Kurzgeschichten - Gisela Schaefer - E-Book

Kurzgeschichten E-Book

Gisela Schaefer

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Beschreibung

In der ersten Geschichte lässt sich ein ziemlich pfiffiger Junge Ungewöhnliches einfallen, um seine kleine, zu anhängliche Schwester von sich abzulenken. Das gelingt ihm … und hat weitreichende Folgen. In der zweiten stellt der neue Clown den Zirkus auf den Kopf … die Zuschauer sind begeistert und die Artisten haben wieder Freude an ihrer Arbeit. Die dritte Geschichte handelt von einem Jungen, der an seinem Gymnasium ein übles Geschäft betreibt. Er erpresst Mitschüler und legt sogar eine raffinierte falsche Fährte. Ein Fall für den mutigen Hausmeister Schelle und den erfahrenen Hauptkommissar Kösters. In der vierten Geschichte erzählt ein Großvater seinem Enkel eine unglaubliche Geschichte, in der Lüge und Wahrheit nicht gleich zu erkennen sind … letztendlich ist nicht nur die Wahrheit vergnüglich. Die fünfte Geschichte ist viel harmloser als es sich anhört.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gisela Schaefer

Kurzgeschichten

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Drei Wünsche frei

Bingo der Clown

Verdächtig

Die Flaschenpost

Mord im Schrebergarten

Impressum neobooks

Drei Wünsche frei

Oder: Thilo das Genie

Gegen 11.00 Uhr kam der Anruf aus dem Kindergarten und Thilos Eltern, das Schlimmste befürchtend, setzten sich sogleich ins Auto.

„Nein, er ist nicht krank, auch nicht entführt worden,“ schluchzte die in Tränen aufgelöste Schwester Maria Adalberta und suchte in den Weiten ihres schwarzen, bodenlangen Gewandes nach einem Taschentuch. „Aber wir haben eben den Kaschperl zu Besuch gehabt …“

„Wen bitte, “ fragte Herr Thanner, Thilos Vater, höflich.

„Kasperle-Theater, Puppenspieler … du weißt schon,“ sagte seine Frau und stupste ihn unauffällig in die Seite.

„Oh … ja, ja, ja … und?“

„Und als das Krokodil die Prinzessin fressen wollte …“

„Wieso denn das? Ist sie über die Absperrung geklettert?“

„Genau wie sein Sohn,“ dachte die Ordensschwester und fuhr fort: „… unterbricht er die Vorstellung und sagt, man müsse sich entscheiden: Entweder wird die blonde, blauäugige Prinzessin von was Anderem gefressen oder sie müsse schwarz sein, weil diese grüne Art von Krokodilen nur in Afrika vorkäme. Dann, als das Kaschperl mit seiner Pritsche das Krokodil totgeschlagen hat und alle Kinder vor Freude gejubelt haben, weil die Prinzessin gerettet war, brach ihr Sohn in lautes Lachen aus. Das wäre der allergrößte Schmarrn, den er jemals gesehen habe, kein Mensch könne ein crocodylus niloticus mit einem Schlagstock aus Papier töten. Bei der Panzerung müsse man schon eine Mannlicher nehmen … was immer das ist.“

„Ich glaube, er meint ein Gewehr,“ erklärte Herr Thanner.

„Danke,“ sagte die Schwester knapp, „dann geht er nach vorn, schaut hinter den Vorhang und beschwert sich darüber, wie das Kaschperl angezogen ist, sowas würde auf der ganzen Welt niemand mehr tragen … außer vielleicht im Fasching. Die Puppenspieler waren richtig deprimiert als sie nachhause gingen. Sehn sie, so oder ähnlich geht das, seit ihr Sohn hier in unserem Kindergarten ist. Ich kann nicht mehr!“

Schwester Maria Adalberta schüttelte theatralisch den Kopf. Dann fasste sie sich überraschend schnell und mit kalter Stimme und noch kälterem Blick sagte sie: „Zum Wohle aller anderen Kinder muss ich sie bitten, ihren Sohn aus dieser Einrichtung herauszunehmen … sofort!“

Ja, Thilo war schon als Kleinkind recht auffällig gewesen, eine sehr beliebte Verhaltensbezeichnung, wenn jemand nicht exakt der bequemsten Form und Norm entspricht. Nun sind alle Kleinkinder neugierig, müssen sie ja sein, sonst wird nichts aus ihnen – aber bei Thilo war es extrem. Er saß noch auf dem Töpfchen, da nervte er seine Eltern bereits mit allerlei Fragen, für die sie regelmäßig ihre Lexika durchblättern mussten. Dabei hatten sie so gehofft, noch ein Weilchen ihre Ruhe zu haben. Er zog sich etwas zurück, als er begann, sich selber Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Es wunderte ihn, wieso wegen lächerlicher 27 Buchstaben und 10 Ziffern so viel Aufhebens gemacht wurde – das hatte er doch im Handumdrehen durchschaut, wie man damit umgehen musste, um diese Fertigkeiten zu erwerben.

Die Verwandtschaft war trickreich – vor jedem Besuch stöberten sie in ihren Schränken nach alten Büchern, die sie entbehren konnten und übergaben diese mitsamt den üblichen Überraschungseiern an Thilo.

Die ‚Wildblumen der Heimat‘ landeten auf diese Weise ebenso bei ihm wie der ‚Minnesang im Mittelalter“ oder ‚Tapezieren leicht gemacht‘. Mit ihren Mitbringseln war der Kleine dann eine Weile beschäftigt und sie alle außer Gefahr, sich unsterblich zu blamieren.

„Was das Kind aber auch alles wissen will!“ Aus Großtante Hedwigs Mund klang es spitz und vorwurfsvoll.

Während ein normales Kinderzimmer vollgepfropft ist mit Plüschtieren, Wasserpistolen, Bauklötzchen und Blechtröten, erweckte Thilos Zimmer nach und nach eher den Eindruck einer Bibliothek – Bücher überall. Gut, hier und da stand auch ein Spielzeugauto herum und sogar eine Eisenbahn war vorhanden, aber der Grund dafür lag eher darin, die Achsaufhängung zu verstehen oder den Schaltplan der Gleisanlagen so auszutüfteln, dass es auch beim gleichzeitig fahrenden Güter- und Personenverkehr zu keinen Katastrophen kam.

Der nächste vermeintliche Lichtblick für Thilos Eltern erwies sich beinahe als ebenso trügerisch wie sein Kindergarten-Auftritt.

„Du bist also Thilo …,“ der Rektor der Grundschule schaute gelangweilt milde von dem Stoß Anmeldungen auf seinem Schreibtisch hoch und wollte gerade mit der an diesem Morgen schon zum x-ten Mal ausgesprochenen Floskel ‚und freust dich sicher, endlich bei uns das ABC zu lernen‘ fortfahren, als der Knirps vor ihm ihn unterbrach: „Es scheint so.“

„Wie bitte … äh … bist du dir nicht sicher?“

„Schau‘n sie sich dieses Kind an,“ sagte Thilo und kramte aus seiner Hosentasche das Foto eines zerknitterten, schreienden Babys hervor.

„Süß,“ versicherte der Rektor wie alle Erwachsenen, wenn sie mit sowas konfrontiert werden.

„Dieses Kind haben meine Eltern Thilo genannt.“

„Und?“

„Fällt ihnen denn nichts auf? Sehen sie mich doch mal genau an. Bin ich das oder bin ich das?“ Thilo tippte erst auf das Foto, dann auf sich.

„Ich vermute, das bist du frisch geboren, und das bist du heute.“

„Wenn’s so einfach wäre! Wie wir alle wissen, erneuern sich innerhalb von sieben Jahren sämtliche Zellen eines Körpers … und ich bin gut sechs. Also kann ich das gar nicht sein. Aber meine Eltern schwören, ich sei’s.“

Thilos Mutter rutschte beunruhigt auf ihrem Stuhl hin und her und warf ihrem Mann einen hilfesuchenden Blick zu.

„Sie füttern dich seit sechs … seit gut sechs Jahren, da kann man ja wohl Verständnis dafür haben, dass sie sich an diese Vorstellung klammern, oder?“

„Sicher, aber … ich kann nicht so tun als ob, nur damit sie keine Halbwaisen werden.“

„Wieso Halbwaisen?“

„Weil ich noch eine kleine Schwester habe, Marie.“

„Ehepaare ohne Kinder nennt man nicht Waisen, sondern Kinderlose,“ erklärte der Rektor, „was mir in diesem Fall besonders leid täte,“ fügte er hinzu und Herr und Frau Thanner waren nicht ganz sicher, wie sie sein rätselhaftes Lächeln deuten sollten.

„Und warum versuchen sie seit Jahren, mich loszuwerden?“

„Ist das so?“

„Ja, erst bringen sie mich an einen Ort mit lauter kleinen Kindern, wo ich winzige, alberne Hütchen aufsetzen und ‚Häschen in der Grube‘ singen muss. Oder meine Hände in glitschige Farbe tauchen und auf die Wand drücken soll … nun gut, das könnte man noch als Nachahmung prähistorischer Kunst betrachten. Dann soll ich in ihre Schule gehen, damit ich das ABC lerne, dabei wissen sie genau, dass ich das schon lange kann. Steht alles in Büchern, oder im Internet: Wie man Quadratwurzeln zieht, oder wann Alexander der Große die Schlacht bei Issos geschlagen hat.“

„Könntest du mich mit deinen Eltern wohl einen Moment allein lassen,“ sagte der Rektor nach kurzem Besinnen.

„Sieht so aus, als wenn ihr Sohn als ABC-Schütze nicht infrage kommt.“ Der Rektor bemühte sich ehrlich um eine bedauernde Miene.

Thanners sahen betreten zu Boden, nichts lief einfach mit Thilo.

„Könnten sie nicht … wenigstens für ein, zwei Jährchen?“

„Allenfalls die 3. und 4. Klasse. Aber bitte dann ohne Schultüte, ich will keinen Aufstand an meiner Schule.“

„Aufstand?“

„Können sie sich vorstellen, was passiert wenn bekannt wird, dass er zwei Jahrgänge überspringen durfte?“

„Nein.“

„Mindestens die Hälfte der Eltern meiner Erstklässler wird mir die Bude, ich meine mein Büro einrennen und einen Test verlangen für ihren Sprössling.“

„Oje!“

„Das können sie laut sagen! Und hinterher sind sie dann deprimiert, wenn sie schwarz auf weiß bestätigt bekommen, dass sie leider kein unerkanntes Genie in der Familie haben … und die armen Kinder müssen es ausbaden.“

„Keine Schultüte, mein Ehrenwort,“ stammelte Frau Thanner.

„Abgemacht … ach so, noch was … nach der Vierten geht er aufs Gymnasium, kann ich mich darauf verlassen?“

„Hundertprozentig,“ sagte Herr Thanner wie aus der Pistole geschossen.

„Ich mag sowieso keine Süßigkeiten,“ sagte Thilo, als er später von der Vereinbarung

hörte, „aber ich brauche ein besseres Mikroskop,“ wobei er demonstrativ ein Sparschwein auf den Tisch stellte. Dass dorthinein eine Ausgleichszahlung für die wegfallende Schultüte erfolgen sollte, verstand sich von selbst. Ein paar Tests der Form halber, und Thilo saß in der dritten Klasse, dann in der vierten – beide Jahre eine Tortur für Lehrer, Mitschüler und für Thilo selber.

Als er mit acht Jahren aufs Gymnasium wechselte, nahmen seine Klassenkameraden zunächst an, dass er unter Kleinwüchsigkeit leide und empfanden teils Mitleid, teils verspotteten sie ihn. Wie staunten sie jedoch, und wie kleinlaut wurden sie, als bekannt wurde, dass seine Größe exakt zu seinem Alter passte, und er seine Kenntnisse schneller erweiterte, als sie die Seiten ihrer Bücher umblättern konnten. Thilos große Leidenschaft galt den Naturwissenschaften und allem, was mit Technik zu tun hatte. Während andere Schüler sich über komplizierte Sachverhalte die Haare rauften, gequält stöhnten, über unzumutbaren Stress klagten, vom Nachbarn oder vom Spickzettel abschrieben, Unwohlsein vortäuschten oder ihre todkranke Oma im Krankenhaus besuchen mussten, blühte Thilo richtig auf. Sein Zimmer erweckte nun nicht nur den Eindruck einer Bibliothek, sondern auch nach und nach eines Labors und einer Werkstatt. Mehr denn je vergrub er sich dort, nahm am Familienleben eigentlich nur zu den Mahlzeiten teil, immer freundlich und zuvorkommend – außer wenn man ihn in seinem persönlichen Universum störte.

Wenn zum Beispiel Großtante Hedwig zu Besuch kam, die Brust vorwölbte und misstrauisch fragte: „Was macht denn das Kind dauernd in seinem Zimmer?“ Um dann gleich darauf loszuträllern: „Hallooooh, Tante Hedwig ist da, wer will Gummibärchen?“

Dann war es ratsam, alles stehen und liegen zu lassen um sie zu begrüßen. Thilo hasste Gummibärchen, aber wenn er sie ihr nicht freudestrahlend im Flur aus der Hand riss, betrat Tante Hedwig sein Reich – und das war noch schlimmer. Denn dann musste er in ihre entsetzten Augen sehen, wenn ihr Blick umherschweifte, musste ihr verständnisloses Kopfschütteln hinnehmen und sich ihre Standpunkte, von denen sie Unmengen hatte, anhören.

„Was man von den Kindern heutzutage verlangt … also ich stehe auf dem Standpunkt, dass ein gescheites Rechen- und Lesebuch ausreichen, aus uns ist schließlich auch was geworden. Du tust mir leid, mein armer Junge.“

Hin und wieder war ihr bei solchen Gelegenheiten der Gedanke gekommen, dass Thilo ja

eventuell auch – na ja – schwer von Begriff sein könnte. Jedenfalls war es nicht normal, dass jemand so lange Zeit zum Lernen brauchte, das war ihr Standpunkt.

Außer anlässlich solch kleiner Zwischenfälle oder Störungen war Thilo ganz zufrieden mit seinem Leben, von Langeweile keine Spur, es gab gottseidank mehr Wissenswertes, als er sich je hätte vorstellen können. So weit, so gut – aber dann, eines Tages, lud ihn seine Mutter ungewöhnlich förmlich zu einem Gespräch unter vier Augen ein. Sie sagte nicht wie üblich: „He, Thilo, hör mal zu …“, nein, sie sagte: „Thilo, ich würde gern etwas mit dir besprechen. Könntest du dich bitte zu mir setzen.“

Dabei deutete sie auf einen Wohnzimmersessel und stellte eine Schüssel Kekse, eine Tasse Kakao und eine Tasse Kaffee auf den Tisch.

„Oha,“ dachte Thilo alarmiert, „ein Arbeitsessen!“ Und war gespannt, welches Geschäft sie im Auge hatte.

„Also … ähm … es ist so … ich, äh … ich meine, du bist jetzt über 11 Jahre alt und Marie fast sieben … nun, um es kurz zu machen, ich möchte wieder arbeiten gehen, halbtags.“

Thilo sah ihr an, wie froh sie war, diesen Satz herausgebracht zu haben, fragte sich aber, was er damit zu tun hatte, warum sie das nicht mit ihrem Mann besprach.

„Prima,“ sagte er und steckte sich einen Keks in den Mund, „wann geht’s los?“

„Oh, das könnte schon recht bald sein, aber natürlich nur mit deinem Einverständnis.“

„Okay,“ Thilo zog die Schultern hoch – wo war das Problem?

„Du weißt ja, Marie kann sich noch nicht so gut alleine beschäftigen und Papa hätte größte Bedenken, wenn den ganzen Nachmittag über niemand da wäre, der sich um sie kümmert.“

„Marie,“ fragte Thilo und dachte an das kleine, meist rosa Ding, das ihm zuweilen begegnete - ihm schwante Unheil.

„Ich hab mir alles gut überlegt: Die Stelle ist für nachmittags. Den ganzen Vormittag bin ich also zuhause, kann das Frühstück machen, die Wohnung aufräumen, einkaufen … und wenn ihr mittags aus der Schule kommt, steht was zum Essen auf dem Tisch. Um halb sechs bin ich zuhause und koche für uns alle eine warme Mahlzeit. Was sagst du?“

„Mhm.“ Thilo mampfte Kekse.

„Marie kommt meistens etwas eher nachhause als du, für eine kleine Weile wäre sie dann allein, das geht schon.“

„Mhm.“ Mit vollem Mund sollte man nicht sprechen.

„Dann … dann könntest du vielleicht ein bisschen auf sie aufpassen, dich mit ihr beschäftigen … bitte.“

Dagegen war Thilo machtlos, er war ja kein Unmensch. Er bekam einen dicken Schmatzer auf die Stirn, was einer Unterschrift gleichwertig war und somit den Vertrag besiegelte. Tief im Innersten der Vertragspartner regten sich indes sehr unterschiedliche Gefühle: Ihr plumpste ein großer Stein vom Herzen und er spürte etwas Bleiernes am Hals hängen.

Alle Frauen wissen, wie man Männer rumkriegt, Marie eingeschlossen. Am ersten Tag ihres neuartigen Zusammenlebens hatte sie mit dem Essen auf ihn gewartet und neben seinen Teller mit Wurstbroten ein Schnapsglas mit Gänseblümchen gestellt. Und dann fragte sie zweimal „Schmeckt es dir?“, als wenn sie das Brot selbst gebacken, die Butter gestampft und die Wurst eigenhändig durch den Fleischwolf in die Pelle gedrückt hätte. Dazu plapperte sie ununterbrochen – Thilo war zuvor nie aufgefallen, dass Marie oder überhaupt irgendein Mädchen so viel plappern konnte. Zu seinem Leidwesen blieb das auch so - ob sie nun direkt mit ihm sprach, mit ihrer Puppe und ihren Stofftieren, oder ob sie Schularbeiten machte, sie brabbelte und brabbelte in einem fort. Sie saß auch nicht etwa in ihrem Zimmer, nein, sie machte es sich zur Gewohnheit, an den Nachmittagen Thilos Nähe zu suchen. Er geriet fast in Panik und von Tag zu Tag wuchs seine Entschlossenheit, diesem Zustand ein Ende zu bereiten. Dieses Dauertonband machte jede Konzentration zunichte und verdarb ihm Nachmittag um Nachmittag. Aus war’s mit der freien Entfaltung seines Entdeckergeistes, aus mit der Vervollkommnung seines Wissens, aus mit der einsamen Stille, in der seine Kreativität blühen konnte. Er musste schleunigst ein wirksames Mittel finden, Maries Redefluss zu stoppen, ihre Selbstständigkeit zu fördern und sie dadurch seinem Lebensraum fernzuhalten.

„Was machst du da,“ fragte sie zum fünften Mal an diesem Nachmittag.

Thilo seufzte und legte sein Physikbuch beiseite. Sollte er ein Märchen vorlesen oder versuchen, ihr den Aufbau eines Atomkerns zu erklären?

„Weißt du, was ein Quark ist?“

„Sicher weiß ich, was Quark ist!“

Lieber ein Märchen.

„Ich möchte auch mal eine gute Fee treffen,“ sagte sie verträumt, nachdem er den Schlusssatz ‚Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute‘ ausgesprochen hatte.

„Da müsstest du schon drei Wünsche haben, sonst kommen diese Feen erst gar nicht,“ antwortete er, ohne recht über eventuelle Konsequenzen nachzudenken.

„Hab ich doch!“

„Welche?“

„Wenn ich sie laut ausspreche, erfüllt die Fee sie nicht.“

„Ach was, das hält jede Fee anders. Einige stehen auf Geheimniskrämerei, anderen ist das schnurzpiepegal. Also sag schon!“

Marie dachte einen Moment nach, ihr Bruder war ziemlich klug – ja, sie konnte dem, was er über Feen wusste, wohl vertrauen.

„Ich wünsche mir, dass die Seifenblasen nicht mehr so schnell zerplatzen, damit ich sie ganz lange ansehen kann. Ich möchte auf dem Meeresboden stehen und alle Fische sollen um mich herumschwimmen. Und ich will mit Trulle sprechen können.“

„Warum?“

„Weil er so weise ist … hast du selber gesagt.“

Trulle war eine Schnee-Eule aus Plüsch, etwa in Lebensgröße. Ein Männchen, wie Thilo erklärt hatte. „Ein älteres Männchen, denn nur die sind fast weiß. Die jüngeren, und besonders die Weibchen, haben viele braune Flecken im Gefieder. Sie gehören zur Familie der Uhus und in den Märchen und Sagen wird behauptet, dass sie sehr weise sind.“

Von all den vielen Tieren, die sie besaß, liebte Marie ihren Trulle mit den großen, gelben Augen am innigsten.

„Interessant,“ bemerkte Thilo zu den drei Wünschen seiner Schwester, „wirklich interessant!“

Er hatte eher einen Sack voll Milchschnitten erwartet, einen rosa Schulranzen oder blauen Glitzerlidschatten für Barbie.

„Außergewöhnliche Wünsche,“ fügte er fast bewundernd hinzu und sah Marie zum ersten Mal aufmerksam an. „Hoffentlich gibt es eine Fee, die sowas kann.“

„Bestimmt,“ sagte Marie zuversichtlich.

Thilo bezweifelte es, denn an Feen glaubte er nicht, und an technisch begabte schon gar nicht. Aber die Wünsche spukten von da an in seinem Kopf herum, nicht nur, weil er sie als Herausforderung für sich selber empfand, sondern weil er möglicherweise damit ein Mittel zum Zweck in die Hand bekam.

Er durchsuchte das Internet. Nachdem er alle Artikel über Seifenblasen gelesen hatte, sagte er zu Marie: „Eine Seifenblase ist nur auf den ersten Blick etwas Simples. In Wahrheit ist das Ganze sehr kompliziert … nichts für eine Märchenfee.“

„Wieso denn,“ protestierte Marie, „ist doch nur Seifenlauge.“

„Eben,“ antwortete Thilo, „Wasser und Seife. Um es genauer zu sagen, die Hülle einer Seifenblase hat innen und außen eine Seifenschicht, dazwischen ist das Wasser. Das Wasser läuft nach unten, dadurch wird die Hülle oben dünner und … peng … platzt.“

„Warum läuft es denn nach unten?“

„Wegen der Gravitation … wegen der Anziehungskraft der Erde. Aus dem gleichen Grund, nämlich der Gravitation, fällt ein Apfel auf den Boden, wenn ihn der Apfelbaum los lässt.“

„Und kannst du die Gramelation nicht wegmachen?“

„Nein, aber du könntest auf den Mond fliegen, da ist die Anziehungskraft geringer als auf der Erde. Dort würden deine Seifenblasen viel länger herumfliegen.“

Marie war kurz davor in Tränen auszubrechen, als Frau Thanner zur Tür hereinkam.

„Was ist los,“ fragte sie mit dem sicheren Instinkt einer Mutter für Disharmonie.

„Thilo will mich auf den Mond schicken,“ beschwerte sich Marie, und dann war ihr Bruder eine ganze Weile damit beschäftigt, das Missverständnis aufzuklären und den bösen Verdacht gegen ihn zu entkräften. Er hatte große Lust, das Projekt aufzugeben nach diesem heiklen Zwischenfall, aber, er wäre nicht Thilo gewesen, wenn er so

schnell kapituliert hätte. Wieder ging er ins Internet, diesmal druckte er sämtliche Rezepte für Seifenlaugen aus und war überrascht, wie viele verschiedene Möglichkeiten der Herstellung es gab. Er probierte sie alle aus, mit Maissirup und Geschirrspülmittel, mit Zucker, Tapetenkleister und Glyzerin. Er drehte Ringe aus Draht und umwickelte sie mit Wolle, er beherzigte alle Ratschläge, die er finden konnte.

Marie war von dem Ergebnis entzückt. „Genau die will ich haben … aber ohne dass sie dauernd platzen,“ entschied sie, was schon allein deshalb ratsam war, weil Polster und Teppiche übermäßig feucht wurden und Wasserflecken auf den Holzmöbeln zurückblieben.

Inzwischen war Thilos Ehrgeiz entflammt und nach ein paar Tagen kam ihm die rettende Idee – fehlten nur noch verschwiegene Helfer. Oma Mathilde und Opa Elmar waren brauchbar.

„Könnt ihr Seifenblasen pusten,“ fragte er.

„Ja, was denn! Du etwa nicht?“

„Doch, doch,“ versicherte Thilo, „aber ich habe keine Zeit dazu, ich muss mich um was anderes kümmern.“

Er erzählte ihnen von Maries Wunsch und erklärte, wie er ihn erfüllen wollte, verschwieg aber wohlweislich, dass der Plan weniger seiner Bruderliebe, als vielmehr einer kühlen Berechnung entsprang.

„Wir sind dabei,“ jauchzten sie wie die Kinder, froh, endlich von ihren Kreuzworträtseln erlöst zu werden.

Bei Sonnenschein, im Morgenrot, im Abenddämmer, auf Wiesen, am Ufer des Sees, vor Mauern, sie trafen sich in den kommenden Wochen wann immer es ging und an allen möglichen Orten und Plätzen. Mal lagen Mathilde und Elmar auf dem Boden, mal Thilo, mal standen sie auf Tischen, mal auf Felsbrocken - Mathilde und Elmar pustend und Thilo mit einer Videokamera filmend. Das Ergebnis ihrer Bemühungen waren am Ende drei volle Film-Spulen.

Thanners hatten im Wohnzimmer an der Wand einen dieser modernen Großbild-Fernseher und eines Tages als Marie von der Schule heimkam, lief der Seifenblasenfilm. Wie angewurzelt blieb sie stehen und sah mit offenem Mund zu, wie in Zeitlupe riesengroße Kugeln vor einem blauen Himmel schwebten, lange, schillernde Schläuche über eine Wiese waberten, tausend winzige Bläschen zwischen Blumen und Blättern herumquirlten oder in dicken Trauben übers Wasser zogen.

„Thilo,“ schrie sie in höchster Aufregung.

Thilo stürzte aus seinem Zimmer. „Mein Gott, was ist denn los, was ist denn passiert,“ fragte er scheinheilig.

„Die Fee ist passiert, die Seifenblasen sind los,“ antwortete sie außer Atem und konnte

ihre Augen gar nicht abwenden.

„Donnerwetter! Das hätte ich nicht geglaubt,“ staunte er.

„Siehst du, man muss gar nicht auf den Mond und die Gramelation ist auch weg,“ sagte Marie triumphierend.

„Phänomenal,“ begeisterte sich Herr Thanner, „von mir aus kann es den ganzen Tag laufen … außer zu den Nachrichten und während der Sportschau.“

„Hinreißend,“ schwärmte Frau Thanner, „und so romantisch und beruhigend für die Nerven.“

Marie war überglücklich. So oft sie wollte und bei jedem Wetter konnte sie nun Seifenblasen anschauen.

„Drei Fliegen mit einer Klappe,“ dachte Thilo zufrieden, „Marie hat weniger Zeit für mich, die Familie bewundert ihren Baby-Sitter und ich hatte sogar noch meinen Spaß!“

Es verging eine ganze Weile, ehe sich Marie an ihren zweiten Wunsch erinnerte.

„Meinst du, ich sollte ihn nochmal laut aussprechen,“ fragte sie eines Tages.

„Was? Oh … den zweiten Wunsch, den Unterwasserwunsch … na ja, schaden kann es nicht, aber lass ihr Zeit, bedräng sie nicht, deine Wünsche sind harte Nüsse.“

„Ich drängle ja gar nicht, ich dachte nur … vielleicht hat sie ihn vergessen.“

Thilo nickte - höchste Zeit, sich wieder mal den Kopf zu zerbrechen. Das Naheliegendste wäre gewesen, seine Eltern für einen Urlaub am Meer mit Goggle-Maske für Marie zu begeistern. Aber das wäre zu einfach gewesen und hätte auch nicht dem Ziel gedient, seine Schwester hier zuhause von ihm abzulenken und fernzuhalten. Es vergingen ein paar Wochen, dann fand sein kluges Köpfchen die Lösung. Er wälzte Bücher, zeichnete Konstruktionspläne, stellte Berechnungen an, und wählte wieder Mathilde und Elmar als Helfer – sie hatten sich bestens bewährt.

„Mhm, das lässt sich machen,“ sagte Elmar, die Lesebrille auf der Nasenspitze balancierend, während er Zeichnungen und Erklärungen studierte.

„Hast du alles verstanden,“ fragte er Mathilde streng, woraufhin sie etwas pikiert antwortete: „Kümmer du dich nur um deine Sachen, ich komm schon klar.“

Als sie dann aber das wahre Ausmaß ihres Anteils an dem Gemeinschaftsvorhaben vor Augen sah, entfuhr ihr ein kleinlautes: „Ach du Schreck!“

Auch die Erfüllung des zweiten Wunsches erforderte einen kleinen Kompromiss. Für die letzten Handgriffe wählten die Verschwörer ein Wochenende aus, an dem Thanners einen Verwandtenbesuch mit Übernachtung geplant hatten. Thilo bedauerte zutiefst, nicht mitfahren zu können - eine Erkältung sei im Anmarsch, er spüre es ganz deutlich, im Hals, in der Nase, überall - auf keinen Fall wolle er jemanden anstecken – außerdem müsse er die Klassenarbeit in Mathe vorbereiten - er hoffe nur, kein Fieber zu bekommen, undsoweiter, undsofort. Frau Thanner schaute ihn durchdringend an, aber Thilo hielt ihrem Blick stand und zuckte mit keiner Wimper – manchmal musste man auch mit einer gewissen Härte für seine eigenen Interessen kämpfen. Kaum waren sie abgefahren, als Mathilde, Elmar und Thilo sich ans Werk machten.

Am Sonntagnachmittag, als die Reisenden zurückkehrten, saßen sie mit Unschuldsmienen im Wohnzimmer. Es duftete nach Kaffee und auf dem schön gedeckten Tisch stand ein selbstgebackener Apfelkuchen, weiß bestäubt mit Puderzucker.

„Oh,“ sagte Frau Thanner und dachte daran, dass sie eigentlich furchtbar müde war, dass sie das ganze Wochenende über Kuchen gegessen, zu viel geredet und sich auf einen stillen Ausklang gefreut hatte. „Sehr lieb von euch,“ brachte sie tapfer hervor und wurde das Gefühl nicht los, dass in irgendeiner Ecke das dicke Ende lauerte.

Marie umarmte stürmisch ihre Großeltern und zwängte sich zwischen sie auf das Sofa, munter plappernd wie immer. Auspacken, Umziehen, das konnte warten. Die Stimmung war nicht schlecht, aber Frau Thanner beobachtete mit wachsender Sorge die vielsagenden Blicke zwischen ihren Eltern und ihrem Sohn – verdächtig auch sein Wohlbefinden. Endlich hatten sie genug Kuchen in sich hineingestopft und erhoben sich. Marie öffnete die Tür ihres Zimmers und blieb verdutzt stehen.

„Mama,“ schrie sie, „mein Bett ist weg!“

„Was?“ Herr Thanner sprang auf. „Thilo, hier ist eingebrochen worden und du hast nichts davon bemerkt! Mal wieder mit dem Kopf in den Büchern gesteckt … man kann es auch übertreiben. Ihr geht alle durchs Haus und schaut nach, was fehlt. Ich rufe die Polizei!“

„Immer mit der Ruhe,“ Elmar klopfte seinem Sohn beruhigend auf die Schulter, „wir werden das Bett schon wiederfinden, komm nur mit.“

Alle eilten in Maries Zimmer. In der Tat, auf den ersten Blick konnte man wirklich glauben, dass Maries Bett gestohlen worden war, denn da, wo es stehen sollte, hing ein Vorhang, blau-grün schillernd, von der Decke bis zum Boden. Nur an einer Stelle war er offen und natürlich stand Maries Bett an seinem gewohnten Platz, nur dass es vom Vorhang vollkommen umgeben und verdeckt war.

„Geht nur hinein,“ Elmar machte eine einladende Geste in Richtung Marie und deren Eltern. Widerstandslos gehorchten sie – und stellten überrascht fest, dass sie ringsum von Seegras, Korallen und Fischen umgeben waren. Dann wurde es dunkel, weil Mathilde die Rolläden runter ließ - aber nur für einen Moment, denn gleich darauf flammten an allen Wänden Lämpchen auf. Thilo drückte auf die Fernbedienung und der Vorhang begann, sich langsam um das Bett herum zu drehen. Die sanften Wellenbewegungen und das Schillern des Stoffes erweckten den Eindruck, als ob sie mitten in einem Korallenriff wären: Silberne Schwärme von Fischen zogen vorbei, ein rot-blau getupfter Zackenbarsch, bunte Kaiser- und Papageienfische, rote Seesterne, kunstvoll gemusterte Schneckenhäuser, Algen, Seepferdchen - die Illusion war perfekt und sie genossen eine ganze Weile überwältigt und stumm die zauberhafte Unterwasserwelt.

Wochen hatte Thilo dafür gebraucht, jede einzelne Stoffbahn zu bemalen, in Elmars Werkstatt. Natürlich war Frau Thanner aufgefallen, dass sowohl ihr Sohn selber als auch seine Kleidung häufiger die Farbe gewechselt hatte. Mal waren es lustige bunte Spritzer auf der Hose, mal eine grasgrüne Strähne im Haar oder schmuddelig braune Reste unter den Fingernägeln. Aber sie hatte sich längst daran gewöhnt, mit Thilos nicht alltäglichen Überraschungen und Eigenarten zu leben. Mathilde hatte die Bahnen zusammengenäht, Meter für Meter, und zum Schluss Gardinenband und Haken angebracht. Gerade als sie erleichtert aufatmend die letzten Stiche getan hatte, das Rattern ihrer Nähmaschine verstummt war, entdeckte sie ein übrig gebliebenes Stück Stoff. Einen Moment starrte sie es unschlüssig an, eigentlich war sie kurz davor, Maschine und Garnröllchen zum Fenster hinaus zu werfen, aber, Verschwendung war ihr fremd – und außerdem kam ihr ein wahrhaft grandioser Gedanke, wie sie den Rest verwerten konnte.

„In jedes Meer gehört eine Meerjungfrau,“ behauptete sie und nähte ein grünes Hemdchen für Marie.

Elmar, gelernter Elektriker und auch sonst handwerklich hoch begabt, hatte Schienen an die Decke gedübelt, das Ganze mit Motor und Fernbedienung versehen und die Lämpchen an die Wände montiert.

Von dem Moment an, da Marie als Nixe in ihre eigene Unterwasserwelt eintauchen konnte, war ihre Lieblingsfarbe Grün. So mussten, passend zum Gewand, grüne Pantoffeln aufgetrieben werden, was Frau Thanner im zwölften Schuhgeschäft tatsächlich gelang, und auf Maries Geburtstags-Wunschzettel stand: Glasperlenkette, grün – wobei das Wort ‚grün‘ mehrmals unterstrichen war. Selbst Barbie musste ihre Garderobe und ihren Lidschatten auf grün umstellen. Die Schulhefteinschläge wurden mit maritimen Motiven beklebt und im Zeichenunterricht malte sie exotische Tiefseefische mit furchterregenden Zähnen und Lämpchen vor der Stirn, deren Namen nicht einmal ihre Lehrerin kannte.

„Wenn das so weitergeht, wird Marie Meeresbiologin oder Tiefseetaucher,“ stellte Herr Thanner eines Tages fest.

„Oder Herings-Fischer,“ fügte Thilo hinzu.

„Oh mein Gott, dass du mir das ja nicht in ihrer Gegenwart erwähnst, sie macht blind alles, was du sagst.“

Thilo versprach es und dachte über das, was sein Vater beobachtet hatte, nach – ja, es war was dran. Marie liebte ihren Bruder sehr, das war unübersehbar, sogar für Thilo. Obwohl sie inzwischen etwas weniger plapperte und sich öfter und länger in ihrem eigenen Zimmer aufhielt, dachte sie sich immer wieder kleine Beweise ihrer Zuneigung aus: Mal saß eines ihrer Plüschtiere auf seinem Bett, natürlich nur leihweise für eine Nacht. Oder sie machte ihm zum Mittagessen eine Tasse Kakao, den er trotz der vielen Knubbel darin hinunterschluckte. Je nach Jahreszeit wurde auch weiterhin das Schnapsglas als Blumenvase für Kleeblätter oder Butterblümchen benutzt. Wenn er mit ihr redete, hörte sie aufmerksam zu, denn sie zweifelte nicht daran, dass er der klügste Bruder auf der Welt war. Thilo war nicht ganz sicher, wie er das finden sollte, weil er sich vor ihrer Anhänglichkeit fast fürchtete. Nicht, dass er Marie nicht mochte, im Gegenteil, ab und zu war es recht lustig mit ihr. Aber stets blieb eine gewisse Scheu vor zu viel Geselligkeit, vor zu großer Nähe. Ja, er übte Einfluss auf sie aus – und diese Erkenntnis

führte ihn dann kurze Zeit später auf den Weg, wie er Wunsch Nr. 3 erfüllen und

gleichzeitig die Chance für sich selber nutzen konnte. Es war klar, dass er nicht dauernd

aufwändige Sachen erfinden oder bauen konnte, nur um ein paar Wochen oder Monate seine Ruhe zu haben. Es musste etwas Grundsätzlicheres sein, etwas Dauerhaftes, keine Eintagsfliege. Als er lange genug nachgedacht hatte, wusste er, wie er vorgehen wollte, um sein Ziel zu erreichen.

Aber zunächst war Marie noch abwechselnd im Luftblasen-Universum oder im Korallenmeer glücklich und zufrieden. Als ihr dann irgendwann doch ihr dritter Wunsch wieder einfiel, brauchte sie nicht lange zu warten - Thilo war gerüstet.

„Hallo Marie, ich hab gehört, du willst dich mit mir unterhalten,“ sagte Trulle die Eule eines Nachmittags wie aus heiterem Himmel.

Marie wär vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Sie sprang auf und wusste nicht so recht, was sie tun sollte, zu groß war der Schock.

Da fuhr Trulle auch schon fort: „Wenn es dir damit Ernst ist, musst du drei Regeln beachten:

Regel Nummer 1: Ich spreche nur, wenn ich es will. Also laber mir nicht die Ohren voll um mich umzustimmen.

Regel Nummer 2: Von unseren Gesprächen darfst du absolut niemandem erzählen … es muss ein Geheimnis bleiben zwischen uns.

Regel Nummer 3: Tatsch mich nicht an, während ich mit dir spreche, das mag ich nicht.

Wenn du die Regeln nicht befolgst, werde ich nie wieder ein Wort zu dir sagen, hast du das verstanden?“

„Ja,“ nickte Marie atemlos.

„Gut … na dann … was willst du wissen?“

Marie war normalerweise nicht um Fragen verlegen, aber in diesem Augenblick fiel ihr partout nichts ein, sie starrte Trulle nur unverwandt an.

„Du kannst mir auch was erzählen … wie war’s denn in der Schule heute?“

„Geht so,“ maulte sie, „wir müssen einen Aufsatz schreiben.“

„Klingt nicht so, als wenn’s dir Spaß macht.“

„Tut es auch nicht.“

„Warum?“

„Weil Frau Kaufmann immer so blöde Aufsatzthemen aufgibt. ‚Mein schönstes Geschenk

zu Weihnachten‘ … das kann ich in einem Satz sagen: Mein schönstes Geschenk war eine Barbiepuppe mit rosa Abendkleid von Tante Hedwig. Oder ‚Mein schönstes Erlebnis im Urlaub‘! Ich hab am Strand eine große, weiße Muschel gefunden … fertig. Aber ich soll drei Seiten voll schreiben … das kann ich nicht.“

„Natürlich kannst du, Marie. Lektion 1: Gebrauch deine Phantasie! Wenn du meinst, dass die Geschichte, die du erlebt hast, zu einfach ist, dann schmücke sie aus. Ich will dir ein Beispiel geben: Nehmen wir die Muschel. Beschreib einen Sonnenaufgang am Strand und

wie die Fischer in ihren Booten heimkehren und dir zuwinken. Du siehst einen Delphin springen oder die Fontäne eines Wals hoch aufspritzen. Möwen segeln über deinem Kopf, sie kreischen und zanken sich um einen Fisch. Wellen spülen leise gurgelnd an den Strand, weichen wieder zurück und kleine Luftbläschen bilden sich im Sand. Ein Felsen ragt ins Wasser hinein und du siehst undeutlich etwas Weißes aufblitzen jedes Mal dann, wenn das Wasser sich zurückzieht. Neugierig watest du durchs Wasser, wirst von einer anrollenden Welle bis zu den Haaren nassgespritzt und fast umgeworfen. Du bückst dich und findest … eine große weiße Muschel, wie die von der Tankstelle, mit gleichmäßigen, strahlenförmig angeordneten Rillen. Natürlich ist das nur ein Beispiel, du könntest es auch ganz anders erzählen.“

„Ist aber gelogen!“

„Ach Marie, deiner Lehrerin geht es doch darum, dass du lebendig und spannend erzählen kannst, dass du einen großen Wortschatz zur Verfügung hast. Okay … wenn dich wirklich ein schlechtes Gewissen plagt, dann schreibst du eben unter den Aufsatz, dass du ein klein wenig übertrieben hast.“

„Und wie kriege ich so viel Phantasie?“

„Die hast du längst in dir drin. Das Geheimnis ist, dass du dich in den Augenblick hineinversetzen musst. Schließ mal die Augen und denk ans Meer, an nichts anderes … was siehst du, was hörst und riechst du?“

„Es rauscht.“

„Gut, weiter!“

„Ich sehe Kinder, die Sandburgen bauen und es riecht salzig.“

„Na also, klappt doch. Wenn du eine Geschichte schreibst, musst du dich in sie hineinversetzen, sie erleben … entweder, indem du dich genau erinnerst, oder indem du

phantasierst, wie es sein könnte. Oh! So spät schon! Ich muss los, leb wohl Marie, bis

zum nächsten Mal.“

„Wann kommst du wieder,“ fragte sie noch, aber Trulle gab keine Antwort mehr.

Marie hatte vollstes Vertrauen in die Weisheit ihres Eulen-Männchens und befolgte seine Ratschläge. So war sie nicht allzu überrascht, als sie mühelos drei Seiten ihres Heftes füllte. Untendrunter schrieb sie: „Dies ist eine wahre Geschichte, die ich etwas ausgeschmückt habe“. Sie durfte ihren Aufsatz vor der Klasse vorlesen, was eine besondere Auszeichnung ist und niemand kam auf die Idee, sie für eine Lügnerin zu halten.

Eine Weile nach Lektion 1 bemerkte Thilo, wie Marie Trulle immer öfter erwartungsvoll anschaute, ohne jedoch ein Wort zu verlieren – es war offensichtlich, dass sie sich eisern an Regel Nr. 1 hielt, obwohl sie, das war ebenfalls offensichtlich, ein Anliegen hatte.

„Hi Marie!“

„Oh, hallo Trulle, bin ich froh, dass du wieder da bist.“

„Und? Wie lief es mit deinem Aufsatz?“

„Das glaubst du nicht,“ sprudelte sie hervor, „ich hab schon zwei geschrieben, drei und vier Seiten lang, und in beiden habe ich eine Eins bekommen!“

„Ich bin platt,“ sagte Trulle, „du hast meine Erwartungen weit übertroffen. Wie geht’s dir sonst? Täusche ich mich oder bist du ein klein wenig verstimmt?“

Marie sah überrascht auf. „Ach,“ druckste sie herum und verdrehte ihre Finger, „es ist nur, weil Bettina so eine blöde Zicke geworden ist.“

„Das sind harte Worte!“

„Ja, und ich kann sie überhaupt nicht mehr leiden.“

„Das wär schade, sie ist doch deine beste Freundin. Was macht sie denn so Schlimmes?“

„Sie ist dauernd frech zu mir. Sie sagt, meine Aufsätze wären gar nicht so toll und Barbie sähe albern aus in ihrem altmodischen rosa Abendkleid, und spielen will sie auch nicht mehr mit mir.“

„Warst du auch frech zu ihr?“

„Bis jetzt nicht, aber bald!“

„Dann frage ich mich, warum sie zickig geworden ist … wenn du ihr nichts getan hast, muss es einen anderen Grund geben.“

„Ach, sie ist nur neidisch.“

„Mhm, kann schon sein … vielleicht aber auch nicht. Ich meine, vielleicht sieht es nur so aus. Marie, Lektion Nummer 2: Gebrauche deinen Verstand.“

„Was meinst du damit?“

„Versuche, Bettina zu verstehen statt sie einfach zu verurteilen. Es ist möglich, dass sie diese Dinge nur tut oder sagt, weil sie selber Kummer und Sorgen hat. Hab Geduld und bleib freundlich, so gewinnst du ihr Vertrauen. Und bei Gelegenheit fragst du sie, was sie bedrückt. Wie die Zeit vergeht … mach’s gut, Marie, bis demnächst mal.“

Marie überlegte – versuchen konnte sie es ja. Also ließ sie sich nicht weiter ärgern durch Bettinas ruppiges Benehmen, sondern überhörte es einfach und blieb gleichbleibend freundlich. Eines Tages, als sie sich wieder unausstehlich benommen hatte, sah Marie sie nur traurig und fragend an. Da traten Bettina plötzlich Tränen in die Augen und sie fing leise an zu schluchzen. Marie, erschrocken über diesen unerwarteten Gefühlsausbruch, legte einen Arm um sie. „Warum weinst du denn?“

Bettina schüttelte ihren Kopf, nein, sie wollte nicht darüber sprechen, aber dann wurde der Druck in ihrem Innern übermächtig.

„Weil meine Eltern so böse miteinander streiten, schon lange … und jetzt wollen sie sich scheiden lassen … und sie haben gesagt, dass ich bei meiner Mutter bleiben werde und mein Vater wegzieht. Aber ich will meinen Vater auch haben. Und ich versteh auch nicht, warum sie dauernd zanken …“

Trulle hatte mal wieder Recht gehabt, soviel Kummer und Sorgen, da musste man doch schlechte Laune bekommen und zickig werden.

„Das ist wirklich schlimm,“ seufzte Marie, „ich glaube, für Erwachsene ist es schwer, sich zu vertragen. Aber wenn du bei deiner Mutter wohnst, bleibst du wenigstens hier in der Nähe, das ist doch schön, oder? Und dein Vater kommt dich bestimmt oft besuchen, oder du ihn. Komm, wir gucken Seifenblasen … willst du ein Eis?“

Bettina nickte, putzte sich die Nase und lächelte zaghaft – ihr war schon etwas leichter.