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Liebe zwischen Gerichtssälen und Heuhaufen. Die Australierin Nina Pellegrini leitet ein Programm, bei dem Stadtkinder auf ihrer Farm das Landleben kennenlernen können. Als ein Kind verletzt wird und eine Klage droht, ist Nina entschlossen, den besten Anwalt zu finden, um ihren Hof zu retten. Sie weiß allerdings nicht, woher sie das Geld für einen wirklich guten Rechtsbeistand nehmen soll. Die Welt der erfolgreichen Anwältin Leigh Willoughby hat nichts mit der chaotischen Mischung aus Kindern und Tieren auf einer Farm gemein. Und sie hat definitiv keine Zeit für kleine Fälle, die kein Geld einbringen, oder Farmbesuche, die ihre Coolness und ihre Kleidung versauen. Doch es erweist sich als schwierig, die warmherzige Nina und ihre herausfordernde, zwölfjährige Tochter Phoebe abzuweisen. In was um alles in der Welt hat Leigh sich da reingeritten?
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Inhaltsverzeichnis
Von Cheyenne Blue außerdem lieferbar
Danksagung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über Cheyenne Blue
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Neubeginn im Outback: Dem Glück auf der Spur
Ungebunden ins Glück: Liebe ist, wenn man’s trotzdem macht
Danksagung
Da sind wir wieder. Ein weiteres Buch, das das Licht der Welt erblickt. So schnell mein Herz schlägt ist der siebte Roman, den ich in die Welt entlasse. Lasst es euch von mir sagen – es wird nicht einfacher.
Wieder einmal gebührt ein großer Dank dem Team vom Ylva Verlag: Astrid, meiner wundervollen Lektorin Sandra Gerth natürlich, dann Korrektorin Miranda Miller, Glendon von Streetlight Graphics und all denen, die hinter den Kulissen arbeiten. Ich schätze mich sehr glücklich, mit einem Team zu arbeiten, dass meinem Schaffen so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt zukommen lässt.
Bei diesem Buch habe ich mich erneut an meine Autorenkollegin und Freundin Katharina Marcus gewandt, die dieses Mal nicht nur einen Blick auf die Pferdeszenen geworfen, sondern auch ihre Erfahrung mit dem Riding for the Disabled-Programm eingebracht hat. Während des Schreibprozesses hat sie mir auch ein oder zwei Dinge über zwölfjährige Mädchen beigebracht. Immerhin ist es Jahrzehnte her, dass ich eins war. Meine tolle Freundin Marg hat sich auch an der Kreation der Kinder beteiligt und sich auf Schnitzeljagd nach Tippfehlern gemacht. Danke an Ameliah Faith fürs Betalesen und das enthusiastische Anfeuern. Ein Dank gilt auch Sophie Lennox, weil sie die Textstellen mit Edwina für mich auf Sensibilität hin gelesen hat. Schließlich noch ein großer Dank an die Anwälte, mit denen ich bei meinem regulären Job zusammenarbeite und die fröhlich meine scheinbar wahllosen Fragen beantwortet haben – obwohl sie immer noch keine Ahnung haben, warum ich gefragt habe!
Cheyenne Blue, Queensland, Australien
Kapitel 1
Nina stellte die Schubkarre ab, rollte die Schultern und nahm sich einen Moment lang eine Auszeit, um vergnügt ihre Tochter zu beobachten.
Phoebe lief neben Mr. Petey und hielt den Führstrick des grauen Ponys so nah am Gebiss, wie es ihr beigebracht worden war. Mr. Petey trottete fügsam über die Koppel und seine Ohren zuckten vor und zurück, während er Phoebes Stimme lauschte. Mr. Peteys Reiter, Billy, klammerte sich mit beiden Händen an den Sattel. Sein rotes T-Shirt war ein wenig zu klein, sodass ein Streifen seines untersetzten Bauchs über seiner Hose zu sehen war.
»Versuch, etwas aufrechter zu sitzen, Billy«, drang Phoebes klare Stimme zu Nina herüber. »Für Mr. Petey ist das angenehmer.«
Billy gehorchte und setzte sich ruckartig wie ein Soldat auf. Es brachte Nina zum Lächeln.
»Phoebe kann gut mit kleinen Kindern umgehen. Man kann kaum glauben, dass sie selbst erst zwölf ist.« Stella trat neben Nina. Stroh ragte aus ihren feinen Haaren, aber ihre Hände waren so sauber wie immer und ihre Nägel penibel manikürt.
»Ja, das ist sie.« Nina gestattete sich einen Augenblick lang, stolz zu sein, ehe sie sich wieder der Schubkarre widmete.
Stella betrachtete hingegen weiter ihren Sohn und hatte die Arbeit dabei anscheinend vergessen.
Nina seufzte. Wenn Stella nur dasselbe Engagement zeigen würde wie Phoebe. »Kannst du die Schubkarre zum Misthaufen bringen und ausleeren, Stella?«
Stella rümpfte die Nase. »Ich weiß nicht.« Ihr Blick glitt zurück zu Billy, der Phoebe nun drängte, ihn traben zu lassen.
»Erinnerst du dich, ich hab dir letztes Mal gezeigt, wie es geht.« Nina gelang es, Stella aufmunternd anzulächeln, ehe sie sich umdrehte und zur Scheune marschierte. Wie genau hatte sich Stella ihre Mithilfe auf der Banksia Farm vorgestellt, als sie diese Abmachung getroffen hatten? Sie hatte Angst vor den Tieren und packte jede körperliche Aufgabe nur sehr halbherzig an. Nina seufzte. Billy und seine offensichtliche Liebe zu den Tieren hatte sie für sich eingenommen – und Stella war ein Teil des Pakets.
Stella folgte ihr. »Was soll ich tun?«
Nina warf einen Blick auf die noch immer volle Schubkarre und unterdrückte eine knappe Antwort. Wenn die Banksia Farm irgendwie von Stellas Hilfe profitieren sollte, musste sich Nina etwas einfallen lassen, was Stella tun konnte. In ihren Gedanken blitzten die Dollarscheine auf, die sie haben könnte, wenn ein zahlendes Kind Billys Platz im Barn Kids-Programm bekommen würde. Aber sie schob diese Gedanken beiseite. Nein, sie würde immer für die Billys dieser Welt Platz machen, selbst wenn deren Eltern nicht zahlen konnten und auf der Farm nutzlos waren. Sie schnappte sich die Heunetze der Ponys und füllte sie etwas gewaltsamer als nötig.
Stella stand im Türrahmen und wickelte sich eine Haarsträhne um den Finger.
»Ich hab nachgedacht.« Nina zwang sich zu einem Lächeln. »Wie wäre es, wenn ich dir zeige, wie es im Hofladen läuft? Das ist eine angenehme Aufgabe. Du musst nur die Farmprodukte an die Besucher verkaufen.«
»Wäre ich allein?«
»Anfangs nicht. Ich zeige dir, was du tun musst, aber sobald du sicher genug bist, überlasse ich es dir.«
»Ich glaube nicht, dass ich sehr gut darin wäre. Ich kann nicht so gut mit Menschen reden.«
»Warum versuchst du es nicht wenigstens?« Selbst in ihren eigenen Ohren hörte sich Ninas Stimme gestellt aufbauend an. »Die meisten Freiwilligen lieben es, dort zu arbeiten.«
»Ich würde das lieber nicht tun, wenn es dir nichts ausmacht.« Stella trat weiter in die Scheune hinein.
Nina sah, wie Furcht in Stellas Augen aufblitzte und unterdrückte eine schnippische Antwort. Als alleinerziehende Mutter war es schwer für Stella. Sie wirkte immer so unsicher und überhaupt nicht selbstbewusst. Das war ein weiterer Grund, warum Nina zugestimmt hatte, Billy in das Programm aufzunehmen – vielleicht würde auch Stella von ihrem Aufenthalt auf der Banksia Farm profitieren.
»Keine Sorge. Du musst nichts tun, wobei du dich nicht wohlfühlst.« Allerdings gingen ihr die Optionen für Stella aus. Sie reichte ihr die Heunetze. »Kannst du die in Mr. Peteys und Jellybeans Boxen hängen? Erinnerst du dich an den Knoten, den ich dir gezeigt habe? Benutz den.«
»Ich glaube schon.« Stella nahm die Netze und ging davon.
Nina seufzte erleichtert. Hoffentlich würde Stella die Netze korrekt aufhängen. Sie würde es später überprüfen müssen. Sie ging zurück zu der ignorierten Schubkarre und schob sie zum Misthaufen. Mit geübten Bewegungen schaufelte sie das nasse Stroh und den Mist auf den Hügel.
Zum Glück war es ein ruhiger Tag auf der Banksia Farm. Die meisten Kinder, die regelmäßig auf die Farm kamen, waren in der Schule, aber Phoebes und Billys Schule hatte einen freien Tag.
Stella war nirgendwo zu sehen. Nina ging durch die Scheune, bis sie Stellas helles Baumwollkleid in Jellys Box entdeckte. Stella wischte sich etwas von der Sandale – das unpassende Schuhwerk mit den offenen Zehen, von denen ihr Nina abgeraten hatte – und das Heunetz lag umgekippt auf dem Boden. Ohne ein Wort zu sagen ging Nina hinein und hängte es auf.
»Ich bin in etwas Übelriechendes getreten.« Stella balancierte auf einem Bein, während sie die Unterseite ihrer anderen Sandale untersuchte. »Wo kann ich es abwischen?«
»Im Stroh.« Ninas Stimme war so freundlich und gleichgültig wie möglich. Wirklich?
Stella verlor das Gleichgewicht und ihr Fuß landete im Stroh. »Oh nein. Ich bin schon wieder in etwas getreten.«
Nina presste so fest die Zähne zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte.
Die Scheunentür schwang heftig auf. »Mum, wo bist du?« Fußschritte erklangen auf dem Beton. »Mum?« Phoebes Stimme brach vor Panik.
»Ich bin hier, Phoe. Wo brennt’s?« Ninas Puls begann sofort, besorgt zu rasen. Sie trat aus Jellys Box.
Phoebe kam schlitternd zum Stehen. Ihre Augen waren groß und ihr Gesicht unnatürlich blass.
»Was ist passiert?« Ninas Blick huschte über den Körper ihrer Tochter. Blut. Gab es Blut? Nichts Offensichtliches. Aber was war es dann? Sie packte Phoebes Schultern, als würde das die Worte aus ihr herauslocken.
»Billy ist runtergefallen. Ich glaube, dass er sich den Arm verletzt hat und er redet komisch.«
Oh scheiße. Nina warf einen kurzen Blick auf Stella. Es fiel ihr schwer, ruhig zu sprechen. »Es war gut, dass du mich geholt hast, Phoebe. Wo ist Billy jetzt?«
»Er sitzt auf der Koppel auf dem Boden. Er sagt, dass er Frikadellen zum Abendessen will und dass Superman Mr. Petey zum Flughafen reitet.« Phoebes Stimme war heiser, als müsste sie die Tränen unterdrücken.
Sorge breitete sich in Ninas Bauch aus. »Lass uns nachsehen.«
Stella und Phoebe mussten joggen, um mit Nina Schritt zu halten.
»Billy erzählt häufig Blödsinn«, sagte Stella. »Ich bin sicher, es geht ihm gut.«
Nina warf ihr einen Blick zu. Stella war keine Helikopter-Mutter, aber ihre lässige Sorglosigkeit war ein wenig irritierend.
Ninas Blick glitt über die Koppel. Mr. Petey graste auf der anderen Seite bei der Straße. Seine Zügel hingen auf dem Boden.
Ihr Blick huschte zu Billy. Er hatte sich vornübergebeugt und hielt sich mit einer Hand den Arm. Welcher Siebenjährige saß je so still, es sei denn, er musste es? Es sei denn, er ist schwer verletzt. Nina schluckte schwer gegen die Panik an, die ihr in die Kehle stieg. »Phoe, schnapp dir Mr. Petey und bring ihn in den Stall. Dann holst du eine der Ponydecken und kommst so schnell du kannst zurück.«
Phoebe nickte und rannte davon.
Nina eilte zu Billy und hockte sich vor ihn. »Hey, Kumpel. Was ist los?«
Billy sah unstet zu ihr auf. »Ich bin aus dem Himmel gefallen. Mein Arm tut weh.«
»Darf ich es mir ansehen?« Nina zwang sich zu einem Lächeln.
Billy schüttelte den Kopf. »Ne.«
Stella hockte sich ebenfalls hin und strich Billy unter seinem Reithelm sanft die Haare aus der Stirn. »Darf Mami es sich ansehen?«
Billy nickte und biss sich auf die Lippe.
Als Stella Billys Hand von seinem verletzten Arm hob, war zu erkennen, dass er auf eine Art und Weise abstand, wie es kein Arm tun sollte.
»Oh«, sagte Stella mit schwacher Stimme. Sie zuckte zurück.
Nina sah sie an. Stella war leichenblass. Sie wollte nicht zwei Notfälle hier haben und kämpfte die Welle der Übelkeit hinunter. Konzentrier dich. War der gebrochene Arm Billys einzige Verletzung? Was sollte sie überprüfen? Ein weiterer, tiefer Atemzug beruhigte sie und ihr Erste-Hilfe-Training kam ihr wieder in den Sinn. »Billy, weißt du, wo du bist?«
»Ich bin auf der Farm. Mr. Petey und ich sind wirklich hoch geflogen. Dann ist eine Wolke auf uns gefallen und Superman hat gesagt, dass Mr. Petey ihn nach Hause bringen muss. Superman hat mich runtergeschubst.« Er zeigte nach oben. »Warum ist der Himmel grün?«
Nina sah Stella über Billys Kopf hinweg an. Er war ein Kind mit besonders blühender Fantasie, aber das war selbst für ihn wirres Gerede. Oh lieber Gott, bitte keine Kopfverletzung.
Nina sah Billy in die Augen. Wonach sollte sie Ausschau halten? Denk nach. Seine Pupillen – das war es. Sie sah von einer zur anderen. Sie schienen dieselbe Größe zu haben, aber ganz sicher war sie nicht. »Hast du dir den Kopf angeschlagen?«
»Mein Kopf tut weh.« Billy wimmerte und lehnte sich wieder in Stellas Arme.
Das reichte. Ein gebrochener Arm war eine Sache, aber eine Kopfverletzung konnte schwerwiegend sein, vor allem bei einem Kind. Nina stand auf, zog das Handy aus ihrer Tasche und sah Stella an, die wieder etwas Farbe bekommen hatte, aber noch immer zerbrechlich und unsicher wirkte. »Stel, wir müssen einen Krankenwagen rufen. Ich werde hier rübergehen, um zu telefonieren, okay?«
Stella starrte sie einen Moment lang an, ehe sie sich aus ihrer zusammengekauerten Haltung aufrichtete. »Ich bleibe bei meinem Kind.«
Nina nickte und lächelte Billy an. »Ich bin gleich wieder da, Billy-the-Kid. Phoe holt dir eine von Mr. Peteys Decken, damit dir nicht kalt wird.«
Sie entfernte sich ein paar Schritte und sah Billy an, während sie sich das Handy ans Ohr hielt. Stella saß auf dem Boden, drückte ihn an ihre Brust und sang ihm leise etwas vor.
Der Notrufmitarbeiter war ruhig und effizient und sagte ihr nach den anfänglichen Fragen, dass ein Krankenwagen auf dem Weg war.
»Stellen Sie ihm ein paar einfache Fragen«, sagte er der Mann am Telefon. »Er soll weiterreden.«
Nina ging zurück zu Billy und hockte sich vor ihn. »Also, mein kleiner Kumpel. Wie heißt du?«
Billy sah zu ihr auf. Tränen glänzten in seinen Augen und hinterließen nasse Spuren auf seinen staubigen Wangen. »William Robert Placido Moran und ich wohne in 52 Lorikeet Close, Linville, Sydney, New South Wales, Australien, der Welt, dem Universum.«
»Genau richtig.« Nina lächelte ihn an. »Wie alt bist du?«
»Ich bin sieben Jahre, einen Monat und elf Tage alt. Meine Mami ist dreiundvierzig Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage alt. Wo ist Mr. Petey?«
»Haben Sie das gehört?«, fragte Nina ins Handy. »Billy lallt normalerweise nicht so.« An Billy gewandt sagte sie: »Mr. Petey ist zum Abendessen nach Hause gegangen.«
Phoebe kam mit einer Pferdedecke im Arm zurückgerannt.
Nina legte sie um Billy und vermied dabei sorgsam seinen gebrochenen Arm.
»Befindet sich Blut oder klare Flüssigkeit in seinen Ohren?«, fragte der Notrufmitarbeiter.
Nina lehnte sich vor, um genau nachzusehen. »Ich kann nichts erkennen. Soll ich ihm den Helm abnehmen?«
»Nein, er soll ihn aufbehalten. Der Krankenwagen sollte in vier Minuten da sein. Reden Sie weiter mit ihm und achten Sie darauf, ob er ohnmächtig wird.«
»Wie geht’s dir, Stella?«
»Okay.« Stella schlang die Arme fester um Billys Brust. »Es wird mir besser gehen, wenn es Billy besser geht.«
Billy wimmerte. »Hör auf, mich zu drücken, Mami. Es tut weh.«
Stella lockerte ihren Griff. »Entschuldige, Liebling. Mami passt nur auf dich auf.«
Eine Mutter, die ihr Junges beschützte. Nina schluckte ihre Sorge hinunter. Hoffentlich hatte Billy nur einen gebrochenen Arm und eine leichte Gehirnerschütterung und nichts Schlimmeres. Aber was wusste sie schon?
Nina warf erneut einen Blick in Billys Augen und suchte nach einer Veränderung.
Er starrte zurück und seine blonden Haare flatterten unter dem Helm. Seine blauen Augen waren geweitet und sahen sie ängstlich an.
»Der Krankenwagen sollte in drei Minuten bei Ihnen sein«, sagte der Notrufmitarbeiter. »Kann sich jemand an die Straße stellen und ihn reinwinken?«
Natürlich. Sie hätte daran denken müssen. »Phoe, renn zum Ende der Einfahrt und wink dem Krankenwagen, wenn du ihn siehst. Lass auf dem Weg die Tore offen, damit sie direkt durchfahren können.«
Phoe nickte und rannte davon, wobei ihre dürren Gliedmaßen über den rauen Boden flogen.
»Willst du mit einem großen, weißen Krankenwagen fahren, Billy?«, flüsterte Stella in sein Ohr.
»Mit Blaulicht? Macht er auch das Whoo-Whoo-Geräusch?«
»Ich bin sicher, dass sie es nur für dich anmachen.«
»Gut«, lallte Billy.
In der Ferne erklangen Sirenen. »Hörst du das, Billy?«, fragte Stella. »Sie haben sie für dich angemacht.«
Billy grinste schwach. Seine Augenlider flatterten.
Die Sirenen verstummten. Eine Minute später holperte ein Krankenwagen über das unebene Gras. Phoebe rannte hinter ihm her und lief dann an Ninas Seite.
Nina sah sie an. Das war schon furchterregend genug für sie selbst. Wie kam Phoebe damit klar?
Die Unterlippe ihrer Tochter zitterte und Tränen glänzten auf ihren Wimpern.
Nina drückte ihre Hand. »Billy kommt in Ordnung.« Bitte lass das wahr sein.
Zwei Sanitäter stiegen aus dem Krankenwagen und einer von ihnen hockte sich neben Billy. »Hey, Kumpel. Was ist dir denn passiert?«
»Ich bin von Mr. Petey gefallen. Ich glaube, seine Flügel haben nicht mehr funktioniert.«
»Na, das ist aber nicht gut. Ich heiße Brett. Wie heißt du denn?«
»William Robert Placido Moran. Mir ist schlecht.« Billy wand sich aus Stellas Armen und verteilte sein Frühstück auf Bretts glänzenden Stiefeln.
Brett zuckte nicht einmal zusammen. »Lass mich dich ansehen, William Moran.«
Sein Kollege öffnete die Rückseite des Krankenwagens und zog eine Trage heraus. »Wir bringen ihn ins Universitätskrankenhaus«, sagte er zu Stella. »Fahren Sie mit?«
Stella kämpfte sich auf die Füße und strich sich das Gras vom Kleid. »Ja. Natürlich.«
Nina trat zur Seite, als die weibliche Sanitäterin Stella Fragen stellte. Erneut wallte Sorge um Billy in ihr auf und ihr Magen zog sich zusammen. Was, wenn es Phoebe gewesen wäre, die blass und krank auf dem Boden gesessen, ihren gebrochenen Arm umklammert und Blödsinn erzählt hätte? Sie wäre außer sich vor Angst gewesen. Trotz ihrer typischen Unbeständigkeit ging Stella mit dieser Situation gut um – vielleicht besser als Nina, wenn es ihr Kind gewesen wäre.
In kürzester Zeit war Billy eingeladen und Stella stieg hinter ihm in den Krankenwagen.
»Ich ruf dich später an«, rief Nina. »Um zu sehen, wie’s ihm geht.«
Stella nickte.
Der Krankenwagen fuhr ruckelnd von der Koppel zum Tor und dann auf die Straße.
Nina stieß ihren angehaltenen Atem aus. Billy war nun in den besten Händen. Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Warum genehmigen wir beide uns nicht eine schöne Limonade nach dieser Aufregung? Wir können Stella später anrufen und uns nach Billy erkundigen.«
Eine Träne rollte über Phoebes Wange. »Wird er wieder gesund? Bestimmt?«
Nina schlang die Arme um sie. »Ich bin sicher, dass er wieder in Ordnung kommt, Süße. Gebrochene Knochen heilen schnell, wenn man so klein ist wie Billy.«
Phoebe zog die Schultern hoch und stieß sich von Ninas Seite ab. »War das meine Schuld?«
»Nein. Definitiv nicht. Es war ein Unfall. Das ist alles. Es war auch nicht Mr. Peteys Schuld.«
»Ich gehe rein und schenk uns Limonade ein.« Phoebe wandte sich um und ging zum Haus.
Nina folgte ihr. Dabei fiel ihr Blick auf das offenstehende Tor. Sie joggte hinunter, um es zu schließen.
In der Nähe wurde eine Autotür zugeschmissen.
Als sich Nina umdrehte, presste sie die Lippen aufeinander und ein Funke Wut entzündete sich in ihrem Bauch. Genau das, was sie jetzt brauchte.
Jon Wakefields eleganter, grauer Anzug war makellos gebügelt, als hätte er ihn gerade erst in der Reinigung abgeholt. Was wahrscheinlich auch der Fall war. Er kam auf sie zu und wich dabei den Dreckfurchen aus. Sein Blick folgte dem wegfahrenden Krankenwagen. Die Sirenen wurden lautstark eingeschaltet – wahrscheinlich auf Billys Bitte hin.
»Ärger im Paradies?« Sein Blick glitt zu Ninas Gesicht.
»Nein.« Sie verzog ihr Gesicht zu einer unaufrichtigen Grimasse.
»Sieht aber so aus. Ein Krankenwagen ist eilig von hier weggefahren.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Alles in Ordnung. Nur eine routinemäßige Vorsichtsmaßnahme.« Oh, wie sehr sie hoffte, dass diese Worte stimmten. Billy würde in Ordnung kommen. Kinder fielen ständig von Ponys. Kinder federten; sie brachen nicht. Abgesehen von Billys Arm. Aber hoffentlich nicht sein Kopf.
»Ich bin froh, das zu hören.« Er wischte sich unsichtbaren Staub vom Ärmel seines Anzugs. »Ich habe mich gefragt, ob Sie die Möglichkeit hatten, mein Angebot zu überdenken, Ms. Pellegrini.«
Nina spannte den Kiefer an. Gab er denn niemals auf? »Habe ich. Die Antwort lautet nein. Genauso wie bei Ihrem vorherigen Angebot und dem davor.«
»Ich glaube, dass es ziemlich großzügig ist. Schauen Sie sich die Zahlen an.«
»Das muss ich nicht. Die Antwortet lautet trotzdem nein.«
Der Krankenwagen war kaum noch zu sehen, als er auf die Hauptstraße zum Krankenhaus fuhr. Das Blaulicht und die Sirene waren immer noch an. Billy musste die Fahrt genießen.
»Sie fahren zum Universitätskrankenhaus?«, fragte Wakefield. »Ich hoffe, dass es nichts Ernstes ist.«
»Nein.«
»Pferde sind gefährliche Tiere.«
»Meine nicht.«
»Trotzdem.« Er zuckte mit den Schultern. »Viele Betriebskosten auf so einer Farm. Ich hoffe, dass Sie gut versichert sind.«
Nina ging zurück durch das Tor und schloss es. Es war allenfalls eine fadenscheinige Barriere zwischen ihnen, aber der feste und beständige Boden ihres Landes unter ihren Füßen gab ihr Selbstbewusstsein. Sie hob das Kinn. »Sie verschwenden Ihre Zeit, Mr. Wakefield. Bitte kommen Sie nicht wieder.«
Mit einstudierter Ruhe legte er eine Hand auf das Tor. »Zwei Millionen und dreihunderttausend. Ich glaube, dass das mehr als großzügig ist. Damit könnten Sie eine Menge anfangen. Eine gute Ausbildung für Ihre Tochter. Und ein hübsches, modernes Haus, um darin zu leben.«
»Die Antwort lautet nein. Sie wird immer nein lauten. Ich verkaufe nicht.«
Einen Moment lang musterten seine kühlen, grauen Augen sie.
Nina reckte das Kinn und begegnete seinem starrenden Blick, ehe er sich abwandte.
»Verlegen Sie meine Visitenkarte nicht. Vielleicht brauchen Sie sie noch.«
Dieser arrogante Bastard. Nina umklammerte das Tor mit beiden Händen. Nichts würde sie dazu bringen, die Banksia Farm zu verkaufen. Nichts.
Kapitel 2
Ihre Füße mussten angeschwollen sein. Vielleicht waren sie weiter geworden, weil sie fast ausschließlich Arbeitsstiefel trug. Was auch immer der Grund war, Ninas Schuhe drückten an ihren Füßen. Ihr linker großer Zeh wurde gegen das Ende ihrer schicken Abendschuhe gedrückt – das einzige passende Paar, das sie für einen Ausflug in Sydneys Geschäftsbezirk hatte. Verstohlen zog sie ihren Fuß aus dem Absatzschuh und wackelte mit den Zehen. Sie blätterte eine Seite des Hochglanzmagazins auf ihrem Schoß um und warf einen Blick durch den Empfangsbereich.
Dicker Teppich und indirekte Beleuchtung betonten das glatte Holz des breiten Empfangstresens. Zweifellos war er aus einem einzigen Stück Regenwaldholz gefertigt und von einer Armee Dritte-Welt-Arbeitern zur Perfektion poliert worden. Und er hatte wahrscheinlich mehr gekostet als Nina in drei Monaten verdiente.
Der Blick der Empfangsdame lag auf Ninas nackten Zehen und sie hatte einen recht herablassenden Gesichtsausdruck aufgesetzt.
Nina lächelte sie an und widerstand dem Drang, ihren Fuß zurück in den zu engen Schuh zu stecken. Sie blätterte eine weitere Seite des Magazins um und tat so, als würde sie lesen.
»Nina Pellegrini?«
Nina hob den Blick.
Der weiche Teppich hatte die herannahenden Schritte der kurvigen, ernsten Frau gedämpft, die nun vor ihr stand. Ihr Helm aus grauen Haaren hatte einen eckigen Schnitt, der nicht half, ihr einen sanfteren Ausdruck zu verleihen. Sie war vollkommen in Schwarz gekleidet: eine schwarze Bluse mit hohem Kragen, die in eine taillierte, schwarze Hose gesteckt war. Und natürlich schwarze, weiche Lederschuhe.
Nina kämpfte sich aus dem zu weichen Lederstuhl hoch und versuchte, gleichzeitig ihren Fuß wieder in den Schuh zu schieben. »Ja, das bin ich. Sie müssen Leigh Willoughby sein.« Sie streckte die Hand aus, aber ihr Versuch der Professionalität wurde verdorben, als sie mit dem Zeh im Teppich hängen blieb und stolperte.
Die Frau packte ihren Ellbogen, um sie zu stützen.
»Es tut mir leid.« Nina bückte sich, um ihren Schuh wieder anzuziehen. »Danke, dass Sie mich empfangen, Ms. Willoughby.«
»Ich bin Grizz Jankowski, Leigh Willoughbys Anwaltsgehilfin. Ich bringe Sie zu ihr.« Grizz lächelte. Es erweckte ihre Gesichtszüge zum Leben und ließ sie zugänglicher erscheinen.
Nina erwiderte das Lächeln. Zum Glück bekam sie nach der überheblichen Empfangsdame nun ein freundliches Gesicht zu sehen. »Ja, danke. Natürlich. Ich hätte Ihren Namen wissen müssen – ich habe Ihr Bild auf der Website der Firma gesehen.« Innerlich verfluchte sie ihre Unaufmerksamkeit. Sie hatte die Mitarbeiterfotos studiert; Leigh Willoughby war blond und jünger als ihre Rechtsanwaltsgehilfin – vielleicht so um die dreißig. Auf dem Foto lächelte Leigh leicht, zweifellos, um Selbstbewusstsein auszudrücken, aber es hatte trotzdem distanziert und professionell gewirkt. Nina stellte sich Leigh Willoughby als groß, schlank und elegant vor, mit einer finsteren, formellen Sprechweise – wie alle Anwälte.
»Kein Problem.« Grizz wartete, bis Nina ihre Tasche aufgehoben hatte, dann öffnete sie eine Sicherheitstür und führte sie ins Hauptbüro.
Der Weg, den sie nahm, war offensichtlich für Mandanten; er führte an den Bürozellen der Verwaltungsmitarbeiter vorbei, die mit ihren Headsets an den Schreibtischen saßen und in Rekordgeschwindigkeit auf ihre Tastaturen einhämmerten. Anschließend ging es an Zimmern vorbei, deren Schreibtische mit riesigen Papierstapeln übersät waren. Nina reckte den Hals, um einen Blick auf die echte Welt von Peterson & Blake hinter der Reihe aus gläsernen Bürotüren und dem stromlinienförmigen und mit Kunstwerken dekorierten Flur zu erhaschen. Die letzte Tür stand offen und Grizz führte sie hinein.
»Leigh, das ist Nina Pellegrini.« Mit einem letzten, professionellen Lächeln an Nina verschwand Grizz und schob die Glastür hinter sich zu.
Leigh Willoughby stand auf und kam mit ausgestreckter Hand um den Tisch herum.
Wow. Die Fotos auf der Website stimmten zwar, hatten aber nicht die strahlende Perfektion der Person vor ihr abgebildet. Ms. Willoughby war eine winzige, schlanke Frau, die in ihren Absatzschuhen vielleicht einen Meter siebzig groß war. Leigh Willoughbys blonde Haare waren geschickt hochgesteckt und nicht eine einzige Strähne war lose. Ihr Make-up war diskret und in neutralen Tönen gehalten. Nur ihre Lippen stachen hervor. Sie hatte einen glänzend roten Lippenstift aufgetragen, der Nina an die Farbe von überreifen Beeren erinnerte.
Nina musterte sie von Kopf bis Fuß. Die Brille mit dem großen, schwarzen Rahmen und die cremefarbene Seidenbluse mit dem dunklen Rock. Durchsichtige Strumpfhose, natürlich. Ninas nackte Beine, ihr gemusterter Rock und das neueste T-Shirt aus ihrem Schrank hatten passend gewirkt, als sie sich heute Morgen in ihrem Schlafzimmer auf der Banksia Farm angezogen hatte. Aber nun wirkte es billig und schäbig. Trotzdem war diese Frau ihre beste Chance und sie würde es nicht vermasseln, indem sie sich beschämt davonschlich. Sie ergriff Leighs Hand.
Leighs Griff war fest, aber kurz; nur ein kurzes Drücken. Sie deutete auf die Lederstühle vor ihrem Schreibtisch. »Bitte, setzen Sie sich.« Als Nina saß, legte Leigh die Finger aneinander. »Also, wie kann ich Ihnen helfen?«
Nina schluckte. Die Worte, die sie vor dem Spiegel geübt hatte, kratzten in ihrem Hals. »Danke, dass Sie mich empfangen. Ich habe online über Anwälte recherchiert, die mir am besten helfen könnten – und Ihr Name stand jedes Mal ganz oben.«
Leigh legte anerkennend den Kopf schräg, schwieg aber.
Nina atmete tief ein und überschlug die Beine. »Ich bin die Besitzerin der Banksia Farm. Sie ist etwas über neun Morgen groß – ungefähr 38.000 Quadratmeter – und liegt in den äußeren, westlichen Vorstadtbereichen. Meine Großmutter hat mir das Land hinterlassen und ich führe es als eine Art Kleinbauernhof. Außerdem betreibe ich ein Programm namens Barn Kids. Kinder von sieben bis zwölf Jahren bekommen so die Möglichkeit, einen Teil des ländlichen Lebens kennenzulernen – und das in der Stadt. Die Kinder lernen, sich um Tiere zu kümmern und entdecken, wie Nahrungsmittel von der Erde bis zu ihrem Mittagstisch gelangen. Außerdem lernen sie reiten.«
Leigh nickte knapp. Ihr Gesicht drückte höfliches Interesse aus.
»Barn Kids ist ein bezahltes Programm, hängt aber stark von Freiwilligen ab. Hin und wieder nehme ich ein Kind kostenlos auf, das es verdient hat und nicht für das Programm zahlen kann. Im Gegenzug helfen die Eltern auf der Farm aus. Eines dieser Kinder ist Billy Moran. Er ist sieben. Er ist kein Kind mit besonderen Bedürfnissen, aber ein wenig anders. Ein bisschen langsamer, introvertierter. Er wirkt jünger, als er eigentlich ist. Wenn man nicht auf ihn aufpasst, hänseln ihn die anderen Kinder.« Billys süßer, aufrichtiger Gesichtsausdruck schoss ihr in den Kopf, als sie Leigh mehr von ihm und den Umständen erzählte, die zu dem Unfall geführt hatten.
»Meine Tochter, Phoebe, hat angeboten, Billys Reitstunde zu übernehmen. Sie hat das schon viele Male zuvor gemacht.«
»Wie alt ist Phoebe?« Leigh musterte Nina hinter ihrer riesigen Brille.
»Zwölf.«
»Verstehe.« Leigh nahm einen Stift und machte sich Notizen auf einem blauen Block. »Fahren Sie fort.«
Hatte ein missbilligender Unterton in Leighs Stimme gelegen? Anwälte sollten doch sicherlich neutral bleiben und nicht urteilen. »Phoe arbeitet mit Pferden, seit sie fünf Jahre alt ist.« Nina zuckte angesichts der Abwehrhaltung in ihrer Stimme zusammen. Sie brauchte Leigh auf ihrer Seite. Aber ihre Stimme zitterte, als sie den Unfall rekapitulierte. Billys Bemerkungen über Superman gaben ihr beinahe vollkommen den Rest. Sie hatte gedacht, dass es ihm gut ging. Sie hatte gewollt, dass es ihm gut ging. Hatte geglaubt, dass es ihm gut ging.
»Natürlich habe ich seine Mutter an dem Abend angerufen«, fuhr Nina fort. »Stella war entspannt, was die ganze Sache anging. Billys Arm war gegipst worden und sie sagte, dass er zur Überwachung eine Nacht im Krankenhaus bleiben sollte.«
Weitere Notizen auf dem blauen Block. Leighs Handschrift war klein und akkurat, ebenso wie sie selbst, und der Stift war ein echter Füller. Die goldene Kappe glänzte unter dem Deckenlicht.
»Billy wurde am nächsten Tag entlassen und ein paar Tage später ist er mit ein paar Karotten für die Ponys zurück auf die Farm gekommen. Stella war dabei und sie schien auch in Ordnung zu sein. Aber ein paar Wochen später wurde mir das hier zugestellt.« Nina griff in ihre Tasche und zog einen Papierstapel hervor. Mit zitternden Fingern legte sie ihn auf Leighs Schreibtisch ab. Auf der makellosen Oberfläche wirkte das Papier dreckig und geknickt. Auf der ersten Seite befand sich ein Orangensaftfleck. Sie würde Phoebe später umbringen. »Es ist etwas, das Schadens –«
»Schadensanzeige genannt wird. Ja, das kann ich sehen.« Leigh nahm die Dokumente und blätterte hindurch.
Nina drehte die Hände in ihrem Schoß herum und beobachtete, wie Leigh schnell las und sich dabei kurz eine feine Linie zwischen ihren Augenbrauen bildete.
Anschließend legte Leigh die Dokumente auf den Tisch und nahm ihren Stift wieder zur Hand. »Ich nehme an, dass Sie eine Betriebshaftpflichtversicherung haben? Sie brauchen mich nicht dafür. Geben Sie die Dokumente ihrer Versicherung.«
»Habe ich. Sie haben es abgelehnt, den Schaden zu übernehmen, weil ein minderjähriges Kind das Pony geführt hat, als der Unfall passiert ist. In meiner Police steht, dass es jemand sein muss, der sechszehn oder älter ist.«
»Ich verstehe.« Leighs akkurate Handschrift erreichte das Ende des Blatts und sie blätterte auf eine neue Seite.
»Ich lasse alle immer Verzichtserklärungen unterschreiben. Das wird mich sicher schützen.«
Leigh tippte mit dem Füller auf ihren Notizblock. »Die meisten von denen sind nicht mal die Druckkosten wert. Sie decken keine fahrlässigen Handlungen ab. Diese Anzeige wirft Ihnen vor, dass Sie fahrlässig gehandelt haben, indem Sie einer Minderjährigen die Kontrolle über ein gefährliches Tier überlassen haben. Außerdem auch, dass das Pony gefährlich ist, dass Sie hätten sichergehen müssen, dass die Koppel frei von Kaninchenlöchern –«
»Wissen Sie, wie lächerlich diese letzte Behauptung ist? Dass sie es alle sind? Es ist eine Farm. Ich kann die Kaninchen genauso wenig fernhalten, wie ich fliegen kann.«
»Nichtsdestotrotz ist es Teil der Klage. Zusammen mit dem unzureichenden Helm, den Sie zur Verfügung gestellt haben und den fehlenden Instruktionen, die Billy erhalten hat.«
»Das ist Schwachsinn.«
»Das sind Behauptungen in solchen Fällen meistens.« Leighs Stift klopfte unaufhörlich. »Leider müssen Sie trotzdem darauf antworten.«
»Können Sie mir helfen?« Nina beugte sich nach vorne. Sie hielt den Atem an. Wenn Leigh zustimmte, würde alles gut werden.
»Ja.« Ihr Blick huschte über Ninas Körper. Es war ein abschätzender Blick; Leigh beurteilte ihren Wert und ihre Zahlungsfähigkeit, dessen war Nina sich sicher.
»Sie nehmen meinen Fall also an?« Ninas Schultern entspannten sich und ihr Körper sackte etwas zusammen, als die Anspannung von ihr abfiel. So etwas musste für Leigh ein Kinderspiel sein. Es wäre in ein paar Wochen erledigt. Leigh würde toben und all das und ein paar Schreiben in steifer Anwaltssprache verfassen, Stella würde sich zurückziehen und die ganze Sache würde fallengelassen.
»Sie müssen eine Kostenvereinbarung unterschreiben, mir mehr Informationen zur Verfügung stellen und zwanzigtausend Dollar auf unser Treuhand-Konto überweisen. Dann kann ich anfangen.« Sie nahm das Telefon. »Grizz, können Sie mir das Informationsformular für die Verteidigung einer Körperverletzungsklage bringen? Ich nehme Nina Pellegrinis Fall an.«
Nina war auf ihrem Stuhl erstarrt. Zwanzigtausend? Sie musste sich verhört haben. Niemand konnte so eine Summe berechnen. Selbst bei dem opulenten Büro hatte sie maximal mit ein paar Tausend gerechnet. Am Rande bemerkte sie, dass Leigh etwas sagte; ihre glänzenden Himbeerlippen bewegten sich, aber es fühlte sich an, als wäre sie unter Wasser. Alles war verschwommen und Leighs Stimme klang entfernt und dumpf.
»Nina?«
Leigh wartete auf eine Antwort. Wahrscheinlich nickten ihre Mandanten üblicherweise und unterschrieben einen Scheck über zwanzigtausend Dollar, als würden sie sich einen Kaffee kaufen.
»Haben Sie zwanzigtausend Dollar gesagt?« Das war es, was Leigh gesagt hatte – dessen war sie sich sicher – aber sie musste sich davon überzeugen.
»Ja. Sie können das Geld überweisen, wenn Sie bereit sind, anzufangen. Allerdings haben Sie nur einen bestimmten Zeitraum, in dem Sie reagieren können – und der ist nur zehn Tage lang. Also schlage ich vor, dass Sie es nicht hinauszögern.«
»Ich habe keine zwanzigtausend. Ich hatte nicht gedacht, dass es so viel sein würde.«
Leigh runzelte die Stirn. »Dann schlage ich vor, dass Sie so schnell wie möglich mit Ihrer Bank in Verbindung treten. Nehmen Sie einen Kredit auf das Grundstück auf.«
»Ich kann nicht. Es gehört mir, aber ich darf keine Hypotheken darauf aufnehmen. Das war eine Bedingung im Testament meiner Großmutter.«
»Gibt es jemanden, der Ihnen das Geld borgen kann? Familie?«
Nina schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich langsam wie eine Puppe und Leighs Worte zogen und zerrten immer in der falschen Richtung an ihr. Ihr Magen zog sich zusammen, als hätte sie einen Eisblock verschluckt. »Ich dachte, ich würde nicht so viel brauchen. Ein paar Schreiben und ein paar Wochen.«
Leigh presste die Lippen zusammen. »Es tut mir leid, aber nein. Das ist komplizierter. Hören Sie, wenn Sie das Geld für die Anwaltskosten nicht haben, schlage ich vor, dass Sie einen schnellen Vergleich anbieten. Sie müssen sehr wahrscheinlich so oder so etwas zahlen – diese Dinge verschwinden nur selten ohne Preis. Die Mutter ist alleinerziehend, nicht wahr?«
»Ja. Sie hat kaum Geld.«
»Dann setzen Sie ein Schreiben auf, in dem Sie die Haftung verweigern, aber eine Streitfallregelung als schnelle Lösung anbieten. Bieten Sie zehntausend an und setzen Sie eine Frist von zehn Tagen. Wenn die Mutter finanziell angeschlagen ist, wird es sie wahrscheinlich locken.«
Nina konnte die Worte kaum an dem Kloß in ihrer Kehle vorbeibringen. »Ich habe nicht so viel Geld.« Wie hatte sie nur so naiv und unglaublich dämlich sein können? Sie war hier überhaupt nicht in ihrem Element. Sie war gut zu Stella und Billy gewesen; sie hatte einen Blick auf Billys begeisterten Gesichtsausdruck geworfen, als er die Ponys gesehen hatte, und ihr großes, weiches Herz hatte sie gedrängt, ihn in das Programm aufzunehmen. Und das hatte es ihr nun gebracht: sie saß in einem schicken Büro im zwanzigsten Stock eines der elegantesten Bürogebäude in Sydney und wurde von einer Anwältin angestarrt, die wahrscheinlich mehr für ein Essen im Restaurant ausgab als Nina für einen Wocheneinkauf.
Nina konnte genauso wenig zehntausend Dollar auftreiben, wie sie mit Mr. Petey zum Mond reiten konnte. Sie konnte sich bereits die entschuldigende Miene des Bankmitarbeiters vorstellen, wenn sie wegen eines Kredits auf ihn zukam. Zehntausend. Es war unmöglich.
»Wie wäre es, wenn ich zweitausend anbiete?« Nina versuchte, zu lächeln, aber es fühlte sich eher nach einer Grimasse an.
Leighs Blick wurde einen Moment lang weicher. »Es tut mir leid, aber selbst für jemanden mit einem geringen Einkommen hört sich zweitausend wie Kleingeld an.«
»Für mich ist das kein Kleingeld.«
»Ich bitte Grizz, Ihnen die Kontaktdaten einer Rechtsgemeinschaft zu geben. Die werden Sie nicht vertreten können, aber vielleicht können sie Ihnen mehr Ratschläge geben.«
»Danke.«
Nach einem Klopfen an der Tür trat Grizz ein. Sie legte weitere Papiere auf den Tisch und lächelte Nina an. »Hätten Sie gern eine Tasse Tee, während Sie die Formulare ausfüllen?« Ihr breites Gesicht schien nach Leighs distanzierter Nüchternheit wie ein sicherer Hafen zu sein.
»Das ist nicht nötig, Grizz«, sagte Leigh. »Nina wollte gerade gehen. Können Sie ihr die Kontaktdaten für die Rechtsgemeinschaft geben? Sie wird an der Rezeption warten.« Sie stand auf und streckte die Hand aus. »Danke, dass Sie uns in Erwägung gezogen haben. Es tut mir leid, dass wir Ihnen nicht helfen konnten.«
Nina erhob sich. Ihre Beine zitterten, als wäre sie gerade mehrere Runden um die Randwick-Rennbahn galoppiert. »Danke für Ihre Zeit, Ms. Willoughby. Es tut mir leid, dass ich sie verschwendet habe.«
Leigh neigte den Kopf. »Kein Problem. Ich wünsche Ihnen viel Glück.«
Mit hoch erhobenem Kopf ging Nina durch die Tür.
»Nach links«, sagte Grizz hinter ihr.
Nina vertraute ihrer eigenen Stimme nicht, also ging sie einfach stumm zur Rezeption. In der Sekunde, in der sie diesen Ort betreten hatte, hätte sie wissen müssen, dass es nicht billig werden würde. Eine solche Aufmachung bekam man nicht kostenlos. Sie war dem nicht gewachsen. Die Schäbigkeit der Banksia Farm schlich sich in ihre Gedanken und das Bedürfnis, sich zu Hause einzurollen, übermannte sie. Sie würde überlegen müssen, was sie tun sollte. Sie würde das Geld auftreiben müssen.
Tränen brannten in ihren Augen, als sie den ruhigen Flur zur Rezeption zurückging, aber sie zwang sie zurück. Leigh musste ein Vermögen wert sein. Gehörten Anwälte nicht zu den reichsten Menschen in Sydney?
Kein Wunder. Kein verdammtes Wunder.
Kapitel 3
Leigh starrte ihren Computerbildschirm an. Wie üblich begrüßten sie dutzende über dutzende von neuen E-Mails zum Beginn des neuen Arbeitstages. Sie ignorierte sie. Grizz würde bald kommen und sie würde genau diese E-Mails sortieren und sich um das kümmern, was sie konnte – was das meiste sein würde. Dann würde Grizz etwas Geld aus ihrer Gemeinschaftskasse nehmen, zwanzig Stockwerke nach unten fahren und mit einem Kaffee für jede von ihnen aus dem Coffeeshop im Foyer zurückkommen. Fünfzehn Minuten lang würden sie sich gegenseitig über ihre jeweiligen Tagesprioritäten und die Fortschritte bei den Fällen unterhalten, während sie ihren Kaffee tranken. Oftmals teilten sie dabei auch kleine Anekdoten aus ihrem Privatleben.
Leigh wechselte den Ordner auf dem Bildschirm und öffnete die Verteidigung des Matheson-Falls. Sie tippte schnell, wies Teile der Anklage zurück und markierte andere, mit denen Grizz sich näher auseinandersetzen sollte.
Sie war auf die Arbeit konzentriert, als Grizz die Tür mit dem Fuß aufschob, über den Teppich humpelte und die Kaffeebecher auf Leighs Schreibtisch abstellte. »Ende-des-Monats-Muffins. Himbeere und weiße Schokolade.« Sie stellte eine Papiertüte daneben. »Wir sind im Kostenrahmen geblieben; in der Welt ist also alles in Ordnung.« Sie setzte sich Leigh gegenüber, nahm sich einen Muffin und schob Leigh anschließend die Tüte zu.
Sie waren immer noch warm. Leigh lief das Wasser im Mund zusammen und sie biss ab. »Die sind so gut.«
»Meine Lieblingsgeschmacksrichtung«, sagte Grizz mit vollem Mund.
Leigh musterte sie. »Humpelst du? Schon wieder?«
Grizz rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. »Es ist nichts. Zumindest nicht viel.«
Leigh biss erneut von dem Muffin ab. »Spuck’s aus. Kommt das von den Aktivitäten letzte Nacht?«
Grizz seufzte. »Bryan und ich sind zur Kletterhalle in Parramatta gefahren. Erzähl mir bloß nicht, dass eine neunundvierzigjährige Frau nicht klettern sollte. Meine knirschenden Hüften sind gar nicht so schlimm. Ich dachte, dass es in Ordnung sein würde.«
»Ist es schlimm? Brauchst du ein paar freie Tage?«
Grizz schluckte einen großen Bissen ihres Muffins hinunter. »Nein, mir geht’s gut. Es ist nur ein gebrochener Zeh.« Sie funkelte den Muffin an, als wäre er für ihre Verletzungen verantwortlich. »Und ich hab mir das Kreuz verrenkt. Keine Ahnung, wie das passiert ist.«
Leigh musste ein Lächeln unterdrücken. Grizz mochte zwar die beste Rechtsanwaltsgehilfin in Sydney sein, aber sie war auch die anfälligste für Unfälle. Und sie weigerte sich, sich ihrem Alter zu ergeben. »Sag mir Bescheid, wenn du zum Chiropraktiker gehst.«
»Heute Nachmittag um drei.«
»Kein Problem. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.«
Grizz würde alle die freie Zeit bekommen, die sie brauchte. Sie würde die Stunden wieder ausgleichen – und mehr noch – wie sie es immer tat.
Leigh wartete, bis der Muffin verputzt war, bevor sie sich dem Geschäftlichen widmete. »Die Antwort für die Haftung im Tran-Fall ist heute fällig. Bitte setz eine Ablehnung auf. Und könntest du außerdem Peter Nolan nochmal anrufen und ihn nach den Arbeitsaufzeichnungen fragen? Sei streng.«
Grizz nickte. »Meine Spezialität.«
Leigh grinste sie an. »Deswegen bist du diejenige, die ihn anruft.«
Grizz nahm ihren Kaffee. »Erinnerst du dich an Nina Pellegrini von vor zwei Tagen?«
Leigh nickte. Nina Pellegrini war nicht die Art Frau, die Leigh schnell vergaß. Sie hatte wunderschöne Haare, üppig und glänzend wie poliertes Mahagoniholz, das sie sich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Und dann war da die Kleidung gewesen – eine seltsame Mischung aus veralteten Stilen. Nina war faszinierend; sie war nicht einfach nur eine Firmendrohne im Kostüm.
»Sie ist am Empfang aufgetaucht und wollte dich sehen«, sagte Grizz. »Ich habe mit ihr gesprochen. Sie hat das Geld für die Honorare immer noch nicht, aber sie will dich überreden, ihren Fall pro bono zu übernehmen.«
Ninas intensive Gestalt blitzte in Leighs Gedanken auf: ihre großen, dunklen Augen und ihre Naivität, dass sich die Dinge auch ohne Geld klären würden. Sie war nicht wie ihre üblichen Klienten und es war auch kein gewöhnlicher Fall. Aber sie kostenlos zu übernehmen?
»Ich habe ihr gesagt, dass deine pro bono-Arbeit begrenzt ist«, fuhr Grizz fort. »Und dass ihr Fall für uns problematisch ist, weil es dabei um ein Kind geht. Die Öffentlichkeit kann sehr emotional werden, wenn Kinder verletzt werden.«
»Du hast recht. Danke.«
»Sie hat gelächelt, sehr süß, sehr höflich, und hat gesagt, dass ihr das klar ist, aber sie wolle trotzdem die Möglichkeit bekommen, mit dir zu sprechen.« Grizz nippte an ihrem Kaffee. »Ich hab ihr erneut gesagt, dass du sie nicht annehmen würdest, aber sie hat sich auf den Empfangsstuhl gesetzt, ein Buch rausgeholt und gesagt, dass sie nicht gehen würde, bis sie die Chance hatte, dich zu überreden.«
Leigh hob beide Brauen. »Das könnte eine lange Wartezeit werden.«
»Das hab ich auch gesagt. Aber sie verursacht keine Probleme. Chantelle von der Rezeption sagt, dass sie ausgesprochen höflich ist und seitdem nur um ein Glas Wasser gebeten hat.« Grizz zögerte. »Ich hab deine Notizen gelesen. Irgendetwas an dieser Klage gegen sie ist nicht richtig, aber ich komme einfach nicht drauf.«
»Die Mutter hat die Klage erst spät eingereicht und in der Zwischenzeit war das Kind mit Karotten für das Pony auf der Farm. Das ist seltsam, aber nicht so ungewöhnlich.«
»Vielleicht.« Grizz’ normalerweise zufriedener Gesichtsausdruck wurde nachdenklich. »Wie auch immer, auf Ninas Bitte hin habe ich zugestimmt, dir zu sagen, dass sie hier ist. Was ich nun getan habe.«
»Bitte sag ihr nochmal, dass ich nicht in der Lage bin, sie zu empfangen.«
»Mach ich, Boss.« Grizz erhob sich und sammelte die leeren Becher ein. »Ich mache mich wieder an die Arbeit.« Sie ging und schloss die Tür hinter sich.
Eine Stunde lang arbeitete Leigh durchgängig ohne Unterbrechung, bis ihr Nacken von der vornübergebeugten Haltung schmerzte. Sie zog ihre Absatzschuhe aus und ging hinüber zum Fenster.
Zwanzig Stockwerke unter ihr wuselte Sydney wie ein Termitenhaufen. Verkehr, Menschenmengen, Flugzeuge im Himmel und Menschen, die ihren Tagesabläufen nachgingen. Sie drehte den Kopf und betrachte das winzige Stück vom Hafen in ihrem Sichtfeld, der im Sonnenschein blau glänzte. Eine Fähre schleppte sich vorbei und eine Flotte aus kleinen Yachten fuhr hin und her. Ihre hellen Segel hoben sich wie Juwelen vom Wasser ab.
Wer hatte an einem Mittwoch frei, um segeln zu gehen? Da draußen waren so viele Boote; die konnten nicht alle von Rentnern oder den Superreichen gefahren werden. Manchmal segelte sie auf der Yacht eines Freundes, aber nur an den Wochenenden, wenn er seine reguläre Crew nicht zusammenbekam – und Leigh genoss es nicht so sehr, als dass sie es zur Gewohnheit machen würde.
Nach einem letzten Blick auf die Außenwelt machte sich Leigh wieder an die Arbeit.
Gegen halb zwei schwoll das Knurren in ihrem Magen zu einem Brüllen an. Sie nahm ihre Brille ab und rieb sich die Augen. Vielleicht war Grizz noch nicht zum Mittagessen gegangen und konnte auf dem Rückweg etwas für Leigh mitbringen. Grizz’ Handy sprang jedoch sofort auf die Mailbox; sie musste bereits in der Pause sein.
Leigh stand auf und nahm ihre Tasche. Sie würde kurz rausgehen und sich einen Salat holen, den sie im Büro essen konnte. Mit der Handfläche strich sie sich den Rock glatt und ging zum Fahrstuhl.
Als sie den Empfangsbereich betrat, legte eine Frau dort ihr Buch ab und sprang auf die Füße.
Nina Pellegrini. Wie hatte Leigh so gedankenverloren sein und vergessen können, dass sie vielleicht noch immer hier war?
»Ms. Willoughby.« Nina stand direkt vor ihr, sodass Leigh gezwungen war, entweder stehenzubleiben oder sich an ihr vorbei zu drängen. »Ihre Anwaltsgehilfin hat mir gesagt, dass Sie das Gefühl haben, mir nicht helfen zu können, aber ich bitte Sie nur um zehn Minuten Ihrer Zeit.«
»Es tut mir leid, ich habe nur ein paar Minuten, um mir etwas zum Mittagessen zu holen, bevor ich zu meinem nächsten Termin muss.« Es war eine Lüge, aber Nina konnte das nicht wissen.
»Dann lassen Sie mich Sie zum Mittagessen einladen. Zehn Minuten, Ms. Willoughby – Leigh – das ist alles. Wenn Sie mir dann immer noch nicht helfen können, lasse ich Sie in Ruhe.«
Ninas Stirn war in Falten gelegt und in ihren Augen schimmerte Sorge. Die dunklen Ringe unter ihren Augen hoben sich selbst von ihrem gebräunten Gesicht ab. »Bitte«, sagte sie erneut.
Leigh sah Nina an. Die Frau war offensichtlich angespannt. Ihre Finger gruben sich so fest in den Riemen ihrer Tasche, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ein winziger Teil von Leighs starren Haltung bröckelte. Nina war eine Frau, eine Mutter, und allem Anschein nach auch eine Kämpferin. Nina war die Art Mensch, der Leigh helfen wollte, als sie damals Anwältin wurde. Eine ehrliche Person, die aufgrund von Pech Probleme mit dem Gesetz hatte. Aber irgendwann war Leigh von der Welt des Versicherungsrechts eingesaugt worden und half nun stattdessen großen Firmen, den kleineren Firmen so wenig wie möglich auszahlen zu müssen.
Leigh presste die Lippen zusammen. Sie waren nicht allein im Empfangsbereich. Dort waren Mandanten, echte Mandanten. Und obwohl sie alle in ihre Zeitschriften vertieft zu sein schienen, würde Leigh ihren BMW darauf verwetten, dass sie ganz genau die Ohren spitzten. Es würde nicht gut aussehen, wenn sie Nina abwies. »Begleiten Sie mich. Zum Café sind es fünf Minuten zu Fuß. Sagen Sie mir, was Ihnen auf dem Herzen liegt.«
Sobald sie auf dem Gehweg waren, wandte sich Leigh an Nina. »Reden Sie.« Sie ging los.
»Ich hab noch immer kein Geld, um Sie zu bezahlen«, sagte Nina. »Lassen Sie uns das zuerst klarstellen. Aber ich möchte trotzdem, dass Sie mich annehmen. Pro bono. Ich kann es nicht ohne Sie schaffen. Ich habe über Sie recherchiert. Habe in einer Business-Zeitschrift einen Artikel über Sie gelesen. Sie sind, um es einfach auszudrücken, die Beste, die es gibt.«
Leigh zuckte mit den Schultern. »Grizz hat Ihnen bereits die Gründe genannt, warum ich Sie nicht annehmen werde.«
»Meine Großeltern haben die Banksia Farm vor siebzig Jahren gekauft, als sie gerade geheiratet hatten. Sie träumten von der Selbstversorgung. Aber als sich Sydney ausgebreitet hat, ist es für sie schwerer geworden. Die Dinge kosteten mehr und da haben sie entschieden, die Banksia Farm in einen Ort zu verwandeln, an dem Stadtkinder den ländlichen Lebensstil genießen können. Wissen Sie, dass es in Sydney Kinder gibt, die glauben, dass Milch in Kartons hergestellt wird? Sie haben keine Ahnung, dass sie von Kühen kommt. Sie haben nie eine Kuh gesehen.« Nina atmete tief ein.
»Ich bin nicht sicher, was das mit mir zu tun hat.« Leigh beschleunigte ihre Schritte.
»Darum geht es auf der Farm, Leigh. Mit Tieren zusammen zu sein bringt den Kindern Sachen bei, die sie in einem Klassenzimmer nicht lernen können. Sie lernen, liebevoll mit kleinen, hilflosen Dingen umzugehen. Sie lernen Verantwortung, selbstständig zu denken und sie bekommen eine Arbeitsmoral.«
Sie machten einer Gruppe Geschäftsmänner Platz, von denen jeder ein Handy am Ohr hatte.
»Kinder brauchen die Farm. Und Kinder mit besonderen Bedürfnissen und solche, die aus Familien kommen, die gerade so über die Runden kommen, brauchen es noch mehr als die meisten anderen. Alle zwei Wochen kommt eine Gruppe Kinder mit Down-Syndrom. Sie wechseln sich beim Reiten ab. Ich kann von ihnen kein Geld verlangen. Manchmal bringen Krankenschwestern aus dem Universitätskrankenhaus Kinder, die unheilbar krank sind. Die meisten dieser Kinder müssen bald in ein Hospiz. Die Gemeinschaft braucht die Banksia Farm.«
»Was Sie tun, ist bewundernswert.« Das war es wirklich. Ein Ort der Zugehörigkeit für Kinder – was es für Nina noch schwerer machen musste, dass eines der Kinder, dem sie geholfen hatte, die Schließung der Farm einläuten könnte. Ein Stechen durchfuhr Leighs Magen, das nicht ausschließlich dem Hunger geschuldet war. Sie wurde vor einem Café langsamer. »Hier hole ich mir mein Mittagessen.«
»Ich hole es für Sie.« Ninas Mund hatte einen entschlossenen Zug angenommen. Sie schob sich an Leigh vorbei an den Tresen. »Was möchten Sie?«
An der Bank beim Fenster standen zwei Barhocker. Nina hockte sich darauf und umfasste ihr Wasserglas. Sie hatte sich nichts zu essen bestellt.
»Wenn Billy seine Klage gewinnt, muss ich die Banksia Farm verkaufen, um ihn auszuzahlen. Es gibt keinen anderen Weg. Ich werde kein Problem haben, einen Käufer zu finden – es gibt da einen sehr beharrlichen Entwickler, der mir schon ein paar Angebote gemacht hat. Die Banksia Farm liegt nicht länger im Busch; sie ist von Wohngebieten und Blöcken umgeben, die in der Größe in der Umgebung von Sydney kaum noch zu sehen sind. Sie würden dort ein dichtes Bauprojekt oder sogar ein Einkaufszentrum errichten.«
»Ich bin sicher, dass Sie gut klarkommen würden. Bei einem Block dieser Größe würden Sie genug Geld bekommen, um Billy auszuzahlen und sich ein Haus in derselben Gegend zu kaufen.« Leigh stocherte in ihrem Salat herum.
»Sie haben es immer noch nicht verstanden.« Ninas Haare hatten sich aus ihrem straffen Pferdeschwanz gelöst. Einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. »Es geht nicht um Geld. Es geht darum, die Farm für die Kinder zu erhalten, die sie brauchen. Wie Billy. Ja, ich weiß, dass er im Moment der Grund für die Probleme ist, aber Billy ist genau die Art Kind, die auf die Banksia Farm kommen muss. Er kommt aus sich heraus, wenn er dort ist. Er liebt diesen Ort.«
Nina beugte sich vor und legte ihre Hand auf Leighs. Ihre Berührung war leicht, aber es lag eine Intensität in ihr, ein brennendes Verlangen nach etwas. Ninas Berührung schrie ihre Leidenschaft für das Leben heraus. Dafür, Menschen zu helfen und das Richtige zu tun. Sie war alles, was Leigh einmal gewesen war, bevor sie das Büro im zwanzigsten Stock mit dem Blick auf den Hafen und einem Partner auf ihrer Visitenkarte bekommen hatte.
»Bitte, Ms. Willoughby – Leigh. Bitten helfen Sie mir. Nicht für mich, sondern für die Kinder, die die Banksia Farm brauchen.«
Leigh musterte Ninas Hand, die auf ihrer eigenen lag.
Nina musste den Blick gespürt haben, denn sie zog ihre Hand zurück. »Billy wurde verletzt, aber ich glaube nicht, dass es meine Schuld war. Und das wird jetzt gemein klingen, aber ich glaube auch nicht, dass er so schlimm verletzt ist, wie es in der Klage dargestellt wird. Ein gebrochener Arm und eine Gehirnerschütterung? Das sollte sein Leben nicht verändern. Aber Sie haben die Klageschrift gelesen; Stella stellt es so dar, als wäre Billy für den Rest seines Lebens lahmgelegt. Warum sollten so viele Kinder dafür leiden?«
Leigh aß ihren Salat. Ninas Worte machten sie nachdenklich. Die Klage anzufechten sollte unkompliziert sein. Sicher, Nina würde fast mit Sicherheit etwas zahlen müssen, aber es würde nicht viel sein. Vielleicht konnte einer der Rechtsreferendare in der Firma den Fall pro bono annehmen.
Sie sah zu Nina. Diese hatte den Blick starr auf die Tischplatte gerichtet und spielte mit den Fingern an ihrem Rock. Er war knallpink, ähnlich wie der, den sie für ihren Termin vor zwei Tagen angehabt hatte – aber dieser war älter und abgetragener. Das war nicht die Kleidung, die man zu einem Treffen mit einem Top-Anwalt anziehen sollte.
»Hören Sie, Sie brauchen mich wirklich nicht dafür.« Leigh legte ihre Gabel ab. »Es ist unkompliziert. Ich werde Sie mit Sarah Jackson bekannt machen. Sie ist eine der anderen Anwältinnen in der Firma; sie sollte Ihnen pro bono helfen können.«
»Nein. Sarah ist sicher eine gute Anwältin, aber ich will Sie. Es ist so wichtig.«
Ärger flammte in Leigh auf. Alle Mandanten glaubten, dass ihre Fälle wichtig genug waren, um einen Top-Anwalt zu rechtfertigen, aber in der Realität verdienten nur wenige Fälle wirklich ihre Aufmerksamkeit. Aber etwas an Nina reizte sie und erinnerte sie an etwas, dass sie in ihrem eigenen Leben vernachlässigt hatte. Ninas Augen, groß und flehend, waren wie die eines Rehs. Sanft und braun. Und bald würde sie niedergetrampelt werden.
»Sehen Sie sich die Farm persönlich an. Sie können einfach vorbeikommen; so ein Ort ist das. Dann werden Sie sehen, warum ich sie nicht verlieren kann und warum die Gemeinschaft sie braucht.«
Leigh schob die Reste ihres Saltas von sich. »Ich denke darüber nach. Das ist das Beste, was ich tun kann. Und um Ihnen gegenüber fair zu sein, sage ich Ihnen Anfang nächster Woche Bescheid, damit Sie jemand anderen finden können, wenn ich Ihnen nicht helfen kann.« Ein Teil von Leigh fragte sich, warum sie dieses Zugeständnis überhaupt machte. Ja, sie hatte nicht darüber nachgedacht, aber sie wusste bereits, wie die Antwort ausfallen würde. Sie sollte Nina abweisen und die Sache abschließen. Nina würde zurechtkommen. Und falls nicht, tja, dann war das nicht ihr Problem.
»Danke.« Ninas Hand löste sich von ihrem Rock. »Ich hoffe, Sie kommen vorbei und sehen sich an, was wir tun. Sie können Mr. Petey kennenlernen.«
»Ihren Ehemann?«
Ein flüchtiges Grinsen huschte über Ninas Gesicht, doch sie verbarg es schnell wieder. »Nein. Mr. Petey ist das Pony, auf dem Billy geritten ist. Ich habe keinen Ehemann. Oder eine Ehefrau, wenn wir schon dabei sind.«
Oh. Na das waren mal Neuigkeiten. Leigh schluckte die Frage auf ihren Lippen über eine potenzielle Ehefrau hinunter. Nina war keine Mandantin, noch nicht, vielleicht nie, aber das hieß nicht, dass sie ihr Fragen stellen würde, die möglicherweise eine Gemeinsamkeit zwischen ihnen aufdecken würden. Eine Community, die sie gemeinsam hatten. Sie stand auf und lächelte Nina schwach an. »Ich melde mich bei Ihnen. Danke für das Mittagessen.«
Nina erhob sich ebenfalls. »Gern geschehen. Ich freue mich darauf, von Ihnen zu hören.«
Leigh ging davon und konzentrierte sich auf die Straße. Wenn sie zurücksah, würde sie sehen, wie Nina ihr nachsah? Und warum war das überhaupt wichtig?
»Ich habe ein wenig recherchiert.« Grizz stand mit einem Papierstapel im Arm vor Leighs Schreibtisch. Es sah nach Ausdrucken aus dem Internet aus.
»Oh? Gehst du dieses Wochenende zum Parasailing oder zum Wasser-Ski-Fahren?«
»Weder noch. Zumindest nicht, solange mein Zeh nicht verheilt ist. Aber Bryan will trotzdem zelten gehen.«
»Ein hübscher, beschaulicher Caravan-Park am Strand?« Grizz würde es niemals an so einem Ort aushalten − und ihr Ehemann ebenso wenig. Ihre Vorstellung von Zelten bestand aus einem Nachtlager mitten in den Bergen.
»Pfft.« Grizz verzog das Gesicht. »Dafür ist noch genug Zeit, wenn ich alt bin. Nein, ich habe über die Banksia Farm recherchiert.« Sie legte die Blätter auf dem Schreibtisch ab, setzte sich und überschlug die Beine. »Sie ist ziemlich bekannt – tatsächlich hatte ich auch schon vorher davon gehört. Es gibt eine Warteliste für das Barn Kids-Programm und einige Zeitungsartikel loben es in den höchsten Tönen. Allerdings lässt die Firmenstruktur viel zu wünschen übrig. Sie ist keine GmbH, sodass Nina angreifbar ist.«
Leigh zog die Papiere zu sich. »Was für eine Idiotin würde ihre Firma nicht anmelden, um ihr Eigentum und ihre Anlagen zu schützen?«
»Eine uninformierte Person?« Grizz zuckte mit den Schultern. »Für mich sieht es so aus, als bestünde die Möglichkeit, dass sie es als registrierte Wohltätigkeitsorganisation führen könnte.«
»Ich habe ihr gesagt, dass ich darüber nachdenke, sie pro bono zu übernehmen.« Leigh sah auf.
Grizz nickte, als hätte sie das bereits erwartet. »Dein Terminkalender ist morgen Nachmittag frei, falls du rausfahren und es dir ansehen willst.«
»Wie viele Mandanten musstest du umdisponieren, um den Nachmittag frei zu machen?«
»Nur zwei. Weißt du, du könntest mehr pro bono machen.« Grizz lächelte, was ihr Gesicht unter ihrem Helm aus grauen Haaren weicher machte.
»Und du willst, dass es Nina ist?«
»Ich habe das Gefühl, dass sie es verdient.«
»Grizz, du gutherzige, alte Schachtel.« Leigh versuchte, nicht zu grinsen.
»Verrat das nicht Bryan. Er glaubt, dass ich eine abgebrühte, alte Kuh bin und das gefällt mir.«
»Ich kenne deine weiche Seite, aber meine Lippen sind versiegelt.«
»Also, fährst du morgen zur Farm?«
»Nein. Ich weiß es zu schätzen, dass du meinen Terminkalender freigeräumt hast, aber ich habe keine Zeit für nutzlose Ausflüge. Ich nutze die Zeit, um mich auf die Mason-Verhandlung vorzubereiten.«
»Du wirfst Nina den Wölfen vor?«
»Sie hat es dir wirklich angetan.« Leigh seufzte. »Ruf Sarah an. Schau, ob du sie dazu überreden kannst, den Fall anzunehmen.«
»Ganz sicher.« Grizz erhob sich und humpelte aus dem Büro.
Einige Zeit später klingelte ihr Telefon. Verärgert warf Leigh einen Blick darauf. Das Display zeigte James an, den Senior-Partner. Diesen Anruf musste sie annehmen.
