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Dies ist ein Sammelsurium von fünfzehn Kurzgeschichten über die Liebe, vergebenen Chancen, Wurzeln, Vertrauen, verklärter Werte, über einen Mord und sogar ein Gnom ist dabei. Eine Reim- und eine Kindergeschichte nach wahren Begebenheiten haben sich ebenfalls in das Buch verirrt. Ich hoffe, ihr habt so viel Spaß beim Lesen wie ich beim Schreiben hatte.
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Seitenzahl: 95
Veröffentlichungsjahr: 2021
FreundInnen sind wie Sterne, man kann sie nicht immer sehen, sie sind aber immer da
AUS DEM LABYRINTH
GRAU AUF BUNT
STEINBERGS VERMÄCHTNIS
ONE MOMENT IN TIME
DACKEL, KATZ UND RATZ
HIN UND WEG
DORNRÖSCHEN HAT VERSCHLAFEN
LUCY RUDERT SICH FREI
WURZELN
DER WALD IN UNS
EINE WOCHE (ODER DER GANZ NORMALE WAHNSINN)
EINE HARTE NUSS
KÖNIGSKINDER
EIN GNOM ZUM VERLIEBEN
TIMMY UND DIE SCHNEEKUGEL
(nach einer wahren Begebenheit)
„Herbert, ich kann nicht mit Dir da hinein gehen.“
„Wieso? Hast Du einen Bürotermin?“
„Nein, nein. Ich habe keinen Termin, aber ich werde nicht mit Dir da hinein gehen.“
„Ich verstehe nicht...?“
„Ich werde es kaufen, mitsamt der bunten Couch, aber… aber ohne dich. Es tut mir leid.“
Eine Woche zuvor:
„Ich vereinbare den Notartermin für
Freitagmorgen, passt Dir das?“
„Ah hah ih Hehribhauhluch.“
„Wie bitte?“
Kathi nimmt die Zahnbürste aus dem Mund und versucht es noch einmal: „Da habe ich Betriebsausflug, geht es am Montag darauf?“
Herbert blättert eifrig in seinem Terminkalender.
„Vergiss nicht, dass ich am Wochenende zu meinen Eltern hinausfahre. Ich werde dann montags direkt zum Notar kommen.“
Kathi seufzt erleichtert. Zum Glück hat sie versprochen die Katze der Nachbarin am Wochenende zu füttern. Sie kann daher leider nicht zu den zukünftigen Schwiegereltern mitkommen. Ihre Gesichtsmuskeln schmerzen allein beim Gedanken an das krampfhafte Aufrechterhalten des Dauerlächelns. Während Herbert den Termin telefonisch fixiert, springt Kathi energisch in ihre Jeans und versucht die ewig wilde Mähne zu bändigen. Sie sucht ihren zweiten Schuh, schnappt Tasche und Jacke und versucht, dem telefonierenden und durch ihr Näherkommen irritiert stotternden Herbert einen Abschiedskuss zu geben. Als Kathi die kleinen, nervösen
Schweißperlen auf seiner Nase sieht, wirft sie ihm stattdessen eine Kusshand zu und verschwindet Richtung Büro.
Am Weg dorthin liebäugelt Kathi wieder mit der großen, bunten Couch in der Auslage eines Möbelladens. Jeden Tag steht sie hier und stellt sich vor, wie sie gemütlich darauf lümmelnd vorm Kaminfeuer ein Buch liest. Herbert sagt, sie ist zu groß und zu bunt.
„Vielleicht gibt es auch andere Bezüge“, überlegt Kathi. Aber gerade das Bunte macht die Couch eigentlich aus.
Die Wettervorhersage für Freitag könnte besser nicht sein, der Verlag hat sich wieder einiges für den jährlichen Betriebsausflug ausgedacht. Das Zusammenkommen außerhalb des Büros trägt immerhin maßgeblich zum hervorragenden Arbeitsklima bei. Kaum einer verließ in den vergangenen Jahren vor dem Morgengrauen die Runde. Diesmal ist Treffpunkt am Strohfest. Ein Stadel voller Strohballen mit Bar und allem was dazugehört. Es gibt mehrere Gruppen, die bestimmte Aufgaben erfüllen müssen: Sackhüpfen, ein Bild malen, ein Lied texten und vorführen, einen Dinosaurier aus Knetmasse formen und einen Schatz in einem Labyrinth finden, das in ein riesiges Maisfeld geschnitten ist. Die Leute sind gut drauf, quatschen und lachen durcheinander und beschweren sich spaßhalber über die gelosten Teammitglieder. Kathi kichert und schwatzt mit ihren Kollegen, die eigentlich ihre besten Freunde sind. Kathis Gruppe hat ein tolles Bild gemalt und ein gelungenes Lied getextet, nur der Dino sieht aus, als wäre gerade die Eiszeit angebrochen. Jetzt muss ein vom jeweiligen Team gewähltes Mitglied den Schatz im Maisfeld finden. „Kathi, Kathi, Kathi!“, rufen alle im Sprechchor.
„Na gut, na gut!“, gibt sie sich lachend geschlagen. Auf Los verschwinden sieben Mitarbeiter an verschiedenen Eingängen zwischen den grünen Stängel. Das Feld ist riesig und Kathi fragt sich, ob sie hier jemals wieder herausfinden wird. Die Gänge sind eng und immer wieder schlägt Kathi ein Blatt ins Gesicht. Aber sie ist wild entschlossen, als erste den Schatz aus dem Labyrinth zu bringen. Es ist dunstig. Kathi irrt schon minutenlang zwischen den fast reifen Maiskolben umher, immer wieder tun sich neue Abzweigungen auf. Kathi verlässt mutig die gerade, taktisch klügere Route und biegt einfach ab. Plötzlich steht Sascha vor ihr und beiden entfährt ein leiser Schrei. Der Sascha, der ihre Kaffeemaschine immer wieder repariert, der sie immer zum Lachen bringt, auch wenn er seine Beiträge nicht zeitgerecht liefert. Der sie einmal vor dem Chef in Schutz genommen hat, obwohl sie echt etwas verbockt hatte. Der ihr immer das letzte Stück Obst aus der Küche reserviert. Jetzt steht er wie angewurzelt vor ihr, mit nacktem Oberkörper, verschwitzt mit Poloshirt in der Hand und sieht ihr fest in die Augen. Kathi trifft es wie der Blitz. In ihrem Bauch summt ein Schwarm Bienen um die Wette. Es fühlt sich zumindest so an.
„Das ist mein Mann“, denkt sie benebelt aber doch klarer als sie je zuvor in ihrem Leben etwas begriffen hat. Sekundenlang schauen sie sich in die Augen. Zugleich machen sie einen Schritt aufeinander zu. Kathi hat den Schatz gefunden.
„Mama, stimmt das eigentlich?“
„Was denn, Murkelchen?“
„Papa sagt, Du wolltest mit dem Herbert unser Haus kaufen und hast ihm vor dem
Papierkramtermin stehen lassen?“
„Ja. Den Papierkram macht übrigens ein Notar.“
„Und Du hast das Haus noch am selben Tag mit Papa gekauft obwohl ihr vorher nur drei Tage zusammen wart?“
„Ja mein Schatz, so war das.“
„Aber woher wusstest Du, dass Du mit Papa zusammenbleiben willst, ihr habt Euch doch gar nicht richtig gekannt?“
„Manche Dinge weiß man eben.“
Feddersen war einer, der seine Hausschuhe, wenn er sie auszog mit Schuhsteckern versah und sie parallel zur Abtropftasse abstellte. Auch sonst führte er ein wohlgeordnetes Leben wie ein Schweizer Uhrwerk. An einem Donnerstag im November verließ Feddersen sein Büro pünktlich um 17.30 Uhr.
Der Pförtner in der Empfangshalle sagte: „Pünktlich wie immer, Herr Feddersen.“
„Stimmt genau“, sagte Feddersen. „Auf Wiedersehen.“
Nachdem er die üblichen drei Minuten an der Haltestelle gewartet hatte, stieg Feddersen in einen Bus der Linie 60. Dabei sprach er ein paar Worte mit dem Busfahrer Willy Otremba. Der fuhr schon immer diesen Bus.
„Schöner Abend heute“, sagte Feddersen.
„Soll aber noch regnen“, gab Otremba zurück.
„Dabei hatten wir doch in letzter Zeit eine ganze Menge Regen“, sagte Feddersen.
„Da haben Sie Recht.“
Freundlich nickend ging Feddersen weiter und blieb plötzlich wie erstarrt stehen. Der Bus war immer leer, wenn er ihn betrat, weil es die zweite Haltestelle der Linie 60 war und bei der ersten nie jemand zustieg. Er saß immer am Platz hinter der Ausstiegstüre. Doch heute saß etwas Schrilles, Buntes auf seinem
Stammplatz. Feddersen war so irritiert, dass er die etwa in seinem Alter auffallend farbig gekleidete Dame mit roter Mütze entsetzt anstarrte, die gerade mit einer Kamera hantierte. Sie bemerkte, dass Feddersen sie fixierte, hob den Kopf, kurz darauf die Kamera und drückte ab. Dann lachte sie laut und warf den Kopf dabei in den Nacken.
„Es tut mir leid, ich konnte nicht anders, Du hättest Deinen Blick sehen sollen.“
Feddersen war es nicht gewohnt geduzt zu werden und wirkte noch mehr verstört.
„Äh... Sie, äh... Sie sitzen auf meinem Platz“, stammelte er unsicher.
Die Dame mit der buntgemusterten Jacke, dem gestreiften Rock und der geblümten Strumpfhose lachte jetzt noch mehr.
„Sorry, ich wusste nicht, dass es hier Platzreservierungen gibt.“ Sie hob ihre knallrote Handtasche und den Fotorucksack auf ihren Schoß und meinte: „Komm, hier ist Platz für uns beide.“
Feddersen überlegte einen Moment lang, setzte sich dann aber neben sie und hob seine Aktentasche auf seine Knie.
„Hallo, ich bin Romy.“ Die grelle Dame hielt Feddersen die Hand hin.
„Ehm, angenehm Feddersen.“
„Feddersen also. Hast Du auch einen Vornamen oder wurdest Du auf Feddersen getauft?“. Wieder lachte Romy herzlich.
„Cornelius Feddersen.“
Feddersen war total aus der Bahn geworfen. Ihn hatte noch nie jemand im Bus angesprochen außer Otremba. Er war verwundert über sich, dass er das Angebot angenommen hatte, sich den Sitzplatz zu teilen. Aber er mochte Romys sonniges Lachen.
„Ich möchte ein paar Fotos machen, zeigst Du mir die Stadt?“
„Aber... aber es ist ja schon dunkel.“
„Ich möchte auch eher das Nachtleben dokumentieren, ich recherchiere gerade für einen Artikel.“
„Ach so“, hörte sich Feddersen sagen. Er sollte eigentlich nach Hause, essen richten, abwaschen, fernsehen und um 23 Uhr ins Bett. Am nächsten Morgen musste er schließlich ins Büro.
„Ich könnte Ihnen, äh... dir schon einiges zeigen.“
Was hatte er da gerade gesagt? Er würde mit einer wildfremden Frau durch die Innenstadt ziehen? Zu all den Lokalen, die er bis dato strikt gemieden hatte? Feddersen war überrascht von seiner Antwort. Romy war sichtlich froh, dass sie einen ortskundigen Begleiter dabeihatte und quatschte vergnügt drauf los. Sie erzählte von ihrem Job als Journalistin und wie sie es liebte, dadurch Land und Leute kennenzulernen. Feddersen hörte Romy gebannt zu und taute mit jedem ihrer Worte ein bisschen mehr auf. Er begann zu lächeln, zu antworten, von sich zu erzählen, seinem langweiligen Job und seinem beschaulichen Leben. „Du musst dein Büro mal ordentlich aufmischen, Conni. Tanz mal am Tisch mit deinen verstaubten Kollegen.“ Bei der Vorstellung musste Feddersen laut lachen. Otremba lenkte währenddessen den Bus vorbei an Feddersens Haltestelle und schaute verdutzt in den Rückspiegel. Als er Feddersen sah, musste er lächeln. So hatte Otremba ihn noch nie erlebt. In der Innenstadt stiegen die beiden aus und Feddersens Schritte waren erstaunlich beschwingt.
Er zeigte Romy jeden Winkel in der Innenstadt und wusste bemerkenswert viele Geschichten zu erzählen, die lange seinem hintersten Hirnwinkel geschlummert hatten. Sie aßen beim Würstelstand, tranken da und dort ein Gläschen, Romy fotografierte und machte sich Notizen. Feddersen posierte mit dem Würstchen quer im Mund und schnitt Grimassen. Er fühlte sich plötzlich so unbeschwert und leicht wie in der Zeit bevor seine Frau verunglückt war.
Als es zu regnen begann, flüchteten die beiden geschützt unter Feddersens Aktentasche in ein Kino, wo sie sich eine Liebeskomödie ansahen. Gegen Ende nahm Romy Feddersens Hand und flüsterte: „Ich mag dich.“
Feddersens Bauch fühlte sich plötzlich an, als wäre er voll mit gerade geschlüpften Schmetterlingen, die sich wahnsinnig freuten, nach der langen Zeit im Kokon endlich ihre Flügel entfalten zu dürfen.
„Da geht es mir genauso“, erwiderte er fast schüchtern. Hand in Hand verließen sie zur später Stunde das Kino und Feddersen sein altes Leben. Als er Stunden später seine Wohnung betrat, dämmerte es schon. Er kickte seine Schuhe in ein Eck, zog die Schuhspanner aus den Hausschuhen, warf sie beiseite und stellte die Hausschuhe schräg neben die Abtropftasse. Dann lachte er und ging barfuß in die Wohnung.
Losenitzky spielte mit seinen Kindern Mensch-ärgere-Dich-nicht, als sein Handy vibrierte. Er deutete seiner Frau, dass sie übernehmen solle. Karin warf ihm einen verächtlichen Blick zu und setzte sich zu den beiden, während ihr Mann in den Vorraum verschwand.
„Moritsch, was gibt´s?“
„Wir haben einen Toten.“
„Mist, ausgerechnet jetzt! Schick mir die Adresse, bin am Weg.“
Er nahm seine Jacke und rief:
„Ich muss los.“
Karin folgte Losenitzky zur Tür und raunte ihm zu: „Wenn Du übermorgen nicht mit uns im Flieger sitzt, kannst du die beiden Wochen nützen, um aus der Wohnung zu verschwinden.“
Losenitzky kniff die Augen zusammen und verließ wortlos das Haus. Er fuhr in die Villengegend der Stadt und schlüpfte unter der Polizeiabsperrung durch in einen verwunschenen Garten.
Auf der Terrasse lag ein grauhaariger Mann auf dem Bauch in einer Blutlache, daneben eine Pfeife.
Losenitzky sah nach oben. Der Gerichtsmediziner Haberland, der sich gerade an der Leiche zu schaffen machte, begrüßte den Kommissar knapp. Er erwiderte den Gruß und fragte:
„Was haben wir?“
„Julius Steinberg, 65, Inhaber der Steinberg-Werke, vermutlich vom Balkon gestürzt. Todesursache Schädelbruch und weitere innere Verletzungen durch den Aufprall. Die Balustrade vom Balkon ist nicht sehr hoch, könnte ein Unfall gewesen sein.“
„Oder jemand hat ihn geschubst...Todeszeitpunkt?“
