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Claire zieht nach London auf der Suche nach sich selbst, doch sie findet Maggie, ihre große Liebe. Dann kommt die Unsicherheit. Denn irgendetwas stimmt nicht mit Maggie. Ana ist glücklich verheiratet und hat drei Kinder. Als sie sich plötzlich in einen anderen verliebt, steht sie vor einer Entscheidung, die sie alles kosten kann, was ihr wichtig ist. Patrick ist ein einsamer Student, bis er Caitlin kennenlernt - aber fühlt sie so wie er? Drei Menschen, drei Leben, ein Schmerz: Basierend auf drei wahren Geschichten erzählt Jessie Stephens davon, wie emotionaler Schmerz uns formt und auch brechen kann. Und davon wie heilsam es ist, ihn mit anderen zu teilen.
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2025
Claire zieht nach London auf der Suche nach sich selbst, doch sie findet Maggie, ihre große Liebe. Dann kommt die Unsicherheit. Denn irgend etwas stimmt nicht mit Maggie. Ana ist glücklich verheiratet und hat drei Kinder. Als sie sich plötzlich in einen anderen verliebt, steht sie vor ei ner Entscheidung, die sie alles kosten kann, was ihr wichtig ist. Patrick ist ein einsamer Student, bis er Caitlin kennenlernt – aber fühlt sie so wie er? Drei Menschen, drei Leben, ein Schmerz: Basierend auf drei wahren Geschichten erzählt Jessie Stephens davon, wie emotionaler Schmerz uns formt und auch brechen kann. Und davon wie heilsam es ist, ihn mit anderen zu teilen.
Jessie Stephens ist Autorin und Podcasterin mit einem Master-Abschluss in Geschichte und Gender Studies. Sie ist stellvertretende Head of Content bei MAMAMIA und Co-Moderatorin des Podcasts MAMAMIA OUT LOUD. Sie lebt in Sydney. HEARTSICK ist ihr erstes Buch.
JESSIE STEPHENS
Heartsick
Übersetzung aus dem australischenEnglisch von Verena Ludorff
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der englischsprachigen Originalausgabe: »Heartsick«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2021 by Jessie Stephens
First published 2021 by Pan Macmillan Australia Pty Ltd
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Die Namen einiger der Personen in diesem Buch wurden geändert,
um ihre Identität zu schützen.
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und
Data-Mining bleiben vorbehalten.
Textredaktion: Claudia Schlottmann, Berlin
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille nach einem Design
von Laura Thomas
Umschlagmotiv: © Cover artwork by Laura Thomas
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7596-0016-5
luebbe.de
lesejury.de
Für meine Zwillingsschwester Clare,die Liebe meines Lebens
Ich befinde mich in einer Flughafenbuchhandlung.
Eine Mitarbeiterin fragt, ob sie mir helfen kann, aber ich schüttle nur den Kopf, weil ich weiß, dass meine Stimme brechen wird, wenn ich jetzt etwas sage – und wenn die Tränen erst einmal laufen, sind sie schwer zu stoppen.
Ich suche nach einem Buch, von dem ich schon ahne, dass es nicht existiert. Ich will etwas, das beschreibt, wie ich mich gerade fühle – denn mir selbst fehlen dafür die Worte.
Eigentlich sollte ich nicht allein in diesem Buchladen stehen und darauf warten, dass meine Schwester und eine Freundin im Schmuckgeschäft nebenan fertig werden. So war das nicht geplant. Jetzt quält mich die Vorstellung, die ich mir von diesem Tag gemacht hatte: eine Parallelexistenz, in der mein Freund nicht mit mir Schluss gemacht hat, sondern wir die Reise gemeinsam antreten und auf den beengten Economy-Plätzen zuerst er an meiner Schulter einnickt und dann ich an seiner.
Ich will ein Buch, das in Worte fasst, wie ich mich fühle, und das nicht versucht, meine Gefühle zu verändern. Eines, das keine Ratschläge für mich bereithält, sondern mich daran erinnert, dass meine Erfahrung – und die unheilige Allianz aus Trauer und Selbsthass, die damit einhergeht – so alt ist wie die Menschheit. Einige der ersten Geschichten, die Menschen sich je erzählt haben, handeln davon. Wie kann es also sein, dass sich eine Frau im einundzwanzigsten Jahrhundert, acht Tage, nachdem sie an einem ansonsten gewöhnlichen Dienstag abserviert wurde, fühlt, als wäre sie die Einzige, der so etwas je passiert ist?
Ich steige ins Flugzeug – ohne Buch – und verlebe einen Urlaub ohne Farbe und Geschmack. Ich suche sein Gesicht inmitten der von unzähligen Laternen beleuchteten Märkte von Hội An und in den überfüllten Museen von Ho-Chi-Minh-Stadt. Ich ersticke unter Sylvia Plaths Glasglocke, die über mich gestülpt bleibt, wohin ich auch gehe. Ich weiß, dass jenseits des Glases eine flirrende neue Welt zu entdecken wäre, aber ich kann sie nicht berühren. Ich bin besessen von meinem Handy. Ich checke und poste und checke noch einmal und flehe es an, zu klingeln, und dann schaue ich schon wieder, ob er auf mein Foto reagiert hat. Mein Leben ist zu einer leeren Performance für diese eine Person verkommen, die nicht zuschaut.
Eine Weile dachte ich, dass mir damals die Idee für dieses Buch gekommen ist. Aber eine Idee kommt nicht nur einmal. Sie verfolgt dich, findet ihren Weg in deine Vergangenheit und deine Zukunft und tippt dir auf die Schulter, bis du etwas daraus machst.
Also hat dieses Buch wahrscheinlich schon viel früher seinen Anfang genommen.
***
Für meine Masterarbeit interviewe ich einen Mann. Er ist fünfundsechzig Jahre alt, groß, hat einen leichten schottischen Akzent und ist schon mehr als sein halbes Leben mit derselben Frau verheiratet. Ich frage ihn nach seiner ersten Beziehung. Er sagt, er sei damals vierzehn gewesen, und ich sehe, wie sein Blick glasig wird. Er hustet. Versucht, sich zusammenzunehmen. Aber seine Augen werden feucht, und seine Nasenspitze verfärbt sich rosa.
Er erzählt, dass sie Patricia hieß und plötzlich mit ihm Schluss gemacht hat und dass er noch den Rest des Jahres jeden Tag mit ihr im Bus fahren musste. »Wo ich jetzt darüber nachdenke – ich hatte furchtbaren Liebeskummer«, sagt er und ist selbst schockiert, wie nahe ihm dieser Schmerz von vor über fünfzig Jahren ist. Das Gefühl ist immer noch da, es hat in seiner Brust überlebt. Und das liegt nicht daran, dass er die Frau, die er geheiratet hat, nicht lieben würde. »Sie ist das Wunderbarste, was mir je passiert ist. Mehr als ich mir je erhofft hätte. Sie ist klug, sie ist liebevoll, einfach eine tolle Gefährtin für mich. Das ist wirklich … ein ganz großes Glück in meinem Leben.«
Aber in ihm drin ist Platz für beides. Die Liebe zu der Frau, die er geheiratet hat, und den Kummer wegen des Mädchens, das ihn verlassen hat.
Drei Dinge habe ich von diesem großen, kräftigen Mann in seinem gutsitzenden hellbraunen Mantel gelernt.
Erstens, dass Liebeskummer nicht den Frauen vorbehalten ist.
Zweitens, dass Liebeskummer nicht der Jugend vorbehalten ist.
Und drittens, dass Liebeskummer nie so ganz vergeht. Auch nicht, wenn wir uns neu verlieben. Auch nicht, wenn die Jahre verstreichen und die Farbe seiner oder ihrer Augen oder worüber genau wir gesprochen haben, längst vergessen ist. Selbst wenn es nicht die richtige Person war und unser Leben sich seither in die richtige Richtung entwickelt hat. Auch dann heilt der Teil in uns, den jemand zerbrochen hat, als wir vierzehn waren, nicht vollständig.
Wahrscheinlich hat dieses Buch sogar noch früher seinen Anfang genommen.
***
Ich bin neunzehn. Das heiße Wasser wird schon kalt, aber ich kauere immer noch in Embryonalstellung in der Dusche, kann einfach nicht fassen, dass es so weh tut. Mein Freund, von dem ich dachte, ich würde ihn heiraten, hat mich verlassen. Er hat mir mitgeteilt, dass er mich nicht mehr liebt, und ich glaube, es gibt eine andere. Später stellt sich heraus, dass ich recht hatte. Ich kann nichts essen, ich schlafe kaum und bin überzeugt, dass dieses Ereignis etwas bestätigt, das ich im Grunde schon weiß: Ich bin einfach nicht liebenswert. Nur ein Klumpen Fleisch, uninteressant und nichtssagend, der die Rolle der Freundin zwar vorübergehend spielen kann, aber eigentlich nicht gut genug ist. Es beschämt mich, dass er das jetzt über mich weiß. Wie dumm von mir, jemanden so nah an mich herangelassen zu haben, dass er all meine hässlichen Seiten sehen konnte.
Aber dann hat dieses Buch wahrscheinlich noch früher seinen Anfang genommen.
***
Ich bin fünfzehn. Im Arbeitszimmer ist es dunkel, die Vorhänge sind zugezogen, und meine Freundinnen und ich checken den MSN Messenger. Zu der Zeit habe ich einen Freund. Mir ist aufgefallen, dass die Leute mich anders ansehen, wenn ich das erzähle. Er heißt Jordan, und er riecht gut. Ich erinnere mich, dass ich vor unserem ersten Treffen überprüft habe, wie ich aus diesem oder jenem Blickwinkel wirke, was er also sehen wird, wenn er links oder rechts von mir sitzt, und wie dick meine Nasenspitze wirkt, wenn man von vorn guckt. Jungs hatten mich zuvor als hässlich bezeichnet – Jungs, die zuerst meine Fotos auf MSN Messenger gesehen hatten und dann entsetzt waren, als ich in echt auf der Bildfläche erschien. Jordan war der erste Junge, der gesagt hat, ich sei schön.
Und für ein paar Monate habe ich ihm geglaubt.
Aber an diesem Sonntagnachmittag in unserem dunklen Arbeitszimmer stelle ich fest, dass Jordan auf MSN seinen Namen geändert hat. Vorher stand da ein Herz und dann sein Name, gefolgt von meinem. Das Herz ist immer noch da. Aber darunter steht ein anderer Name. Der Name einer Freundin, mit der ich ihn tags zuvor bekannt gemacht habe. Zuerst denke ich, vielleicht träume ich ja, vielleicht ist das ein Alptraum, aus dem ich aufwachen kann. Doch so ist es nicht.
Wahrscheinlich hat dieses Buch sogar noch davor seinen Anfang genommen.
***
Ich bin sieben, und ich weiß, dass ich Jungs mag. Mir fällt auf, dass die wiederum einen bestimmten Typ Mädchen mögen – der ich nicht bin. Während ich beobachte, wie der Junge, den ich so hübsch und lustig finde, eine andere beobachtet, bricht langsam, aber sicher mein Herz. Bei einer Freitagabenddisco stehen die Jungs Schlange, um mit dem schönsten Mädchen aus der Klasse zu tanzen. Bei mir stehen sie nicht. Eines Tages gebe ich dem, der mir gefällt, die kleine Tüte Chips aus meiner Brotdose, und für den Rest des Nachmittags schenkt er mir ein klein wenig seiner Aufmerksamkeit. Als meine Mutter irgendwann die Chips in meiner Brotdose weglässt, verliert der blonde Junge aus meinem Jahrgang das Interesse an mir. Ich brauche eine Weile, um zu kapieren, dass er mich benutzt hat, um an die Chips zu kommen.
***
Dieses Buch ist in den Stunden entstanden, in denen ich vergeblich darauf wartete, dass Männer mir zurückschrieben. In den Jahren voller Beinahe-Beziehungen, in denen ich dachte, noch eine Ablehnung verkrafte ich nicht, und dann wurde ich doch wieder hängen gelassen – von jemandem, von dem ich selbst noch nicht einmal wusste, ob er mir wirklich gefiel. Dieses Buch basiert auf Hunderten von Gesprächen mit Menschen, die geweint, geschrien und hysterisch gelacht haben, als ihr Leben durch eine Trennung komplett auf links gedreht wurde.
Diese Gespräche haben mich gelehrt, dass Herzschmerz nichts damit zu tun hat, wer man ist. Was man hat oder nicht hat, ob man besser hätte sein sollen oder können. Katy Perry wurde der Laufpass gegeben, gleichzeitig hat man von Serienkillern mit lebenslanger Haftstrafe gehört, die drei Freundinnen hatten. Liebe ergibt keinen Sinn. Und wenn jemandes Liebe zurückgewiesen wird, sagt das nichts über seine persönlichen Qualitäten aus. Beziehungen sind keine Prüfungen, die wir bestehen oder nicht bestehen. Ein bisschen haben sie mit Glück zu tun. Und sehr viel mit Timing. Es gibt kaum etwas, auf das wir weniger Einfluss haben als darauf, was jemand anders für uns empfindet. Und genauso wie die Magie der Liebe aus dem Nichts auftauchen und zwei ahnungslose Menschen befallen kann, so kann sie auch ohne jeden Grund wieder verschwinden. Kontrolle über den Zauberstab haben wir nicht. Leider.
Deswegen habe ich das Buch geschrieben, das ich in jener Flughafenbuchhandlung vergeblich gesucht habe. Ein Buch, das Liebeskummer nicht wegerklärt oder in die Vergangenheitsform zwingt, während er noch allzu präsent ist.
Ich habe ein Buch über Wunden geschrieben, die nie ganz verheilen. Die wir in uns tragen bis zum Tag unseres Todes. Und das ist weniger traurig als es klingt. Jeder, den wir lieben, und ganz besonders jene, die wir so sehr lieben, dass wir unser ganzes Leben nach ihnen ausrichten, leben in uns. Und wenn sie uns auch längst verlassen haben – aus unseren Herzen können wir sie nicht mit Gewalt vertreiben.
Ich habe dieses Buch für all die Menschen geschrieben, die sich nicht sagen lassen wollen, dass auch dieser Kummer vorübergehen wird. Noch nicht. Für die, die bei diesem Gefühl bleiben, die es ausleben wollen. Und es als das sehen, was es ist. Die wissen wollen, dass sie nicht allein sind. Dass ihr Schmerz ebenso einzigartig wie universell ist. Dass er zu ihnen gehört – so wie zu allen Menschen.
Ich habe dieses Buch geschrieben, um zu sagen: Du musst nicht lange suchen – ein gebrochenes Herz schlägt in jedem von uns, in manchen stärker als in anderen. Das bedeutet aber nicht, dass wir nicht mehr lieben. Es heißt nur, dass wir auch zuvor schon geliebt haben. Und dass uns das begleitet, wohin wir auch gehen.
Ich habe das Buch für die Menschen geschrieben, die wissen, dass ein Ratgeber ihnen nicht helfen wird. Kein Buch kann das. Ich habe es für die Menschen geschrieben, die wissen, dass es keine Ablenkung geben kann, solange jemand in deinem Kopf wohnt und die Brille ist, durch die du alles siehst.
Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man denkt, niemand könnte einen jemals lieben. Als ob mit dir etwas falsch wäre.
Es ist ihre Geschichte – Anas und Patricks und Claires. Aber es ist genauso meine Geschichte und die von uns allen.
Ich hoffe, du findest darin ein Echo deiner selbst.
Es gibt ein paar Dinge, die du wissen solltest, bevor du Ana, Patrick und Claire kennenlernst.
Das Erste ist, dass es sich um reale Personen handelt, auch wenn ich nicht ihre echten Namen verwende. Und obwohl dieses Buch überwiegend ein Sachbuch ist, habe ich Teile der Geschichten in unterschiedlichem Ausmaß fiktionalisiert. Ich habe aber keine Handlung entworfen, und ich habe mein Bestes getan, keine Gefühle zu erfinden. Ich habe diese Geschichten aus dem Ton geformt, der mir gegeben wurde. Aber wo die menschliche Erinnerung lückenhaft war, habe ich die Erzählung in den Farben vervollständigt, die mir passend erschienen.
Der australische Autor und Journalist Peter FitzSimons hat mir einmal erzählt, immer wenn er einen Roman lese, werde er von einer Stimme in seinem Hinterkopf abgelenkt, die flüstere: »Das ist alles nie passiert.« Als ich anfing, mich mit dem Thema Liebeskummer zu beschäftigen, wusste ich, dass ich dafür nichts würde erfinden müssen. Wenn ich etwas erfunden hätte, wäre das nicht annähernd so interessant geworden wie die Geschichten aus dem Leben echter Menschen. Die Handlung musste nicht konstruiert, sondern nur noch ausgegraben werden. Die meisten Leute, die ich kenne, tragen diesen Plot bereits in sich.
Die Geschichten mussten wahr sein, denn nur so konnte ich Nuancen entdecken, die mir von selbst nie aufgefallen wären, und Realitäten, die außerhalb meiner Erfahrungswelt liegen. Ich wollte mich nicht beschränken lassen von Grenzen, die mir, einer Dreißigjährigen, durch meine bisherigen Erfahrungen mit Liebe und Verlust gesetzt sind. Ich wollte, indem ich über diese Menschen schrieb, von ihnen lernen, wollte die Weisheit unterschiedlicher Orte, Geschlechter und Altersgruppen in diese Buchseiten einfließen lassen.
Außerdem sind solche Langporträts echter Menschen meiner Erfahrung nach am besten geeignet, Identifikation und Empathie zu wecken. Es gibt nur wenig, was so intim ist wie das Lesen eines Buchs, denn die Worte sind für niemanden sichtbar außer für uns selbst. Figuren und Handlung mögen zwar nur zwischen den Seiten tanzen, aber sie tanzen zu der Musik in unseren Köpfen. Die Einsamkeit, die die Lektüre eines Buchs erfordert, zwingt uns gleichzeitig dazu, über unser eigenes Leben nachzudenken. Letztendlich erfahren wir bei dem Versuch, andere zu ergründen, doch hauptsächlich etwas über uns selbst.
Ana, Claire und Patrick haben das Manuskript gelesen und sind einverstanden, dass ihre Geschichten so veröffentlicht werden. Die Interviews liefen größtenteils zu der Zeit, als die Welt aufgrund einer globalen Pandemie im Lockdown verharrte, was logistisch nicht ganz einfach war. Bei diesem Prozess hat mich besonders beeindruckt, wie freimütig Ana, Claire und Patrick auf all die Fragen eingegangen sind, auf deren Beantwortung ich doch keinerlei Anspruch hatte. Dass sie ihre Verletzlichkeit und ihre so schmerzhaften Erfahrungen mit mir geteilt haben.
Indem sie mir ihre Zeit zur Verfügung stellten, haben sie mir das vielleicht wertvollste und persönlichste Geschenk gemacht, das man sich vorstellen kann. Wir haben telefoniert und per Videochat gesprochen, wir haben gemailt und getextet und uns, wann immer möglich, persönlich getroffen. Sie haben mir Tagebucheinträge, Chatverläufe und E-Mails geschickt, die sie aufgehoben hatten. Sie haben mir Fotos und Videos gezeigt und mich in ihre Welt eingeladen – wobei sie sich ziemlich darüber gewundert haben, dass sich jemand so detailliert für ihr Liebesleben interessierte.
Alle drei haben sich zu irgendeinem Zeitpunkt bei mir bedankt. Weil unsere Gespräche kathartisch waren. Vielleicht sogar Heilung gebracht haben. Nach jeder Trennung kommt der Zeitpunkt, an dem die Freund:innen aufhören zuzuhören. An dem die Familie ungeduldig wird. Ich habe versucht, die Rolle eines lebendigen Tagebuchs einzunehmen – zuzuhören, ohne zu bewerten. Mein bloßes Dasein, so hoffte ich, würde meinen Gesprächspartner:innen zeigen, dass ihre Erlebnisse und ihre Perspektiven darauf bedeutsam sind.
Der Dichter und Romanautor Ben Okri hat einmal gesagt: »Das Wesen unserer Geschichten verweist auf ein grundlegendes menschliches Unbehagen, auf die menschliche Unvollkommenheit. Wenn etwas perfekt ist, gibt es keine Geschichte zu erzählen.«
Und was könnte das Unvollkommene besser verkörpern als der Niedergang einer romantischen Beziehung? Im Folgenden geht es also um drei auf unterschiedliche Weise gebrochene Herzen.
Ich wollte diese Geschichten zu Papier bringen, um eine neue Sicht auf Liebeskummer und seine langfristigen Folgen zu ermöglichen. Denn nur wenn wir unsere Verletzlichkeit und unsere Qualen zeigen, können wir erkennen, wie viel wir alle gemeinsam haben. Wie ähnlich wir uns sind.
***
Ana ist Anfang vierzig und seit fünfundzwanzig Jahren mit ihrem Mann zusammen, mit dem sie drei Kinder hat. Sie glaubt, dass sie ihn liebt. Aber manchmal fragt sie sich, was für eine Liebe das noch ist. Denn sie liebt auch einen anderen Mann, und der war immer schon da.
Patrick ist in den frühen Zwanzigern und hatte nie zuvor eine Freundin. Er lernt Caitlin bei einer Gruppenarbeit an der Uni kennen, und der Gedanke an sie schleicht sich nachts in seine Träume und bei Tag in seine Gespräche. Schon bald trägt jeder Gedanke ihr Gesicht. Patrick hat nicht damit gerechnet, dass sie einen Freund hat.
Claire ist in den Dreißigern und für einen Neuanfang nach London gezogen. Dort lernt sie Maggie kennen, mit der sich eine enge Freundschaft entwickelt. Eine Nacht in Claires Wohnung ändert alles, und Claire gerät in einen Strudel, aus dem sie sich nicht mehr befreien kann.
In dem Raum riecht es nach Staub und saurem Schweiß. Sie richtet sich auf und lässt ihre Schultern kreisen. Knack. Das klingt nicht gut. Maryanne, ihre Mutter, sagt ihr andauernd, dass sie gerade stehen soll, damit sie nicht endet wie die bucklige alte Frau mit dem blauen Lidschatten, die sie manchmal auf der Ruthven Street sehen. Meistens faucht sie dann, dass sie erwachsen ist und stehen kann, wie sie will. Bis ihr aufgeht, dass sie dreißig ist und wieder zu Hause in Toowoomba wohnt und sich mit ihrer Mutter über ihre Körperhaltung streitet. Dann muss sie erst mal den Kloß in ihrem Hals herunterschlucken, der besagt: Du bist eine Schande, Claire. Dein ganzes Leben ist eine einzige Schande.
Sie stößt mit der Staubsaugerdüse gegen ein metallenes Stuhlbein und widersteht dem Bedürfnis, sie gleich noch mal dagegen zu rammen und noch mal und noch mal, bis der Stuhl umfällt. Der Staubsauger selbst sitzt zwischen ihren Schulterblättern, und die schwarzen Riemen, die ihn auf ihrem Rücken halten, riechen nach demjenigen, der ihn zuletzt getragen hat. Wenn sie nachher fertig ist, wird der Geruch für immer an ihrem billigen schwarzen T-Shirt haften. Es ist die Art Geruch, die auch beim Waschen nicht mehr richtig rausgeht.
Sie nimmt ihr Handy aus der Tasche, um nach der Uhrzeit zu sehen, dann steckt sie es zurück und saugt weiter. Noch achtundvierzig Minuten, bis sie Feierabend hat. Ihre Schichten dauern immer nur drei Stunden, aber die fühlen sich länger an als ihr Achtstundentag plus Überstunden früher im Büro. Sie blinzelt ein paar Mal, um nicht daran zu denken. Nicht daran zu denken, wie sehr sich ein Leben innerhalb von zwei Jahren ändern kann. Die Claire von damals, die eine Wohnung im Norden von London und eine Stelle als Vertriebsmitarbeiterin in einem verglasten Wolkenkratzer hatte, hätte die zukünftige Claire bedauert. Dabei müsste sie sich eigentlich bei ihr entschuldigen, schließlich ist sie es, die den Karren gegen die Wand gefahren hat.
Ihr Leben folgte damals einem Rhythmus, der sie schon mit Wehmut erfüllte, als sie es noch lebte. Die Arbeitswoche bestand aus Cappuccinos mit Sojamilch, üppig belegten Sandwiches von der Bäckerei am Ende der Straße, aus Besprechungen, in denen sie sich nützlich vorkam, und Brainstormings, die bis in den Abend dauerten, aber im Nu verflogen. Schon witzig, wie die Erinnerung uns zum Narren halten kann. Sie spiegelt Momentaufnahmen aus unserem Leben, aber ohne das Unbehagen und die Ängste, den Schweiß und die kalten Hände. Erinnerungen sind wie schön gerahmte Porträts, bei denen das Chaos im Hintergrund unscharf gestellt ist.
Es summt in ihrer Tasche. Sie zieht das Handy mit angehaltenem Atem hervor – eine Angewohnheit, die sie noch nicht wieder losgeworden ist. Aber es ist nur Charlie, die wissen will, wie es ihr geht und wann sie wie versprochen nach London zurückkommt. Sie haben doch diese Portugalreise zusammen geplant. Und nächsten Monat ist Joels Dreißigster. Claire hat doch gesagt, dass sie dann zu Besuch kommt. Sie ignoriert die Nachricht, genervt, dass Charlie so tut, als wäre alles beim Alten. Während sie den Staubsauger über den dunkelgrauen Teppich gleiten lässt, stellt sie sich vor, wie sie zurückschreibt: Lass mich in Ruhe. Ist doch klar, dass ich nicht nach London zurückkomme.
Die Gedanken rasen lärmend durch ihren Kopf. Als sie vor ein paar Wochen diesen Job angenommen hat, dachte sie noch, sie könnte Musik hören und sich an einen anderen Ort träumen, während sie die Glastüren reinigt und die zerschrammte Tanzfläche wischt. Allzu schlimm würde es schon nicht werden. Aber bereits wenige Minuten nachdem sie die Kopfhörer in die Ohren gesteckt hatte, begann sie zu hyperventilieren und fürchtete, in Ohnmacht zu fallen, noch bevor sie die Toilette erreicht hatte. Ihr Blick hatte sich verengt, ihr Mund war staubtrocken. Ihr Herz raste. Immer schneller, immer heftiger. Sie hatte versucht, gleichmäßig zu atmen, um den Anfall rasch hinter sich zu lassen, und sich wieder und wieder ermahnt: »Reiß dich zusammen.«
Der Chefin zu sagen, dass sie wegen einer Panikattacke nicht dazu gekommen war, die Theke zu putzen, kam nicht infrage. Nicht an ihrem ersten Arbeitstag seit neun Monaten. Glenda, eine Freundin ihrer Mutter, hatte ihr angeboten, an ein paar Tagen in der Woche für einige Stunden das Klubhaus des Toowoomba Bowls Club zu putzen, und so schnell, wie sie »Nein« gesagt hatte, hatte ihre Mutter »Ja« gerufen, und hier ist sie nun. Auf sich allein gestellt, nur mit einer Checkliste an Aufgaben versehen, die sie abzuarbeiten hat, während sie noch nicht einmal in der Lage ist, Musik zu hören, weil sie sonst zu viel fühlt.
Als sie den Staubsauger von ihrem Rücken nimmt und ihn vorsichtig auf einem Tisch abstellt, vibriert wieder ihr Handy. Eine Mail dieses Mal. Ihr Körper registriert, von wem sie stammt, noch bevor ihr Gehirn so weit ist. Diese ganz spezielle Buchstabenfolge schickt einen elektrischen Schock von ihren Fingern durch den ganzen Körper bis hinunter in die Zehen. Ihr Daumen fährt über die Benachrichtigung auf dem Display. Acht Uhr fünfzig an einem Dienstagabend. Warum jetzt? Was kann sie wollen? Claire sieht sich im leeren Klubhaus um, betrachtet den frisch gewischten, hölzernen Tanzboden und die L-förmige Bar, über der die Fruchtfliegen tanzen, obwohl sie alle Metalloberflächen gerade komplett eingesprüht hat. Wenn sie wüsste, wie mein Leben heute aussieht, denkt sie, bevor ihr klar wird, dass sie es wahrscheinlich weiß.
Das Display ist noch hell, ihr Name leuchtet. Maggie Stuart. Kein Betreff. Claire klickt die E-Mail an und wünscht im selben Moment, sie hätte es gelassen.
Neben Ana – ihre Korbliegen stehen in einem perfekten Winkel zueinander, sodass sie sich bequem unterhalten könnten – sitzt der falsche Mann. Wenn ich es ihm erzählen würde, fragt sie sich, würde das mein Leben zerstören?
Sie öffnet den Mund und schließt ihn wieder. Greift nach dem Glas Riesling zu ihrer Rechten und nimmt einen Schluck. Die Szenerie ist nahezu perfekt. Der Himmel über dem südlichen New South Wales ist zartrosa, und eine warme Brise streicht sanft über ihre Stirn. Es fängt langsam an, nach Sommer zu riechen – nach Zitronengras und einem fernen Buschfeuer. Die Kinder – Rachael, siebzehn, und die Zwillinge, elf – sind noch bis sieben Uhr bei ihren Großeltern. Billy, der Hund, hat sich neben ihr zusammengerollt und wartet darauf, dass es Abendessen gibt. Sie lebt in einem Haus mit Swimmingpool und Flügeltüren und Terrasse mit Blick auf dichtes Buschland, ganz so, wie sie es sich immer gewünscht hat. Mit einer Terrasse, die er mit seinen schwieligen Händen selbst gebaut hat. Sie betrachtet die dunklen Holzpaneele.
Er. Das Fundament ihres Lebens. Er würde ihr erklären, dass das ganze Bauwerk in sich zusammenstürzt, wenn man beim Fundament pfuscht. Dann muss man wieder von vorn anfangen. »Nicht gerade effizient«, würde er nuscheln, sich in seinen Truck setzen und ein wunderschönes Cottage abreißen, um Platz für ein weiteres lebloses Monstrum zu schaffen.
Sie hört ihn auf seiner Liege einen tiefen Seufzer ausstoßen, und Wut regt sich in ihr. Kurz denkt sie, dass sie ihn womöglich hasst, dann fällt ihr wieder ein, dass sie das nicht tut.
Wenn man Ana nach ihrer ersten Erinnerung fragen würde, könnte sie so spontan antworten, als hätte sie gerade noch daran gedacht. Sie ist bei ihrer Oma im Garten, und da ist ein Loch im Zaun, und sie sieht eine Spinne. Die Spinne kommt auf sie zu, wird größer und größer. Aber in der Erinnerung geht es eigentlich nicht um die Spinne. Es geht um die Menschen, die hinter ihr sitzen. Um ihre Oma und ihren Opa. Um die Art, wie ihre Oma immer den Kopf geschüttelt hat, wenn ihr Opa sie zum Lachen brachte. Wie sie mit ihren Stricknadeln und ihrem Garn dasaß, ganz auf die Arbeit ihrer Finger konzentriert, während er ihr gegenübersaß und immer neue Bücher über den Zweiten Weltkrieg las. Darum, wie sie ab und zu aufschauten und sich anlächelten, als wollten sie sagen: Sogar nach sechzig Jahren noch vermisse ich dich, sobald du nicht bei mir bist. Das ist es, was Ana unter Liebe versteht.
Ihre Eltern waren genauso. Und auch Anas Ehe ist die längste Zeit so gewesen. Bis alles den Bach runterging.
Wie jeden Abend verändert sich auch heute die Farbe des Himmels und erinnert daran, dass manches nicht für immer gut bleibt. Die Dämmerung bricht herein, und Dunkelheit legt sich über das Buschland. Den Ellbogen auf die staubige Armlehne und den Kopf schwer auf die Hand gestützt, nimmt sie Dinge wahr, die sie vorher nicht bemerkt hat.
Der Wind wird kühler und zerrt jetzt an ihr, alle Farbe und Wärme weicht aus ihren Beinen. Die Eiswürfel in ihrem Riesling sind schneller geschmolzen, als sie getrunken hat – die letzten zwei Schlucke werden mehr nach Wasser als nach Wein schmecken. Das Glas ist angeschlagen, was ihr normalerweise nichts ausmacht, aber jetzt, bei dem hässlichen Licht, sieht plötzlich alles viel schlimmer aus.
In einer halben Stunde kommen die Kinder nach Hause, und dann wird sie ihnen Abendessen machen und ihnen zurufen, dass sie beim Abwasch helfen sollen, während sie ihn parallel schon selbst erledigt. Sie wird Rachael auffordern, unter die Dusche zu gehen, und Rachael wird behaupten, dass sie heute Morgen schon geduscht hat. Ana wird widersprechen, »Nein, hast du nicht«, und dann wird Rachael fragen, ob sie damit sagen wolle, dass sie lügt.
Dann werden die Kinder zu Bett gehen und Paul, der das Schlafverhalten eines Neunzigjährigen hat, kurz nach ihnen. Sie wird auf dem Sofa sitzen und mit halbem Ohr eine amerikanische Late-Night-Show verfolgen, in der sie die Witze nicht versteht.
Und dann wird sie den Fernseher ausschalten, sich auf die linke Seite eines Bettes legen, das sich niemals groß genug anfühlt, und denken: Ich habe den falschen Mann geheiratet.
Und während sie in den Schlaf hinübergleitet, hat sie den Raum, nach dem sie sich den ganzen Tag gesehnt hat, um an diese eine Sache zu denken, an die sie nicht denken darf.
An den Richtigen.
Wäre das hier ein Film, dann wären ihre haselnussbraunen Augen das Erste, was er sähe. Augen wie der Urknall – braune Materie, die sich in eine grüne Galaxie ergießt. Der Erde Geburt und Tod. Aber das hier ist kein Film. Und so sind ihre Augen auch nicht das Erste, was ihm auffällt.
Das Erste, was er registriert, ist, dass die Person, die da gerade durch die Tür kommt, eine Frau ist. Eine schwarze Tasche hängt an einem Riemen über ihrer rechten Schulter und reicht ihr bis kurz oberhalb der Hüfte. Langes Haar fällt über ihre schmalen Schultern. Er will nicht, dass wir sie uns in Zeitlupe vorstellen, denn das passt nicht zu ihr. Die Zeit steht nicht still. Niemand stolpert oder fährt sich mit den Fingern durchs Haar. Es betritt einfach ein Mensch einen Raum, und ein anderer Mensch bemerkt es. Alles, was die Synapsen hinter seinen Augen ans Gehirn melden, ist: Frau. Als wäre er ein zu komplexeren Gedanken nicht fähiges Säugetier.
Zu Patricks Verteidigung muss man sagen, dass er hier im Labor noch nie zuvor eine Frau gesehen hat. Das ist nicht sexistisch, sondern schlicht Fakt. Es ist, als würde ein Eisbär durch die Innenstadt von Perth schlendern. Nichts gegen den Eisbären – er wäre herzlich willkommen –, aber man müsste lügen, wenn man behaupten wollte, man hätte ihn nicht gesehen.
Patrick ist nicht stolz auf das, was er als Nächstes tut, aber am besten sind wir ehrlich: Er checkt sie von oben bis unten, wie ein Bodyscanner am Flughafen. Zierliche Füße in weißen Sneakers. Beine in engen Jeans. Ein weites, rot-weiß gestreiftes Trägertop. Lange braune Haare, fast bis zu den Ellbogen. Viel mehr kann er nicht sagen, und ganz sicher nichts zur Farbe ihrer Augen. Nur dass hier eine Frau im Softwareentwicklungs-Lab ihre Sachen auspackt, und dass er sie gern weiter ansehen würde. Das reicht schon, um zu denken: Hm, das ist ein ungewöhnliches Vorkommnis. Und es in seinem Gedächtnis abzuspeichern.
Einige Tage später sitzt er ihr in der Bibliothek gegenüber, und diesmal registriert er schon etwas mehr als nur Frau. Die Armbänder um ihre schlanken Handgelenke sehen aus wie diese ausgefransten Schnüre, die man von den damit umwickelten Schinkenkeulen kennt. Sie trägt ein Dutzend davon in unterschiedlichen Farben, die sich vom strahlenden Weiß des Tischs abheben.
»Wo ist Thomas?«, fragt sie und schaut nach der Uhrzeit auf ihrem Handy.
»Ich schreib ihm eine Nachricht«, sagt die andere Frau.
Ja, inzwischen sind es schon zwei Frauen – und sie alle zusammen bilden eine Arbeitsgruppe zum Thema Schnittstellendesign.
Seit zwei Jahren studiert er Softwaretechnik, und noch nie hat er mit einer Frau zusammen in einer Projektgruppe gearbeitet. Jetzt sind es gleich zwei. Er hat erfahren, dass Frau Eins – die mit den Armbändern – Caitlin heißt. Ihre Wangen sind von der Hitze draußen gerötet, und sie hebt immer wieder ihr Haar an und fächelt sich Luft in den Nacken. Er befiehlt seinen Augen, anderswo hinzugucken, aber sie wandern doch immer wieder zu ihr zurück und suchen nach wer weiß was.
Frau Zwei sitzt neben ihm und sieht so aus, als hätte sie eine Privatschule besucht – dezent, aber teuer gekleidet, glänzendes Haar mit goldblonden Strähnchen. Ihre Haut ist hell und sehr rein, ihr Zahnpastalächeln zeugt von der Korrektur durch einen fähigen Kieferorthopäden. Patrick weiß nicht genau, woran es liegt, aber die beiden Frauen erscheinen ihm fundamental unterschiedlich. Die eine ist Caitlin, und die andere – vielleicht heißt sie Emma oder Emily, er hat es sofort vergessen – ist es nicht.
Nachdem sie die Nachricht abgeschickt hat, beginnt Emma – er beschließt, dass das ihr Name ist – von ihrem Wochenende zu erzählen. Er hat das an Frauen schon immer bewundert. Diese Fähigkeit, vollkommen aus dem Nichts eine Geschichte zu zaubern und zu beschließen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt ist, sie zu erzählen. Er war noch nie gut in Smalltalk. Jetzt berichtet sie gerade davon, wie jemand sich betrunken am Bordstein die beiden Frontzähne ausgeschlagen hat. Ihre Stimme hallt durch die Bibliothek, in der sonst nur Tastaturgeklapper und das Brummen von Druckern zu hören ist, und er fragt sich, wieso sie nicht merkt, dass sie viel zu laut spricht. Er schaut sich um. Ein Kommilitone rutscht auf seinem Stuhl herum, während er mit Textmarker etwas in einem Buch anstreicht. Eine Studentin hat den Kopfhörer aus einem Ohr genommen und schielt zu ihnen herüber.
Caitlin nickt höflich, ohne jedoch Rückfragen zu stellen. Sie fummelt an ihren Armbändern herum und weicht jedem Blickkontakt so gut wie möglich aus.
Er ist ganz erfüllt von dem Wunsch, sie näher kennenzulernen. Ihr all die Fragen zu stellen, die Emma schon unaufgefordert beantwortet. War sie vergangenes Wochenende auch auf einer Privatparty? Was hat sie heute gemacht, bevor sie hierhergekommen ist? Was hat sie später noch vor? Wer ist sie außerhalb dieser vier Wände?
Jetzt murmelt sie fast unmerklich etwas vor sich hin, und er begreift, dass sie die Projektbeschreibung liest. Er lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Grinst. Sie sieht es.
»Sorry, ich versuche nur herauszufinden, was wir hier eigentlich machen sollen.« Sie reibt sich die Stirn. »Vielleicht sollten wir uns aufteilen, anstatt zu versuchen, uns immer alle zusammen …«
»Aber das ist doch gerade der Sinn einer Gruppenarbeit«, gibt Emma zurück und sieht ihn bestätigungsheischend an.
Wenn er ehrlich ist, hat er den Sinn von Gruppenarbeiten noch nie verstanden. Er bezweifelt auch, dass es darum geht, zu viert vor einem Computerbildschirm zu sitzen und jeden Schritt zu diskutieren. Er hat schon genug von diesen Arbeiten mitgemacht, um zu wissen, dass sie sich einen Monat lang ein paar Mal in der Woche treffen werden, wobei Emma ihre Geschichten erzählt und Thomas nicht auftaucht. Caitlin kann er nicht einschätzen, aber jemand aus der Gruppe – wahrscheinlich er selbst – wird die Aufgabe lösen und bei der Abgabe alle vier Namen daruntersetzen. Vielleicht wird Thomas ihm am Ende des Kurses auf die Schulter klopfen und »Danke, Kumpel« murmeln.
»Ich bin da bei dir.« Er nickt Caitlin zu. »Ich hab diese Woche viel zu tun …« Das ist Quatsch. Er weiß nicht, warum er das gesagt hat. Er hat diese Woche nicht viel zu tun.
Caitlin sieht ihn an und nickt. Er merkt, dass es ihm gefällt, wenn sie ihn ansieht. Es gibt ihm das Gefühl, lebendig zu sein.
Sie beschließen, dass Caitlin und er die Ausgabeformate gestalten. Die anderen Aufgaben werden zwischen Emma und Thomas aufgeteilt – auch wenn Thomas zu diesem Zeitpunkt genauso gut tot sein könnte.
»Wir müssen uns irgendwann diese Woche im Computerlab treffen, um zu klären, was zu tun ist, und dann können wir weiter aufteilen. Donnerstag würde bei mir passen. Ich habe dich übrigens letztens dort gesehen«, sagt Caitlin. Zu ihm, wie er einen Herzschlag später realisiert.
Seine Ohren fühlen sich heiß an. »Ach, echt?«, fragt er. Eine weitere Lüge.
Emma und ihr glänzendes Haar müssen jetzt woanders hin, also packt sie ihre Sachen zusammen und sagt, dass sie sich später sehen. Er sieht ihr nach, wie sie durch die Glasschiebetür in den warmen, ruhigen Nachmittag verschwindet.
»Gehst du auch?«, fragt er Caitlin. Sie beide haben die Augen währenddessen auf ihre Laptop-Displays geheftet.
»Ja.« Sie zupft an ihrer Unterlippe herum. »Ich komme mir so unhöflich vor … Ich suche gerade diese Mail, in der steht, wie sie heißt.«
Er lacht. Sagt, dass er auch darüber nachgedacht hat und sich ziemlich sicher ist, dass sie Emma heißt. Jetzt lacht sie. Sie heißt nicht Emma, sondern Alice. Er bittet sie, ihm die E-Mail zu zeigen und es zu beweisen. Dann verzieht er das Gesicht. Sie hat recht.
»Und wie heiße ich?«, fragt sie. Ein Test.
»Caitlin«, sagt er. Ihre Augen sind haselnussbraun. Wie der Urknall. »Du bist Caitlin.«
Es ist Samstagabend, und die letzten Sonnenstrahlen des Tages fallen in das Foyer des Empire Theatre. Ein Flirren liegt in der Luft, für alle außer Claire. Frauen mit Statement-Ketten nippen an ihrem Prosecco und klagen darüber, wie heiß es tagsüber war. Eine Handvoll Leute kauft eins der überteuerten Programmhefte, wahrscheinlich sind sie allesamt mit jemandem verwandt, der oder die darin erwähnt wird. Das Geplapper, das Gläserklirren und die Musik geben Claire das Gefühl zu ersticken, und einen Moment lang erwägt sie, sich in einer Toilettenkabine zu verstecken, aber dann sieht sie die lange Schlange davor.
Maryanne stellt sich an der Bar an. Claire denkt, dass sie sich wahrscheinlich wünscht, eine der anderen Frauen hier wäre ihre Tochter. Eine, die vor Mittag aus dem Bett kommt. Eine, die Vollzeit als Krankenpflegerin oder Lehrerin oder bei der Lokalzeitung arbeitet. Sie würde das nie sagen. Aber wie enttäuschend muss es sein, wenn die dreißigjährige Tochter wieder bei einem einzieht und nicht mal mehr in der Lage ist, aus dem Haus zu gehen, um Brot zu kaufen. Krank. Aber nicht die Art von krank, die die Leute verstehen. Sondern die Art, die eingebildet klingt. Von der die meisten Leute meinen, man könne sie mit einem ernsten Gespräch und einer neuen Perspektive heilen. »Ja, genau«, sagt Maryanne vermutlich zu ihren Freundinnen. »Meine Tochter ist wieder bei mir eingezogen, weil sie faul und traurig ist.«
Gleich, wenn sie an der Bar fertig ist, muss ihre Mutter zu ihr zurückkommen, an dem ganzen Lachen und den Geschichten vorbei, die einen Tisch voller Leute unterhalten, um wieder in der düsteren Umlaufbahn ihrer Tochter zu kreisen. Dabei will nicht einmal Claire sich in Claires Gegenwart aufhalten. Wenn andere Menschen wie helle, flackernde Kerzen sind, dann ist sie der kalte Luftzug, der die Flammen auslöscht, wenn sie ihm zu nahe kommen.
Das Stück, das heute gespielt wird, heißt Die falsche Seite. »Ich glaube, es wird ganz toll«, hat Maryanne gesagt, während sie sich vor dem Spiegel im Flur Lippenstift aufgetragen hat. »Das Stück wird dir gefallen«, hat sie hinzugefügt, Claire über die Oberarme gestrichen und sie zur Tür hinausgeschoben.
In London hat Claire die meisten Freitag- und Samstagabende im Theater verbracht. Im London Palladium, im London Coliseum, in der Royal Festival Hall, im Hammersmith Apollo und in unzähligen kleinen, unabhängigen Spielstätten, an deren Namen sie sich nicht mehr erinnert. Sie hat sich jedes Mal die ganze Woche darauf gefreut – ein paar von ihnen sind immer schon früher gekommen, haben was zusammen getrunken und sich gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht. Alles schien so einfach. Sie brauchte kein Interesse zu heucheln, die Worte kamen einfach so aus ihrem Mund, ohne dass sie darüber nachdenken musste. Wenn sie nach Ende der Vorstellung wieder auf die kalte, dunkle Straße trat, hatte sich das immer angefühlt, als erwachte sie aus einer Trance. Heute kann sie sich nicht mehr so vollkommen sorglos dem Moment hingeben. Wenn dir eine Dornenkrone fest in die Kopfhaut gedrückt wurde, sickert dir unablässig warmes Blut über die Stirn und in die Augen, und du kannst an nichts anderes mehr denken.
Als ihre Mutter es endlich ganz nach vorn an die Bar geschafft hat, gibt Claire es auf, nicht an die Mail denken zu wollen. Sie hat noch nicht geantwortet. Ihr fehlen die Worte. Warum schickt Maggie ihr überhaupt eine Mail? Das ist so formell. So kalt. Mails sind ein Ort für geschäftliche Anfragen und Spam. Sie haben sich nie gemailt, immer getextet oder telefoniert. Seit drei Tagen schon versucht sie sich in der Notiz-App ihres Handys an einer Antwort, aber nichts, was sie schreiben könnte, ergibt Sinn. Sie hat nur immer Maggies letzte Zeile vor Augen, unmissverständlich und mit perfekter Interpunktion: Ich habe mich weiterentwickelt, Claire. Und es ist an der Zeit, dass du das auch tust.
Deshalb denkt sie, als ihr Blick auf den Tisch mit den vielen Leuten zu ihrer Rechten fällt und sie dort Maggies Hinterkopf entdeckt, dass sie sich täuschen muss. Sie weiß ja, dass sie verrückt ist, aber Leute zu sehen, die gar nicht da sind, das ist selbst für sie ein neues Level. Allerdings ist da auch dieser spezielle Schwung, mit dem die Frau ihre Hüften bewegt. Braunes, schulterlanges Haar, länger, als sie es von ihr kennt. Und es scheint, als hätte sie abgenommen. Claire erkennt das weiße Tanktop, das weiter sitzt als früher. Sie hat es ihr gekauft, als sie damals in Toowoomba angekommen sind.
Sie muss hier raus.
Mit gesenktem Kopf drängt sie sich durch die Menge, ohne sich zu entschuldigen. Sie kann nicht atmen. Köpfe wenden sich ihr zu, die Leute spüren, dass die Energie im Raum sich verändert. Sie hofft, dass Maggie sie nicht sieht. Es fühlt sich an, als hätten sich zwei Hände um ihre Kehle gelegt. Auf unsicheren Beinen hastet sie die Treppe hinunter, und als schließlich die gläsernen Eingangstüren zu sehen sind, zählt sie die Stufen.
Auf der Straße beugt sie sich vor, stützt die Hände auf die Oberschenkel und meint, sich jeden Moment auf den Bürgersteig erbrechen zu müssen. Sie keucht und spürt, wie ihr Dekolleté und ihr Hals rot anlaufen, während jeder Atemzug mühsamer erscheint als der zuvor. Sie wird sterben. Ohnmächtig werden und sich den Kopf aufschlagen. Oder einen Herzinfarkt bekommen. Ein Messer bohrt sich in ihre Brust, und so schnell kann kein Herz auf Dauer schlagen. Hat nicht jedes nur eine begrenzte Anzahl von Schlägen zur Verfügung? Ihr Körper braucht sie jetzt alle auf einmal auf. Es pocht in ihren Ohren. Sie wird hier auf der Neil Street zu Asche verbrennen, aber wenigstens ist es dann vorbei. Lass es vorbei sein. Schwarze Punkte tanzen vor ihren Augen, und ein Vorhang scheint sich davor zu schließen.
»Claire?« Das ist Maryanne. Ihre Mutter weiß, warum sie hier draußen steht. Dennoch klingt ihre Stimme leicht genervt.
»Ich weiß, mein Schatz, ich weiß. Tief durchatmen.« Maryanne streicht ihr über den Rücken, so wie früher, als sie ein Kind war. Sanft und in kreisenden Bewegungen.
»Tut … tut mir leid, Mum«, sagt Claire, und ihre Stimme bricht. »Tut mir leid. Ich kann das nicht.«
»Ich hatte hier nicht mit ihr gerechnet.«
»Ich rechne immer mit ihr«, flüstert Claire. Sie konzentriert sich auf Maryannes glänzende, pinkfarbene Sandalen, die darin leicht eingequetschten, pink lackierten Zehennägel. »Kann Dad mich abholen? Ich muss nach Hause. Ich muss zu Hause sein.«
Maryanne versucht, Claire zu überreden, wieder mit hineinzukommen. »Alle gehen jetzt zu ihren Plätzen«, sagt sie. »Das sind Hunderte von Leuten. Du siehst sie bestimmt nicht noch mal.«
Eine Viertelstunde später sitzt Claire dennoch im Ford Fiesta ihres Vaters auf dem Beifahrersitz. Ihre Pupillen sind geweitet, und sie blinzelt selten. Sie wirkt, als hätte sie einen Geist gesehen.
zwei Jahre zuvor
Ana trägt ein marineblaues Seidenkleid, das ihr bis zur Mitte der Schienbeine reicht und einen tiefen runden Ausschnitt hat, der für ihren Geschmack etwas zu viel Dekolleté zeigt. Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass sie sich ein Kleid gekauft hat, anstatt sich einfach eins von irgendeiner Freundin auszuleihen, die vor Kurzem bei einer Hochzeit war.
»Kann ich so gehen?«
»Unbedingt«, sagt er und küsst sie auf die Wange. Er sieht sie nicht an, seine Augen kleben am Handy. »Sorry, das ist Rob. Jenny kann heute Abend nicht mitkommen. Sie hat sich erkältet oder so.«
»Wie ärgerlich. Du zahlst pro Person, oder?« Sie schließt die zierliche Schnalle des Riemchens an ihrem Knöchel.
Paul nickt. Zuckt die Schultern. Wirft ihr einen Blick zu, der besagt, dass sie beide das Gleiche denken. Sie hatten schon vermutet, dass Jenny irgendeine Ausrede vorbringen würde, um in letzter Minute doch nicht mit zum Durnham Rugby Ball gehen zu müssen. Sie hasst solche Veranstaltungen. Und Ana weiß das nur zu gut, denn Jenny hat es ihr oft genug gesagt.
Allerdings sind Jenny und Rob nur für einen Monat in der Stadt. Wegen des Balls, aber vor allem, damit Rob bei seinen Eltern sein kann, die jedes Mal, wenn er zu Besuch kommt, ein bisschen mehr abgebaut haben. Sie fliegen ein paar Mal im Jahr ein, immer wenn Rob sich von seiner Arbeit in Sri Lanka freimachen kann. Und jedes Mal zieht Jenny irgendeine andere Ausrede aus ihrem Repertoire hervor – Jetlag, eine Erkältung, die sie sich auf dem Flug eingefangen, eine Mahlzeit, die sie nicht vertragen hat –, um eine Veranstaltung abzusagen, die schon seit Monaten im Kalender steht.
Aber wenn sie ehrlich ist, hat Ana nichts dagegen, dass Jenny nicht mitkommt. Jenny und Rob sind schon seit Jahren verheiratet. Seit sieben vielleicht. Oder acht. Aber es fühlt sich immer noch nicht stimmig an, wenn Jenny dabei ist. Sie unterhalten sich über irgendwas von vor zwanzig Jahren, und nach der Hälfte des Gesprächs geht sie auf die Toilette. Oder Rob wendet sich eigens an sie, um ihr ein bestimmtes Detail der Story zu erklären – wie zum Beispiel, dass Ana auf ihrer USA-Reise eigentlich ein Hostel in der 4th Street von Manhattan hatte buchen wollen und stattdessen aus Versehen in der 4th Street von St. Petersburg in Florida reserviert hat –, woraufhin Jenny stumm nickt und so tut, als hätte sie die ganze Zeit zugehört.
»Weißt du, wie lange wir Robbie jetzt nicht gesehen haben?«, fragt Paul, als sie im Taxi sitzen und sich anschnallen.
Ungefähr ein halbes Jahr, rechnet Ana aus. Aber so lange fühlt es sich nicht an. Wenn man jemanden schon seit fünfundzwanzig Jahren kennt, vermengen sich irgendwann die Erinnerungen, und etwas, das vor zehn Jahren passiert ist, kann sich anfühlen, als wäre es erst eine Woche her. Sie spürt den Anflug eines Schuldgefühls – sie müsste mehr dafür tun, regelmäßig in Kontakt zu bleiben.
Rob ist ihr engster Freund, einer von der Sorte, die einem sagt, dass man beschissen aussieht, wenn man nun mal beschissen aussieht.
Als sie am Hyatt House ankommen – dem legendären Mehrzweckzentrum, in dem Hochzeiten und fast alle Schulveranstaltungen stattfinden –, beobachtet Ana, wie die Paare hineingehen, die Männer meist ein, zwei Schritte hinter den Frauen. Am Eingang bleibt eine von ihnen stehen, formt lautlos mit den Lippen etwas in Richtung eines Mannes im mittleren Alter und hebt frustriert beide Arme. Dann sieht sie zu Boden, schüttelt den Kopf, und er steckt die Hände in die Taschen wie ein Schuljunge, der zur Rektorin bestellt wurde.
Ana und Paul gehen nicht so miteinander um. Er legt ihr beim Abendessen noch immer die Hand auf den Oberschenkel und küsst sie auf die Wange, wenn er von der Arbeit kommt. Sie sprechen den Namen des anderen ohne Geringschätzung aus, und wenn sie jemanden kennengelernt haben, der Ana unsympathisch war, fragt Paul sie nachher, wie sie diese Maureen fand, und dann sind sie sich unweigerlich einig.
Als sie sich der vorderen Terrasse nähern, sieht sie Rob allein dort stehen. Er nestelt an einem seiner Manschettenknöpfe herum, dann blickt er auf und strahlt sie über das ganze Gesicht an.
»Wie ist es dir ergangen, mein Freund?« Paul legt einen Arm um ihn und klopft ihm herzhaft auf den Rücken.
»Kann mich nicht beklagen«, sagt Rob und zieht Ana zu sich heran. »Wir haben uns viel zu lange nicht gesehen.«
Die Halle ist ein Meer aus Weiß, die glänzenden Stuhlbezüge in einem minimal anderen Ton als die schweren Tischtücher. Man stößt schon miteinander an, gut gekleidete Frauen haben sich bereits ein Schlückchen Wein eingeschenkt – und füllen im Laufe des Abends ein Dutzend Mal nach, vielleicht auch öfter.
»Wie schade, dass Jenny nicht hier ist«, behauptet Ana, als sie sich an der Bar anstellen. Die Männer deuten auf den Zapfhahn mit der Aufschrift Stella Artois.
»Du kennst sie ja.« Rob verzieht das Gesicht, anscheinend steckt also mehr dahinter. Dann erkundigt er sich nach ihren Kindern, jedem einzeln.
»Sie haben schon gefragt, wann Onkel Rob das nächste Mal zu Besuch kommt«, sagt sie. »Pass bloß auf, sonst vergessen sie dich noch.«
Zusammen gehen sie zu ihrem Tisch, aber Paul steht andauernd auf. Sobald ein neuer Gang aufgetragen wird, setzt er sich wieder und beugt sich zu ihnen herüber. An dem Achtertisch sitzen noch andere Paare, aber die meiste Zeit hocken die Frauen zusammen und unterhalten sich über die Schule der Kinder, während die Männer zum Rauchen auf der Terrasse sind. Ana und Rob kommen vom Hölzchen aufs Stöckchen, bis ihnen im Laufe des Gesprächs alles wieder eingefallen ist, was sie sich seit ihrem letzten Treffen nicht erzählt haben. Anders als die meisten Männer, die sie kennt, hört Rob ihr wirklich zu. Manchmal macht er eine Pause, nachdem sie etwas gesagt hat, schaut sinnierend über ihre Schulter und sagt »So habe ich das noch nicht betrachtet«, auch wenn sie sicher ist, dass er alles bereits aus allen erdenklichen Perspektiven betrachtet hat. Er ist einfach nur nett.
Als Rob sie nach dem Dessert, das sie beide kaum angerührt haben, durch die Glastür auf die Terrasse schiebt, macht die kalte Luft sie wieder munter. Das Licht, das aus dem Veranstaltungsraum nach draußen dringt, bescheint die Gerippe einiger blattloser Äste, alles andere ist tiefschwarz und still. Sie lassen sich mit ihren gut gefüllten Weißweingläsern an einem der Tische nieder. Und dann kommt eine Stimmung auf, die sie beide dazu bringt, Sachen laut auszusprechen, die sie normalerweise für sich behalten würden.
»Sie hat mich letztes Jahr betrogen«, sagt Rob nach einer Weile und schnieft.
Jenny hatte eine Affäre mit einem Kollegen. Rob war gerade dabei, sich bettfertig zu machen, als ihr Laptop den Eingang einer Nachricht meldete. Ping, immer wieder. Er tippte das Passwort ein, wollte nur den Ton ausstellen, da poppte ein Chatfenster auf – Worte, die nicht für ihn bestimmt waren, sprangen ihm entgegen. Jenny saß unten und schrieb Kevin all die Dinge, die sie gern mit ihm anstellen würde, nicht ahnend, dass ihr Handy mit ihrem Computer synchronisiert war. Rob las Worte und Ausdrücke, die sie ihm gegenüber nie benutzt hatte. Sie wollte Kevins Schwanz in ihren Mund schieben, und dann wollte sie darauf reiten und ihn ganz tief in sich spüren.
Rob hatte das Gefühl gehabt, sich übergeben zu müssen, als würde etwas in seinem Innern zerreißen. Von tief unten kam ein Schluchzer, ein Geräusch, als hätte ihm jemand fest in den Magen geboxt. Kevin war mit Frau und Kindern bei ihnen zu Hause gewesen. Hatte mit dem Besteck gegessen, das Robs Eltern ihnen zur Hochzeit geschenkt hatten.
Jenny war kreidebleich geworden, als Rob die Treppe hinunterstürmte und schrie: »Was zum Teufel!« Immer und immer wieder. Sie war gegangen, aber nicht für lange. Die Entschuldigung kam ein paar Tage später, zusammen mit dem Versprechen, nicht nur die Sache mit Kevin zu beenden, sondern auch ihren Job zu kündigen. Das Ganze wurde mit einem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit entschuldigt, dem Rob nicht nachgekommen sei. Er habe zu viel gearbeitet. Habe seinen Arm nicht mehr so um sie gelegt wie früher. Sie waren zur Therapie gegangen, und der Therapeut hatte gesagt: »Ihr habt eine gute Basis.«
Ana weiß nicht, was sie sagen soll. Sie schüttelt den Kopf. »Und, habt ihr eine gute Basis?«
»Ja, irgendwie schon. Ich weiß nicht. Wir streiten wenig. Aber das kann auch daran liegen, dass wir kaum miteinander sprechen.« Er lächelt kläglich.