die Probleme klarer, geordneter und tiefgründiger darstellen, sodass mögliche, gut begründete Lösungen oder zumindest Lösungsalternativen erkennbar werden.

In diesem Zusammenhang stellen sich weitergehende Fragen, die uns unweigerlich zu ethischen Konzepten und Theorien führen sowie letztlich auch in philosophisches Nachdenken. Es wird nämlich in den meisten Fällen sehr schnell deutlich, dass ethische Probleme nur auf der Basis solchen Nachdenkens und Reflektierens wirklich befriedigend gelöst werden können. Insofern hatte der Philosoph Arthur Schopenhauer recht, als er feststellte:

„Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer“ (Schopenhauer, 2007, Motto).

[10] Nebenbei werden Sie auch erkennen, dass es sich bei der Praxis des Philosophierens nicht um abgehobene, rein theoretische, undurchdringliche und schwierige Gedankenkonstrukte handeln muss (wenn es auch leider oft den Eindruck macht). Vielmehr wird das philosophische Fragen und Denken in diesem Buch als eine Reihe von Haltungen und Methoden präsentiert, die Klarheit und tiefes Verständnis beim Lösen praktischer Probleme schaffen. Und dies kann sich für Sie als notwendig und hilfreich erweisen, um ein ethisch verantwortliches Leben in Beruf und Alltag führen zu können.

Der Gewinn Ihrer Beschäftigung mit den folgenden Kapiteln besteht einerseits in einer gesteigerten Urteils- und Entscheidungskompetenz und andererseits in der Erfahrung, innerlich souveräner und damit gelassener und stressfreier zu werden. Denn kaum etwas bereitet uns mehr Stress als innere Unklarheit, Unstrukturiertheit, Oberflächlichkeit und Unsicherheit. Dies hat oft zur Folge, dass man mehr oder weniger darin verunsichert oder gar blockiert ist, einen eigenen Standpunkt einzunehmen und diesen nach innen und außen gut vertreten zu können. Dementsprechend stellt der Philosoph Peter Bieri fest:

„Man lebt nicht gut mit dem Gefühl, gerade in den wichtigsten Dingen keine Klarheit zu besitzen“ (Bieri, 2003, S. 26).

Aus all dem zuvor Gesagten ergibt sich für das Buch nun folgendes Programm: In Kapitel 1 wird gezeigt, wie ethische Alltagsprobleme in der professionellen Sozialen Arbeit mit ethischem Denken und philosophischer Reflexion verknüpft werden können, wenn nicht gar müssen. Damit wird beispielhaft eine Praxis vorgestellt, die in der Literatur häufig mit dem Stichwort „ethical reasoning“ (Großmaß & Perko, 2011, Kap. 3) belegt wird – ein Ausdruck, der sich am sinnvollsten wohl mit „vernünftiges ethisches Nachdenken oder Argumentieren“ übersetzen lässt. Und genau darum soll es auch gehen: ethische Fragen und Probleme nicht intuitiv zu beantworten, sondern im Sinne eines vernünftigen Denkens, bei dem die relevanten Gesichtspunkte einer ethischen Konfliktsituation sorgfältig geprüft werden.

Zunächst werden recht ausführlich wichtige Grundbegriffe der Ethik eingeführt, um im Anschluss daran dann ethische Problemsituationen sowie Ansatzpunkte für ihre Lösung anhand dreier Fallgeschichten vorzustellen. Dort eingefügt finden Sie auch die ersten zwei Exkurse. In ihnen werden einige wichtige Themen, die in den Fallanalysen anklingen (Verantwortung, Freiheit, Identität), etwas systematischer dargestellt und weiter vertieft.

Kapitel 2 stellt Ihnen einige wichtige ethische Grundpositionen und Prinzipien vor, wie sie im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende seit der Antike entstanden sind. Sie bilden einen vielfältigen Hintergrund für das ethische Denken und Handeln im Alltag und vermögen dieses oft zu begründen oder zu kritisieren. In diesem Rahmen wird deutlich werden, dass wir im Alltag ethisch und moralisch Handelnden [11] uns in aller Regel im Geiste eines oder auch mehrerer dieser Ansätze bewegen, wenn uns dies oft auch nicht bewusst ist. Ziel des Kapitels ist es deshalb, das eigene Handeln und Entscheiden als Ausdruck ethischer Grundpositionen erkennen zu können. Der abschließende Exkurs über Glück und gutes Leben greift ein Thema auf, das in diesem Kapitel bereits zuvor mehrfach auftauchte, hier nun aber umfassender und systematischer vorgestellt wird.

In einem nächsten Schritt – Kapitel 3 – präsentiert der Text mit den Themen „Achtsamkeit“ und „Menschenrechte“ zwei der gegenwärtig prominentesten und in der Sache auch bedeutsamsten allgemeinen Konzepte einer Ethik Sozialer Berufe oder – genauer gesagt – einer Ethik für die Sozialen Berufe. Beide Konzepte bieten einen Handlungsrahmen für die vielfältigen konkreten Fragen, Probleme und Entscheidungen in unserem Alltag. In einem ersten Schritt wird u.a. gezeigt, inwieweit die individuelle Haltung der Achtsamkeit v.a. für den Umgang mit den diversen inneren wie äußeren Problemen und Spannungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation bedeutsam sein kann. Im zweiten Schritt wird herausgearbeitet, was die politische Positionierung im Sinne der Menschenrechte für die Soziale Arbeit genauer bedeutet. In diesem Rahmen wird auch auf die „Professionsethik“ bzw. die Ethik helfender Berufe eingegangen. Da in diesem Rahmen Überlegungen zu Toleranz bzw. Intoleranz angestellt werden, schließt das Kapitel mit einem vertiefenden Exkurs dazu.

Im Kapitel 4 geht es schließlich um kritische Selbstreflexion. Hierbei handelt es sich um eine Praxis, die häufig und zu Recht all denen nahegelegt wird, die beruflich „mit Menschen arbeiten“, und zwar v.a. deshalb, weil Unbedachtheit und Naivität im eigenen Denken und Handeln dazu führen können, anderen oder auch sich selbst zu schaden. Darüber hinaus sind kritische Reflexion und insbesondere Selbstreflexion auch allgemein hilfreich, um ein aufgeklärtes und gutes Leben führen zu können.

Zum einen wird hier die Subjektanalyse des französischen Philosophen Michel Foucault vorgestellt. Mit deren Hilfe lassen sich identitäts- und rollenbezogene Fragen beantworten, wie etwa: „Wer bin ich und wer will ich als Sozialarbeiter_in eigentlich sein?“, „Welches sind meine Ideale und warum leiten sie mich?“, „Was kann ich tun, um sie zu erreichen?“. Zum anderen werden in diesem Kapitel Formen der Selbsterforschung und Selbststeuerung vorgestellt, wie sie in antiken Texten empfohlen werden, um zu einem besseren bzw. gesünderen Leben in größerer Seelenruhe und Gelassenheit zu gelangen.

Insgesamt können Sie an diesem ersten inhaltlichen Überblick bereits erkennen, dass ethische Fragen, Probleme oder Konflikte in der Regel nicht als Situationen angesehen werden sollten, die man ohne weiteres direkt, unmittelbar, intuitiv oder pragmatisch lösen könnte. Vielmehr wurde hier ja schon angedeutet, dass es sich um Situationen handelt, die eines weiteren Blickes bedürfen, d.h. einer Art „systemischer“ Perspektive, die möglichst alle für die [12] Problemlösung relevanten Faktoren einbezieht, die in den einzelnen Kapiteln vorgestellt werden. In dem Maße wie dies jeweils gelingt, lässt sich von aufgeklärtem und verantwortlichem ethischen Handeln sprechen.2

[13] 1 Ethische Fragen und Probleme und ihre Hintergründe

Ziel dieses Kapitels ist es, Ihnen anhand der Diskussion einiger Fallbeispiele Mittel an die Hand zu geben, ethische Konfliktfälle mithilfe eines aufgeklärten ethischen Denkens und entsprechender philosophischer Reflexionen anspruchsvoll lösen zu können. Darüber hinaus soll Ihnen deutlich werden, dass es dazu des Verständnisses ethischer Grundbegriffe bedarf, die Sie in diesem Kontext kennen- und anwenden lernen werden.

Nebenbei werden Sie nach der Lektüre auch einen Sinn dafür gewonnen haben, dass unreflektiertes moralisches Urteilen und Moralisieren, wie es sich oft im öffentlichen Raum lautstark äußert, mit der hier vorgestellten wissenschaftlichen Haltung nicht vereinbar ist.

Bei den ethischen Konfliktfällen, die wir uns im 2. Teil dieses Kapitels näher ansehen werden, handelt es sich um drei für Soziale Berufe typische und aus der realen Erfahrung berichtete Situationen, die wir unter folgenden Fragestellungen betrachten: „Wo genau liegt der ethische Konflikt?“, „Welche Entscheidungsoptionen bieten sich an?“, „Was sind die jeweiligen Gründe dafür?“ und „Welche gedanklichen Hintergründe des Problems lassen sich auffinden und kritisch befragen, sodass ein tiefergehendes Verständnis einerseits und eine angemessene Lösung andererseits möglich werden?“.

Bevor wir aber in die Analyse der Fälle gehen, sollen zunächst wichtige ethische Begriffe und Unterscheidungen vorgestellt werden. Eine solche Vorarbeit ist nötig, weil erst auf der Basis der damit entstehenden begrifflichen „inneren Landkarte“ ethische Themen angemessen dargestellt und beantwortet werden können.

1.1 Grundbegriffe der Ethik

„Ethik“ ist der zentrale Grundbegriff unserer Überlegungen, weshalb hier mit ihm begonnen wird. In einem ersten Schritt wird das Ethische vom Nicht-Ethischen abgrenzt, eine Unterscheidung, die im Alltag nicht immer sehr klar ist. Nebenbei bemerkt, begeben wir uns damit bereits auf das Gebiet der Philosophie, [14] weil es u.a. die Rolle der Philosophie ist, Grundsätzliches dieser Art sichtbar zu machen und zu klären.

1.1.1 Der Begriff der Ethik in Alltag und Wissenschaft

Beginnen wir mit unserem Alltagsverständnis: „Ethik“ ist hier der Name für die Gesamtheit normativer Urteile, Überzeugungen bzw. Beurteilungen menschlichen Lebens und Handelns, die in einem bestimmten Bereich gelten. So spricht man etwa von einer „christlichen Ethik“, der „Medizinethik“ oder einer „Berufsethik“ (z.B. der Sozialen Arbeit).

Was sind aber nun normativ-ethische Urteile?3 Es handelt sich in der Regel um Antworten auf folgende Grundfragen:

•   Was soll ich/sollen wir tun?

•   Wie soll ich/sollen wir leben?

•   Was ist richtig oder falsch, gut oder schlecht, gut oder böse?

Dies sind allerdings die allgemeinsten ethischen Fragen. In der Regel stellen sie sich im Alltag nicht auf diese Weise und in solch abstrakten Formulierungen, sondern sehr viel konkreter. Da wird bezüglich der ersten Grundfrage im Berufsalltag etwa gefragt:

•   Welcher Fall ist vordringlich zu behandeln?

•   Wieviel Hilfe von welcher Art brauchen unsere Klient_innen?

•   Welche Bewertung wäre hier gerecht?

Bezüglich der zweiten Grundfrage heißt es im Alltag eher:

•   Wie sollen wir wohnen?

•   Welcher Beruf ist für mich der richtige?

•   Sollten wir uns energiesparender verhalten?

•   Sollte ich noch Auto fahren?

Und hinsichtlich der dritten Grundfrage stellen wir konkrete Fragen wie:

•   Ist es richtig, Fleisch zu essen?

•   Ist es wirklich gut, immer mehr Wachstum anzustreben?

•   Ist es richtig und angemessen, sich für seine Klient_innen aufzuopfern?

•   Ist es gut, in einem Team weiterzuarbeiten, mit dem ich nicht die gleichen Haltungen teile?

[15] Ethik, Philosophie und Wissenschaft

Ein erster Gewinn philosophischen Nachdenkens über das Ethische besteht, wie Sie gesehen haben, in der Bildung von Abstraktionen, die die unübersichtliche Vielfalt ethischer Fragestellungen auf den Punkt bringen und auf einige wenige Kernfragen zurückführen. Dadurch wird das komplexe Gebiet des Ethischen übersichtlicher und in seinen thematischen Ausrichtungen deutlicher. Und damit ist nun auch schon ein erster Schritt in Richtung Ethik als Wissenschaft gemacht.

Im Bereich der Wissenschaft wird als „Ethik“ diejenige philosophische Disziplin bezeichnet, die die normativen Überzeugungen des Alltags aus einer Distanz heraus weitergehend reflektiert und analysiert, um diese dann entweder als sinnvoll oder richtig zu begründen und zu legitimieren oder sie auch als problematisch, falsch, unsinnig etc. zu kritisieren. Oft werden dabei oberste Prinzipien aufgestellt, die den Anspruch haben, eine Orientierung für unser ethisches Handeln zu bieten. Solche Prinzipien sind wiederum eingebettet in Moraltheorien, wie z.B. die Ethik Kants, den Utilitarismus, die christliche Ethik oder die Mitleids-Ethik. Diese werden aufgrund ihrer eigenen Normsetzungen häufig „Normative Ethik“ genannt, im Gegensatz zu rein deskriptiver, beschreibender ethischer Theorie, die zuweilen „Meta-Ethik“ genannt wird (Ausführlicheres dazu finden Sie in Kap. 2).

Alltag und Wissenschaft

Wie auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen gibt es hier also nicht nur einen Unterschied der Ebenen, auf denen Alltag und Wissenschaft sich bewegen, sondern auch Spannungen zwischen beiden (Oberfläche vs. Tiefe, Intuition vs. Begründung, Überzeugung vs. Kritik).

Ein deutliches Beispiel für eine offensichtlich oberflächliche intuitive Überzeugung und deren Kritik im Sinne einer tiefergehenden wissenschaftlichen Begründung finden Sie in Fall 3 in Kap. 1.2.3, aber auch immer wieder in vielen anderen Kontexten des Buches.

1.1.2 Normative und nicht-normative Urteile

Oben wurde erläutert, dass es die Ethik mit normativen Fragen bzw. Urteilen zu tun hat. Wir müssen das Normative also zunächst einmal definieren und vom Nicht-Normativen abgrenzen, insbesondere vom Bereich des Deskriptiven, also des bloß Beschreibenden.

So ist das Urteil oder der Satz „Der Mensch ist frei“ rein deskriptiv, denn er beschreibt eine Situation, stellt sie dar oder bildet sie ab. Jedenfalls ist dies [16] der Anspruch des Satzes, unabhängig davon, ob dies stimmt oder nicht, ob es wahr ist oder falsch. Ein wesentliches Merkmal deskriptiver Aussagen ist, dass diese keine Anweisungen formulieren und wertneutral sind. Dagegen beschreibt der Satz „Der Mensch sollte frei sein“ nicht die Wirklichkeit, sondern er stellt eine Norm auf und fordert, dass etwas so und so sein sollte, und zwar in der Regel deshalb, weil es gerade nicht der Fall ist. Das Normative stellt sich also in der Regel der Wirklichkeit entgegen und behauptet, dass eine andere Wirklichkeit besser, wünschenswerter oder richtiger wäre.

Mögliche Täuschungen

Hier ist allerdings Vorsicht geboten, denn man sieht an der äußeren sprachlichen Form nicht immer gleich, worum es sich handelt. So können scheinbar deskriptive Sätze versteckte normative Sätze sein. Der Satz „Das macht man nicht!“ bedeutet so, wie wir ihn in der Regel verwenden, gar nicht „Niemand tut das“. Vielmehr soll hier ausgedrückt werden: „Niemand sollte das tun!“ Deshalb beinhaltet er in Wirklichkeit ein normatives Urteil. Ähnlich verhält es sich mit Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Tatsächlich beinhaltet er die Forderung, dass die Würde des Menschen nicht angetastet werden sollte, denn um eine Tatsache handelt es sich dabei ja (leider) durchaus nicht.

Soweit zur Abgrenzung normativer Urteile von nicht-normativen, deskriptiven. Wir müssen aber auch innerhalb des Normativen noch eine wichtige Unterscheidung erkennen: die Unterscheidung in technisch-normative und ethisch-normative Urteile. Denn nicht alles, von dem behauptet wird, dass man es „soll“ oder „nicht darf“, ist ethisch zu verstehen (Tugendhat, 1993).

1.1.3 Technische und ethische Urteile

Betrachten wir zur Unterscheidung dieser beiden Urteilsarten und zum Verständnis ihrer Beziehung zueinander das folgende Beispiel.

In der systemischen Therapie gibt es den Grundsatz:

„Die Klient_innen sollten in der Therapie die ,Chefs‘ sein!“.

Das heißt, nichts sollte gegen den Willen der Klient_innen getan werden, die therapeutischen Prozesse sollten im Sinne und mit Zustimmung der Klient_in- nen verlaufen. Aber um welche Art des Sollens geht es hier? Es kann sich nämlich um ein technisches wie auch um ein ethisches Sollen handeln. Dies können wir in der Regel an der Begründung erkennen und in unserem Fall gibt es da u.a. die folgenden zwei Möglichkeiten:

1. Die Klient_innen sollten ,Chefs‘ sein, weil die Beratung oder Therapie sonst nicht gut gelingt.

2. Die Klient_innen sollten ,Chefs‘ sein, weil sie ein Recht darauf haben – nämlich das Recht auf Autonomie, auf eine nicht-autoritäre Behandlung.

[17] Deutlich erkennbar ist hier, dass es sich um zwei grundlegend verschiedene Begründungen handelt, die sich nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form unterscheiden. Denn bei der ersten haben wir einen bedingten Grund vor uns, bei der zweiten dagegen einen unbedingten.

1. Bedingt ist die erste Begründung, weil die Chefrolle als Voraussetzung für ein gutes Gelingen angesehen wird. Es geht hier um ein technisches Wenn- dann bzw. eine Zweck-Mittel-Beziehung. Konkret bedeutet das für die Aufforderung zum Handeln: Wenn du deinen Zweck – das Gelingen der Beratung oder Therapie – erreichen willst, dann solltest du das dafür Geeignete tun, also die Klient_innen ,Chefs‘ sein lassen. Und wenn der behauptete Zusammenhang richtig ist, werde ich die Aufforderung auch bejahen und ihr nachkommen können.

Falls ich allerdings den Zweck oder das Ziel gar nicht verfolgen sollte, benötige ich auch das Mittel dazu nicht und muss mich nicht aufgefordert fühlen, entsprechend zu handeln. Ist es mir z.B. gleich, ob die Beratung oder Therapie optimal gelingt (weil ich vielleicht gegenüber dem Leid von Menschen über die Jahre zynisch geworden bin), dann brauche ich auch die geeigneten Mittel nicht anzuwenden: meine Klient_innen ,Chefs‘ sein zu lassen. Die Forderung an mich liefe dann ins Leere, ginge an mir und meinen Interessen vorbei.

Gleiches gilt für den Fall, dass ich dem behaupteten Zweck-Mittel-Zusammenhang nicht zustimmen kann, dass ich also gar nicht glaube oder denke, dass das Mittel geeignet ist, weil ich die Chefrolle vielleicht gar nicht immer als sinnvoll für das Gelingen der Therapie ansehe. Auch dann könnte oder sollte ich der Forderung nicht folgen.

2. Ganz anders verhält es sich nun mit der Begründung 2. Hier wird ein Recht des Menschen als Begründung für die Chefrolle angeführt. Weil dieses Recht auf Autonomie aber nicht an irgendwelche Voraussetzungen (bestimmte subjektive Ziele oder Zwecke) geknüpft ist, gibt es hier auch kein „Falls A, dann B“. Dass ich das Recht meiner Klient_innen achten soll, gilt also unbedingt und Menschen haben dieses Recht sozusagen absolut.4

[18] Falls Ihnen das alles noch zu abstrakt sein sollte, kann der Unterschied von technischem und ethischem Sollen auch anders erklärt werden, nämlich mit Blick auf unsere Bewertungen von Handlungen:

1. Befolgt jemand eine technisch begründete Aufforderung, dann sprechen wir davon, dass die betreffende Person „klug“, „vernünftig“ oder „sinnvoll“ gehandelt habe. Bei Nichtbefolgung halten wir die Handlung für „unklug“, „unvernünftig“ oder „sinnlos“ (z.B.: „Es war nicht klug, dem Klienten an dieser Stelle zu widersprechen, weil das dessen Widerstand provoziert hat“).

2. Ganz anders verhält es sich bei ethisch begründeten Forderungen. Werden diese befolgt, sprechen wir von „verantwortlich“, „menschlich“ oder „gewissenhaft“, im umgekehrten Fall von „unverantwortlich“, „unmenschlich“, „gewissenlos“ und „unanständig“ (z. B.: „Er hat sich sehr gewissenhaft um seine Schüler_innen gekümmert, alles andere wäre auch unverantwortlich gewesen“).

Da wir es als nicht verhandelbar ansehen, dass man aus ethischen Gründen so und so handeln soll oder gar muss, sind unsere Reaktionen bzgl. Lob und Tadel in diesen Fällen folglich sehr viel schärfer als im Falle technisch begründeter Forderungen. Handelt jemand solchen Aufforderungen zuwider, sagen oder denken wir eher so etwas wie: „Ich verstehe sie nicht, sie will doch, dass es gelingt. Warum verhält sie sich dann nicht entsprechend?“ Im äußersten Falle finden wir diese Art unvernünftigen Verhaltens ärgerlich oder anstrengend.

Beim ethischen Fehlverhalten hingegen reagieren wir – in der Regel aufgrund der Verletzung eines Wertes – mit Empörung, Entsetzen oder Entrüstung und bringen damit eine sehr viel stärkere Form der Kritik oder auch Intoleranz zum Ausdruck. Hier sagen wir etwa: „Wie konnte er das nur tun? Das finde ich richtig schlimm! Das geht wirklich nicht!“

Sie sehen, dass sich der Unterschied der beiden Typen normativer Forderungen nicht nur in den Bewertungen, sondern auch im Bereich der Sanktionen deutlich abbildet. Und man könnte sogar bestimmen, um welche Art von normativen Urteilen es sich jeweils handelt, wenn man auf die Reaktionen bzw. Sanktionen schaut.

Zusammenfassung

Bei technisch-normativen Aufforderungen zu einem bestimmten Verhalten gilt es kritisch zu prüfen, ob wir 1. deren Zielen überhaupt zustimmen können und ob wir 2. die Mittel tatsächlich für geeignet halten. Hier kann es bekanntlich viel Diskussion oder sachlichen Streit geben.

Ähnlich verhält es sich bei der Frage nach dem ethisch Richtigen. Hier müssen wir die normativen Aufforderungen (Gebote, Verbote, etc.) ebenfalls kritisch prüfen, z.B. ob wir die dahinterstehenden Werte teilen, und auch hier sind wir uns bekanntlich nicht immer einig.

Übung 1

Ordnen Sie bitte folgende Sätze den Kategorien „technisch“ oder „ethisch“ zu und begründen Sie die Zuordnung. Wie würden Sie die Behauptungen anschließend bewerten?

1. „Wir sollten keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen!“

2. „Die Hartz-IV-Sätze sollten nicht weiter erhöht werden!“

3. „Die Spitzensteuersätze sollten erhöht werden!“

→Hinweise bzw. Lösungen zu allen Übungen und Aufgaben finden sich am Ende des Buches!

1.1.4 Ethische und moralische Urteile

[19] Sie werden bei den vorangegangenen Abschnitten vielleicht eine gewisse Irritation gespürt und sich die folgenden Fragen gestellt haben: Kann man die ethischen Urteile allesamt tatsächlich so charakterisieren? Gibt es dabei nicht unterschiedliche Klassen von Überzeugungen und Urteilen? Wie steht es zum Beispiel mit dem bisher noch gar nicht erwähnten Begriff „Moral“, der doch ein Grundbegriff der Ethik zu sein scheint, und dies nicht nur, weil die Disziplin der Ethik häufig – wie etwa bei Kant – als „Moralphilosophie“ bezeichnet wird?

Diese Fragen führen uns zu einer letzten Unterscheidung, die wir hier noch treffen müssen: die Unterscheidung zwischen ethischen Urteilen einerseits und moralischen andererseits. Sie existiert in der Alltagssprache so nicht, jedenfalls nicht präzise, da die Begriffe häufig synonym verwendet oder zumindest nicht klar gegeneinander abgegrenzt werden. In der Wissenschaftssprache erweist es sich aber als sehr sinnvoll, dass wir zwei verschiedene Arten von Urteilen deutlich unterscheiden, die beide in den Bereich der wissenschaftlichen Disziplin der Ethik gehören (siehe dazu auch die Abb. 1).5 Von der Sache her ist diese Unterscheidung auch deshalb wichtig, weil ihre Vermengung oder Verwechselung sehr ungute Folgen haben kann, sei es im Sinne einer eigenen Orientierungslosigkeit, sei es im Sinne der Ausübung von ethischer Macht und Unterwerfung (eine Feststellung, die allerdings erst am Ende dieses Unterkapitels verständlich werden wird. Siehe dazu insbesondere den „Hinweis“ am Ende!).

Definitionen in der Ethik

[20] Es muss hier noch bemerkt werden, dass wissenschaftliche Begriffe in der Ethik wie auch in anderen Disziplinen unterschiedlich gebildet oder definiert werden können und entsprechend umstritten sind. Das liegt vor allem daran, dass solche Begriffe – anders als etwa „Stuhl“ oder „Haus“ – nicht etwas definieren, was schon vorgegeben da ist (wie Stühle und Häuser) und nun in der Definition nur noch angemessen erfasst werden muss. Vielmehr handelt es sich bei Definitionen, wie „ethisch“ und „moralisch“, um sog. stipula- tive Definitionen, die immer etwas kreativ und willkürlich und deshalb entsprechend umstritten sind.

Insofern müssen Sie sich nicht wundern, wenn Sie in anderen Büchern über Ethik andere Begriffsbildungen finden (Birnbacher & Hoerster, 1976, S. 9ff.). Die hier gewählten Definitionen folgen inhaltlich, wenn auch nicht begrifflich, weitgehend Immanuel Kants Unterscheidung zwischen „hypothetischen“ und „kategorischen Imperativen“ (Kant, 1974, S. 43).

Ethische Urteile

Fragen wir zunächst, was man als „ethische“ Urteile verstehen kann. Wir hatten bereits gesehen, dass der Sinn dieses Urteils von seiner Begründung abhängt, und diese konnte eine normativ-technische oder auch eine normativethische sein. Technische Begründungen sind ja „relativ“, weil sie auf Ziele, Zwecke oder Absichten rückbezogen werden. Erst durch das Vorhandensein solcher Ziele bekommen die Forderungen, dass man etwas tun soll, ihre Bedeutung und Begründung.

Nun können derartige Ziele aber sehr unterschiedlich sein. Sie können mehr oder weniger praktische Ziele innerhalb unseres Lebens sein, etwa das Ziel, ein Studium abschließen zu wollen. Hier wäre die Aufforderung „Du solltest dich in deinem Studium mehr anstrengen!“ auf dieses Ziel gerichtet und erhielte dadurch ihren Sinn und ihre Wirkung. Allerdings ist dabei offen, welche Bedeutung dieses Ziel nun seinerseits hat, und damit kommen wir zum entscheidenden Punkt: Wenn es sich um bloß ein Ziel unter anderen in der langen Kette unserer vielen Ziele im Leben handelt, hat es in sich selbst keine größere Bedeutung, und wir verbleiben damit im Rahmen der oben beschriebenen rein technischen Zusammenhänge.

Haben Ziele aber eine höhere Bedeutung, nämlich für unser Lebensglück, unser gutes Leben, so kann man das, was man dafür tun sollte, als „ethische“ Handlungen bzw. Aufforderungen verstehen. Dieser Gedanke geht letztlich auf Aristoteles (1969) zurück, der das Glück als höchstes Gut des Menschen [21] ansah, wonach jeder Mensch natürlich strebe. Aber ist es auch für alle dasselbe? Sicher ist das nicht der Fall, denn wir wissen aus Erfahrung wie auch aus der Glücksforschung, dass unsere Vorstellungen vom Glück oder dem guten Leben in vielem sehr subjektiv sind, dass Glück für unterschiedliche Einzelne oder Gruppen häufig ja etwas sehr Verschiedenes bedeutet und sich dies in der Regel auch über die Zeit verändert. Zu all diesen subjektiven und situativen Unterschiedlichkeiten kommt noch hinzu, dass bei der praktischen Umsetzung solcher Ziele oft verschiedene Wege gewählt werden.

Auf diesem Hintergrund lässt sich nun feststellen, dass ethische Urteile v.a. durch zweierlei zu bestimmen sind:

1. Sie müssen als subjektiv und partikular gültig betrachtet werden: Die normativen Urteile beziehen sich auf bestimmte Menschen(gruppen) oder Situationen. Sie müssen insofern als Empfehlungen oder Ratschläge verstanden werden, weil über ihre Gültigkeit und Befolgung letztlich allein der oder die Betroffenen angemessen entscheiden können und auch sollten.

2. Sie müssen als hypothetisch und nur bedingt gültig betrachtet werden: Die normativen Aufforderungen stehen unter dem Vorbehalt, dass die Betreffenden das Ziel der Forderung auch tatsächlich anstreben.

Beispiel 1.1: Ehe als ein allgemeiner Wert?