Kleine Probleme - Nele Pollatschek - E-Book
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Kleine Probleme E-Book

Nele Pollatschek

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Beschreibung

Nele Pollatschek erzählt eine alltägliche Geschichte, die mitten ins Herz unserer Existenz trifft. Aus einer To-do-Liste entsteht ein schillernder Roman darüber, wie schwer es ist, einfach nur zu leben.  31. Dezember. Steuererklärung, Wohnung putzen, Bett für die Tochter zusammenschrauben, Lebenswerk schreiben, mit dem Rauchen aufhören – eigentlich wollte Lars, neunundvierzigjähriger Vieldenker und angehender Schriftsteller, die Lücke zwischen den Jahren dafür nutzen, endlich alles zu erledigen, was in den letzten Dekaden so auf der Strecke geblieben ist. Das neue Jahr, so sein Plan, sollte in einem aufgeräumten Leben beginnen. Der Zeitpunkt dafür schien perfekt: Die Kinder waren im Auslandsjahr, die Frau unterwegs. Keiner da, der stören könnte. Doch die Woche, in der noch alles zu schaffen gewesen wäre – plötzlich ist sie aufgebraucht. Der letzte Tag des Jahres hat begonnen – mit Nieselregen, wie sonst? Das Haus ist immer noch chaotisch. Das Leben sowieso. Und als Lars den ersten Punkt seiner To-do-Liste ansteuert, fühlt es sich an, als müsse er nicht nur sich selbst, sondern eine ganze Welt neu erfinden. In ihrem lustigen, tragischen und philosophischen Roman erzählt Nele Pollatschek von Chaos und der Sehnsucht nach Ordnung, von perfekten Kindern und unperfekten Eltern, von Liebe, kleinen Schrauben und großen Werken. Vor allem aber erzählt sie von der Schwierigkeit, sein Leben nicht auf später zu verschieben.

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Seitenzahl: 233

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nele Pollatschek

Kleine Probleme

Roman

Kurzübersicht

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Titelseite

Über Nele Pollatschek

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

Impressum

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Über Nele Pollatschek

Nele Pollatschek, 1988 in Berlin geboren, hat Englische Literatur und Philosophie in Heidelberg, Cambridge und Oxford studiert und wurde darin 2018 promoviert. Für ihren Debütroman Das Unglück anderer Leute (2016) erhielt sie den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis (2017) und den Grimmelshausen-Förderpreis (2019). Es folgte das Sachbuch Dear Oxbridge. Liebesbrief an England (2020). Nele Pollatschek schreibt für Die Zeit, sie wurde Kulturjournalistin des Jahres (2023, 2024), erhielt den Deutschen Reporterpreis (2022) sowie den Förderpreis für Komische Literatur (2024).

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Über dieses Buch

31. Dezember. Steuererklärung, Wohnung putzen, Bett für die Tochter zusammenschrauben, Lebenswerk schreiben, mit dem Rauchen aufhören – eigentlich wollte Lars, neunundvierzigjähriger Vieldenker und angehender Schriftsteller, die Lücke zwischen den Jahren dafür nutzen, endlich alles zu erledigen, was in den letzten Dekaden so auf der Strecke geblieben ist. Das neue Jahr, so sein Plan, sollte in einem aufgeräumten Leben beginnen. Der Zeitpunkt dafür schien perfekt: Die Kinder waren im Auslandsjahr, die Frau unterwegs. Keiner da, der stören könnte.

Doch die Woche, in der noch alles zu schaffen gewesen wäre – plötzlich ist sie aufgebraucht. Der letzte Tag des Jahres hat begonnen – mit Nieselregen, wie sonst? Das Haus ist immer noch chaotisch. Das Leben sowieso. Und als Lars den ersten Punkt seiner To-do-Liste ansteuert, fühlt es sich an, als müsse er nicht nur sich selbst, sondern eine ganze Welt neu erfinden.

In ihrem lustigen, tragischen und philosophischen Roman erzählt Nele Pollatschek von Chaos und der Sehnsucht nach Ordnung, von perfekten Kindern und unperfekten Eltern, von Liebe, kleinen Schrauben und großen Werken. Vor allem aber erzählt sie von der Schwierigkeit, sein Leben nicht auf später zu verschieben.

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Motti

1. Anfangen

1. Antworten

2. Linas Bett

3. Putzen

3. Putzen (Teil 2 sozusagen)

4. Steuern, Post usw.

5. Geschenke einpacken

6. Vater anrufen

7. Nudelsalat

8. Feuerwerk

9. Regenrinne

10. Lebenswerk

11. Johanna

12. Mit dem Rauchen aufhören

13. Es gut machen

Dank

Für J.

Und für alle, die noch etwas zu erledigen haben.

Arbeite an den Aufgaben, die die Götter den Menschen bestimmen, damit du niemals Schmerzen leidest um deine Frau und deine Kinder.

Hesiod Werke und Tage

 

Von mir kann ich versichern, ich werde über den kleinsten Schmerz, den ich fühlen mag, jammern.

Cervantes Don Quijote von der Mancha

 

Ich habe ganze zweiundvierzig Tage gebraucht, um ein Brett für ein langes Regal herzustellen.

Daniel Defoe Robinson Crusoe

 

Habe abscheulich zu tun und möchte so sooooo gerne faul sein.

Hannah Arendt

 

Wenige sind genug, einer ist genug, keiner ist genug.

Seneca Briefe an Lucilius

1. Anfangen

Im Grunde ist es natürlich vollkommen egal, wie das Wetter war. Also, es nieselte. Natürlich nieselte es, deutscher Dezember, was erwartet man. Also, ich hatte Schnee erwartet, wie er sich auf Häuser und Hügel und Täler legt, wie er alles bedeckt mit seiner kalten weihnachtlichen Wärme. Sowas hatte ich erwartet, als wir hierhergezogen waren. Im Winter Schnee, im Sommer Sonnenschein, planschende Kinder, Abende an trunkenen Tafeln unter Linden, Abende, die man zurecht lau nennen würde. Tagsüber ich, wie ich am Teich sitze mit Stift und Notizbuch, vielleicht mit einer Schreibmaschine und längst schon ohne Zigarette, und in der Ferne Johanna und die Kinder, und ab und an trägt der Wind ein Jauchzen an mein Ohr und erinnert mich daran, wie glücklich wir sind.

Das hatte ich Johanna so erzählt, als wir das Haus zum ersten Mal sahen, und sie sagte Ach Larsmännchen, du weißt schon, dass nicht immer Sommer sein kann. Und natürlich wusste ich das, es gibt ja schließlich noch den Winter. Einen Winter, an dem ich dann in meinem Schreibzimmer säße, oben unterm Dach mit dem kleinen Kaminofen und diesem knarzenden Geruch von Holzgebälk, mit meinem Notizbuch und meinem Stift, später dann mit einem Manuskript, an dessen Ränder ich letzte Korrekturen kritzle, mich dann behaglich zurücklehne, meinen Blick in die Ferne schweifen lasse, auf die Hügel und die Täler, auf den Wald und den weichen Schnee. Ich da oben und unten Johanna, die Kinder, das Jauchzen und das Glück.

Das hatte ich Johanna so gesagt, vor acht Jahren, als Herr Rosen uns das Haus zeigte und Johanna noch zögerte, hier würde ich es schaffen, hatte ich gesagt. Also natürlich hatte ich nicht es schaffen gesagt, ich hatte da etwas Konkreteres gesagt, aber um das Konkrete geht es gerade nicht, es geht ums Ganze. Ich würde es schaffen, hatte ich also gesagt. Und Johanna sagte, das Haus sei aber ganz schön ramponiert, und Herr Rosen sagte Liebhaberstück,und ich sagte ja, ja, das bin ich.

Und dann gingen wir zur Bank, und ich wurde kritisch ignoriert, jemand flüsterte Schriftsteller, jemand anders hüstelte angehender Schriftsteller, und dann wanderte der Blick auf Johanna, es wurde genickt, es wurde gelächelt, es wurde zärtlich verbeamtet gesäuselt. Und dann kauften wir das Haus, wir zogen ein, und es nieselte.

Im Grunde nieselte es die ganze Zeit. Manchmal regnete es auch. So ein peitschender Regen, wie fettgeschmiertes Leder, ein Regen, der einen sofort wieder ins Haus prügelt. Aber meistens nieselte es. Feiner Nadelstreifenniesel, der in der Regenrinne klimpert, und wenn man rausgeht, um die Hecke zu schneiden oder das Schuppendach zu reparieren, dann sticht es in den kalten Händen und dann geht man wieder rein. Am gefährlichsten aber ist der unsichtbare Niesel. Man steht am grauen Fenster und fragt, regnet es eigentlich noch, und erst wenn man draußen ist, sieht man die Kreise in den Pfützen, kleine Punkte, die sich ausdehnen in die Unendlichkeit oder ins Nichts, das weiß man nicht genau, selbst wenn man sehr lange dasteht und denkt. Und dann hört man dieses Nieselknistern in den Blättern und wird so unendlich müde. Aber jetzt ist man schon draußen und so schlimm regnet es nicht, also versucht man sich am Schuppendach, man hat es doch versprochen, und erst wenn man vor Tropfen auf der Brille gar nichts mehr erkennt, gibt man endlich auf. Wenn man wieder reinkommt, ist man nass bis auf die Seele.

Aber im Grunde ist es wirklich vollkommen egal, wie das Wetter war, man muss nur irgendwie anfangen, und dann fängt man eben beim Wetter an, weil das einfach ist, und gerade am Anfang muss man es sich einfach machen, denn, das weiß man, aller Anfang ist schwer und, das weiß man auch, Mitten sind noch viel schwerer, also muss man es sich am Anfang leicht machen, damit man noch etwas übrig hat für die Mitte mit all ihren Mühen. Also fängt man beim Wetter an, auch wenn man ans Wetter im Grunde gar nicht glaubt. Also an Klima natürlich. An die Klimakrise sowieso, wegen der Kinder. An Meteorologie vielleicht auch. Aber nicht ans Wetter. Zumindest nicht an das Wetter in der Erinnerung. Das Wetter in der Erinnerung ist wie die Musik beim Film, wird alles im Schnitt druntergelegt. Wenn man glücklich war, dann schien die Sonne, und wenn Herzen brachen, dann peitschte der Regen, dann Blitze und Donnerkrachen, und wenn man, naja, dann nieselte es eben. Was Niesel bedeutet, ist im Grunde auch jedem klar.

Im Grunde, aber man sollte auch nicht immer mit dem Grund anfangen, als wäre der Rest nur Oberfläche und man müsste hinabsteigen durch hellwässriges Grün, immer tiefer und dunkler, bis man am Grund ankommt, und da liegt sie dann, die Wahrheit, wie eine goldene Kugel, eine erste Ursache, hinter allem anderen, zu der man vordringen muss, bevor man endlich anfangen darf. Und eigentlich will man doch nur anfangen, wie, ist dann auch egal, also fängt man beim Niesel an, also fängt man beim Haus an, im Erdgeschoss, weil man sich unters Dach nicht mehr traut, also steht man am Fenster. Und von hier unten ist die Landschaft nur noch Straße. Mit Familienwagen mittlerer Preisklasse und vergrauten Rauputzfassaden, und die Kinder sind jetzt groß, und man weiß nicht mal mehr, wann man das letzte Mal jemanden jauchzen hörte.

Und so kann man nicht anfangen, wenn man mit Niesel anfängt, dann ist man müde, bevor man zur Mitte kommt, also fängt man nochmal von vorne an, man lässt den Niesel und das Haus und den Rauputz, man nimmt sich vor, sofort zum Punkt zu kommen, man erinnert sich daran, nicht immer man zu sagen, sag doch mal ich,sagt Johanna, sagt ihre Therapeutin, also sagt man dann ich, man setzt sich nochmal gerade hin, man schüttelt die Schultern nochmal aus, man rückt die Brille zurecht, man hebt die schlaffen Mundwinkel, man redet sich ein Lächeln ein, du schaffst das, sagt man sich, und dann schreibt man, also ich schreibe.

1. Antworten

Es war Freitag, der 31. Dezember, und ich musste noch was erledigen. Also alles.

Und wenn ich das so schreibe, habe ich gleich Linas Papa, übertreib nicht immer so im Kopf und wie sie dann nachdrücklich nicht mit den Augen rollt, weil das pubertär sei, und mit sechzehn findet sich das Kind zu alt für pubertär. Ohne zu übertreiben, war es natürlich nicht wirklich alles, was ich noch erledigen musste. Ukraine zum Beispiel, eindeutig nicht meine Aufgabe. Geldpolitik des Europäischen Wirtschaftsraums. Kohleausstieg. Seenotrettung. Wobei Yannis sagen würde, das sei sehr wohl meine Aufgabe, weil es unser aller Aufgabe sei, und damit hat er irgendwie recht, wie man mit zwanzig immer irgendwie recht hat, aber halt nur irgendwie.

Also musste ich vielleicht nicht wirklich alles erledigen, aber eben doch alles, was nicht nur irgendwie meine Aufgabe war, sondern eben auch wirklich. Alles, was ich in dieser Woche nicht geschafft hatte, oder in diesem Monat, in diesem Winter, in diesem Jahr, in diesem ganzen verdammten Leben. In neunundvierzig Jahren sammelt sich eine ganze Menge alles an.

Ich musste oft noch was erledigen, meistens morgen, manchmal aber auch später oder nächste Woche oder demnächst. Das Problem ist, dass es meistens nicht später war, sondern eben jetzt,und jetzt rauchte ich noch eine Zigarette, las noch einen Artikel, starrte auf mein Telefon, wischte dem Weltuntergang hinterher, schaute nur dieses eine Video noch zu Ende, ging nochmal eben aufs Klo, machte schnell noch einen Kaffee, bevor ich dann gleich anfing, also bald, also nachher, also vielleicht doch besser morgen, es war ja auch schon spät.

Und dann kamen plötzlich und fast völlig unerwartet diese Momente, an denen das später restlos aufgebraucht war, und aus dem jetzt wurde jetzt oder nie. Der 31. Dezember war so ein Tag und der 24. natürlich, die Geburtstage der Kinder, wirklich jedes Mal, wenn Johanna früh in den Urlaub losfahren wollte und die Kinder schon in den Sitzen quengelten und Johanna rief, soll ich jetzt echt noch für dich packen, und ich nicht mal wusste, wo mein Koffer war. An jedem Monatsende war das so, vor jedem Wochenende und an jedem Sonntagabend, überhaupt an jedem Abend, wenn ich plötzlich merkte, dass ich wieder nichts geschafft hatte und es jetzt auch zu spät war, um noch damit anzufangen, und es wurde auch immer später.

Wenn der Tod käme, würde ich sagen, es ist mir wirklich unangenehm, aber ich muss leider noch kurz eine Kleinigkeit erledigen. Ich muss noch sechzehn Tage Abwasch machen und Neuneinhalb Wochen zur Videothek zurückbringen, die erste Steuerabmahnung muss ich noch bezahlen und die zweite, die dritte, ich muss noch die Kinderzimmer streichen, erst rosa und hellblau, dann sonnengelb und grün mit Lianen, dann doch wieder weiß mit einer flaschengrünen Akzentwand wie auf Insta, ich muss mich noch bei allen melden, zu denen ich mal ich melde mich dann gesagt habe, ich muss noch aus der Kirche austreten, ich muss Gott finden, ich muss verdammt nochmal endlich den Müll runterbringen, ich muss noch herausfinden, warum mein Knie seit einigen Jahren so komisch klackert und ob der Schmerz in der Brust vielleicht doch nur Angina ist, ich muss den Kindern noch ein Erbe erarbeiten, die Regenrinne muss ich noch vom Vorjahresherbst befreien, die Bester-Papa-der-Welt-Tasse muss ich noch verdienen, ich muss noch mein Lebenswerk verfassen. Die meisten meiner guten Taten muss ich noch vollbringen, ich muss noch schnell mein Potenzial ausschöpfen, ich muss noch dieses was in aus dem wird mal was werden, ich muss so vieles noch erledigen, Dringendes, Unangenehmes, eigentlich Schönes, ein paar Lappalien, sehr viel Entscheidendes, diesen ganzen Kram, dieses ganze Alles, dieses einzige Leben. Ich habe es noch nicht mal richtig angefangen, und es ist doch schon so spät.

Und natürlich kann man das alles nicht an einem einzigen Tag erledigen, nicht mal an einem 31. Dezember, nicht mal, wenn er auf einen Freitag fällt. Lina musste mir nicht sagen, wie übertrieben das wäre.

Also hatte ich mir die ganze Woche genommen, diese schimmernden fünf Tage zwischen den Jahren, in denen das Alte schon zu Boden geröchelt ist und das Neue noch nicht zugeschlagen hat und immer noch alles ganz anders werden kann, nämlich gut.

Ich hatte mir das alles aufgeteilt, hatte mir überlegt, was ich am Montag machen würde und am Dienstag, am Mittwoch und so weiter. Also nicht ganz genau überlegt, sondern eher so ungefähr, Pi mal Daumen, ich bin nicht der Typ, der Listen macht. Und ich wusste ja, was wirklich zu erledigen war, Linas Bett aufbauen für die Zeit nach England, das Haus putzen, bevor Johanna am 31. Dezember aus Lissabon wiederkam, Steuern, solche Sachen. Ein paar Neujahrvorsätze von letztem Jahr musste ich noch wegschaffen, Sport machen, mit dem Rauchen aufhören. Meinem Vater schuldete ich noch einen Weihnachtsanruf. Und Erol noch ein Lebenswerk, ich hatte meinen Agenten drei Mal zwölf Monate lang auf Ende des Jahres vertröstet, und wenn irgendwer behaupten kann, Ende des Jahres zu sein, dann wohl der 31. Dezember. Ich hatte mir das alles überlegt, wie ich jeden Tag etwas abarbeiten würde und dann abends ins Bett ginge mit dem guten Gefühl, wieder etwas geschafft zu haben, und dann rauchte ich eine Zigarette und wischte über mein Telefon, und dann war plötzlich und fast völlig unerwartet 23:27 Uhr und es war der 30. Dezember und ich war müde.

Aber das war gar nicht schlimm. Keine Panik. Das konnte man alles noch schaffen, sagte ich mir. Du stehst morgen früh auf, erbärmlich früh, wie Johanna an Schultagen, und dann erledigst du das schnell, bevor Johanna spätnachmittags endlich nach Hause kommt, bevor ihr am Abend zu den Kindern fahrt, bevor ihr das neue Jahr begrüßt, mit Champagner und Feuerwerk, mit wohlverdienter Erschöpfung und wohlig verdienterem Stolz. Ein neues Jahr, was dann ganz anders wird, weil du alles endlich erledigt hast. Ein neues Jahr, in dem du jemand bist, der alles erledigt hat.

Ich stellte den Wecker auf sechs Uhr früh, schaute noch ein paar Videos, folgte dem Algorithmus, aß noch eine 5-Minuten-Terrine und schlief auf der Couch ein. Der Alarm klingelte, und ich schwöre, dass ich nur ein einziges Mal Schlummern drückte, weil es doch so schön war, unter einer Wolldecke zu liegen und zu wissen, dass man bald alles erledigt haben würde. Viel schöner, als das Gesicht vom Couchleder zu ziehen, die Füße auf das klebrige Stäbchenparkett zu stellen, durch das kalte Wohnzimmer zu torkeln und tatsächlich den ganzen Tag lang alles erledigen zu müssen. Ich drückte also wirklich nur ein einziges Mal auf die Schlummer-Taste, ich drehte mich noch ein einziges Mal um, schmiegte mich ein letztes Mal so richtig in Johannas Kaschmirdecke, nur fünf Minuten, und als ich die Augen öffnete, war es halb zwölf, ach verdammt, Lars, du tropfes Tier, ich liebe dir kein bisschen.

Das ist ja wirklich absurd, wie das manchmal so umkippt. Eben noch kann man das alles schaffen, ist eigentlich ganz zufrieden, dreht sich nochmal um, kuschelt sich ordnungsgemäß in die Kuscheldecke, und dann macht man die Augen auf, sieht den Niesel und merkt, dass es viel zu spät ist und alles sehr schlimm.

Ich blieb noch ein paar Minuten liegen, das machte jetzt auch keinen Unterschied mehr. Ich starrte auf die Raufasertapete. Zum Fenster. In den deutschen Vorstadtniesel. Ins Wohnzimmer, das aussah, wie ein Zimmer aussieht, in dem einer wohnt und keiner putzt. Dann schaute ich schnell wieder weg, stand auf, zog den Norwegerpullover an, lief in die Küche, machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und zündete mir eine Zigarette an. Dann noch eine, vielleicht zwei. Als ich auf mein Telefon schaute, war es zwanzig nach zwölf, und ich hatte eine Nachricht.

Flieger sitzt fest. Komme später. Kannst du bitte die Geschenke einpacken?

Ich drückte die Zigarette in das alte Marmeladenglas und zündete mir noch eine an. Ich wusste ja nicht mal, wo die Geschenke waren.

Wenn du sie nicht reingeholt hast, stehen sie noch in der Garage.

Geschenke einpacken und die Steuer und die Regenrinne und Aufräumen und Putzen, das ganze versiffte Haus, und mein Vater und Erol, das war überhaupt nicht mehr zu schaffen. Es war wie immer nicht mehr zu schaffen. Und wenn man es mit neunundvierzig nicht schafft, dann wird man es niemals schaffen.

Und dann ist man genau so, nicht nur jetzt, sondern für immer. Dann hilft auch kein morgen und kein später und nicht mal demnächst. Nicht mal das neue Jahr hilft dann noch. Dann ist man für immer genau das. Ein alter Sack, der in einem Drecksloch sitzt und raucht und davon erzählt, was er morgen machen wird. Und dann ist es halt so, dann bin ich halt so. Ich kann es ja auch nicht ändern. Und dann habe ich zumindest das geschafft, mich selbst zu erkennen, wie so ein beschissener Orakelspruch.

Könntest du den Nudelsalat machen? Rezept auf Kühlschrank (vegan!). Und bring das Feuerwerk mit. Ist im Keller.

Ich kochte noch einen Kaffee. Ich rauchte noch eine Zigarette, vielleicht zwei, höchstens drei. Hustete und spuckte den Schleim ins Waschbecken neben das angetrocknete Geschirr.

Kannst du das machen, Lars?

Und natürlich hätte ich ihr antworten sollen. Aber was soll man denn schreiben? Nein, kann ich nicht. Ich schaffe es nicht, ein paar beschissene Geschenke einzupacken und einen Salat mit Dosenerbsen anzurühren? Jeder normale Mensch kann das, nur ich kann es nicht. Ich kann es seit neunundvierzig Jahren einfach nicht. Sowas kann man ja wirklich keinem sagen.

Kannst du mir bitte antworten, ich muss es nur wissen.

Nicht mal das konnte ich, nicht mal antworten, und das hätte Johanna wirklich wissen müssen. Johanna wusste doch alles. Sie kennt mich doch. Sie kennt doch das ganze Elend.

Lass gut sein, Lars. Ich frag jemand anderes.

Man kann doch nicht gut sein lassen, was nur zum Heulen ist. Dass man wirklich so ist, dass es sich nicht nur um eine Phase handelt, dass man da nicht mehr herauswächst, dass man für immer genau so bleibt, jeden beschissenen Tag, für den Rest seines beschissenen unbenutzten Lebens.

Ich lief wieder ins Wohnzimmer. Etwas klebte an meinem Fuß, und ich streifte es im Vorbeigehen an einem alten Pizzakarton ab. Dann legte ich mich auf die Couch und wischte über mein Telefon. Ich hustete und spürte die Angina, die vielleicht doch keine Angina war, sondern sehr wahrscheinlich mindestens Lungenkrebs im Endstadium, und das war dann auch nicht so schlimm. Dann war es halt so. Die Kinder waren groß und der Rest jetzt auch egal.

Wir sehen uns auf der Feier. Mach’s gut, Lars.

Ich glaube, ich fing tatsächlich an zu heulen, also nicht richtig, das kann ich irgendwie nicht, aber so sehr fast, dass ich mein Gesicht am kratzigen Wollärmel abwischte. Mach’s gut, Lars. Ich weiß gar nicht, was es war, außer eben doch wieder alles. Und ja natürlich, natürlich, natürlich, alles ist in Wahrheit nichts. Ich weiß, dass ich nichts habe, das müssen mir die Kinder nicht immer sagen, kein Sexismus oder so strukturellen Rassismus, keine Behinderung, keine schwere Krankheit und selbst an guten Tagen höchstens eine mittelschwere Depression. Nicht mal ein Alkoholproblem, obwohl ich es wirklich versucht habe. Wie erbärmlich, dass man es nicht mal schafft, Alkoholiker zu werden, um dann wenigstens noch trockener Alkoholiker werden zu können. Wie beschissen ist es bitte, wenn einem alle Türen offenstehen und man trotzdem stehen bleibt. Wenn man keinen Grund dafür hat, so zu sein, aber man ist halt trotzdem so. Wenn alles einfach ist und einfach ist viel zu schwer. Das ist doch wirklich schlimm, grundlos scheitern ist doch wirklich scheitern, und dafür bemitleidet einen keiner. Ach, egal.

Ich setzte mich hin. Ich wischte mir das Gesicht an der Decke ab. Ich stand auf. Ich lief in die Küche, wo sich das Geschirr immer noch der Selbstreinigung widersetzte, wo der Küchentisch unter dem Gewicht der Briefe und Lieferdienstboxen und Schuldgefühle ächzte, wo ich die Zeit verraucht hatte, während ich auf morgen wartete.

Mach’s gut, Lars.

Wenn man sich jahrelang beruflich mit sowas beschäftigt, dann ist es normal, dass man in so einem Moment gleich Bilder im Kopf hat, wie jemand sich eine Pistole in den Mund schiebt und wie es dann hinten rausspritzt. Und natürlich ist man dann froh, dass die Pistole unter dem Zeitungsstapel nur eine Attrappe ist. Eine Attrappe, die man als Memento vom ersten Dreh mitgenommen hat, mit der die Kinder dann jahrelang spielten, und die man, nachdem sie jegliches Interesse an Pistolen verloren hatten, trotzdem nicht wegschmiss, die meistens irgendwo rumlag, im Arbeitszimmer, neben der Couch, auf dem Küchentisch, in der Nähe. Weil es manchmal so tröstlich ist, sich eine Pistole in den Mund zu schieben und sich vorzustellen, wie dann endlich alles endet, vielleicht nicht unbedingt glücklich, aber wenigstens für immer. Mach’s gut, Lars.

Aber das macht man natürlich nicht. Das weiß man seit dem Tag, an dem man mit Johanna aus dem Krankenhaus kam und noch schnell an der Tanke anhielt, um endlich die verdammten Windeln zu kaufen, und wie man dachte Scheiße, Lars, das kannst du jetzt nicht mehr machen. Nicht wegen der bedingungslosen Liebe, sondern weil man das mit Kindern einfach nicht machen kann. Da muss man sich entscheiden. Man kann sich das Leben nehmen oder man kann jemandem das Leben schenken, aber beides geht nicht. Obwohl das Leben ein beschissenes Geschenk ist und umtauschen kann man es auch nicht. Mach’s gut, Lars.

Vielleicht hatte Johannas Therapeutin recht und ich rauchte so viel, weil ich dachte, dass man Kindern einen Selbstmord nicht antun kann, Lungenkrebs aber schon. Und da ist was dran, aber echt nicht viel. Mit der Chemo und den Schläuchen im Krankenhaus, das wäre auch nicht schön, und schon davor, das Husten, die Sorgen, die vorwurfsvollen Augen. Und irgendwie will man auch nicht sterben. Man will doch eigentlich Leben, nur halt nicht dieses. Mach’s gut, Lars.

Man will doch einfach nur ein anderes Leben, eines, in dem alles anders ist, also man selbst. Nur das ist halt auch wieder nicht möglich. Wenn man es zwischen den Jahren nicht schafft, wenn man es nicht mal am 31. Dezember schafft, nicht mal, wenn er auf einen Freitag fällt, dann schafft man es niemals. Dann hilft auch später nicht mehr, auch nicht morgen, nicht mal nächstes Jahr hilft dann noch, dann ist es endgültig zu spät.

Ich legte meine Hand auf die Pistole. Die Plörre lief mir das Gesicht runter. Mit dem rechten Zeigefinger griff ich durch den Abzug. Mit der anderen Hand führte ich den Lauf an meine Lippen. Ich öffnete meinen Mund, schob die Pistole tief hinein, würgte oder schluchzte, biss fest in den Lauf und stellte mir vor, wie es dann knallt und spritzt und alles für immer zu Ende ist. Mach’s gut, Lars.

Ich zog ab.

Es knallte nicht, es klickte nur leise. Nicht mal ein kleines bisschen Ich war hinten rausgespritzt. Alles noch da. Und doch irgendwie anders, als hätte auch in mir etwas klick gemacht. Vielleicht nicht ganz klick, oder eben nur sehr leise. So etwas dazwischen, zwischen Schusswaffe und Kinderspielzeug, zwischen Sich-erschießen und Sich-eben-nicht-erschießen, zwischen Alles-wie-immer und Für-immer-nichts. Als gäbe es da etwas zwischen dem Alten und dem Neuen, oder zwischen mir und dem anderen, oder zwischen dem, was ist, und dem, was doch jetzt verdammt nochmal endlich sein sollte. Ich kann es auch nicht besser erklären, außer vielleicht so: Ich hatte einen Spalt gemacht, einen schimmernden Spalt, vielleicht gerade groß genug, damit man sich zwischen den Jahren hindurchzwängen könnte, in die Welt, in der immer noch alles gut werden kann, sogar man selbst.

Mach’s gut, Lars.

Mach es verdammt nochmal endlich gut.

Jetzt oder nie.

Also jetzt.

Ich legte die Pistole zur Seite und zog Johannas Notizblock unter den Rechnungen hervor. Ihre letzte Liste hatte sich aufs weiße Papier durchgedrückt, alles fein säuberlich abgehakt, ach, Johanna. Ich riss das oberste Blatt ab und fing an zu schreiben. Jetzt nicht übertreiben. Ich schrieb nur alles auf, was ich mir für diese Woche vorgenommen hatte, und alles, worum Johanna mich gebeten hatte, und natürlich die Neujahrsvorsätze von letztem Jahr, die durfte ich nicht weglassen. Wenn ich jetzt alles erledigen wollte, dann musste es auch wirklich alles sein, dann durfte am Ende nichts übrig bleiben, dann musste restlos alles gut werden.

 

Zu erledigen

1.

Antworten

2.

Linas Bett

3.

Putzen

4.

Steuer, Post usw.

5.

Geschenke einpacken

6.

Vater anrufen

7.

Nudelsalat

8.

Feuerwerk

9.

Regenrinne

10.

Lebenswerk

11.

Johanna

12.

Mit dem Rauchen aufhören

13.

Es gut machen

Ich betrachtete meine Liste und fühlte schon so einen Phantomstolz, ein Vorkribbeln auf alles, was bald sehr verdient kribbeln würde, in wenigen Stunden, wenn wir vor Yannis’ Wohnung stünden, wenn dann endlich die Korken knallten und das Feuerwerk auf ein ganz neues Leben funkelte, wenn Johanna mir über die Wange streichen würde und sagen, das hast du gut gemacht, Lars. Du hast endlich alles gut gemacht.

Ich nahm mein Telefon in die Hand. Es war 12:47 Uhr. Spätestens halb elf müsste ich auf der Feier sein. Ich hatte keine zehn Stunden.

Wird erledigt, tippte ich, legte das Telefon auf den Tisch und setzte den ersten Haken.

Fast war schon alles gut.

2. Linas Bett

Es ist natürlich vollkommen unmöglich, alles an einem einzigen Tag zu schaffen. Aber es ist auch vollkommen unmöglich, ein anderer zu werden. Wenn man sich jahrelang mit sowas beschäftigt, dann weiß man, dass der Weg zum Unmöglichen das Unmögliche ist. Reine Mathematik. Minus mal minus gibt plus und unmöglich mal unmöglich ergibt eben doch oder zumindest jetzt erst recht. Johanna würde sagen, dass Mathematik so nicht funktioniere, und mit Mathematik kennt sie sich aus, Mathematik und Latein, die schweren Fächer, meine Johanna. Aber mit dem Unmöglichen kennt sie sich eben nicht aus. Das Unmögliche ist mein Fach. Auch kein ganz leichtes.

Außerdem würde Johanna sagen, ich solle doch bitte mal pragmatisch sein. Pragmatik ist Johannas drittes Fach, das unterrichtet sie zu Hause und bislang unbenotet. Ich schaute meine Liste also noch einmal ganz pragmatisch an. Streichen konnte ich da nichts mehr, sonst würde es nicht funktionieren, sonst würde der Spalt sich wieder schließen und ich stünde immer noch mit beiden Beinen fest in mir, oder mit beiden Beinen wackelig, mit weichen Knien, taumelnd, aber auf jeden Fall in mir, und da wollte ich doch weg.

Das Lebenswerk machte mir Sorgen und natürlich dachte ich dein Lebenswerk sind Sorgen, Lars, aber das sind die schlimmen Stimmen, auf die man in so einer Situation echt nicht hören darf. Vielleicht hätte ich doch lieber Erol schreiben auf die Liste stellen sollen, jetzt stand da eben Lebenswerk und Lebenswerk ist ein sehr großes Wort, der K2 der Wörter, und ich musste ihn besteigen, mit weichen Knien und ohne meine Sherpa. Ich suchte eine freie Stelle zwischen Geschirr und Altpapier, wischte den Zucker zur Seite und klopfte dreimal mit der Faust auf den Tisch, es klebte ein bisschen, aber dafür klang es gut, dumpfes Holz und glockenhelles Gläserklirren, als käme der Weihnachtsmann mit leichter Verspätung und zerknautschten Geschenken doch endlich noch zu mir. Über das Lebenswerk würde ich später nachdenken, beim Putzen. Johanna sagt, dass sie beim Putzen immer die besten Ideen hat, ich beim Fernsehen, deswegen teilen wir uns das meistens auf.

Beim elften Punkt auf der Liste fehlte noch ein Verb. Vielleicht Johanna beglücken, aber das klang gleich so sexuell, und das war ja nicht unser Problem, nicht ursächlich.