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In seinem Werk 'Gefährliche Liebschaften', geschrieben von Pierre Ambroise Choderlos de Laclos, taucht der Leser in die intrigante Welt des Adels im vorrevolutionären Frankreich ein. Der Roman, veröffentlicht im 18. Jahrhundert, zeichnet sich durch seinen epistolarischen Stil aus, der die Briefkorrespondenz zwischen den verschiedenen Charakteren des Buches widerspiegelt. Durch die detaillierte Beschreibung der manipulativen Machenschaften und Liebesintrigen ist Laclos' Werk ein Meisterwerk der französischen Literatur und ein Klassiker des literarischen Realismus. Der Autor nutzt geschickt die Briefform, um die Abgründe menschlicher Beziehungen und die dunklen Seiten des Adels darzustellen. Pierre Ambroise Choderlos de Laclos, ein französischer Offizier und Schriftsteller, der selbst am Hofe König Ludwigs XVI. verkehrte, kannte die Intrigen und Machtspiele des Adels aus erster Hand. Seine persönlichen Erfahrungen spiegeln sich in der brillanten Darstellung von Charakteren wider, die zu Marionetten in einem Spiel der Eitelkeiten werden. 'Gefährliche Liebschaften' ist ein zeitloses Werk, das den Leser fesselt und zum Nachdenken über die menschliche Natur anregt. Für Liebhaber von literarischen Intrigen und psychologischer Tiefe ist dieses Buch ein Muss. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 778
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Books
Wer die Regeln der Gesellschaft beherrscht, kann Herzen lenken – und Leben zerstören. Dieses Buch führt in eine Welt, in der Anmut und Anstand als Masken dienen, hinter denen Strategie, Eitelkeit und Machthunger lauern. Es zeigt, wie Begehren verhandelt, wie Ruf verteilt und wie Moral verschoben wird, wenn Privileg und Langeweile sich verbünden. Die erzählte Gesellschaft wirkt glänzend und zerbrechlich zugleich; ihre Gesetze sind streng, ihre Umgehungen kunstvoll. In diesem Spannungsfeld entfaltet sich ein Spiel, das ebenso sprachlich brillant wie ethisch herausfordernd ist und Leserinnen und Leser seit Jahrhunderten in Bann und Widerspruch versetzt.
Gefährliche Liebschaften ist der deutsche Titel des Romans Les Liaisons dangereuses von Pierre Choderlos de Laclos, erstmals 1782 veröffentlicht. Der Autor, ein Offizier und Schriftsteller des späten Ancien Régime, schuf einen Briefroman, der zu den markantesten Werken der französischen Literatur zählt. Das Buch vereint gesellschaftliche Beobachtung, psychologische Schärfe und formale Strenge. Schon bei Erscheinen sorgte es für Aufsehen, weil es höfische Konventionen seziert und den Leser in die intimsten Winkel einer aristokratischen Korrespondenz führt. Die Prägnanz seiner Konstruktion und die Genauigkeit seiner Sprache haben ihm früh den Rang eines Klassikers gesichert.
Im Zentrum steht ein Komplott der Verführung, geboren aus Langeweile, Ehrgeiz und verletzter Eitelkeit. Zwei Adelige, geübt in der Kunst des Scheinbaren, beginnen ein Spiel, dessen Einsatz Ehre, Gefühl und gesellschaftlicher Stand sind. Ihre Briefe, wie auch die Schreiben ihrer Kreise, bilden ein Netz, in dem Verlockung, Rache und Selbsterhöhung unauflöslich verwoben sind. Die Handlung schreitet durch schriftliche Stimmen voran, die einander spiegeln, widersprechen, reizen und prüfen. So entsteht ein Panorama der Beziehungen, das ohne äußere Kommentierung auskommt und dennoch ein präzises Bild von Motiven, Rollen und Risiken entwirft, ohne den Verlauf vorwegzunehmen.
Die formale Raffinesse des Romans liegt in seiner epistolaren Bauweise. Jede Stimme ist ein Standpunkt, jede Wendung der Rhetorik eine Bewegung im moralischen Raum. Durch wechselnde Perspektiven wird der Leser zum Mitinterpret: Er muss Lücken schließen, Absichten abwägen und Zwischentöne erkennen. Der vermeintliche Realismus des Briefes verschmilzt mit der Künstlichkeit der Inszenierung. Daraus erwächst ein Text, der gleichzeitig intime Nähe erzeugt und kritische Distanz fordert. Der Roman entfaltet sich wie ein Dossier, in dem Wahrheit stets verhandelt, nie einfach gegeben ist – ein literarisches Labor für Wahrnehmung, Urteil und Selbsttäuschung.
Laclos verbindet die Tradition des Libertinage-Romans mit einer modernen Psychologie der Macht. Seine Figuren sprechen vor allem, um zu handeln; sie schreiben, um zu lenken. Das Begehren erscheint weniger als Naturkraft denn als gesellschaftliche Strategie. Geschlechterrollen werden erprobt, unterlaufen oder bekräftigt, und die feinen Unterschiede zwischen Freiheit und Skrupellosigkeit, Autonomie und Berechnung, Zuneigung und Besitzwillen treten scharf hervor. Indem der Roman keine sichere moralische Kanzel anbietet, zwingt er zur Prüfung der eigenen Maßstäbe. Gerade darin findet er eine bleibende Spannung, die jede Lektüre neu schärft.
Der Stil ist von Eleganz und Kälte, von Witz und Beherrschung geprägt. Ironie dient als Skalpell, nicht als Schmuck. Viele Briefe funktionieren wie taktische Manöver: Ein Argument wird angeboten, eine Emotion inszeniert, ein Schweigen kalkuliert. Die Komposition des Ganzen zeigt eine strenge Architektur, in der Motive leitmotivisch wiederkehren und Korrespondenzen spiegelbildlich aufeinander reagieren. Die Fiktion eines Herausgebers, der Dokumente ordnet, unterstreicht den Anspruch, Beobachtung mit Disziplin zu verbinden. So entsteht ein Text, der die Mechanik sozialer Rollen freilegt und zugleich als Kunstwerk durch Präzision und Rhythmus überzeugt.
Historisch ist das Werk im späten Ancien Régime situiert, einer Welt der Salons, Etikette und reputationsgeleiteten Beziehungen. Bildung, Herkunft und Anschein entscheiden über Möglichkeiten, insbesondere für Frauen, deren Handlungsspielräume durch gesellschaftliche Erwartungen eng geführt sind. Diese Ordnung bietet Sicherheit und Bühne zugleich: Sie reglementiert, ermöglicht aber auch Spielräume für Taktik, Verschlüsselung und subtile Gegenwehr. Die Briefkultur dieser Zeit schafft eine Infrastruktur des Einflusses, in der jeder Satz Spuren legt und jeder Empfänger zum Mitakteur wird. Gegen diesen Hintergrund gewinnen die dargestellten Strategien ihre historische Schärfe.
Gefährliche Liebschaften gilt als Klassiker, weil es eine Epoche porträtiert und zugleich über sie hinausweist. Das Buch prägte das Verständnis des Briefromans als Medium psychologischer und sozialer Analyse. Es beeinflusste nachfolgende Literatur, die sich mit Verführung, Manipulation und der Maske des zivilisierten Umgangs beschäftigt. Seine Figuren und Konstellationen wurden unzählige Male interpretiert, variiert und diskutiert. Bühnenfassungen und Verfilmungen bezeugen die Widerständigkeit und Anpassungsfähigkeit dieses Stoffes. In der Forschung bleibt der Roman ein Referenzpunkt für Fragen der Rhetorik, der Geschlechterpolitik und der Darstellung von Macht in Sprache.
Zeitgenössische Leserinnen und Leser erkennen Parallelen zwischen der damaligen Briefkultur und heutigen Kommunikationsformen. Auch heute werden Identitäten kuratiert, Nachrichten kalkuliert und Stimmungen orchestriert. Die Ökonomie des Rufes, die Logik der Andeutung und die Verführungskraft des geschickt gesetzten Wortes sind keineswegs vergangen. Der Roman zeigt Mechanismen, die in digitalen Räumen fortwirken: die Inszenierung des Selbst, die Ausbeutung von Vertrauensvorschüssen, die Dynamik von Zustimmung und Skandal. Gerade deshalb lässt sich das Buch als Schule der Aufmerksamkeit lesen, in der Motiv, Mittel und Wirkung diskret, aber unübersehbar ineinander greifen.
Die Lektüre profitiert von Achtsamkeit gegenüber Stimme, Timing und Subtext. Wer fragt, wer schreibt, zu welchem Zweck und mit welcher erwarteten Wirkung, erschließt die eigentliche Handlung. Der Wechsel der Perspektiven lädt dazu ein, Widersprüche zu sammeln, Leerstellen auszuhalten und Argumentationsfiguren zu verfolgen. Auch die Reihenfolge der Briefe und die Frage, wer welche Information besitzt, sind entscheidend. So entsteht ein Lesen als rekonstruktive Tätigkeit: Man sortiert Hinweise, prüft Absichten und bemerkt, wie Sprache Wirklichkeit erzeugt. Dabei bleibt der Text zugänglich, weil seine Beobachtungen aus konkreten Situationen erwachsen.
Diese deutsche Ausgabe eröffnet den Zugang zu einem Werk, dessen Nuancen von Präzision und Anspielung leben. Obwohl es in einer entfernten Gesellschaft situiert ist, spricht es unmittelbar, weil die Regeln der Selbstdarstellung und der sozialen Aushandlung vertraut bleiben. Die kluge Ökonomie des Erzählens verlangt kein Vorwissen über historische Details, sondern eine Bereitschaft, rhetorische Geste, Tonfall und Kontext miteinander zu lesen. So verbindet sich der Genuss an stilistischer Eleganz mit der intellektuellen Herausforderung, die Mechanik von Einfluss und Begehrlichkeit zu erkennen, ohne vorschnell zu urteilen.
Heute ist Gefährliche Liebschaften relevant, weil es zeitlose Fragen stellt: Wie verhalten sich Freiheit und Verantwortung? Wo endet Verführung und beginnt Missbrauch von Vertrauen? Was bedeutet Integrität in einer Welt, die vom Anschein lebt? Laclos liefert keine bequemen Antworten und kein moralisierendes Lehrstück, sondern ein präzises Experiment mit Sprache, Macht und Gefühl. Sein Roman bewahrt die Fähigkeit, zu faszinieren und zu beunruhigen, zu spiegeln und zu entlarven. In dieser Mischung aus ästhetischem Glanz und unerbittlicher Analyse liegt die Dauer seiner Gültigkeit – und der Anlass, ihn immer wieder neu zu lesen.
Gefährliche Liebschaften, der berühmte Briefroman von Pierre Ambroise Choderlos de Laclos aus dem Jahr 1782, entfaltet sein Geschehen in der Welt der französischen Hocharistokratie kurz vor der Revolution. Das Werk besteht vollständig aus Briefen, die die Figuren untereinander austauschen, und nutzt diese Form, um Perspektiven, Selbstrechtfertigungen und Täuschungen sichtbar zu machen. Im Zentrum stehen Verführung als Machttechnik, die Kunst der Intrige und die Frage, wie Worte Wirklichkeit schaffen. Durch die Montage der Schreiben entsteht ein vielstimmiges Panorama, in dem moralische Begriffe wie Tugend, Ehre und Ruhm im Licht gesellschaftlicher Spielregeln erscheinen und ihre fragilen Grundlagen offenbaren.
Die Handlung setzt mit einer Abmachung zwischen zwei erfahrenen Libertins ein: der cleveren Marquise de Merteuil und dem verführerischen Vicomte de Valmont. Beide sind ehemalige Liebende und heutige Rivalen, die ihre Überlegenheit in komplizierten Plänen erproben. Merteuil verfolgt ein persönliches Racheziel gegen einen Mann von hohem Rang und will dessen künftige Ehe zerstören. Sie drängt Valmont, die kaum aus dem Kloster entlassene Cécile de Volanges zu kompromittieren, um einen gesellschaftlichen Schlag zu führen. Von Beginn an wird deutlich, dass Eitelkeit, Kontrolle und Reputation die eigentlichen Einsätze sind und Gefühle vor allem als Schachfiguren dienen.
Valmont aber richtet seinen Ehrgeiz auf eine andere Herausforderung: Madame de Tourvel, eine fromme, verheiratete Frau, die für ihre Integrität geschätzt wird und seinem Ruf misstraut. Die Jagd nach einer scheinbar unantastbaren Tugend dient ihm als Beweis absoluter Meisterschaft. Er nutzt Verwandtschaftsbesuche, Wohltätigkeit und feine Rhetorik, um Nähe zu gewinnen und eine moralische Verteidigung zu unterlaufen. Zugleich bleibt Merteuils ursprünglicher Plan im Hintergrund bestehen, was die Erzählung doppelt auflädt: Während die eine Intrige als kaltes Kalkül erscheint, zieht die andere den Verführer in eine Konfrontation mit einem Ideal, das seine eigenen Maßstäbe herausfordert.
Parallel dazu tritt Cécile in eine Gesellschaft, deren Codes sie kaum versteht. Ihr Musiklehrer, der empfindsame Chevalier Danceny, verkörpert eine aufrichtige, wenn auch unerfahrene Liebe. Merteuil präsentiert sich als wohlwollende Mentorin, die Cécile Ratschläge erteilt und Briefe vermittelt, tatsächlich aber Lernprozesse steuert und Grenzen verschiebt. In dieser Konstellation werden Erziehung und Verführung ununterscheidbar: Das Schreiben von Briefen wird zur Schule der Rolle, und jeder Austausch birgt eine Probe von Loyalität. Die Naivität der Jugend trifft auf die Berechnung erfahrener Spieler, wodurch innere Konflikte der Figuren allmählich in soziale Risiken übersetzt werden.
Der Briefroman entfaltet nun sein volles Potential: Warnungen, Bekenntnisse und taktische Manöver überkreuzen sich. Verwandte und Freundinnen mahnen zur Vorsicht vor Valmonts Ruf, doch er kontert mit Höflichkeit, demonstrativer Tugend und sorgfältig inszenierten Wohltaten. Eindeutige Wahrheiten lösen sich im Geflecht von Darstellung und Gegenbehauptung auf. Die Leserinnen und Leser sind Zeugen, wie aus Beobachtung Einfluss wird und wie Diskretion zugleich Währung und Waffe ist. Die moralische Front verläuft nicht zwischen Guten und Bösen, sondern zwischen wechselnden Rollen, die je nach Publikum variiert werden. So wird das Thema Schein und Sein stetig verschärft.
Ein zentraler Wendepunkt entsteht, als persönliche Empfindungen die kalkulierten Spiele bedrohen. Valmonts Annäherung an Madame de Tourvel bringt unerwartete emotionale Bindungen mit sich, die seine Selbstdefinition als souveräner Verführer in Frage stellen. Merteuil, die ihre Autonomie über jede Bindung stellt, reagiert auf Anzeichen von Aufrichtigkeit mit kühlem Misstrauen und erhöht die Einsätze. Beide schließen Abmachungen und setzen Bedingungen, die Triumph erzwingen sollen, aber Abhängigkeiten schaffen. Damit kippt das Kräfteverhältnis: Das Duell der Egos wird zum Test darüber, wer die Kontrolle über Erzählungen, Körper und Ruf tatsächlich behält, wenn die Regeln persönlich werden.
Im Nebenstrang verheddern sich Cécile und Danceny tiefer in einen Konflikt zwischen Gefühl, Pflicht und gesellschaftlicher Erwartung. Merteuils Ratschläge fördern Selbstversteck und taktisches Taktieren, während Valmonts Einfluss weitere Grenzen verwischt. Die Rolle der Briefe als Mittel der Intimität schlägt in ein Instrument der Erpressung um, sobald Vertrauliches weitergereicht oder fehlgedeutet wird. Unerfahrene Entscheidungen gewinnen plötzlich Gewicht, weil sie in Salons, Beichtstühlen und Vorzimmern verhandelt werden. So wachsen kleine Indiskretionen zu Ereignissen, die Ansehen und Zukunftsaussichten gefährden, und die scheinbar privaten Gefühle beginnen, öffentliche Folgen zu zeitigen.
Je komplexer die Intrigen, desto instabiler werden die Fronten. Allianzen verschieben sich, Zusagen werden je nach Vorteil uminterpretiert, und Gerüchte setzen formelle Sanktionen in Gang. Ein Konflikt, der als Spiel begann, nähert sich dem Punkt, an dem Gesichtsverlust, gesellschaftliche Ächtung oder direkte Konfrontationen drohen. Einige Figuren suchen späte Rückzüge, andere treiben die Eskalation voran, um ihren Rang zu sichern. Innerhalb dieser Dynamik zeigt sich die Macht der Schrift: Ein einziges offengelegte Schreiben kann Beziehungen kippen. Die Spannung entsteht weniger aus Gewalt als aus der Aussicht, dass das Private unwiderruflich öffentlich werden könnte.
Die übergreifende Bedeutung von Gefährliche Liebschaften liegt in der Analyse eines Milieus, das Höflichkeit als Bühne der Herrschaft nutzt. Der Roman zeigt, wie Begehren, Eitelkeit und soziale Rollen einander verstärken, und fragt, welche Freiheit in einem System möglich ist, das Kommunikation zur Kontrolle pervertiert. In der Briefform spiegelt sich eine Welt, in der Selbstbilder verhandelt und Identitäten konstruiert werden. Ohne die abschließenden Entwicklungen vorwegzunehmen, bleibt festzuhalten: Das Buch führt die Kosten manipulativer Strategien vor und macht die Verletzlichkeit von Tugend und Ruf sichtbar. Es wirkt fort als scharfer Kommentar zu Macht, Geschlecht und Sprache.
Gefährliche Liebschaften entstand und spielt im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts im Frankreich des Ancien Régime. Der König herrschte absolut, doch Verwaltung, Justiz und Gesellschaft folgten einem feingliedrigen Geflecht aus Hof, Kirche und ständischen Privilegien. Paris war das kulturelle Zentrum, in dessen Salons sich Adel, Gelehrte und Schriftsteller begegneten. Unter Louis XVI stand die alte Ordnung bereits unter Reformdruck, blieb jedoch sozial und symbolisch übermächtig. In diesem Umfeld entfalten sich die Strategien der höfischen Elite: Etikette, Intrige und die Kunst der Konversation. Der Roman verlegt seine Konflikte in diese Räume, in denen Ansehen und Kontrolle als Kapital zirkulieren.
Der hohe Adel lebte von Boden- und Steuerprivilegien, von Hofämtern und Renten. Distinktion wurde durch Kleidung, Umgangsformen und exklusive Freizeitpraktiken markiert. Hinter der Fassade der „bonne compagnie“ stand ein System wechselseitiger Abhängigkeiten: Patronage, Heiratsallianzen, Diskretion. Viele Adlige wechselten zwischen Provinzschlössern und Pariser hôtels particuliers. Der Hof gab modische Normen vor, doch die Stadt prägte neue Umgangsstile und intime Zirkel. In dieser sozialen Topographie operieren Laclos’ Figuren: nicht als freie Individuen, sondern als Akteure eines Milieus, in dem Ehre, Reputation und die Fähigkeit zur Maskerade existenzielle Bedeutung erhalten.
Gleichzeitig trugen Aufklärung und gelehrte Debatten Ambivalenzen in die Eliten. Moralische und politische Fragen – Tugend, Freiheit, Natur, Gesellschaftsvertrag – wurden in Salons, Logen und Zeitschriften verhandelt. Zwischen empfindsamer Tugendethik und skeptischem Materialismus stand ein breiter Raum für Experimente mit Gefühl und Vernunft. Der Roman spiegelt diese Spannungen: Rhetorik moralischer Selbstrechtfertigung wird erprobt, Instrumentalisierung von Aufklärungsargumenten sichtbar gemacht. Wo Philosophie emanzipatorisch wirkte, zeigte die höfische Praxis häufig ein pragmatisches Spiel mit Normen. Laclos zeichnet dieses Spiel nicht programmatisch, sondern als soziale Grammatik von Begehren, Macht und Selbstinszenierung.
Die Briefform war eine dominante Gattung des 18. Jahrhunderts. Epistolare Romane vermittelten Innenansichten, simulierten Authentizität und ermöglichten Perspektivenvielfalt. Englische und französische Vorbilder – etwa Richardson und Rousseau – hatten Maßstäbe gesetzt: moralische Prüfung, Subjektivität und die soziale Dimension von Gefühl. Laclos greift diese Technik auf, kehrt jedoch den Verwendungsmodus teilweise um: Die Briefe werden zu Werkzeugen der Strategie, der Beobachtung und der Kontrolle. Damit reflektiert das Werk eine Kultur, in der Schreiben nicht nur Ausdruck, sondern Technik der sozialen Navigation ist – ein Medium, das Nähe erzeugt und zugleich kalkulierbar macht.
Der historische Postverkehr begünstigte diese Konstellationen. Ein ausgebautes Netz von Relaisstationen und Boten verband Städte und Provinzen. Zugleich blieb die Vertraulichkeit prekär: Hausangestellte brachten Schreiben heimlich an Adressaten, Dienstboten lasen mit, und das „cabinet noir“ der Monarchie öffnete verdächtige Briefe. Siegel, Chiffren und zwischengeschaltete Dritte sollten Diskretion sichern, konnten aber ebenso Manipulation erleichtern. Der Roman nutzt diese technischen und sozialen Bedingungen, um die Zerbrechlichkeit von Vertrauen zu zeigen: Die materielle Spur des Briefs – Papier, Siegel, Übergabe – wird zum Beweis, zur Waffe und zum Risiko gesellschaftlicher Akteure.
Die Rechts- und Geschlechterordnung prägte das Handlungsfeld entscheidend. Frauen des Adels standen unter väterlicher oder ehelicher Vormundschaft, Heiraten dienten vorrangig der Familienpolitik und Vermögensverwaltung. Scheidung war vor 1792 nicht vorgesehen; Trennungen blieben rechtlich und sozial beschränkt. Bildung erfolgte häufig in Klöstern, während Salons intellektuelle und soziale Handlungsspielräume eröffneten. Briefe, Lektüren und Netzwerke boten Möglichkeiten der Selbstbehauptung, zugleich blieben Ruf und Keuschheit zentrale Werte. Laclos’ Figuren verhandeln diese Zwänge; der Roman zeigt, wie Normen zugleich verinnerlicht, ausgestellt und taktisch unterlaufen werden.
Literarisch steht das Werk in einer Tradition libertiner Darstellungen. Bereits im früheren 18. Jahrhundert hatten Autoren wie Crébillon fils Formen galanter, oft zynischer Verführungsliteratur entwickelt, die mit moralischer Reflexion oszillierte. Libertinage war weniger ein geschlossenes Programm als ein Ensemble von Praktiken: Skepsis gegenüber konventioneller Tugend, Kultivierung der Sinnlichkeit, Sprachmacht in der Verführung. Laclos systematisiert diese Praktiken mit psychologischer Schärfe und sozialem Realismus. Dabei entsteht kein harmloser Salonwitz, sondern eine Anatomie von Machtverhältnissen, die zeigt, wie erotische Ökonomie und soziale Hierarchie sich gegenseitig verstärken.
Der Buchmarkt unterlag im Ancien Régime der Vorzensur durch Privilegien und Genehmigungen. Gleichwohl florierten parallele Vertriebswege: Leihbibliotheken, private Zirkel, ausländische Druckorte, die französische Titel importierten. Skandalträchtige Werke fanden Leser trotz oder gerade wegen ihrer Umstrittenheit. Als Les Liaisons dangereuses 1782 erschien, traf es auf ein Publikum, das an epistolaren Formen geschult und an moralischen Debatten interessiert war. Die Grenze zwischen pädagogischem Vorwand und erotischer Neugier war eine gängige Strategie: Paratexte versprachen Nutzen, während der Inhalt Ambivalenz kultivierte. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die frühe Rezeption.
Pierre Ambroise Choderlos de Laclos (1741–1803) war Artillerieoffizier. Seine Karriere führte ihn durch verschiedene Garnisonen, weitgehend abseits der Pariser Literatenszene. Diese Distanz schärfte den Blick auf höfische und städtische Praktiken als beobachtbare Systeme. Laclos suchte literarischen Ruhm mit einem einzigen großen Werk; seine militärische Ausbildung prägte die Präzision und strategische Logik der Darstellung. Später trat er in den Dienst des Herzogs von Orléans, bewegte sich in politischen Kreisen und blieb zugleich militärisch tätig. Die Doppelrolle als Offizier und Schriftsteller erklärt die Verbindung von sozialer Analyse und technischer Detailgenauigkeit im Roman.
Die Salon- und Unterhaltungskultur der 1770er und 1780er Jahre bildete den Resonanzraum des Textes. Theater, Oper, Kartenspiel und Konversation schufen Szenen der Beobachtung und Selbstdarstellung. Gastgeberinnen strukturierten die Geselligkeit, entschieden über Zugang, Themen und Ton. Bildung, Witz und literarische Zitate zählten als soziale Währung. In dieser Welt wurden Gefühle performativ, Tugend öffentlich verhandelt und Privatheit zugleich gesucht und exponiert. Laclos zeigt, wie Listen, Codes und Anspielungen funktionieren; sein Roman gleicht einem Handbuch der sozialen Techniken, mit dem er die Distanz zwischen moralischem Diskurs und handlungsleitender Praxis vermisst.
Politisch stand Frankreich in einer angespannten Lage. Die Kosten des Siebenjährigen Kriegs und der Unterstützung der amerikanischen Revolution belasteten die Staatsfinanzen. Reformprojekte stießen auf Widerstände der privilegierten Stände, öffentliche Diskussionen über Luxus, Verschuldung und Tugend nahmen zu. Während die Monarchie Legitimation suchte, verbreitete sich Kritik an Verschwendung und Ungerechtigkeit. Der Roman kommentiert diese Situation indirekt: Er zeigt eine Elite, die Ressourcen der Aufmerksamkeit, des Rufes und der Information verzehrt, ohne Gemeinnutzen zu stiften. So wird private Intrige zur Metapher einer politischen Ökonomie des Vorrechts.
Öffentliche Meinung gewann über Pamphlete, Journale und Skandalkroniken an Gewicht. Der Handel mit „libelles“ blühte; Polizeiberichte und Spitzelwesen dokumentierten Gerüchte, Liebesaffären und Affronts. Reputation war kein Privatschatten, sondern ein Markt. Die Briefform des Romans erfasst diese Dynamik: Schriftstücke zirkulieren, werden kopiert, aufgefangen, kommentiert. Eine Falltür zwischen Privatheit und Öffentlichkeit bleibt stets geöffnet. An dieser Stelle verbinden sich Technik, Moral und Herrschaft: Wer Kontrolle über Informationen besitzt, beherrscht Personen und Situationen. Der Text beleuchtet diese moderne Dimension sozialer Macht in besonders konzentrierter Form.
Religion und kirchliche Moral waren weiterhin prägend, auch wenn sie in bestimmten milieus zurückgedrängt schienen. Beichte, geistliche Seelsorge und Frömmigkeit bildeten Orientierungsrahmen, gegen die weltliche Eleganz und libertineske Haltung sich profilierten. Der Roman kontrastiert religiöse Innerlichkeit und soziale Versuchung, ohne einfache Thesen zu liefern. Er zeigt, wie religiöse Sprache zur Selbstdeutung dient oder instrumentell eingesetzt wird. An keiner Stelle verklärt er Tugend zu Unverletzlichkeit; vielmehr offenbart er die Verwundbarkeit von Prinzipien in einem Umfeld, das Anerkennung nach anderen, oft widersprüchlichen Regeln zuteilt.
Die Wirkung des Buches bei Erscheinen war beträchtlich. Zeitgenossen diskutierten die moralische Absicht, stritten über mögliche Vorbilder und lehnten die Kälte der kalkulierten Verführung ab – oder bewunderten die literarische Kunst. Mehrere Auflagen folgten innerhalb kurzer Zeit. Kritiker warnten vor Nachahmung, Befürworter lasen das Werk als abschreckendes Beispiel. Die Paratextualität – Vorreden, angebliche Herausgeberstimme – war als Schutz und Strategie verbreitet. In diesem Rahmen lässt sich die Doppelbindung der Rezeption verstehen: zugleich Enthüllung einer Ordnung und Beitrag zu ihrer Faszination. Die Debatte begleitete das Buch über Jahrzehnte hinweg.
In den deutschsprachigen Ländern traf Laclos auf eine lebhafte Lesekultur aus Lesegesellschaften und Leihbibliotheken. Der Briefroman war durch Werke wie Goethes Werther bereits vertraut; moralphilosophische Debatten und Aufklärungspädagogik prägten die Öffentlichkeit. Zensur variierte nach Territorien, doch französische Titel zirkulierten rasch in Übersetzungen oder im Original. Deutsche Leserinnen und Leser konnten die französische aristokratische Welt zugleich als Vorbild höfischer Raffinesse und als warnendes Exempel dekadenter Sitten betrachten. Diese Ambivalenz erleichterte die Aufnahme: Das Werk bot psychologische Genauigkeit und gesellschaftliche Diagnose, ohne unmittelbar an deutsche Rechts- und Hofstrukturen gebunden zu sein.
Die Revolution von 1789 veränderte den Deutungshorizont. Viele sahen in Laclos’ Darstellung eine Vorwegnahme der moralischen Bankrotterklärung des Adels. Der Autor selbst engagierte sich politisch im Umfeld des Herzogs von Orléans, erlebte Haftzeiten in den Wirren der 1790er Jahre und kehrte später in militärische Dienste zurück. Unter den veränderten Regimen blieb das Buch präsent, nun als Dokument einer vergangenen Ordnung und als Kommentar zu Mechanismen von Herrschaft, die nicht mit der Ständegesellschaft enden. Diese doppelte Lesbarkeit – zeitdiagnostisch und strukturell – trug zur langfristigen Kanonisierung bei.
Technisch und kulturell markiert Gefährliche Liebschaften einen Übergang: von der empfindsamen Selbsterkundung zur Analyse sozialer Systeme. Die Briefe legen eine „Ökonomie der Beziehungen“ frei, in der Sprache, Geschlecht und Stand die Währung bilden. So kommentiert der Roman seine Epoche, indem er deren Praktiken bis an die Grenze der Zerstörung verfolgt. In der deutschen Rezeption wurde er zu einem Prüfstein, an dem sich Aufklärung, Moral und Ästhetik reiben. Indem das Buch zeigt, wie Institutionen und Personen sich wechselseitig formen, kritisiert es die Regeln seiner Zeit – und fragt nach ihrer Fortdauer in anderen Gewändern.
Pierre Ambroise Choderlos de Laclos (1741–1803) war ein französischer Offizier und Schriftsteller der späten Aufklärung. Bekannt wurde er vor allem durch den Briefroman Les Liaisons dangereuses (1782), der als Meilenstein der libertinen Literatur gilt und das epistolare Erzählen auf eine neue Höhe führte. In seinem Werk untersuchte er die Mechanismen von Macht, Begehren und gesellschaftlicher Heuchelei innerhalb der Eliten des Ancien Régime. Laclos verband eine militärische Karriere mit literischer Ambition und erreichte in beiden Sphären öffentliche Aufmerksamkeit. Sein Name steht heute für die präzise Psychologie, formale Raffinesse und intellektuelle Schärfe einer Übergangszeit vor der Revolution.
Er stammte aus Amiens in der Picardie und trat früh in den Dienst der königlichen Artillerie, deren mathematisch-rationales Ausbildungsprogramm sein Denken prägte. Die Atmosphäre der späten Aufklärung, mit ihrer Wertschätzung von Vernunft, Analyse und gesellschaftlicher Reform, bot ihm Orientierung. Als Leser knüpfte er an verbreitete Modelle der Briefliteratur an, besonders an die moralpsychologischen Experimente von Samuel Richardson und an Jean-Jacques Rousseaus Julie, ou la nouvelle Héloïse. Ebenso kannte er die Tradition des libertinen Erzählens, wie sie etwa Crébillon fils prägte. Aus solchen Strömungen formte Laclos eine eigene, kühl kalkulierte Technik des Perspektivwechsels und rhetorischen Spiels.
In den 1770er-Jahren unternahm Laclos erste literarische Versuche außerhalb des Militärs. Sein Libretto für die Opéra-comique Ernestine (1777) wurde in Paris aufgeführt, jedoch kühl aufgenommen und rasch abgesetzt. Die Erfahrung einer öffentlich sichtbaren, aber misslungenen Premiere schärfte seinen Sinn für Form, Ton und Wirkung. Während dienstlicher Stationierungen arbeitete er an Prosastücken und entwarf das Projekt eines Briefromans, der Aufmerksamkeit erregen sollte. Diese Absicht verband sich mit einem nüchternen Konzept von Autorschaft: nicht die Empfindsamkeit, sondern kalkulierte Anordnung von Stimmen, Situationen und sprachlichen Masken sollte die Lesenden binden und die sozialen Regeln selbst vorführen.
1782 erschien Les Liaisons dangereuses in vier Bänden und fand sofort weite Verbreitung. Der Roman nutzt das Wechselspiel zahlreicher Briefe, um unterschiedliche Register von Distanz, Ironie und moralischer Rationalisierung zu entfalten. Zeitgenössische Leserinnen und Leser reagierten gespalten: Die formale Virtuosität und die unbestechliche Darstellung gesellschaftlicher Strategien wurden bewundert, zugleich löste die Stoffwahl Anstoß aus. Die Zensur beobachtete das Buch aufmerksam, doch seine elegante Rhetorik und feine psychologische Zeichnung machten es rasch zum Referenztext einer untergehenden höfischen Welt. Bis heute gilt es als exemplarisches Dokument der Epoche und als Schlüssellektüre moderner Erzähltechnik.
Aufklärerische Debatten über Moral, Geschlechterordnung und gesellschaftliche Erziehung verfolgte Laclos nicht nur literarisch. 1783 veröffentlichte er De l’éducation des femmes, einen Beitrag, der die Bildung von Frauen als Voraussetzung vernünftiger Bürgerlichkeit forderte und gängige Vorurteile hinterfragte. Seine Position bezog sich auf Reformideen der Zeit, ohne ein geschlossenes politisches Programm vorzulegen. In Paris bewegte er sich in publizistischen Kreisen und nahm an der sich zuspitzenden Diskussion über Autorität, Öffentlichkeit und Tugend teil. Die Verbindung zwischen seinem Roman und solchen Reflexionen liegt in der genauen Beobachtung institutioneller Zwänge sowie in der Analyse rhetorischer Masken sozialer Rollen.
Mit dem Ausbruch der Revolution änderte sich Laclós Lebensrahmen grundlegend. Er engagierte sich zeitweise im Umfeld von Philippe d’Orléans, beteiligte sich an politischen Schriften und geriet in den Wirren der Jakobinerherrschaft in Haft, ehe er nach dem Umsturz von 1794 wieder freikam. Anschließend kehrte er in den militärischen Dienst zurück und übernahm Aufgaben im Artilleriewesen während der Revolutions- und frühen Konsulatsjahre. Dienstreisen führten ihn schließlich in den Mittelmeerraum. 1803 starb er in Tarent, fern der Pariser Öffentlichkeit, während eines Einsatzes; sein Tod markierte das Ende einer doppelten Karriere zwischen Kriegstechnik, Schriftkultur und gesellschaftlicher Selbstbeobachtung.
Laclos’ Vermächtnis gründet vor allem in der anhaltenden Wirkung von Les Liaisons dangereuses. Der Roman gehört zum Kanon der französischen Literatur und wird bis heute in Forschung und Lehre als präzises Instrument zur Analyse von Sprache, Macht und Geschlechterpolitik gelesen. Seine epistolare Architektur dient als Modell für narrative Vielstimmigkeit und für die Darstellung performativer Identitäten. Wiederkehrende Bühnen- und Filmadaptionen haben die internationale Bekanntheit gesichert, ohne die literarische Eigenart zu überdecken. Als Offizier-Schriftsteller verkörpert Laclos die spannungsreiche Verbindung von rationaler Disziplin und ästhetischer Experimentierlust, deren Fragen die Moderne weiter beschäftigen. Seine Figur bleibt damit ein Bezugspunkt für Debatten über Ethik des Erzählens und Verantwortung der Kunst.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt
Inhaltsverzeichnis
Wir glauben den Leser aufmerksam machen zu müssen, daß wir ungeachtet des Titels des Buches und dem, was der Sammler dieser Briefe in seiner Vorrede darüber versichert, für die Echtheit dieser Sammlung nicht gut stehen, und daß wir selbst gewichtige Gründe haben, anzunehmen, daß das Ganze nur ein Roman ist.
Überdies kommt uns vor, als ob der Verfasser, der doch nach Wahrscheinlichkeit gesucht zu haben scheint, diese recht ungeschickt durch die Zeit zerstört hat, in die er die erzählten Ereignisse setzt. Einige der handelnden Personen sind in der Tat so sittenlos und verderbt, daß sie unmöglich in unserm Jahrhundert gelebt haben können, in diesem unsern Jahrhundert der Philosophie und Aufklärung[2], die alle Männer, wie man weiß, so ehrenhaft und alle Frauen so bescheiden und sittsam gemacht hat. Beruhen die in diesem Buche erzählten Begebenheiten wirklich auf Wahrheit, so ist es unsere Meinung, daß sie nur anderswo oder anderswann sich begeben haben können, und wir tadeln sehr den Autor, der sichtlich von der Hoffnung, mehr zu interessieren, verlockt, sie in seine Zeit und sein Land zu verlegen, und unter unserer Tracht und in unsern Gebräuchen Sittenbilder zu zeichnen wagte, die uns durchaus fremd sind.
Wenigstens wollen wir, soweit es in unserer Macht liegt, den allzu leichtgläubigen Leser vor jeder Überraschung bewahren und werden uns dabei auf eine Logik stützen, die wir dem Leser als sehr überzeugend und einwandfrei vortragen, denn zweifellos würden gleiche Ursachen gleiche Wirkungen hervorzubringen nicht verfehlen: wir sehen nämlich in unsern Tagen kein Fräulein mit 60000 Francs Rente[1] Nonne werden, und erleben es in unserer Zeit nicht, daß eine junge und schöne Frau sich zu Tode grämt.
C. D. L.
Inhaltsverzeichnis
Dieses Werk oder vielmehr diese Zusammenstellung, die der Leser vielleicht noch zu umfangreich finden wird, enthält doch nur die kleinere Anzahl der Briefe, welche die gesamte Korrespondenz bilden.
Von den Personen, an die diese Briefe gerichtet waren, mit deren Ordnung beauftragt, habe ich als Lohn für meine Mühe nur die Erlaubnis verlangt, alles, was mir unwichtig erschien, weglassen zu dürfen, und ich habe mich bemüht, nur jene Briefe zu geben, die mir zum Verständnis der Handlung oder der Charaktere wichtig erschienen. Dazu noch einige Daten und einige kurze Anmerkungen, die zumeist keinen andern Zweck haben, als die Quellen einiger Zitate anzugeben oder einige Kürzungen zu motivieren, die ich mir vorzunehmen erlaubt habe – dies ist mein ganzer Anteil an dieser Arbeit. Alle Namen der Personen, von denen in den Briefen die Rede ist, habe ich unterdrückt oder geändert.
Ich hatte größere Änderungen beabsichtigt, die sich meist auf Sprache oder Stil bezogen hätten, in welch beiden man manche Fehler finden wird. Ich hätte auch gewünscht, die Vollmacht zu haben, einige allzu lange Briefe zu kürzen, von denen mehrere weder unter sich noch mit dem Ganzen in rechtem Zusammenhange stehen. Diese Arbeit wurde mir jedoch nicht gestattet; sie hätte gewiß dem Buche keinen neuen Wert hinzugefügt, aber sie hätte zum mindesten einige seiner Mängel beseitigt.
Es wurde mir erklärt, die Beteiligten wollten die Briefe, wie sie sind, veröffentlicht haben, nicht aber ein Werk, das auf Grund dieser Briefe verfaßt sei; daß es ebenso gegen die Wahrscheinlichkeit wie gegen die Wahrheit selbst verstoßen würde, daß die acht bis zehn Personen, die diese Briefe schrieben, den gleichen korrekten Stil hätten. Und auf den Einwand, daß unter den Briefen kein einziger sei, der nicht grobe Fehler enthalte, und daß die Kritik nicht ausbleiben würde, bekam ich die Antwort, daß jeder verständige und wohlgesinnte Leser erwarten werde, Fehler in einer Sammlung von Briefen zu finden, die Privatpersonen einander schrieben, und daß sämtliche bisher veröffentlichten Briefe – selbst jene geschätzter Autoren und Mitglieder der Akademie[3] nicht ausgenommen – in dieser Beziehung nicht einwandfrei wären. Diese Gründe haben mich nun keineswegs überzeugt; ich finde sie leichter vorgebracht, als sie gebilligt werden können; aber ich war nicht Herr dieser Angelegenheit und gab nach. Ich habe mir nur vorbehalten, dagegen Einspruch zu tun und zu erklären, daß ich die Ansicht meiner Auftraggeber nicht teile, was hiermit geschieht.
Was den Wert betrifft, den dieses Buch haben kann, so kommt es mir vielleicht nicht zu, mit meiner Ansicht die anderer zu beeinflussen. Die vor Beginn einer Lektüre wissen wollen, was sie von ihr erwarten können, mögen hier weiterlesen; die andern tun besser, an die Briefe selbst zu gehen, von denen sie nun ja genug wissen.
Dies muß ich noch sagen: Wenn ich auch diese Briefe herausgab, so bin ich doch weit entfernt, ihren Erfolg zu hoffen, und ist diese meine Aufrichtigkeit keine falsche Bescheidenheit des Autors; denn ebenso aufrichtig erkläre ich: hielte ich diese Arbeit nicht der Veröffentlichung wert, hätte ich mich nicht mit ihr abgegeben. Das scheint ein Widerspruch; ich will ihn zu lösen versuchen.
Ein Brief ist nützlich oder unterhaltend oder er vereint beides. Aber der Erfolg, der nicht immer den Wert beweist, ist oft mehr abhängig vom Gegenständlichen als von dessen Gestaltung, mehr vom Inhalt als von dessen Form. Diese Sammlung enthält Briefe verschiedener Personen mit verschiedenen Interessen, welche Verschiedenheit vielleicht das eine Interesse des Lesers nicht erhöht. Dann sind auch die Gefühle und Empfindungen, die diese Briefe aussprechen, gefälscht, geheuchelt oder verstellt, und können sie so wohl die Neugier reizen, aber das Herz nicht fesseln und rühren. Und das Bedürfnis des Herzens steht über der Neugierde, und das Herz ist ein nachsichtigerer Richter als die Neugierde, die leichter die Fehler bemerkt, die sie in ihrer Befriedigung stören.
Die Fehler werden vielleicht von einer Eigenschaft des Buches aufgewogen, die in seiner Natur liegt: ich meine die Wahrheit seines Ausdrucks, ein Verdienst, das sich hier von selbst einstellte und das die Langweile der Einförmigkeit nicht aufkommen lassen wird. Der eine und andere Leser wird auch durch die neuen oder wenig bekannten Beobachtungen, die dort und da in den Briefen sind, auf seine Kosten kommen, – das ist aber auch alles Vergnügen, das man von dem Buch erwarten darf, auch dann, wenn man es mit größter Gunst hinnimmt.
Den Nutzen des Buches wird man vielleicht noch stärker in Zweifel ziehen als dessen Annehmlichkeit, aber er scheint mir doch leichter zu beweisen. Mich dünkt, man erweist der Sittlichkeit einen Dienst, wenn man die Mittel bekannt gibt, deren sich die Sittenlosen bedienen, um die Sittlichen zu verderben; diese Briefe können sich Wohl in diesen Dienst stellen. Man wird in ihnen auch den Beweis zweier wichtiger Wahrheiten finden, die man verkannt glauben möchte, so wenig werden sie geübt: die eine ist, daß jede Frau, die einen schlechten Menschen in ihrer Gesellschaft duldet, sicher früher oder später dessen Opfer wird. Die andere ist: daß es zum mindesten eine Unvorsichtigkeit der Mutter bedeutet, wenn sie duldet, daß eine andere als sie selber das Vertrauen ihrer Tochter besitzt. Auch können die jungen Männer und Mädchen hier lernen, daß die Freundschaft, die ihnen schlechte Individuen gern und reichlich zu schenken scheinen, immer nur eine gefährliche Falle ist, gleich verhängnisvoll für ihr Glück wie für ihre Tugend.
Jedoch: der Mißbrauch des Guten ist dem Guten sehr nahe und er scheint mir hier zu befürchten. Weit davon, dieses Buch der Jugend zu empfehlen, scheint, es mir vielmehr nötig, es von ihr fernzuhalten. Der Zeitpunkt, da dieses und ähnliche Bücher aufhören, gefährlich zu sein und nützlich werden, scheint mir von einer vortrefflichen Mutter, die Geist und rechten Geist hatte, sehr richtig bestimmt worden zu sein. Sie hatte das Manuskript dieses Buches gelesen und sagte: »Ich würde meiner Tochter einen großen Dienst damit zu erweisen glauben, daß ich ihr dieses Buch an ihrem Hochzeitstag gebe.« Dächten alle Mütter so, würde ich mich immer glücklich schätzen, diese Briefe veröffentlicht zu haben.
Doch alle diese günstigen Voraussetzungen angenommen, dürfte das Buch doch wenigen gefallen. Die depravierte Gesellschaft wird ein Interesse daran haben, ein Buch zu verlästern, das ihr schaden kann; und da es ihnen in diesem Stücke an Geschicklichkeit nicht fehlt, so bekommen sie am Ende auch die rigorosen Leute in ihr Lager, deren Eifer darüber aufgebracht ist, daß man solche Dinge darzustellen sich nicht scheute.
Was aber die angeblichen starken Geister betrifft, so werden sie sich kaum für eine fromme Frau interessieren, die ihnen eben deshalb höchst albern vorkommen wird, während die Frommen sich daran stoßen werden, die Tugend unterliegen zu sehen; und sie werden sich auch darüber aufhalten, daß die Religion sich mit zu wenig Macht zeige.
Die Leute von feinem Geschmack werden den Stil mancher Briefe zu simpel und fehlerhaft finden, und die Mehrzahl der Leser wird, von dem Gedanken verführt, daß alles Gedruckte Erfindung sei, in andern Briefen wieder eine Maniriertheit des Verfassers zu erkennen meinen, der sich hinter den Personen, die er sprechen läßt, verberge.
Schließlich ist es vielleicht das allgemeine Urteil, jede Sache gelte nur an ihrer rechten Stelle was; und wenn auch der allzu gefeilte Stil der Autoren privaten Briefen ihren Reiz raube, dieser Briefe Nachlässigkeiten doch zu wirklichen Fehlern würden, die sie im Drucke unerträglich machten.
Ich gebe ehrlich zu, daß alle diese Vorwürfe ihr Recht haben mögen, wenn ich auch glaube, ihnen antworten zu können, auch ohne die gewöhnliche Länge eines Vorwortes zu überschreiten. Aber man wird meine Meinung teilen, daß ein Buch, das allen gerecht würde, keinem taugen könne. Hätte ich allen nach Gefallen schreiben wollen, hätte ich so Buch als Vorrede nicht geschrieben.
Inhaltsverzeichnis
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Du siehst, liebe Freundin, daß ich Wort halte und daß der Toilettentisch mir nicht meine ganze Zeit raubt, – er wird mir immer welche für Dich übrig lassen. Ich habe an diesem einzigen Tag mehr Schmuck gesehen, als in den vier Jahren, die wir zusammen verlebt haben, und ich hoffe, daß die eingebildete Tanville, meine Mitpensionärin, sich bei meinem nächsten ersten Besuche mehr ärgern wird als sie annahm, daß wir uns ärgern, jedesmal wenn sie uns in ihrem vollen Staat besuchte. Mama spricht jetzt über alles mit mir: ich werde gar nicht mehr wie ein Schulmädchen behandelt. Ich habe meine eigene Kammerzofe, meine zwei eigenen Räume und einen sehr hübschen Schreibtisch, an dem ich Dir schreibe, und dessen Schlüssel ich habe, und alles darin einsperren kann, was mir beliebt. Mama sagt mir, daß ich sie jeden Tag am Morgen sehen werde, daß es genügt, wenn ich bis zum Diner frisiert bin, weil wir beide immer allein sein werden, und dann wird sie mir die Stunde jedesmal angeben, zu der ich am Nachmittag mit ihr ausgehe. Die übrige Zeit gehört mir allein. Ich habe meine Harfe, meine Zeichensachen und die Bücher ganz wie im Kloster, nur ist Mutter Perpetua nicht hier, um mich auszuzanken, und ich kann faulenzen so viel ich will: aber da meine Sophie nicht bei mir ist, um mit mir zu lachen und zu schwatzen, so ist's mir lieber, mich zu beschäftigen.
Es ist noch nicht fünf Uhr und ich soll erst um sieben Uhr mit Mama zusammensein, hab also Zeit genug, wenn ich Dir etwas zu erzählen hätte. Aber man hat noch über gar nichts mit mir gesprochen; und wenn ich nicht all die Vorbereitungen sehen würde und das Massenaufgebot von Schneiderinnen, die meinetwegen bestellt sind, ich würde nicht glauben, daß man mich verheiraten will, sondern daß das ganze nur so ein Geschwätz von unserer guten Pförtnerin Josephine war. Aber meine Mama sagte oft, daß ein junges Mädchen bis zu ihrer Verheiratung im Kloster bleiben soll; da sie mich herausgenommen hat, so muß doch Schwester Josephine Recht gehabt haben.
Soeben hält ein Wagen unten am Tor, und Mama läßt mich bitten zu ihr zu kommen. Ich bin nicht angezogen, – wenn es dieser Herr wäre!? Mein Herz klopft stark, und meine Hand zittert! Als ich meine Zofe fragte, wer bei Mama wäre, lachte sie und sagte: Herr G ...
O! ganz bestimmt, er ist es. Ich werde Dir dann alles erzählen, – jetzt kennst Du immerhin schon seinen Namen, und ich will nicht länger auf mich warten lassen. Adieu, bis nachher!
Wie wirst Du Dich über die arme Cécile lustig machen! O wie war ich auch dumm! Aber sicher wäre es Dir genau so gegangen. Also wie ich bei Mama eintrat, stand dicht neben ihr ein Herr ganz in Schwarz. Ich begrüßte ihn so artig wie ich konnte und blieb, ohne mich vom Platz zu rühren, stehen. Du kannst Dir denken, wie ich ihn mir anschaute! »Gnädige Frau«, sagte er zu meiner Mutter und grüßte mich, »sie ist entzückend, und ich fühle vollauf den Wert Ihrer Güte.« Das klang so bestimmt, und ich begann zu zittern, daß ich mich nicht mehr aufrecht halten konnte; ich fand einen Stuhl in meiner Nähe, auf den ich mich verwirrt und ganz rot geworden niederließ. Kaum saß ich, so lag dieser Mann auch schon zu meinen Füßen. Ich verlor nun völlig den Kopf und war, wie Mama behauptete, ganz verwirrt. Ich stand auf mit einem Schrei, ganz so einem Schrei, wie damals, weißt Du, als das starke Donnerwetter anhub. Mama lachte laut und sagte: »Was hast du denn? setz dich nieder und reiche dem Herrn deinen Fuß.« Und wirklich, meine liebe Freundin, – der Herr war ein Schuster! Es ist mir nicht möglich, Dir zu beschreiben, wie beschämt ich mich fühlte, – glücklicherweise war nur Mama anwesend. Wenn ich verheiratet bin, werde ich gewiß nicht mehr bei diesem Schuster arbeiten lassen.
Jetzt sind wir, ich und Du, nicht klüger als zuvor! Lebe wohl, – meine Kammerzofe sagt, ich müsse mich jetzt anziehen, es ist bald sechs Uhr. Adieu, ich liebe Dich noch gleich stark wie im Kloster, meine liebe, liebe Sophie.
P. S. Da ich nicht weiß, durch wen ich meinen Brief schicken soll, werde ich warten bis Josephine kommt.
Paris, den 3. August 17..
Inhaltsverzeichnis
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Kommen Sie, mein lieber Vicomte, kommen Sie zurück! Was machen Sie, was können Sie denn bei einer alten Tante machen, deren Vermögen Ihnen doch schon sicher ist? Ich brauche Sie, reisen Sie also unverzüglich. Ich habe eine vortreffliche Idee, mit deren Ausführung ich Sie betrauen will. Diese wenigen Worte sollten Ihnen genügen, und Sie sollten sich von meiner Wahl so sehr geehrt fühlen, daß Sie herbeieilen müßten und kniend meine Befehle entgegen nehmen. Aber Sie mißbrauchen meine Güte, selbst seitdem Sie sie nicht mehr brauchen. Zwischen einem ewigen Haß und einer übergroßen Güte trägt zu Ihrem Glücke doch wieder meine Güte den Sieg davon. Ich will Sie nun von meinem Projekte unterrichten. Aber schwören Sie mir zum voraus, daß Sie als mein treuer Kavalier sich in kein anderes Abenteuer einlassen, ehe dieses nicht zu Ende geführt ist, – es ist eines Helden würdig: Sie werden dabei der Liebe und der Rache dienen, und Sie werden sich seiner in Ihren Memoiren rühmen können, in diesen Memoiren, von denen ich möchte, daß sie einst gedruckt werden – ich will es auf mich nehmen, sie zu schreiben. Aber zu unserer Sache!
Frau von Volanges verheiratet ihre Tochter: es ist noch ein Geheimnis, das ich aber gestern von ihr selbst erfuhr. Wen glauben Sie wohl, daß sie sich zum Schwiegersohne aussuchte? Den Grafen Gercourt! Wer hätte mir gesagt, daß ich die Cousine von Gercourt werden würde! Ich bin wütend darüber – und – aber erraten Sie denn immer noch nicht? Was sind Sie schwerfällig! Haben Sie ihm das Abenteuer mit der Intendantin verziehen? Und vergessen, wie ich mich über ihn zu beklagen habe? Ich muß sagen, die Hoffnung, mich nun endlich rächen zu können, beruhigt und erheitert mich sehr.
Wie oft hat uns Gercourt mit der Wichtigtuerei gelangweilt, mit der er von der Wahl seiner künftigen Frau sprach, und mit seiner lächerlichen Einbildung, er würde dem unvermeidlichen Schicksal, düpiert zu werden, entgehen. Erinnern Sie sich seiner albernen Vorliebe für die klösterliche Erziehung der Mädchen und seines lächerlichen Vorurteils, daß die Blondinen sittsamer wären? Ich wette, er würde die Ehe mit Fräulein Volanges niemals eingehen, trotz ihrer sechzigtausend Francs Rente, wenn sie nicht blond und nicht im Kloster erzogen worden wäre. Beweisen wir ihm, daß er nur ein Idiot ist, und daß er es sicher eines Tages sein wird, dafür stehe ich. Aber ich möchte, daß er als Idiot debütiert. Wie würde er am Tage nach der Hochzeit prahlen, und wie würden wir lachen! Denn prahlen wird er! Und es müßte wunderbar zugehen, sollte Gercourt nicht Tagesgespräch in Paris werden, nachdem die Kleine erst einmal in Ihrer Schule war.
Die Heldin dieses Romanes verdient übrigens Ihre größte Aufmerksamkeit, denn sie ist wirklich hübsch; erst fünfzehn Jahre alt und wie eine Rosenknospe; gar nicht geziert, aber dumm und lächerlich naiv, wovor ihr Männer ja keine Angst habt. Im übrigen noch einen vielversprechenden Ausdruck in den Augen. Kurz und gut: ich empfehle sie Ihnen, und so brauchen Sie sich nur noch bei mir zu bedanken und zu gehorchen.
Dieser Brief ist morgen früh in Ihren Händen. Ich erwarte, daß Sie morgen Abend um sieben Uhr bei mir sind. Bis acht Uhr empfange ich niemand, nicht einmal den zur Zeit regierenden Chevalier – er hat nicht genug Verstand für eine so wichtige und große Sache.
Wie Sie sehen, macht mich die Liebe nicht blind. Um acht Uhr haben Sie Ihre Freiheit – um zehn Uhr kommen Sie wieder, um zusammen mit der Schönen bei mir zu soupieren, denn Mama und Tochter werden bei mir zu Tisch sein.
Adieu, es ist über zwölf Uhr: bald werde ich mich nicht mehr mit Ihnen beschäftigen.
Paris, den 4. August 17..
Inhaltsverzeichnis
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Ich kann Dir immer noch nichts mitteilen. Bei Mama waren gestern viele Gäste zum Abendessen. Trotzdem ich mit großem Interesse die anwesenden Herren beobachtete, so habe ich mich doch gelangweilt. Herren und Damen, alle schauten mich an, dann sprachen sie sich leise in die Ohren, und ich merkte, daß von mir die Rede war: gegen meinen Willen wurde ich ganz rot. Ich wollte es nicht, denn ich bemerkte, daß die andern Frauen, wenn man sie ansah, nicht rot wurden. Vielleicht auch sieht man es unter der Schminke nicht; denn es muß doch sehr schwer sein, nicht zu erröten, wenn einen ein Mann so fest ansieht.
Was mich am meisten beunruhigte, war, was man wohl über mich dachte. Mir war, als wenn ich zwei- oder dreimal das Wort »hübsch« verstanden hätte; das Wort »ungeschickt« hörte ich ganz deutlich, und es muß wahr sein, denn die Frau, die das sagte, war eine Verwandte und Freundin meiner Mutter; sie schien sogar sofort Freundschaft für mich zu empfinden. Das war auch die einzige Person, die am ganzen Abend ein wenig mit mir sprach. Morgen werden wir bei ihr zu Abend essen.
Außerdem hörte ich noch nach dem Diner einen Herrn zu einem andern sagen – und ich bin überzeugt, es ging auf mich: »Das muß man erst reif werden lassen, wir werden ja in diesem Winter sehen.« Vielleicht war es sogar der, der mich heiraten soll, das wäre aber dann ja erst in vier Monaten! Ach, ich möchte so gerne wissen, was wahres an all dem ist!
Gerade kommt Josephine und sie sagt, daß sie sehr in Eile wäre. Ich will Dir aber doch noch eine große Ungeschicklichkeit von mir erzählen. Die Dame, die das sagte, hat doch wohl recht, glaub ich. Also nach Tisch wurde gespielt. Ich setzte mich neben Mama und war sofort eingeschlafen, ohne daß ich merkte, wie das geschah.
Eine Lachsalve weckte mich auf. Gewiß hat man über mich gelacht, aber ich bin dessen nicht ganz sicher. Mama erlaubte mir, mich zurückzuziehen, was mir sehr recht war. Denke, es war schon nach elf Uhr! Adieu, meine liebe Sophie, und hab Deine Cécile immer recht lieb. Ich versichere Dir, daß die große Welt nicht halb so amüsant ist, wie wir uns das immer vorstellten.
Paris, den 4. August 17..
Inhaltsverzeichnis
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Ihre Befehle entzücken mich, die Art und Weise, wie Sie sie geben, noch mehr: Sie machen einen das unbedingte Gehorchen lieben. Sie wissen, es ist nicht das erstemal, daß ich bedaure, nicht mehr Ihr Sklave zu sein. Und wenn Sie mich auch ein Ungeheuer nennen, so erinnere ich mich doch immer mit großem Vergnügen der Zeiten, da Sie mich mit süßeren Kosenamen bedachten. Oft wünsche ich mir, ich könnte sie wieder verdienen und der Welt mit Ihnen zusammen ein Beispiel ewiger Treue geben.
Aber größere Dinge erwarten uns. Erobern, das ist unsere Bestimmung, und man muß ihr folgen: vielleicht treffen wir uns am Ende dieser Carriere wieder. Denn, ohne Sie kränken zu wollen, meine schöne Marquise, muß man zugeben, daß Sie mit mir Schritt halten. Seitdem wir uns für das Glück der Mitmenschen trennten, predigen wir jeder seinerseits die Treue und den Glauben, und mir scheint, daß Sie in dieser Liebesmission mehr Proselyten machten als ich. Ich kenne ja Ihren Eifer, Ihre hingebende Inbrunst; und wenn jener Gott uns nach unsern Werken beurteilen würde, müßten Sie die Schutzpatronin einer großen Stadt werden, während Ihr Freund nur der Heilige eines Dorfes würde. Diese Sprache erstaunt Sie, nicht wahr? Aber seit acht Tagen höre und spreche ich keine andere; nur um mich darin noch zu vervollkommnen, muß ich Ihnen ungehorsam sein.
Aber werden Sie nicht böse und hören Sie mich an. Als Mitwisserin meiner Herzensgeheimnisse will ich Ihnen den größten Plan anvertrauen, den ich je gehabt habe. Was schlagen Sie mir vor? Ein junges Mädchen zu verführen, das weder was kennt, noch irgend etwas gesehen hat, das mir gewissermaßen ohne Gegenwehr preisgegeben ist, das einem ersten verliebten Sturm erliegen wird und das dabei mehr von der Neugierde geleitet ist als von der Liebe. Zwanzig andere können dasselbe ausrichten. Nein – mein Plan ist ein andrer: sein Erfolg wird mir ebensoviel Ruhm wie Vergnügen bereiten. Die Liebe, die mir meinen Kranz windet, schwankt noch zwischen Myrte und Lorbeer, oder sie wird vielmehr beides vereinigen. Sie werden, meine schöne Freundin, von heiligem Respekt vor mir erfüllt werden und mit Enthusiasmus ausrufen: »Das ist der Mann meines Herzens.«
Sie kennen doch die Präsidentin von Tourvel, ihre Frömmigkeit, ihre eheliche Treue und ihre strengen Grundsätze. Das ist mein Gegner und ein Feind meiner würdig, und das ist das Ziel, das ich erreichen will.
»Bleibt auch in diesem Kampf der Siegespreis nicht mein, Daß ich den Kampf gewagt, wird Ruhm genug mir sein.«
Man darf schlechte Verse zitieren, sie müssen nur von einem großen Dichter sein.
Sie müssen also wissen, daß sich der Präsident in Burgund[4] aufhält, eines Prozesses wegen – ich hoffe ihn aber einen wichtigeren verlieren zu lassen – seine untröstliche andere Hälfte aber soll ihre betrübende Zeit der Witwenschaft hier verbringen. Jeden Tag eine Messe, einige Besuche bei den Bezirkskranken, Gebete des Morgens und des Abends, fromme Unterhaltungen mit meiner alten Tante, und manchesmal einen trübseligen Whist, das sollen ihre einzigen Zerstreuungen sein. Mein guter Genius hat mich hierher geführt, zu ihrem und zu meinem Glück. Vierundzwanzig Stunden habe ich zu bereuen, die ich konventionellem Gerede opferte. Welche Strafe, zwänge man mich nach Paris zurückzukehren! Glücklicherweise spielt man Whist zu viert, und weil hier nur ein Dorfgeistlicher existiert, so hat meine gottesfürchtige Tante in mich gedrängt, ihr einige Tage zu opfern. Sie können sich denken, wie ich bereit war! Aber Sie können sich keinen Begriff davon machen, wie meine Tante mich seitdem verhätschelt, wie sie darüber erbaut ist, mich so regelmäßig beim Beten und in der Messe zu sehen! Sie hat keine Ahnung von der Gottheit, die ich in der Kirche anbete.
Seit vier Tagen bin ich also an eine heftige Leidenschaft gebunden. Sie kennen mein Temperament und wie ich Hindernisse nehme, aber Sie wissen nicht, wie köstlich die Einsamkeit meine Begierde steigert. Ich kenne nur noch dieses eine, ich denke daran am Tage und träume davon des Nachts: Ich muß diese Frau haben, um nicht der Lächerlichkeit zu verfallen, verliebt zu sein. Verliebt – wohin führt uns nicht ein ungestilltes Verlangen! Köstliches Verlangen – ich beschwöre dich um meines Glückes und besonders um meiner Ruhe willen! Wie glücklich sind wir, daß sich die Frauen so schlecht verteidigen, – wir wären sonst schüchterne Sklaven neben ihnen. Ich verspüre jetzt eine Art Dankbarkeit für die gefälligen, leichten Frauen, ein Gefühl, das mich natürlich vor Ihre Füße führt. Da knie ich nieder, bitte um Verzeihung und endige dort meinen allzu langen Brief. Adieu, meine sehr schöne Freundin und – keinen Groll.
Auf Schloß . . ., den 5. August 17..
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Wissen Sie, Vicomte, daß Ihr Brief unverschämt ist, und daß ich ihn Ihnen sehr übel nehmen könnte, gäbe er mir nicht zugleich den Beweis, daß Sie ganz und gar den Kopf verloren haben? Und das bewahrt Sie vor meiner Ungnade. Als Ihre gefühlvolle und großmütige Freundin vergesse ich Ihre Beleidigung und kümmere mich um die Gefahr, in der Sie schweben; mag es auch dumm sein, darüber zu räsonieren, so will ich Ihnen doch in diesem Augenblick beistehen. Sie wollen die Präsidentin von Tourvel[5] haben? Was für eine lächerliche Laune! Ich erkenne daran ganz Ihren Eigensinn, der nur das wünscht, was er glaubt, nicht erreichen zu können. Was hat denn diese Frau? Vielleicht sehr regelmäßige Züge, aber sie sind ohne Ausdruck; sie ist recht gut gebaut, aber ohne Grazie, und angezogen ist sie, zum Lachen! Ganze Pakete Stoff hat sie bis zum Hals hinauf, daß ihr der Leib bis zum Kinn reicht. Als Freundin sage ich Ihnen: zwei solche Frauen genügen, Sie um Ihr ganzes Ansehen zu bringen. Erinnern Sie sich noch des Tages in Saint-Roche, wo sie für die Armen sammelte, was Sie veranlaßte, mir für das Schauspiel zu danken, das ich Ihnen damit bereitete? Ich sehe sie noch, wie sie diesem einer Hopfenstange ähnlichen Herrn mit den langen Haaren die Hand gab, der bei jedem Schritte umzufallen drohte, und wie sie ihren vier Ellen langen Reifrock immer jemandem an den Kopf schwang bei jeder Verbeugung und errötete. Wenn man Ihnen damals gesagt hätte, daß Sie diese Frau verlangten! Nun, Vicomte, erröten Sie Ihrerseits und besinnen Sie sich auf sich selber. Ich verspreche Ihnen Diskretion.
Bedenken Sie doch auch alle die Unannehmlichkeiten, die Sie dabei erwarten. Und was für Rivalen haben Sie? Einen Gatten! Sind Sie bei diesem einen Wort nicht schon ganz klein? Welche Schande, wenn es mißlingt! Und wie wenig Ruhm beim Erfolg! Ich sage noch mehr: versprechen Sie sich kein Vergnügen. Gibt es denn eines mit prüden Frauen? Ich meine mit den ehrlichen Prüden, die selbst auf dem Höhepunkt des Vergnügens noch zurückhaltend sind und so nur halben Genuß geben. Dieses völlige Sichselbstvergessen, diesen Rausch der Wollust, der das Vergnügen durch sein Übermaß läutert, diese Wohltaten der Liebe kennen sie nicht. Ich prophezeie Ihnen, daß im günstigsten Fall Ihre Präsidentin glauben wird, alles für Sie getan zu haben, indem sie Sie wie ihren Ehegemahl behandelt, und im engsten und zärtlichsten ehelichen Zusammensein bleibt man immer – zu zweit. In Ihrem Falle steht es noch schlimmer. Ihre keusche Dame ist fromm und von jener Frömmigkeit, welche die gute Frau zu einer ewigen Kindlichkeit verurteilt. Vielleicht überwinden Sie dieses Hindernis, schmeicheln Sie sich aber nicht, es zu zerstören; wenn auch Sieger, über die Liebe Gottes, so sind Sie es doch nicht über die Furcht vor dem Teufel; wenn Sie Ihre Geliebte in Ihren Armen erschauern fühlen, so ist das nicht Liebe, sondern Angst. Wenn Sie diese Frau früher gekannt hätten, vielleicht hätten Sie etwas aus ihr machen können; aber sie ist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt und bald zwei Jahre verheiratet. Glauben Sie mir, Vicomte, wenn eine Frau schon so in diese tugendsamen Vorurteile hineingewachsen ist, soll man sie ihrem Schicksale überlassen, – sie wird immer nur ein Gattungswesen sein.
Und um dieses schönen Gegenstandes willen wollen Sie mir nicht folgen, wollen Sie sich in das Grab Ihrer Tante vergraben und dem schönsten und köstlichsten Abenteuer entsagen, das Ihnen Ehre gebracht hätte. Durch welches Schicksal muß denn Gercourt immer und überall vor Ihnen etwas voraus haben? Ich spreche ganz ohne Ironie, aber jetzt glaube ich wirklich, daß Sie Ihren Ruf nicht verdienen; und daß ich mich versucht fühle, Ihnen mein Vertrauen zu entziehen. Ich würde mich nie dazu verstehen, meine Geheimnisse dem Geliebten einer Frau von Tourvel anzuvertrauen.
Ich will Ihnen dennoch erzählen, daß die kleine Volanges schon einen Kopf verdreht hat. Der junge Danceny liebt sie. Er hat mit ihr gesungen, und sie singt wirklich besser, als man von einem Pensionskind erwartet. Sie werden Duette miteinander üben, und ich glaube, sie würde nichts gegen ein Unisono haben. Aber dieser Danceny ist noch ein Kind, der seine Zeit mit Hofmachen verliert und zu keinem Ende kommt. Die kleine Person ist ihrerseits auch sehr kindisch. Aber wie es auch kommen mag, Sie hätten die Sache jedenfalls viel lustiger gestaltet. Ich bin übler Laune und werde mich mit dem Chevalier zanken, wenn er kommt. Ich werde ihm raten recht artig zu sein, denn es würde mich momentan nichts kosten, mit ihm zu brechen. Ich bin überzeugt, er würde verzweifeln, wenn ich vernünftig genug wäre, ihn jetzt aufzugeben, und nichts amüsiert mich so sehr, wie ein verzweifelter Liebhaber. Er würde mich perfid nennen, und dieses Wort hat mir immer Spaß gemacht; nach dem Worte »Grausame« ist es das süßeste Wort für das Ohr einer Frau, und weniger schwierig, es sich zu verdienen. Ich will mich ganz ernsthaft mit diesem Bruche beschäftigen; und daran werden Sie Schuld sein; ich lege es ihrem Gewissen zur Last. Adieu. Empfehlen Sie mich dem Gebete Ihrer Präsidentin.
Paris, den 7. August 17..
Inhaltsverzeichnis
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