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Ich kann nicht ohne sie leben. Mit ihr aber auch nicht. Rachel ist das reiche Mädchen, das mir vor zehn Jahren den Atem raubte und einen Navy-Seal wie mich um den kleinen Finger gewickelt hatte. Die einzige Person, die mein Herz zum Schmelzen bringt. Jetzt will sie wissen, wo ich gewesen bin, aber ich kann mit ihr nicht darüber sprechen. Zu unterschiedlich sind unsere Welten. Das bringt die Leidenschaft zwischen uns jedoch nur noch mehr zum Kochen. Doch ich weiß: es ist ein Spiel auf Zeit. Denn mein dunkles Geheimnis wird alles zerstören und auch unsere zweite Chance zunichtemachen … Alle Titel der Reihe "Sinfully Rich" können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Seitenzahl: 419
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ich kann nicht ohne sie leben. Mit ihr aber auch nicht.
Rachel ist das reiche Mädchen, das mir vor zehn Jahren den Atem raubte und einen Navy-Seal wie mich um den kleinen Finger gewickelt hatte. Die einzige Person, die mein Herz zum Schmelzen bringt. Jetzt will sie wissen, wo ich gewesen bin, aber ich kann mit ihr nicht darüber sprechen. Zu unterschiedlich sind unsere Welten. Das bringt die Leidenschaft zwischen uns jedoch nur noch mehr zum Kochen.
Doch ich weiß: es ist ein Spiel auf Zeit. Denn mein dunkles Geheimnis wird alles zerstören und auch unsere zweite Chance zunichtemachen …
Alle Titel der Reihe »Sinfully Rich« können unabhängig voneinander gelesen werden.
Über Vivian Wood
Vivian Wood ist eine USA Today-, Wall Street Journal- und Amazon Top 20-Bestsellerautorin. Ihre Passion sind Romances über sexy Alphamänner, die von selbstbewussten Frauen gezähmt werden.
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Vivian Wood
Sinful Chance
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Beate Darius
Ein großes Dankeschön geht an alle, die an der Entstehung dieses Buches beteiligt waren. An meine Herausgeberinnen Becca und Gemma. An meine Testleserinnen Patricia, Chele und Shelly. Und an Rachel, weil ich mir deinen Namen ausleihen durfte.
Inhaltsübersicht
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Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Impressum
Gegenwart
»Du musst dir eins davon aussuchen«, drängt Sarah, meine Assistentin.
Als wir das Penthouse betreten, schnappe ich mir die Mappe mit den Fotoabzügen und lege sie erst einmal auf die edle Granitfläche der Küchentheke. Ich bin noch unentschlossen.
Meine Mutter ist ziemlich pikiert darüber, dass ich nicht mehr bei ihnen wohne, aber irgendwann hatte ich ihr ständiges Einmischen und die gut gemeinten Lebensweisheiten restlos satt. Nach langem Bitten und Betteln bekam ich dann endlich dieses Penthouse gekauft und bin bei meinen Eltern ausgezogen.
Hier fühle ich mich wohl und bin wenigstens für mich. Also nicht ganz: Ich wohne hier zusammen mit Clay, meinem Freund. Doch der arbeitet so viel, dass er ohnehin kaum da ist.
Er ist bei Civicore beschäftigt, dem multinationalen Konzern, der meinen Eltern gehört. In Kürze soll ich auch dort anfangen – ich bekomme ein eigenes Büro neben dem meines Vaters.
Wenn doch diese kleine mahnende Stimme in meinem Hinterkopf mit ihrem Verschwinde, solange es noch geht! einfach … verstummen würde. Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, was von mir erwartet wird.
Einen festen Wohnsitz haben, eine Familie gründen, für das Unternehmen arbeiten.
Vermutlich habe ich ein Problem damit, zu akzeptieren, dass Schule und Uni hinter mir liegen und jetzt der Ernst des Lebens beginnt, denke ich.
Ich starre auf die Fotos. Zwölf Mini-Versionen von mir starren zurück, eine schlimmer als die andere. Mein Haar auf dem ganz links ist eine Katastrophe. Auf einem in der unteren Reihe blitzt ein BH-Träger unter meinem Kleid hervor. Auf einem anderen sehe ich aus, als würde ich gleich einschlafen.
»Dieses Bild wird in den kommenden Jahren repräsentativ für mich stehen.« Nachdenklich nehme ich meine Chanel-Sonnenbrille ab und tippe damit gegen meine Lippen. »Wann immer jemand wissen will: Wer ist denn Rachel Black?, möchte ich auf dieses Foto zeigen und Sehen Sie? Ich bin eine reale Person! sagen können.«
Sarah rümpft die Nase. »Okay, nehmen wir einmal an, ich gehöre zu diesen Leuten, von denen du gerade sprichst. Ich werde wohl eher fragen: Wer ist die einzige Tochter von Graham und Leigh Black, der Familie, die das größte multinationale Chemieunternehmen besitzt? Dann wirst du auf eins von diesen Fotos zeigen. Welches schreit denn am lautesten Ich bin eine rechtmäßige Erbin und nicht Ich bin eine verwöhnte Prinzessin?«
Nach einem weiteren verdrießlichen Blick auf die Abzüge überlege ich, auf welchem ich am besten rüberkomme.
In meinem Kopf hallt die Stimme meiner Mutter. Hier auf diesem Bild hast du eine schlechte Haltung. Auf diesem da sehen deine Lippen aus wie aufgespritzt. Wann hast du eigentlich zehn Pfund zugenommen?
Auf den meisten Fotos stehen meine Eltern direkt hinter mir. Mit Hut und Talar von meiner Hochschule ausstaffiert, schaue ich mit einem müden Lächeln in die Kamera. Wir stehen unter einem Banner mit der Aufschrift: Herzliche Glückwünsche an den Abschlussjahrgang 2018 der NYU Tandon! Ich habe gerade mit summa cum laude meinen Master in Umwelttechnologie gemacht, als erste Frau in meiner Familie mit dieser akademischen Auszeichnung. Zusammen mit meinem Bachelor an der Columbia habe ich einen ziemlich eindrucksvollen Lebenslauf.
Na ja, auf dem Papier zumindest.
»Mhm«, sage ich nach einem Blick auf die Abzüge und seufze. »Ehrlich gesagt gefallen sie mir alle nicht.«
Sarah versucht angestrengt, nicht die Augen zu verdrehen. »Eins gefällt dir doch bestimmt irgendwie.«
Mit gerunzelter Stirn sehe ich die Fotos noch einmal durch. Auf jedem stehen meine Mutter und ich ein wenig anders in Pose. Wir sehen uns sehr ähnlich, denn wir sind beide blond, gebräunt und sportlich. Mein Blick bleibt auf einem Bild hängen, auf dem ich ein schmales weißes Chiffonkleid trage, das mir bis kurz übers Knie reicht. Dann betrachte ich eines genauer, auf dem mein Dad zwischen uns steht und hinterlistig grinst, als hätte er ein Geheimnis.
Unschlüssig trommele ich mit den Fingernägeln auf die Arbeitsplatte.
»Rachel … du musst dich für eins entscheiden. Also, mir gefällt das hier besonders gut.« Mit dem Zeigefinger tippt Sarah auf eines der Fotos. »Auf dem da wirkst du sehr selbstbewusst.«
Sie will mir bloß helfen, doch ich mag diese Entscheidung nicht übers Knie brechen.
»Egal, welches Bild ich nehme, es wird an alle verschickt werden, auch an den Vorstand von Civicore. Besser gesagt, meine künftigen Mitarbeiter.« Genervt atme ich aus. »Meine Mutter liegt mir ständig damit in den Ohren, dass es ganz wichtig ist, am Anfang alles perfekt zu machen und nichts zu überstürzen. Deswegen werde ich mir mit der Wahl des Bildes Zeit lassen.«
»Nichts gegen deine Mutter, aber diese Frau würde einen Heiligen in den Wahnsinn treiben. Ihr kann man wirklich nichts recht machen. Ich sollte es wissen, denn ich war für eine Woche ihre Sekretärin, als ihre Assistentin im Urlaub war.« Unbewusst schüttelt sich Sarah. »Diese Frau ist ausschließlich darauf fokussiert, was andere Leute sehen und tratschen oder von ihr halten. Sie ist … eitel und eingebildet.«
Das entlockt mir ein kleines Grinsen. »Ja. Andererseits hat sie ein untrügliches Gespür dafür, was andere Leute denken.«
Meine Assistentin schnaubt empört. »Nein. Sie schreibt den Leuten vor, was sie denken sollen. Da ist ein großer Unterschied. Mir wäre lieber, du würdest dich nicht so stark von ihr beeinflussen lassen.«
Seufzend lege ich meine Chanel-Sonnenbrille aus der Hand. »Weiß ich. Es ist bloß … vor fünf Jahren –«
Rigoros winkt sie ab. »Darf ich dich mal kurz unterbrechen? Als dieser Typ dich verlassen hat, warst du am Boden zerstört. Natürlich hast du dich da bei deiner Mom ausgeweint. Deine Mutter brachte dir bei, mehr wie sie zu sein. Ich verstehe das, wirklich. Es ist halt …« Sie beißt sich auf die Unterlippe. »Ich denke, dass du dir jede Kleinigkeit, die deine Mom thematisiert, leider zu sehr zu Herzen nimmst. Weißt du noch, als sie Frauen kritisierte, die sich die Haare färben? Direkt am nächsten Tag warst du beim Friseur, um dir die pinken Strähnen entfernen zu lassen. Genauso mäkelt sie an denen rum, die zur Maniküre gehen.«
Um meine Mundwinkel zuckt es. »Die Queen will ja auch nicht, dass sich die Frauen in der königlichen Familie die Nägel in Knallfarben lackieren.«
»Okay. Ich meine … deine Mutter und die Queen mögen eine Menge Gemeinsamkeiten haben, aber deine Mom ist nicht die Queen.«
Dem kann ich nicht widersprechen. Dennoch empfinde ich immer, wenn irgendwer von den Royals aus der Reihe tanzt, eine eigenartige Seelenverwandtschaft mit demjenigen. Ich weiß, wie es ist, von der eigenen Familie gegängelt und bevormundet zu werden.
Sie will dir nur helfen, rede ich mir gut zu. Gewissermaßen.
»Rachel, ich habe das Gefühl, wir kommen vom Thema ab. Wir sollten uns für ein Foto entscheiden.«
Mit einem missbilligenden Schnauben konzentriere ich mich erneut auf die Abzüge.
Obwohl ich mir tausend andere Dinge vorstellen kann, die ich jetzt lieber tun würde. Wie beispielsweise so schnell wie möglich abzuhauen.
Und wo würde ich dann hingehen?
In der traumhaften Küche meines sehr teuren und sehr großen New Yorker Penthouse stehend, erkenne ich, dass ich mich nicht beschweren sollte. Ich habe die gesamte Dachetage für mich allein. Es gibt eine Menge Leute, die schwierigere Entscheidungen zu treffen haben als ich gerade mit dem Foto.
Sarah räuspert sich umständlich. »Und noch etwas: Das von dir ausgesuchte Foto wird wahrscheinlich auch an sämtliche Zeitungen gehen –«
»Pssst«, warne ich sie. Ich will nicht, dass Sarah sich wie ein Double meiner Mutter verhält. Ich reibe mir die Schläfen. »Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen. Lass mich noch kurz überlegen, bitte.«
Sofort gibt Sarah nach. Schweigend starre ich noch eine Minute auf die Fotos, bevor ich eins aussuche.
»Dieses hier.« Ein unbestimmtes Lächeln auf den Lippen, gebe ich es ihr. Nach einem Blick auf das große Panoramafenster ziehen sich meine Mundwinkel nach unten. »So, und jetzt hast du frei. Schon klar, es ist erst Nachmittag, aber ich würde mich gern hinlegen.«
Zweifelnd zieht Sarah die Brauen hoch. »Na gut … wie du meinst. Wir haben morgen einen echt harten Tag vor uns. Sollen wir nicht noch schnell den Terminplan durchsprechen?«
Kopfschüttelnd winke ich ab. »Nein danke. Maile mir einfach alles. Ich werde versuchen, damit klarzukommen.«
Sie senkt den Kopf. »Dann bis morgen.«
Statt einer Antwort lächle ich bloß. Ich warte, bis sie aus dem Zimmer ist, um mit einem erleichterten Seufzer meine High Heels abzustreifen. Zwar sehen sie gut aus und bringen meinen Hintern grandios zur Geltung, trotzdem tun sie furchtbar weh.
Bevor ich mich von der Küchenzeile wegdrehe, fällt mein Blick auf einen Stapel Post. Sarah muss sie für mich hingelegt und vergessen haben, mich darauf aufmerksam zu machen.
Während ich die Umschläge durchgehe, wird mir klar, dass der Großteil Einladungen zu Wohltätigkeitsveranstaltungen oder Spendenaufrufe sind. Alle sind handgeschrieben auf schwerem Büttenpapier. Ich lege sie beiseite, damit meine Assistentin sich ihrer annimmt.
Ein Brief sticht mir allerdings besonders ins Auge. Es ist ein schlichtes Kuvert mit computergetippter Adresse. Der Absender lautet: National Park Service.
Obwohl mich niemand sehen kann, spüre ich, wie ich erröte. Offenbar ist es eine Antwort auf meine in letzter Minute abgeschickte Bewerbung, um als Praktikantin in einem der Nationalparks zu arbeiten und dort Wasserproben auf Verunreinigungen zu untersuchen. Damals war ich mitten im Prüfungsstress und hatte mir wenig Hoffnung auf ein Vorstellungsgespräch gemacht.
Es klang halt so gut und verlockend, draußen in der Natur zu arbeiten. Zumindest redete ich mir das ein, während ich praktisch rund um die Uhr in der Bibliothek war, um für meinen Masterabschluss zu büffeln.
Der Umschlag fühlt sich ziemlich leicht an, demnach gehe ich davon aus, dass es eine Absage ist. Das möchte ich wetten.
Leicht gefrustet reiße ich das Kuvert auf und überfliege den kurzen Text.
Liebe Ms. Black,
Glückwunsch! Sie wurden in unser diesjähriges Nationalpark-Programm aufgenommen. Wir haben Stellen in den folgenden Parks zu vergeben: Olympic, Everglades, Zion, Badlands und Pinnacles. Bitte melden Sie sich bei dem Park Ihrer Wahl unter folgender Telefonnummer …
Verblüfft lege ich den Brief zurück auf die Anrichte. Ich hätte nie gedacht, dass ich genommen werde, zumal ich seinerzeit noch eine schwer gestresste Studentin war, die von einem anderen Leben träumte. Doch jetzt habe ich es schwarz auf weiß.
Ich überlege angestrengt. Natürlich werde ich absagen müssen. Es ist eine Praktikumsstelle mit einer Aufwandsentschädigung. Was ich da in einem Monat bekäme, verdiene ich in der Firma meiner Eltern an einem Tag, ohne einen Finger zu rühren. Außerdem habe ich bereits einen Job.
Ich werde in leitender Funktion bei Civicore anfangen. Darüber hinaus bin ich schon seit meinem achtzehnten Geburtstag im Vorstand dieses Konzerns.
Ganz abgesehen von der Tatsache, dass Clay, mit dem ich seit fast zwei Jahren zusammen bin, irgendwelche plumpen Bemerkungen fallen ließ, er sei bereit, mir einen Heiratsantrag zu machen und mit mir eine Familie zu gründen. Da meine Eltern große Stücke auf ihn halten, bekleidet er einen hohen Posten bei Civicore.
Bei dem Gedanken an Clay kräusele ich die Lippen. Er hat ein gepflegtes Äußeres, ist aber nicht sonderlich attraktiv. Bestenfalls könnte man ihn als unauffällig beschreiben, denn er hat ein Gesicht, das man schnell wieder vergisst. Ich weiß das. Das ist auch der Grund, weshalb meine Mutter ihn akzeptiert und warum ich mit ihm zusammen bin.
Ich habe die Nase voll von Schönlingen.
Clay und ich wohnen bereits zusammen in diesem riesigen Penthouse. Ihm zufolge brauchen wir es bloß noch offiziell zu machen. Von der Idee, Mrs. Clay Attenborough zu werden, bin ich nicht allzu begeistert, aber … alle anderen anscheinend schon. Also werde ich mit dem Strom schwimmen.
Schließlich habe ich kein besonders gutes Händchen bei der Wahl meiner Partner, wenn ich mich von meinem Herzen leiten lasse. Besser ist es, einfach alles auf mich zukommen zu lassen.
Seufzend lasse ich den Brief auf dem Küchentresen liegen. Auf dem Weg in mein Schlafzimmer öffne ich schon den Reißverschluss von dem pastellrosa Etuikleid, das ich anhabe. Mein Schlafanzug ruft ganz energisch nach mir.
Ein paar Schritte vom Schlafzimmer entfernt höre ich ein Geräusch. Es klingt so ähnlich wie ein gedämpftes Auflachen. Die Tür steht einen Spaltbreit offen. Stirnrunzelnd bleibe ich stehen.
Eigentlich dürfte niemand hier sein. Es ist mitten am Tag. Normalerweise bin ich um diese Zeit auch nicht zu Hause, doch dann wurde die Benefizveranstaltung, die ich besuchen wollte, kurzfristig abgesagt.
Mag sein, dass ich mich verhört habe.
Aber nein, da ist es wieder, das kehlige Lachen, begleitet von dem sinnlichen Stöhnen einer Frau. Dann eine Männerstimme, die leise etwas sagt. Was um alles in der Welt geht da gerade in meinem Schlafzimmer ab?
Einen Schritt nach vorn machend, drücke ich die Tür ein paar Zentimeter weiter auf.
»Ich liebe dich, Baby«, flüstert die Frau.
»Du weißt, dass ich dich auch liebe.«
Ich erstarre. Das war Clays Stimme, und er spricht mit einer Frau, die nicht ich bin.
Einen kurzen Moment lang ist es surreal für mich. Ich kann es einfach nicht glauben.
Das Penthouse. Die Beförderungen bei Civicore. Ein schickes Eckbüro. Alles Dinge, die Clay der Tatsache zuzuschreiben hat, dass er mit mir zusammen ist. Meine Eltern akzeptieren ihn als zukünftigen Schwiegersohn und haben unsere Beziehung von Anfang an befürwortet. Alles, was er zu tun hat, ist, mich glücklich zu machen.
Ich meine, Clay müsste wahnsinnig sein, etwas anderes zu tun, als mich auf Händen zu tragen. Und trotzdem erwische ich ihn hier beim Fremdgehen.
Dieser Scheißkerl!
Ich knalle die Tür ganz auf und gönne mir einen Blick auf Clays nackten Hintern, während er in eine stöhnende Brünette stößt. In flagranti ertappt hören die beiden auf. Clay reagiert als Erster, indem er sich halb umdreht und mich schockiert anglotzt.
»Fuck.« Er schwingt sich aus dem Bett. »Rachel …«
Es ist so widerlich, dass mir vor Entrüstung nichts mehr einfällt. Die Braunhaarige setzt sich auf und hält sich das Laken vor den Körper.
»Ist sie das?«, fragt sie.
Aus irgendeinem Grund macht mich die Tatsache rasend, dass sie in dieser Weise von mir redet.
»Raus hier!«, brülle ich. Mir ist zum Heulen zumute. »Alle beide!«
Die Brünette beeilt sich, aus dem Bett zu kommen und sich ihre Sachen zu schnappen, wobei sie das Laken mit sich reißt. Ich sage keinen Ton. Als sie zur Tür gelaufen kommt, trete ich zur Seite, um sie durchzulassen. Sie ist hier nicht das Problem.
Clay greift nach einem Kissen, um damit seinen Schwanz zu bedecken. Als er sich zu mir dreht, besitzt er die Frechheit, mir mit Vernunft zu kommen. »Hey, Rachel, lass uns jetzt nicht den Kopf verlieren. Das Ganze ist ein Missverständnis …«
Meine Hände zu Fäusten geballt, tanzen zuckende Blitze hinter meinen zusammengekniffenen Lidern. Ich könnte ihn auf der Stelle umbringen.
Stattdessen beiße ich jedoch die Zähne zusammen.
»Ich habe dich hier wohnen lassen«, fahre ich ihn an. »Du hattest es so gut bei mir. Und du hast es versaut.«
Clay wird blass. »Schätzchen –«
»Nenn mich nicht Schätzchen«, fauche ich. »Du kannst von Glück sagen, dass hier nirgends ein Messer herumliegt. Und jetzt raus!«
Er schüttelt den Kopf. »Wo soll ich denn hin?«
Das ist doch wirklich der Gipfel! »In ein Hotelzimmer, wo du es gleich mit dieser … dieser Person hättest treiben sollen, die du gerade gevögelt hast!«
»Wenn du mir bloß einmal zuhören würdest –«
Mir reicht es. »Weißt du was? Ich werde gehen. Und wenn ich zurückkomme, hast du besser dein Zeug gepackt und bist weg. Ansonsten werde ich nämlich heute Abend alles verbrennen, was von dir noch hier rumliegt.«
»Kleines, warte …«, versucht er es erneut.
Doch ich höre nicht mehr zu.
Tränen brennen in meinen Augen, als ich herumwirble und durch den Flur stürme. Resolut ziehe ich den Reißverschluss von meinem Etuikleid wieder hoch und, in der Küche angekommen, zwänge ich mich erneut in meine High Heels. Ich schnappe mir das Handy von der Ladestation und die Zusage von der Parkverwaltung.
Schniefend marschiere ich aus meiner Penthouse-Wohnung und düse ohne groß zu überlegen nach unten.
Wie kann Clay es wagen, mir das anzutun?
Und was fast noch schlimmer ist, ich weiß nicht, wem ich von diesem Horrorerlebnis erzählen kann. Meine herzlose Mutter wird mir nur empfehlen, Clays Verhalten zu ignorieren und shoppen zu gehen, und mein Vater mir damit kommen, dass Männer eben so sind.
Alle meine Freunde, falls man sie überhaupt so nennen kann, sind zu neidisch auf mein Apartment und meinen Lebensstil, um irgendeine Hilfe zu sein.
Mein Herz schlägt qualvoll. Ich wünsche mir sehnlichst, jemanden zu kennen, der wie ein ganz normaler Mensch auf diese Geschichte reagieren würde.
Heute ist einer dieser Tage, wo ich Grayson wirklich, wirklich vermisse.
Die Zusage vom National Park Service verschwimmt vor meinen Augen. Während ich meine Tränen fortwische, schaue ich auf den Briefbogen, den ich umklammert halte. Und bevor ich groß überlege, wähle ich die am Schluss angegebene Nummer.
Eine Frau nimmt gleich beim ersten Klingeln ab.
»National Park Service, Tina am Apparat. Wie kann ich Ihnen helfen?«
»Guten Tag«, melde ich mich unter Tränen, »mein Name ist Rachel Black. Sie haben mir ein Praktikumsangebot geschickt, und ich würde gern offiziell zusagen …«
Bumm. Schwung holen. Bumm. Schwung holen. Bumm. Schwung holen. Es hat einen Rhythmus, einen Pfosten tief in den Boden zu schlagen.
Bumm. Meine Axt landet auf der Kuppe des Pfahls, mit der flachen Seite nach unten.
Schwung holen. Erneut hole ich zu der Bewegung aus, schwinge die Axt über meinen Kopf. Dann lasse ich sie nach unten sausen.
Bumm.
Der Rhythmus ist beruhigend. Zumindest erlaubt einem der körperliche Einsatz nicht, an etwas anderes zu denken. Das ist das Beste daran.
Gefühlt tausend solcher Routinetätigkeiten zu finden, Dinge, die erledigt werden müssen, aber ohne dabei groß zu reden. Das mache ich den ganzen Tag, bis mein Kreuz nicht mehr mitspielt oder ich vor Müdigkeit halb umfalle.
Ich bin froh, diesen Job zu haben. Als Aufseher in einem der Nationalparks finde ich genügend kleine Aufgaben, um meine Tage damit auszufüllen. Felsblöcke aus dem Weg räumen. Gräben ausheben. Pfosten einschlagen.
Von Sonnenaufgang bis in die Dunkelheit stumpfsinnige, körperlich schwere Arbeiten verrichten.
Vorübergehend betäubt es den Schmerz, und mehr kann ich nicht verlangen. Wer weiß, vielleicht bin ich heute ja so müde, dass ich ein paar Stunden schlafen kann, ohne zu träumen.
Vielleicht.
Ein Muskel in meiner linken Schulter verkrampft, was den Bewegungsablauf meiner Arme einschränkt. Ich halte kurz inne, um meinen Rücken zu dehnen. Doch der Schmerz wird bloß schlimmer.
Genervt ziehe ich einen Arbeitshandschuh aus, um mir die verschwitzte Stirn zu wischen. Dann massiere ich meine Schulter in kleinen konzentrischen Kreisen, so wie es mein Physiotherapeut in dem Militärkrankenhaus machte, in dem ich nach meiner Rückkehr aus dem Irak behandelt wurde.
Gequält verziehe ich das Gesicht. Der pochende Schmerz breitet sich durch meinen Arm bis in meine Seite und meinen oberen Rücken aus.
Fuck. Bestimmt habe ich meine Schulter überanstrengt.
Ich reiße mir den anderen Handschuh herunter, werfe beide auf den Boden und lehne meine Axt an den Pfosten. Dann schnappe ich mir die Wasserflasche und laufe ein Stück über den Waldweg, bis ich den Fluss sehen kann, der sich weiter unten zu einem kleinen Wasserfall anstaut.
Von dort habe ich eine ganz gute Aussicht auf die ausgedehnten Bergketten. Überall stehen Kiefern, die nirgends so gut wachsen wie hier. Alles ist so verdammt grün, wahrscheinlich liegt das am Regenwaldklima.
Es ist echt ziemlich majestätisch. Und hier, näher am Wasserfall, ist das gurgelnde Plätschern lauter. Das monotone Rauschen lenkt mich von meinen brütenden Gedanken ab.
Das ist ein Grund, warum ich nach meinem Rauswurf bei den Navy SEALs, besser gesagt nach meiner Entlassung aufgrund von gesundheitlichen Problemen, hierherkam. Die Einsamkeit, hier draußen ganz allein zu sein, unter diesem endlos weiten Himmel … es ist in einer Weise beruhigend für mich wie sonst nichts. Hinzu kommt die Tatsache, dass ich einen Koller kriege, wenn ich in geschlossenen Räumen bin, und mich wie ein eingesperrtes Tier fühle …
Ich kann mir keinen anderen Ort vorstellen, der besser für mich wäre.
Schon gar nicht New York. Zumindest rede ich mir das immer wieder ein, jeden einzelnen, gottverdammten Tag. Ich habe mein Mädchen, meine Familie und mein ganzes Leben dort zurückgelassen.
Und weshalb?
Weil bei mir zwanghaft etwas ausgelöst wird, sei es durch irgendeine Waffe, die wie die klingt, die damals im Irak losging, oder auch nur durch eine Wüstenszene im Fernsehen. Und dann bin ich sofort wieder dort, mitten in dem ganzen Chaos, und versuche zum zigsten Mal verzweifelt, aus diesem Militärfahrzeug herauszukommen.
Das Donnern von Gefechtsfeuer und Explosionen dröhnt in meinen Ohren.
Ich spüre warmes Blut, vermischt mit Tränen, die über mein Gesicht strömen.
Den Geschmack der Angst, kalt und metallisch, in meinem Mund.
Hitze und Staub, als ich auf meinem Bauch durch glühenden Sand robbe.
Der Anblick meines besten Freundes in unserer Einheit, seine Augen weit aufgerissen in den letzten wenigen Sekunden seines Lebens. Er versucht, mir etwas zu sagen, doch ich kann ihn nicht verstehen …
Ich presse die Lider zusammen. Mein Herz hämmert gegen meine Rippen. Meine Muskulatur ist angespannt. Mein Atem geht in kurzen, harschen Stößen. Die Erinnerungen drohen, mich zu überwältigen. Automatisch gehe ich in meine Achtsamkeitsmeditation, indem ich den Kopf senke und mein Mantra wiederhole.
»Wir haben 2018. Es ist der fünfte Monat, der Monat Mai. Es ist der zweite Tag des Monats, ein Mittwoch. Ich bin im Olympic National Park. Ich heiße Grayson James Sellwood, und mir geht es gut.« Nach einem zitternden Atemzug fange ich von vorne an. »Wir haben 2018. Es ist der fünfte Monat, der Monat Mai. Es ist der zweite Tag dieses Monats, ein Mittwoch. Ich bin im Olympic National Park. Ich heiße Grayson James Sellwood, und mir geht es gut.«
Bei der dritten Wiederholung lockert sich meine Muskulatur. Bei der vierten beruhigt sich mein Atem. Ich wiederhole es insgesamt sechsmal, bevor mein Herzschlag verlangsamt.
Dann öffne ich die Augen, um einen Schluck Wasser aus der Flasche zu nehmen.
Es geht mir besser, wirklich. Nicht gut, aber besser.
Erst seit drei Jahren bin ich halbwegs in der Lage, meine Panikattacken zu kontrollieren und den Trigger auszuschalten, indem ich mein Mantra wiederhole. Noch vor zwei Jahren hätte ich den Rest des Tages in Panik verbracht und mir wegen meines Geisteszustands Sorgen gemacht.
Voller Angst, wieder in jenes dunkle Loch zu fallen und in eine psychiatrische Einrichtung eingewiesen zu werden, so wie die nach meiner Rückkehr. Okay, um genau zu sein, war ich viermal in der Bellevue Psychiatric Facility, also insgesamt drei Monate.
Doch das ist Schnee von gestern, solange ich nicht austicke und mein Hirn beschäftigt halte.
Nach einem Blick auf die vier Pfosten hinter mir, die ich bisher eingeschlagen habe, wische ich mir erneut den Schweiß von der Stirn. Vor mir liegt noch etwa eine Stunde Arbeit, und danach muss ich mich kurz duschen und umziehen, denn eine Reisegruppe hat sich angekündigt.
Touristen durch das Basislager zu führen und ihnen über unsere Arbeit zu erzählen, ist definitiv der Job, den ich am wenigsten mag. Und seit meiner Panikattacke letzten Monat versuche ich auch nicht mehr, den Leuten etwas vorzumachen.
Der National Park Service und mein Boss Nate finden mein Verhalten zwar nicht gut, aber noch weniger, einen knapp eins neunzig großen Ex-Navy SEAL in vollem Panikmodus zu erleben. So was in der Art denke ich jedenfalls.
Außerdem bekomme ich meine anderen Aufgaben super hin. Ich hoffe, das genügt der nationalen Parkverwaltung, weil ich diese Stelle nicht verlieren darf. Sie ist alles, was ich noch habe.
Als ich meine Pause beende und zu meiner Axt zurückschlendere, hält ein total verdreckter offener Jeep neben mir. Aiden, mein bester Freund seit unserer Kindheit, steckt grinsend den Kopf heraus. Er streicht sich das dunkle Haar aus der Stirn.
»Hey, Alter, schön dich zu sehen!«, sagt er und lehnt sich aus dem Wagen.
Aiden ist so groß wie ich und gebaut wie eine absolute Kampfmaschine. Mit seinem gewöhnungsbedürftigen Charme und seinem Hitzkopf ist er das genaue Gegenteil von mir. Während wir uns vom Körperbau ähnlich sind, ergänzen sich unsere Persönlichkeiten, weil wir beide vom Temperament her vollkommen unterschiedlich sind.
Ich spähe zu ihm. Aiden wirkt ausgeglichen, doch unter der Oberfläche brodeln Hass und Wut auf diese Welt. Bisweilen sind seine schnellen Stimmungswechsel ein Klacks gegen meine Psychomacken.
Aiden habe ich es zu verdanken, dass ich diesen Job bekommen habe.
»Ich dachte, du wärst in irgendeiner Stadt im Osten von Washington. Gab es da nicht irgendeine Kellnerin, auf die du ganz heiß warst?«
»Die ist nicht mehr aktuell«, sagt er mit einem wegwerfenden Schulterzucken.
Meine Lippen ziehen sich skeptisch nach unten. »Und wieso fährst du die weite Strecke hierher? Bist du nicht im Okanogan County eingeteilt, also fast an der kanadischen Grenze?«
»Da ich ohnehin in diese Richtung unterwegs war, meinte Nate, ich soll einen kurzen Zwischenstopp einlegen und mal ein paar Takte mit dir reden. Offenbar hast du ein Problem damit, Reisegruppen rumzuführen.«
Verärgerung kocht in mir hoch. Wahrscheinlich ist Aiden im Olympic National Forest, um den Babysitter für mich zu spielen. Es wäre nicht das erste Mal. Auch er ist Parkaufseher und sieht mich seit drei Jahren als sein Nebenprojekt an, an dem er sich abarbeitet.
Fuck, ich dachte wirklich, es ginge aufwärts mit mir …
Ich will einfach bloß das Gefühl haben, dass es mir besser geht, und verdammt noch mal in Frieden gelassen werden. Ist das zu viel verlangt?
Blöde Frage, sonst hätte Nate, mein Boss, Aiden bestimmt nicht hergepfiffen. Warum zum Teufel kann ich nicht meine Ruhe haben, die nächsten Jahre wenigstens …
»Grayson?«, unterbricht Aiden meine Gedankengänge.
»Ich hab’s kapiert«, sage ich mit versteinerter Miene. Emotionen brodeln direkt unter der Oberfläche, doch ich halte sie unter Verschluss.
Aiden spricht weiter, als hätte er mich nicht gehört. »Mann, davor kannst du dich nicht immer mit irgendeiner Ausrede drücken, okay? Das geht gar nicht. Mach mal Schluss für heute und komm mit mir. Lass uns zusammen ein bisschen chillen! Ich habe ein Sixpack Bier dabei …«
Es klingt nicht so, als hätte ich groß die Wahl. Also willige ich schicksalsergeben ein. Ich klettere zu ihm in den Jeep und starre aus dem Fenster, während wir uns über die kurvige Buckelpiste schlängeln, die ins Basislager vom National Park Service führt, das sich unten ins Big Valley schmiegt.
Von hier aus kann man das Camp nicht sehen, sondern bloß hohe Berge. Dann taucht es plötzlich wie hingezaubert auf, der große holzgezimmerte Speisesaal, und dahinter eine Reihe kleinerer Gebäude. Weiter weg sind überall kleine Blockhäuser für die Mitarbeiter verteilt, und ein weitläufiger Kletterparcours führt in den Wald.
Aiden parkt den Jeep vor dem Speisesaal und versucht erst gar nicht, mich zum Reingehen zu bewegen. Was auch gut ist, weil ich es hasse, länger als ein paar Minuten in geschlossenen Räumen zu verbringen. Stattdessen nimmt er die Kühltasche von der Rückbank und stapft zu der weitläufigen Outdoor-Lounge, wo ein paar Hängematten aufgespannt sind.
»Ist das für dich okay?«, fragt er.
»Ja.«
Er öffnet die Kühltasche, schnappt sich ein Bier und wirft es mir zu. Dann macht er sich selbst eins auf, nimmt einen Schluck und lässt sich schließlich mit einem Seufzer in eine der Hängematten fallen. Über so viel Zufriedenheit seinerseits kann ich nur den Kopf schütteln.
Ich schwinge mich in eine Hängematte und beäuge ihn, während ich mein Bier öffne. Er nuckelt geradezu glückselig an seinem, mir ist im Augenblick jedoch nicht nach Bier.
Für eine längere Weile schweigen wir beide. Aiden zieht sein Smartphone heraus und tippt darauf herum. Wie ich ihn kenne, simst er zweifellos gerade irgendeiner Blondine mit großem Busen. Dann legt er das Handy weg und sieht zu mir.
»Alsooo …«, beginnt er. Nervös trommelt er mit den Fingern auf die Bierdose. »Telefonierst du gelegentlich mit Olivia?«
Ich nicke. »Sie würde gern hier anfangen. Ich meine, vorausgesetzt, sie findet einen Job.«
Mit sichtlichem Unbehagen wippt er in seiner Hängematte, als suchte er nach Worten, um mir irgendetwas schonend beizubringen. Ich wünschte, meine Aufenthalte in der Psychiatrie hätten ihn nicht so vorsichtig gemacht. Doch wenn Wünsche irgendetwas bewirken würden, lebten wir in einer anderen Welt.
»Was?«, will ich wissen, bemüht, nicht übermäßig gereizt zu klingen.
Er taxiert mich mit einem Blick. »Es wird dir nicht gefallen.«
»Nun sag schon.«
»Da du nicht gut mit Leuten kannst, hat Nate nach einem anderen Job für dich Ausschau gehalten.« Sein Gesicht nimmt einen verkniffenen Ausdruck an. »Wir bekommen irgendeinen Wissenschaftsfuzzi hergeschickt, der sämtliche Wasservorkommen auf Verunreinigungen prüfen soll. Und da du keine Reisegruppen rumführen willst –«
»Das habe ich nie gesagt«, schneide ich ihm das Wort ab.
»Geschenkt. Wie dem auch sei, du wirst sie begleiten und herumführen –«
»Sie?«, wiederhole ich missmutig.
»Lässt du mich mal ausreden? Sie hat vor Kurzem ihren Abschluss als Umweltingenieurin gemacht, und wir kriegen sie praktisch die nächsten Monate für umsonst.«
Schnaubend ziehe ich den Atem ein. »Lass mich raten. Sie war noch nie draußen in den Wäldern und hat keine Ahnung vom Zelten.«
Aiden zuckt die Schultern. »Ich weiß auch nicht mehr als du, Mann.«
»Du hattest recht. Es gefällt mir nicht.« Der Atem kommt gepresst aus meinen Lungen. »Fuck, Mann.«
Ich springe aus der Hängematte und schlendere in Richtung des Kletterparcours. Aiden mag mein bester Freund sein, doch das macht diese schlechte Nachricht kein bisschen besser.
Meine Gedanken sind so finster wie die Regenwolken, die zunehmend am Himmel aufziehen, während ich auf den Schutz der Bäume zusteuere.
Auf der Fahrt vom Seattle-Tacoma International Airport raus zum Olympic Park starre ich auf die Bäume, die zusehends dichter stehen. Der Fahrer bringt mich durch den nordöstlichen Teil des Parks zum Westeingang. Es wird auch zunehmend gebirgiger, überall wachsen riesige Kiefern. Die Landschaft ist üppig grün, größer könnte der Unterschied zu Manhattan nicht sein.
Allerdings bin ich nicht wirklich auf die schöne Aussicht, sondern auf das Smartphone in meiner Hand konzentriert.
»Du hättest nicht einfach so wegfahren dürfen, Rachel.« Sarah klingt pikiert.
»Tut mir schrecklich leid. Wahrscheinlich hast du dir von meinem Vater ganz schön was anhören müssen –«
»Um deinen Dad würde ich mir keine Gedanken machen«, unterbricht sie mich. »Eher um deine Mom und Clay.«
»Um Clay?«, gebe ich verblüfft zurück.
»Ja. Clay war bei deinen Eltern, als ich hinkam, und er hat vor Wut förmlich gekocht.«
Als ich meinem Vater per SMS mitteilte, dass ich den Sommerjob beim National Park Service angenommen hätte, dachte ich, er würde an die Decke gehen oder dergleichen. Offenbar war Clay einer der Ersten, die mein Vater anrief, als ich nicht an mein Handy ging.
Keine Ahnung, wie viel mein Vater von dem Missverständnis zwischen Clay und mir weiß. Doch das ist auch nicht wichtig. Beide texten mir und hinterlassen mir Sprachnachrichten, stocksauer über die Tatsache, dass ich den Sommerjob auf der anderen Seite des Landes angenommen habe.
»Tja, ich treffe meine eigenen Entscheidungen und bin zum Glück weit genug weg von ihnen. Wenn sie mich nicht schon so … zur Schnecke gemacht hätten, würde ich meinen Eltern verklickern, dass sie mich mal kreuzweise können.«
Sarah schnalzt mit der Zunge. »Hoffentlich hast du den Bogen nicht überspannt, meine Liebe. Ich habe keine Ahnung, was passieren wird, wenn du in den nächsten Tagen nicht zurückkommst.«
Ich denke an die SMS und die Sprachnachrichten, die ich in den letzten drei Tagen bekommen habe.
Was passiert ist, tut mir leid. Komm zurück und wir werden wie Erwachsene darüber reden, schreibt Clay.
Mein Vater dagegen ist ein Experte in Sachen Schuldzuweisung. Junge Dame, wegen einer belanglosen persönlichen Kabbelei verbaust du dir gerade deine Zukunft. Selbst wenn wir die Stationen deiner beruflichen Karriere bisher nicht im Einzelnen besprochen haben, ist das kein Grund, einfach so zu verschwinden! Wir haben dich den Masterabschluss nicht ohne Grund machen lassen. Eine gehorsame, verlässliche Tochter würde sich nicht so verhalten …
»Die labern nur Scheiße«, zische ich.
»Weiß ich doch. Aber dein Vater droht bereits damit, dass er dir den Geldhahn zudrehen würde, wenn du nicht zurückkommst …« Sarah klingt besorgt. »Was würdest du denn ohne ihre Unterstützung machen?«
Frei sein.
Es klingt bitter, selbst für mich.
»Soso, hat mein Vater das gesagt. Wahrscheinlich hat er maßlos übertrieben. Er lügt ohnehin wie gedruckt, das liegt bei uns in der Familie.«
»Rachel …«
»Ich habe es so satt, eine Black zu sein!«, rede ich mich in Rage. »Ich möchte doch bloß herausfinden, wie mein Leben wäre, wenn ich für mich selbst sorgen müsste. Ich möchte meine Fühler ausstrecken und unabhängig sein, bevor ich irgendwann wie mein Vater werde, okay?«
Sarah stößt einen Seufzer aus. »Ich weiß, dass du das möchtest, aber –«
»Ich frage mich, wie meine Familie mich jetzt noch kontrollieren will«, falle ich ihr ins Wort. »Meine Großeltern und mein Vater waren sich stets einig, dass mir jeder Wunsch erfüllt werden sollte. Gleichzeitig haben sie mir nie groß eine Wahl gelassen. Meine Zukunft ist genau geplant. Aber ich möchte meine eigenen Entscheidungen treffen. Allein schon, um zu beweisen, dass ich es draufhabe!«
Für eine kurze Weile schweigt Sarah. »Ich kann es dir nachfühlen …«
Ich beginne, Dinge aufzuzählen, die von mir erwartet werden. »Ich habe alles getan, was sie von mir verlangt haben. Die Schule als Jahrgangsbeste abgeschlossen. Mir einen Freund aus unseren Kreisen gesucht. Ein Fach studiert, das Civicore befürworten würde. Meinen Abschluss mit Auszeichnung gemacht.«
»Warum setzt du dich nicht in den nächsten Flieger und wir bereden alles hier? Du weißt, ich stehe immer auf deiner Seite.«
Doch ich bin noch nicht fertig. »Und nachdem ich das alles hinter mir habe, soll ich heiraten und Kinder kriegen. Und das alles mit einem zuckersüßen Lächeln.«
»Ich hatte ja keine Ahnung, dass du es so siehst«, meint sie nach kurzem Schweigen.
»So läuft das eben in meiner Familie. Alles muss perfekt sein. Und natürlich Luxus pur. Die Penthouse-Wohnung, ständig ein neuer Mercedes, die Wochenendflüge zu unserem Château in der Schweiz …« Zum gefühlt tausendsten Mal in drei Tagen breche ich in Tränen aus. »Das ist das Leben, das mir aufgezwungen wurde, ich habe es mir nicht selbst ausgesucht.«
»Du Arme …« Ich höre, dass Sarah gepresst einatmet. »Vielleicht hast du ja recht. Offenbar brauchst du dringend einen Tapetenwechsel. Gibt es noch irgendetwas, was ich von hier aus für dich tun kann?«
Lächelnd wische ich die Tränen weg. »Nein. Ich denke, wir sollten das Gespräch beenden. Mein Fahrer hat bestimmt schon von meinem Drama genug mitbekommen.«
Sie kichert verhalten. »Okay, okay, wenn du irgendetwas brauchst –«
»Du bist die Erste, die ich anrufen werde«, versichere ich ihr.
»Schön. Viel Glück.«
»Danke.« Ich atme tief aus – mir war gar nicht bewusst, dass ich die Luft angehalten hatte. Mein Handy umklammernd blicke ich aus dem Wagenfenster auf die Kiefern, die durch einen Tränenschleier an mir vorüberziehen. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, viele andere haben das auch bereits so gemacht.
Ja, das ist ein Teil dessen, weshalb ich weggelaufen bin. Aber nicht der einzige.
Und was sind die anderen Teile des Puzzles?
Die Bäume werden dichter, die Straße verengt sich zu einem schmalen Weg. Der Fahrer bremst, um einem Hinweisschild zu folgen. Ich drehe den Kopf nach hinten und schlucke.
Whiskey Bend Base Camp steht in weißen Buchstaben auf dem braunen Schild. Das größte Ganzjahresbasislager im Olympic Park.
Mein Herzschlag beschleunigt.
Das ist es. Das ist der Ort, wo mein Abenteuer beginnen soll. Mein Sommer der Freiheit.
Ich werde wandern. Ich werde Höhlentauchen ausprobieren. Ich könnte mich sogar auf eine Sommerromanze einlassen, wenn einer von den Typen in diesem Lager schnuckelig genug ist. Schließlich war ich die letzten fünf Jahre auf Autopilot gestellt. Wenn ich schon bei meinem Vater anfangen soll, dann will ich wenigstens vorher noch ein bisschen Spaß haben.
Wir fahren eine steile Böschung hinunter, und der Fahrer geht ein wenig hart aufs Gas, als wir uns dem Talkessel nähern. Ich kann nicht anders, als durch die Windschutzscheibe auf das grüne Dickicht ringsum zu starren, und mein Herz rast. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellen sich auf, gespannt auf das Ungewisse.
Im nächsten Moment springt ein Mann vor den gemieteten SUV, und mein Fahrer muss voll auf die Bremse steigen. Ich mache einen Satz und umklammere geistesgegenwärtig den Vordersitz. Einen kritischen Augenblick lang bin ich aufrichtig besorgt, dass wir nicht mehr rechtzeitig anhalten und den Mann über den Haufen fahren werden. Mit quietschenden Reifen kommen wir zum Stehen. Jeder Muskel in meinem Körper verkrampft sich, als es dem Mann gelingt, dem Wagen auszuweichen.
Er richtet sich zu seiner vollen Größe auf, eine durchaus beeindruckende Statur. Sein dunkler Schopf wirbelt herum, seine blauen Augen scheinen sich auf mich zu fixieren. Großer Gott, er sieht aus wie mein Ex, der Mann, der mich ohne ein Wort verließ. Der gleiche muskulöse Körperbau, der gleiche stechende Blick.
Spontan habe ich jede Menge Schmetterlinge im Bauch.
Zweifellos habe ich meine Sommerromanze gefunden. Das heißt, immer vorausgesetzt, dass er hier arbeitet.
Er brüllt dem Fahrer irgendetwas zu und zeigt dabei auf ein Verkehrsschild, das nur wenige Meter hinter ihm angebracht ist. Höchstgeschwindigkeit 20km/h, steht darauf; wir sind den Hang definitiv dreimal so schnell heruntergebrettert.
Allerdings höre ich nicht zu. Ich bin zu beschäftigt damit, den Typen anzuschmachten.
Herrje, wann war ich das letzte Mal mit einem wildfremden Mann zusammen? Noch dazu mit einem solchen Prachtexemplar?
Noch nie, wenn ich ehrlich bin.
Vielleicht kann er der Erste sein.
Als der Fahrer nach einem zustimmenden Winken weiterfährt, kann ich nicht aufhören, den Mann am Straßenrand anzustarren. Bis auf seine finstere Miene sieht er Grayson Sellwood wahnsinnig ähnlich. Gray war nämlich immer gut drauf. Auf jeden Fall hatte er eine positive Lebenseinstellung.
Dieser Typ kommt wie das genaue Gegenteil rüber, obwohl ich natürlich auch sauer wäre, wenn ich beinahe über den Haufen gefahren worden wäre.
Dann biegen wir um die Ecke. Der Fremde verschwindet aus meinem Blickfeld.
Mein Herz klopft plötzlich so laut und hart, dass es in meinen Ohren rauscht. Der Fahrer biegt um eine weitere Kurve und anschließend auf einen kiesbedeckten Parkplatz. Ringsum stehen verwitterte Holzhäuser, auf dem größten steht Campbell Mess Hall. Weiter weg, ziemlich hinter Bäumen versteckt, ist ein Kletterparcours.
Ich habe einen Kloß im Hals. Der Fahrer ist bereits ausgestiegen und lädt mein Gepäck aus dem Kofferraum. Tief durchatmend klettere ich aus dem schwarzen SUV, um mein weißes Seidentop und meinen engen blauen Rock glatt zu streichen. Als ich den Blick durch das Campgelände schweifen lasse, über dem die Kronen der Bäume einen schattenspendenden grünen Baldachin bilden, bin ich ganz ergriffen.
Herrgott, hier draußen riecht es sogar anders. Nach Kiefern und Regen.
Ich nehme meine Handtasche aus dem Wagen, stecke mein Smartphone hinein und schlendere zum Speisesaal. Unterwegs kommt mir jemand entgegen, den ich kenne. Als er mich sieht, schwankt seine Miene zwischen Wiedersehensfreude und Verblüffung.
Ich lege den Kopf schief. »Aiden?«
Er ist mehr als ein wenig erstaunt, denn anscheinend weiß er gerade nicht, wo er mich einordnen soll. »Ja …?«
Ich hebe eine Hand, um sie auf mein Herz zu pressen, das gegen meine Rippen hämmert. Wenn Aiden hier ist, dann könnte Grayson auch hier sein. Der missmutig dreinblickende Mann von vorhin, der so aussah, als hätte er meinen Fahrer am liebsten aus dem Wagen gezerrt und verprügelt?
Er sah Grayson nicht bloß ähnlich. Er war Grayson.
Wie kann das sein?
Als der schwarze SUV auf das Basislager zurollt, habe ich sekundenlang das Gefühl, den Bezug zur Realität verloren zu haben. Eine Art Déjà-vu überkommt mich, dessen heiße Tentakel sich um meinen Hals schlingen.
Ich habe sie gesehen.
Rachel Black.
Ich habe sie gesehen, in dem kurzen Augenblick, als sie durch die Windschutzscheibe starrte.
Zwar liegt es mehrere Leben zurück, dennoch hat die Vergangenheit mich eingeholt, um ihren Atem in mein Ohr zu hauchen. Das Mädchen, das früher meine Freundin war, die Einzige, der jemals mein Herz gehörte … dieses Mädchen sah mich an, seine Miene genauso verblüfft wie meine.
Mein Herz stolpert und droht auszusetzen.
Großer Gott, was hätte ich nicht alles getan, um sie noch einmal zu sehen! Nur um zu wissen, dass sie noch lebt.
Dann ist es vorbei, der SUV fährt weiter, als wäre nichts gewesen. Ratlos bleibe ich zurück und zweifle an meinem Verstand. In den vergangenen fünf Jahren habe ich ständig an Rachel gedacht. Schmerzhaft deutlich die Leere in mir gespürt. Bedauert, dass ich sie verloren habe.
Doch heute habe ich zum ersten Mal Halluzinationen, dass sie hier draußen in Washington sein könnte. Atem in meine Lungen pumpend, beginne ich, die Straße entlangzujoggen. Schon von Weitem entdecke ich sie, wie sie langsam in die entgegengesetzte Richtung geht.
Es ist ganz einfach zu erklären, warum mein müdes Hirn diese Frau für Rachel hält. Sie hat einen ähnlichen Style wie meine Ex, trägt teure Kleidung und High Heels. Und sie hat die gleiche honigblonde Mähne, die so lang ist, dass sie fast bis zu ihrem Knackarsch reicht.
Mein Herz dröhnt in meiner Brust, als sie Anstalten macht, sich umzudrehen.
Fuck.
Sie sieht nicht bloß so aus wie Rachel.
Mit diesem Gesicht, diesen Wangenknochen und dieser Nase, ihren vollen Lippen, den perfekt geformten Brauen und braunen Augen …
Sie ist Rachel.
Rachel ist hier.
Und sie schaut zu mir, mit leicht geöffneten Lippen, als sei sie sich unsicher, ob ich real bin. Ich lasse ihren Anblick auf mich wirken, in dieser Umgebung. Rachel sieht so verdammt gut aus, auch wenn sie auf diesem kiefernadelbedeckten Waldboden unter dem schattenspendenden Dach der gewaltigen Baumkronen völlig deplatziert wirkt.
Während mein Herz ins Bodenlose rutscht, sauge ich sie in mich auf, und die Vergangenheit zieht an meinem geistigen Auge vorüber.
Ich kann nicht anders, ich sehe sie bei unserem letzten Mal. Schläfrig in meinen rechten Arm gekuschelt, splitternackt in meinem Bett.
Das war einleuchtend. Hier jedoch … wirkt sie verloren und fehl am Platz.
»Grayson?«, fragt sie zögernd. Dann breitet sich Verärgerung auf ihrem Gesicht aus. »Verdammt, was machst du denn hier?«
Ich will auf sie zugehen, die Feindseligkeit in ihrer Stimme lässt mich allerdings mitten in der Bewegung innehalten. Unversehens gehe ich in die Defensive, weil es so klingt, als verlangte sie von mir, ihr meine Daseinsberechtigung zu erklären.
Ich war die letzten fünf Jahre schwer damit beschäftigt, bloß zu überleben. Die Tatsache, dass sie hier auftaucht und irgendetwas von mir verlangen will, ist einfach inakzeptabel.
Stirnrunzelnd drücke ich das Rückgrat durch und baue mich vor ihr auf.
»Rachel«, sage ich steif.
In ihren Augen ist ein verletzter Ausdruck, ein unerklärlicher Schmerz. Bin ich daran schuld?
Bestimmt nicht.
Als ich den Mund aufmache, ohne einen Plan zu haben, was ich eigentlich sagen will, kommen mein Boss Nate und Aiden zu uns geschlendert. Nate hat keinen Schimmer von dem Ärger, der sich gerade zusammenbraut. Aiden blickt von Rachel zu mir und scheint sich unschlüssig zu sein, wie er reagieren soll.
»Grayson, hier bist du!« Nate kratzt sich seinen grau werdenden Bart. »Wie ich sehe, hast du Rachel Black schon kennengelernt. Rachel wird diesen Sommer als Praktikantin bei uns arbeiten.«
Nein …
Das Wort auf meiner Zungenspitze balancierend, spähe ich von Rachel zu Nate.
Nate, der sich der wachsenden Spannungen nicht bewusst ist, setzt seine Erklärungen fort.
»Sie wird Unterstützung bei der Zuordnung und dem Zugang zu den einzelnen Wasservorkommen brauchen, die wir hier im Park haben.« Nate wirkt selbstzufrieden. »Und da bist du gefragt. Du willst diesen Sommer keine Trekkingtouren führen. Ich brauche einen Aufseher, um Ms. Black zu begleiten …« Er hebt beide Daumen. »Das ist der perfekte Job für dich.«
»Nein!«, murre ich.
Rachel mustert mich, als wäre ich ein Haufen Scheiße. »Also das geht gar nicht.«
Nate wirkt perplex und leicht angepisst. »Tut mir leid, gibt es da etwas, das ich wissen muss? Weil anderenfalls eine Sommerpraktikantin und ein Parkaufseher mit einem Verhaltensproblem mir nicht zu sagen brauchen, wie ich meinen Park zu führen habe.«
Ich halte meine vorlaute Klappe. Er hat recht, natürlich, aber …
Rachel und ich funkeln einander an. Aiden räuspert sich vernehmbar. »Rachel, was hältst du davon, wenn wir dein Gepäck nehmen und ich dir schon einmal deine Unterkunft zeige?«
Mit feuerrotem Kopf späht sie zu ihm. Ich bin anscheinend Luft für sie. Energisch schnappt sie sich eine ihrer Reisetaschen. »Klar.«
Aiden nimmt ihre Koffer, und sie setzen sich einvernehmlich schweigend in Richtung der Blockhütten in Bewegung.
»Wir müssen mal reden, Grayson«, sagt Nate mit ernster Miene.
Scheiße. Meine Muskeln verkrampfen. Nach einem letzten Blick auf Rachels kleiner werdende Silhouette reibe ich mir den Nacken. »Okay.«
»Komm, wir können uns auf dem Weg zum Kletterparcours unterhalten. Eines der Seile ist an einer Stelle ausgefranst. Ich will mir mal ansehen, ob es ausgetauscht werden muss.«
Er setzt sich in Bewegung, und ich bin genötigt, ihm zu folgen. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich kann immer noch nicht fassen, dass Rachel hier ist.
Das schöne und verwöhnte, reiche kleine Mädchen Rachel hat sich rein zufällig wieder in mein Leben geschlichen. Was für eine Welt tut mir so etwas an?
Als es mich damals erwischte, als ich die Nerven und den Verstand verlor, wäre ich fast gestorben. Und ich verlor auch sie. Rachels große braune Augen und ihr bezauberndes Lächeln, ihr ernster Blick, als sie Ich liebe dich hauchte …
Es ist in den rauchenden Trümmern zurückgeblieben, all das, was früher einmal mein Leben war. Wenn ich darüber nachdenke, was ich an jenem Tag aufgab, was mir genommen wurde …
Nate klettert auf eine schmale Seilbrücke, um sie genauer zu inspizieren. »Hilf mir mal kurz, ja?«
Mit zusammengekniffenen Augen mustere ich meinen Boss und schnappe das eine Ende des Seils, das er mir zuwirft. Er scheint auf die Brücke fixiert zu sein, doch ich durchschaue ihn. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihm assistieren muss, während er mir erklärt, was ich alles falsch mache. Es ist konstruktive Kritik, im wahrsten Sinne des Wortes.
Nate zieht ein Klappmesser aus seinem Gürtel und popelt an einer der Seilverstrebungen herum. Das Tau ist zwar ein wenig ausgefranst, aber angesichts des Materials schneidet Nate es nicht einfach ab und ersetzt es. Wahrscheinlich ist das Seil aus haltbarem Nylongewebe. Stattdessen kappt er nur die ausgefransten Kunststofffasern, ohne befürchten zu müssen, dass das Seil seine Belastbarkeit einbüßt.
Mit der Klinge fährt er über das Seil. »Du weißt, dass wir dich hier wertschätzen«, sagt er, seinen Blick auf das Tau geheftet. »Klar?«
Meine Brust verengt sich. »Ja.«
Nach einem Blick zu mir setzt er seine Arbeit fort. »Du weißt auch, dass ich dir eine Chance gegeben habe. Mein Vorgesetzter wollte dich nicht einstellen … wegen deines kritischen Zustands. Aber ich habe mich durchgesetzt.« Er überlegt. »In keinem anderen Park hätte man dir so viele Freiheiten eingeräumt, wie du sie hier hast. Aktuell brauche ich exakt zwei Dinge. Erstens einen Ranger, der gern Reisegruppen herumführt. Und zweitens einen Ranger, der diese Frau durch den Park begleitet, während sie sämtliche Wasserspeicher überprüft. Wenn ich jemanden vor mir habe, der weder das eine noch das andere machen will, habe ich ein Problem.«
Ich muss mich schwer zusammennehmen, um ihn nicht anzupflaumen. Stattdessen starre ich auf das Stück Seil in meinen Händen.
Nate schlägt eine andere Saite an. »Ist das mit ihr was Persönliches?«
Mit seiner Frage erwischt er mich eiskalt. »Also … nein.«
Ja, es ist definitiv so, dennoch finde ich, dass es Nate nichts angeht.
Er beobachtet mich stirnrunzelnd. »Hast du deswegen ein Problem, deinen Job zu machen? Weil ich dir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen kann, dass, wenn du diese Aufgabe nicht übernimmst, man dir den Status als Aufseher aberkennen wird. Ein Untersuchungsausschuss würde eingeschaltet werden. Wir würden eine nochmalige ernste und langwierige Prüfung deines Falles vorzunehmen haben.«
Das ist das Letzte, was ich will. Dieser Job und die paar Freunde hier sind das Einzige, was ich noch habe.
»Nein, Sir«, antworte ich niedergeschlagen.
»Sie ist doch bloß ein paar Monate hier.«
Das verblüfft mich. Rachel ist furchtbar weit weg von ihrem Zuhause. Genau genommen ist sie in meinem Zuhause, jedenfalls kommt es mir so vor, als wäre sie bei mir eingedrungen.
»An deiner Stelle würde ich nicht lange herumeiern und Ms. Black bei der nächsten Gelegenheit fragen, was du tun kannst, um ihren Aufenthalt angenehmer und effizienter zu machen.«
Ich sage nichts darauf.
Er räuspert sich. »Sieh mich an.«
Ich gehorche.
Seine Miene ist besorgt. »Versprich mir, es wenigstens zu versuchen, Grayson.«