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Das Schützenfest ist in der ostfriesischen Kleinstadt Esens das gesellschaftliche Großereignis schlechthin. Da passt es überhaupt nicht, dass ein Schützenbruder kurz vor Beginn der Feier auf einem Neubau tot aufgefunden wird. Zumal es keinen Zweifel gibt: Reiner Muul, Juniorchef einer Baufirma, wurde ermordet. Hauptkommissar Kerkhoff und seine Kollegen finden bald heraus, dass das Opfer weder in der Schützencompagnie noch im Bauunternehmen beliebt war. Die einzige Spur ist das Lebkuchenherz, das der Ermordete um den Hals trug. Warum hatte es die Aufschrift "Für dich, Goldie"? Hat der Mörder den Falschen erwischt, meinte er Schützenkönig Goldau? Wird er das Schützenfest nutzen, um erneut zuzuschlagen?
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Titelseite
Impressum
Über den Autor
Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Zum Schluss
Manfred C. Schmidt
Im Verlag CW Niemeyer ist bereitsfolgendes Buch des Autors erschienen:
Kaltblut
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de
© 2015 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln
www.niemeyer-buch.de
Originalausgabe Leda-Verlag, Leer, 2010
Alle Rechte vorbehalten
Der Umschlag verwendet ein Motiv von shutterstock.com
Marine Rope A-R-T 2014
Druck und Bindung: Nørhaven, Viborg
eISBN: 978-3-8271-9874-7
EPub Produktion durch ANSENSO Publishing www.ansensopublishing.de
Die ostfriesische Stadt Esens, die Umgebung und Institutionen bilden die Kulisse für diesen Kriminalroman. Handlung und Personen sind aber frei erfunden und finden keine Entsprechung in der Realität.
Über den Autor:
Manfred C. Schmidt, gebürtiger Emder, lebt in Esens/Ostfriesland, studierte als Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung in Köln und Oldenburg.
– Mitglied im VDS und SYNDIKAT
– 2004 Gewinner des Jeverschen Poetry Slam
– 2007 Krimisammlung „Mord im Milieu“
– Lesungen mit Christiane Franke und dem Pianisten Dr. Wolfram Nagel als TrioMortabella
– 2007 TrioMortabella (Hrsg) „MordMordMord“
– 2009 TrioMortabella (Hrsg) „Liebe-Laster-Leichen“
– 2010 Debüt-Kriminalroman „Gut Schuss“
– 2013 Kriminalroman „Kaltblut“
– Veröffentlichungen in zahlreichen Anthologien, Zeitungen und Zeitschriften
www.esens-krimis.de
www.ostfriesland-krimi.de
Für Helga,Tilli und Joke
Die stickige Hitze des Tages wurde gegen Abend erträglicher. Die aufkommende Flut trieb den leichten Seewind über den Deich und weiter über Wiesen und Felder. Wo das Gras noch nicht geschnitten war, duckten sich die Halme leicht landeinwärts, um sich gleich darauf wieder zurückzubiegen.
Vor dem Neubau am Ende des Thunumer Wegs war Ruhe eingekehrt. Der Bauherr hatte das Richtfest mit den Maurern gegen Mittag begonnen. Es hatte sich bis zum Feierabend hingezogen. Jetzt lag das Grundstück wie ausgestorben da.
Ein umgestoßener Sonnenschirm rollte, vom abendlichen Seewind getrieben, der um die Hausecken schralte, von der Hauswand bis zu den leeren Bierkästen und zurück. Die roten Backsteinklinker strahlten die tagsüber gespeicherte Wärme wie ein Kachelofen ab. Sand und Zementstaub fingen sich in den Ecken des Gebäudes. An den Fensterlöchern waren die Dicke und Struktur der Mauern zu erkennen: Die äußere rote Klinkerwand war bereits hochgezogen und im überstehenden Dachsparrenbereich einen Meter weiß eingefugt worden. Dadurch leuchtete der Stein noch intensiver.
Nahe dem Schornstein ragte die Richtkrone mit ihren flatternden bunten Bändern in den abendlichen Sommerhimmel. Glutrot verschwand die Sonne hinter der vier Kilometer entfernten Deichlinie.
Im Süden zeichnete sich die Silhouette der ostfriesischen Kleinstadt Esens mit dem Kirchturm von St. Magnus ab. Alles überragend stand das Riesenrad am Schützenplatz, noch ohne die Gondeln, die tags darauf montiert werden sollten.
Der Schatten des Richtkranzes traf die dicken Dachsparren aus Fichtenholz. Darunter stand eine lange Aluminiumleiter, die die Bautreppe aus dem ersten Stock verlängerte und den Zutritt auf den Dachboden bis in die Dachspitze ermöglichte. Ein Stück weiter hing ein Seil an einem Flaschenzug. Das eine Ende war mit einem Knoten und einem Nagel am Sparren befestigt. Einige Kalksandsteine lagen gestapelt auf dem Betonfußboden. Sandstaub sammelte sich in den Mauerecken. Vor dem Eingang im Erdgeschoss führte eine Laufplanke über eine Mischung aus verdichtetem Kies- und Füllsand.
Das grobstollige Fahrradprofil drückte den feinen Splitt der Baustraße zur Seite und hinterließ eine gerade Spur. Hier tauchte leicht versetzt das Hinterrad ein, um gleich wieder wegen der Gleichgewichtsverlagerung einen eigenen Abdruck zu hinterlassen. Zielsicher steuerte der Radfahrer auf die sandige Einfahrt zu, die später als Zufahrt zur Garage dienen sollte. Hier drehte sich das Vorderrad im trockenen Untergrund quer und das Stahlross warf den Reiter ab. Fluchend kletterte dieser vom Rad, denn er war mit dem Unterleib schmerzhaft auf die Stange des Herrenrades gestoßen.
Er nahm den Eimer vom Lenker und stellte das Fahrrad an der Haustür ab. Mit einem Griff hatte er die Holzplatte vor dem Eingang zur Seite geschoben. Dann nahm er den Schlüssel aus dem Versteck und öffnete die große metallene Werkzeugkiste. Kelle, Fugeisen, Latthammer und Wasserwaage verschwanden im schwarzen Baueimer. Das Vorhängeschloss rastete wieder ein. Fünf kräftige Finger packten den Henkel des Eimers.
Plötzlich hielt er abrupt inne. Er erkannte die Figur des Mannes gleich, auch wenn er sie nur aus den Augenwinkeln gesehen hatte. Er drehte sich um.
„Himmel, der Muul!“
Jetzt sah er die Gestalt des Juniorchefs ganz deutlich im Schein der blutroten, untergehenden Sonne. Für einen Moment blieb er regungslos stehen.
„Diese alte Drecksau! Dieser Teufel!“ Einen Moment starrte er Muul aus schmalen Augen hasserfüllt an, doch dann griff er kurzentschlossen nach dem Latthammer und stieg die Treppe hoch. Am Fuß der Aluminiumleiter blieb er stehen und schaute sich um. In der umliegenden Nachbarschaft war alles ruhig. Niemand war zu sehen. Niemand befuhr den Radweg von Thunum nach Esens. Niemand kam auf der Zufahrtsstraße. Er schwang sich auf den Dachboden, lief zum Giebelfenster, wo sie am Vormittag die Zimmermannskiste mit den dicken Dachsparrennägeln deponiert hatten, und entnahm zuerst zwei Nägel. Dann lief er noch einmal zurück und griff sich zusätzlich einen Reservenagel. Jetzt kletterte er in die Dachspitze und schaute sich sichernd nach allen Seiten um. Er packte das lange Seil des Lastenaufzugs, kletterte damit noch einmal die Leiter hinunter. Er band einen Henkersknoten, befestigte das Seil und stieg wieder ins Dachgebälk hinauf. Immer noch war alles ruhig in der umliegenden Nachbarschaft. Mit dem Flaschenzug holte er nun die Last ganz langsam nach oben. Dabei fluchte er fortwährend leise vor sich hin. Auf halber Strecke hielt er noch einmal kurz inne, horchte für einen Moment und zog dann wieder kräftig an. Er befestigte das Seil und stemmte die Last hoch.
Dann schlug er zu. Schnell, hart und genau. Niemand würde die dumpfen Einschläge der Nägel hören. Vorsichtig wischte er sich das Blut von den Händen und der Kleidung.
Er wollte gerade einen Fuß auf die Leiter setzen, als er das tiefe Bellen großer Hunde vernahm. Dann sah er die Bestien auch schon auf sich zukommen.
Hauptkommissar Kerkhoff trat aus dem Wittmunder Polizeigebäude und sog die frische Abendluft ein. Es war spät geworden. Der Papierkram sollte heute noch erledigt werden, hatte sein Chef in Aurich gemeint. Klugscheißer ... als wenn der seine Aufgaben so genau erledigen würde. Der Dienststellenleiter und sein Stellvertreter konnten nicht einmal den Einsatzplan richtig zusammenstellen und die Freischichten koordinieren, aber große Sprüche klopfen. Alles musste man selber machen, seit vor vier Jahren ein Generationswechsel in der Polizeispitze stattgefunden hatte. Es wurde nur noch delegiert und nichts mehr klar entschieden. Das Ganze wurde auch noch als ,demokratisch‘ gehandelt, obwohl es nichts anderes als Führungsschwäche und Inkompetenz war: Wer nichts entscheidet, kann auch nichts verkehrt machen und muss auch nichts verantworten. Ging etwas schief, wurde der Kollege oder die Kollegin, die tätig werden mussten, zur Rechenschaft gezogen. Klappte eine Aktion, stand die Leitung ganz vorne, um die Lorbeeren zu ernten. Kerkhoff hasste das. Er hatte den Verdacht, dass die Funktionsstellen nur mit Leuten besetzt wurden, die ihre Unfähigkeit unter Beweis gestellt hatten, nach oben buckelten und nach unten traten. Das drückte natürlich auf die Motivation.
Mehrmals hatte Kerkhoff erleben müssen, wie insbesondere junge Kollegen und Kolleginnen im Regen stehen gelassen wurden. Er hätte sich gewünscht, dass die Vorgesetzten einmal ihren Kopf hingehalten und etwas auf ihre Schultern genommen hätten.
Zum Glück war niemand so betriebsblind, dass dieser Dilettantismus nicht erkannt wurde. Wenigstens darin waren sich die Kollegen einig.
Andererseits waren die Vorgesetzten im privaten Umgang ausgesprochen nett. Wahrscheinlich erkannten sie ihre eigene Unfähigkeit gar nicht.
Kerkhoff schloss sein Fahrrad auf. Warum hatte er heute nicht das Auto genommen? Heute Morgen hatte er gedacht, wenn er schon nicht nach Aurich, sondern in die Wittmunder Dienststelle musste, dann könnte er gleich etwas trainieren und die Strecke mit dem Fahrrad zurücklegen. Konnte nie schaden. Aber jetzt am Feierabend war er müde und ihm graute vor der langen Strecke nach Hause. Seine Schulterblätter hingen herunter und schmerzten.
„Na, Kondition bolzen?“ Marike, die hübsche blonde Sekretärin, lief lachend an ihm vorbei.
Sofort stand er aufrechter und zog den Bauch ein.
„Wat mutt, dat mutt!“ Kerkhoff deutete auf seinen Bauchansatz. Es ist doch gut, dass ich mein Auto zu Hause gelassen habe, dachte er.
Marike ging leichtfüßig auf ein wartendes Auto zu und stieg ein.
Kerkhoff erreichte den kleinen Ort Osteraccum über den geteerten Radweg auf der linken Fahrbahnseite. Am Ortsausgangsschild endete der Weg und er musste auf die Landstraße wechseln. Er wollte auf dieser Straße bleiben, denn der Wirtschaftsweg durch die Felder nach Esens erschien ihm für die schmalen Reifen seines neuen Rennrades zu uneben. Das würde er ein anderes Mal ausprobieren.
In der Doppelkurve in Thunum schnitt ihn ein schwarzer Mercedes-Kombi mit Wittmunder Kennzeichen und nahm ihm die Vorfahrt. Leider konnte er das Nummernschild nicht deutlich erkennen.
„Arschloch!“ Mit Mühe hielt sich Kerkhoff im Sattel. Nun wollte er so schnell wie möglich nach Hause. Der Wind hatte sich gedreht. Er schob jetzt von hinten.
*
Mit heißem Wasser spülte Kerkhoff die Teekanne aus, gab drei Löffel Tee hinein und übergoss die fast schwarzen Blätter mit kochendem Wasser. Fünf Minuten später füllte er das dunkle Getränk in die Teetasse mit der Ostfriesenrose um. Dann stellte er die Kanne auf das Stövchen mit dem brennenden Teelicht und goss Wasser nach. Drei Tassen waren Ostfriesenrecht – bei ihm konnte es schon mal eine ganze Kanne sein. Von der traditionellen Zeremonie war er mittlerweile abgekommen. Statt des süßen Kluntjes und dem Schuss Sahne nahm er einen kleinen Löffel geschmacksneutralen Akazienhonig. Er redete sich ein, das sei gesünder als der weiße Kandis, wusste aber insgeheim, dass es ein Trugschluss war. Zum Zahnarzt musste er trotzdem und die Kilos purzelten auch nur, wenn er den Alkohol wegließ und mehr Sport trieb.
Kerkhoff ließ sich in den Ledersessel fallen. Im Anzeiger für Harlingerland las er zunächst die Todesanzeigen und den Bericht über den Neuaufbau der abgestiegenen ersten Fußballmannschaft des TUS Esens. Den Bericht über den grausamen Mord von sogenannten Satanisten an einem jungen Mann überflog er nur. Sonst war das Blatt reichlich dünn. Sommerloch. Das würde sich zum Schützenfest am Wochenende ändern. Dann gäbe es wieder ganze Fotoseiten und Berichte über die „Fünfte Esenser Jahreszeit“. Bereits gestern war eine Sonderbeilage über den Ablauf der Feier und einen Rückblick auf die Aktivitäten der Schützen im letzten Jahr erschienen.
Während er die Tiefkühlpizza in den vorgeheizten Backofen schob, fummelte er die Ostfriesen-Zeitung, die er im Büro hatte mitgehen lassen, aus der Innentasche seiner Lederjacke. Im Lokalteil über den Landkreis Wittmund fand er den Abschlussbericht über den Tod von Franz Bregenhorn, einem notorischen Denunzianten, den Kerkhoff durch Zufall aufgeklärt hatte.
Er legte die Zeitung zur Seite und griff zum Handy.
„Hey, du Schöne!“, flirtete er ins Telefon, noch bevor sich jemand melden konnte.
„Hi, wer ist dran?“, fragte eine fremde weibliche Stimme. Oh, wie peinlich! „Hier ist Britt Campen, die Schwester von Nina. Die ist noch unterwegs.“ Ihre Stimme klang sympathisch.
Kerkhoff hatte zwar von Britt gehört, sie aber noch nie getroffen. Sie studierte in Göttingen Germanistik, Lehramt oder so etwas; das hatte Nina ihm einmal erzählt. Sie hatte sicher Semesterferien und war nun auf Besuch.
„Entschuldigen Sie.“ Er lachte verlegten. „Ich bin Gerrit Kerkhoff.“
„Da gibt es Schlimmeres“, lachte Britt keck. „Sie sind also der Bul..., sorry, der Grund, weswegen meine Schwester kaum noch Zeit für mich hat, oder darf ich ,du‘ sagen?“
„Ähm, natürlich!“ Er war schon etwas überrumpelt von dieser unerwarteten Offensive, aber es gefiel ihm.
„Das war ja eine charmante Ansprache. Ich dachte schon, Sie ... äh ... du hättest mich mit ,du Schöne‘ gemeint. Schade eigentlich. Aber Spaß beiseite. Ich leg ihr einen Zettel hin, dass sie zurückrufen soll, okay?“
„Ja, danke.“ ,Meine Güte, die Schnabbeltante lässt einen gar nicht zum Nachdenken kommen‘, dachte Kerkhoff.
„Vielleicht sehen wir uns ja einmal, ich bin noch über das Schützenfest hier. Also bis dann, bye, see you!“ Noch ehe er etwas sagen konnte, hatte sie aufgelegt.
,Diese Anglizismen‘, dachte Kerkhoff.
Der Küchentimer zeigte an, dass die Pizza fertig war. Er stellte sie auf die Anrichte und schnitt sie mit einem Messer in mundgerechte Teile. Hungrig und übereilt biss er in ein dampfendes Stück. Er verbrannte sich fast den Mund und kaute vorsichtig weiter. Wie immer aß er viel zu schnell.
*
Der Hauptkommissar schob den letzten Bissen in den Mund. Im Fernsehprogramm der Tageszeitung war das Ligapokalspiel Hertha BSC und Bayer Leverkusen angezeigt. Sein Blick fiel auf den Stapel Oberhemden, der auf dem Bügelbrett lag: Fußball und Bügeln? Die Aussicht auf einen Fernsehabend begeisterte ihn nicht sonderlich. Sommerfußball.
Das Telefon klingelte. Der Rückruf? Nina und Biertrinken in der Kneipe? Die bessere Alternative, freute sich Kerkhoff.
Aber es war nicht Nina.
Robert Ressen schnürte seine Laufschuhe. Das Klimpern der Halsketten ließ die beiden Doggen im Gehege nervös und erwartungsvoll am Gitter hochspringen. Sie wussten, es würde endlich losgehen.
Die ersten einhundert Meter verliefen wie im Flug. Ressen lag fast waagerecht in der Luft, so schnell gingen die Doggen ab. Cora, die ältere, beruhigte sich zuerst, während Pia ihrem Namen gar nicht gerecht wurde und ständig in die Leine biss. Erst ein deutliches „Aus!“ wies die Hündin in die Schranken. Mit ihren klar abgegrenzten schwarzen Punkten auf dem weißen Fell hob sie sich deutlich von Cora ab. Dem Fachmann verriet dies, dass sie das wertvollere Tier war. Coras Fell hingegen schimmerte grau-bläulich, sie war vom Körperbau etwas kleiner geraten.
Am Ende des Industriegebietes bog das Trio in den Feldweg ein. Die Hunde liefen nun frei. Robert Ressen beobachtete ständig die Strecke. Er wollte nicht, dass die Hunde einen zufällig vorbeikommenden Radfahrer apportierten. In Wirklichkeit waren die Tiere lammfromm. Nur ihre Kraft und ihre Größe flößten Angst und Respekt ein. Oft musste Ressen Passanten auf seinen Touren beruhigen: „Die beißen nicht, die wollen nur spielen!“
„Das sagen alle Hundebesitzer. Hoffentlich wissen das die Hunde auch“, hatte ihm einmal ein Radtourist geantwortet, als er stocksteif anhielt und die Hunde an ihm schnüffelten. Ressen gab ihm lachend recht. Auch er hatte noch keine Hundebesitzer getroffen, die vor ihren Hunden warnten.
Er lief sich nun ein. Seine Saison als Triathlet war schlecht verlaufen. Verletzungen und die Arbeit in seiner Firma hatten eine adäquate Vorbereitung verhindert. Er hatte kaum Wettkämpfe bestritten. Den legendären Ossi-Loop von Leer quer durch Ostfriesland nach Esens/Bensersiel hatte er nur mit Mühe absolviert. Auch die Polizeimaßnahmen wegen eines Mordes an der Strecke hatten eine rechte Wettkampffreude bei diesem Lauf nicht aufkommen lassen.
Sein eigentliches Ziel aber war der Ironman auf Hawaii. Dazu bedurfte es jedoch bislang einer Qualifikation in Frankfurt über die Ultra-Distanz: 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen. Soeben hatte Ressen vom gefeierten Ironman Sebastian Kienle aus Mühlacker gelesen, der diese mörderische Strecke in einer Zeit von 8:14:18 Stunden bei 40 Grad im Schatten und behindert durch die aufkommenden Mumuku-Winde als Sieger absolviert hatte. Das motivierte ihn.
Nach einigen Minuten erreichte er das neu entstandene Baugebiet im Osten der Stadt. Am Thunumer Weg schossen die Doggen plötzlich wie auf Kommando los und drangen in einen Neubau ein. Nichts half. Kein „Hier!“, kein „Aus!“, kein „Pfui!“.
Ressen lief zum Eingangsbereich und sah die Doggen bellend die Treppe emporlaufen. An der Leiter sprangen sie auf die ersten Sprossen und gebärdeten sich wie toll. Mit mächtigen Sätzen rannte nun auch der Läufer über die Stufen. Mit beiden Händen packte er entschlossen die Doggen und kettete sie mühsam an. Er brüllte dabei fast so laut, wie die Hunde bellten.
Als er dann die aufgehängte Leiche sah, gefror selbst ihm als gelerntem Schlachtermeister das Blut in den Adern.
„Das gibt es doch gar nicht!“ Ungläubig starrte er auf den Toten. Dann stolperte er unbeholfen die Treppe hinunter, die Hunde hinter sich herziehend. Draußen rannte er den Weg, den er gekommen war, zurück zum Supermarkt am Anfang des Industriegebietes. Den Putzfrauen im geschlossenen Laden bedeutete er, die Polizei zu rufen. Ganz langsam ging er den Weg zurück. Er wollte an der Straßenecke auf die alarmierten Polizeikräfte warten, um ihnen den Weg zum Tatort zu zeigen.
„Nichts anfassen! Die Spurensicherung kommt gleich! Das wird sicherlich noch einige Minuten dauern.“ Hauptkommissar Kerkhoff war mit dem Fahrrad als einer der Ersten eingetroffen, wohnte er doch ganz in der Nähe des Tatortes. Ein VW-Bus der Polizeidienststelle stand schon da. Einige Beamte sicherten den Neubau und drängten erste Schaulustige ab. Kurz darauf traf ein weiterer Dienstwagen des Esenser Polizeikommissariats ein. Kerkhoff sah den Sportler mit seinen Hunden etwas abseits stehen. Er ging auf ihn zu und nahm ihn beiseite.
„Absperren! Großräumig! Bringen Sie Herrn Ressen in den VW-Bulli.“
Kerkhoff traf weitere Anweisungen. Dann ging er mit mulmigem Gefühl in den Bau.
„Gerrit, warte, ich komme mit.“ Sein Kollege Czerlikowski tauchte im Trainingsanzug hinter ihm auf. „Ich war auf dem Weg zum Tennisplatz, als ich angerufen wurde“, entschuldigte er sich.
„Gut, dass du da bist.“
Vorsichtig tasteten sie sich bis in die Dachspitze vor.
„Das Gesicht ist eingeschlagen. Aber den kenn ich“, sagte Czerlikowski. „Das ist der Muul. Reiner Muul von Schneider-Bau.“
Vor sich sahen sie die Leiche eines Mannes, Mitte dreißig, der mit den Füßen nach oben kopfüber an einem Seil aufgehängt worden war. Eng um den Hals geknüpft baumelte ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift „Für dich, Goldie!“.
„Ausgesprochen merkwürdiger Humor, das mit dem Herzen. Wer mag dazu fähig sein? Und regelrecht gekreuzigt. Auch noch kopfüber.“ Kerkhoff deutete zuerst auf das Lebkuchenherz, dann auf die Nägel. Siewaren durch beide Ärmel der grünen Schützenjacke und durch die Armknochen geschlagen worden. Das Emblem der Schützencompagnie von 1577 war blutgetränkt.
„Das wird eine lange Nacht“, meinte Kerkhoff. Er stand nun ganz ruhig da und versuchte sich alle Einzelheiten des Tatortes einzuprägen. „Ruf mal beim THW an. Die sollen die Baustelle mit ihrer neuen PowerMoon-Anlage ausleuchten.“
Czerlikowski bewegte sich abwärts, während Kerkhoff noch ein paar Minuten ausharrte. Er lehnte sich einige Schritte entfernt an einen Stützbalken und versuchte, die Eindrücke in seinem Kopf zu ordnen. Das Ganze erschien ihn wie eine Inszenierung, wie eine Zurschaustellung des Toten.
Nach einer Weile stieg auch er hinunter. Im Erdgeschoss hob er mit einer Tüte vorsichtig ein Fugeisen auf, das halb unter der Treppe hervorlugte.
„Lass das einmal im Labor untersuchen!“ Er reichte die Tüte an eine Kollegin weiter.
Im Polizeibulli machte Ressen seine letzten Angaben, die eine Kollegin von der Polizei aufnahm.
„Hallo, Robert“, grüßte Kerkhoff den Läufer, „ich musste erst mal in das Gebäude.“
„Moin“, sagte Ressen. „Üble Sache hier!“
„Das kannste wohl sagen“, antwortete Kerkhoff, der von Ressen letzte Woche erst das Rennrad gekauft hatte. Sie waren vor Wochen einmal ins Gespräch gekommen, als Ressen an seinem Haus vorbeilief. Er wohnte nur einige Straßen entfernt. „Läuft übrigens gut, die Kiste. Hab heute die Strecke nach Wittmund ausprobiert. – Du hast die Leiche entdeckt?“
„Ja, das heißt, eigentlich meine Hunde. Vom Weg aus konnte man die Leiche nicht sehen. Ich wäre sonst am Haus vorbeigelaufen. Sie müssen wohl Blutgeruch aufgenommen haben. Sie sind dann ab in den Bau und ... Aber das habe ich schon alles der Polizistin erzählt.“
„Gut.“ Kerkhoff versuchte zu lächeln. „Das werde ich mir dann später noch einmal durchlesen. Ist dir noch irgendetwas Verdächtiges aufgefallen, hast du jemanden gesehen, lief jemand weg, war noch jemand bei dir?“
„Nein, nichts. Ich war ganz alleine, meine Hunde und ich, na ja, und der Tote. Ich hatte Mühe, meine Doggen zu bändigen. So habe ich die noch nie erlebt!“
Kerkhoff sah respektvoll zu den Hunden hinüber, die jetzt ganz friedlich hinter dem Polizeiwagen abgelegt waren. Zur Sicherheit hatte der Besitzer sie aber an der Anhängerkupplung angeleint, schauten sie doch immer noch in Richtung des Neubaus.
„Eigentlich müssten die sich jetzt doch auch noch wild gebärden, oder?“, fragte Kerkhoff. „Der Blutgeruch ist doch bestimmt noch da.“
„Das verstehe ich auch nicht. Aber ich habe versucht, sie wieder zu beruhigen. Frisches Blut ist für sie ungewöhnlich. Die bekommen sonst nur Trockenfutter, allerhöchstens mal einen Knochen. Es wurde schon etwas besser, als ich die Hunde eingefangen hatte, obwohl ich sie auch dann noch regelrecht aus dem Bau zerren musste. Beim Rückwärtsgehen wäre ich fast über einen Eimer und über das Fahrrad gefallen.“
Das Bändigen der Doggen schien Kerkhoff ein hartes Stück Arbeit gewesen zu sein, als sein Blick auf die Tiere traf. Geballte achtzig bis neunzig Kilo Lebendgewicht, schätzte er. Selbst für den muskulösen Ressen musste es anstrengend gewesen sein. „Also, du hast nichts weiter wahrgenommen?“
„Nein, bei der Aufregung ...“
„Okay, lass deine Telefonnummer hier, für alle Fälle. Dann kannst du jetzt nach Hause gehen und deine Tiere versorgen. Wenn dir noch etwas einfällt, kannst du bei mir vorbeikommen oder anrufen.“
Draußen gab Kerkhoff Ressen die Hand, von den Doggen wachsam beobachtet. ,Wie viel Futter die wohl täglich verputzen?‘, fragte er sich, als Ressen mit den Hunden davonlief.
Die Melodie des Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Ninas Rufnummer erschien im Display.
„Hallo, Nina! ... Nein. Nichts Wichtiges. Ich wollte mit dir eigentlich in die Kneipe, aber wir haben einen Mordfall ... Ja, hier in Esens. Ich erzähle es dir später. Ich muss weiter ... Ciao.“
Er stand vor dem Eingang. Irgendetwas hatte er übersehen. Er wusste es – rein gefühlsmäßig. Irgendetwas an Ressens Aussage ließ ihn stutzen. Er hätte sich besser konzentrieren sollen. Kerkhoff ging noch einmal bis zum Bulli zurück, als könnte er dadurch die letzte halbe Stunde Revue passieren lassen. Das machte er häufig so, wenn er das Gefühl hatte, etwas übersehen zu haben.
„Jetzt nicht!“, wehrte er einen Polizisten ab, der ihn ansprechen wollte. „Fünf Minuten.“ Mit seiner rechten Hand umfasste er die Stirn und massierte mit Daumen und Mittelfinger beide Schläfen. Warum kam er nicht drauf? Kerkhoff wurde missmutig.
„Nein, danke“, sagte er eine Spur zu barsch zu der Kollegin, die ihm einen Kaffee anbot. Er ging noch einmal in Gedanken Ressens Aussage durch: Joggen – Hunde frei – Hunde jagen ins Haus – bellen wie blöd – Ressen hinterher – findet Leiche – kettet Hunde an – zerrt sie raus – läuft zurück – ruft Polizei. ,Was stimmt da nicht? Was stört mich dabei?‘, dachte der Hauptkommissar.
