Gesicht des Mordes (Ein Zoe Prime Fall — Buch 2) - Blake Pierce - E-Book + Hörbuch

Gesicht des Mordes (Ein Zoe Prime Fall — Buch 2) Hörbuch

Blake Pierce

4,0

Beschreibung

"EIN MEISTERWERK DES THRILLER UND KRIMI-GENRES. Blake Pierce gelingt es hervorragend, Charaktere mit so gut beschriebenen psychologischen Facetten zu entwickeln, dass wir das Gefühl habe, in ihren Gedanken zu sein, ihre Ängste zu spüren und ihre Erfolge zu bejubeln. Dieses Buch voller Wendungen wird Sie bis zur letzten Seite wachhalten." --Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (über Verschwunden) GESICHT DES MORDES ist das zweite Buch einer neuen FBI Thrillerserie des USA Today Bestsellerautors Blake Price, dessen Nummer 1 Bestseller VERSCHWUNDEN (Buch 1) (kostenloser Download) über 1.000 Fünfsternebewertungen erhalten hat. FBI Special Agent Zoe Price leidet an einer seltsamen Störung, die ihr aber auch ein einzigartiges Talent verleiht – sie betrachtet die Welt durch einen Filter aus Zahlen. Die Zahlen quälen sie, machen es ihr unmöglich, Zugang zu andern Menschen zu finden, verhindern ein erfolgreiches Beziehungsleben – sie ermöglichen ihr aber auch, Muster zu sehen, die kein anderer FBI Agent sehen kann. Zoe verheimlicht ihr Leiden aus Scham, hat Angst, dass ihre Kollegen es herausfinden könnten. Als Frauen außerhalb von Washington D.C. ermordet aufgefunden werden, ihre Körper mit seltsamen Zahlen gebrandmarkt, ruft das ratlose FBI Special Agent Zoe Prime zur Hilfe, um das mathematische Rätsel zu lösen und den Serienmörder zu finden. Die Zahlen aber ergeben keinen Sinn. Bilden sie ein Muster? Eine Formel? Oder haben sie gar keine Bedeutung? Zoe, die mit ihren eigenen privaten Problemen zu kämpfen hat, läuft die Zeit davon, während immer mehr Leichen auftauchen und alle Hoffnungen auf ihr liegen, eine Gleichung zu lösen, die vielleicht gar nicht gelöst werden kann. Wird sie den Mörder rechtzeitig schnappen? Gesicht des Mordes, Buch 2 einer fesselnden neuen Serie, ist ein actionreicher Thriller voller mitreißender Spannung, der Sie bis spät in die Nacht an den Seiten kleben lassen wird. Buch 3 der Serie – GESICHT DER ANGST – ist ebenfalls vorbestellbar.

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Zeit:7 Std. 43 min

Veröffentlichungsjahr: 2020

Sprecher:Ida James

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G E S I C H T

D E S

M O R D E S

(Ein Zoe Prime Fall—Buch Zwei)

B L A K E   P I E R C E

Blake Pierce

Blake Pierce ist der USA Today Bestseller-Autor der RILEY PAGE Mystery-Serie, die sechzehn Bücher (und es werden noch mehr) umfasst. Blake Pierce ist auch der Autor der Mystery-Serie MACKENZIE WHITE, die dreizehn Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Mystery-Serie AVERY BLACK, die sechs Bücher umfasst; der Mystery-Serie KERI LOCKE, die fünf Bücher umfasst; der Mystery-Serie DAS MAKING OF RILEY PAIGE, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Mystery-Serie KATE WISE, die sechs Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe CHLOE FINE, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe JESSE HUNT, die fünf Bücher umfasst (Tendenz steigend); der psychologischen Krimireihe AU PAIR, die zwei Bücher umfasst (Tendenz steigend); der Krimireihe ZOE PRIME, die zwei Bücher umfasst (Tendenz steigend); und der neuen Krimireihe ADELE SHARP.

Als begeisterter Leser und lebenslanger Fan der Mystery- und Thriller-Genres liebt es Blake, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie www.blakepierceauthor.com, um mehr zu erfahren und in Kontakt zu bleiben.

Copyright © 2020 von Blake Pierce. Alle Rechte vorbehalten. Vorbehaltlich der Bestimmungen des U.S. Copyright Acts von 1976 darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln reproduziert, verteilt oder übertragen, in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden.  Dieses eBook ist ausschließlich für Ihre persönliche Nutzung lizensiert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer weiteren Person teilen möchten, erwerben Sie bitte eine zusätzliche Ausgabe für jeden Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht erworben haben, oder es nicht ausschließlich für Ihren Gebrauch erworben wurde, geben Sie es bitte zurück und erwerben Ihre eigene Ausgabe. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Es handelt sich hier um eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle beruhen entweder auf der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebend oder tot, ist völlig zufällig. Titelbild Copyright Tavarius

BÜCHER VON BLAKE PIERCE

ADELE SHARP MYSTERY-SERIE

NICHTS ALS STERBEN (Buch #1)

NICHTS ALS RENNEN (Buch #2)

NICHTS ALS VERSTECKEN (Buch #3)

DAS AU-PAIR

SO GUT WIE VORÜBER (Band #1)

SO GUT WIE VERLOREN (Band #2)

SO GUT WIE TOT (Band #3)

ZOE PRIME KRIMIREIHE

GESICHT DES TODES (Band #1)

GESICHT DES MORDES (Band #2)

GESICHT DER ANGST (Band #3)

JESSIE HUNT PSYCHOTHRILLER-SERIE

DIE PERFEKTE FRAU (Band #1)

DER PERFEKTE BLOCK (Band #2)

DAS PERFEKTE HAUS (Band #3)

DAS PERFEKTE LÄCHELN (Band #4)

DIE PERFEKTE LÜGE (Band #5)

DER PERFEKTE LOOK (Band #6)

CHLOE FINE PSYCHOTHRILLER-SERIE

NEBENAN (Band #1)

DIE LÜGE EINES NACHBARN (Band #2)

SACKGASSE (Band #3)

STUMMER NACHBAR (Band #4)

HEIMKEHR (Band #5)

GETÖNTE FENSTER (Band #6)

KATE WISE MYSTERY-SERIE

WENN SIE WÜSSTE (Band #1)

WENN SIE SÄHE (Band #2)

WENN SIE RENNEN WÜRDE (Band #3)

WENN SIE SICH VERSTECKEN WÜRDE (Band #4)

WENN SIE FLIEHEN WÜRDE (Band #5)

WENN SIE FÜRCHTETE (Band #6)

WENN SIE HÖRTE (Band #7)

DAS MAKING OF RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

BEOBACHTET (Band #1)

WARTET (Band #2)

LOCKT (Band #3)

NIMMT (Band #4)

LAUERT (Band #5)

TÖTET (Band #6)

RILEY PAIGE MYSTERY-SERIE

VERSCHWUNDEN (Band #1)

GEFESSELT (Band #2)

ERSEHNT (Band #3)

GEKÖDERT (Band #4)

GEJAGT (Band #5)

VERZEHRT (Band #6)

VERLASSEN (Band #7)

ERKALTET (Band #8)

VERFOLGT (Band #9)

VERLOREN (Band #10)

BEGRABEN (Band #11)

ÜBERFAHREN (Band #12)

GEFANGEN (Band #13)

RUHEND (Band #14)

GEMIEDEN (Band #15)

VERMISST (Band #16)

EINE RILEY PAIGE KURZGESCHICHTE

EINST GELÖST

MACKENZIE WHITE MYSTERY-SERIE

BEVOR ER TÖTET (Band #1)

BEVOR ER SIEHT (Band #2)

BEVOR ER BEGEHRT (Band #3)

BEVOR ER NIMMT (Band #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Band #5)

EHE ER FÜHLT (Band #6)

EHE ER SÜNDIGT (Band #7)

BEVOR ER JAGT (Band #8)

VORHER PLÜNDERT ER (Band #9)

VORHER SEHNT ER SICH (Band #10)

VORHER VERFÄLLT ER (Band #11)

VORHER NEIDET ER (Band #12)

VORHER STELLT ER IHNEN NACH (Band #13)

AVERY BLACK MYSTERY-SERIE

DAS MOTIV (Band #1)

LAUF (Band #2)

VERBORGEN (Band #3)

GRÜNDE DER ANGST (Band #4)

RETTE MICH (Band #5)

ANGST (Band #6)

KERI LOCKE MYSTERY-SERIE

EINE SPUR VON TOD (Band #1)

EINE SPUR VON MORD (Band #2)

INHALT

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

PROLOG

Professor Ralph Henderson seufzte, rieb sich die Nasenwurzel und suchte in seiner Manteltasche nach seinen Autoschlüsseln. Er hatte einen langen Abend damit verbracht, Englischarbeiten zu benoten und entweder wurden seine Studenten dümmer oder er wurde des Jobs überdrüssiger. Ihm war sehr danach, sich mit einem kleinen Glas Whisky und einem Klassiker für die Nacht ins Bett zurückzuziehen.

Die Tiefgarage von Georgetown war fast leer, die meisten anderen Fakultätsmitglieder waren vernünftig genug gewesen, schon längst nach Hause zu fahren. Es war kalt und trostlos, die Leuchtröhren an der Decke flackerten, während Motten selbstmörderisch gegen sie flogen. Henderson ging quer über die leeren Parkbuchten, nahm eine Abkürzung zu seinem Auto. Er überlegte kurz, ob er irgendwo anhalten und sich einen Kaffee zum Mitnehmen holen sollte. Oder wäre es besser, einfach so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, in die Sicherheit und Wärme seines eigenen Reichs?

Seine Schritte hallten in der Tiefgarage unheimlich wider, die Geräusche echoten zwischen Betondecke und Betonboden. Es war an Abenden wie diesem, dass die Tiefgarage sich in ein ganz anderes Wesen verwandelte. Ein Ort, an dem unangenehme Typen in den Schatten lauern könnten, bereit zum Angriff. Man konnte diese Art von Gedanken nicht abschütteln, auch wenn man sich wiederholt sagte, dass man erwachsen war und sich nicht mehr vor der Dunkelheit fürchten musste.

Allerdings gab es einen guten Grund, heute Abend nervös zu sein. Der Campus war durch Nachrichten von einem Mord, der hier, direkt unter ihrer Nase passiert war, in Unruhe versetzt worden. Ein Student, den Henderson gekannt hatte. Vielleicht war das der Grund, dass ihm die Haare im Nacken hochstanden, als er durch die Garage ging und warum er nicht anders konnte, als verstohlene Blicke mit großen Augen in die Schatten zu werfen, um zu sehen, ob jemand sich dort versteckte.

Er versuchte, sich abzulenken. Es gab mehr, über das er nachdenken konnte. Da war ein Bursche gewesen, den er aus der Klasse hatte werfen müssen, weil er eine weitere Arbeit nicht abgegeben hatte. Das Lehren war so frustrierend – zu sehen, wie diese jungen Leute voller Potential sich nur um Partys kümmerten und ihr Studium nicht ernst nahmen. Es hatte Henderson leid getan, ihn durchfallen zu lassen, aber er fühlte sich jetzt eher gerechtfertigt, nachdem er eine Mail des Studenten erhalten hatte.

Die E-Mail war giftig, fast bedrohlich. Anscheinend hielt der Bursche nichts davon, rausgeworfen zu werden und wollte sicherstellen, dass Henderson es wusste. Als ob eine solche Handlung ihn irgendwie wieder in den Kurs bringen könnte. Ha! Der Bursche musste noch viel über das Leben lernen und darüber, wie Leute darauf reagierten, wie man sie behandelte.

Henderson erreichte das Auto und hantierte mit den Schlüsseln, seine Finger waren dick und langsam, da er beim Benoten der Studenten so viele Kommentare geschrieben hatte. Er verfluchte sich selbst, das Zittern, das seine Hände überkam, verursacht durch die Einsamkeit der nächtlichen Tiefgarage. Er war albern. Herrje, er war ein erwachsener Mann und war bei Tag ohne einen Gedanken durch diese Garage gegangen.

Sowieso, dachte er düster, wenn jemand es auf ihn abgesehen hatte, dann wäre es dieser wütende Student. Und er war nicht intelligent genug, um einem Professor im Dunkeln einer Tiefgarage aufzulauern. Er war die Art junger Mensch, die wütende Emails schickte und Spuren hinterließ. Wirklich nichts, worüber er sich Sorgen machten musste. Henderson würde es morgen dem Dekan melden und damit wär die Sache erledigt.

Was war das für ein Geräusch? Schritte? Irgendetwas stimmte hier nicht. Er hatte die ganze Zeit seine Ängste abgetan, aber jetzt war er sich weniger sicher. Das prickelnde Gefühl in Hendersons Nacken verstärkte sich, wie eine Vorahnung, denn bevor er sich umdrehen konnte, knallte sein Kopf mit einem scharfen Geräusch gegen das Autofenster.

Henderson hatte kaum Zeit, das Geschehene und die durch seine Nase flutenden Schmerzen zu begreifen, als die Hand auf seinem Hinterkopf ihn bereits erneut gegen die Seite des Autos knallte. Er rutschte tiefer, durch den Schock und die Verletzung niedergedrückt, sein Körper wurde schlaff. Er versuchte, sich ein wenig wegzudrehen, sein Aktenkoffer lag vergessen auf dem Boden, aber er konnte den nächsten Schlag nicht abwehren und auch nicht den danach. Immer und immer wieder knallte sein Kopf gegen das rote Chassis, seine Schläfe, der obere Rand einer Augenhöhle, sein Kiefer direkt unter dem Ohr.

Er spürte die Auswirkungen mit einer Art unbeteiligtem Schock. Das Knacken eines brechenden Knochens. Der Gedanke an auf seinem Gesicht erscheinende Blutergüsse, dann an Schnitte und Abschürfungen, dann an etwas Ernsteres. Alles, woran er blöde denken konnte, war, dass sein Gesicht entstellt sein würde. Alles, wofür er an Gedanken Zeit hatte, bevor es anscheinend vorbei war.

Die Hand, die ihn ergriffen hatte, ließ ihn los und Henderson sank ohne Umschweife auf den Boden, stieß auf seinem Weg nach unten gegen eine Schulter. Angesichts alles anderem spürte er es kaum. Er war nun genügend vom Auto weggedreht, um benommen seinen Kopf zu wenden und sich umzusehen, obwohl sein Blick verschwommen war. Vielleicht von den Schlägen. Vielleicht von dem Blut, das in seine Augen tropfte. Vielleicht, weil seine Augenhöhle mindestens gebrochen sein musste.

Wer war das? Eine vage Gestalt, nur ein Flüstern, als ob ein Geist über ihm stünde, nicht ein Mann. Aber es war ein Mann. Es musste ein Mann sein. Wenn er nur erkennen könnte, wer es war – aber Hendersons Bewusstsein strömte aus ihm hinaus wie Sand durch seine Finger und er konnte nicht mehr. Irgendwas floss aus ihm, ließ ihn kalt und leer zurück. Er wusste, dass es fast vorbei war. Die Welt um ihn herum wurde schwarz, die wässrige Gestalt über ihm sah schweigend zu.

Der Schatten erstreckte sich über ihn und hob ein letztes Mal seinen Kopf und schlug diesen gegen den Beton, eine Einwirkung, die Henderson kaum bemerkte, bevor er kopfüber in die Dunkelheit fiel.

KAPITEL EINS

Zoe strich die Risse auf der Lehne des Ledersessels nach, sah, wie ihr Muster eine Geschichte des Alterns offenbarte, von so vielen Händen und Armen, die auf genau dieser Stelle gelegen hatten. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob das beruhigend war, ein Zeichen der Erfahrung oder einfach eklig. Wer wusste schon, welche Art Bakterien sich in diesem Bezug verbargen?

„Zoe?“ ermunterte Dr. Lauren Monk sie, von einem ähnlich bequemen Sessel ihr gegenüber. 

Zoe sah schuldbewusst hoch. „Entschuldigung, hätte ich das beantworten sollen?“

Dr. Monk seufzte, tippte mit ihrem Kugelschreiber gegen den Block in ihrer Hand. Trotz des Rekorders auf dem Schreibtisch, der all ihre Sitzungen aufnahm, schien es, als ob Dr. Monk immer noch ein Fan traditioneller Methoden war. „Ändern wir für einen Augenblick den Kurs“, sagte sie. „Wir hatten nun schon einige gemeinsame Sitzungen, Zoe, nicht wahr? Ich bemerke, dass Sie ab und zu Probleme mit sozialen Hinweisen haben.“

Ah. Das. Zoe zuckte mit den Schultern, versuchte, Gleichgültigkeit vorzutäuschen. „Ich verstehe nicht immer die Arten, auf die Menschen zu reagieren scheinen.“

„Oder die Arten, auf die sie erwarten, dass Sie reagieren sollen?“

Zoe zuckte erneut mit den Schultern, ihr Blick wanderte zum Fenster. Dann gab sie sich eine mentale Ohrfeige, sie sollte aktiv an diesen Sitzungen teilnehmen, sich nicht wie ein launischer Teenager benehmen. „Meine Logik unterscheidet sich von ihrer Logik.“

„Warum ist das Ihrer Meinung nach so?“

Zoe wusste, warum sie so war, wie sie war, oder dachte zumindest, dass sie es wusste. Die Zahlen. Die Zahlen, die überall waren, wo sie hinsah, jede Sekunde des Tages. Sie sagten ihr sogar jetzt, welche Brillenstärke Dr. Monk trug (kaum stark genug, um eine Sehhilfe nötig zu machen), dass ein halber Millimeter Staub auf den Rahmen der Diplome an der Wand war, aber nur ein Viertelmillimeter auf dem Psychologiediplom (was auf größeren Stolz über dieses im Vergleich zu ihren anderen Abschlüssen hinwies) und dass Dr. Monk während ihrer bisherigen Unterhaltung genau sieben Worte aufgeschrieben hatte.

Sie wollte es sagen, zumindest wollten Teile von ihr das. Sie hatte Dr. Monk gegenüber immer noch nicht zugegeben, dass sie über eine Fähigkeit verfügte, die niemand sonst zu haben schien. Niemand sonst abgesehen von dem gelegentlichen Serienmörder, wenn man nach dem Fall gehen konnte, den sie vor etwa einem Monat bearbeitet hatte.

Aber da war ein anderer Teil von ihr, der stärkere Teil, der nicht ertragen konnte, überhaupt irgendetwas zuzugeben.

„Ich wurde einfach so geboren“, sagte Zoe.

Dr. Monk nickte, schrieb aber nichts auf. Anscheinend war diese Antwort nicht relevant genug. „Wie fühlt es sich an, wen Sie diese sozialen Hinweise übersehen? Stört es Sie?“

Vielleicht lag es daran, dass sie mittlerweile genug Sitzungen gemeinsam verbracht hatten, um die anfängliche Unbehaglichkeit schwinden zu lassen. Vielleicht war es einfach die Freiheit, mit jemandem zu reden, mit dem sie keine wirkliche berufliche oder persönliche Verbindung hatte. Wie auch immer, Zoes Mund stieß ohne ihre bewusste Erlaubnis eine Wahrheit hervor, die ihr Gehirn bisher verborgen hatte. „Shelley findet es so einfach.“

Zoe verfluchte sich umgehend selbst. Was war das für eine Aussage? Jetzt würden sie den Rest der Sitzung damit verbringen, diese Eifersucht, die sie gegenüber Shelley fühlte, zu analysieren, anstatt an den wirklichen Problemen zu arbeiten. Bis zu diesem Moment hatte sie sich noch nicht einmal selbst wirklich eingestanden, dass die Eifersucht da war.

„Agent Shelley Rose“, sagte Dr. Monk, zog ihre Notizen von einem vorherigen Nachmittag in ihrem Büro zurate. „Sie haben zu einem früheren Zeitpunkt angedeutet, dass Sie sich mit ihr wohler fühlen, als mit Ihren früheren Partnern. Aber Sie fühlen ihr gegenüber Eifersucht. Können Sie das erläutern?“

Zoe holte Luft. Natürlich konnte sie das, aber sie wollte nicht. Zögerlich betrachtete sie ihre eigenen Finger, hielt es für das Beste, es einfach hinter sich zu bringen. „Shelley kann mit Leuten umgehen. Sie kann sie davon überzeugen, Dinge zuzugeben. Und sie mögen sie. Nicht nur Verdächtige. Alle.“

„Haben Sie das Gefühl, dass Leute Sie nicht mögen, Zoe?“

Zoe rutschte unbehaglich in ihrem Sessel herum. Das hier war alles ihre Schuld. Sie hätte so etwas nicht sagen sollen. Eine Schwäche zuzugeben, war eine Einladung, dass jemand darin herumwühlte. Deshalb hatte sie die Zahlen noch nicht erwähnt. Selbst wenn diese Therapeutin von Dr. Applewhite, ihrer vertrautesten Freundin und ihrer Mentorin, empfohlen worden war, bedeutete das nicht, dass Zoe ihr ihre tiefsten und dunkelsten Geheimnisse anvertrauen konnte. „Ich habe nicht viele Freunde. Partner beantragen normalerweise eine Versetzung weg von mir“, gab sie stattdessen zu.

„Glauben Sie, dass das mit Ihren Schwierigkeiten mit sozialen Hinweisen zu tun hat?“

Die Frau stellte eine offensichtliche Frage. „Das, und andere Dinge.“

„Welche Dinge?“

Die offensichtliche Frage. Zoe stöhnte innerlich. Sie hatte sich selbst in diese Falle manövriert. „Meine Arbeit ist schwierig. Ich bin oft weg. Es gibt kaum Zeit, Wurzeln zu schlagen.“

Dr. Monk nickte nachdenklich. Sie lächelte ermutigend, als ob Zoe wirklich Fortschritte machte. Der Teil von ihr, der sich nach positiver Aufmerksamkeit und Zuwendung sehnte, die sie von ihrer Mutter nie erhalten hatte, war darüber begeistert, obwohl sie es nicht sein wollte. Bis jetzt diente die Therapie nur dazu, all ihre Fehler herauszustellen. „Was ist mit Shelley? Hat sie Wurzeln?“

Zoe nickte, schluckte einen unwillkommenen Kloß herunter. „Sie hat einen Ehemann und eine kleine Tochter, Amelia. Sie redet viel über sie.“

Dr. Monk hielt ihren Stift an ihre Lippen, tippte dreimal bedeutungsvoll damit an ihren Mund. „Sie möchten eine eigene Familie.“

Zoe sah abrupt hoch, erinnerte sich dann daran, dass sie nicht überrascht sein sollte, dass eine Therapeutin hinter allem Gesagten die wahrsten Gedanken erkennen konnte. „Ja“, sagte sie schlicht. Es hatte keinen Sinn, es zu leugnen. „Aber davon bin ich sehr weit entfernt.“

„Als wir uns zu unserer ersten Sitzung trafen, sagten Sie mir, dass Sie auf einer Verabredung waren.“ Zoe sah, dass Dr. Monk ihre Notizen dafür nicht überprüfen müsste. „Er hat sich bei Ihnen gemeldet, nicht wahr? Haben Sie geantwortet?“

Zoe schüttelte verneinend den Kopf. „Er schickte mir einige E-Mails und versuchte, anzurufen. Ich hab nicht reagiert.“

„Warum?“

Zoe zuckte mit den Schultern. Sie konnte es nicht genau sagen. Sie hob verlegen die Hand, um ein paar Strähnen ihres braunen Haars zu berühren, welches sie eher aus Bequemlichkeit denn aus Modebewusstsein kurzgeschnitten hielt. Es gab an ihr einige Dinge, die vielleicht nicht gängig attraktiv waren und sie wusste das, auch wenn sie nicht genau verstand, wie andere Leute sie sahen. „Vielleicht, weil die erste Verabredung nicht so gut verlief. Ich war zu abgelenkt. Ich konnte mich nicht darauf konzentrieren, was er sagte. Ich war langweilig.“

„Aber er dachte das nicht, oder? Dieser … ?“

„John.“

„Dieser John, er scheint interessiert. Er versucht immer wieder, mit Ihnen in Kontakt zu kommen. Das ist ein gutes Zeihen.“

Zoe nickte. Es gab nichts, was sie noch dazu sagen konnte. Dr. Monk hatte recht, auch wenn sie es hasste, das zuzugeben.

„Lassen Sie mich Ihnen sagen, was ich sehe“, fuhr Dr. Monk fort. „Sie haben mir gesagt, dass Shelley das Leben führt, das Sie auch gerne hätten. Sie ist glücklich verheiratet und hat ein Kind, macht sich in ihrer Karriere gut, hat Fähigkeiten, die Sie nicht haben. Wir werden immer eifersüchtig auf jene sein, die Dinge tun können, die wir nicht können. Das ist die menschliche Natur. Es ist wichtig, sich nicht davon auffressen zu lassen, sondern sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man erreichen kann.“

Sie wartete darauf, dass Zoe erneut nickte, ein Zeichen gab, dass sie zuhörte, bevor sie fortfuhr.

„Dinge passieren nicht von alleine. Oder, um es anders zu sagen, es ist unwahrscheinlich, dass Sie je heiraten werden, wenn Sie nie auf Verabredungen gehen. Mein Rat an Sie ist, John anzurufen und auf diese zweite Verabredung zu gehen. Vielleicht wird es nicht so toll. Vielleicht wird es klasse. Sie können es nur rausfinden, indem Sie es ausprobieren.“

„Sie denken, dass ich John heiraten soll?“ Zoe runzelte die Stirn.

„Ich denke, dass Sie sich mit ihm verabreden sollten.“ Dr. Monk lächelte. „Und wenn es mit ihm nicht klappt, dann denke ich, dass Sie sich mit jemand anderem verabreden sollten. So arbeitet man auf seine Ziele hin. Ein Schritt nach dem anderen.“

Zoe war nicht gänzlich überzeugt, nickte aber trotzdem. Außerdem hatte sie jetzt etwas Wichtiges zu erledigen. „Ich denke, unsere Zeit ist für heute um.“

Dr. Monk lachte. „Das ist mein Satz“, sagte sie, stand auf, um Zoe zur Tür zu bringen. „Und denken Sie nicht, dass ich mich so leicht ablenken lasse. In der nächsten Sitzung kommen wir zurück zum Thema der sozialen Hinweise und reden darüber, wie man Dinge anders sieht als andere. Wir werden der Sache auf den Grund gehen, auch wenn Sie nicht bereit sind, völlig ehrlich mit mir zu sein.“

KAPITEL ZWEI

Wenigstens dem Mittagessen konnte Zoe freudig entgegensehen. Es war lange her, dass sie ihre Mentorin persönlich hatte treffen können und sie hatte sich darauf gefreut. Das Wissen, dass etwas Schönes sie erwartete, hatte ausgereicht, um sie durch die Therapiesetzung zu bringen.

Dr. Francesca Applewhite, eine Mathematikprofessorin, die an Zoes College gelehrt hatte, war eine der besten Personen gewesen, denen Zoe in ihrem Leben je begegnet war. Damals, noch ein Teenager und mit der geselligen Atmosphäre im Studentenwohnheim überfordert, hatte es sie skeptisch gemacht, dass sie mit einer weiteren Expertin reden sollte. Aber es hatte sich herausgestellt, dass die Professorin sie völlig verstand – sah, dass sie eine besondere Gabe hatte; etwas, das gefördert werden musste. Sie hatten mit privatem Einzelunterricht angefangen, welcher ihre Fähigkeit auf die nächste akademische Stufe heben sollte. Alles andere hatte sich von da aus entwickelt.

„Doktor“, begrüßte Zoe sie, als sie ihren Tisch erreichte und sich auf den freien Stuhl fallen ließ. Dr. Applewhite war zweifellos schon einige Zeit dort, wenn man von der halbleeren Kaffeetasse und dem zerlesenen Taschenbuch in ihren Händen ausging. Zoe fiel auf, dass die grauen Strähnen allmählich die Überhand in ihrem einst dunklen Haar gewannen, ein starker Gegensatz zu ihrer Erinnerung an die Professorin bei ihrer ersten Begegnung.

Dr. Applewhite schob ein Lesezeichen zwischen die Seiten, legte das Buch hin und lächelte, als sie aufsah. „Meine Lieblingsabsolventin. Wie behandelt das FBI dich?“

Sie hatte guten Grund für diese Frage. Es war immerhin auf ihren Vorschlag hin geschehen, dass Zoe eine Karriere in der Strafverfolgung eingeschlagen hatte. Nachdem ihr Kollege, einer von Zoes Mathematiklehrern, sie kontaktiert hatte, hatte sich Zoes ganzes Leben geändert. Sie wusste genau, wem sie das zu verdanken hatte.

„Gut. Mit meiner neuen Partnerin komme ich zurecht“, sagte Zoe. Sie nahm ihre Speisekarte, um die Gerichte durchzusehen, auch wenn es kaum nötig war. Sie wusste schon, was sie bestellen wollte. Ein rascher Blick auf die Länge der Spalten und Zeilen zeigte ihr, dass nichts Neues hinzugefügt worden war, und sie trafen sich immer zum Mittagessen hier.

Dr. Applewhite lehnte sich vor, um einen Kellner auf sich aufmerksam zu machen, und während die Professorin ihm zusah, wie er hinüberkam, betrachtete Zoe stattdessen sie. Sie erinnerte sich an jene erste Begegnung. Wie Dr. Applewhite echtes Interesse an dem gezeigt hatte, was Zoe zu sagen gehabt hatte, einer der wenigen Menschen in ihrem Leben, der ihr tatsächlich zugehört hatte. Die ältere Frau hatte seitdem mehrere Kilo zugenommen, aber nie auch nur ein Gramm des Mitgefühls verloren, das sie einer jungen Frau gezeigt hatte, die nicht wusste, wo ihr Platz in der Welt war.

Ihre Beziehung war mit der Zeit gewachsen. Zoe brauchte lange, um ihr zu vertrauen, sie an sich heranzulassen. Aber letztlich hatte sie ein Risiko eingehen, ihr Geheimnis offenbaren müssen. Ihr von den Zahlen erzählen müssen.

Es war nicht einfach gewesen. Nach so vielen Jahren, in denen Zoes Mutter ihr gesagt hatte, dass ihre Gaben ihr vom Teufel verliehen worden waren, hatte sie oft festgestellt, dass die Worte ihr im Hals steckenblieben. Aber Dr. Applewhite war begeistert, nicht entsetzt, gewesen, von Zoes Fähigkeiten zu erfahren. Von da an war ihre Verbindung nur stärker geworden.

„Wie ist es mit Dr. Monk?“ fragte Dr. Applewhite, nachdem Zoe ihre Bestellung aufgegeben hatte. Ihre Augen funkelten schelmisch. „Sie sagte mir, dass du meiner Empfehlung gefolgt bist.“

Zoe konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. „Kontrollieren Sie mich?“

„Ich muss immer ein Auge auf meine Lieblinge haben“, lachte Dr. Applewhite. Es war ein ständiger Witz zwischen ihnen. Dr. Applewhite sollte natürlich keine Lieblinge haben. Aber Zoe hatte ihrer Karriere auf vielerlei Art geholfen, ebenso wie Dr. Applewhite Zoe beim Wählen ihrer Karriere unterstützt hatte. Dr. Applewhite hatte sich letztlich auf die Erforschung von Synästhesie im Hinblick auf Mathematik spezialisiert und war nun Mentorin für einige andere, die die gleichen Fähigkeiten wie Zoe hatten. Mehr oder weniger jedenfalls.

„Die Sitzungen laufen gut“, gab Zoe zu. „Dr. Monk hat einige gute Erkenntnisse. Ich kann verstehen, warum Sie sie mögen.“

„Sie hat einen ausgezeichneten Ruf. Irgendwelche Fortschritte, die du mir mitteilen kannst? Oder ist es alles zu persönlich?“

Zoe zuckte mit den Schultern, betrachtete die fünf Zentimeter Wasser am Boden der Vase auf ihrem Tisch, die nicht ausreichen würden, um die zwei Chrysanthemenstängel lange zu versorgen. Die inneren Berechnungen, wie lange es bis zum völligen Verwelken dauern würde, lenkten sie genug ab, dass sie ihre Gedanken aussprechen konnte. „Sie sagte, ich sollte auf mehr Verabredungen gehen.“

Dr. Applewhite grinste herzlich, ihr eigener Ehering funkelte im Sonnenlicht, als sie ihre Kaffeetasse an den Mund führte. „Sie könnte recht haben.“

„Ich glaube wirklich nicht, dass das die Lösung all meiner Probleme sein wird“, schnaufte Zoe, während sie die vom Kellner gebrachte frische Tasse Kaffee an den Mund führte.

„Vielleicht nicht aller, aber einiger“, sagte Dr. Applewhite, jetzt ernst. „Ich sage nicht, dass du dich dafür schlecht fühlen musst, wie du bist. Du funktionierst – noch mehr als das. Du hast es in einen Vorteil für deine Arbeit verwandelt. Andere sind nicht so leistungsfähig wie du. Ich mache mir nur Sorgen um dich. Du weißt, dass ich das tue.“

Zoe nickte. „Das weiß ich zu schätzen“, sagte sie. Sie hatte begriffen, dass Dr. Applewhite alles in allem eventuell der einzige Mensch auf der Welt war, der sich tatsächlich Sorgen um sie machte. Wenigstens einen Menschen zu haben, war ein Trost.

Bevor sie den Gedanken beenden und sogar so weit gehen konnte, die Empfehlung, John anzurufen, ernst zu nehmen, klingelte ihr Handy in ihrer Tasche. Zoe holte es raus. Als sie Shelleys Namen auf dem Display sah, nahm sie den Anruf entgegen.

„Special Agent Zoe Prime.“

„Hey, Z. Ich hoffe, du machst gerade nichts Schönes.“

Zoe seufzte und sah auf ihre halb aufgegessene Mahlzeit hinunter. Sie hatte den Geschmack nicht wirklich wahrgenommen, da ihre Gedanken woanders waren. „Ich nehme an, wir haben einen Fall.“

„Ich treffe dich in dreißig Minuten im Hauptquartier. Der Chief sagt, es ist eine große Sache.“

Zoe lächelte Dr. Applewhite entschuldigend an, aber die Ärztin winkte sie schon fort. „Erfülle deine Pflicht, Agent. Aber es gibt noch eine Sache, die ich dir sagen möchte …“ Dr. Applewhite zögerte, holte Luft. Sie schien unwillig, zu reden, fuhr aber fort, sah dabei auf Zoes halbleeren Teller. „Einer der anderen in meiner Forschungsgruppe – ein anderer Synästhetiker. Wir dachten, es würde ihm besser gehen, aber … es tut mir leid, das zu sagen, aber er hat sich letzte Woche umgebracht. Er hatte außer mir niemanden, der ihn unterstützte und es somit schwer. Wir Menschen brauchen andere Menschen um uns herum, um uns emotional zu unterstützen. Alle von uns brauchen das. Auch die, die ein wenig anders denken.“

Zoe hielt inne, starrte hinunter in ihre Kaffeetasse, die ein paar Millimeter zu wenig gefüllt war, lehnte sich dann Unterstützung suchend gegen den Stuhl. Sie hatte nie Anstalten gemacht, jemanden aus Dr. Applewhites „Forschungsgruppe“ – Testobjekte nannte Zoe sie gedanklich, wenn sie in unfreundlicher Stimmung war – kennenzulernen, aber die Nachricht war trotzdem ein Schlag. Jemand wie sie, der aus dem einzigen Grund sterben wollte, dass er genauso war wie sie. Das war allerdings hart zu schlucken.

Sie hob mechanisch ihre Tasche hoch, ging weg, ohne ihre Umgebung wirklich wahrzunehmen. In ihrem Kopf richtete sie ihre Gedanken neu aus. Dachte zurück an Dr. Monks Bemerkungen. So arbeitet man auf seine Ziele hin. Ein Schritt nach dem anderen.

Was hatte sie wirklich in ihrem Leben? Eine Mentorin, die einer Mutterfigur ähnlicher war, als jede andere Person, die sie je finden würde. Eine Partnerin – Shelley – die einer Freundin noch am ähnlichsten war. Zwei Katzen, Euler und Pythagoras – und obwohl sie sie beide liebte, wusste sie, dass es in der Natur von Katzen lag, dass es ihnen genauso gut gehen würde, wenn sie weg war und sie bei jemand anderem lebten. Eine Karriere, die öfter auf der Kippe stand als sich weiterzuentwickeln, auch wenn momentan eine der besseren Phasen war. Eine kleine Wohnung für sich.

Und eine Störung, oder eine Fähigkeit, oder wie auch immer man es nennen wollte, die sie so anders machte, dass Leute wie sie sich selbst töteten.

KAPITEL DREI

Zoe ging durch die Flure des weitläufigen FBI-Hauptquartiers in Washington D.C. auf das Besprechungszimmer zu, wo Shelley warten würde. Solche Gebäude wirkten auf Zoe beruhigend: vor ausreichend langer Zeit gebaut, aber mit genug Planung und Präzision, dass man jede Etage gut einschätzen und sich dort zurechtfinden konnte.

Das J. Edgar Hoover-Gebäude war durchdacht gebaut worden. Obwohl es von außen viereckig und grau war, die Art  Architektur, die Leute als Bausünde bezeichneten, liebte Zoe genau diese blockartige geometrische Komposition. Die Flure zweigten auf genau die gleiche Art ab, ganz gleich, wo man den Aufzug verließ, und die Zimmer waren logisch nummeriert. Zimmer 406 war, ziemlich selbstverständlich, die sechste Tür, die man erreichte, wenn man im vierten Stock aus dem Aufzug ausgestiegen war. Das war unfassbar erfreulich. Nicht alle Gebäude waren gleich geschaffen.

Shelley saß tatsächlich bereits im Besprechungszimmer, sah  Notizen durch, sowie Farbfotografien, die in ordentlichen Abständen auf einem Besprechungstisch ausgelegt waren. Sie sah auf und lächelte, als Zoe eintrat.

Zoe konnte nicht ganz begreifen, wie Shelley, mit einem kleinen Kind zu Hause und keinem nennenswerten Vorteil hinsichtlich der Entfernung, vor ihr im Hauptquartier hatte sein können. Nicht nur das, aber wie konnte sie in ein Kostüm gekleidet sein, das ihre kurvige, aber schlanke Figur untermalte, die Winkel zwischen Hüfte, Taille und Brust akzentuierte, ohne einen Fleck des üblichen Schmutzes, der sich erwartungsweise im Umfeld eines Kleinkindes bildete. Und wie konnte sie so perfekt zurechtgemacht sein, mit einem leichten Hauch eines rosa Lippenstifts auf dem Mund und ihrem blonden Haar lässig in einem Chignon zurückgehalten. Aber so war es.

Ihr Vorgesetzter, Special Agent in Charge Leo Maitland, stand vorne im Zimmer und wartete mit der angespannten Ungeduld eines Jaguars auf der Jagd. Er war ein Army-Veteran mit soldatischer Haltung und nach einer erfolgreichen Karriere mit zahlreichen Beförderungen war er nach Hause zurückgekehrt, um in die Strafverfolgung zu wechseln. Das war alles fünfzehn Jahre zuvor geschehen, aber die ergrauenden Haare an seinen Schläfen waren kein Zeichen, dass er weniger Kämpfer als zuvor war. Er war 1,87 m groß, mit einem Brustumfang von hundertdreizehn Zentimetern und einem Bizeps von siebenunddreißigeinhalb Zentimetern, der die Säume seiner Uniform dehnte.

„Ah, Special Agent Prime“, sagte er. „Willkommen. Ich habe Ihrer Partnerin die Einsatzbesprechungsnotizen gegeben. Setzen Sie sich bitte und sehen sie sich an.“

Zoe gehorchte und stellte einen Kaffee zum Mitnehmen vor Shelley ab. Es war ihnen zur Gewohnheit geworden. Zoe steuerte den Kaffee bei und Shelley würde die gesamte höfliche Konversation beisteuern, die während des Falles gebraucht wurde. Jede von ihnen kümmerte um etwas, das sie tatsächlich auch fertigbrachte.

„Special Agent Rose hat die gesamten Informationen, aber ich gebe Ihnen einen Überblick. Wir haben schon zwei Leichen und es sieht nach einem hiesigen Fall aus, also werden Sie nicht reisen müssen.“

Maitland verschränkte seine Arme vor der Brust, woraufhin das Material seines Anzugs um seine Schultern herum sichtbar an seine Grenzen geriet. „Wir werden von der Lokalpresse ziemlich unter Druck gesetzt werden, da eines der Opfer recht bekannt war. Ihnen ist zweifellos bewusst, wie dringend ein dritter Todesfall und die Verwendung des Begriffs ‚Serienmörder‘ durch die Presse verhindert werden müssen.“

Zoe nickte. Eine solche Berichterstattung könnte Hysterie verursachen und letztlich die Fallaufklärung behindern. Auch würden dadurch die Nachrichten weiter verbreitet werden – und das bedeutete, dass sie es mit mehr nationaler oder sogar internationaler Presse zu tun bekommen würden. FBI-Agenten waren daran gewohnt, unter hohem Druck zu arbeiten, aber das bedeutete nicht, dass sie es schätzten. Besonders Zoe nicht, die Mikrofone zählen und die Längen der Fernsehkamerakabel analysieren würde, anstatt sich auf ihre Rede bei der Pressekonferenz zu konzentrieren.

„Angesichts Ihrer Verspätung …“ fuhr Maitland fort. Zoes Mund öffnete sich zum Protest, aber sie klappte ihn zu. Sie hatte sich an diesem Morgen für ihren Brunch freigenommen, als Ausgleich zu den vielen, vielen unbezahlten Überstunden, die sie geleistet hatte. Sie war kaum zu spät. Aber man widersprach dem Special Agent in Charge des J. Edgar Hoover-Gebäudes nicht. „Ich habe Ihre Partnerin schon informiert. Ich werde es ihr überlassen, Ihnen die Einzelheiten mitzuteilen. Angesichts Ihrer Neigung für Mathematik waren wir der Meinung, dass dieser Fall perfekt zu Ihren Fähigkeiten passt. Lassen Sie mich nicht hängen.“

Maitland rauschte aus dem Raum, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Zoe bemerkte, wie seine Hand direkt in seine Tasche griff, als er den Raum verließ und nahm an, dass die zweieinhalb Zentimeter dicke Ausbeulung wahrscheinlich ein Handy war. Er war ein beschäftigter Mann, der Anrufe zu machen und weitere Informationen weiterzugeben hatte. Sie würden ihn wahrscheinlich nicht oft sehen, bis der Fall erledigt war – sofern sie keinen Mist bei irgendetwas bauten, dann würde er wie eine Tonne Ziegelsteine auf sie herniederstürzen.

In Anbetracht von Maitlands Größe und der Tatsache, dass eine Tonne eintausend Kilo beinhaltete, war er nicht wirklich wie eine Tonne Ziegelsteine. Eher ein Zehntel davon.

„Zwei Opfer“, sagte Shelley und sicherte sich Zoes Aufmerksamkeit ohne eine höflich-triviale Einleitungsbemerkung. Sie begann, Zoe besser kennenzulernen und musste mittlerweile bemerkt haben, dass solche Bemerkungen keine positive Wirkung auf ihre Beziehung hatten. Seit Beginn ihrer Zusammenarbeit hatte Zoe eine mindestens siebzigprozentige Verminderung von Plauderei bemerkt. „Beide in unserem eigenen Hinterhof. D.C. Metropolregion.“

„Ich hoffe, nicht in einem unserer tatsächlichen Hinterhöfe. Man sollte meinen, dass wir als Bundesagenten es bemerken würden.“

Shelleys Augen blitzten auf, als sie Zoe einen leichten Rippenstoß gab. „War das ein richtiger Witz? Was ist in dem Kaffee?“

„Ich habe mich heute Morgen mit einer alten Freundin getroffen. Ich nehme an, es hat mich in gute Stimmung versetzt.“

„Dann tut es mir leid, das unterbrochen zu haben.“ Shelley deutete auf die zwei Akten zu den Opfern, sorgfältig ausgebreitet und absichtlich auseinandergehalten. „Das ist das erste Opfer, vor ungefähr einer Woche. Er war ein junger Masterstudent, der auf dem Campus von Georgetown gefunden wurde. Sein Kopf war mit einem schweren Gegenstand eingeschlagen worden – die Gerichtsmedizin meint, dass es wahrscheinlich ein Baseballschläger war.“

„Sechs Tage“, murmelte Zoe, während ihre Augen die Akte überflogen. Sie las seine Daten: 1,80 m groß, zweiundachtzig Kilo, dreiundzwanzig Jahre alt.

„Entschuldige, ja.“ Shelley musste sich offensichtlich noch an die Präzision gewöhnen, die Zoe erwartete, auch wenn sie es einfach fanden, sich in anderen Bereichen aufeinander einzurichten. „Das zweite Opfer ist von gestern Abend. Ein Englischprofessor aus Georgetown, sein Kopf wurde mehrfach gegen sein eigenes Auto geschlagen, bis irreparable Schädelverletzungen entstanden waren.“

„Das College ist die Verbindung.“

„Nicht nur das.“ Shelley sah die Fotografien durch, zog Aufnahmen von oben heraus, die den gesamten Tatort zeigten. „Beiden war das Hemd aufgerissen worden – und ich meine aufgerissen, mit einiger Gewalt. Es scheint, als ob der reine Mordakt nicht reichte, um die Wut des Mörders zu befriedigen. Dann sind da diese … nun, sieh es dir selbst an.“

Zoe riss die Fotos fast aus Shelleys Händen. Sie hatte die Form der auf die Brustkörbe der beiden Männer geschriebenen Zeichen schon fast erkannt und ein genauerer Blick bestätigte es. Sie waren beide mit komplizierten mathematischen Gleichungen beschriftet worden – kompliziert genug, dass Zoe sich einen Stuhl hervorzog und sich setzte, ohne die Augen abzuwenden.

„Wurden die hier schon irgendwelchen potentiellen Zeugen gezeigt? Freunde, Fakultätsmitglieder, Studenten?“

„Im Fall des ersten Opfers ja. Die örtlichen Polizisten haben das Bild herumgezeigt. Natürlich stark beschnitten, um nur die Formel selbst zu zeigen. Sie haben diesen Morgen gerade das andere Bild in Umlauf gebracht, obwohl wir immer noch einige weitere Spuren finden werden, nehme ich an.“

„Und?“

Shelley zuckte mit den Schultern. „Niemand weiß, was es bedeutet.“

Zoe wusste nur zu gut, dass die Mathematikabteilung von Georgetown über viele gute Spezialisten verfügte. Wenn diese es nicht herausfinden konnten, bedeutete das, dass es eine hochkomplizierte Gleichung war. „Es sieht aus wie Quantenmathematik.“

„Das haben einige der Professoren auch gesagt. Aber sie erkennen es nicht als irgendetwas, das einer von ihnen je zuvor gesehen oder mit dem einer von ihnen je gearbeitet hätte.“

Zoe starrte weiter auf die Gleichung, ihre Gedanken rasten vorwärts und durch alle komplexen Zeichen und Zahlen und Buchstaben, versuchten, zumindest einen Eingang in das Muster zu finden. „Welche anderen Spuren haben wir?“

Shelley sah einige weitere Seiten durch. „Ich war gerade dabei, als du hereinkamst. Lass mal sehen … die Mitbewohner und Freunde des Studenten wurden alle befragt, ebenso seine Familie und das Lehrpersonal. Er war in einer nicht von Kameras überwachten Gegend des Campus, direkt in einem toten Winkel.“

„Bequem“, seufzte Zoe. Sie wünschte sich, dass sie nur ein einziges Mal einen Fall bekommen würden, bei dem die Tat vor Zeugen begangen oder von einer Kamera gefilmt worden war. Natürlich riefen sie das FBI normalerweise nicht zu Fällen hinzu, die einfach lösbar waren.

„Was den Professor betrifft, da sieht es aus, als ob nur am Eingang zur Parkgarage Kameras waren. So viele Leute kommen den ganzen Tag lang herein und heraus und wir haben überhaupt keine Überwachung der Fußgängerausgänge. Die Kameras haben nichts Verdächtiges aufgenommen.“

„Überhaupt keine Spuren“, stellte Zoe fest, stützte ihr Kinn in eine Hand, während sie sich zum siebzehnten Mal die Gleichung ansah. Langsamer, schneller, es machte keinen großen Unterschied. Es ähnelte nichts, das sie je gesehen hatte. Weit über den Level hinaus, bis zu dem sie in ihrer eigenen Collegezeit studiert hatte.

Sie widmete sich der anderen Gleichung, beim Professor. Es schien genau das Gleiche. Was war das?

„Was möchtest du zuerst tun?“ fragte Shelley, beendete ihre Aktendurchsicht.