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LAGEZENTRUM ist Buch #3 der meistverkauften Luke Stone Thriller Serie, welche mit KOSTE ES, WAS ES WOLLE (Buch #1) einem kostenlosen Download mit über 60 Fünfsternebewertungen, beginnt! Ein Hackerangriff auf einen unbedeutenden Staudamm in den Vereinigten Staaten endet mit tausenden Toten und einer Regierung, die sich fragt, wer sie angegriffen hat und warum. Als sie realisiert, dass dies nur die Spitze des Eisbergs war – und dass die Sicherheit von ganz Amerika auf dem Spiel steht – hat die Präsidentin keine andere Wahl, als Luke Stone zu Hilfe zu rufen. Luke, Leiter eines aufgelösten, elitären FBI Spezialeinsatzkommandos, will den Job nicht annehmen. Aber mit neuen Feinden – sowohl ausländischen, als auch aus den eigenen Reihen – die von allen Seiten näher kommen, ist er der Einzige, dem die Präsidentin vertrauen kann. Was folgt, ist eine aktionsgeladene, internationale Berg- und Talfahrt, während der Luke herausfindet, dass die Terroristen noch raffinierter und weiter entwickelt sind, als irgendwer vermutet hätte und ihr Ziel noch viel weitreichender ist, als man sich vorstellen konnte – und dass ihm nur noch sehr wenig Zeit bleibt, um Amerika zu retten. Ein Polit-Thriller mit nonstop Aktion, dramatischen internationalen Schauplätzen, unerwarteten Wendungen und atemberaubender Spannung. LAGEZENTRUM ist Buch #3 in der Luke Stone Serie, einer explosiven neuen Serie, die Sie bis tief in die Nacht hinein an sich fesseln wird. Buch #4 der Luke Stone Serie ist ebenfalls bald erhältlich.
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LAGEZENTRUM
(EIN LUKE STONE THRILLER—BUCH 3)
Jack Mars
Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller-Reihe, welche sieben Bücher umfasst – mit weiteren in Arbeit. Außerdem ist er Autor der neuen WERDEGANG-Reihe, die die Vorgeschichte von Luke Stone erzählt, sowie der Spionage-Thriller Reihe AGENT NULL.
Jack würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie seine Webseite www.jackmarsauthor.com und registrieren Sie sich auf seiner E-Mail-Liste, erhalten Sie ein kostenloses Buch und gratis Kundengeschenke. Sie können ihn ebenfalls auf Facebook und Twitter finden und jederzeit mit ihm in Kontakt treten!
BÜCHER VON JACK MARS
LUKE STONE THRILLER SERIE
KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)
AMTSEID (Buch #2)
LAGEZENTRUM (Buch #3)
JEDEM GEGNER ENTGEGENTRETEN (Buch #4)
DER WERDEGANG VON LUKE STONE
PRIMÄRZIEL (Buch #1)
PRIMÄRKOMMANDO (Buch #2)
EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE
AGENT NULL (Buch #1)
ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)
JAGD AUF NULL (Buch #3)
EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)
AKTE NULL (Buch #5)
RÜCKRUF NULL (Buch #6)
ATTENTÄTER NULL (Buch #7)
KÖDER NULL (Buch #8)
INHALT
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
KAPITEL DREIUNDZWANZIG
KAPITEL VIERUNDZWANZIG
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
KAPITEL DREIßIG
KAPITEL EINUNDDREIßIG
KAPITEL ZWEIUNDDREIßIG
KAPITEL DREIUNDDREIßIG
KAPITEL VIERUNDDREIßIG
KAPITEL FÜNFUNDDREIßIG
KAPITEL SECHSUNDDREIßIG
KAPITEL SIEBENUNDDREIßIG
KAPITEL ACHTUNDDREIßIG
KAPITEL NEUNUNDDREIßIG
KAPITEL VIERZIG
KAPITEL EINUNDVIERZIG
KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
KAPITEL DREIUNDVIERZIG
KAPITEL VIERUNDVIERZIG
KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
KAPITEL SECHSUNDVIERZIG
15. August
07:07 Uhr
Black-Rock-Damm, Great Smoky Mountains, North Carolina
Der Damm stand dort, unveränderlich, gigantisch, die einzige Konstante in Wes Yardleys Leben. Die anderen, die dort arbeiteten, nannten ihn „Mutter“. Der Damm wurde 1943 auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges zur Erzeugung von Wasserkraft gebaut und war so hoch wie ein fünfzigstöckiges Gebäude. Das Kraftwerk, das den Damm betrieb, war sechs Stockwerke hoch, und hinter ihm ragte Mutter wie eine Festung aus einem mittelalterlichen Albtraum hervor.
Wes begann seine Schicht im Kontrollraum auf dieselbe Weise wie in den letzten dreiunddreißig Jahren: Er setzte sich an den langen halbrunden Schreibtisch, stellte seine Kaffeetasse mit einem Krachen ab und loggte sich in den Computer vor ihm ein. Das tat er automatisch, ohne nachzudenken, noch im Halbschlaf. Er war die einzige Person im Kontrollraum, ein Ort, der so veraltet war, dass er einem Set aus der alten Fernsehshow Space 1999 ähnelte. Er war zuletzt irgendwann in den 1960er Jahren umgebaut worden, und sah auch ganz danach aus, als hätte sich jemand aus diesem Jahrzehnt ausgemalt, wie die Zukunft wohl aussehen könnte. Die Wände waren mit Wählscheiben und Schaltern bedeckt, von denen viele schon seit Jahren nicht mehr berührt worden waren. Es gab dicke Videobildschirme, die niemand jemals eingeschaltet hatte. Fenster suchte man vergeblich.
Der frühe Morgen war normalerweise Wes' Lieblingsteil des Tages. Er hatte etwas Zeit für sich selbst, um seinen Kaffee zu trinken, das Protokoll vom Vorabend durchzugehen, die Zahlen der Stromerzeugung zu überprüfen und dann die Zeitung zu lesen. Oft genug goss er sich eine zweite Tasse Kaffee ein, nachdem er die Hälfte der Sportseiten hinter sich hatte. Er hatte keinen Grund, etwas anderes zu tun, schließlich war hier noch nie etwas passiert.
In den vergangenen Jahren hatte er sich im Rahmen seines Morgenrituals dazu entschlossen, die Jobanzeigen zu lesen. Siebzehn Jahre lang, seit Computer Einzug in den Kontrollraum gehalten hatten und dieser automatisiert wurde, hatten die Genies der Tennessee Valley Authority bereits darüber gesprochen, diesen Damm von einem entfernten Ort aus steuern zu lassen. Bislang war nichts daraus geworden, und so wie es aussah, würde es auch nie etwas werden. Auch Wes‘ Jobanzeigen waren erfolglos geblieben. Aber er war sowieso vollends zufrieden hier. Er hätte nichts dagegen, eines Tages in einem Sarg hier herausgetragen zu werden. Hoffentlich lag dieser Tag noch in ferner Zukunft. Er griff abwesend nach seiner Kaffeetasse, als er die Berichte vom Vorabend durchblätterte.
Dann sah er auf und alles veränderte sich.
Entlang der Wand gegenüber von ihm blinkten sechs rote Lichter. Es war so lange her, dass er eine Minute brauchte, um sich daran zu erinnern, was diese Lichter überhaupt bedeuteten. Jedes Licht war ein Indikator für eine der Schleusen. Vor elf Jahren, in einer Woche mit sintflutartigen Regenfällen im Norden, hatten sie eine der Schleusen für knapp drei Stunden täglich geöffnet, damit das Wasser, das sich angesammelt hatte, nicht die Wände durchbrach. Eines dieser Lichter hatte die ganze Zeit über geblinkt, während das Tor geöffnet war.
Aber sechs Lichter? Alle zur gleichen Zeit? Das konnte nur bedeuten...
Wes kniff seine Augen zusammen, als ob er die Lichter dadurch besser sehen könnte. „Was zum...?“, sagte er mit leiser Stimme.
Er nahm das Telefon auf dem Schreibtisch und wählte drei Ziffern.
„Wes“, sagte eine schläfrige Stimme. „Wie läuft dein Tag? Hast du das Spiel der Braves gestern Abend gesehen?“
„Vince?“, sagte Wes, ohne auf den Smalltalk einzugehen. „Ich bin gerade im Kontrollraum. Hier blinken Lichter, die mir sagen, dass Schleusen eins bis sechs offen sind. Jetzt gerade, alle sechs. Das ist ein technisches Problem, oder? Irgendein Messgerät oder ein Computerbug, stimmt’s?“
„Die Schleusen sind offen?“, fragte Vince. „Das kann nicht sein. Mir hat niemand was gesagt.“
Wes stand auf und ging langsam auf das Pult zu. Das Telefonkabel zog sich hinter ihm her. Er starrte ehrfürchtig auf die Lichter. Es gab keine Anzeige. Es gab keine Daten, die irgendetwas erklären würden. Nichts. Nur die Lichter, die unisono blinkten, mal schnell, mal langsam, wie ein verrückt gewordener Weihnachtsbaum.
„Nun, das ist es, was ich sehe. Sechs Lichter, alle blinken. Sag mir, dass die Tore nicht wirklich offen sind, Vince.“
Wes realisierte, dass er Vince gar nicht brauchte. Vince holte gerade aus, ihm zu antworten, aber Wes hörte schon nicht mehr zu. Er legte den Hörer auf und ging einen kurzen, schmalen Gang entlang zum Beobachtungsraum. Es fühlte sich an, als bewegten sich seine Beine von alleine.
Im Beobachtungsraum war die gesamte Südwand abgerundet und mit verstärktem Glas verkleidet. Normalerweise blickte er auf einen ruhigen Bach, der vom Gebäude wegfloss, einige hundert Meter weiter rechts abbog und dann im Wald verschwand.
Heute nicht.
An seiner Stelle befand sich ein reißender Strom.
Wes stand da, mit offenem Mund, erstarrt, betäubt, ein kaltes Kribbeln breitete sich in seinen Armen aus. Er konnte nicht fassen, was vor ihm geschah. Gischt sprühte 30 Meter in die Luft. Wes konnte den Wald überhaupt nicht sehen. Er hörte ein Geräusch, selbst durch das dicke Glas. Es war das Tosen des Wassers - mehr Wasser, als er sich vorstellen konnte.
Fast vierzig Millionen Liter Wasser pro Minute.
Dieses Geräusch sorgte mehr als alles andere dafür, dass sein Herz schneller schlug.
Wes rannte zurück zum Telefon. Er bemerkte selbst, wie atemlos er klingen musste.
„Vince, hör mir zu. Die Tore sind offen! Sie sind alle offen! Wir haben eine 10 Meter hohe und 60 Meter breite Mauer aus Wasser, die da durchkommt! Ich verstehe nicht, was zum Teufel da los ist. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber wir müssen sie wieder schließen. SOFORT! Kennst du den Code?“
Vince klang unheimlich ruhig; aber er hatte auch nicht gesehen, was Wes gerade gesehen hatte.
„Ich schaue mal nach“, sagte er.
Wes ging mit dem Hörer in der Hand zum Kontrollpult.
„Komm schon, Vince. Komm schon!“
„Ich mach ja schon“, sagte Vince.
Vince gab ihm eine 6-stellige Zahlenfolge durch, die er über die Tastatur eingab.
Er schaute auf die Lichter und erwartete, dass sie ausgehen würden; aber sie blinkten immer noch.
„Nichts. Bist du sicher, dass das der richtige Code ist?“
„So stehen sie hier. Hast du sie auch richtig eingegeben?“
„Ich habe sie eingegeben, genau wie du sie gesagt hast.“ Wes' Hände begannen zu zittern. Er versuchte, sich selbst zu beruhigen. Erstaunlicherweise klappte das sogar. Er fühlte sich plötzlich, als wäre er ganz weit weg. Er hatte einmal einen nächtlichen Autounfall auf einer verschneiten Bergstraße gehabt, und während sich das Auto um sich selbst drehte und gegen die Leitplanken prallte, hatte Wes sich in diesem Moment sehr ähnlich gefühlt. Es fühlte sich an, als würde er schlafen, als wäre alles nur ein Traum.
Er hatte keine Ahnung, wie lange diese Schleusen schon offen standen, aber sechs Tore auf einmal war eine Menge Wasser, das freigesetzt wurde. Viel zu viel Wasser. So viel Wasser würde das Flussufer überfluten. Es würde eine massive Überschwemmung flussabwärts verursachen. Wes dachte an den riesigen See über ihren Köpfen.
Dann dachte er an etwas anderes, an etwas, das er am liebsten verdrängen würde.
„Drück auf ‚Abbrechen‘ und versuch es nochmal“, sagte Vince.
„Vince, das Urlaubsresort 5 Kilometer flussabwärts von hier. Es ist August. Weißt du, was das heißt? Es ist Hauptsaison und sie haben keine Ahnung, was auf sie zukommt. Wir müssen diese Tore sofort schließen, oder wir müssen jemanden da unten anrufen. Sie müssen sofort evakuieren.“
„Drück auf ‚Abbrechen‘ und versuch es nochmal“, wiederholte Vince.
„Vince!“
„Wes, hast du gehört, was ich gerade gesagt habe? Wir kriegen die Tore zu. Wenn nicht, rufe ich in zwei Minuten das Resort an. Drück jetzt auf ‚Abbrechen‘ und versuch es nochmal.“
Wes tat, was ihm gesagt wurde. Er befürchtete aber, dass es bereits zu spät war.
*
Das Telefon an der Rezeption klingelte ununterbrochen.
Montgomery Jones saß in der Cafeteria des Black Rock Resorts und versuchte, sein Frühstück zu genießen. Es war das gleiche Frühstück, das sie jeden Tag servierten - Rührei, Würstchen, Pfannkuchen, Waffeln - alles, was das Herz begehrte. Heute saß er jedoch an einem Tisch nahe der Lobby, da es trotz der Uhrzeit so voll war. Um ihn herum befanden sich 100 weitere Frühaufsteher, die sämtliche Tische besetzt hatten und über das Essen herfielen. Und das Telefon trug dazu bei, Montys Morgen zu ruinieren.
Er drehte sich um und schaute in die Lobby. Es war ein rustikaler Ort, mit Holzverkleidung, einem Steinkamin und einer ramponierten Rezeption, in die hunderte von Menschen über die Jahre hinweg ihre Namen geritzt hatten. Sie war eine wilde Zusammenstellung aus Initialen, Herzen, längst vergessenen guten Wünschen und halbherzigen Strichmännchen.
Niemand war da, um das Telefon zu beantworten, und wer auch immer am anderen Ende der Leitung war, wollte einfach nicht aufgeben. Jedes Mal, wenn das Telefon aufhörte zu klingeln, dauerte es nur ein paar Sekunden, bis es erneut anfing. Offensichtlich legte der Anrufer also auf, sobald der Anrufbeantworter anging und versuchte es noch einmal. Monty war genervt. Da wollte jemand wohl unbedingt eine Last Minute Reservierung.
„Ruf später wieder an, du Idiot.“
Monty war 69 Jahre alt, und er kam schon seit mindestens 20 Jahren zum Black Rock, oft zwei oder drei Mal im Jahr. Er liebte es hier. Am meisten liebte er es, früh aufzustehen, ein schönes, warmes Frühstück zu genießen und mit seiner Harley Davidson die malerischen Bergstraßen entlangzufahren. Dieses Mal hatte er seine Freundin Lena dabei. Sie war fast dreißig Jahre jünger als er und schlief noch. Sie konnte lange schlafen, seine Lena. Was bedeutete, dass sie heute erst spät ausgehen würden. Aber das war okay. Lena war es wert. Lena war der Beweis für ihn, dass Erfolg sich auszahlte. Er stellte sie sich im Bett vor, ihre langen brünetten Haare auf den Kissen ausgebreitet.
Das Telefon hörte auf zu klingeln. Es vergingen höchstens fünf Sekunden, bevor es wieder anfing.
Das war's. Das reichte jetzt. Monty würde selbst an das verdammte Telefon gehen. Er stand auf und ging mit steifen Beinen zur Rezeption. Er zögerte kurz, bevor er abhob. Der Zeigefinger seiner rechten Hand zeichnete die Schnitzerei eines Herzens mit einem Pfeil in der Mitte nach. Natürlich kam er oft hierher. Aber es war ja nicht so, als würde er hier arbeiten. Er konnte doch nicht so einfach eine Reservierung annehmen oder Nachrichten weiterleiten. Er würde dem Anrufer einfach sagen, er solle es später noch einmal versuchen.
Er nahm den Hörer ab. „Hallo?“
„Hier spricht Vincent Moore von der Tennessee Valley Authority. Ich bin an der Kontrollstation des Black-Rock-Damms, fünf Kilometer nördlich von Ihnen. Dies ist ein Notfall. Wir haben ein Problem mit den Schleusen und bitten um sofortige Evakuierung Ihres Resorts. Ich wiederhole, evakuieren Sie sofort. Eine Flut kommt auf Sie zu.“
„Was?“, fragte Monty. Das musste ein Scherz sein. „Ich verstehe Sie nicht.“
In dem Moment kam in der Cafeteria Unruhe auf. Ein seltsames Stimmengewirr begann zuerst leise, wurde dann jedoch lauter und lauter. Plötzlich fing eine Frau an zu schreien.
Der Mann am Telefon wiederholte sich. „Hier spricht Vincent Moore von der Tennessee Valley...“
Jemand anderes schrie, dieses Mal war es eine Männerstimme.
Monty hielt sich das Telefon ans Ohr, aber er hörte nicht mehr zu. In der Cafeteria standen Leute von ihren Sitzen auf. Einige bewegten sich auf die Türen zu. Dann, mit einem Mal, brach Panik aus.
Menschen rannten, schubsten sich, fielen übereinander. Monty sah gelähmt zu. Eine Menschenmenge kam auf ihn zu, mit großen Augen und offenen Mündern, denen die Angst und der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand.
Als Monty durch das Fenster schaute, fegte gerade eine ein bis zwei Meter hohe Wasserwand über das Gelände. Ein Wartungstechniker, der in einem Golfwagen auf einem kleinen Hügel am Haupthaus vorbeifuhr, wurde mit voller Wucht erwischt. Der Wagen kippte um, warf den Mann ins Wasser und landete auf ihm. Der Wagen verfing sich für einen Moment, dann rutschte er auf der Seite den Hügel hinunter, wurde vom Wasser mitgerissen und nahm an Geschwindigkeit zu.
Er rutschte direkt auf die Fenster der Cafeteria zu.
RUMMS!
Der Wagen knallte seitlich gegen das Fenster und zerberstete sie - und ein Wasserstrom folgte ihm.
Er ergoss sich durch das zerschlagene Fenster in die Cafeteria. Der Golfwagen brach hindurch und rutschte durch den Raum. Ein Mann versuchte ihn aufzuhalten, ging jedoch sofort unter und kam nicht wieder hoch.
Überall fielen Menschen in das rasch steigende Wasser, unfähig sich auf den Beinen zu halten. Tische und Stühle rutschten quer durch den Raum und türmten sich an der Wand auf.
Monty eilte hinter die Rezeption. Er blickte auf seine Füße hinunter. Das Wasser stand ihm schon bis zu den Waden. Plötzlich stürzte das gesamte 10 Meter hohe Fenster der Cafeteria ein und die scharfen Glasscherben verteilten sich im gesamten Raum.
Es klang wie eine Explosion.
07:35 Uhr
Marine-Observatorium - Washington, DC
Für Susan Hopkins, erste weibliche Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika, könnte das Leben nicht besser sein. Es war Sommer, also waren Michaela und Lauren nicht in der Schule. Pierre hatte sie hierher gebracht, als sich die Dinge beruhigt hatten, und schließlich war die gesamte Familie in das Neue Weiße Haus eingezogen. Michaela hatte sich von ihrer Entführung erholt, als wäre es ein verrücktes Abenteuer gewesen, das sie sich selbst ausgesucht hatte. Sie hatte sogar eine Runde Talkshows über sich ergehen lassen und zusammen mit Lauren einen Artikel für ein nationales Magazin verfasst.
Susan und Pierre hatten sich besonders Mühe gemacht, sodass Lauren sich nicht ausgeschlossen fühlte. Nach dem ersten TV-Interview bestanden sie darauf, dass die Mädchen die Shows nur noch zusammen machten. Das war auch ganz richtig so – während Michaela in einem fünfzigstöckigem Gebäude voller Terroristen gefangen gewesen war, war Lauren alleine zu Hause geblieben, ganz ohne ihre Zwillingsschwester und beste Freundin.
Manchmal stockte Susan bei dem Gedanken, dass sie fast ihre Tochter verloren hatte, der Atem. Sie wachte ab und zu mitten in der Nacht auf und schnappte nach Luft, als ob ein Dämon auf ihrer Brust säße.
Sie hatte Luke Stone dafür zu danken, dass Michaela heil wieder zurückgekehrt war. Luke Stone hatte sie gerettet. Er und sein Team hatten jeden einzelnen der Kidnapper getötet. Er war ein Mann, den man nur schwer durchschauen konnte. Skrupelloser Killer auf der einen Seite, liebender Vater auf der anderen. Susan war überzeugt, dass er auf dieses Dach gegangen war, nicht weil es sein Job war, sondern weil er seinen eigenen Sohn so sehr liebte, dass er den Gedanken nicht ertragen konnte, dass Susan ihre Tochter verlieren könnte.
In zehn Tagen würde die ganze Familie nach Kalifornien zurückkehren, um sich auf das neue Schuljahr vorzubereiten – nur Susan würde zurückbleiben. Sie würde sie wieder verlieren, aber es war nur ein vorübergehender Verlust, und im Moment war es toll, sie hier zu haben. So großartig, dass sie fast Angst hatte, sich zu sehr daran zu gewöhnen.
„Worüber denkst du nach?“, fragte Pierre.
Sie lagen auf dem großen Bett im Schlafzimmer. Durch die nach Südosten gerichteten Fenster strömte das Morgenlicht herein. Susan lag mit dem Kopf auf seiner nackten Brust und hatte ihren Arm um seine Taille geschlungen. Was machte es schon, dass er schwul war? Er war ihr Mann und der Vater ihrer beiden Töchter. Sie liebte ihn. Sie hatten so viel miteinander erlebt. Jetzt, Sonntagmorgen, war ihre Lieblingszeit.
Ihre Mädchen waren beide Langschläfer. Sie würden bis zum Mittag im Bett bleiben, wenn Pierre und Susan sie schlafen lassen würden. Wenn die Pflicht nicht rufen würde, würde Susan auch am liebsten weiterschlafen. Aber Präsidentin der Vereinigten Staaten zu sein war ein Job, der sieben Tage die Woche vollsten Einsatz von ihr verlangte. Sie hatte nur die wenigen faulen Momente am Sonntagmorgen für sich.
„Ich denke daran, wie glücklich ich bin“, sagte sie. „Zum ersten Mal seit dem sechsten Juni bin ich glücklich. Es ist so schön, euch hier zu haben. Genau wie in alten Zeiten. Und ich habe das Gefühl, nach allem, was passiert ist, gewöhne ich mich endlich an den Gedanken, Präsidentin zu sein. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dazu in der Lage wäre, aber ich habe es geschafft.“
„Du bist härter geworden“, sagte Pierre. „Gemeiner.“
„Ist es so schlimm?“, fragte sie.
Er schüttelte den Kopf. „Nein, gar nicht. Du bist erwachsener geworden. Als Vizepräsidentin hast du noch ganz anders gewirkt.“
Susan nickte. „Ich war schon ziemlich mädchenhaft.“
„Oh ja“, sagte er. „Weißt du noch, wie Mademoiselle dich in einer orangefarbenen Yogahose joggen gehen gelassen hat? Ziemlich sexy. Aber du warst Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. Das war ein wenig... sagen wir mal informell.“
„Es hat Spaß gemacht, Vizepräsidentin zu sein. Ich habe es wirklich geliebt.“
Er nickte und lachte. „Ich weiß. Ich hab's gesehen.“
„Aber dann hat sich alles verändert.“
„Ja.“
„Und wir können nicht mehr zurück“, sagte sie.
Er sah zu ihr herunter. „Würdest du das denn wollen?“
Sie dachte darüber nach, aber nur für einen Moment. „Wenn all die Menschen noch am Leben wären, die ihr Leben am Mount Weather verloren haben, würde ich Thomas Hayes sofort seinen Job zurückgeben. Aber so nicht. Ich habe noch ein paar Jahre, bevor ich mich entscheiden muss, ob ich noch einmal antreten möchte. Ich habe das Gefühl, dass mich die Leute so langsam unterstützen und mit einer zweiten Amtszeit könnten wir einige großartige Dinge erreichen.“
Er hob die Augenbrauen. „Eine zweite Amtszeit?“
Sie lachte. „Das können wir wann anders besprechen.“
In dem Moment klingelte das Telefon. Susan griff danach und hoffte, es sei nichts Wichtiges.
Leider waren Anrufe für sie immer wichtig.
Es war ihre neue Stabschefin, Kat Lopez. Susan erkannte ihre Stimme sofort. Und vom ersten Moment an gefiel ihr ihr Tonfall nicht.
„Susan?“
„Hi, Kat. Du weißt, dass es Sonntag ist und nicht mal acht Uhr, oder? Sogar Gott hat einen Tag geruht. Du darfst das auch.“
Kats Tonfall war ernst. Kat war eigentlich immer ernst. Als Frau mit spanischen Wurzeln und aus armen Verhältnissen hatte sie sich nach oben gekämpft. Sie hatte sich ihre Position nicht durch bloßes Lächeln erarbeitet, auch wenn Susan das bedauerte. Kat war äußerst kompetent, aber sie war auch sehr schön. Es würde ihr nicht schaden, wenn sie ab und zu lächeln würde.
„Susan, ein großer Damm in einer abgelegenen Gegend im äußersten Westen von North Carolina ist gebrochen. Unsere Analysten sagen, es könnte ein Terroranschlag gewesen sein.“
Susan fühlte ein vertrautes Stechen in ihrer Magengegend. Das war eine Sache an ihrer Arbeit, an die sie sich nie gewöhnen würde. Ein Gefühl, das sie ihrem schlimmsten Feind nicht wünschen würde.
„Opfer?“, fragte sie.
Sie sah den Blick in Pierres Augen. So war es nun mal. Eben noch hatten sie über eine weitere Amtszeit gewitzelt.
„Ja“, sagte Kat.
„Wie viele?“
„Das wissen wir noch nicht. Möglicherweise Hunderte.“
Susan fühlte, wie ihr die Luft entwich, als wäre sie ein Reifen, der gerade aufgeschlitzt worden war.
„Susan, eine Gruppe versammelt sich gerade im Lagezentrum.“
Susan nickte. „Ich bin in einer Viertelstunde unten.“
Sie legte auf. Pierre starrte sie an.
„Ist es schlimm?“, fragte er.
„Es ist doch immer schlimm.“
„Okay“, sagte er. „Mach dein Ding. Ich kümmere mich um die Mädchen.“
10:23 Uhr
Perpendicular Trail, Southwest Harbor, Acadia National Park, Maine
„Wie geht es dir, Monster?“
„Gut, Dad.“
Luke Stone und sein Sohn, Gunner, bewegten sich langsam die steilen, rauen Stufen des Weges hinauf. Es war ein feuchter Morgen. Schon um diese Uhrzeit war es heiß und es würde noch viel heißer werden. Sie gingen langsam den Berg hinauf, und Luke sorgte dafür, dass sie für häufige Verschnauf- und Trinkpausen anhielten; er war sich bewusst, dass Gunner erst zehn Jahre alt war.
Sie bewegten sich immer höher und höher durch das riesige Geröllfeld. Massiven Steine waren am Berghang aufgeschichtet worden, um eine gewundene, riesige Treppe zu schaffen, als wäre ein nordischer Donnergott vom Himmel herabgekommen und hätte sie mit seinen eigenen Händen gemeißelt. Luke wusste natürlich, dass die Steine von arbeitslosen jungen Männern gelegt worden waren, die das Civilian Conservation Corps etwa achtzig Jahre zuvor in den Tiefen der Großen Depression aus den Städten der Ostküste aufgelesen hatte.
Etwas weiter oben stießen sie auf einige eiserne Sprossen, die in die Steinwand geschraubt waren. Sie kletterten die Leiter hoch und schlängelten sich dann eine eingeritzte Felswand hinauf. Bald flachte der Weg ab und sie wanderten durch dichten Wald, bevor sie einen letzten Aufstieg zum Gipfelausblick machten. Sie kletterten auf die Felsen hinaus.
Direkt vor ihnen war ein steiler Abhang. Es waren bestimmt fünfzig Stockwerke hinunter bis zu einem großen See, wo sie geparkt hatten. Weiter draußen bot der Platz einen herrlichen Blick auf den Atlantischen Ozean, der vielleicht acht Kilometer entfernt lag.
„Was meinst du, Monster?“
Gunner war verschwitzt von der Hitze des Tages. Er setzte sich auf einen Felsen, öffnete seinen Rucksack und zog eine Wasserflasche heraus. Sein schwarzes Dawn of the Dead T-Shirt war schweißgetränkt. Sein blondes Haar war verfilzt. Er nahm einen Schluck aus der Flasche und reichte sie Luke. Er war ein selbstbewusstes Kind.
„Es ist fantastisch, Dad. Es gefällt mir wirklich.“
„Ich möchte dir etwas geben“, sagte Luke. „Ich dachte mir ich warte damit, bis wir hier oben sind. Ich weiß auch nicht, warum. Ich dachte, das wäre eine gute Gelegenheit.“
Gunner sah leicht beunruhigt aus. Er mochte es, Geschenke zu bekommen, aber im Allgemeinen bevorzugte er welche, die er sich auch gewünscht hatte.
Luke nahm das Gerät aus seiner Tasche. Es war nur ein kleines Stück schwarzes Plastik, ungefähr die Größe eines Schlüsselanhängers. Es sah nicht besonders aus, wie die Fernbedienung für ein automatisches Garagentor.
„Was ist das?“, fragte Gunner.
„Ein GPS-Gerät. GPS heißt ‚Globales Positionsbestimmungssystem.‘“ Luke zeigte auf den Himmel. „Da oben im All gibt es diese Dinger, die heißen Satelliten...“
Gunner lächelte halbherzig. Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß, was GPS ist, Dad. Mom hat eins in ihrem Auto. Das ist auch gut so. Sonst würde sie sich an jeder Ecke verfahren. Warum gibst du mir sowas?“
„Siehst du den Clip, der hinten dran ist? Ich möchte, dass du ihn an deinem Rucksack befestigst und überallhin mitnimmst. Ich habe eine App auf meinem Handy, die darauf eingestellt ist, dieses Gerät zu verfolgen. So weiß ich immer, wo du bist, auch wenn wir getrennt sind.“
„Machst du dir Sorgen um mich?“
Luke schüttelte den Kopf. „Nein. Ich mache mir keine Sorgen. Ich weiß, dass du auf dich selbst aufpassen kannst. Wir sehen uns in letzter Zeit nur selten und wenn ich auf meinem Handy sehen kann, wo du bist, ist es fast so, als wäre ich bei dir.“
„Aber ich kann nicht sehen, wo du bist“, sagte Gunner. „Ist das nicht ein bisschen unfair?“
Luke griff in seine Tasche und holte ein weiteres GPS-Gerät heraus, dieses in leuchtendem Blau. „Siehst du das? Ich werde es an meinen Schlüsselbund hängen. Wenn wir zurück im Hotel sind, lade ich die App auf dein Handy, dann weißt du auch immer, wo ich bin.“
Gunner lächelte. „Die Idee gefällt mir, Dad. Aber du weißt, dass wir uns einfach schreiben könnten? Weißt du überhaupt, wie das geht? Ich weiß, dass viele Leute in deinem Alter keine Ahnung von Handys haben.“
Jetzt lächelte Luke. „Ja, keine Sorge. Wir können auch beides tun.“
Für Luke war es ein zwiespältiges Gefühl, mit Gunner hier oben zu sein. Luke war ohne Vater aufgewachsen, und jetzt musste Gunner dasselbe durchmachen. Die Scheidung mit Becca war noch nicht abgeschlossen, aber das Ende war in Sicht. Luke hatte seit zwei Monaten nicht mehr für die Regierung gearbeitet, aber Becca war unnachgiebig gewesen: Sie zog es trotzdem durch.
In der Zwischenzeit hatte Luke zwei Wochenenden im Monat mit Gunner. Er tat alles, was in seiner Macht stand, um sicherzustellen, dass diese Wochenenden voller Spaß und Abenteuer waren. Er tat auch alles, was er konnte, um Gunners Fragen unparteiisch, aber optimistisch zu beantworten. Fragen wie diese:
„Glaubst du, wir können so etwas eines Tages mit Mom machen?“
Luke starrte aufs Meer hinaus. Bei solchen Fragen würde er am liebsten die Klippe, die vor ihnen lag, herunterspringen. „Ich hoffe es.“
Gunner wurde selbst bei diesem kleinen Zugeständnis hellhörig. „Wann?“
„Nun, du musst verstehen, dass deine Mutter und ich gerade eine kleine Meinungsverschiedenheit haben.“
„Ich verstehe das nicht“, sagte Gunner. „Ihr liebt euch doch, oder? Und du hast versprochen, deinen Job zu kündigen, richtig? Du hast doch gekündigt?“
Luke nickte. „Ich habe gekündigt.“
„Siehst du. Aber Mom glaubt dir nicht.“
„Ich weiß.“
„Kannst du sie nicht irgendwie überzeugen?“
Luke hatte auf jeden Fall gekündigt. Er hatte nicht nur seine Kündigung eingereicht, sondern war anschließend komplett untergetaucht. Susan Hopkins hatte versprochen, ihn in Ruhe zu lassen, und sie hatte ihr Versprechen auch gehalten. Er hatte sogar keinen Kontakt mehr zu seiner alten Gruppe im Special Response Team.
Er genoss seine Auszeit tatsächlich. Er war zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Er hatte eine Hütte im Adirondack-Gebirge gemietet und zwei Wochen lang fast ausschließlich mit Bogenjagd und Angeln verbracht. Er badete jeden Morgen im See, der hinter seiner Hütte lag. Er ließ sich einen Bart wachsen.
Danach verbrachte er zehn Tage in der Karibik, segelte allein durch St. Vincent und die Grenadinen, schnorchelte mit Meeresschildkröten, Riesenrochen und Riffhaien und besichtigte Schiffswracks, die mehr als hundert Jahre alt waren.
Am Ende jeder kleinen Reise nahm er sich Zeit, um nach Washington, DC zurückzukehren und Gunner für das nächste Vater-Sohn-Abenteuer abzuholen. Luke musste zugeben, dass ihm der Ruhestand gefiel. In einem Jahr, wenn ihm das Geld ausgehen würde, würde es nicht mehr so angenehm sein, aber im Moment war er vollends zufrieden.
„Werdet ihr euch wirklich trennen?“
Luke bemerkte das Zittern in Gunners Stimme, als er diese Frage stellte. Das konnte er nur zu gut verstehen. Gunner hatte Angst. Luke setzte sich mit ihm auf die Felsen.
„Gunner, ich liebe dich und deine Mutter sehr. Die Situation ist kompliziert, und wir arbeiten daran, so gut wir können.“
Das stimmte nicht unbedingt. Becca war kalt zu Luke. Sie wollte die Scheidung. Sie wollte das volle Sorgerecht für Gunner. Sie dachte, Luke sei eine Gefahr für Gunner und sie. Sie hatte praktisch damit gedroht, eine einstweilige Verfügung gegen ihn zu erwirken. Sie war unvernünftig, und sie und ihre Familie hatten reichlich Geld. Sie konnte einen langen und erbitterten Sorgerechtsstreit bezahlen, wenn es sein musste.
„Willst du mit ihr zusammen sein?“
„Ja, das will ich. Natürlich will ich das.“ Das war die erste Lüge, die Luke Gunner in diesem Gespräch erzählt hatte. Die Wahrheit war kompliziert. Am Anfang hatte er sie noch zurückgewollt. Aber während die Zeit verging und Beccas Position sich verhärtet hatte, wurde er immer unsicherer.
„Warum kommst du dann nicht einfach nach Hause und sagst es ihr? Warum schickst du ihr keine Blumen, bis sie dir vergibt?“
Das war eine gute Frage. Eine Frage, die keine einfache Antwort hatte.
In Lukes Rucksack fing ein Telefon an zu klingeln. Wahrscheinlich war es Becca, die mit Gunner sprechen wollte. Luke griff in den Rucksack, um das Satellitentelefon zu holen, das er immer bei sich trug. Es war für ihn das einzige akzeptable Mittel, um erreichbar zu bleiben. Becca konnte ihn so immer kontaktieren. Aber sie war nicht die Einzige. Es gab noch eine weitere Person, die Zugang zu dieser Nummer hatte.
Er blickte auf das Display. Es war eine Nummer, die er nicht kannte, mit 202er-Vorwahl. Washington, DC.
Sein Herz stockte.
Es war nicht Becca.
„Ist es Mom?“, fragte Gunner.
„Nein.“
„Ist es die Präsidentin?“
Luke nickte. „Ich denke schon.“
„Solltest du dann nicht besser rangehen?“, fragte Gunner.
„Ich arbeite nicht mehr für sie“, sagte Luke. „Weißt du noch?“
Heute Morgen, bevor sie zu dieser Wanderung aufgebrochen waren, hatten sie im Fernsehen Nachrichten über den Dammbruch in North Carolina gesehen. Mehr als hundert bestätigte Tote, hunderte weitere wurden vermisst. Ein ganzes Bergresort wurde vom Wasser weggespült. Die Städte flussabwärts wurden so schnell wie möglich evakuiert und mit Sandsäcken geschützt, aber es gab wahrscheinlich noch mehr Tote.
Das Unglaubliche daran war, dass ein im Jahre 1943 erbauter Damm nach mehr als siebzig Jahren nahezu perfekter Arbeit plötzlich eine Fehlfunktion erleiden würde. Für Luke roch das nach Sabotage. Aber er konnte sich nicht vorstellen, wer es in einer so abgelegenen Gegend auf einen Damm abgesehen haben könnte. Wer würde überhaupt wissen, dass dort ein Damm existierte? Wenn es Sabotage war, dann war es wahrscheinlich ein örtliches Problem, eine Gruppe von militanten Umweltschützern, oder vielleicht sogar ein verärgerter ehemaliger Angestellter, der eine Nummer abgezogen hatte, die schrecklich schief gegangen war und tragische Konsequenzen nach sich trug. Die Staatspolizei oder die FBI-Abteilung für North Carolina würden die Täter wahrscheinlich bereits am Ende des Tages geschnappt haben.
Aber nun klingelte sein Telefon. Also steckte vielleicht doch mehr dahinter.
„Dad, es ist okay. Ich will nicht, dass du deinen Job kündigst, auch wenn Mom anderer Meinung ist.“
„Ist das so? Und wenn ich aufhören will? Darf ich da nicht mitreden?“
Gunner schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich meine, eine Menge Leute sind bei diesem Unfall gestorben, oder? Was, wenn ich dabei gewesen wäre? Was, wenn Mom und ich unter den Opfern gewesen wären? Würdest du nicht wollen, dass jemand herausfindet, was passiert ist?“
Das Telefon klingelte immer weiter. Als die Mailbox sich einschaltete, hörte das Telefon für einige Sekunden auf zu klingeln, ging aber sofort wieder los. Wer auch immer es war, wollte mit Luke sprechen und keine Nachricht hinterlassen.
Luke dachte an Gunners Worte und drückte den grünen Knopf am Telefon. „Stone.“
„Die Präsidentin der Vereinigten Staaten“, sagte eine Männerstimme.
Es gab einen Moment der Stille, dann erklang ihre Stimme in der Leitung. Sie klang härter als zuvor, etwas älter. Die Ereignisse der letzten Monate würden jeden altern lassen.
„Luke?“
„Hi, Susan.“
"Luke, du musst sofort herkommen.“
„Geht es um den Damm?“
„Ja.“
„Susan, ich bin im Ruhestand, erinnerst du dich?“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Luke, der Damm wurde gehackt. Hunderte von Menschen sind tot, und alle Zeichen deuten auf die Chinesen hin. Wir stehen am Rande des Dritten Weltkriegs.“
Luke wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte.
„Wann wirst du hier sein?“, fragte sie.
18:15 Uhr
Marine-Observatorium - Washington, DC
Luke saß auf dem Rücksitz eines schwarzen SUV, als dieser vor der weiß-gegiebelten Residenz aus den 1850er Jahren zum Stillstand kam. Diese Villa war jahrelang die offizielle Unterkunft des Vizepräsidenten gewesen. Da das Weiße Haus zwei Monate zuvor zerstört worden war, diente dieser Ort nun als das Neue Weiße Haus, was passend war, da die Präsidentin fünf Jahre lang hier gelebt hatte, bevor sie ihre neue Rolle übernommen hatte.
In den zwei Monaten, die Luke weg gewesen war, hatte er fast nie über diesen Ort oder die Menschen, die sich hier befanden, nachgedacht. Das Satellitentelefon hatte er auf Wunsch der Präsidentin bei sich, aber die ersten Wochen hatte er ständig in Angst gelebt, tatsächlich einen Anruf zu erhalten. Nach und nach hatte er jedoch fast vergessen, dass er das Telefon überhaupt hatte.
Eine junge Frau kam ihm auf dem Gehweg vor dem Haus entgegen. Sie war brünett, groß und äußerst hübsch. Sie trug einen schlichten schwarzen Rock und eine schwarze Jacke. Ihre Haare waren nach hinten gebunden. In ihrer linken Hand trug sie einen Tablet-Computer. Die andere Hand streckte sie Luke entgegen. Ihr Händedruck war fest und gänzlich geschäftlich.
„Agent Stone? Ich bin Kathryn Lopez, Susans Stabschefin.“
Luke war etwas verblüfft. „Werden Stabschefs heutzutage direkt von der Highscool rekrutiert?“
„Sehr nett von Ihnen“, sagte sie beiläufig. Er wusste, dass sie das ständig zu hören bekommen musste, und die meisten meinten es wahrscheinlich nicht freundlich, so wie er. „Ich bin siebenunddreißig Jahre alt. Ich bin seit dreizehn Jahren in Washington, seit ich meinen Masterabschluss habe. Ich habe für einen Abgeordneten, zwei Senatoren und den ehemaligen Direktor für Gesundheit und Soziales gearbeitet. Ich kenne mich also ein wenig hier aus.“
„Okay“, sagte Luke. „Dann bin ich ja in guten Händen.“
Sie traten durch die Vordertür. Im Inneren standen sie einem Kontrollpunkt mit drei bewaffneten Wachen und einem Metalldetektor gegenüber. Luke nahm seine Glock aus seinem Schulterholster und legte sie auf das Förderband. Er griff nach unten und schnallte die kleine Taschenpistole und das Jagdmesser, das an seine Waden geklebt war, ab und legte diese ebenfalls auf. Zum Schluss nahm er seine Schlüssel aus der Tasche und ließ sie zusammen mit den Waffen auf das Band fallen.
„Entschuldigung“, sagte er. „Ich kann mich nicht erinnern, dass es hier eine Sicherheitskontrolle gab.“
„Gab es auch nicht“, sagte Kat Lopez. „Sie ist erst seit ein paar Wochen hier. Es kommen immer mehr Leute her und wir mussten die Sicherheitsvorkehrungen formalisieren.“
Luke erinnerte sich an die Vorfälle. Als die Angriffe anfingen und Thomas Hayes starb, musste Susan plötzlich das Präsidentsamt übernehmen. Das Weiße Haus war größtenteils zerstört worden und alles – alle Vorkehrungen, die gesamte Logistik – war in dieser Zeit mehr schlecht als recht hastig neu errichtet worden. Es war eine verrückte Zeit gewesen. Er war froh, dass er seitdem frei gehabt hatte. Er bewunderte Susan ein wenig dafür, dass sie die ganze Zeit über selbst vor Ort gewesen war.
Nachdem die Wachen Luke abgetastet und mit einem Metalldetektor überprüft hatten, gingen er und die Stabschefin weiter.
Es war viel los hier. Das Foyer war überfüllt mit Menschen in Anzügen, Militäruniformen, hochgekrempelten Ärmeln, Menschen, die schnell durch die Gänge eilten und hinter denen sich eine Schar an Helfern herzog. Eines fiel sofort auf – es waren viel mehr Frauen hier als vorher.
„Was ist mit Ihrem Vorgänger passiert?“, fragte Luke. „Der vorherige Stabschef. Richard...“
Kat Lopez nickte. „Richard Monk. Nun, nach dem Ebola-Vorfall waren er und Susan sich einig, dass es ein guter Zeitpunkt für ihn war, weiterzuziehen. Aber obwohl er hier raus ist, ist er auf seinen Füßen gelandet. Er arbeitet als Stabschef für den neuen US-Repräsentanten aus Delaware, Paul Chipman.“
Luke wusste, dass es neue Repräsentanten und Senatoren aus neununddreißig Staaten gab, um diejenigen zu ersetzen, die beim Angriff am Mount Weather gestorben waren. Unzählige Leute waren aus den unteren Ligen plötzlich aufgestiegen oder sind aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Mehr als nur ein paar von ihnen waren von Gouverneuren ernannt worden, die fragwürdige Motive oder Gefallen zu erfüllen hatten. Wenn man genau hinsah, konnte man das Schmiergeld an jeder Ecke riechen.
Er lächelte. „Richard arbeitet nicht mehr für die Präsidentin, sondern für den Vertreter des zweitkleinsten Bundesstaates Amerikas? Und das nennen Sie auf den Füßen landen? Klingt für mich, als wäre er auf dem Kopf gelandet.“
„Kein Kommentar“, sagte Kat und lächelte fast. Es war die menschlichste Geste, die er bis jetzt von ihr gesehen hatte. Sie führte ihn durch die Menschenmenge zu einer Doppeltür am Ende der Halle. Luke kannte sich bereits aus. Als Susan Vizepräsidentin gewesen war, war der große, sonnige Raum ihr Konferenzraum gewesen. In den Tagen, nachdem sie ihren Amtseid abgelegt hatte, hatte er sich jedoch schnell in ein notdürftiges Lagezentrum verwandelt.
Nun sah er bereits voll ausgestattet aus. Fertigwände durchzogen den Raum und verdeckten die alten Fenster. Riesige Flachbildschirme waren überall im Abstand von 1,5 Metern montiert. Ein größerer Eichen-Konferenztisch war aufgestellt worden und an der Wand hinter ihm befand sich das Siegel des Präsidenten. Es waren etwa zwei Dutzend Leute hier, als Luke und Kat hereinkamen, ein Dutzend am Konferenztisch und weitere in Stühlen, die die Wände säumten.
Auch hier war der Geschlechter-Wechsel offensichtlich. Luke erinnerte sich, wie er vor zwei Monaten hier gesessen und über die gestohlene Ebola-Probe informiert worden war. Von den dreißig Leuten in dem Raum zu dieser Zeit war Susan die einzige Frau gewesen. Neunundzwanzig große, kräftige Männer und eine kleine Frau.
Heute machten Frauen ungefähr die Hälfte aller Anwesenden aus.
Susan erhob sich, als Luke hereinkam. Auch sie hatte sich verändert. Härter, so wie es aussah. Ein wenig dünner als vorher. In ihrer Jugend war sie Model, doch der Babyspeck auf ihren Wangen hatte sich bis ins mittlere Alter gehalten. Der war jetzt jedoch weg, und sie schien fast über Nacht Krähenfüße um die Augen entwickelt zu haben. Die hellen Augen selbst schienen fokussierter zu sein, wie Laserstrahlen. Sie war ihr gesamtes Leben die schönste Frau im Raum gewesen – nach ihrer Präsidentschaft würde das jedoch vielleicht nicht mehr der Fall sein.
„Agent Stone“, sagte sie. „Ich bin froh, dass Sie sich uns anschließen konnten.“
Er lächelte. „Frau Präsidentin. Ich bitte Sie. Nennen Sie mich Luke.“
Sie erwiderte das Lächeln nicht. „Danke, dass Sie gekommen sind.“
An einem der großen Bildschirme stand Kurt Kimball, Susans nationaler Sicherheitsberater. Luke hatte ihn schon einmal getroffen. Er war groß und hatte breite Schultern. Sein Kopf war völlig kahl.
Kimball bot ihm einen Handschlag an. Wenn Kat Lopez' Handschlag fest war, dann war Kurt Kimballs aus Granit. „Luke, schön, Sie zu sehen.“
„Kurt, ebenfalls.“
Die Stimmung war angespannt. Diese Leute hatten die letzten zwei Monate nicht mit Campen und Segeln verbracht. Trotzdem, Luke war von jetzt auf gleich von Maine hergeflogen und hatte seinen Sohn bei seiner wütenden bald Ex-Frau abgesetzt, die all dies nur als Bestätigung sah, warum sie sich von ihm scheiden ließ. Er hatte einen etwas freundlicheren Empfang erwartet.
Er entschied sich, nicht weiter darauf einzugehen. Hunderte von Menschen waren heute Morgen gestorben und die Menschen in diesem Raum vermuteten einen Terroranschlag.
„Sollen wir zur Sache kommen?“, fragte er.
„Bitte setzen Sie sich“, sagte Kimball.
Ein Sitzplatz an Susans rechter Flanke wurde wie durch ein Wunder frei und Luke nahm ihn dankend an.
Auf dem Bildschirm erschien das Foto eines großen Dammes. Groß war nicht ganz das richtige Wort. Massiv war der bessere Ausdruck. Ein sechsstöckiges Gebäude stand vor dem Damm. Es handelte sich um das Kontrollzentrum. Sechs teilweise offene Schleusen waren deutlich zu sehen. Das Gebäude wurde durch den dahinter aufragenden Damm in den Schatten gestellt. Entlang der Kante befand sich ein Wasserkraftwerk mit einer Reihe von Transformatoren.
„Luke, das ist der Black-Rock-Damm“, sagte Kurt Kimball. „Er ist ungefähr fünfzig Stockwerke hoch und staut den Black Rock See, der 25 Kilometer lang und 120 Meter tief ist und etwa 280 Milliarden Liter Wasser enthält. Wie Sie wahrscheinlich in den Nachrichten gesehen haben, öffneten sich die sechs Schleusen, die Sie hier sehen, heute Morgen kurz nach sieben Uhr vollständig und blieben dreieinhalb Stunden lang offen, bis die Techniker sie vom Computersystem abkoppeln und schließlich manuell schließen konnten.“
Kimball benutzte einen Laserpointer, um auf die Schleusen zu zeigen.
„Wenn Sie die Schleusen im Verhältnis zum Gebäude betrachten, sehen Sie, dass sie ziemlich groß sind. Jede von ihnen ist zehn Meter hoch, was bedeutet, dass sechs dreistöckige Wasserstrahlen auf einmal ausgestoßen wurden. Der Wasserdruck des Black Rock Lake schickte die Flut mit etwa dreißig Kilometern pro Stunde stromabwärts, was sich erstmal nicht so schnell anhört, bis man selbst davorsteht. Bis heute Morgen befand sich fünf Kilometer südlich des Dammes das Black Rock Resort. Es bestand fast ausschließlich aus Holz. Die Flut hat das Resort komplett zerstört und soweit wir wissen, waren die einzigen Überlebenden eine Handvoll Leute, die schon früh aufgebrochen waren, um auf dem Damm zu wandern oder auf nahegelegenen Panoramastraßen zu fahren.“
„Wie viele Leute waren im Resort?“, fragte Luke.
„In ihrem Online-Reservierungssystem waren 281 Gäste aufgeführt. Vielleicht 20 von ihnen haben das Resort entweder vor der Flut verlassen oder sind aus dem einen oder anderen Grund nie dort angekommen. Alle anderen wurden weggefegt und sind aller Wahrscheinlichkeit nach tot. Zusammen mit den anderen Katastrophen flussabwärts wird es noch mehrere Tage dauern, bis wir eine genaue Anzahl von Toten haben.“
Luke verspürte ein seltsames, vertrautes Gefühl. Es kam zurück wie ein alter Freund, den man lange nicht gesehen hatte und von dem man eigentlich gehofft hatte, ihn nie wieder zu treffen. Es fühlte sich an, als wäre ihm schlecht. Es war der Tod, der Tod von Unschuldigen, die einfach nur ihrem eigenen Leben nachgegangen waren. Luke hatte sich viel zu lange mit solchen Vorfällen beschäftigen müssen.
„Hat jemand versucht, sie zu warnen?“, fragte er.
Kimball nickte. „Die Arbeiter im Kontrollzentrum des Staudamms riefen das Resort an, sobald sie merkten, dass die Schleusen geöffnet waren, aber anscheinend hatte die Flut dort bereits Einzug gehalten, als sie jemanden erreicht haben. Jemand nahm ab, aber das Gespräch endete fast sofort.“
„Mein Gott. Und was waren die Katastrophen flussabwärts, die Sie erwähnten?“
Eine Karte erschien auf dem Bildschirm. Sie zeigte den See, den Damm, das Resort und weitere Städte in der Nähe. Kimball zeigte auf eine Stadt. „Die Stadt Sargent liegt weitere 25 Kilometer südlich des Resorts. Es ist eine Stadt mit 2.300 Einwohnern und eine Anlaufstelle für Besucher des Nationalparks. Sargent liegt größtenteils auf einem kleinen Hügel und die Stadt wurde etwas besser gewarnt als das Resort. Sie wurden sogar früh genug gewarnt, dass die Notfallsirenen der Stadt ertönten, bevor die Flut kam. Mit den zusätzlichen 25 Kilometern, die das Wasser bis dahin zurücklegen musste, traf es die Stadt etwas weniger hart, und viele der Häuser und Gebäude hielten stand und wurden nicht weggespült. Mehr als vierhundert Menschen aus Sargent werden jedoch derzeit vermisst oder für tot gehalten.“
Luke starrte auf den Bildschirm, als Kimballs Laserpointer auf die Städte Saphir, Greenwood und Kent fiel, jede etwas weiter vom Damm entfernt als die vorherige, und jede auf ihre eigene Art betroffen. Das Ausmaß der Katastrophe war verheerend, und obwohl die Schleusen inzwischen geschlossen waren, würde die Flut selbst in den nächsten Tagen weiter nach Süden und bergab fließen. Zwei Dutzend Städte waren evakuiert worden, aber weitere Todesfälle waren praktisch garantiert. Einige Menschen in den entlegenen Gebieten wollten oder konnten nicht fliehen.
„Und Sie glauben, dass Hacker dahinterstecken? Wie ist das möglich?“
Kimball blickte sich im Raum um. „Hat jeder hier die Sicherheitsfreigabe, den nächsten Teil zu hören? Können wir bitte jeden rausschmeißen, der keine Freigabe hat?“
Leises Murmeln ging durch den Raum, aber niemand bewegte sich. „Okay, ich gehe davon aus, dass jeder, der hier ist, auch hierhergehört. Wenn nicht, ist das euer Problem. Vergesst das nicht.“
Er wandte sich wieder an Luke.
„Der Damm wurde 1943 gebaut, um während des Krieges dringend benötigten Strom zu erzeugen. Er wurde von der Tennessee Valley Authority erbaut und wird bis heute von ihr betrieben. Die Schleusen werden heute noch mit der gleichen Technologie von damals gesteuert. Jede Fernbedienung für Garagentore ist heutzutage fortgeschrittener. Vor etwa zwanzig Jahren begann die TVA nach Möglichkeiten zu suchen, Geld zu sparen. Sie wollte die Verwaltung ihrer Dämme automatisieren. Kontrollzentren in alten Wasserkraftwerken sind nach modernen Standards unglaublich ineffizient. Es befinden sich rund um die Uhr Mitarbeiter vor Ort, die nichts anderes tun als Logbücher lesen, ausfüllen und von Zeit zu Zeit die Überläufe öffnen und schließen. Die Schleusentore selbst werden fast nie geöffnet.“
„Die TVA dachte, sie könnte zehn oder zwanzig Staudamm-Kontrollzentren zu einem zentralen Kontrollzentrum zusammenfassen. Also rüsteten sie mehrere Dämme mit einer fernsteuerbaren Computersoftware nach. Black Rock war einer von ihnen. Wir sprechen von einer sehr einfachen Software – sie hat nur zwei Zustände, ‚ja‘ für offen und ‚nein‘ für geschlossen. Aus irgendeinem Grund haben sie das zentrale Kontrollzentrum jedoch nie fertiggestellt. Die Software war internetbasiert und sie haben sie laufen lassen, für den Fall, dass sie sich doch einmal für den Bau des Zentrums entscheiden sollten. Das Problem an der Sache ist, dass Verschlüsselung damals kaum existierte und die Software nach ihrer Installation nie aktualisiert wurde.“
Luke starrte ihn fassungslos an.
„Sie machen Witze.“
Er schüttelte den Kopf.
„Es war kinderleicht, dieses System zu kapern. Es hatte nur nie jemand daran gedacht, es zu tun. Welcher Terrorist sollte überhaupt wissen, dass dieser Damm existiert? Er liegt in einer abgelegenen Ecke eines ländlichen Staates. Sargent, North Carolina ist nicht gerade das prestigeträchtigste Ziel. Aber wie wir festgestellt haben, sind die Ergebnisse so verheerend, als hätten sie Chicago oder eine andere Großstadt angegriffen.“
Susan sprach zum ersten Mal. „Und das Schlimmste daran ist, dass es Hunderte solcher Dämme in den USA gibt. Wir wissen nicht einmal, wie viele genau es sind und wie viele von ihnen auf die gleiche Art gehackt werden könnten.“
„Und warum glauben wir, dass die Chinesen es getan haben?“, fragte Luke.
„Unsere eigenen Hacker bei der NSA verfolgten die Infiltration zu einer Reihe von IP-Adressen in Nordchina zurück. Diese Adressen wiederum haben mit einer Internetverbindung in einem Motel in Asheville, North Carolina kommuniziert, hundert Kilometer östlich vom Black-Rock-Damm. Die Kommunikation fand innerhalb von 48 Stunden vor dem Angriff statt. Ein SWAT-Team des Amtes für Alkohol, Tabak und Schusswaffen ist in dieser Region gerade tätig und führt Razzien in nicht lizenzierten Brennereien und Brauereien durch. Dieses Team haben wir zum Motel geschickt, wo sie einen 32-jährigen Chinesen namens Li Quiangguo festnehmen konnten.“
Das Bild eines chinesischen Mannes, der von einer Gruppe großer und breiter ATF-Offiziere aus einem kleinen, unscheinbaren Motel geführt wird, erschien auf dem Bildschirm. Ein weiteres Bild erschien daneben. Es war der gleiche Mann, wie er auf einer schmalen Straße gegenüber eines Stausees steht. Er stand vor einer historischen Tafel mit der Aufschrift Black-Rock-Damm – 1943, und einer kurzen Beschreibung darunter.
„Obwohl seine Reisedokumente und sein Pass echt aussehen, glauben wir nicht, dass das sein wirklicher Name ist. Wie Sie wissen, ist die Namensreihenfolge in China umgekehrt – zuerst kommt der Nachname, gefolgt vom Vornamen. Li ist einer der häufigsten Namen in China, so wie Smith hier bei uns. Und Quiangguo bedeutet auf Mandarin so viel wie starke Nation. Ein Name mit militaristischer Konnotation, der nach der chinesischen Revolution sehr verbreitet war. Aber seit ungefähr 40 Jahren benutzt ihn so gut wie niemand mehr. Außerdem wurden bei Li eine Handfeuerwaffe und ein kleines Fläschchen mit Zyanid-Pillen gefunden. Wir glauben, dass er ein chinesischer Spion ist, der unter einem Decknamen operiert und sich umbringen sollte, falls er geschnappt wird.“
„Aber scheinbar hat er kalte Füße bekommen“, sagte Luke.
„Entweder das, oder er ist nicht rechtzeitig an seine Pillen gekommen.“
Luke schüttelte den Kopf. „Nach einer Operation wie dieser würde ein Agent, der sich tatsächlich umbringen will, die Pillenflasche ständig in der Hand halten oder sie zumindest in der Tasche haben. Was genau hat er nach China geschickt?“
„Eine Reihe von verschlüsselten E-Mails. Wir haben die Verschlüsselung noch nicht geknackt und es könnte auch noch Wochen dauern. Die NSA hat uns mitgeteilt, dass sie so eine Verschlüsselung noch nie gesehen haben. Sehr komplex, sehr schwer zu entschlüsseln. Also haben wir im Moment keine Ahnung, was der Inhalt der E-Mails ist.“
„Hat er gestanden?“, fragte Luke.
Kimball schüttelte den Kopf. „Er wird in einer Hütte in einem FEMA-Gefangenenlager in Nord-Georgia festgehalten, etwa hundertfünfzig Kilometer südöstlich des Damms. Er besteht darauf, dass er einfach ein Tourist ist, der zur falschen Zeit am falschen Ort war.“
„Deshalb haben wir Sie angerufen“, sagte Susan. „Wir möchten, dass Sie sich mit ihm unterhalten. Wir dachten, mit Ihnen würde er reden.“
„Mit ihm unterhalten, wie?“, sagte Luke.
Susan zuckte die Achseln. „Ja.“
„Ich soll ihn zum Reden bringen?“
„Ja.“
„Dafür brauche ich wahrscheinlich mein Team“, sagte Luke.
Susan, Kurt Kimball und Kat Lopez sahen einander an.
„Vielleicht sollten wir das lieber unter vier Augen besprechen“, sagte Kimball.
*
„Okay, Susan, jetzt kommt der Teil, wo du mir wieder sagst, dass das Special Response Team aufgelöst wurde, richtig?“
„Luke...“, begann sie.
Sie saßen oben in Susans Arbeitszimmer. Das Arbeitszimmer war genau so, wie Luke es in Erinnerung hatte. Ein großer rechteckiger Raum mit Hartholzboden und einem weißen Teppich in der Mitte. Der Teppich diente als Mittelpunkt für eine Sitzecke mit großen, bequemen, aufrechten Stühlen und einem Couchtisch.
An einer Wand des Arbeitszimmers war ein raumhohes Bücherregal. Das Bücherregal erinnerte Luke an The Great Gatsby.
Und dann waren da noch die Fenster. Riesige, anmutige, vom Boden bis zur Decke reichende Fenster, die eine großartige Aussicht auf das weitläufige Gelände des Marine-Observatoriums ermöglichten. Die Fenster waren nach Südwesten ausgerichtet und ließen das Tageslicht herein.
Die Tage wurden deutlich kürzer. Obwohl es noch nicht einmal 19 Uhr war, ließ das Sonnenlicht bereits nach. Der Tag ging zu Ende. Luke dachte noch einmal kurz an sein Gespräch mit Becca, als er Gunner abgesetzt hatte. Er schüttelte die Erinnerung schnell ab. Jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzudenken.
Er saß auf der der Präsidentin gegenüberliegenden Seite des Couchtisches. Kurt Kimball saß zwischen den beiden. Kat Lopez stand hinter Susan, etwas rechts von ihr.
„Ja“, sagte Susan. „Das Special Response Team gibt es nicht mehr. Die meisten der ehemaligen Mitarbeiter wurden an andere Positionen innerhalb des FBI versetzt. Das, was Sie als Ihr ehemaliges Team betrachten, ist nicht mehr wiederherzustellen.“
„Susan“, sagte Luke. „Ich möchte Sie daran erinnern, dass Sie mich wieder aus dem Ruhestand holen wollen. Wissen Sie, was ich in den letzten zwei Monaten getan habe? Ich werde es Ihnen sagen. Campen, angeln, wandern, segeln. Ein bisschen jagen. Ein bisschen tauchen.“ Er rieb sich den Bart. „Ausschlafen.“
„Sie sind also ausgeruht und damit diensttauglich“, sagte Kurt Kimball.
Luke schüttelte den Kopf. „Ich bin total eingerostet. Ich brauche mein Team. Ich vertraue ihnen. Ohne sie kann ich nicht wirklich funktionieren.“
„Luke, wenn Sie einfach geblieben wären, anstatt zu verschwinden, wären Sie jetzt vielleicht Chef einer kleinen Behörde...“
„Ich habe versucht, meine Ehe zu retten“, sagte er trocken.
Susan starrte ihn direkt an. „Wie ist es gelaufen?“
Er schüttelte den Kopf. „Bislang nicht allzu gut.“
„Es tut mir leid, das zu hören.“
„Mir auch.“
Susan blickte hinter sich. „Kat, können wir den Status von Lukes ehemaligen Teammitgliedern erfahren?“
Kat Lopez blickte auf das Tablet in ihrer Hand. „Sicher. Mark Swann verließ das FBI für einen Job bei der National Security Agency. Er arbeitet in ihrem Hauptquartier hier in DC. Er ist seit dreieinhalb Wochen dort. Es wird noch ungefähr einen Monat dauern, bis er die nötige Sicherheitsfreigabe hat, dann wird er mit dem PRISM Data Mining Projekt anfangen können.“
„Edward Newsam ist immer noch beim FBI. Er war fast den ganzen Juni und Juli krankgeschrieben. Seine Hüftrehabilitation ist abgeschlossen und er wurde inzwischen dem Geiselrettungsteam zugeteilt. Er befindet sich derzeit in Quantico in Ausbildung für eine mögliche Arbeit beim Auslandsgeheimdienst, die im Laufe des Jahres beginnen soll. In seiner Akte steht ein Vermerk, dass die Details seiner Anstellung wahrscheinlich innerhalb der nächsten Wochen als Top Secret eingestuft werden. Ab diesem Zeitpunkt ist alles streng geheim, wenn es um seinen Status und seinen aktuellen Aufenhtaltsort geht.“
Luke nickte. Beides war keine große Überraschung. Swann und Newsam gehörten zu den Besten in ihrem Fach. „Können wir sie ausleihen?“, fragte er.
Kat Lopez nickte. „Wenn wir sie anfordern, werden die Behörden unserer Bitte nachkommen.“
„Und Trudy?“, fragte Luke. „Sie brauche ich auch.“
„Luke, Trudy Wellington ist im Gefängnis“, sagte Susan.
Luke fühlte sich, als hätte ihm jemand in den Magen geschlagen. Er starrte ganze fünf Sekunden lang in den Raum und versuchte, diese Worte zu verarbeiten.
„Was?“, sagte er schließlich.
Susan schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht glauben, dass Sie das nicht wissen. Was haben Sie gemacht, sich unter einem Stein versteckt? Lesen Sie keine Zeitung?“
Er zuckte die Achseln. „Ich habe Ihnen gesagt, was ich die letzten Monate getan habe. Ich war untergetaucht. Dort wo ich war, gab es keine Zeitungen und den Computer habe ich zu Hause gelassen.“
Kat Lopez las von ihrem Tablet ab. Ihre Stimme klang mechanisch, fast schon roboterhaft.
