Seraphina - Die Holunderfrau - Tara Neuhaus - E-Book

Seraphina - Die Holunderfrau E-Book

Tara Neuhaus

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Beschreibung

Seraphina wächst auf einem Bauernhof im Allgäu auf. Ihre launische Mutter und ihr kaltherziger Vater verurteilen alles, was sie tut. Und mit den Männern will es auch nicht klappen. Seraphina leidet seelisch und körperlich. Als sie mit Anfang Dreißig auszieht, fühlt sich dennoch nicht frei. Eine Therapie und die Tagebücher ihrer Tante führen sie in die Vergangenheit – was sie entdeckt, verändert alles.

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Kurzbeschreibung:

Seraphina ist 33 Jahre alt, steht mit beiden Beinen im Leben und fühlt sich dennoch nicht frei. Mit den Männern will es nicht klappen. Im Frieden mit sich selbst leben, wenn sie das könnte – so wie ihre Tante Balbina, die mit jungen Jahren ins Kloster gegangen ist. Und dann sind da noch ihre Eltern, die verurteilen, egal, was sie tut. Seraphina leidet seelisch und körperlich. Eine Therapie und die Tagebücher ihrer Tante führen sie in die Vergangenheit – was sie entdeckt, verändert alles.

Tara Neuhaus

Seraphina - die Holunderfrau

Roman

Edel Elements

Edel Elements

Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2017 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2018 by Tara Neuhaus

Covergestaltung: Marie Wölk, Wolkenart

Lektorat: Christin Ullmann

Korrektorat: Martha Wilhelm

Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-96215-111-9

www.facebook.com/EdelElements/

www.edelelements.de/

Everything in life moves in circles.

The ocean resembles life so much.

The ups and downs of the waves.

The violent storms and calm days.

Even on a balmy day

You don´t know what lies beneath the surface.

The big deep, the sharp reef,

colourful fish, a peaceful sand bottom.

Terrible danger, pure joy, wild force,

Strange creatures, sheer beauty.

Für meine Großmutter

Inhalt

Prolog

Auf den Spuren von Sisyphos – der harte Weg zu sich selbst

Das schwere Erbe meiner Großeltern, oder: Kann denn die Vergangenheit nicht ruhen?

Viktoria, oder: Wie die »Siegerin« mich rettete

Ein schrecklicher 14. Geburtstag

Markus, oder: eine schmerzhafte Initiation

Von Krapfen ohne Marmelade und gründonnerstäglichen Lämmergeburten

Das blaue Mofa – Tante Vicky kommt

Neues Spiel, neues Glück

Eine einfach gestrickte Testosteronschleuder

Die pure Lust am Leben

Sommer satt, Vernunft knapp

Fremdbild – Selbstbild, oder die Frage: Bin ich schön?

Die Hoffnung, endlich anzukommen

Auf dem Weg zur Erleuchtung

21. Dezember – Gaia und die Göttinnen

Neue Horizonte eröffnen sich

Sommerfreuden – Klappe, die zweite

Wie Claudius mich umhaute – oder Advance and Retreat in der Praxis

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Es geht immer noch ein bisschen schlimmer

Die alten Muster wiederholen sich

Ohne Wurzeln keine Flügel6

Eine himmlische Nacht mit dem Falschen?

Die Dinge fügen sich

Ein Ende mit Schrecken

Rezept für Holderkiachla

Prolog

Dies ist die Geschichte einer Frau am Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert. Eine Geschichte von Schmerz, aber auch von großer Freude. Violent storms … pure joy … Eine Enkelin, die alte Muster auflöst und ein gut gehütetes Familiengeheimnis lüftet, erzählt.

Auf den Spuren von Sisyphos – der harte Weg zu sich selbst

Eine »schöne Frau mit Magie« nennt er mich, eine »Vollblutfrau«, die gar nicht weiß, welches Potenzial in ihr steckt. Sich beinah mädchenhaft ihrer selbst nicht bewusst ist. So als ob ein unerfahrener Reitanfänger ein Top-Springpferd reitet. Oder ein blutiger Fahranfänger einen Porsche mit 370 PS fährt. Oder wenn man die Schönheit eines Holunderbusches betrachtet, die feinen weißen Blüten, ohne seine tiefere, mythologische Bedeutung und Heilkraft zu erkennen.

Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Meine Augen sind verheult, Nase und Mundpartie verquollen, nicht nur vom Heuschnupfen. Meine Nase, die ich von meiner Oma geerbt habe, würde Herr Lagerfeld als Mont Blanc bezeichnen, wenngleich dieser Mont Blanc in einem zugegebenermaßen schönen Gesicht sitzt. Fast so etwas wie Zynismus, diese Nase. Meine Wangenknochen sind hoch, das schmale Gesicht wirkt edel. Die schrägen grünen Augen würden jeder Elfe gerecht. Der Mund. Ein anderes Kapitel. Mittlerweile ist die erste Narbe, eine senkrechte Falte, nur noch für den genauen Beobachter sichtbar, die zweite fast gar nicht.

Männer finden mich meist attraktiv. Im Moment scheine ich geradezu verführerisch zu wirken. Ob es am Sommer liegt? Männer sind eben nicht so kritisch wie Frauen, was weibliche Schönheit betrifft. Fürs genaue Hinsehen sind sie generell nicht berühmt. Wenn man wie ich das Abitur in Biologie gemacht hat, kennt man das aus der Evolutionstheorie: den Tunnelblick. Ich verweise nur auf die Butter im Kühlschrank, die Mann auch dann nicht findet, wenn er direkt davorsteht. Dass ich erst gestern selbst die Butter im Kühlschrank nicht gesehen habe, liegt vermutlich an meiner androgynen Art, die aber – in dem Maße, wie ich laut Michael zur »Vollblutfrau« werde - nachlässt.

Doch bleiben wir bei den wesentlichen Dingen, die man laut dem französischen Autor Antoine de Saint-Exupéry sowieso nur mit dem Herzen sieht. Wie recht er hat! Meine zu breit geratene Nase gehört also nicht dazu. Danke, Antoine! Aber das ist eigentlich eh schon egal, da ich in absehbarer Zeit ein Gespräch mit einem Schönheitschirurgen haben werde.

Zurück zu den wirklich wichtigen Dingen. Ich durfte feststellen, dass mein Leben, so schlimm, chaotisch und hart es zuweilen gewesen ist, einen roten Faden erkennen lässt. Ja, um nicht zu sagen einen Sinn, zumindest aber sinnhafte Fügungen und Begegnungen, wie etwa gute Freunde in der Not. So hat es das Schicksal eingefädelt, dass ich immer eine gute Freundin an meiner Seite hatte, die mir beistand, mit der ich mich austauschen konnte. Meine beste Freundin Gisela beispielsweise, eine Seelenverwandte. Beide sind wir gereift, wenn man dieses bedeutungsschwere Wort verwenden will, haben beide unsere Erfahrungen gemacht. Jeweils hübsch anders verpackt, aber der grobe Inhalt – man könnte auch sagen Gehalt – ist der gleiche. Vielleicht sind es allgemeingültige Erfahrungen, die man im Laufe eines Frauenlebens so macht. Ich bin 33 Jahre alt, wenngleich ich mich meistens wie 23 fühle. Es gibt Menschen, die mich auf Ende zwanzig schätzen. Das ist mir neulich auf einer angesagten Geburtstagsparty in München passiert. Mit Anfang dreißig fühlt man sich angesichts einer solchen Aussage geschmeichelt. Auf Ü-30-Partys wird man schließlich nicht mehr nach seinem Ausweis gefragt! Aufgrund meiner jugendlich schlanken Figur und kindlichen Art - ich sagte kindlich, nicht kindisch - durfte ich dieses Privileg lange genießen.

Ich sehe meinem Gegenüber ins Gesicht. Er, Ende vierzig, ist attraktiv: groß, dunkelhaarig, seine männliche Energie ist echt. Archaisch. Wenn er mich an den Schultern fasst, darf ich mich anlehnen, getragen fühlen.

Fast schon schade, dass er mein Therapeut ist, den ich schon sehr lange mit gewisser Regelmäßigkeit aufsuche. Psychohygiene. Wenngleich man heute mit dem Thema offener umgeht, so rieb ich es damals trotzdem nicht jedem unter die Nase, dass ich Michael hie und da konsultierte. Psychologen sind heute nötiger denn je, so notwendig wie das gute Gespräch mit Freunden und Familie. Ich hatte gute Freundinnen, auch Familie, aber Michael konnten sie nicht ersetzen. Sein Wissen war enorm, seine Art, mich besser zu verstehen, als ich mich selbst verstand, geradezu fantastisch. Seine Gabe, mich zu entspannen und körperliche Beschwerden und Blockaden zu lösen, war himmlisch, ja schon fast tantrisch. Er eröffnete mir geistige Welten, die mein Leben bereicherten.

So war er nicht bloß mein Psychologe, sondern weit mehr als das, was aber sonst niemand wissen musste. Was nutzten schon alle offiziellen Titel und Würden? Nichts! Sie waren Schall und Rauch, Make-up und Leckerli für angeschlagene Egos und Narzissten, die es nötig hatten. Schon wieder sind wir bei Antoine de Saint-Exupéry und seinen die Zeit überdauernden Weisheiten angelangt. Ist er eigentlich Buddhist gewesen? Bestimmt. Auch wenn er es selbst vielleicht nicht gewusst hat.

Ich bin Buddhistin. Das Leben zwingt mich dazu. Es ist geradezu unmöglich, etwas anderes zu sein. Ich lasse mich gern vom Leben dazu zwingen.

Erst neulich hat mir jemand erklärt, dass der Buddhismus eher eine Weltanschauung als eine Religion sei. Man könnte also Christ sein und eine buddhistische Weltanschauung haben. Auch gut, dachte ich mir.

Religion im eigentlichen Sinn machte mich derzeit immer wütender. Sie war keine Hilfe für die Menschen, sondern das eigentliche Problem. Wie viele Kriege waren in ihrem Namen, nicht in ihrem Sinne, geführt worden? Als Frau, die schon viel Elend durch Männer erlebt hatte, machte es mich unfassbar traurig, wütend und sprachlos, was sich Männer im Namen der Religion alles erlaubten. Dabei dachte ich auch an meine Großmutter, von der ich noch öfter erzählen werde.

Hier darf ich schon mal anmerken, dass die Verletzungen, die Narben auf meinem Mund, nicht von einem Unfall herrührten, sondern das Ergebnis männlicher Gewalt waren. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht davon erzählen. Jeder weiß, wie männliche Gewalt aussehen kann: Schläge, Vergewaltigung, Herabsetzung …

Je mehr ich innerlich »ich« oder vielmehr »heil« wurde, ging im gleichen Maße auch der hässliche Ausschlag an meinem Mund zurück und der Makel wurde weniger offensichtlich.

Gott sei Dank. Denn mit einem offensichtlichen Problem mitten im Gesicht herumzulaufen, ist die pure Hölle. Das bringt uns wieder zum eigentlichen Thema: Dass ein einzelner Mann eine Frau schlecht behandelt, ist schlimm genug. Männer sind körperlich nun mal in der - augenscheinlich – stärkeren Position. Dass aber die Hälfte der Menschheit im Namen der monotheistischen Religionen herabgesetzt wird, finde ich bodenlos.

Generell ist Religion das perfekte Instrument, und das schon seit sehr langer Zeit, um Menschen klein zu halten, ihnen Wissen vorzuenthalten, ich denke da nur an die Tatsache der Wiedergeburt, und um sie von der Freude und der Erleuchtung fernzuhalten. Wann ging es in der katholischen Kirche schon um Freude? Machen die Gottesdienstbesucher denn einen vor Glück überschäumenden Eindruck? Ich überlasse die Antwort euch, liebe Leser.

Ich sog den katholischen Glauben sozusagen mit der Muttermilch auf. Der sonntägliche Gottesdienst war Pflicht und an großen Feiertagen gingen wir an zwei Tagen dreimal in die Kirche. Sich mit den geschniegelten Kindern und dem braven Ehemann im gebügelten Hemd zeigen und andächtig mitbeten musste einfach sein. Wer nicht laut mitbetete, machte sich verdächtig; wer allerdings zu laut betete, ebenfalls. Da gab es eine nette Frau M. in unserem Dorf, die sich gern lautstark gab und den weiblichen Rosenkranz mit einem tiefen Brustton der Überzeugung »anführte«:

»Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes …«

Auch über die Lektorinnen, die sich zu stark schminkten und aufstylten, um im Altarraum die Lesung mit überdeutlicher Artikulation vorzutragen, wurde gern hergezogen: »Also, die Carola. Dass die sich so in den Vordergrund stellen muss. Und einen Arsch hat sie wie ein Wagenrad!«, oder: »Wie die Cindy das R rollt. Typisch Lehrerin. So eine fade Nuss. Da ist die Mutter attraktiver als die Tochter«, waren typische Gespräche an unserem Mittagstisch.

Der Vater frönte seiner Kommunikationsfreude indes beim »Frühschoppen«. Nach dem sonntäglichen Gottesdienst saßen einige der XY-Chromosomenträger beisammen, tranken Bier, spielten Schafkopf und philosophierten über Gott und die Welt, natürlich auf intellektuell hohem Niveau. Hinz und Kunz und Greti und Pleti wurden sauber durch den Kakao gezogen, aber »ma red ja bloß!«.

Ich schweife schon wieder ab. Es war ja auch schön und feierlich und die Traditionen gaben mir als kleinem Mädchen in einem Allgäuer Dorf große Sicherheit: die Lieder, der Weihrauch, die Gebete. Als Ministrantin war ich immer mit von der Partie. Es war meiner Ansicht nach ein großes Privileg und ein emanzipatorischer Etappensieg, dass ich zusammen mit einem anderen Mädchen die erste männliche Bastion, die der Ministranten, stürmte. Entschuldigung, ich vergaß ja die Putzfrauen!

Maria, als Gottesgebärerin, sollte schließlich auch nicht vergessen werden.

Egal, mein damaliger Pfarrer schätzte mich sehr. Und ich ihn auch. Wirklich. Diesmal bin ich nicht ironisch. Er war ein gutherziger alter Mann, der mich bei unserem Ministrantenausflug sogar bei der Hand nahm, damit ich auf dem schmalen Grat des Grünten nicht stürzte, lieb und fürsorglich, wie er war.

Ich gehörte damals einfach dazu. Später sollte sich das ändern, in dem Maße, in dem ich mich von allem frei machte, emanzipierte. Das erfuhr ich zum ersten Mal sehr schmerzhaft, als ich mit bald dreißig Jahren aus meinem Elternhaus, einem ansehnlichen Allgäuer Bauernhof, auszog und meinen »Wohlfühlkokon«, oder besser »goldenen Käfig«, verließ. Im Allgäu ist es durchaus üblich, dass mehrere Generationen in einem Haus leben, auf dem Bauernhof sowieso. Meine Eltern und ich hatten dafür extra den zweiten Stock ausgebaut, in dem ich einige Jahre gelebt hatte. Eine wunderschöne kleine Wohnung mit großem Ostbalkon, die keine Wünsche offenließ. Alles nach meinem Wunsch eingerichtet, das Bad hübsch türkis gefliest mit kleinen Mosaiksteinen in den Wandfliesen, meine blau-weiße Bauernküche mit Thekentisch, mein apricotfarbenes Wohnzimmer mit rustikalem Sichtdachstuhl, dazu passend orangefarbene Lampen. Viele Stunden hatten vor allem mein Vater und ich mit dem Ausbau und der Renovierung verbracht. Mein Vater arbeitete sehr gern mit mir zusammen und schätzte mein handwerkliches Geschick. Gerade weil kein männlicher Nachfolger da war, übernahm ich diesen Part.

Dennoch spürte ich, dass ich rausmusste. Je älter ich wurde und je mehr Blüten mein Geist entwickelte, umso mehr fühlte ich die bedrückende Aura des alten Bauernhofes. Oder war es die Aura seiner Bewohner? Ich wusste es nicht.

Das schwere Erbe meiner Großeltern, oder: Kann denn die Vergangenheit nicht ruhen?

Unseren Hof im schönen Allgäu hatte mein Vater von meinen Großeltern Xaver und Benedikta übernommen, beziehungsweise von meinem Onkel, der früh durch einen Unfalltod verstarb. Meine Oma wurde Anfang des 20. Jahrhunderts geboren, im Jahre 1906, und ich wusste nur aus Erzählungen, wie hart, entbehrungsreich und ungerecht ihr Leben gewesen war. Elf Kinder hatte sie geboren. Ich habe sie nur in meinen ersten Lebensjahren kennengelernt, als ruhige, stets lächelnde und alles duldende Frau mit Kopftuch. Wenn sie bei uns am Tisch saß, musste ich immer auf ihre dünnen, knochigen Hände sehen. Ja, die sprachen Bände. Ich konnte darin lesen wie in einem offenen Buch. Dann verglich ich ihre Hände mit meinen eigenen und war stets schockiert, denn sie sahen meinen unglaublich ähnlich. Es waren die gleichen dünnen, sehnigen Hände, nur 78 Jahre lagen dazwischen. Alte faltige Haut und Altersflecken, mit diesen herausstehenden blauen Venen und knorpeligen Mittelhandknochen. Wenn man die Hand von der Seite betrachtete und die Finger beugte, stand der Mittelhandknochen wie ein großes Scharnier heraus. Auch von oben betrachtet stachen in dieser Stellung die Knochen markant hervor, sodass die Hand filigran wirkte, oder bildhaft gesprochen wie ein Bergzug mit Gebirgshöhen und tiefen Talsenken dazwischen.

Meine Großmutter Benedikta verschied, als ich etwa elf Jahre alt war, in einem recht hohen Alter. Mein Großvater verstarb schon früher, da war ich gerade mal ein Kleinkind. Ihn habe ich nicht mehr bewusst erlebt und auch meine Oma war nur zu Geburtstagen oder Namenstagen bei uns zu Besuch. Nachdem auch sie verstarb, zogen wir auf den Hof, den der Bruder meines Vaters führte. Er war Nebenerwerbslandwirt und Automechaniker. Eines Tages stürzte die Hebebühne auf ihn, der noch keine dreißig Jahre alt war, verletzte ihn tödlich.

Auch wenn ich kaum etwas vom Leben meiner Großmutter wusste, spürte ich ihr Leid als Frau wie eine Last auf meinen eigenen Schultern, wie ein Joch, das mich, die 1984 geboren wurde, noch immer herunterdrückte. Ich, als Mädchen, das auf diesem Hof aufwuchs, hatte meine Mutter und meine Großmutter als Vorbilder. Sie prägten mich, wenngleich unbewusst, sie waren meine Rollenmodelle, mehr, als ich es je für möglich gehalten hätte. Und ich war diejenige, die diese Muster durchbrechen würde. Diejenige, die anders leben würde …

Wenn mein Vater viel zu selten von seinen Eltern und seiner Kindheit erzählte, standen häufig Tränen in seinen Augen. Das berührte mich immer sehr, denn im Allgäu sind weinende Männer so selten wie indische heilige Kühe. Auch meine Tante Balbina, sie war Ordensschwester geworden und besuchte uns im Sommer regelmäßig für ein paar Tage, sparte mit Informationen über früher. Als Kind hatte es mich sowieso nicht interessiert, und sobald ich als junge Erwachsene mit dem Thema anfing, rügte mich meine Mutter. Von einer »guten, alten Zeit« könnte freilich nicht die Rede sein.

Mein Vater erzählte neulich, dass er immer Mitleid mit seiner Mutter empfunden hatte, die ihn im Alter von 43 Jahren geboren hatte. Mitte des 20. Jahrhunderts war das für Mutter und Kind gefährlicher als heutzutage, wo die medizinische Versorgung besser ist und die meisten Geburten in Kliniken stattfinden. Damals starb über ein Drittel der Frauen im Kindsbett. Instinktiv spürte mein Vater, dass seine Mutter, meine Oma Benedikta, ihn zwar liebte, aber keine Kraft für ihn hatte. Auch von seinem Vater, einem herrischen, kalten Mann, fühlte er sich nicht geliebt. Tante Balbina erzählte einmal, dass auch Oma Benedikta unter seiner Kälte litt, immer wieder die Zuneigung und Nähe ihres Ehemannes suchte, aber nicht in der Weise bekam, wie sie es gebraucht hätte. Oft wurde im Schneider-Hof harsch gesprochen und geschrien. Oder aber geschwiegen. Tante Balbina war nicht freiwillig ins Kloster gegangen. Sie war geflohen.

Ein deutlich wärmeres Verhältnis herrschte zwischen ihr und meinem Vater. Seine 18 Jahre ältere Schwester hatte ihn aufgezogen, da ihre Mutter als Anfang Vierzigjährige erkrankt war und meist das Bett hüten musste. Meine Mutter sah diese »Krankheit« als Flucht. Flucht primär vor ihrem Ehemann und ihren »ehelichen Pflichten«. Ich kann mir auch vorstellen, dass Oma Benedikta körperlich und seelisch am Ende war.

Doch die eigentliche Bezugsperson für meinen Papa war Balbina und das spürte man auch, wenn man die beiden zusammen erlebte. Als Kinder freuten meine Schwester und ich uns immer, wenn sie zu Besuch war. Sie war äußerst warmherzig und brachte uns immer eine Kleinigkeit mit, meist etwas Gebasteltes oder etwas, was sie selbst geschenkt bekommen hatte. Als Ordensschwester verdiente sie nichts und hatte »Armut« gelobt. Sie war aber auch eine moderne, weltoffene Frau, die uns Mädchen immer Gehör schenkte und Verständnis zeigte. Auch sie hatte die knochigen Hände meiner Oma …

Seit sie damals, in den Fünfzigerjahren, dem Benediktinerorden beigetreten war, wurde sie Schwester Bernadette genannt, denn sie war ab diesem Zeitpunkt, so erklärte man es uns Kindern damals, eine Braut Gottes und brauchte einen neuen Namen. Mit diesem wollte sie Bernadette Soubirous, die mehrere Marienerscheinungen hatte und auf die der französische Wallfahrtsort Lourdes zurückgeht, gedenken.

Mama sagte immer, Tante Balbina sei ins Kloster gegangen, weil sie nicht das grausame Leben ihrer Mutter haben wollte. Ich hielt das für sehr wahrscheinlich. Natürlich hatte meine Oma nicht freiwillig so viele Kinder bekommen. Die wenigsten Frauen durchlebten wohl freiwillig elf Schwangerschaften und Geburten ohne Narkose oder Kaiserschnitt. Dass es damals keine einfühlsamen Frauenärztinnen und Hebammen mit homöopathischen Hilfsmittelchen gab, muss ich freilich nicht erwähnen. Im Gegenteil, wenn ich, was selten war, mit meiner Mutter darüber redete, hatte ich eher den Eindruck, dass die Geburt eines Kindes, die höllischen Schmerzen, eine Bestrafung der Frau für die zuvor erlebte Lust war, wenn man damals von Lust sprechen konnte. »Die hot sich ja no glegt o« oder »Des is neikomme, dann wird es au rauskomme«, hieß es dann. Diese kuriose Einstellung erinnert mich komischerweise an einen Schriftsteller, dessen Werke ich sehr schätze und dem ich mich auch als Person sehr nahe fühle, da er ähnliche Erfahrungen gemacht hat wie ich und diese wunderbar in Worte kleiden konnte: Franz Kafka, der in diesem Buch noch öfter zu Wort kommen wird, sagte: »Der Coitus ist die Bestrafung des Glückes des Beisammenseins.« Oder: »Sexualität ist die Sehnsucht nach Schmutz.« Auch in meinem Umfeld schienen manche Menschen mit Sexualität ihre Probleme zu haben oder aber sie totzuschweigen.

Es war damals eben üblich, dass die Ehefrau ihrem Mann zu Willen zu sein hatte; wenn er Sex wollte, hatte sie zu gehorchen. Ich fand diese Vorstellung abartig und widerwärtig. Wie konnte es denn sein, dass ein Mann derart über die Frau verfügte, über ihren Geist und ihren Körper? Dass sich damalige Menschen auch auf die Kirche bezogen und den Hochzeitsspruch »die Kinder anzunehmen, die Gott ihnen schenken möge« zitierten, machte die Sache noch schlimmer. Freilich, ohne geeignete Verhütungsmittel – die Pille kam erst 1960 auf den Markt - entstand so ein Kind eben schnell mal.

Bei der kirchlichen Trauung meiner Freundin Sofie im Jahr 2012 gelobte sie ihrem Ehemann Gehorsam, während er versprach, seine Frau zu lieben. Ich musste mich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Ist das das Konzept einer gleichberechtigten Partnerschaft? Hieß Frausein gehorchen? Nein! Dann will ich keine Frau sein! Freiheit und Selbstbestimmung sind mir so wichtig wie die Luft zum Atmen.

20. Juni 1947

Heute gab es wieder viel Arbeit. Wir mussten das Heu einfahren, trocken genug war es, und für Ende der Woche wurde Regen erwartet. Doch wir hatten eine Gaudi dabei. Die Dorle und ich lachen viel, wenn wir draußen sind. Zusammen mit den anderen Gschwistrigen und dem Knecht Adolf macht die Arbeit eine Freud. Und der Vater war nicht da, da heut die Leich vom Donelar Hans war. Wenn der Vater da ist, wird nicht so viel gelacht. Immer schimpft er mit uns, vor allem mit den Kleinen. Was hat ihn nur so hart gmacht? Vielleicht der Krieg.

Mit Freud haben wir Gabel für Gabel das Gruamat1 auf den Wagen geladen, der Franz führt den Hektor, unsern Fuchs, und so arbeiten wir uns langsam auf dem Feld voran. Am schönsten ist freilich immer die Brotzeit. Wir aßen Brot und Käse und tranken frischen Most. Die Dorle hat mich aufgezogen, ob der Franz morgen auch zum großen Feuer käme. Zum Sonnwendfeuer. Ich hab nur glacht. Woher weiß die Dorle bloß, dass ich den Franzl gern hab? »Kidderfidla seid’s, läppische!«, alberte der Adolf mit uns und warf uns eine Handvoll Gruamat übern Grind, dass wir nur noch mehr lachten. Herrlich würzig duftete es und die Sonne schien uns warm auf die Haut. So unbeschwerte Sommertage gab’s nicht viele.

Die Mutter macht mir Sorgen. Ich hab Angst, dass da wieder was Kleines unterwegs ist. Die Kittelschürze spannt am Bauch. Und geweint hat sie gestern auch. Ich hab’s an ihren Augen gesehen, als wir abends in der Stube die Wäsch geflickt haben. Aber fragen kann ich sie ja nicht.

Bis in die Nacht ham mer des Gruamat vom Wagen abgeladen. Nur zum Nachtessen gab es eine kurze Pause. Kartoffel und Kraut. Wie gern hätten wir wieder mal was Schweiners. Aber andere haben gar nichts zum Essen. Und mit dem Gedanken an morgen arbeitet sich’s viel leichter.

Der Vater ist nach dem Leichenschmaus noch in den Denna kommen und hat mitgeholfen. Der arme Johann konnt nicht mehr. Der kleine Kerl ist doch so asthmatisch und dann der ganze Heustaub. Doch der Vater kennt einfach keine Gnade, obwohl ich es ihm gesagt habe: »Vater. Moinet dir it, es reicht dem Johann? Der krieagt doch koi Luft mea.«

»Alle schaffet, bis mir fertig sind!«

Nein, ich musste raus. Dieses Gefühl konnte ich weder benennen noch erklären, aber ich wollte mein eigenes Leben ohne Altlasten leben, mich entdecken und entfalten und den Fluch der Vergangenheit lösen. Andererseits hatte ich große Angst vor diesem Schritt, zu dem mir auch eine sehr gute, kluge Freundin dringlich riet. Wo konnte es aber schöner sein als hier auf dem heimischen Hof? Bei unserem Anwesen handelte es sich um einen einzelnen Bauernhof ohne direkte Nachbarn, umgeben nur von Feldern; die nächste Siedlung, ein kleiner Ort mit einer wunderbaren Marienkirche, lag einige hundert Meter entfernt. Nur ein kleiner Kiesweg führte zu unserem Gehöft und dieser wiederum zog sich weiter bis zu einem Teich und zu den Feldern anderer Bauern. Wir hatten einen Geräteschuppen mit Garage und einen kleinen eingezäunten Garten. Hinter den Garagen hatten meine Schwester und ihr Mann ein »Austragshäusle« gebaut: ein kleines eineinhalbstöckiges Schmuckstück mit Quergiebel. Als klassischer Allgäuer Bauernhof bestand die Westseite aus dem hölzernen »Widerkehr«, dem Schuppen oder Tenne, wie wir auch sagen, darunter befanden sich die Stallungen. Wie es sich für einen Einsiedlerhof gehörte, beschützte ein großer Holunderbusch an der Westseite des Widerkehrs unser Haus. Im Frühjahr sah er wie eine große weiße Frau-Holle-Wolke aus. Ich liebte diesen Busch. Auf den ersten Blick war er unscheinbar. Erst wenn man sich die Zeit nahm, die Blüten genau anzusehen, offenbarten sie ihre ganze zarte Schönheit. Mutter Natur bildete mit einer einzigen Dolde einen Miniatur-Hochzeitsstrauß aus vielen kleinen schneeweißen, fünfblättrigen Einzelblüten. Schon als Kind hatte ich sie in mein Puppenhaus in eine Spielzeugvase gestellt. Ich konnte den Schutz, der von diesem Baum, in dem der Legende nach die Göttin »Holda« wohnt, also Frau Holle, förmlich spüren. Auch liebte ich, wie robust dieser Strauch war. Nichts konnte sein Wachstum hindern … Je mehr er beschnitten wurde, mit umso größerem Eifer schien er seiner Bestimmung entgegenzugehen.

Unser Haus verfügte über denselben Grundriss wie die meisten Allgäuer Bauernhöfe: An der Südostseite befand sich die Stube, dann kam die Küche, daneben, nach Nordost gewandt, das Stüble. Oben waren die Schlafkammern. An der Stallseite im Hausgang führte eine alte hölzerne Stiege nach oben. Dahinter war das Bad. Meine Eltern hatten einiges am Haus renoviert, eine Zentralheizung eingebaut und neue Fenster, aber die Fassade mit den kleinen Sprossenfenstern blieb erhalten.

Im kleinen Pferdestall standen früher zwei Zugpferde, Süddeutsche Kaltblüter, daneben standen der Kuhstall und die Milchkammer, in der das »Milchgeschirr« gereinigt wurde. Dahinter befand sich der Westhang, zu dem die begraste Anfahrt hinführte. Der Eingang in die Tenne über diese Anfahrt war ebenerdig, während der Stall darunterlag. Auf gleicher Höhe wie der Stall lag auch das zur Wetterseite durch Stall und Widerkehr geschützte Haus. Es verfügte über drei Geschosse. Im Dachboden hingen lange Zeit die rot-weiß karierten Gardinen meiner Großmutter. Oder waren sie schon vor ihr da gewesen? Im Winkel zwischen Pferdestall und Wohnhaus befand sich neben einer kleinen Terrasse auch ein kleiner Kräuter- und Gemüsegarten. Dort wuchsen neben wunderbaren Salatköpfen auch Kohlrabi und gelbe Rüben. Früher bauten die Großeltern auch Getreide und Kartoffeln an. Alles war bestens gepflegt. Kein Unkraut störte das Bild, jede Schnecke wurde akribisch von meiner Mutter entfernt und auch an Haus und Hof behob mein Vater jeden sichtbaren Makel sofort. So waren die grünen Fensterläden stets von einem rustikalen Jägergrün, die roten Geranien, die davor nicht blühten, sondern zu wuchern schienen, bildeten einen perfekten Kontrast dazu. »Heiße Liebe« hießen sie in Tirol. Sie waren der Stolz einer jeden Bäuerin, liebevoll gepflegt und geldbeutelfreundlich im Schuppen überwinternd. Jedes leicht welke Blättlein wurde frühmorgens schon ausgezupft. Was hätten sonst die anderen dazu gesagt? »Mei die Bäuerin am Schneider Hof ist so schlampig. Was tut die bloß den ganzen Tag?« So achtete jeder auf eine perfekte Fassade. Oft hatte ich den Eindruck, dass die Allgäuer ihre Häuser und Gärten besser in Ordnung hielten als ihre Seelen.

Der Blick auf die Allgäuer Berge war ebenso fulminant. Wo könnte es denn schöner sein? Dennoch tobte Krieg hinter der schönen Fassade.

Vieles verstand ich erst im Nachhinein, nach vielen Sitzungen mit Michael, der mir dringend dazu riet, auszuziehen, über Jahre hinweg, denn mir hatte schlicht und ergreifend die Kraft zu diesem Schritt gefehlt.

Und lange Zeit auch die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.

Den Duft der »Freiheit« konnte ich als Studentin schon ein wenig kosten. Als frisch gebackene Abiturientin und echtes Landei hatte ich aber Angst davor, konnte nichts damit anfangen. Was sollte mein Leben ohne meine Familie, ohne meine Tiere? Ich studierte Journalismus und Germanistik in München, arbeitete hart, war froh um meine Schulfreundin, die mit mir in einer WG lebte, wobei ich jedes Wochenende ins Allgäu fuhr. Erst nach und nach genoss ich es, tun und lassen zu können, was ich wollte, was freilich immer in bescheidenem Rahmen stattfand: mal eine Stunde zum Inlineskaten, mal auf eine Afterworkparty. Doch der obligatorische 19-Uhr-Anruf bei meiner Mutter durfte niemals ausbleiben. Sonst hätte ich mich ja verdächtig gemacht …

Das Wort Freiheit klingt vermutlich abgedroschen, viele wollen sie, doch nur wenige können damit wirklich umgehen und sie sinnvoll nutzen. Für die Buddhisten ist sie das große anzustrebende Ziel, im Sinne von: frei sein von Anhaftung und Abneigung, von der Verblendung und Unwissenheit.

Was ist Freiheit konkret? Ist es, nicht auf die Uhr sehen zu müssen, wenn man auf einer Jam Session oder Studentenparty viel Spaß hat?

Heißt es, nicht im Alter von 21 Jahren um 22 Uhr auf der Grillfete einer Freundin einen wütenden Kontrollanruf der Mutter zu bekommen, mit der Frage, warum man noch nicht zu Hause war?

Heißt es, sich nach der Arbeit in einen Liegestuhl legen zu können, ohne sich rechtfertigen oder ein schlechtes Gewissen beim Anblick der arbeitenden Eltern haben zu müssen?

Oder bedeutet Freiheit, jede Woche einen anderen Liebhaber zu haben, vielleicht auch mal drei Dates an einem Wochenende, ohne beschimpft zu werden?

Raus in die Freiheit, in die eigenen vier Wände. Denn ich wurde hier »überwacht«, wenn auch unter dem Deckmantel der Fürsorge.

Schon seit Langem merkte ich, dass ich nicht mehr in die Rolle der braven Tochter passte. Als würde meine Entwicklung die Form, die für mich vorgesehen war, sprengen. Wie ein Kuchen im Backofen, der über seine ihm zugedachte Form hinausquillt. Ich quoll immer weiter. Laut Michael war das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Und das machte meinen Eltern und auch anderen Angst.

Meine Familie mochte diese Frau nicht, die sich da entwickelte. Sie wollte das kleine folgsame und fügsame Mädchen. Als Kind hatte ich funktioniert, selbstdiszipliniert alle Erwartungen erfüllt, Einser-Abitur inklusive. Doch wie gesagt, ich war noch nicht ich, hatte mich immer selbst verleugnet. Wusste nicht, was ICH wirklich wollte. Wer ICH wirklich war.

Diese emanzipierte, eigenständige Frau hingegen, die ihre Bedürfnisse auslebt, ihr Leben in die Hand nimmt und genießt, war ein Dorn im Auge meiner Eltern.

Ich schätze, dass genau deswegen Frauen im islamischen und katholischen Kulturkreis, hier zumindest bis vor einigen Jahren, »kleingehalten« werden und wurden; es ist einfach praktisch für ihre Umgebung. Deswegen wollen islamische Männer ja auch unbedingt eine Jungfrau heiraten. Sie hat keinen Vergleich und stellt keine (sexuellen) Ansprüche!

Nach etlichem Ringen – im Alter von dreißig Jahren -, inneren Kämpfen und mit einem Tieflader voll schlechten Gewissens schaffte ich es, in eine Kleinstadt in der Nähe meiner Arbeitsstelle an der Grenze zu Österreich zu ziehen. Wenn ich sage, dass es die Hölle war, dann ist das nicht übertrieben. Ich fühlte mich völlig verloren. Kein Zuhause, keine Familie, keinen Freund.

1Geschnittenes, getrocknetes Gras, die zweite Mahd.

Viktoria, oder: Wie die »Siegerin« mich rettete

»Wenn du nicht tiefen, verzweifelten Schmerz erfahren hast, dann hat das Leben dich vergessen und du bist zu bedauern. Wenn du nicht die große, erhebende Energie der Ekstase erfahren hast, dann hat das Leben dich vergessen und du bist zu bedauern.«

Krishnamurti

Die gute Nachricht war: Das Leben hatte mich laut Krishnamurti definitiv nicht vergessen. Doch zurück zu den Anfängen. Schon als kleines Mädchen verspürte ich eine besondere Zuneigung zu Tieren, die solche Ausmaße annahm, dass viele Menschen sie für übertrieben und mich in diesem Sinne für hysterisch hielten. Der Alltag auf unserem Bauernhof war für mich manchmal nahezu unerträglich, gerade der Umgang mit dem Nutztier Kuh. Ich konnte es nicht ertragen, die Geburt eines Kalbes mit anzusehen oder gar zu assistieren. In meinen Augen fehlte meinen Eltern und vor allem anderen Bauern manchmal der Respekt im Umgang mit dem Wesen Kuh. Eines Mittags beispielsweise kam ich von der Schule heim, es war ein heißer Junitag und wir hatten hitzefrei bekommen. Ich schob das Fahrrad in die Hofeinfahrt, Vater und Mutter waren wohl noch auf dem Feld. Neben unserer Garage sah ich eine Plastikplane auf dem Boden liegen. Dunkelgrün. Papa hat Holz gemacht, dachte ich mir. Doch dann wurde ich gewahr, dass unter der Plane Hufe hervorschauten. Der Horror packte mich. Welche unserer Kühe war gestorben? Und warum? Mit meinem schweren, großen Schulranzen rannte ich zur Weide hin, schwerer jedoch wogen die düsteren Gedanken. Ich zählte unsere hochtragenden Rinder. Vier waren es. Eine fehlte. Freia. Ich rannte zurück, langsamer als hin, schwer schnaufend. Sollte ich nachsehen? Wo – verflixt noch mal – waren Mama und Papa? Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen – viel war das ja nicht - und lupfte vorsichtig das obere Ende der Plane. Und ja, es war Freia. Hochschwanger lag sie da, mit toten, leeren Augen. Was war geschehen? Ich streichelte sie kurz, dann setzte ich mich auf die Terrasse, von wo aus ich sie sehen konnte, und versuchte zu beten. »Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade. Gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.« Das mantrische Herunterleiern der vertrauten Worte half mir dabei, einigermaßen ruhig zu bleiben. Dann hörte ich einen LKW. Der orangefarbene, Unglück verheißende LKW fuhr langsam in die Kieseinfahrt zu unserem Hof. Mist, sonst hatte mich Mama immer abgelenkt und in mein Kinderzimmer bugsiert, wenn er kam. Wie gelähmt blieb ich sitzen und beobachtete, wie der Wagen stehen blieb. Der Mann, der ausstieg, hob Freias Leichentuch an und der Kran ging in die Höhe. Jetzt lag sie da – entblößt, schutzlos. Und ich ließ meinen Tränen freien Lauf. Mit zwei metallenen Armen hob er die arme Freia – oder ihre sterblichen Überreste – am Bauch nach oben. Ihr Kopf baumelte herunter. Schockiert ob der Würdelosigkeit dieses Aktes konnte ich nur noch schluchzen. Unsere Katze Schnurri hatte sich auf meinen Schoß gesetzt. Selbstlos half sie mir, diesen Moment und diesen abschreckenden Anblick zu ertragen. Ihr weiches Fell schluckte meine Tränen.

Routiniert hatte der Mann sein gefühlloses Werk erledigt und der silberne Bauch des LKW Freia geschluckt. Weg war sie. Ohne großes Aufheben stieg der Mann ein und fuhr davon.

»Sei nicht traurig. Es geht ihr jetzt gut«, glaubte ich, Schnurri mir zuflüstern zu hören.

Schon vernahm ich das Tuckern unseres alten Traktors. Mama sprang mir entgegen und nahm mich in die Arme. »Beruhige dich doch!« Hilflos sah sie Vater an, der auch einen traurigen Eindruck machte.

»Wieso ist sie gestorben?«

»Wir wissen es nicht. Sie lag plötzlich tot im Zaun. Einfach umgefallen«, antwortete Mama sanft und streichelte mein blondes Haar.

»Vermutlich hat sie etwas Falsches gefressen. Ein Plastikteil vielleicht?«, mutmaßte mein Vater. »Aber deswegen so plärren nutzt jetzt auch nix!« Damit ging er zur Tagesordnung über.

21. Juni 1947

Ich lieg im Bett in meiner Kammer und mir ist zum Bleara zumute. Laut heulen darf ich nicht, sonst wacht die Dorle auf. Ich hab mich so auf des Sonnwendfeuer gfreut. Bestimmt waren alle jungen Buaba und Fehla da. Außer wir vom Schneider Hof. So gern hätte ich den Franzl gesehen. Er hat mich doch am Sonntag in der Kirche so lieb angelacht, als er zur Kommunion gegangen ist. Wie er zurückgangen ist, grad frech war’s. Aber so ein Blick! Hoffentlich hat’s sonst keiner gesehen. Sofort hab ich wieder ins Gebetsbuch gschaut. Aber die Dorle, die dumme Kuh, hat’s gesehen und hat mich gleich in die Seite gestoßen. Sie glaubt, dass der Franz mich mag … Brauchst nicht rot werden, hat sie mir ins Ohr geflüstert. Der Vater hat von hinten ganz böse geschaut, weil Dorle und ich miteinander getuschelt haben. Die Mutter war ja schon in der Frühmesse gewesen.

Doch dann, abends im Stall. Ich mach grad die Zitzen von der Blanka sauber, um sie zu melken, als der Vater schreit.

»Der Bless hot a Kolik!« Schnell sind wir in den Rossstall, und tatsächlich, da stand das Ross ganz traurig und mit hängendem Kopf, der Bauch aufgebläht und das Fell seichnass, so hat der geschwitzt; sogar vom Kopf liefen ihm Schweißperlen hinunter. Völlig wirr schmiss er sich gegen die Holzwand seines Stalls. Manchmal hat er mit dem Kopf zum Bauch geschlagen. Er hatte Schmerzen, das sah man ihm an. Anton führte ihn aus der Box raus, doch der Bless wollte nicht. Ob der Vater uns heute zum Feuer gehen lassen würde? Bedrückt gingen wir wieder in den Kuhstall. Die Mutter und ich haben weiter gemolken, die Dorle die Kühe mit Heu gefüttert. Nachdem gegen sieben Uhr die Stallarbeit erledigt war, gingen wir Weiberleut ins Haus und richteten das Nachtessen. Vater war noch beim Bless. Er hatte den Viehdoktor gerufen. Er war außer sich vor Angst, dass Bless verrecken könnte.

Beim Nachtessen wurde nichts geredet. Stumm löffelten wir unsere Mehlsuppe, aßen Käse und Brot. Dann sah Dorle mich lange an und nahm ihren Mut zusammen: »Duerfet mir dann jetzt aufs Sonnwendfeuer?« Schüchtern blickte sie zum Vater. »Koiner goht heut ausm Haus!« Vater sah uns nicht an, löffelte stumm weiter.

Dorle, Mutter und ich wechselten Blicke. Ich sah es Mutter an, dass sie uns das seltene Vergnügen gegönnt hätte, doch wenn der Vater sprach, gab es keine Widerworte.

Der Bless hat dank des Viehdoktors überlebt. Der Vater war erleichtert und hat nicht mehr mit uns geschimpft. Wir sollten beim nächsten Mal aufpassen, dass er nicht so viel frisches Gras frisst. Dass ihm seine Ross wichtiger sind als Mutter und wir, ist uns nicht neu. Am Stammtisch pflegen sie zu sagen: »Weiber sterbe, koi Verderbe, Ross verrecke, großer Schrecke!«

Aber der Franzl ist bestimmt anders …

Viktoria war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bei uns auf dem Hof. Wenige Jahre später jedoch, ich war gerade zwölf Jahre alt geworden, sollte sich mein Traum vom eigenen Pferd erfüllen. Doch der Preis dafür war hoch gewesen. Zu hoch!

Wir hatten bisher zwei Katzen, zwölf Kühe, einige Schumpen2 und fünf Kälber am Hof, die – wie Papa fand – genug Arbeit machten. Kurz vor den Sommerferien jedoch teilten Papa und Mama mir plötzlich mit, dass sie die Woche Viktoria, eine schwarze Kaltblutstute, holen würden. Rauschebart wollte sie mir schenken. Unsere Sonntagnachmittage verbrachten wir oft in einem Wirtshaus. Nebenan hatte der eklige alte Rauschebart einen Bauernhof, auf dem eben das besagte Pferd mit zwei anderen stand. Als ich diesen Namen nun hörte, muss ich plötzlich ausgesehen haben wie ein Geist. So jedenfalls blickten meine Eltern mich an. Eine Faust schien mich gerade in den Bauch geschlagen zu haben, eine andere ins Gesicht, und ich musste mich setzen, weil meine Knie sich wie Pudding anfühlten. Mutter beobachtete mich aus undurchdringlichen, schmal gewordenen Augen.

»Alles klar, Seraphina?«

Pause.

»Wieso?«, stammelte ich nur und blickte fragend von Mama zu Papa.

»Freust du dich denn nicht?«, fragte Vater. Sein Ton klang etwas harsch. »Jetzt kriegst du endlich den Gaul und …« Der Vorwurf in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Nicht weinen, nicht weinen, befahl ich mir.

Vater kam mir glücklicherweise zuvor. »Er sagt, er sei zu alt für seine Pferde. Und er hat gemerkt, wie sehr du das Pferd magst und die Stute dich! Ist doch nett von ihm, oder?«

Noch immer durchbohrte mich Mutters Blick. Sie ahnte es. Das spürte ich genau. Ich konnte ihrem Blick unmöglich standhalten. Wie immer gewannen die Tränen. Ich hatte solche Angst. Was, wenn sie es erführen? Dann wäre ich ganz allein!

»Ich freu mich so!«, log ich schluchzend und warf mich Mama in die Arme, verbarg mein Gesicht an ihrer Schulter.

»Sie weint vor Freude, prima!«, meinte Vater und hatte nichts verstanden. Gott sei Dank.

Im Bett lag ich wach. Düstere Gedanken quälten mich. Einerseits freute ich mich riesig auf Viktoria, zu der ich mich so hingezogen fühlte, die mich schon ein paarmal vertrauensvoll getragen hatte und die freudig leise wieherte, wenn sie mich sah. Doch war dies nun der »Freischein« für Rauschebart? Hatte er mich damit gekauft?

Am nächsten Morgen musste ich in die Schule, doch konzentrieren konnte ich mich nicht. Ich hatte ja noch drei Tage, bevor dieser Mann zu uns auf den Hof kam und Viktoria bringen würde, beruhigte ich mich. Außerdem war Papa heute damit beschäftigt, den Rossstall auszuräumen und die Boxen auf Vordermann zu bringen. Ich half ihm freilich gern und kehrte die Box aus, nachdem Papa das Gerümpel weggeräumt hatte. Dann streuten wir gemeinsam frisches Stroh in die Box und in eine Ecke einige Gabeln herrlich duftendes Heu. Viktoria sollte es gemütlich haben in ihrem neuen Zuhause.

Donnerstagnachmittag war es endlich so weit. Ein roter Jeep mit Pferdeanhänger fuhr knirschend auf den Kiesweg. Ich war gerade dabei, meine Hausaufgaben zu machen. Da hörte ich Viktoria schon wiehern. Sie begrüßte ihr neues Zuhause. Oder mich. Was würde Rauschebart tun? Ich konnte mich ja auf dem Klo verstecken. Nervös schielte ich hinterm Vorhang meines Kinderzimmers im ersten Stock nach draußen. Gott sei Dank, Rauschebart saß nicht am Steuer. Ich rannte nach draußen. Jetzt hatte ich wirklich Freudentränen in den Augen, während ich beobachtete, wie der junge Mann laut rumpelnd die hölzerne Rampe herunterließ, in den Hänger stieg, das Pferd vorne losband und sich der dicke, schwarze, wunderschön glänzende Pferdehintern auf der Rampe zeigte. Laut polternd stieg die Stute mit ihren großen Hufen rückwärts die Rampe herunter. Auch meine Eltern waren da und lächelten freudig. Papa plauderte mit dem Mann, während ich nur Augen für Viktoria hatte. Mit einem leisen, zufriedenen Brummeln begrüßte sie mich. Ich wiederum drückte mein tränenfeuchtes Gesicht an ihren Riesenkopf, den sie mir darbot. Ich hatte jetzt eine Freundin, die nur mir gehörte. Mit ihr würde ich alles ertragen können …

Ich führte Viktoria auf ihre Koppel. Wir hatten neben der Garage eine Wiese für sie eingezäunt, auf der sie sofort zufrieden zu grasen begann. Die neue Umgebung brachte sie überhaupt nicht aus der Ruhe, im Gegenteil, es schien, als hätte sie nie irgendwo anders gewohnt. Der Mann, Rauschebarts Sohn, fuhr endlich los und meine Freude war jetzt, ohne den Störfaktor, ungetrübt. Meine Eltern stellten sich zu mir und sahen dem großen Pferd beim Fressen zu.

Mama beugte sich zu mir herunter und umarmte mich. »Jetzt ist alles gut, gell?«

»Ja. Ich bin so glücklich! Danke!«

»Bedank dich bei Rauschebart«, erwartete ich schon von Papa zu hören, doch er schluckte es hinunter, das sah ich ihm an.

»Die Stute lahmt ein wenig vorn links. Der Hund hot schon gwusst, warum er sie hergibt«, stellte er stattdessen fest.

»Jetzt lass doch mal. Vielleicht lahmt sie bei uns ja nicht«, meinte Mama. Ich schätzte es, dass sie mir meine Freude nicht trüben wollte.

»Mei, die ischt halt auch schon zehn Jahre alt. Des ischt nimma ganz jung …«, schlussfolgerte mein Papa.

»Zehn ist das beste Alter! Die können gut 25 und älter werden!«, erwiderte ich altklug und ging zu Viktoria in die Koppel.

Ich weiß nicht, wie lange ich dagesessen und sie angesehen habe. Die Abendsonne schien weich auf ihr samtenes Fell und zeichnete rote Reflexionen in ihre lockige, lange Mähne und ihren Schweif. Zwischendurch wanderte sie ein paar Schritte weiter, fraß hier, sah mich aus ihren tiefschwarzen Augen freundlich an, kam herüber und stupste mich am Kopf. »Viktoria, ich hab dich so lieb!«

Sanft blies sie ihren warmen Atem auf mich. Ich spürte ihre unendlich weiche Samtnase auf meiner Wange, atmete ihren unvergleichlichen Duft ein. Dieses fast 800 Kilogramm schwere Tier war so zärtlich wie eine Mutter mit ihrem Neugeborenen.

»Fini! Essen!«, unterbrach meine Mama diese Harmonie. Ausreiten durfte ich heute noch nicht. Die Stute sollte erst die Möglichkeit bekommen, sich ein wenig einzuleben. Ich hatte vor Aufregung gar keinen Hunger, wollte nur bei Viktoria sein. Bei meinem Pferd. Bei meiner besten Freundin. Dass dieses sanfte, große Tier immer schon auf mich aufgepasst hatte, verriet ich niemandem. Niemand durfte wissen, welches Band, aber auch welches dunkle Geheimnis uns verband. Rauschebart verdrängte ich.

Papa kümmerte sich ebenfalls sehr lieb um mein Pferd. Oft fütterten wir sie gemeinsam, dann tätschelte er ihren Hals, obwohl sie es lieber mochte, gestreichelt zu werden als getätschelt. Sie war eben trotz ihres massigen Körpers eine ganz Feine, so wie ich.

Anfangs führte mein Papa Viktoria und ich saß einfach nur auf ihr, um zu sehen, wie sie reagierte. Sie war brav. Später durfte ich allein mit ihr im Gelände ausreiten. Natürlich musste mir jemand dabei helfen, das ein Meter sechzig große Tier zu satteln. Manchmal ritt ich aber auch ohne Sattel aus; dann stieg ich einfach von einer Bank oder kleinen Mauer aus auf ihren breiten Rücken. Ich liebte es, wie sie mich durch die schöne Landschaft schaukelte, denn auf ihrem Rücken gab es keine düsteren Gedanken. Sie trug mich durchs Leben und wurde meine beste Freundin. Manchmal beschritten wir einen Trampelpfad quer durch den Wald, andere Male jagten wir im Galopp über abgemähte Felder. Langweilig wurde uns nie …

Im Rossstall war es abends besonders schön. Das Abendlicht zauberte herrlich warmes Licht in Viktorias Zuhause, das zu meiner Wellnessoase wurde. Das rhythmische Kaugeräusch – links, rechts, links, rechts -, wenn sie das trockene Gras zwischen ihren großflächigen Zähnen zermalmte, war meine Meditationsmusik. Der saftig-würzige Geruch nach Heu und Pferdeschweiß meine Räucherstäbchen. Viktoria meine Therapeutin und beste Freundin. Stundenlang verbrachte ich meine Zeit damit, ihr Zöpfchen in die Mähne zu flechten und sie zu putzen. Bei unseren Ausritten malte die Sommersonne alle Farben des Spektrums in ihr rabenschwarzes Fell; man musste nur genau hinsehen, wie bei einer Seifenblase. So wie man auch genau hinsehen musste, wenn man die Schönheit der Holunderblüte entdecken wollte.

Die Leute sprachen oft ihre Verwunderung aus, wie ein so kleines Mädchen ein so großes Pferd führen konnte. Dann war ich Prinzessin Seraphina und richtete mich lachend und stolz im Sattel auf.

Unser Bauernhof ermöglichte es mir, im zarten Kindesalter ein eigenes Pferd zu haben.

Ich hatte riesiges Glück, dass meine Eltern Viktoria aufgenommen hatten und pflegten, misteten und fütterten, obwohl sie keine besonders großen Pferdefans waren. Tiere, die nur fraßen, aber nichts »leisteten«, waren auf einem Bauernhof im Allgäu allgemein herzlich wenig willkommen. Als Kind hatte ich noch ein Kaninchen bekommen, aber Katzen hatten wir später keine mehr, denn meine Mutter duldete aus Sauberkeitsgründen in Wohnzimmer und Küche keine Tiere. Dass ich mein Kaninchen oft in mein Zimmer schmuggelte, merkte meist keiner.

Gerade mir als Tierfreund bot unser Bauernhof also viele Vorteile, andererseits war das Leben auf dem Hof oft entbehrungsreich und hart. Wenn andere Kinder ihre Sommernachmittage auf der Liegewiese am See verbrachten, machten wir Heu: Meist zogen wir Kinder und Mama den Zugrechen, um auch die letzten Fitzelchen nicht ungenutzt zu lassen, oft an Abhängen, wo der Ladewagen nicht hinkam, und auch hinter dem Ladewagen, damit nichts verloren ging. Anschließend luden wir es in der Scheune ab. Stundenlang. Tagelang. Gleich nach der Schule ging es los und wir schwitzten und arbeiteten in der Sommersonne. Für sensible Tierfreunde hielt so ein Bauernhof immer neue Herausforderungen bereit. Denn bald kam wieder ein Jeep mit dem grauen Anhänger. Das verhieß nichts Gutes. Er würde zwei unserer männlichen Kälbchen mitnehmen. Meine Eltern versuchten immer, mir diesen Anblick zu ersparen, aber da Sommerferien waren, hatte ich ihn schon gehört. Dieser Grobian fuhr meines Erachtens viel zu schnell in die Kurve, der Kies stob nur so auf. Als er den Wagen angehalten hatte, entdeckte ich ein paar Kälbchen, die durch die Luftschlitze guckten. Ich fand es unglaublich gemein, dass er so schnell mit ihnen fuhr, und spätestens als Papa und er unsere Kälbchen aus dem Stall führten, konnte ich – wieder einmal – meine Tränen nicht zurückhalten. Ich wusste, sie fuhren in ihren sicheren Tod. Mehr mochte ich mir gar nicht vorstellen. Als erwachsene Frau weiß ich inzwischen, dass ich damals – und auch heute noch – meinen eigenen Schmerz fühlte: Mitleid mit diesen kleinen unschuldigen Tieren, aber auch Mitleid mit mir, die ich mich oft ebenso allein gelassen fühlte!

Vater hatte kein Verständnis für meine Gefühlsausbrüche, er konnte damit einfach nicht umgehen. Meine Empathie gerade für Tiere war für ihn so fremd wie die Idee, dass ein Salatkopf weinen und schreien würde, wenn er gepflückt wurde. Auch wenn er es gewollt hätte, er hätte mich nicht verstanden. Das Sterben gehörte für ihn, der auf einem Bauernhof groß geworden war, genauso dazu wie das Leben. Nutztiere wurden geschlachtet, das kannte er von frühester Kindheit an. Ich aber konnte mich nie damit anfreunden. Es kam mir manchmal so vor, als käme ich mit meinem Denken und Fühlen von einem anderen Planeten. Psychologen und Pädagogen würden mir heute eine Hypersensibilität attestieren, was eine individuelle Veranlagung ist, die mittlerweile in der Gesellschaft anerkannt wird.

Dass ich kein Fleisch essen wollte, konnte er auch nicht nachvollziehen. Oft gab es Streit am Tisch.

»Magst du des Fleischküchle nicht, Fini?«, fragte Mama verständnisvoll, nachdem sie vier volle Teller auf den Tisch gestellt hatte und ich auf meinem nur herumstocherte.

»Es wird gegessen, was aufn Tisch kommt!«, kommentierte Papa und aß grimmig seine Fleischpflanzerl und Kartoffeln.

Ich pickte hie und da eine Kartoffel raus und tunkte sie in die Soße, zielsicher um das tote Tier herum. Mama hatte Verständnis, Papa schwieg.

»Habt ihr Mathe schon rausbekommen?«, fragte Mama meine vier Jahre ältere Schwester Constanze, um vom Thema »Vegetarismus« abzulenken. Leider führte dies zu einem noch streitträchtigeren Thema. Constanze warf mir einen Blick zu, denn wir hatten auf dem Nachhauseweg davon geredet, dann begann sie zu weinen.

»Schon wieder eine Fünf?« Mama sah sie böse an und legte das Besteck lautstark neben dem Teller ab.

»Ganz knapp an der Vier vorbei«, schluchzte Conny und schnäuzte sich in ein Papiertaschentuch.

Ich bekam es mit der Angst zu tun. Würde Mama sie wieder schlagen oder in den Keller sperren?

»Dann fällst du dieses Jahr sicher durch, oder? In Geschichte stehst du doch auch schlecht.« Mama war stinkwütend. Dass das Essen kalt wurde, interessierte sie nicht.

»Jetzt hör halt mit der blöden Schule auf, wenigschtens am Tisch!«, fuhr nun Papa Mama an.

Conny und ich warfen uns ernste Blicke zu. Bei der letzten Fünf in Mathe hatte Mama Conny eine gescheuert und ich bin dann schreiend dazwischengegangen.

Mama atmete genervt aus und aß schweigend weiter.