Römische Geschichte (Alle 6 Bände) - Theodor Mommsen - E-Book

Römische Geschichte (Alle 6 Bände) E-Book

Theodor Mommsen

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Beschreibung

In "Römische Geschichte" präsentiert Theodor Mommsen eine umfangreiche und detaillierte Analyse der römischen Zivilisation, die über sechs Bände hinweg die politischen, sozialen und kulturellen Aspekte des antiken Rom beleuchtet. Mommsens literarischer Stil zeichnet sich durch eine prägnante Ausdrucksweise aus, die sowohl Fachkundige als auch Laien anspricht. Sein Werk ist nicht nur als geschichtliche Abhandlung zu verstehen, sondern auch als ein künstlerisches Statement, das die Entwicklung Roms von seinen Ursprüngen bis zum Untergang des Westroms nachzeichnet und in den Kontext der damaligen europäischen Entwicklungen einordnet. Dies geschieht in einer Zeit, in der das Interesse an der Antike und deren Einfluss auf die moderne Gesellschaft stark zunahm. Theodor Mommsen, ein deutscher Historiker, wurde für seine außergewöhnlichen Beiträge zur Geschichtsschreibung mit dem Nobelpreis für Literatur 1902 ausgezeichnet. Sein tiefes Interesse an der römischen Geschichte und seine umfassende Bildung in Archäologie und Rechtsgeschichte fließen in dieses monumentale Werk ein. Mommsen war nicht nur Historiker, sondern auch Politiker und Jurist, was ihm eine vielschichtige Perspektive auf die komplexen Gesellschaftsstrukturen Roms verlieh. Diese Einflüsse sind in seiner Analyse deutlich erkennbar und liefern wertvolle Einsichten in die römische Gesellschaft und deren Rechtsordnung. "Römische Geschichte" ist ein unverzichtbares Werk für jeden, der sich mit der Antike auseinandersetzt. Es bietet nicht nur einen tiefen Einblick in die Geschichte Roms, sondern befasst sich auch mit den Grundlagen, die unsere heutige Zivilisation geprägt haben. Leser, die an einer fundierten und tiefgehenden Auseinandersetzung mit der römischen Epoche interessiert sind, werden in Mommsens Werk eine wertvolle Quelle der Erkenntnis und Inspiration finden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Theodor Mommsen

Römische Geschichte (Alle 6 Bände)

Bereicherte Ausgabe. Die Geschichte Roms von den Anfängen bis zur Zeit Diokletians
Einführung, Studien und Kommentare von Richard Rupp
EAN 8596547756927
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Römische Geschichte (Alle 6 Bände)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Macht formt Geschichte, und Geschichte formt Erinnerung. In Theodor Mommsens Römischer Geschichte begegnet uns die lange Spannung zwischen politischer Ordnung und expansiver Dynamik: Wie eine Stadt zur Weltmacht wird, wie Institutionen wachsen, unter Druck geraten und sich neu begründen. Der Autor richtet den Blick nicht nur auf Schlachten und Staatsmänner, sondern auf die Werkstoffe der Macht: Recht, Bürgerschaft, Boden, Geld und Sprache. So entsteht ein Panorama, das den Aufstieg Roms als Prozess zeigt, in dem Ideen, Interessen und Institutionen einander durchdringen – erzählerisch kraftvoll, analytisch präzise, mit nachhaltiger Wirkung auf unser Verständnis der Antike.

Dass dieses Werk als Klassiker gilt, hat mehrere Gründe. Es verbindet strenge Quellenarbeit mit einer Prosa, die historische Erfahrung sinnlich und gedanklich dicht vermittelt. Mommsen macht Strukturen sichtbar, ohne das Drama des Handelns zu verlieren; er deutet, ohne zu belehren. Die Römische Geschichte hat über Generationen Leserinnen und Leser über die Fachgrenzen hinaus erreicht und den Stil historischer Darstellung mitgeprägt: energisch, bildhaft, urteilsfreudig. Viele Motive, die seither Debatten über Rom strukturieren – etwa die Rolle des Rechts, die Dynamik der Bürgerschaft, die Logik imperialer Verwaltung –, finden hier eine prägende, bis heute wirkmächtige Form.

Der Autor ist Theodor Mommsen (1817–1903), ein deutscher Historiker und Altertumswissenschaftler, dessen Name untrennbar mit der Erforschung des römischen Altertums verbunden ist. Die ersten drei Bände der Römischen Geschichte erschienen 1854 bis 1856. Später veröffentlichte Mommsen 1885 und 1887 grundlegende Darstellungen zu den Provinzen des römischen Reichs. Für seine Meisterschaft der historischen Darstellung erhielt er 1902 den Nobelpreis für Literatur. In vollständigen Ausgaben werden diese Arbeiten häufig zu sechs Bänden zusammengeführt, wodurch ein umfassendes Bild von Roms politischer Entwicklung und räumlicher Ausbreitung zugänglich wird.

Inhaltlich spannt das Werk den Bogen von den Anfängen der Stadt über die Herausbildung der Republik bis zur Konsolidierung einer Macht, die weit über Italien hinausgreift. Es zeigt, wie institutionelle Innovationen, soziale Konflikte und militärische Expansion sich wechselseitig bedingen. Die Handlungsebene wird nie zum Selbstzweck: Hinter Ereignissen treten die dauerhaften Fragen hervor – nach der Ordnung des Gemeinwesens, nach Teilhabe und Exklusion, nach der Steuerung eines sich ausweitenden Herrschaftsraums. Trotz der erzählerischen Fülle wahrt Mommsen die Übersicht und führt Schritt für Schritt in die Logiken, Spannungen und Möglichkeiten römischer Politik ein.

Methodisch stützt sich Mommsen auf eine damals neuartige Breite von Quellen. Er nutzt Inschriften, Rechts- und Verwaltungstexte, numismatische und sprachgeschichtliche Zeugnisse und verknüpft sie mit literarischen Überlieferungen. Dadurch rückt er Institutionen, ökonomische Mechanismen und soziale Trägergruppen in den Mittelpunkt, ohne individuelle Verantwortung zu relativieren. Seine Darstellung bleibt quellenbewusst und streitbar: Wo die Überlieferung Spielräume lässt, markiert er Argumentationswege und begründet Urteile. So entsteht ein Modell historischer Analyse, das die Erzählbarkeit des Vergangenen mit der Prüfbarkeit von Befunden verbindet – ein Maßstab, an dem historische Prosa sich bis heute messen lässt.

Thematisch dominieren Fragen, die bis in die Gegenwart reichen: Wie entsteht aus lokaler Solidarität politische Bürgerschaft? Wie wirken Recht, Gewalt und Konsens zusammen? Welche Kosten begleiten Expansion, und wie lassen sie sich politisch und moralisch verantworten? Mommsen entfaltet diese Fragen an römischen Beispielen: an der Verteilung von Grundbesitz, an Reformversuchen, an der Kontrolle des Militärs, an der Verwaltung eroberter Gebiete, an Steuer- und Finanzstrukturen. Der Blick bleibt dabei systematisch: Einzelentscheidungen erscheinen im Spiegel institutioneller Regeln, und institutionelle Regeln im Spiegel menschlicher Motive.

Die Römische Geschichte ist auch literarisch prägend. Mommsens Sprache verdichtet Komplexität zu klaren Linien, ohne die Ambivalenzen der Überlieferung zu glätten. Seine Charakterzeichnungen dienen nicht der Heroisierung, sondern der Erklärung politischer Möglichkeiten und Grenzen. Zugleich hat seine Deutung einzelner Akteure, unter ihnen Caesar, Debatten über Jahrzehnte geprägt. Die Verbindung aus erzählerischer Energie, analytischer Strenge und pointiertem Urteil schuf ein Modell der Geschichtsschreibung, das Forschung und Feuilleton beeinflusst hat und Lesende bis heute an die Gattung der großen historischen Gesamtdarstellung bindet.

Die Wirkung des Werks ist fachlich nachhaltig. Mommsen trug wesentlich dazu bei, epigraphische, rechtshistorische und wirtschaftsgeschichtliche Befunde systematisch in die politische Erzählung zu integrieren. Seine Synthese setzte Standards in der Behandlung römischer Institutionen, Provinzverwaltung und Bürgerschaftsrecht. In Übersetzungen und Neuauflagen hat die Römische Geschichte einen weiten Leserkreis gefunden, der vom akademischen Seminar bis zur allgemeinen Bildung reicht. Nicht zuletzt haben kritische Auseinandersetzungen mit seinen Wertungen die Forschung produktiv herausgefordert und neue Perspektiven auf Quellen, Akteure und Strukturen des römischen Gemeinwesens eröffnet.

Für heutige Leserinnen und Leser ist das Werk mehr als ein Monument der Gelehrsamkeit. Es lädt dazu ein, über die Belastbarkeit republikanischer Ordnungen, über Integrationspolitik und über den Umgang mit Machtasymmetrien nachzudenken. Fragen nach populärer Mobilisierung, nach der Rolle wirtschaftlicher Ungleichheit, nach der Legitimation militärischer Gewalt und nach der Verwaltung kultureller Vielfalt stellen sich in wechselnden Formen weiterhin. Mommsens Analyse zeigt, dass politische Stabilität nicht nur auf Stärke, sondern auf rechtlicher Bindung und institutionellem Lernen beruht – eine Einsicht, deren Bedeutung weit über die Antike hinausreicht.

Der Aufbau der Gesamtausgaben über sechs Bände ermöglicht einen weiten Blick: von inneren Verfassungsentwicklungen bis zu räumlichen Erweiterungen und Verwaltungspraktiken in den Provinzen. Die Breite des Materials erlaubt kontinuierliche Lektüre ebenso wie thematische Vertiefung. Wer die großen Linien sucht, findet sie ebenso wie die Details regionaler Verwaltung, militärischer Organisation oder fiskalischer Ordnung. Dabei bleibt die Darstellung zugänglich: Die Argumente sind klar geführt, Begriffe werden präzise verwendet, und die narrative Gestaltung hilft, komplexe Prozesse Schritt für Schritt nachzuvollziehen.

Die historische Entfernung ist spürbar und produktiv. Mommsens Perspektive ist die eines Gelehrten des 19. Jahrhunderts; sie bringt Klarheiten und setzt Akzente, die heute kontextualisiert werden. Gerade in der bewussten Lektüre dieser Distanz liegt ein Gewinn: Die eigene Gegenwart tritt in einen Dialog mit einer anderen Denkform, in der Staat, Recht, Bürgerschaft und Imperium neu ausbalanciert werden. Die zeitgenössischen Begrenzungen des Blicks laden zur Ergänzung ein, ohne den Kern zu mindern: die gedankliche Strenge, mit der politische Formen an Gründen, Quellen und Folgen gemessen werden.

Als Einführung in Roms politische Welt ist Mommsens Werk unübertroffen in der Verbindung von Reichweite und Präzision. Es zeigt die Entstehung, Belastung und Anpassung politischer Ordnung in einer Weise, die gleichermaßen Geschichte erklärt und Urteilskraft schult. Gerade weil es nicht bei Ereignissen stehen bleibt, sondern Prinzipien offenlegt, besitzt es zeitlose Qualitäten: begriffliche Klarheit, quellengesättigte Argumentation, erzählerische Disziplin. Wer verstehen will, wie Macht gebunden wird und woran Ordnungen zerbrechen können, findet hier eine Schule des Lesens – und ein Buch, das seinem Ruhm als Klassiker gerecht wird.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Theodor Mommsens Römische Geschichte bietet in Gesamtausgaben mit sechs Bänden einen weitgespannten Überblick von den Anfängen Roms bis zur spätantiken Neuordnung der Provinzen. Das Werk verbindet prägnante Erzählung mit streng quellengestützter Analyse, geprägt von epigraphischen, rechtshistorischen und numismatischen Einsichten. Es verfolgt die Entwicklung politischer Institutionen, die Mechanik römischer Herrschaft und die sozialen Triebkräfte des Wandels. Der erste Teil entfaltet die Geschichte der Republik, der spätere Teil ordnet das Imperium vor allem über die Provinzen. Leitmotivisch stehen die Spannung zwischen Tradition und Innovation, zwischen aristokratischer Führung und Massenpolitik sowie die Frage nach der langfristigen Integrationskraft römischer Ordnung.

Zu Beginn zeichnet Mommsen die Herausbildung der römischen Gemeinschaft im italienischen Kontext nach: Siedlungsstrukturen, Nachbarschaften mit Latinern und Etruskern, sakrale Bindungen und frühe Rechtsformen. Die Erzählung behandelt die Umformung von einer Königszeit zu republikanischen Institutionen mit Kollegialmagistraturen und Senat. Dabei betont Mommsen die Tragweite rechtlicher Festschreibungen und sozialer Bindungen wie Patronat und Klientel. Aus sagenhaften Überlieferungen filtert er politisch belastbare Strukturen heraus. Der Bürgerverband, getragen von Grundbesitz und Wehrpflicht, wird als Fundament der späteren Expansion erkennbar, während die innere Balance zwischen Führungsschicht und Allgemeinheit von Anfang an umkämpft bleibt.

Im anschließenden Ausbau der Republik beschreibt Mommsen den sozialen Konflikt zwischen Patriziern und Plebejern als Motor institutioneller Anpassung. Volksvertretungen, sakrosankte Ämter und eine grundlegende Kodifikation des Rechts schaffen neue Beteiligungswege. Parallel konsolidiert Rom seine Herrschaft über Latium und Italien durch Bündnisse, Kolonien und abgestufte Bürgerrechte. Militärorganisation und Verkehrswege fördern Integration und Mobilität. Die entstehende Mischverfassung wird nicht als statisches Ideal präsentiert, sondern als pragmatisches Arrangement, das fortlaufend auf Belastungen reagiert. So entsteht ein politisches System, das militärische Leistungsfähigkeit mit rechtlich verfasster Kooperation der italischen Gemeinden verbindet.

Die Expansion über Italien hinaus markiert einen ersten Wendepunkt. Mommsen analysiert den Aufstieg Roms zur mediterranen Macht über Kriege gegen Samniten, Karthager und hellenistische Staaten. Entscheidende Entwicklungen sind der Übergang zur Seeherrschaft, die Sicherung der Handelswege und die Einbindung griechischer Kulturräume. Zugleich zeigt sich, wie Siegpraxis, Tribut und Provinzbildung institutionell verankert werden. Der außenpolitische Erfolg erzeugt neue Abhängigkeiten im Inneren: militärische Kommandogewalt, Finanzströme und Klientelnetzwerke verschieben das Gleichgewicht zwischen Senat, Magistraten und Volk. Mit der Hegemonie wächst die Verwaltungslast, die künftige Konflikte strukturell vorbereitet.

Aus der Expansion erwachsen soziale und ökonomische Spannungen. Mommsen schildert Bodenakkumulation, Sklavenarbeit und die Verdrängung kleinbäuerlicher Existenzen, ebenso die Rolle öffentlicher Pachtgeschäfte und der Steuerpächter in den Provinzen. Kulturelle Einflüsse aus Griechenland und dem Osten verändern Bildungsideale, Luxusformen und Rhetorik. Die traditionelle Führungsschicht behauptet ihre Stellung, trifft jedoch auf neue politische Unternehmer, die Massen mobilisieren. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach Teilhabe und Rechtsgleichheit Schärfe. Das republikanische Gefüge reagiert mit punktuellen Reformen, doch der Bedarf nach struktureller Neuordnung von Armee, Provinzverwaltung und Gerichtswesen tritt immer deutlicher hervor.

Die anschließende Krisenepoche wird bei Mommsen als Kampf um Ordnung sichtbar: Reformversuche, die Neujustierung richterlicher Kompetenzen, die Organisation des Getreidewesens und die Neuverteilung des Bürgerrechts prägen die Agenda. Militärische Erfolge verschaffen einzelnen Feldherren außerordentliche Autorität, was die Gewaltenteilung belastet. Der italienische Bundesgenossenkrieg und die Ausweitung des Bürgerrechts zeigen die Integrationskraft, aber auch die Kosten politischer Verzögerung. Diktatorische Maßnahmen und Gegenreformen markieren den Versuch, eine erschütterte Republik zu stabilisieren. Die Grundspannung zwischen oligarchischer Kontrolle, plebejischer Mobilisierung und professioneller Kriegsführung bleibt jedoch ungelöst und drängt auf neue Lösungen.

Im späten Republikteil rückt Mommsen die Konkurrenz führender Imperatoren in den Mittelpunkt, deren Ressourcenbasis in Armee, Klientel und Provinzen liegt. Die Karriere Caesars, seine militärische Expansion und organisatorische Begabung erscheinen als Katalysator einer staatlichen Verdichtung. Der Konflikt um die Oberhoheit zwischen Senat und außergewöhnlicher Kommandogewalt verdichtet sich zur Systemfrage. Mommsen interpretiert die Umformung der republikanischen Mechanik als Übergang zu monarchisch geführter Ordnung mit stärkerer Zentralverwaltung. Dabei interessieren ihn weniger persönliche Dramen als die administrative und rechtliche Rationalisierung, die die Reichseinheit sichern soll, ohne den lokalen Eigenarten ihre Wirksamkeit zu nehmen.

Die späteren Bände wechseln von der politischen Erzählung zur territorialen Analyse der Provinzen von der Zeit Caesars bis in die Epoche Diokletians. Mommsen beschreibt Rechtsstellungen, fiskalische Systeme, Militärpräsenz und Kommunalverfassungen, die das Imperium zusammenhalten. Regionale Profile – vom Westen mit Gallien, Spanien und dem Inselraum bis zu den östlichen Kulturlandschaften und Nordafrika – verdeutlichen unterschiedliche Integrationspfade. Städtische Eliten, Kultgemeinschaften und Verkehrsnetze erscheinen als Träger römischer Ordnung. Anhand von Inschriften und Verwaltungsakten rekonstruiert Mommsen die Praxis imperialer Herrschaft als Wechselspiel zwischen zentraler Autorität und lokaler Verantwortung.

In der Gesamtschau betont Mommsen die nachhaltige Bedeutung römischer Institutionen: Recht, Bürgerschaft, Kommunalwesen und militärisch-administrative Effizienz ermöglichen Integration über große Räume und Zeiten. Zugleich zeigt das Werk die Grenzen solcher Ordnung, wenn soziale Asymmetrien, persönliche Machtmittel und Krisen die Balance bedrohen. Die Römische Geschichte verbindet dichte Empirie mit einem Leitgedanken politischer Zweckmäßigkeit und legt Maßstäbe für Quellenkritik und Vergleich. Ihre anhaltende Wirkung liegt in der klaren Herausarbeitung von Mechanismen staatlicher Stabilität und Anpassung – Einsichten, die über das Beispiel Roms hinaus Fragen von Herrschaft, Zugehörigkeit und Reformfähigkeit erhellen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Theodor Mommsens Römische Geschichte entstand im politischen und wissenschaftlichen Klima des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum. Nach den Revolutionen von 1848/49 dominierten in den deutschen Staaten monarchische Verfassungen, ein sich konsolidierender preußischer Einfluss und eine lebhaft diskutierte nationale Frage. Universitäten, Akademien und Verlage expandierten. In Preußen und am späteren Sitz der Preußischen Akademie der Wissenschaften bildete sich eine neue, quellenkritische Geschichtswissenschaft heraus. In diesem Umfeld entwickelte Mommsen, Jurist, Philologe und Historiker, eine Synthese aus Rechtsgeschichte, Philologie und politischer Erzählung, die seine Darstellung der römischen Antike prägte und sie zugleich als Kommentar zu aktuellen Fragen von Staatlichkeit und Bürgerschaft lesbar machte.

Die ersten Bände der Römischen Geschichte erschienen 1854–1856 und konzentrieren sich auf die römische Republik bis zu Caesar. Später ergänzte Mommsen in den 1880er Jahren Untersuchungen zu den Provinzen von Caesar bis Diokletian. In unterschiedlichen Ausgaben werden diese Teile verschieden gezählt; manche Editionen führen das Gesamtwerk als fünf oder sechs Bände, indem sie spätere Ergänzungen und Aufteilungen einbeziehen. Mommsen erhielt 1902 den Nobelpreis für Literatur, auch als Anerkennung der stilistischen Kraft dieses Werkes. Wichtig ist: Er verfasste keine abgeschlossene politische Gesamtdarstellung der Kaiserzeit, sondern legte den Schwerpunkt auf Republik und Provinzgeschichte unter der Kaiserherrschaft.

Mommsens Darstellung ist tief in den Institutionen der römischen Republik verankert. Der Senat, die Volksversammlungen und die jährlich wechselnden Magistraturen bilden das Gerüst, an dem er politische Entscheidungsprozesse analysiert. Seine juristische Expertise, ausgearbeitet auch im mehrbändigen Römischen Staatsrecht, erlaubte ihm, Kompetenzbereiche, Vetorechte und legale Verfahren mit größter Genauigkeit zu rekonstruieren. Diese institutionelle Perspektive schärft zugleich den Blick für langfristige Funktionsweisen – Patronage, Klientelwesen, Amtskarrieren –, die hinter den Ereignissen wirken. So verbindet sich erzählerische Kraft mit einer Analyse der formalen und informellen Regeln republikanischer Politik.

In den frühen Phasen Roms sieht Mommsen die langsame Integration Italiens: von der latinischen Städtekonföderation über Eroberungen bis zur Einbindung italerischer Gemeinden in ein mehrstufiges Bürgerrechtssystem. Der Konflikt der Stände – Patrizier gegen Plebeier – erscheint als sozialer und verfassungsrechtlicher Aushandlungsprozess, der neue Ämter, Kompromisse und Rechtsgarantien hervorbringt. Im Hintergrund stehen agrarische Strukturen, Wehrpflicht und städtische Organisation. Mommsen betont, wie rechtlich abgestufte Zugehörigkeiten politische Loyalitäten steuern. Indirekt spiegelt diese Entwicklung zeitgenössische Debatten des 19. Jahrhunderts über nationale Integration, ohne dass er simple Analogien behauptet.

Mit den Punischen Kriegen und der Expansion über das Mittelmeer richtet Mommsen den Blick auf die Entstehung römischer Hegemonie. Der Konflikt mit Karthago verdeutlicht maritime Logistik, Finanzkraft und Bündnissysteme. Die Eroberung Siziliens, Spaniens und schließlich Griechenlands führt zur Provinzialisierung eroberter Gebiete. Mommsen beschreibt die Transformation eines Stadtstaats zum Großreich: Militärische Spitzenleistungen, fiskalische Mechanismen und die Übernahme vorhandener Verwaltungspraktiken wirken zusammen. Zugleich registriert er Verschiebungen in der politischen Kultur Roms, die durch Reichtum, Kriegsbeute und neue wirtschaftliche Möglichkeiten in Gang gesetzt werden und die republikanische Balance belasten.

Die Begegnung mit dem Hellenismus interpretiert Mommsen als kulturelle Prägekraft ersten Ranges. Griechische Sprache, Literatur, Philosophie und Künste durchdringen die römische Elitekultur. Mommsen, selbst philologisch geschult, stützt sich auf literarische Quellen, doch er betont ebenso epigraphische und numismatische Evidenz, um Veränderungen im öffentlichen Leben nachzuzeichnen. Er zeigt, wie römische Normen adaptiert, nicht ersetzt werden: Recht, Verwaltung und Militär bleiben römisch, doch Bildungsideale und Formen öffentlicher Repräsentation verschieben sich. So entsteht ein hybrid geprägter Kulturraum, dessen Spannungen die spätere politische Krise mitbedingen.

Sozial- und wirtschaftsgeschichtlich hebt Mommsen die wachsende Rolle von Sklaverei, Großgrundbesitz und Kapital hervor. Kriegseroberungen speisen Sklavenmärkte; Latifundien breiten sich aus; freie Kleinbauern geraten unter Druck. Münzprägung, Kreditsysteme und die Integration der Mittelmeerökonomien beschleunigen die Kommerzialisierung. Mommsen verbindet diese Faktoren mit der Aushöhlung republikanischer Ordnungen: Patronage wird intensiver, Wahlkämpfe kostspieliger, Korruption systemisch. Seine Deutung verknüpft Eigentumsstruktur, Militärrekrutierung und politische Repräsentation – ein Ansatz, der das Werk tief in die damals aufkommende sozialökonomische Geschichtsschreibung einbettet.

Die Reformbewegungen der Gracchen markieren in Mommsens Darstellung einen Wendepunkt. Grundverteilung, Getreideversorgung und die Gerichtsbarkeit gegen Senatoren werden zu Hebeln politischer Mobilisierung. Auf die Gracchen folgen Gewalt und Bürgerkriegserfahrung: Bundesgenossenkrieg, die heikle Ausweitung des Bürgerrechts, Marius’ Heeresreform und Sullas Diktatur mit Proskriptionen und Verfassungsumbauten. Mommsen kritisiert die senatsaristokratische Blockadehaltung ebenso wie die Desintegration der legalen Ordnung. Er schildert die Instrumentalisierung der Gerichte und die Schwächung der Kollegialität der Ämter – Symptome eines Systems, das seine Konflikte kaum noch institutionell bearbeitet.

In der Spätphase der Republik strukturieren Persönlichkeiten wie Pompeius und Caesar die politische Arena. Das informelle Bündnis führender Männer, der spätere Bruch und die Bürgerkriege stehen im Zentrum. Mommsen entwickelt eine weithin diskutierte Caesar-Deutung: Er würdigt Caesars organisatorische und rechtsetzende Leistung als Versuch, die republikanische Anarchie in eine geordnete Staatsgewalt zu überführen. Dabei bleibt seine Darstellung wertend und lädt zu Widerspruch ein; spätere Forschung hat Bewertungen relativiert oder umgedeutet. Doch die Verbindung von Quellenkenntnis, politischer Diagnose und stilistischer Dichte machte diesen Abschnitt besonders wirkmächtig.

Provinzverwaltung und Reichsintegration erhalten bei Mommsen breiten Raum, vor allem in seinen späteren Studien zu den Provinzen von Caesar bis Diokletian. Steuersysteme, Gemeindestatut, Stadträte und die Rolle lokaler Eliten bilden die Achsen römischer Herrschaft. Er nutzt Inschriften, Münzfunde und Stadtrechtsfragmente, um Funktionsweisen außerhalb Roms zu erhellen. Diese Perspektive korrespondiert mit Mommsens eigener Arbeit am Corpus Inscriptionum Latinarum, einem Großunternehmen der Berliner Akademie, das seit den 1850er Jahren die epigraphische Basisforschung standardisierte. So verschiebt sich der Fokus vom Zentrum in die Fläche – ein methodischer Fortschritt.

Militär, Infrastruktur und Technik erscheinen bei Mommsen als Werkzeuge imperialer Kohäsion. Straßen, Brücken und Meilensteine strukturieren Raum und Versorgung; Legionslager sichern Grenzen und Transitwege. Er betont die logistisches Denken fördernde Kombination aus standardisierter Ausrüstung, Straßenbau und regionalen Ressourcen. Auch administrative Technik – etwa präzisere Kalenderrechnung nach Caesars Reform – dient als Integrationsmedium. Diese materiellen und organisatorischen Rahmenbedingungen prägen den Alltag von Soldaten, Kaufleuten und Bauern und erklären, warum römische Macht über große Distanzen wirksam blieb, ohne an jeder Stelle dichte Beamtenapparate zu unterhalten.

Religion und politisches Gemeinwesen sind bei Mommsen eng verschränkt. Priesterkollegien, Augurenrecht und kultische Kalender strukturieren öffentliche Zeit und Legitimation. In der späten Republik politisiert sich Religion, wenn Omina instrumentalisiert und Auspizien in Streitigkeiten einbezogen werden. Unter der Kaiserherrschaft entsteht – in den Provinzen unterschiedlich stark – ein Kult um den princeps, der Loyalität symbolisch bündelt. Mommsens juristisch-institutioneller Ansatz macht deutlich, wie religiöse Formen Normen und Verfahrensweisen stabilisieren, ohne dass er daraus eine theologische Deutung ableitet. Damit bleibt Religion eine Dimension politischer Kommunikation und sozialer Ordnung.

Die ökonomische Integration des Mittelmeerraums verortet Mommsen in Verkehrs- und Marktstrukturen. Massengüter wie Getreide, Wein und Öl bewegen sich auf See- und Landwegen; die Versorgung Roms mit annona wird zum Politikum. Häfen, Zölle und Pachtverträge rahmen den Fernhandel. Münzreformen und stabile Nominale erleichtern Transaktionen, während lokale Münzprägungen Provinzen differenzieren. Mommsen verknüpft diese Ebenen mit sozialen Effekten: Urbanisierung, neue Aufstiegswege für Unternehmer und Freigelassene, aber auch wirtschaftliche Abhängigkeiten. So entsteht ein Bild von Reichswirtschaft, das staatliche Steuerung und private Initiative in wechselseitiger Spannung zeigt.

Im wissenschaftlichen Kontext steht Mommsen neben der rankeanisch geprägten Schulung an Quellen, doch seine Erzählhaltung bleibt energischer, parteilicher. Das 19. Jahrhundert brachte methodische Neuerungen: Systematische Epigraphik, Numismatik, archäologische Ausgrabungen – von Pompeji bis zu Provinzstädten – lieferten verlässliche Daten. Die Preußische Akademie koordinierte Großprojekte, darunter das Corpus Inscriptionum Latinarum, dessen Aufbau Mommsen maßgeblich vorantrieb. Diese Infrastruktur ermöglichte eine empirisch saturierte Geschichte Roms, die über literarische Kanontexte hinausgreift und den Blick für regionale Vielfalt stärkt. Mommsens Werk ist somit Produkt und Motor dieser Methodisierung.

Mommsens politische Biografie bildet einen interpretativen Hintergrund. Er engagierte sich 1848/49 liberal, trat später in preußischen Gremien für Rechtsstaatlichkeit und parlamentarische Kontrolle ein und geriet in Konflikte mit autoritärer Regierungspraxis. Diese Erfahrungen schärften seine Sensibilität für das Spannungsverhältnis zwischen Oligarchie, Volksrechten und handlungsfähiger Exekutive. In der Römischen Geschichte spiegelt sich das in seiner Kritik an der senatsaristokratischen Blockadepolitik und in der Wertschätzung kompetenter, legal gebundener Führung. Er zieht keine direkten Gleichungen zur Gegenwart, aber seine Urteile sind von den politischen Lernprozessen seiner Zeit erkennbar geprägt.

Das 19. Jahrhundert veränderte auch die materiellen Bedingungen des Wissens. Eisenbahnnetze, billigeres Papier und spezialisierte Verlage verbreiteten Forschung rasch in einem bürgerlichen Bildungsmarkt. Öffentliche Vorlesungen, Lesezirkel und Übersetzungen machten Mommsens Werk europaweit präsent. Gleichzeitig professionalisierten sich Archive und Bibliotheken. Die weite Resonanz erzeugte Debatten: über Caesarismus, über die moralische Bewertung römischer Eroberungen und über die Rolle des Rechts in historischen Transformationsprozessen. 1902 würdigte der Nobelpreis Mommsens Verbindung von Gelehrsamkeit und literarischer Kraft – ungewöhnlich für einen Historiker, aber bezeichnend für die Wirkung seines Stils.

Innerhalb des Werkes kommentiert Mommsen die römische Gesellschaft, indem er die Triebkräfte von Ordnung und Desintegration freilegt: Eigentum, Militär, Recht, politische Kultur. Seine Diagnose, dass Institutionen nur funktionieren, wenn sie soziale Realitäten aufnehmen, war eine indirekte Kritik an zeitgenössischer Verfassungsrhetorik ohne gesellschaftliche Basis. Die Anerkennung Caesars als ordnender Staatsmann spiegelt eine Suche nach effektiver, rechtlich gebundener Exekutive, nicht nach Willkürherrschaft. Gleichzeitig mahnt er vor oligarchischer Selbstblockade. So wird die Römische Geschichte zu einer historisch fundierten Reflexion über Staatsfähigkeit, Bürgerrecht und die Bedingungen freiheitlicher Ordnung.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Theodor Mommsen (1817–1903) gilt als einer der bedeutendsten Gelehrten des 19. Jahrhunderts: Althistoriker, Jurist, Epigraphiker und stilkräftiger Publizist. Mit seiner Römischen Geschichte prägte er die Wahrnehmung der Antike weit über die Fachwelt hinaus, und seine editorische Arbeit an lateinischen Inschriften setzte methodische Maßstäbe. Er verband philologische Präzision, juristische Systematik und historisches Erzählen zu einem einflussreichen Gesamtwerk. Die wissenschaftliche wie literarische Wirkung fand späte internationale Anerkennung im Nobelpreis für Literatur 1902. Mommsen wirkte in der Gelehrtenrepublik des deutschsprachigen Raums und prägte Debatten von der Revolutionsepoche bis ins wilhelminische Kaiserreich. Seine Autorität reichte in akademische Institutionen und die Öffentlichkeit.

Ausgebildet wurde Mommsen an der Universität Kiel, wo er Rechtswissenschaft und altertumswissenschaftliche Hilfsfächer studierte. Geprägt wurde er von der Historischen Rechtsschule um Friedrich Carl von Savigny sowie von der kritischen Geschichtsschreibung Barthold Georg Niebuhrs. Bereits früh verband er juristische Fragestellungen mit philologischer Quellenarbeit. Ein mehrjähriger Aufenthalt in Italien in den 1840er-Jahren, gefördert durch öffentliche Mittel, führte ihn zu systematischen Erhebungen lateinischer Inschriften. Diese Feldforschung schuf die Basis für spätere epigraphische Großunternehmen. Zugleich betätigte er sich sprachwissenschaftlich; sein Werk Die unteritalischen Dialekte (1850) zeigte seine Fähigkeit, Linguistik, Geschichte und Materialkenntnis produktiv zu verbinden.

In der politischen und intellektuellen Aufbruchsstimmung von 1848 engagierte sich Mommsen publizistisch und akademisch. Er lehrte in Leipzig und verband dort römisches Recht mit historischer Methode, was ihm rasch Aufmerksamkeit eintrug. Die Nachwehen der Revolution führten jedoch 1851 zum Verlust seiner Stellung infolge staatlicher Repressionen gegen liberale Professoren. Diese Zäsur lenkte seine Kräfte noch stärker auf die systematische Auswertung antiker Quellen. Kurz darauf begann die Ausarbeitung der Römischen Geschichte, deren erste Bände Mitte der 1850er-Jahre erschienen und sein Profil als Gelehrter mit literarischer Ausdruckskraft wie analytischer Strenge nachhaltig prägten und breite Leserschaft fanden.

Nach Stationen in der Schweiz und Schlesien festigte sich seine akademische Laufbahn. Er wirkte 1852 bis 1854 als Professor in Zürich, ging anschließend nach Breslau und übernahm 1858 in Berlin einen Lehrstuhl sowie zentrale Aufgaben in der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Dort wurde er zum Motor des Corpus Inscriptionum Latinarum, eines bis heute fortgesetzten Großprojekts zur Edition römischer Inschriften. Mommsen entwickelte strenge editorische Prinzipien, verband Reisen, Archivarbeit und akribische Autopsie von Steindenkmälern und schuf so verlässliche Grundlagenforschung. Die epigraphischen Unternehmungen formten zugleich neue Felder wie Prosopographie und Verwaltungsgeschichte. Internationale Kooperationen trugen die Arbeit weit über Berlin hinaus.

Sein bekanntestes Buch, die mehrbändige Römische Geschichte, erschien 1854 bis 1856 und verband quellengesättigte Analyse mit einer eindringlichen, teils polemischen Darstellung der römischen Republik. Später ergänzte er das Panorama mit dem Band über die Provinzen des römischen Kaiserreichs (1885). Parallel legte er monumentale rechtsgeschichtliche Studien vor: das Römische Staatsrecht (1871–1888) und das Römische Strafrecht (1899), die Grundlagen für das Verständnis römischer Institutionen und Kategorien schufen. Die Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, fanden große Resonanz bei Fachleuten und breitem Publikum und trugen wesentlich zu der Nobelpreiswürdigung kurz vor seinem Tod bei.

Mommsens öffentliches Wirken blieb eng mit zeitgenössischen Debatten verknüpft. Er vertrat liberale Positionen, plädierte für den Rechtsstaat und engagierte sich parlamentarisch: zeitweise im Preußischen Abgeordnetenhaus, später in den frühen 1880er-Jahren im Reichstag. Seine Reden und Artikel verbanden historische Argumente mit aktuellen Fragen von Verfassung, Bürgerschaft und Verwaltung. Er bezog zudem klar Stellung gegen den aufkommenden Antisemitismus und verteidigte Wissenschaftsfreiheit und bürgerliche Gleichberechtigung. Die Auseinandersetzung mit römischer Republik und Kaiserzeit lieferte ihm dabei Vergleichsrahmen, um moderne Staatsbildung, Machtbalance und Gesetzgebung kritisch zu beleuchten, ohne die Grenzen historischer Analogien zu überschreiten und populistisch verkürzte Deutungen zurückzuweisen.

In seinen späten Jahren arbeitete Mommsen unvermindert an Editionen, Rechtsstudien und Synthesen zur römischen Geschichte. Das Corpus Inscriptionum Latinarum wuchs unter seiner Leitung zu einem Referenzunternehmen, das bis heute fortgeführt wird. 1902 erhielt er den Nobelpreis für Literatur als Würdigung seines historischen Schreibens; er starb 1903 in Charlottenburg. Sein Vermächtnis umfasst methodische Strenge in Epigraphik und Rechtsgeschichte, eine lebendige, quellenbasierte Erzählkunst und ein Verständnis römischer Staatlichkeit, das Debatten über Politik und Recht nachhaltig beeinflusste. In der Gegenwart wird sein Werk kritisch gelesen und bleibt zugleich ein Fundament altertumswissenschaftlicher Praxis und Ausbildung.

Römische Geschichte (Alle 6 Bände)

Hauptinhaltsverzeichnis
Erster Band
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Zweiter Band
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
Dritter Band
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Vierter Band
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
Fünfter Band
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
Sechster Band
Einleitung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel

Erster Band

Bis zur Abschaffung des römischen Königtums

Inhaltsverzeichnis

Τά παλαίστερα σαφώς μέν ευρείν διά χρόνου πλήθος αδύνατα ήν. Εκ δέ τεκμηρίων ων επί μακρότατον σκοπούντί μοι πιστεύσαι ξυμβαίνει ου μεγάλα νομίζω γενέσθαι, ούτε κατά τούς πολέμους οίτε ες τά άλλα.

Die älteren Begebenheiten ließen sich wegen der Länge der Zeit nicht genau erforschen; aber aus Zeugnissen, die sich mir bei der Prüfung im großen Ganzen als verläßlich erwiesen, glaube ich, daß sie nicht erheblich waren, weder in bezug auf die Kriege noch sonst.

(Thukydides)

1. Kapitel

Einleitung

Inhaltsverzeichnis

Rings um das mannigfaltig gegliederte Binnenmeer, das tief einschneidend in die Erdfeste den größten Busen des Ozeans bildet und, bald durch Inseln oder vorspringende Landfesten verengt, bald wieder sich in beträchtlicher Breite ausdehnend, die drei Teile der Alten Welt scheidet und verbindet, siedelten in alten Zeiten Völkerstämme sich an, welche, ethnographisch und sprachgeschichtlich betrachtet, verschiedenen Rassen angehörig, historisch ein Ganzes ausmachen. Dies historische Ganze ist es, was man nicht passend die Geschichte der alten Welt zu nennen pflegt, die Kulturgeschichte der Anwohner des Mittelmeers, die in ihren vier großen Entwicklungsstadien an uns vorüberfährt: die Geschichte des koptischen oder ägyptischen Stammes an dem südlichen Gestade, die der aramäischen oder syrischen Nation, die die Ostküste einnimmt und tief in das innere Asien hinein bis an den Euphrat und Tigris sich ausbreitet, und die Geschichte des Zwillingsvolkes der Hellenen und der Italiker, welche die europäischen Uferlandschaften des Mittelmeers zu ihrem Erbteil empfingen. Wohl knüpft jede dieser Geschichten an ihren Anfängen an andere Gesichts- und Geschichtskreise an; aber jede auch schlägt bald ihren eigenen abgesonderten Gang ein. Die stammfremden oder auch stammverwandten Nationen aber, die diesen großen Kreis umwohnen, die Berber und Neger Afrikas, die Araber, Perser und Inder Asiens, die Kelten und Deutschen Europas, haben mit jenen Anwohnern des Mittelmeers wohl auch vielfach sich berührt, aber eine eigentlich bestimmende Entwicklung doch weder ihnen gegeben noch von ihnen empfangen; und soweit überhaupt Kulturkreise sich abschließen lassen, kann derjenige als eine Einheit gelten, dessen Höhepunkt die Namen Theben, Karthago, Athen und Rom bezeichnen. Es haben jene vier Nationen, nachdem jede von ihnen auf eigener Bahn zu einer eigentümlichen und großartigen Zivilisation gelangt war, in mannigfaltigster Wechselbeziehung zueinander alle Elemente der Menschennatur scharf und reich durchgearbeitet und entwickelt, bis auch dieser Kreis erfüllt war, bis neue Völkerschaften, die bis dahin das Gebiet der Mittelmeerstaaten nur wie die Wellen den Strand umspült hatten, sich über beide Ufer ergossen und, indem sie die Südküste geschichtlich trennten von der nördlichen, den Schwerpunkt der Zivilisation verlegten vom Mittelmeer an den Atlantischen Ozean. So scheidet sich die alte Geschichte von der neuen nicht bloß zufällig und chronologisch; was wir die neue Geschichte nennen, ist in der Tat die Gestaltung eines neuen Kulturkreises, der in mehreren seiner Entwicklungsepochen wohl anschließt an die untergehende oder untergegangene Zivilisation der Mittelmeerstaaten wie diese an die älteste indogermanische, aber auch wie diese bestimmt ist, eine eigene Bahn zu durchmessen und Völkerglück und Völkerleid im vollen Maße zu erproben: die Epochen der Entwicklung, der Vollkraft und des Alters, die beglückende Mühe des Schaffens in Religion, Staat und Kunst, den bequemen Genuß erworbenen materiellen und geistigen Besitzes, vielleicht auch dereinst das Versiegen der schaffenden Kraft in der satten Befriedigung des erreichten Zieles. Aber auch dieses Ziel wird nur ein vorläufiges sein; das großartigste Zivilisationssystem hat seine Peripherie und kann sie erfüllen, nimmer aber das Geschlecht der Menschen, dem, so wie es am Ziele zu stehen scheint, die alte Aufgabe auf weiterem Felde und in höherem Sinne neu gestellt wird.

Unsere Aufgabe ist die Darstellung des letzten Akts jenes großen weltgeschichtlichen Schauspiels, die alte Geschichte der mittleren unter den drei Halbinseln, die vom nördlichen Kontinent aus sich in das Mittelmeer erstrecken. Sie wird gebildet durch die von den westlichen Alpen aus nach Süden sich verzweigenden Gebirge. Der Apennin[1] streicht zunächst in südöstlicher Richtung zwischen dem breiteren westlichen und dem schmalen östlichen Busen des Mittelmeers, an welchen letzteren hinantretend er seine höchste, kaum indes zu der Linie des ewigen Schnees hinansteigende Erhebung in den Abruzzen erreicht. Von den Abruzzen aus setzt das Gebirge sich in südlicher Richtung fort, anfangs ungeteilt und von beträchtlicher Höhe; nach einer Einsattlung, die eine Hügellandschaft bildet, spaltet es sich in einen flacheren südöstlichen und einen steileren südlichen Höhenzug und schließt dort wie hier mit der Bildung zweier schmaler Halbinseln ab. Das nördlich zwischen Alpen und Apennin bis zu den Abruzzen hinab sich ausbreitende Flachland gehört geographisch und bis in sehr späte Zeit auch historisch nicht zu dem südlichen Berg- und Hügelland, demjenigen Italien, dessen Geschichte uns hier beschäftigt. Erst im siebenten Jahrhundert Roms wurde das Küstenland von Sinigaglia bis Rimini, erst im achten das Potal Italien einverleibt; die alte Nordgrenze Italiens sind also nicht die Alpen, sondern der Apennin. Dieser steigt von keiner Seite in steiler Kette empor, sondern breit durch das Land gelagert und vielfache, durch mäßige Pässe verbundene Täler und Hochebenen einschließend gewährt er selbst den Menschen eine wohl geeignete Ansiedelungsstätte, und mehr noch gilt dies von dem östlich, südlich und westlich an ihn sich anschließenden Vor- und Küstenland. Zwar an der östlichen Küste dehnt sich, gegen Norden von dem Bergstock der Abruzzen geschlossen und nur von dem steilen Rücken des Garganus inselartig unterbrochen, die apulische Ebene in einförmiger Fläche mit schwach entwickelter Küsten- und Strombildung aus. An der Südküste aber zwischen den beiden Halbinseln, mit denen der Apennin endigt, lehnt sich an das innere Hügelland eine ausgedehnte Niederung, die zwar an Häfen arm, aber wasserreich und fruchtbar ist. Die Westküste endlich, ein breites, von bedeutenden Strömen, namentlich dem Tiber, durchschnittenes, von den Fluten und den einst zahlreichen Vulkanen in mannigfaltigster Tal- und Hügel-, Hafen- und Inselbildung entwickeltes Gebiet, bildet in den Landschaften Etrurien, Latium und Kampanien den Kern des italischen Landes, bis südlich von Kampanien das Vorland allmählich verschwindet und die Gebirgskette fast unmittelbar von dem Tyrrhenischen Meere bespült wird. Überdies schließt, wie an Griechenland der Peloponnes, so an Italien die Insel Sizilien sich an, die schönste und größte des Mittelmeers, deren gebirgiges und zum Teil ödes Innere ringsum, vor allem im Osten und Süden, mit einem breiten Saume des herrlichsten, großenteils vulkanischen Küstenlandes umgürtet ist; und wie geographisch die sizilischen Gebirge die kaum durch den schmalen "Riß" (Ρήγιον) der Meerenge unterbrochene Fortsetzung des Apennins sind, so ist auch geschichtlich Sizilien in älterer Zeit ebenso entschieden ein Teil Italiens wie der Peloponnes von Griechenland, der Tummelplatz derselben Stämme und der gemeinsame Sitz der gleichen höheren Gesittung. Die italische Halbinsel teilt mit der griechischen die gemäßigte Temperatur und die gesunde Luft auf den mäßig hohen Bergen und im ganzen auch in den Tälern und Ebenen. In der Küstenentwicklung steht sie ihr nach; namentlich fehlt das Inselreiche Meer, das die Hellenen zur seefahrenden Nation gemacht hat. Dagegen ist Italien dem Nachbarn überlegen durch die reichen Flußebenen und die fruchtbaren und kräuterreichen Bergabhänge, wie der Ackerbau und die Viehzucht ihrer bedarf. Es ist wie Griechenland ein schönes Land, das die Tätigkeit des Menschen anstrengt und belohnt und dem unruhigen Streben die Bahnen in die Ferne, dem ruhigen die Wege zu friedlichem Gewinn daheim in gleicher Weise eröffnet. Aber wenn die griechische Halbinsel nach Osten gewendet ist, so ist es die italische nach Westen. Wie das epirotische und akarnanische Gestade für Hellas, so sind die apulischen und messapischen Küsten für Italien von untergeordneter Bedeutung; und wenn dort diejenigen Landschaften, auf denen die geschichtliche Entwicklung ruht, Attika und Makedonien, nach Osten schauen, so sehen Etrurien, Latium und Kampanien nach Westen. So stehen die beiden so eng benachbarten und fast verschwisterten Halbinseln gleichsam voneinander abgewendet; obwohl das unbewaffnete Auge von Otranto aus die akrokeraunischen Berge erkennt, haben Italiker und Hellenen sich doch früher und enger auf jeder andern Straße berührt als auf der nächsten über das Adriatische Meer. Es war auch hier wie so oft in den Bodenverhältnissen der geschichtliche Beruf der Völker vorgezeichnet: die beiden großen Stämme, auf denen die Zivilisation der Alten Welt erwuchs, warfen ihre Schatten wie ihren Samen der eine nach Osten, der andere nach Westen.

Es ist die Geschichte Italiens, die hier erzählt werden soll, nicht die Geschichte der Stadt Rom. Wenn auch nach formalem Staatsrecht die Stadtgemeinde von Rom es war, die die Herrschaft erst über Italien, dann über die Welt gewann, so läßt sich doch dies im höheren geschichtlichen Sinne keineswegs behaupten und erscheint das, was man die Bezwingung Italiens durch die Römer zu nennen gewohnt ist, vielmehr als die Einigung zu einem Staate des gesamten Stammes der Italiker, von dem die Römer wohl der gewaltigste, aber doch nur ein Zweig sind.

Die italische Geschichte zerfällt in zwei Hauptabschnitte: in die innere Geschichte Italiens bis zu seiner Vereinigung unter der Führung des latinischen Stammes und in die Geschichte der italischen Weltherrschaft. Wir werden also darzustellen haben des italischen Volksstammes Ansiedelung auf der Halbinsel; die Gefährdung seiner nationalen und politischen Existenz und seine teilweise Unterjochung durch Völker anderer Herkunft und älterer Zivilisation, durch Griechen und Etrusker; die Auflehnung der Italiker gegen die Fremdlinge und deren Vernichtung oder Unterwerfung; endlich die Kämpfe der beiden italischen Hauptstämme, der Latiner und der Samniten, um die Hegemonie auf der Halbinsel und den Sieg der Latiner am Ende des vierten Jahrhunderts vor Christi Geburt oder des fünften der Stadt Rom. Es wird dies den Inhalt der beiden ersten Bücher bilden. Den zweiten Abschnitt eröffnen die Punischen Kriege; er umfaßt die reißend schnelle Ausdehnung des Römerreiches bis an und über Italiens natürliche Grenzen, den langen Status quo der römischen Kaiserzeit und das Zusammenstürzen des gewaltigen Reiches. Dies wird im dritten und den folgenden Büchern erzählt werden.

2. Kapitel

Die ältesten Einwanderungen in Italien

Inhaltsverzeichnis

Keine Kunde, ja nicht einmal eine Sage erzählt von der ersten Einwanderung des Menschengeschlechts in Italien; vielmehr war im Altertum der Glaube allgemein, daß dort wie überall die erste Bevölkerung dem Boden selbst entsprossen sei. Indes die Entscheidung über den Ursprung der verschiedenen Rassen und deren genetische Beziehungen zu den verschiedenen Klimaten bleibt billig dem Naturforscher überlassen; geschichtlich ist es weder möglich noch wichtig festzustellen, ob die älteste bezeugte Bevölkerung eines Landes daselbst autochthon oder selbst schon eingewandert ist.

Wohl aber liegt es dem Geschichtsforscher ob, die sukzessive Völkerschichtung in dem einzelnen Lande darzulegen, um die Steigerung von der unvollkommenen zu der vollkommneren Kultur und die Unterdrückung der minder kulturfähigen oder auch nur minder entwickelten Stämme durch höher stehende Nationen soweit möglich rückwärts zu verfolgen. Italien indes ist auffallend arm an Denkmälern der primitiven Epoche und steht in dieser Beziehung in einem bemerkenswerten Gegensatz zu anderen Kulturgebieten. Den Ergebnissen der deutschen Altertumsforschung zufolge muß in England, Frankreich, Norddeutschland und Skandinavien, bevor indogermanische Stämme hier sich ansässig machten, ein Volk vielleicht tschudischer Rasse gewohnt oder vielmehr gestreift haben, das von Jagd und Fischfang lebte, seine Geräte aus Stein, Ton oder Knochen verfertigte und mit Tierzähnen und Bernstein sich schmückte, des Ackerbaues aber und des Gebrauchs der Metalle unkundig war. In ähnlicher Weise ging in Indien der indogermanischen eine minder kulturfähige dunkelfarbige Bevölkerung vorauf. In Italien aber begegnen weder Trümmer einer verdrängten Nation, wie im keltisch-germanischen Gebiet die Finnen und Lappen und die schwarzen Stämme in den indischen Gebirgen sind, noch ist daselbst bis jetzt die Verlassenschaft eines verschollenen Urvolkes nachgewiesen worden, wie sie die eigentümlich gearteten Gerippe, die Mahlzeit- und Grabstätten der sogenannten Steinepoche des deutschen Altertums zu offenbaren scheinen. Es ist bisher nichts zum Vorschein gekommen, was zu der Annahme berechtigt, daß in Italien die Existenz des Menschengeschlechts älter sei als die Bebauung des Ackers und das Schmelzen der Metalle; und wenn wirklich innerhalb der Grenzen Italiens das Menschengeschlecht einmal auf der primitiven Kulturstufe gestanden hat, die wir den Zustand der Wildheit zu nennen pflegen, so ist davon doch jede Spur schlechterdings ausgelöscht.

Die Elemente der ältesten Geschichte sind die Völkerindividuen, die Stämme. Unter denen, die uns späterhin in Italien begegnen, ist von einzelnen, wie von den Hellenen, die Einwanderung, von anderen, wie von den Brettiern und den Bewohnern der sabinischen Landschaft, die Denationalisierung geschichtlich bezeugt. Nach Ausscheidung beider Gattungen bleiben eine Anzahl Stämme übrig, deren Wanderungen nicht mehr mit dem Zeugnis der Geschichte, sondern höchstens auf aprioristischem Wege sich nachweisen lassen und deren Nationalität nicht nachweislich eine durchgreifende Umgestaltung von außen her erfahren hat; diese sind es, deren nationale Individualität die Forschung zunächst festzustellen hat. Wären wir dabei einzig angewiesen auf den wirren Wust der Völkernamen und der zerrütteten, angeblich geschichtlichen Überlieferung, welche aus wenigen brauchbaren Notizen zivilisierter Reisender und einer Masse meistens geringhaltiger Sagen, gewöhnlich ohne Sinn für Sage wie für Geschichte zusammengesetzt und konventionell fixiert ist, so müßte man die Aufgabe als eine hoffnungslose abweisen. Allein noch fließt auch für uns eine Quelle der Überlieferung, welche zwar auch nur Bruchstücke, aber doch authentische gewährt; es sind dies die einheimischen Sprachen der in Italien seit unvordenklicher Zeit ansässigen Stämme. Ihnen, die mit dem Volke selbst geworden sind, war der Stempel des Werdens zu tief eingeprägt, um durch die nachfolgende Kultur gänzlich verwischt zu werden. Ist von den italischen Sprachen auch nur eine vollständig bekannt, so sind doch von mehreren anderen hinreichende Überreste erhalten, um der Geschichtsforschung für die Stammverschiedenheit oder Stammverwandtschaft und deren Grade zwischen den einzelnen Sprachen und Völkern einen Anhalt zu gewähren.

So lehrt uns die Sprachforschung drei italische Urstämme unterscheiden, den iapygischen, den etruskischen und den italischen, wie wir ihn nennen wollen, von welchen der letztere in zwei Hauptzweige sich spaltet: das latinische Idiom und dasjenige, dem die Dialekte der Umbrer, Marser, Volsker und Samniten angehören.

Von dem iapygischen Stamm haben wir nur geringe Kunde. Im äußersten Südosten Italiens, auf der messapischen oder kalabrischen Halbinsel, sind Inschriften in einer eigentümlichen verschollenen Sprache1 in ziemlicher Anzahl gefunden worden, unzweifelhaft Trümmer des Idioms der Iapyger[2], welche auch die Oberlieferung mit großer Bestimmtheit von den latinischen und samnitischen Stämmen unterscheidet; glaubwürdige Angaben und zahlreiche Spuren führen dahin, daß die gleiche Sprache und der gleiche Stamm ursprünglich auch in Apulien heimisch war. Was wir von diesem Volke jetzt wissen, genügt wohl, um dasselbe von den übrigen Italikern bestimmt zu unterscheiden, nicht aber, um positiv den Platz zu bestimmen, welcher dieser Sprache und diesem Volk in der Geschichte des Menschengeschlechts zukommt. Die Inschriften sind nicht enträtselt, und es ist kaum zu hoffen, daß dies dereinst gelingen wird. Daß der Dialekt den indogermanischen beizuzählen ist, scheinen die Genetivformen aihi und ihi entsprechend dem sanskritischen asya, dem griechischen οιο anzudeuten. Andere Kennzeichen, zum Beispiel der Gebrauch der aspirierten Konsonanten und das Vermeiden der Buchstaben m und t im Auslaut, zeigen diesen iapygischen in wesentlicher Verschiedenheit von den italischen und in einer gewissen Übereinstimmung mit den griechischen Dialekten. Die Annahme einer vorzugsweise engen Verwandtschaft der iapygischen Nation mit den Hellenen findet weitere Unterstützung in den auf den Inschriften mehrfach hervortretenden griechischen Götternamen und in der auffallenden, von der Sprödigkeit der übrigen italischen Nationen scharf abstechenden Leichtigkeit, mit der die Iapyger sich hellenisierten: Apulien, das noch in Timaeos' Zeit[3] (400 Roms, [350]) als ein barbarisches Land geschildert wird, ist im sechsten Jahrhundert der Stadt, ohne daß irgendeine unmittelbare Kolonisierung von Griechenland aus dort stattgefunden hätte, eine durchaus griechische Landschaft geworden, und selbst bei dem rohen Stamm der Messapier zeigen sich vielfache Ansätze zu einer analogen Entwicklung. Bei dieser allgemeinen Stamm- oder Wahlverwandtschaft der Iapyger mit den Hellenen, die aber doch keineswegs so weit reicht, daß man die Iapygersprache als einen rohen Dialekt des Hellenischen auffassen könnte, wird die Forschung vorläufig wenigstens stehen bleiben müssen, bis ein schärferes und besser gesichertes Ergebnis zu erreichen steht2. Die Lücke ist indes nicht sehr empfindlich; denn nur weichend und verschwindend zeigt sich uns dieser beim Beginn unserer Geschichte schon im Untergehen begriffene Volksstamm. Der wenig widerstandsfähige, leicht in andere Nationalitäten sich auflösende Charakter der iapygischen Nation paßt wohl zu der Annahme, welche durch ihre geographische Lage wahrscheinlich gemacht wird, daß dies die ältesten Einwanderer oder die historischen Autochthonen Italiens sind. Denn unzweifelhaft sind die ältesten Wanderungen der Völker alle zu Lande erfolgt; zumal die nach Italien gerichteten, dessen Küste zur See nur von kundigen Schiffern erreicht werden kann und deshalb noch in Homers Zeit den Hellenen völlig unbekannt war. Kamen aber die früheren Ansiedler über den Apennin, so kann, wie der Geolog aus der Schichtung der Gebirge ihre Entstehung erschließt, auch der Geschichtsforscher die Vermutung wagen, daß die am weitesten nach Süden geschobenen Stämme die ältesten Bewohner Italiens sein werden; und eben an dessen äußerstem südöstlichen Saume begegnen wir der iapygischen Nation.

Die Mitte der Halbinsel ist, soweit unsere zuverlässige Überlieferung zurückreicht, bewohnt von zwei Völkern oder vielmehr zwei Stämmen desselben Volkes, dessen Stellung in dem indogermanischen Volksstamm sich mit größerer Sicherheit bestimmen läßt, als dies bei der iapygischen Nation der Fall war. Wir dürfen dies Volk billig das italische heißen, da auf ihm die geschichtliche Bedeutung der Halbinsel beruht; es teilt sich in die beiden Stämme der Latiner einerseits, anderseits der Umbrer mit deren südlichen Ausläufern, den Marsern und Samniten und den schon in geschichtlicher Zeit von den Samniten ausgesandten Völkerschaften. Die sprachliche Analyse der diesen Stämmen angehörenden Idiome hat gezeigt, daß sie zusammen ein Glied sind in der indogermanischen Sprachenkette, und daß die Epoche, in der sie eine Einheit bildeten, eine verhältnismäßig späte ist. Im Lautsystem erscheint bei ihnen der eigentümliche Spirant f, worin sie übereinstimmen mit den Etruskern, aber sich scharf scheiden von allen hellenischen und hellenobarbarischen Stämmen, sowie vom Sanskrit selbst. Die Aspiraten dagegen, die von den Griechen durchaus und die härteren davon auch von den Etruskern festgehalten werden, sind den Italikern ursprünglich fremd und werden bei ihnen vertreten durch eines ihrer Elemente, sei es durch die Media, sei es durch den Hauch allein f oder h. Die feineren Hauchlaute s, w, j, die die Griechen soweit möglich beseitigen, sind in den italischen Sprachen wenig beschädigt erhalten, ja hie und da noch weiter entwickelt worden. Das Zurückziehen des Akzents und die dadurch hervorgerufene Zerstörung der Endungen haben die Italiker zwar mit einigen griechischen Stämmen und mit den Etruskern gemein, jedoch in stärkerem Grad als jene, in geringerem als diese angewandt; die unmäßige Zerrüttung der Endungen im Umbrischen ist sicher nicht in dem ursprünglichen Sprachgeist begründet, sondern spätere Verderbnis, welche sich in derselben Richtung wenngleich schwächer auch in Rom geltend gemacht hat. Kurze Vokale fallen in den italischen Sprachen deshalb im Auslaut regelmäßig, lange häufig ab; die schließenden Konsonanten sind dagegen im Lateinischen und mehr noch im Samnitischen mit Zähigkeit festgehalten worden, während das Umbrische auch diese fallen läßt. Damit hängt es zusammen, daß die Medialbildung in den italischen Sprachen nur geringe Spuren zurückgelassen hat und dafür ein eigentümliches, durch Anfügung von r gebildetes Passiv an die Stelle tritt; ferner daß der größte Teil der Tempora durch Zusammensetzungen mit den Wurzeln es und fu gebildet wird, während den Griechen neben dem Augment die reichere Ablautung den Gebrauch der Hilfszeitwörter großenteils erspart. Während die italischen Sprachen wie der äolische Dialekt auf den Dual verzichteten, haben sie den Ablativ, der den Griechen verlorenging, durchgängig, großenteils auch den Lokativ erhalten. Die strenge Logik der Italiker scheint Anstoß daran genommen zu haben, den Begriff der Mehrheit in den der Zweiheit und der Vielheit zu spalten, während man die in den Beugungen sich ausdrückenden Wortbeziehungen mit großer Schärfe festhielt. Eigentümlich italisch und selbst dem Sanskrit fremd ist die in den Gerundien und Supinen vollständiger als sonst irgendwo durchgeführte Substantivierung der Zeitwörter.

Diese aus einer reichen Fülle analoger Erscheinungen ausgewählten Beispiele genügen, um die Individualität des italischen Sprachstammes jedem anderen indogermanischen gegenüber darzutun und zeigen denselben zugleich sprachlich wie geographisch als nächsten Stammverwandten der Griechen; der Grieche und der Italiker sind Brüder, der Kelte, der Deutsche und der Slave ihnen Vettern. Die wesentliche Einheit aller italischen wie aller griechischen Dialekte und Stämme unter sich muß früh und klar den beiden großen Nationen selbst aufgegangen sein; denn wir finden in der römischen Sprache ein uraltes Wort rätselhaften Ursprungs, Graius oder Graicus, das jeden Hellenen bezeichnet, und ebenso bei den Griechen die analoge Benennung Οπικός, die von allen, den Griechen in älterer Zeit bekannten latinischen und samnitischen Stämmen, nicht aber von Iapygern oder Etruskern gebraucht wird.

Innerhalb des italischen Sprachstammes aber tritt das Lateinische wieder in einen bestimmten Gegensatz zu den umbrisch-samnitischen Dialekten. Allerdings sind von diesen nur zwei, der umbrische und der samnitische oder oskische Dialekt, einigermaßen, und auch diese nur in äußerst lückenhafter und schwankender Weise bekannt; von den übrigen Dialekten sind die einen, wie der volskische und der marsische, in zu geringen Trümmern auf uns gekommen, um sie in ihrer Individualität zu erfassen oder auch nur die Mundarten selbst mit Sicherheit und Genauigkeit zu klassifizieren, während andere, wie der sabinische, bis auf geringe, als dialektische Eigentümlichkeiten im provinzialen Latein erhaltene Spuren völlig untergegangen sind. Indes läßt die Kombination der sprachlichen und der historischen Tatsachen daran keinen Zweifel, daß diese sämtlichen Dialekte dem umbrisch-samnitischen Zweig des großen italischen Stammes angehört haben, und daß dieser, obwohl dem lateinischen Stamm weit näher als dem griechischen verwandt, doch auch wieder von ihm aufs bestimmteste sich unterscheidet. Im Fürwort und sonst häufig sagte der Samnite und der Umbrer p, wo der Römer q sprach – so pis für quis; ganz wie sich auch sonst nahverwandte Sprachen scheiden, zum Beispiel dem Keltischen in der Bretagne und Wales p, dem Gälischen und Irischen k eigen ist. In den Vokalen erscheinen die Diphthonge im Lateinischen und überhaupt den nördlichen Dialekten sehr zerstört, dagegen in den südlichen italischen Dialekten sie wenig gelitten haben; womit verwandt ist, daß in der Zusammensetzung der Römer den sonst so streng bewahrten Grundvokal abschwächt, was nicht geschieht in der verwandten Sprachengruppe. Der Genetiv der Wörter auf a ist in dieser wie bei den Griechen as, bei den Römern in der ausgebildeten Sprache ae; der der Wörter auf us im Samnitischen eis, im Umbrischen es, bei den Römern ei; der Lokativ tritt bei diesen im Sprachbewußtsein mehr und mehr zurück, während er in den andern italischen Dialekten in vollem Gebrauch blieb; der Dativ des Plural auf bus ist nur im Lateinischen vorhanden. Der umbrisch-samnitische Infinitiv auf um ist den Römern fremd, während das oskisch-umbrische, von der Wurzel es gebildete Futur nach griechischer Art (her-est wie λέγ-σω) bei den Römern fast, vielleicht ganz verschollen und ersetzt ist durch den Optativ des einfachen Zeitworts oder durch analoge Bildungen von fuo (ama-bo). In vielen dieser Fälle, zum Beispiel in den Kasusformen, sind die Unterschiede indes nur vorhanden für die beiderseits ausgebildeten Sprachen, während die Anfänge zusammenfallen. Wenn also die italische Sprache neben der griechischen selbständig steht, so verhält sich innerhalb jener die lateinische Mundart zu der umbrisch-samnitischen etwa wie die ionische zur dorischen, während sich die Verschiedenheiten des Oskischen und des Umbrischen und der verwandten Dialekte etwa vergleichen lassen mit denen des Dorismus in Sizilien und in Sparta.

Jede dieser Spracherscheinungen ist Ergebnis und Zeugnis eines historischen Ereignisses. Es läßt sich daraus mit vollkommener Sicherheit erschließen, daß aus dem gemeinschaftlichen Mutterschoß der Völker und der Sprachen ein Stamm ausschied, der die Ahnen der Griechen und der Italiker gemeinschaftlich in sich schloß; daß aus diesem alsdann die Italiker sich abzweigten und diese wieder in den westlichen und östlichen Stamm, der östliche noch später in Umbrer und Osker auseinander gingen.

Wo und wann diese Scheidungen stattfanden, kann freilich die Sprache nicht lehren, und kaum darf der verwegene Gedanke es versuchen, diesen Revolutionen ahnend zu folgen, von denen die frühesten unzweifelhaft lange vor derjenigen Einwanderung stattfanden, welche die Stammväter der Italiker über die Apenninen führte. Dagegen kann die Vergleichung der Sprachen, richtig und vorsichtig behandelt, von demjenigen Kulturgrade, auf dem das Volk sich befand, als jene Trennungen eintraten, ein annäherndes Bild und damit uns die Anfänge der Geschichte gewähren, welche nichts ist als die Entwicklung der Zivilisation. Denn es ist namentlich in der Bildungsepoche die Sprache das treue Bild und Organ der erreichten Kulturstufe; die großen technischen und sittlichen Revolutionen sind darin wie in einem Archiv aufbewahrt, aus dessen Akten die Zukunft nicht versäumen wird, für jene Zeiten zu schöpfen, aus welchen alle unmittelbare Überlieferung verstummt ist.

Während die jetzt getrennten indogermanischen Völker einen gleichsprachigen Stamm bildeten, erreichten sie einen gewissen Kulturgrad und einen diesem angemessenen Wortschatz, den als gemeinsame Ausstattung in konventionell festgestelltem Gebrauch alle Einzelvölker übernahmen, um auf der gegebenen Grundlage selbständig weiter zu bauen. Wir finden in diesem Wortschatz nicht bloß die einfachsten Bezeichnungen des Seins, der Tätigkeiten, der Wahrnehmungen wie sum, do, pater, das heißt den ursprünglichen Widerhall des Eindrucks, den die Außenwelt auf die Brust des Menschen macht, sondern auch eine Anzahl Kulturwörter nicht bloß ihren Wurzeln nach, sondern in einer gewohnheitsmäßig ausgeprägten Form, welche Gemeingut des indogermanischen Stammes und weder aus gleichmäßiger Entfaltung noch aus späterer Entlehnung erklärbar sind. So besitzen wir Zeugnisse für die Entwicklung des Hirtenlebens in jener fernen Epoche in den unabänderlich fixierten Namen der zahmen Tiere: sanskritisch gâus ist lateinisch bos, griechisch βούς; sanskritisch avis ist lateinisch ovis, griechisch όις; sanskritisch açvas, lateinisch equus, griechisch ίππος; sanskritisch hansas, lateinisch anser, griechisch χήν; sanskritisch âtis, griechisch νήσσα, lateinisch anas; ebenso sind pecus, sus, porcus, taurus, canis sanskritische Wörter. Also schon in dieser fernsten Epoche hatte der Stamm, auf dem von den Tagen Homers bis auf unsere Zeit die geistige Entwicklung der Menschheit beruht, den niedrigsten Kulturgrad der Zivilisation, die Jäger- und Fischerepoche, überschritten und war zu einer wenigstens relativen Stetigkeit der Wohnsitze gelangt. Dagegen fehlt es bis jetzt an sicheren Beweisen dafür, daß schon damals der Acker gebaut worden ist. Die Sprache spricht eher dagegen als dafür. Unter den lateinisch-griechischen Getreidenamen kehrt keiner wieder im Sanskrit mit einziger Ausnahme von ζέα, das sprachlich dem sanskritischen yavas entspricht, übrigens im Indischen die Gerste, im Griechischen den Spelt bezeichnet. Es muß nun freilich zugegeben werden, daß diese von der wesentlichen Übereinstimmung der Benennungen der Haustiere so scharf abstechende Verschiedenheit in den Namen der Kulturpflanzen eine ursprüngliche Gemeinschaft des Ackerbaues noch nicht unbedingt ausschließt; in primitiven Verhältnissen ist die Übersiedelung und Akklimatisierung der Pflanzen schwieriger als die der Tiere, und der Reisbau der Inder, der Weizen- und Speltbau der Griechen und Römer, der Roggen- und Haferbau der Germanen und Kelten könnten an sich wohl alle auf einen gemeinschaftlichen ursprünglichen Feldbau zurückgehen. Aber auf der andern Seite ist die den Griechen und Indern gemeinschaftliche Benennung einer Halmfrucht doch höchstens ein Beweis dafür, daß man vor der Scheidung der Stämme die in Mesopotamien wildwachsenden Gersten- und Speltkörner3 sammelte und aß, nicht aber dafür, daß man schon Getreide baute. Wenn sich hier nach keiner Seite hin eine Entscheidung ergibt, so führt dagegen etwas weiter die Beobachtung, daß eine Anzahl der wichtigsten hier einschlagenden Kulturwörter im Sanskrit zwar auch, aber durchgängig in allgemeinerer Bedeutung vorkommen: agras ist bei den Indern überhaupt Flur, kûrnu ist das Zerriebene, aritram ist Ruder und Schiff, venas das Anmutige überhaupt, namentlich der anmutende Trank. Die Wörter also sind uralt; aber ihre bestimmte Beziehung auf die Ackerflur (ager), auf das zu mahlende Getreide (granum, Korn), auf das Werkzeug, das den Boden furcht wie das Schiff die Meeresfläche (aratrum), auf den Saft der Weintraube (vinum) war bei der ältesten Teilung der Stämme noch nicht entwickelt; es kann daher auch nicht wundernehmen, wenn die Beziehungen zum Teil sehr verschieden ausfielen und zum Beispiel von dem sanskritischen kûrnu sowohl das zum Zerreiben bestimmte Korn als auch die zerreibende Mühle, gotisch quairnus, litauisch girnôs ihre Namen empfingen. Wir dürfen darnach als wahrscheinlich annehmen, daß das indogermanische Urvolk den Ackerbau noch nicht kannte, und als gewiß, daß, wenn es ihn kannte, er doch noch in der Volkswirtschaft eine durchaus untergeordnete Rolle spielte; denn wäre er damals schon gewesen, was er später den Griechen und Römern war, so hätte er tiefer der Sprache sich eingeprägt, als es geschehen ist.

Dagegen zeugen für den Häuser- und Hüttenbau der Indogermanen sanskritisch dam(as), lateinisch domus, griechisch δόμος; sanskritisch vêças, lateinisch vicus, griechisch οίκος; sanskritisch dvaras, lateinisch fores, griechisch θύρα; ferner für den Bau von Ruderbooten die Namen des Nachens – sanskritisch nâus, griechisch ναύς, lateinisch navis – und des Ruders – sanskritisch aritram, griechisch ερετμός, lateinisch remus, tri-res-mis; für den Gebrauch der Wagen und die Bändigung der Tiere zum Ziehen und Fahren sanskritisch akshas (Achse und Karren), lateinisch axis, griechisch άξων, αμ-αξα; sanskritisch iugam, lateinisch iugum, griechisch ζυγόν. Auch die Benennungen des Kleides – sanskritisch vastra, lateinisch vestis, griechisch εςθής – und des Nähens und Spinnens – sanskritisch siv, lateinisch suo; sanskritisch nah, lateinisch neo, griechisch νήθω – sind in allen indogermanischen Sprachen die gleichen. Von der höheren Kunst des Webens läßt dies dagegen nicht in gleicher Weise sich sagen4. Dagegen ist wieder die Kunde von der Benutzung des Feuers zur Speisenbereitung und des Salzes zur Würzung derselben uraltes Erbgut der indogermanischen Nationen und das gleiche gilt sogar von der Kenntnis der ältesten zum Werkzeug und zum Zierat von dem Menschen verwandten Metalle. Wenigstens vom Kupfer (aes) und Silber (argentum), vielleicht auch vom Gold kehren die Namen wieder im Sanskrit, und diese Namen sind doch schwerlich entstanden, bevor man gelernt hatte, die Erze zu scheiden und zu verwenden; wie denn auch sanskritisch asis, lateinisch ensis auf den uralten Gebrauch metallener Waffen hinleitet.

Nicht minder reichen in diese Zeiten die Fundamentalgedanken zurück, auf denen die Entwicklung aller indogermanischen Staaten am letzten Ende beruht: die Stellung von Mann und Weib zueinander, die Geschlechtsordnung, das Priestertum des Hausvaters und die Abwesenheit eines eigenen Priesterstandes sowie überhaupt einer jeden Kastensonderung, die Sklaverei als rechtliche Institution, die Rechtstage der Gemeinde bei Neumond und Vollmond. Dagegen die positive Ordnung des Gemeinwesens, die Entscheidung zwischen Königtum und Gemeindeherrlichkeit, zwischen erblicher Bevorzugung der Königs- und Adelsgeschlechter und unbedingter Rechtsgleichheit der Bürger gehört überall einer späteren Zeit an. Selbst die Elemente der Wissenschaft und der Religion zeigen Spuren ursprünglicher Gemeinschaft.

Die Zahlen sind dieselben bis hundert (sanskritisch çatam, ékaçatam, lateinisch centum, griechisch ε-κατόν, gotisch hund); der Mond heißt in allen Sprachen davon, daß man nach ihm die Zeit mißt (mensis). Wie der Begriff der Gottheit selbst (sanskritisch devas, lateinisch deus, griechisch θεός) gehören zum gemeinen Gut der Völker auch manche der ältesten Religionsvorstellungen und Naturbilder. Die Auffassung zum Beispiel des Himmels als des Vaters, der Erde als der Mutter der Wesen, die Festzüge der Götter, die in eigenen Wagen auf sorgsam gebahnten Gleisen von einem Orte zum andern ziehen, die schattenhafte Fortdauer der Seele nach dem Tode sind Grundgedanken der indischen wie der griechischen und römischen Götterlehre. Selbst einzelne der Götter vom Ganges stimmen mit den am Ilissos und am Tiber verehrten bis auf die Namen überein – so ist der Uranos der Griechen der Varunas, so der Zeus, Jovis pater, Diespiter der Djâus pitâ der Veden. Auf manche rätselhafte Gestalt der hellenischen Mythologie ist durch die neuesten Forschungen über die ältere indische Götterlehre ein ungeahntes Licht gefallen. Die altersgrauen geheimnisvollen Gestalten der Erinnyen[4] sind nicht hellenisches Gedicht, sondern schon mit den ältesten Ansiedlern aus dem Osten eingewandert. Das göttliche Windspiel Saramâ[5], das dem Herrn des Himmels die goldene Herde der Sterne und Sonnenstrahlen behütet und ihm die Himmelskühe, die nährenden Regenwolken zum Melken zusammentreibt, das aber auch die frommen Toten treulich in die Welt der Seligen geleitet, ist den Griechen zu dem Sohn der Saramâ, dem Saramêyas oder Hermeias geworden, und die rätselhafte, ohne Zweifel auch mit der römischen Cacussage zusammenhängende hellenische Erzählung von dem Raub der Rinder des Helios erscheint nun als ein letzter unverstandener Nachklang jener alten sinnvollen Naturphantasie.

Wenn die Aufgabe, den Kulturgrad zu bestimmen, den die Indogermanen vor der Scheidung der Stämme erreichten, mehr der allgemeinen Geschichte der alten Welt angehört, so ist es dagegen speziell Aufgabe der italischen Geschichte, zu ermitteln, soweit es möglich ist, auf welchem Stande die graecoitalische Nation sich befand, als Hellenen und Italiker sich voneinander schieden. Es ist dies keine überflüssige Arbeit; wir gewinnen damit den Anfangspunkt der italischen Zivilisation, den Ausgangspunkt der nationalen Geschichte.

Alle Spuren deuten dahin, daß, während die Indogermanen wahrscheinlich ein Hirtenleben führten und nur etwa die wilde Halmfrucht kannten, die Graecoitaliker ein korn-, vielleicht sogar schon ein weinbauendes Volk waren. Dafür zeugt nicht gerade die Gemeinschaft des Ackerbaues selbst, die im ganzen noch keineswegs einen Schluß auf alle Völkergemeinschaft rechtfertigt. Ein geschichtlicher Zusammenhang des indogermanischen Ackerbaus mit dem der chinesischen, aramäischen und ägyptischen Stämme wird schwerlich in Abrede gestellt werden können; und doch sind diese Stämme den Indogermanen entweder stammfremd oder doch zu einer Zeit von ihnen getrennt worden, wo es sicher noch keinen Feldbau gab. Vielmehr haben die höher stehenden Stämme vor alters wie heutzutage die Kulturgeräte und Kulturpflanzen beständig getauscht; und wenn die Annalen von China den chinesischen Ackerbau auf die unter einem bestimmten König in einem bestimmten Jahr stattgefundene Einführung von fünf Getreidearten zurückführen, so zeichnet diese Erzählung im allgemeinen wenigstens die Verhältnisse der ältesten Kulturepoche ohne Zweifel richtig. Gemeinschaft des Ackerbaus wie Gemeinschaft des Alphabets, der Streitwagen, des Purpurs und andern Geräts und Schmuckes gestattet weit öfter einen Schluß auf alten Völkerverkehr als auf ursprüngliche Volkseinheit. Aber was die Griechen und Italiker anlangt, so darf bei den verhältnismäßig wohlbekannten Beziehungen dieser beiden Nationen zueinander die Annahme, daß der Ackerbau, wie Schrift und Münze, erst durch die Hellenen nach Italien gekommen sei, als völlig unzulässig bezeichnet werden. Anderseits zeugt für den engsten Zusammenhang des beiderseitigen Feldbaus die Gemeinschaftlichkeit aller ältesten hierher gehörigen Ausdrücke: ager αγρός, aro aratrum αρόω άροτρον, ligo neben λαχαίνω, hortus χόρτος, hordeum κριθή, milium μελίνη, rapa ραφανίς, malva μαλάχη, vinum οίνος, und ebenso das Zusammentreffen des griechischen und italischen Ackerbaus in der Form des Pfluges, der auf altattischen und römischen Denkmälern ganz gleich gebildet vorkommt, in der Wahl der ältesten Kornarten: Hirse, Gerste, Spelt, in dem Gebrauch, die Ähren mit der Sichel zu schneiden und sie auf der glattgestampften Tenne durch das Vieh austreten zu lassen, endlich in der Bereitungsart des Getreides: puls πόλτος, pinso πτίσσω, mola μύλη, denn das Backen ist jüngeren Ursprungs, und wird auch deshalb im römischen Ritual statt des Brotes stets der Teig oder Brei gebraucht. Daß auch der Weinbau in Italien über die älteste griechische Einwanderung hinausgeht, dafür spricht die Benennung "Weinland" (Οινοτρία), die bis zu den ältesten griechischen Anländern hinaufzureichen scheint. Danach muß der Übergang vom Hirtenleben zum Ackerbau oder, genauer gesprochen, die Verbindung des Feldbaus mit der älteren Weidewirtschaft stattgefunden haben, nachdem die Inder aus dem Mutterschoß der Nationen ausgeschieden waren, aber bevor die Hellenen und die Italiker ihre alte Gemeinsamkeit aufhoben. Übrigens scheinen, als der Ackerbau aufkam, die Hellenen und Italiker nicht bloß unter sich, sondern auch noch mit anderen Gliedern der großen Familie zu einem Volksganzen verbunden gewesen zu sein; wenigstens ist es Tatsache, daß die wichtigsten jener Kulturwörter zwar den asiatischen Gliedern der indogermanischen Völkerfamilien fremd, aber den Römern und Griechen mit den keltischen sowohl als mit den deutschen, slawischen, lettischen Stämmen gemeinsam sind5, 6