Nord Sentinelle - Jérôme Ferrari - E-Book
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Nord Sentinelle E-Book

Jérôme Ferrari

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Beschreibung

Der junge Alexandre Romani ersticht im Hafen einer korsischen Küstenstadt inmitten einer bunten Menge feierlustiger Touristen Alban Genevey, einen Pariser Studenten, den er von Kindesbeinen an kennt, da seine Eltern auf der Insel ein Haus am Meer besitzen. Der Erzähler, aufgrund einer tragischen Liaison mit dem Täter verwandt, blickt von der Mordnacht zurück auf die Lebenswege der Protagonisten und zeichnet das Porträt einer Gesellschaft nach, in der Massentourismus und Geistlosigkeit ungute Voraussetzungen für ein gelingendes Leben sind. Tragikomisch erzählt Jérôme Ferrari »vom Einheimischen und vom Reisenden«, wie der Roman ironisch bekennt, und spürt dabei in seiner bekannt kraftvollen, poetischen und nun auch bissig ironischen Sprache der Entstehung von Gewalt nach. Meisterhaft dringt er bis in die verborgenen Winkel der menschlichen Seele vor, wo die Enttäuschung, niemand anderer als man selbst zu sein, unser Handeln bestimmt.

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Nord Sentinelle«.

© 2024 Actes Sud, Arles

Erste Auflage

© 2024 by Secession Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Christian Ruzicska

Lektorat: Barbara Wahlster

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-verlag.com

Gestaltung und Satz: Eva Mutter, Barcelona

Gesetzt aus Calluna

Printed in Germany

ISBN 978-3-96639-118-4

Für Caroline, erneut.

Der bigotte Herrscher und das barbarische Volk drohten dem Ungläubigen, der sich in ihre Mauern wagte, mit dem Tod – ein Schwarzer namens Merlin soll, so erzählt man sich, in den ersten Fußstapfen des Franken Verfall und Untergang gelesen haben.

RICHARD F. BURTON

First Footsteps in East Africa

DEIN KÖRPER AUS MYRRE UND JASMIN

Man erzählt sich auch, am Nachmittag des 3. Januar 1855 habe Sultan Ahmad ibn Abu Bakr der ehrwürdigen Prophezeiung zum Trotz, die heilige Stadt werde untergehen, sobald ein Ungläubiger sie mit seiner Anwesenheit straflos besudelt haben würde, Captain Richard Francis Burton die Erlaubnis erteilt, die bislang makellosen Pforten seiner Stadt Harar zu durchschreiten. Er gewährte ihm eine zweifelhafte Gastfreundschaft von zehn Tagen, nach deren Ablauf er ihn gesund und wohlbehalten ziehen ließ – ein Privileg, das bislang kein einziger Europäer genossen hatte. Hätte er wissen können, dass Harar 1875 fallen sollte, während er selbst, neunzehn Jahre zuvor, verbittert und voller Reue, an Schwindsucht gestorben war, hätte Ahmad ibn Abu Bakr wahrscheinlich nicht den fatalen Fehler begangen, Captain Burton zu verschonen, und er hätte damit recht gehabt. Es ist keine Prophezeiung vonnöten, um zu wissen, dass der erste Reisende stets unzählige Katastrophen nach sich zieht. Ganz gleich, ob er nun ein blutrünstiger Rohling, ein geldgieriger Abenteurer, ein eroberungslustiger Söldner, ein unter Tränen flehender Bittsteller oder eben ein Mann sein mag wie Captain Burton, dem der Wissensdurst das Herz so sehr auszehrte, dass er sich in ein Laster verkehrte, ganz gleich, ob er nun nach Krieg trachten mag oder nach Ruhe, nach Eroberung oder Erlösung: der erste, der seinen Fuß ans Ufer setzt, und wäre er auch von der friedlichsten und lobenswertesten Absicht getragen oder ein Heiliger oder der Retter der Welt höchstpersönlich, er müsste getötet werden, er und all jene, die ihn begleiten, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht – Greise, Frauen, Ungeborene, die ganze engelsgleiche Horde der Kleinen. Wäre sie dieser einfachen Regel gefolgt, die Menschheit hätte sich zum Preis eines winzigen Verbrechens eine grauenhafte und endlose Litanei an Massakern, Epidemien, Unterjochungen und Verstümmelungen ebenso erspart wie ein paar andere, weniger gravierende Niederträchtigkeiten, zu denen der koloniale Singsang gezählt werden muss, die evangelischen Missionen und selbstverständlich auch der intensive Tourismus. Ich will nicht leugnen, dass ich diese interessante Theorie anlässlich einer Handvoll Gelegenheiten gerne und mit recht überschwänglicher Begeisterung verfocht, vor allem im Verlaufe familiärer, von reichlich Alkohol begleiteter Abendessen; aber es hätte in den Augen aller klar sein müssen, dass sie eher einer kontrafaktischen Spekulation beziehungsweise Alternativweltgeschichte entsprang als einem politischen Programm, und dass sie, ungeachtet ihrer Radikalität, aus dem Blickwinkel der Geschichte betrachtet, oder dem der Logik, völlig fundiert war. Gewiss, wäre Captain Burton gestorben und wären uns damit die First Footsteps in East Africa ebenso vorenthalten geblieben wie seine Übersetzung von Tausendundeine Nacht, hätte dies sehr wahrscheinlich nicht das Schicksal Abessiniens auf den Kopf gestellt, doch wird niemand bestreiten wollen, dass irgendein obskurer karibischer Indianer, der aufgrund eines rettenden Geistesblitzes Christoph Kolumbus den Schädel eingeschlagen hätte, anstatt ihm mit fataler Neugier zuzuhören, wie der, Kreuz und Berlocken schwingend, sein albernes Zeugs absonderte, als Held angesehen werden müsste und als der auf ewig unbekannte Wohltäter des Menschengeschlechts. Die nämliche Argumentation gilt natürlich unabhängig vom Land des Einheimischen, der Herkunft des Reisenden und dem Namen der Meere, die sein Blut für einen sehr kurzen Moment färbt. Doch günstige Gelegenheiten bieteten sich, ach, nur ein einziges Mal: ist das Übel geschehen, wird es schlagartig unheilbar und kann nur noch stoisch ertragen werden, wie ich immer oder fast immer bedacht war zu präzisieren. Man kann mir also unter keinen Umständen vorwerfen, ich hätte meiner Familie gegenüber die systematische Tötung des ersten Reisenden gerechtfertigt, denn eine solche Tat, rein moralisch betrachtet gewiss schon fragwürdig, scheint mir darüber hinaus in Ermangelung einer funktionsfähigen Zeitmaschine doch vollkommen nutzlos zu sein – und konsequenter Weise kann man auch mitnichten meinen, ich hätte Alexandre, meinen selten dämlichen Cousin zweiten Grades, in irgendeinem Maße beeinflusst, wie es mir meine Cousine Catalina, seine Mutter, seit jener Nacht hartnäckig vorwirft, in der ihm nichts Besseres eingefallen war, als wegen einer einige Tage zuvor verbotenerweise in sein Restaurant eingeschleusten Flasche Rotweins Alban Genevey zu erdolchen, einen Medizinstudenten, den er von Kindesbeinen an kannte, da seine reichen Eltern seit Jahren einen Zweitwohnsitz in Meeresnähe besitzen, und ihn auch noch auf offener Straße zu erdolchen, unten am Hafen, vor den Augen einer aufmerksamen Menge betrunkener, auf der Uferstraße, den Terrassen der Bars und den Decks der großen Yachten versammelter Zeugen, bevor er, auf dem Pflaster sein bewusstlos liegendes Opfer zurücklassend, jämmerlich die Flucht ergriff, während in dunkler Nacht die bläuliche Konstellation der die Szene filmenden Handyscreeens erstrahlte. Ich kenne die unbändige Neigung der menschlichen Seele, einen Verantwortlichen für das Unglück zu suchen, das sie bedrückt, doch wenn ich sie auch tatsächlich begreife, so heißt das noch lange nicht, dass ich widerstandslos die Rolle des Sündenbocks einnehme, vor allem, wo meine Anklägerin ja offensichtlich besser beraten wäre, ihre misstrauischen Blicke auf ihre eigene Person zu richten. Soweit ich weiß (und ich ließ es mir nicht nehmen, sie dies unmissverständlich wissen zu lassen), war es sie, die vor inzwischen vierundzwanzig Jahren entschied, mit Philippe Romani zu schlafen, eine schmerzhafte Verirrung, bei der ich mich hatte anstrengen müssen zu glauben, sie sei einer abscheulichen, aber vorübergehenden Verwirrung geschuldet, und es war auch sie, die aus mir bis heute unerfindlichen Gründen entschied, die Frucht ihrer elenden und belanglosen Kopulationen zu behalten und bis zur völligen Reifung auszutragen, um der Welt einen weiteren Romani zu schenken, will heißen, einen brutalen und müßigen Parasiten, ein unverantwortliches, verführerisches und skrupelloses Wesen, wie es schon bei seiner Zeugung absehbar war und wie all seine Vorfahren – nicht etwa kraft Vererbung, sondern kraft einer unverrückbaren Familienkultur, bei der ein absoluter Mangel an elementaren Erziehungsprinzipien Hand in Hand geht mit einem kolossalen Überlegenheitsgefühl – es ebenfalls waren, angefangen beim glücklichen Vater, Philippe, was zu beurteilen ich mir erlauben kann, da er immer schon mein bester Freund war – was nur ein weiteres Mal zeigt, dass wir bei der Wahl unserer Freunde ebenso unfrei sind wie bei der unserer Familie.

(Oh!, erinnerst du dich an die Sommernächte, wenn wir abends nach dem Essen zu euch kamen, um dich abzuholen, deine Eltern saßen am Küchentisch, sie tranken ihren Kaffee unter einem dunklen Wirbelsturm nachtaktiver, im unregelmäßigen Orbit der einzigen, kahlen, von der Decke herabhängenden Glühbirne gefangener Insekten, und sie gaben uns zu verstehen, dass du noch unter der Dusche warst, bevor sie uns einluden, Platz zu nehmen, was Philippe niemals tat, er gab sich nicht einmal die Mühe, die Einladung abzulehnen und blieb einfach stehen, während sein wuchtiger Körper inmitten des winzigen Raums hin und her schwankte und sein Blick starr auf die Tür des Badezimmers gerichtet war, aus dem das Geräusch von sanftem Plätschern und Reiben zu uns drang, und irgendwann dann warf er sich heftig gegen die Tür, was dir jedes Mal einen spitzen Schrei der Verwunderung entlockte, und begann mit lüsterner und klagender Stimme zu heulen, Catalì, o Catalì, ich weiß es, ich fühl es, du bist nackt da drinnen! öffne mir, lass mich hier nicht verrecken, ich werde wahnsinnig, ich will dich! – während er an der Tür scharrte, wie ein Tier hechelnd an ihr leckte und sich endlich auf die Knie fallen ließ, die Hände festgekrallt am wackeligen Knauf, als hätte ihn die Macht seines Begehrens zu Boden geworfen, und während der gesamten Zeit, die seine Albernheiten dauerten, und in der es schon gar nicht mehr möglich war, sich nicht vorzustellen, wie deine wogende und geheimnisvolle, von schwebenden, beinahe durchsichtigen Dampfwolken kaum verhüllte Nacktheit hinter der verschlossenen Tür erschauderte, hörte ich dich laut auflachen, du lachtest so schamlos und ansteckend, dass dein Vater und deine Mutter, meine beklagenswerten Onkel und Tante, ihrerseits auch anfingen zu lachen und Philipp so ermutigten, seine Nummer fortzuführen, ohne ihm je zu sagen, ohne überhaupt zu begreifen, wie unfassbar beleidigend und deplatziert das alles war, was offensichtlich allein mir schmerzhaft bewusst gewesen ist, obwohl natürlich auch ich lachte und mich zugleich dafür verfluchte, mich und deinen Vater verfluchte ich, deine Mutter und natürlich auch dich, dich vor allem, uns alle verfluchte ich für die Niederträchtigkeit unseres servilen Lachens, bis du schließlich aus dem Bad tratst, strahlend und parfümiert, und mit der gespielten Miene einer gestrengen Grundschullehrerin schelmisch drohend den Zeigefinger auf Philippe richtetest, bevor du ihm die Absolution erteiltest mit einem Nasenstüber, dessen zärtliche Großmut ihm bestätigte, was er von Kindesbeinen an wusste, will heißen, dass er, Philippe Romani, immer so handeln konnte wie er wollte, ohne irgendeine andere Grenze anerkennen zu müssen als die seiner Triebe, und ohne dass ihm daraus auch nur eine einzige ärgerliche, geschweige denn bedauerliche Konsequenz erwachsen wäre.)

Die Romani lebten ihre gesamte Existenz jeweils in der süßen Gewissheit, seit Urbeginn einem auserwählten Geschlecht von Landesherren anzugehören – und so glaubte Philippe mit unfassbar entwaffnender Naivität, die wenigen groben Megalithen, die das jämmerliche archäologische Erbe der Gegend ausmachen, wären zu einer Zeit, als die steinverzierten Tore der mykenischen Paläste bereits in ihrem Gold erstrahlten, von seinen Stammvätern errichtet worden, die, natürlich, in all ihrer Herrlichkeit, direkt dem Schoß der nährenden Mutter Erde entsprungen sein mussten, anstatt sich, etwas bescheidener, damit begnügt zu haben, wie Normalsterbliche, in Lumpen gehüllt und von Flöhen bedeckt, einem gestrandeten Kahn aus den Küstengebieten Liguriens oder der Balearen entstiegen zu sein. Die traurige Tatsache, dass ihre männlichen Erstgeborenen ausnahmslos Vornamen von Königen, Kaisern oder antiken Helden erhielten, ist wahrscheinlich ein besonders deutliches Zeichen für ihren Größenwahn und ihr fehlendes Gespür fürs Lächerliche: die Romani, das Banner der Kulturlosigkeit hochhaltend, und je höher desto stolzer, wussten über die genaue Herkunft der historischen oder legendären Persönlichkeiten, die diese Namen berühmt machen, ganz offensichtlich nicht Bescheid, und wie ihr grotesker Stammbaum verrät, war es ihnen auch niemals seltsam erschienen, dass ein Hektor einen Achill zeugen oder Hamilkar Scipios Großvater sein konnte – weshalb ich mir, ohne Angst vor öffentlichem Widerspruch, erlauben darf zu behaupten, die gelungene Abfolge Philippe – Alexandre könne nur die Frucht eines Zufalls sein oder das Resultat einer Einmischung von Seiten Catalinas. Nichts konnte je die hohe Meinung erschüttern, die sie sich von sich selbst gebildet haben; es zählte nur, wer sie waren, nicht, was sie taten. Was auch immer sie trieben, die unerschütterliche Überlegenheit ihres Wesens bewahrte sie vor jeglichem Skrupel und jeglicher Schande. So erzählt man sich, ein Großonkel von Philippe, François Romani – vor dem ich mich als Kind so sehr fürchtete, dass ich ihn einfach nur krankhaft fasziniert anstarrte, wie er so vollkommen reglos dasaß in seinem samtroten Sessel inmitten des riesigen Salons im Haus der Familie, seine Finger verkrallt in die abgewetzten Armlehnen, das Steingut seiner Puppenaugen starr auf die schauerliche Leere vor ihm gerichtet, unterdessen ihm aus seinem zahnlosen Mund Speichel übers Kinn rann, den eine faltige Altfrauenhand mithilfe eines vor Dreck starren Spitzentaschentuchs in regelmäßigen Abständen mechanisch wegwischte, während Philippe und ich versuchten, die altbackenen Kuchenstücke unserer Brotzeit aufzuweichen, indem wir sie in unsere Milchkaffeeschalen tunkten – man erzählt sich also, besagter François habe, bevor ihn ein geplatztes Aneurysma für immer in seinen Sessel bannte, die stolze Existenz eines professionellen Säufers führen können, ohne dass irgendwer in seiner Familie daran Anstoß genommen hätte; er hatte den Großteil seiner Zeit damit verbracht, sich in sämtlichen Kneipen und Kabaretts der Stadt zu besaufen, wobei er von der Zitadelle bis zum Hafen von einem Etablissement ins nächste torkelte, gern im hohen Bogen und irgendwelchen Schwachsinn brüllend gegen die Kirchenmauer pisste und schließlich unabwendbar auf dem nackten Straßenpflaster einschlief, wo er sich in seinem eigenen Erbrochenen wälzte, bis ihn eine mitfühlende Bordellmutter oder irgendein Samariter mehr schlecht als recht auf sein Maultier hievte, damit das gute Geschöpf ihn, gebeugt über seinen Hals oder wie ein Sack Mehl quer über den Rücken gelegt, nach Hause brachte, wo er bis zum nächsten Abend seinen Rausch ausschlief. Wenn irgendjemand etwas an François‘ Verhalten zu beanstanden hatte oder zaghaft Begriffe wie Anstand oder Würde ins Spiel brachte, zuckte dessen Mutter nur verächtlich mit den Schultern und sagte: Wir wissen ja, wer er ist. (Denn alles wendete sich für ihn stets zum Vorteil, selbst Niederlagen und Demütigungen. Damals, an jenem Abend, weißt du noch?, wir hatten uns in den Schatten eines Straßengrabens gehockt, zwischen zwei parkende Autos, du drücktest dich an mich und musstest dich beherrschen, um nicht loszuheulen, während ich versuchte, dir gegenüber meine entsetzliche Angst zu verbergen, wobei alles, was ich tat, um mich zu verstecken, diese doch aufs Deutlichste zeigte, und wir sahen, wie Philippe in zerrissenem Hemd und mit blutigem Mund gegen eine Gruppe von gut einem Dutzend Typen, die ihm gerade eine Abreibung verpasst hatten, rachewütig seine Faust schwang und mit vor Empörung zitternder Stimme brüllte, wisst ihr eigentlich, wer ich bin, ihr Bastarde, ich bin Philippe Romani, habt ihr verstanden? Ich bin Philippe Romani und ich schwöre euch, ihr werdet meinen Namen nie mehr vergessen! Zugegeben, der Szene mangelte es nicht an Schneid, und ich weiß, dass mich dies ruhiger werden ließ, was sich dann noch steigerte, als sich seine Widersacher gegen alle Erwartung, und obwohl er ihre Väter auch noch als Arsch- und Tierficker beschimpfte und ihre Mütter als verwachsene Nutten, nicht auf ihn stürzten, um ihm den Rest zu geben, sondern regungslos stehenblieben, mit herunterhängenden Armen, wie erstarrt vor diesem Ausbruch heiligen Zorns. Du feiertest deinen vierzehnten Geburtstag, ich war sechzehn, und du warst damals Gott sei Dank noch nicht das Objekt seiner dubiosen Begierde. Er hatte darauf bestanden, uns, mit dem Segen deiner Eltern natürlich, zu diesem Dorffest zu fahren, was allein der Tatsache geschuldet war, dass er davon träumte, überall in der Gegend seinen knallroten 205 GTI zur Schau stellen zu können, den ihm sein Vater gerade erst zu seiner Volljährigkeit geschenkt und in den er uns nun gepfercht hatte, dich, vorn, auf meinem Schoß, Django, den Philippe so getauft hatte, weil er Gitan war und Gitarre spielte, seine Schwester Bethsabée mit einer seiner Cousinen auf der Rückbank, die ununterscheidbaren Benetti-Zwillinge im Kofferraum, bei offenstehender Klappe und mit frei über der Straße baumelnden Beinen, und dergestalt waren wir hochgefahren bis zu diesem Gebirgsnest der Pithecanthropen, von dem nicht auszuschließen war, dass es uns mit demselben Pfeilhagel empfangen konnte, der auch auf Reisende niedergeht, die leichtsinnigerweise ihren Fuß auf die Strände der Island of North Sentinel setzen, mit dem feinen Unterschied, dass die hiesigen Wilden, gewiss schon dazu tendierend, jeden Fremden zu vernichten, nun auch noch, wie wir bald erleben sollten, nicht gerade abgeneigt waren, ihre eigenen Landsleute auf höchst unritterliche Weise zu verprügeln. Aber anfangs warst du noch ganz begeistert; du fandest alles großartig, die wackeligen Bambus-Sichtschutz-Matten, die den Platz um die Kirche säumten – oder um jenes Gebäude, das in diesem Rattenloch als Kultstätte diente –, das erbärmliche Orchester, die rissige Zementfläche, du lächeltest den besoffenen Kerberos an, der mit nacktem Oberkörper unter seinem Jeanshemd Eintrittskarten verkaufte, ich weiß nicht, ob dir klar war, dass uns alle mehr oder weniger schräg anschauten, vielleicht war dir das auch ganz einfach schnuppe, und alles verlief eine Zeitlang völlig normal. Philipp war losgezogen und hing auf seine Ellbogen gestützt überm Tresen, wo er eine Runde warf, und wir hatten uns mit dem Rest der Gruppe an einen Tisch unweit der Tanzfläche gesetzt und tranken schlechten Champagner, bis schließlich die Stehblues einsetzten, die das Zeichen zum Blutbad geben sollten. Während das Orchester STILL LOVING YOU verunstaltete, machte sich einer der Benetti-Zwillinge auf die Suche nach einem Mädchen, das er zum Tanz bitten konnte, ohne dass einer von uns die Geistesgegenwart besessen hätte, ihn davon abzuhalten, und auf unseren Tisch torkelte ein Typ zu, der dich, unter lauten Darmgeräuschen, am Arm packte und auf die Tanzfläche zerrte, ohne überhaupt nach deinem Einverständnis zu fragen, du rissest dich mit einem Schrei von ihm los, und ich, saublöd, sprang auf, rief dem Typen hinterher, lass sie in Ruhe, du Arschloch!, bereute sofort dieses ebenso überflüssige wie gewagte »Arschloch«, als zeitgleich der Benetti-Zwilling, sein romantisches Vorhaben in den Wind schreibend, rasend schnell und im Getöse zerberstender Gläser quer durch die Party zum Ausgang rannte, ihm auf den Fersen eine Horde von Schreihälsen, deren Beweggründe niemand kannte, falls sie überhaupt welche hatten, auch wenn unsere Widersacher am nächsten Tag Philippes Vater gegenüber zu ihrer Rechtfertigung kleinlaut irgendwelche deplatzierten Avancen erwähnten, die an ein Mädchen aus dem Dorf gerichtet gewesen sein sollten, deren Brüder, Onkel oder Cousins sie vorgaben zu sein und in dieser fauligen Brutstätte der Inzucht womöglich alles zugleich waren, und wir beide, ohne dass wir uns abgesprochen hätten, waren auch losgerannt, ich bin mit Karacho an dem Kerberos beim Eingang vorbei, deine Hand fest in meiner, Django, wenige Meter von uns entfernt, wurde beinahe geschnappt, aber er entkam den Mörderhänden, die sich nach ihm streckten, indem er mit der Behändigkeit des Hoffnungslosen erst auf die Motorhaube und dann auf das Dach eines geparkten Autos sprang, und anschließend mit übernatürlicher Geschwindigkeit über Dächer und Motorhauben hüpfte, während wir in die Nacht abtauchten, um uns in diesen Straßengraben zu hocken, zwischen zwei andere Autos, von wo aus wir die schmerzerfüllten Schreie der Benetti-Zwillinge hören konnten, die sich eine gewaltige Abreibung einfingen, die glücklicherweise durch das ruhige und majestätische Auftauchen von Philipp unterbrochen wurde. Na, na, na, sagte er mit erstaunlich ruhiger Stimme, was geht denn hier ab, Jungs, was ist denn los mit euch?, schlagt ihr etwa Kinder?, als ob er nicht selbst eben erst achtzehn geworden wäre, man kann ja wohl noch miteinander reden, oder?, und das Problem anders regeln, und während die Zwillinge dies nutzten, um sich davonzustehlen, antworteten süßlich klingende Stimmen, oh ja, sicher, wir können das Problem anders regeln! Komm da raus, komm ein wenig näher und red‘ mit uns, komm her!, wir tun dir nichts, Ehrenwort!, aber kaum hatte sich Philippe ihnen gutgläubig von der Bambuseinfassung der Party her genähert, stürzten sich diese Hirnamputierten trotz ihrer fadenscheinigen Immunitätsversprechungen allesamt auf ihn, die Schreie seines verratenen Vertrauens hallten in die Nacht hinaus, und als er sich schließlich erhob, entrüstet und blutend, blickte er ihnen ins Gesicht und sagte, ihr wisst nicht, wer ich bin! Ich bin Philippe Romani und ich werde euch wiederfinden, jeden einzelnen von euch, eine gewiss bewunderungswürdige Drohung, die ich zunächst jedoch als lächerlich empfand, bevor ich schließlich ihre Schlagkraft ermessen durfte, als wider Erwarten vor dem Haus der Romani ein Konvoi aus den Bergen herabgekommener Fahrzeuge parkte, aus denen unsere Henker stiegen, um ihre Entschuldigungen förmlich vorzubringen, Entschuldigungen, die er mit der noblen Gefasstheit eines Königs akzeptierte, der von seinen Lehnsmännern Ehrbekundungen empfängt, und zugleich von ihnen verlangte, dass sie sich auch bei dir entschuldigten, bei der gesamten Gemeinschaft der am Ausflug beteiligten Leute und auch bei den Benetti-Zwillingen, von denen einer etwas heftiger demoliert war als der andere, weswegen wir sie für einige Wochen nicht mehr verwechseln konnten.)

Alexandre, mein Cousin zweiten Grades, wuchs ebenfalls mit der Gewissheit auf, dass man wusste, wer er war, und bestimmt war ihm dies zugleich ein Segen und eine Last, wahrscheinlich eher eine Last als ein Segen. Es hat jedoch anscheinend nicht viel gebraucht, damit er seinen Platz in einer Reihe von Faulpelzen einnehmen konnte; soweit ich weiß, begnügten sich die Romani über Jahrhunderte damit, aus der mühseligen Arbeit des Pöbels, dem sie ihre Ländereien und Häuser verpachteten, Profit zu schlagen, und so