Sturm gesteuert - Katharina Boguslawski - E-Book

Sturm gesteuert E-Book

Katharina Boguslawski

0,0
8,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Sie ignorierten die Luft. Sie provozierten den Wind. Sie weckten einen Sturm. Falko Sturm, Entwickler autonomer Fahrzeuge, erlebt einen Alptraum. Bei der Vorführung seiner Technologie wird der Verkehrsminister schwer verletzt. Ein Fehler seiner Software oder der Hackerangriff eines ausländischen Technologiegiganten? Bei seinen Nachforschungen gerät Falko in das Fadenkreuz skrupelloser Verschwörer. Und plötzlich steht nicht nur die Zukunft der deutschen Automobilindustrie auf dem Spiel, sondern auch das Leben der Menschen, die Falko liebt. Wie kann ein Entwickler die Machenschaften der Machtelite durchkreuzen? Ein erschreckend realistischer Thriller über autonomes Fahren und die ethische Frage: Wer darf leben – und wer muss sterben?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

 

 

 

 

 

Sturm gesteuert

 

 

 

Katharina Boguslawski

 

 

 

 

 

 

happy business moves

 

 

 

 

 

Impressum

 

ISBN 978-3-9823431-7-4

 

Katharina Boguslawski

Herrmannstraße 13 a

54294 Trier

happy business moves, Trier

[email protected]

 

Lektorat: Deborah N. May, romanschule.ch

Korrektorat: Tanja Spath-Nagazi, 66693 Mettlach

Cover: leonardo.ai und Katharina Boguslawski

 

Haftungsausschluss:

Alle Inhalte dieses Buches wurden nach besten Wissen und Gewissen erstellt. Eine Haftung für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Angaben wird nicht übernommen. Insbesondere haftet der Autor nicht für etwaige Schäden, die durch das Lesen des Werkes entstehen.

Alle in diesem Werk genannten Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit realen Personen, lebend oder tot, sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

Urheberrecht:

Die Inhalte dieses Werkes, einschließlich Text, Bildmaterial und Layout, sind urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung, Verbreitung oder andere Verwertung der Inhalte ist ohne ausdrückliche Genehmigung des Autors untersagt.

 

 

1. Edition, 2024

© 2024, All rights reserved.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sie ignorierten die Luft.

Sie provozierten den Wind.

Sie weckten einen Sturm.

 

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Mission Invention

Hi, ich bin Kat!

Danksagung

 

Prolog

»Haben Sie die Unterschrift?«, flüsterte sie dem eingenickten Mann in der letzten Reihe ins Ohr. Er öffnete die Augen. Ihre Gesichtszüge waren im abgedunkelten Saal nur schemenhaft zu erkennen. Ihre Haut reflektierte die blau-grünen Lichteffekte der Chicago Auto Show, die zu epischer Musik auf einem meterlangen Bildschirm tanzten.

»Schmidt ist ein abgehobener Autovisionär. Er will seine Firma, die Albatros, nicht verkaufen. An niemanden«, antwortete der Mann neben ihr mit einem trockenen Husten. Die Armlehnen quetschten seinen korpulenten Bauch, und er zog seinen Anzug glatt, um Falten zu vermeiden.

»Und was hatte Schmidt mit dem deutschen Verkehrsminister zu bereden? Ich habe die beiden am Stand der Albatros gesehen.«

Er lachte auf. »Die beiden hassen sich wie die Pest.«

»Und ich befürchte, die beiden brüten etwas aus. Ich glaube, die Albatros möchte eine Zulassung erwirken, für ihre neue Technologie für autonomes Fahren.« Sie versuchte, die Reaktion auf seinem Gesicht zu lesen, doch die Lichter der Bühnenshow verfärbten seine Haut und zeichneten tiefe Schatten um seine Augen und Nase. »Sie brauchen nur eine gute Marketingkampagne in den Social Media, und der Bundestag genehmigt ihre Innovation für den Straßenverkehr. Schlimmer noch! Andere deutsche Autobauer implementieren sie – und zack«, sie schnipste mit den Fingern, »ist sie als Pflichtfunktion per Gesetz vorgeschrieben. Franzosen und Italiener werden nachziehen, und ich kann den europäischen Markt vergessen.« Sie lehnte sich mit dem Oberkörper etwas über die Armlehne des Sessels, damit er sie trotz des hohen Lautstärkepegels des CEOs der Volkswagen Group verstand. »Ich will die Albatros, bevor Schmidt diese Zulassung bekommt. Verstanden?«

»Ich fürchte, da ist nichts zu machen.« Er grinste leicht und gab vor, sich die Autos auf der Bühne anzuschauen, neben denen der Speaker enthusiastisch etwas über CO2-Emissionen erzählte.

Sie hasste diesen Fettsack neben sich. Er stank nach billigen Zigaretten und hustete nach jedem zweiten Wort. Aber er war hinterhältig und pleite – und sie noch hinterhältiger und reich.

»Gut, ich gebe Ihnen ein Prozent mehr«, sagte sie hart.

Er lächelte verschlagen, ohne sie anzusehen.

»Zwei! Mein letztes Angebot!«

Sein Lächeln wurde breiter, doch er sagte noch immer nichts.

»Ach, wissen Sie was?« Sie erhob sich zum Gehen. »Vergessen Sie es. Der Deal ist eine Nummer zu groß für Sie.«

Mit dieser Frau würden ihm … – er überschlug die Zahlen im Kopf – zehn Millionen Dollar Provision durch die Lappen gehen.

»Schmidt investiert die letzten Jahre permanent in kleine Start-ups«, platzte es aus ihm heraus. »Start-ups mit Expertise in Kameras, Simulationssoftware, Kalibriervorrichtungen, Straßenkarten.«

»Ich weiß. Er übernimmt sie nicht komplett, damit es keine Schlagzeilen macht. Schmidt nutzt eigenes Kapital, keine Fördergelder. Er schließt auch keine Entwicklungsprojekte mit den Fraunhofer-Instituten ab. Das habe ich geprüft. Er gibt sich sehr große Mühe, unterm Radar zu fliegen. Finden Sie raus warum.« Sie drehte sich von ihm weg und tastete sich der Sitzreihe aus leeren Sesseln entlang zum Ausgang des Showrooms.

Er stand auf und lief ihr keuchend nach. »Ich werde mit Schmidts Vertrautem Falko Sturm sprechen. Er ist Entwicklungsleiter. Er kann aufklären, wie die Fäden zusammenlaufen.«

»Dann beeilen Sie sich. Ich will die Albatros nicht an die Chinesen verlieren.«

Chinesen?, schoss es ihm durch den Kopf – beinahe wäre er gestolpert. Eine Gruppe Chinesen hatte heute den Stand der Albatros besucht. Hoffentlich nur Wirtschaftsspione und keine Geschäftspartner. »Ich finde raus, was die wollten.«

Die Bühnenvorstellung neigte sich dem Ende zu. Sie musste verschwinden, bevor die Lichter im Saal angingen. »Gut. Sprechen Sie mit Schmidt oder mit diesem … Sturm. Und ich unterhalte mich mit dem deutschen Verkehrsminister. Ich muss herausfinden, was Schmidt ihm als Gegenleistung verspricht.«

Als die Deckenbeleuchtung anging, scannte sie ihn von Kopf bis Fuß und sagte mit einem koketten Lächeln: »Der Anzug steht Ihnen ausgesprochen gut.« Dann verschwand ihre weibliche Silhouette elegant durch die Tür.

Stolz richtete er seinen braunen Second-Hand-Anzug. Die Ärmel reichten bis zum Handrücken. Sie waren etwas zu lang. Er dachte an den Deal seines Lebens und an dessen Haken: Lebend würde Schmidt seine Albatros nicht verlassen.

Kapitel 1

Jeff war spät dran. Erst war ihm morgens übel gewesen, und dann war die Straße von einer Menschengruppe abgesperrt worden. Er stellte seinen Sportwagen in einer Seitengasse ab und eilte zum Hauptquartier des Automobilbauers Albatros, das aus zwei langen Flügeln bestand. Vor der Drehtür drängelten sich große Menschenmengen mit Plakaten und skandierten im Chor. Der lokale Nachrichtensender interviewte eine Frau. Wahrscheinlich nur eine Demo, dachte Jeff. Die letzten Tage hatte er sich nicht wohlgefühlt, und die neusten Nachrichten aus der Stadt Greifhöhe bei München waren wie im Nebel an ihm vorbeigeflogen. Womöglich kam es häufiger vor, dass Demonstranten vor dem Gebäude des innovativsten Produzenten von autonom fahrenden Autos polterten. Dass er zu einem Vorstellungsgespräch hier war, behielt er besser für sich. Jeff hatte keine Ahnung, wie er ins Gebäude kommen sollte, dabei wartete der CEO Schmidt sicherlich bereits auf ihn.

»Hier. Nehmen Sie das.« Ein Mann drückte ihm ein Schild mit einem Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau und der Aufschrift Sturm ist ein Mörder! in die Hand. Unauffällig zwang sich Jeff damit durch die Menge nach vorn. Am Eingang angekommen reichte er es weiter und wandte sich mit der Information über sein Vorstellungsgespräch an die Security, die ihn passieren ließ.

Beim ersten Schritt aus der Drehtür staunte er über die moderne Eingangshalle. Seine Schuhsohlen hallten auf dem weißen Marmorboden klangvoll nach. Das symmetrische Albatros-Gebäude war zehn Stockwerke hoch, aber einhundert Meter lang. Der Gründer Schmidt hatte damit den Rekord der Flügelspannweite der Albatrosse symbolisiert. In jedem Flügel bildeten die Büroräume einen Ring um einen lichtdurchfluteten Innenraum, der sich in schwindelerregende Höhe erstreckte.

In der Mitte der Empfangshalle hieß ein elektrischer Sportwagen, Albatros Skywing, die Besucher mit offenen Flügeltüren willkommen. Das limitierte Ausstellungsstück mit dem Emblem eines Flugvogels war von allen Seiten beleuchtet. Wie straffe Muskeln schmiegten sich die Kurven des Sportmodells an die karbonverstärkte Karosserie, und die hufeisenförmige Motorhaube lag über dem knurrenden Frontsplitter. Die verästelte Struktur der 21-Zoll-Felgen erinnerte Jeff an Eiskristalle. Das schnittige Design und die Leichtbausitze weckten in ihm das krampfhafte Verlangen nach dem süßen Geschmack der Geschwindigkeit – dem Rausch auf Rädern. Sein Herz bebte. Auch eine kleine Gruppe asiatischer Geschäftsleute bestaunten das Flaggschiff mit umschreibenden Gesten.

Die gestylte Empfangsdame sah Jeff an sich vorbeilaufen und verließ ihren Platz, um ihm hinterherzueilen. Sie sprach Jeff an: »Herr Clemeniani?«

Erst jetzt fand sich Jeff neben dem Sportwagen wieder. Er hatte nicht gemerkt, dass er an der Rezeption vorbeigelaufen war. »Ja, das bin ich.«

»Herr Schmidt erwartet Sie in seinem Büro. Zehnter Stock. Folgen Sie mir.«

Die Blicke der vorbeilaufenden Mitarbeiter klebten an Jeffs athletischer Gestalt, als die junge Frau ihn zum Aufzug führte. Er war ein hochgewachsener, muskulöser Mann Mitte dreißig mit einer Undercut-Frisur. Das schwarze Deckhaar trug er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Der kragenlose Anzug betonte seinen Dreitagebart auf dem kräftigen Hals, der zu Recht eine tiefe Stimme erwarten ließ. Selbst die genauso attraktive Rezeptionistin hatte Schwierigkeiten, ihre roten Wangen zu verbergen, und lenkte von sich ab mit den Worten: »Haben Sie gut hergefunden? Die Demonstranten belagern sogar die Teststrecke. Einer hat sich an ein Testfahrzeug gekettet. Seit dem Tod von Rebecca Luzin letzte Woche herrscht hier Chaos.« Sie zeigte auf einen von LED-Kerzen umstellten Stand mit dem Schwarz-Weiß-Bild einer jungen Frau. Es war das gleiche wie auf den Plakaten der Protestbewegung. Einige Mitarbeiter standen mit gesenkten Köpfen davor und flüsterten sich etwas zu. Jeff fühlte ihre Trauer in seiner Magengegend.

Vor dem Fahrstuhl hörte er zwei Männer in seine Richtung tuscheln: »Ich glaub, das ist der Neue. Sieht ziemlich aufgeblasen aus.«

»Schmidt faltet ihn gleich zusammen wie einen alten Waschlappen.«

»Und hängt ihn dann.«

Der kleinere der Männer suchte Jeffs Blick und lachte ihn mit seinen hellen Augen aus. Eine Welle der Nervosität überrollte Jeff. Er sammelte sein ganzes Selbstbewusstsein, hob den Kopf höher und konzentrierte sich auf einen professionellen und freundlichen Gesichtsausdruck. Denn gleich würde er in ein Haifischbecken tauchen. Zumindest waren die meisten Tech-CEOs, die er kannte, bissig. Und damit lag Jeff richtig.

 

Heinrich Schmidt war ein Hai – unter Geschäftsleuten respektiert, von seinen Angestellten gefürchtet. Man munkelte, er verfüge über einen elektrischen Sinn, ähnlich dem des Raubfisches, mit dem er selbst kleinste Entwicklungen auf dem Technologiemarkt aufspürte und ihre Unternehmen eins nach dem anderen verschlang. Dabei kannte er keine Scheu, sich in die grauen Gewässer der Halblegalität zu begeben. So wuchs sein Lebenswerk, die Albatros, mit schnellen Autos und hohen Margen zu Porsches größtem Alptraum an.

In Schmidts Büro schlug Jeff eine Wolke scharf riechenden Rasierwassers entgegen. Der alte Mann stand am Fenster und schaute auf die Menschen vor dem Gebäude herab. Jeff hatte sich den Albatros-Gründer imposanter vorgestellt und war von der zierlichen Statur des kahlen Mannes im braunen Anzug überrascht. Kaum hatte Jeff neben der Frau aus der Personalabteilung Platz genommen, sprach Schmidt gelassen, ohne sich umzudrehen: »Lassen Sie Ihre Frau nie mit dem Auto in die Berge fahren. Sie kommt um.«

Die Wucht der Erinnerung knockte Jeff sofort aus. Er steuerte dieses Gespräch nicht. Er saß auf der Rückbank.

»So wie diese … dumme Kuh. Wegen der habe ich diese Scheiße mit der Presse am Hals. Ach.« Schmidts missbilligender Wink signalisierte, dass er mit den Leuten vor dem Gebäude fertig war. Er setzte sich Jeff gegenüber und betrachtete seine blutunterlaufenen Augen. »Sie wollen also für mich arbeiten?«

Jeff atmete lange aus. Er besann sich auf sein Vorhaben und gewann die Kontrolle über das Interview zurück. »Ich bin Mechaniker, Rennfahrer und Influencer. Und nach dem zu urteilen, was da unten los ist, brauchen Sie dringend eine erfolgreiche Großkampagne mit einem Champion.«

Die Personalerin, die er vorab in einem Video-Vorstellungsgespräch überzeugt hatte, unterstützte ihn. »Herr Clemeniani hat viele Jahre lang Fahrsimulatoren gebaut, die Rennbranche respektiert ihn, und er führt einen sehr erfolgreichen Instagram-Kanal. Vor zwei Jahren hat er auf der VW-Strecke Ehra-Lessien bei Wolfsburg einen neuen Rekord in einem Bugatti aufgestellt. Er testet die neusten Modelle aller namhaften Hersteller. Seine Meinung ist Gold wert.«

»Dann passt er nicht. Unsere Tests sind streng geheim«, widersprach Schmidt. Doch die Vorstellung an die vielen weiteren Bewerbungsgespräche, die er führen müsste, wenn er jetzt absagte, ließ ihn erschaudern. Nein, es gab keine anderen Jobkandidaten. Sie hatten einer nach dem anderen die Einladung zum Vorstellungsgespräch abgesagt, nachdem der Tod von Rebecca Luzin Schlagzeilen gemacht hatte. Wer würde eine Technologie testen wollen, die eine Frau auf so grausame Weise aus dem Leben gerissen hatte? Kleingeistige Schisser!, dachte Schmidt. Er hörte die Uhr ticken. Sie durften nicht noch mehr Zeit verlieren, als die polizeilichen Ermittlungen zu Rebecca Luzins Todesursache bereits verschwendet hatten.

Schmidt holte seufzend einen schwarzen Stift mit weißgoldenem Clip aus seiner rechten Brusttasche und reichte ihn Jeff zur Unterschrift.

Der Schaft und die Kappe waren mit Zahnrädern verziert und bildeten nicht die typischen, dem Goldenen Schnitt folgenden Proportionen einer Luxusmarke, sondern waren gleich lang. Ein Symbol für die Albatrosflügel?, wunderte sich Jeff. Ein handgefertigtes Einzelstück? Die Feder erinnerte ihn an eine Schwertspitze, mit der er seine Signatur mit blutroter Tinte ins weiße Papier ritzte.

Auf der Federspitze fielen ihm zwei Buchstaben ins Auge, die er keinem Namen zuordnen konnte. Und um die angespannte Atmosphäre aufzulockern, fragte er: »Wofür stehen die Initialen?«

Schmidts Gesicht lief rot an. Er unterdrückte merklich einen Wutanfall. »Ein Adlerauge unter den Albatrossen, was?«, zischte er zwischen den Zähnen.

»Diese Person bedeutet Ihnen viel. Deshalb signieren Sie gern vor den Augen anderer. Mit jeder Unterschrift schreiben Sie ihr Respekt zu.«

»Es gibt nur eine Person, der ich Respekt zuschreibe, und die bin ich!« Er schielte zur Personalerin, die wie ein Wackeldackel nickte. »Es sind keine Initialen!«

Grob riss er Jeff den Füllfederhalter aus der Hand, und im nächsten Moment zuckte sein rechter Mundwinkel verschmitzt hoch. »Wollen Sie, dass jemand anderes an meiner Stelle unterschreibt? Herr Sturm vielleicht?«

Erst jetzt nahm Jeff den Mann, der hinter Schmidt in einem Stuhl saß und etwas in sein rotes Notizbuch schrieb, zum ersten Mal richtig wahr. Als Schmidt ihn heranwinkte, stand er auf und stellte sich freundlich vor: »Ich bin Falko Sturm, Entwicklungsleiter – Sensoren und Software für autonomes Fahren. Willkommen in meinem Team.«

Das war er – das Superhirn des Vogels – ein absoluter Durchschnitt um die vierzig in Hemd und Jeans. Dunkelblondes Haar, etwa einen Meter achtzig groß, blaue Augen, klassische Gesichtszüge. Nicht schön, nicht hässlich. Während er sprach, suchte Jeff aufmerksam nach einprägsamen Merkmalen des Körperbaus, des Gesichts, der Stimme – vergeblich. Diesen Mann würde er weder in einer Menschenmenge noch am Telefon wiedererkennen. So wie er aussah und auftrat, musste er auch für andere Menschen Luft sein – unsichtbar.

Als Schmidt Falko den Stift in die Hand drückte, fuhren die Augenbrauen des Entwicklers vor Erstaunen hoch. Perplex starrte er auf den Patronenfüller. Unzählige Male hatte Falko seinen Chef damit signieren sehen. Warum er das so gern zur Schau stellte, war ihm ein Rätsel. Doch als er selbst den Stift berührte, verschmolz dieser mit seiner Hand. Sein Tastsinn lauschte der Rotation der auf dem Schaft eingravierten Zahnräder. Als würde jede Unterschrift das Business, das diese symbolisierten, weiter in Bewegung halten. Solange Schmidt sein Zeichen setzte, lebte die Albatros. Und jetzt sollte er – Falko – das an seiner Stelle tun?

»Sie halten ihn falsch«, korrigierte Jeff. »Die Feder muss mit der anderen Seite weich aufliegen.«

Scharfsinnig beobachtete der Albatros-Gründer, wie die beiden Männer miteinander interagierten. Er analysierte jedes Wort und jede Bewegung. Falko setzte seine Unterschrift wie ein Erstklässler unter den Arbeitsvertrag.

Eine ältere Frau platzte ins Büro. »Entschuldigen Sie bitte, Herr Schmidt. Ich dachte, Sie wären allein.«

»Was gibt’s, Frau Lichtenstein?«

»Auf dem Flur wurde ein Zettel gefunden. Hier, bitte.«

Schmidt entfaltete das Stück Papier, stieß ein abfälliges Ha! über die Nachricht aus und warf sie für alle lesbar auf den Tisch. Jeff las den in Großbuchstaben geschriebenen Text: Mörder, ich hack dich! Sein neuer Chef Falko Sturm wurde blass.

»Ach, Frau Lichtenstein, kleben die da unten immer noch an unseren Testfahrzeugen?«, erkundigte sich Schmidt über die Demonstranten. Sie nickte, und er fuhr fort. »Herr Sturm hat einen neuen …«, er zeigte auf Jeff und sprach das nächste Wort überdeutlich und mit einem herablassenden Unterton aus, »… Stift. Er fängt gleich mit der Probefahrt an.«

Jeff verstand das Wortspiel und schluckte die Demütigung runter, weil er sein Ziel erreicht hatte: Er hatte den Job. Auch wenn etwas in der Luft lag, das seine Instinkte in Aufruhr versetzte. Denn die beiden Männer hatte er sich ganz anders vorgestellt – schon speziell, aber menschlicher.

 

Der Albatros-Gründer Schmidt begleitete seinen neuen Angestellten Jeff Clemeniani aus dem Büro. Er lehnte sich an das Geländer und sagte in dritter Person über sich selbst: »Nehmen Sie es dem alten Schmidt nicht übel. Ich mache mir nur Sorgen. Herr Sturm und sein Team sind die Zukunft dieses Unternehmens.« Seine Augen wurden feucht. »Bauen Sie keinen Unfall wie Rebecca Luzin.«

In Jeff kam Mitleid auf. Er reichte Schmidt die Hand, und dieser zog ihn für eine Umarmung an sich heran, sodass der Neuling über seine Schulter zehn Stockwerke tief blickte. Ein Vorgeschmack auf den Abgrund, verstand Jeff. Diese stille Drohgebärde verdeutlichte, wie katastrophal er fallen würde, sollte er versagen. Er bereute seine Unterschrift. Ich habe einen Blutpakt geschlossen – mit einem Psychopathen. Doch dann erinnerte er sich daran, was er geschworen hatte – was er ihr geschworen hatte – und fokussierte sich voller Tatendrang auf seine Mission.

Kapitel 2

 

Falko führte Jeff durch das Albatros-Gebäude zum weiträumigen Showroom im Erdgeschoss. Die knapp zweihundert Quadratmeter hießen die beiden Männer mit sich automatisch öffnenden Glastüren willkommen. An der linken Wand erzählte ein Zeitstrahl die Geschichte des Unternehmens. An der rechten Wand lief ein Werbefilm in Dauerschleife. In einer Lounge konnten die Kunden ihr Auto anhand von Farb-, Holz- und Ledermustern konfigurieren. Der Boden war hell und matt. Er verschluckte den Schall ihrer Schritte.

An der hellblauen Decke waren neigbare Strahler mit Halogenlampen montiert und auf die vier Ausstellungsstücke unter ihnen gerichtet. Das Lichtkonzept stellte jedes der vier ausgestellten Elektromodelle – die Verbrennermodelle liefen in den nächsten fünf Jahren aus – wie einen Star in eigenes Scheinwerferlicht. Unter den Autos leuchteten kreisförmige, in den Boden eingelassene LED-Leisten. Die Blau- und Weißtöne des Showrooms verliehen den Besuchern das Gefühl, mit den Albatrossen schwerelos über den Wolken zu schweben. Schmidt hatte auf diese ausgefallene Innenarchitektur bestanden – der Traum von Weite und Freiheit, angehaucht mit einer Brise Neuwagengeruch.

Jeff betrachtete das futuristische Concept Car der letzten Automobilausstellung, das zwischen dem viertürigen Coupé und einem Cabrio stand, und fasste schließlich den schnittigen E-Sportwagen ins Auge. Er hörte Falkos Worten über die digitale Vernetzung und das Infotainment der Autos nicht zu. An Spielereien wie Personalisierbarkeit und Sprachbedienung war er nicht interessiert. Stattdessen ging er schnellen Schrittes um den Sportwagen herum und bestaunte den Farbwechsel, der dem Schimmer von Perlmutt im Sonnenlicht ähnelte. Ein schwarzer Streifen erstreckte sich über Motorhaube, Dach und Heck. Er teilte das Fahrzeug optisch in zwei Teile. Das Markenemblem in Form von zwei Flügeln war in der Farbe Neongelb ausgeleuchtet. Mit den ovalen Ringscheinwerfern sah der Wagen elegant und verlockend unschuldig aus, untypisch für ein Sportauto. Jeff näherte sich der Motorhaube und ging neben dem Vorderreifen in die Hocke.

»Was kann der Sprint-Brems-König?«, fragte er Falko und strich mit den Fingern über den Seitenflügel.

»Von null auf hundert in drei Komma zwei Sekunden. Von hundert auf null in zweiunddreißig Metern.«

Jeff umfasste den Wagen mit seinem Blick und legte die rechte Hand unter die Karosserie, als würde er ihn wiegen wollen. Er überlegte eine Weile. »Tausendvierhundert, schätze ich.«

»Tausendvierhundertundsiebzig Kilo, um genau zu sein.« Falko fügte nach einer Pause hinzu: »623 PS.«

»Ich habe es schon überschlagen. Danke.«

Bei seinem Rundgang um das Fahrzeug hatte Jeff neben den Radarsensoren acht Außenkameras gezählt, die für Kollisionsvermeidung, Verkehrserkennung, automatisches Einparken, Überwachung des toten Winkels und den Spurwechsel verantwortlich waren. »Gibt es im Inneren eine Dashcam fürs Live-Streaming der Fahrt?«, rief Jeff zu Falko, der aus dem Regal mit Flyern eine Augmented-Reality-Brille für Besucher holte.

Falko nickte. »Aber die Testfahrten unterliegen strengster Geheimhaltung. Sie dürfen unter keinen Umständen live gehen.«

»Schon klar. Obwohl die beste Marketingkampagne die ist, bei der die Zuschauer live dabei sind.« Jeff wollte die Flügeltür auf der Fahrerseite öffnen. »Darf ich?«

»Nur zu.« Falko konnte Jeffs Freude, als dieser in die Schalensitze aus Karbon sprang und den Sechs-Punkt-Gurt mit einem leisen Klacken anlegte, nachempfinden. Er sehnte sich danach, wieder von den geschwungenen LED-Leisten des Cockpits umarmt zu werden. Er sehnte sich nach dem Pilot-Feeling.

»Hüpfen Sie rein«, bat Jeff mit einer kurzen Kopfbewegung zum Beifahrersitz.

Falko war für zwei Sekunden wie eingefroren. Er konnte nicht einsteigen, so sehr er es auch wollte. Oder konnte er doch? Er drehte seinen Ehering eine Umdrehung um den Finger. Ein Versuch würde nicht schaden. Seine Hand zitterte leicht, als er die Beifahrertür öffnete und sich langsam in die dunkelbraun kolorierte Sitzschale gleiten ließ. Geht doch. Er legte die AR-Brille auf dem Schoß ab und fuhr mit den schwitzigen Handflächen über die Außenseite seiner Schenkel. Unter der Glaskuppel mit Exoskelett raste sein Herz wie in einem Turbojet. Den Gurt anzulegen war lächerlich, doch Falko machte es Jeff nach, und die Schnallen klackten klangvoll in seinen Händen. Er war gefesselt. Kleine Schweißtropfen zeigten sich auf seiner Stirn. Seine Brust bewegte sich schnell auf und ab. Jedes seiner Lungenbläschen verabscheute den einst so vertrauten Ledergeruch der Innenverkleidung. Jeff durfte es nicht bemerken. Falko drehte den Kopf nach links und reichte seinem Testfahrer die Brille, auf deren Informationen sich Jeff fokussieren sollte. Doch Jeff nahm Falko nicht wahr. Er starrte mit geröteten Augen auf das Sportlenkrad, das nach oben hin offen war. Seine Hände umklammerten die belederten Griffe auf zehn und zwei Uhr. Die Knöchel zeichneten sich weiß unter der Haut ab. Falko glaubte für einen kurzen Augenblick, in den Konturen des Lenkrads den Kopf eines Biests halluziniert zu haben, das Jeff bei den Hörnern gepackt hatte. Sie duellierten.

Dass der Albatros Skywing ein Biest sein konnte, wusste Falko nur zu gut.

»Hier, Ihre Brille, Herr Clemeniani«, sagte Falko innerlich zitternd.

»Hm?« Jeff blickte überrascht zu seinem Beifahrer. »Oh, ja. Danke.«

Er setzte die AR-Brille auf, und Zahlen poppten auf dem Bildschirm auf. Sie aktualisierten sich, je nachdem, welches Bauteil des Automobils Jeff ins Visier nahm. Eine synthetische Stimme präsentierte die Spezifikation und ordnete sie in den Kontext ein.

Jeff stieg aus und lauschte der Informationsdarbietung, als er Heckflügel, seitliche Lufteinlässe, Motorhaube und Diffusoransatz erforschte.

Falko blieb allein im Wagen sitzen und schielte zum Sportlenkrad – der Fratze eines Ungeheuers mit Hörnern. Sein Herz klopfte schmerzhaft gegen die Brust wie das eines gejagten Beutetiers, das todgeweiht war. Seine Augen fixierten den hypnotisierenden Sekundenzeiger in der Quarzuhr, die in der Beifahrerarmatur integriert war. Falko zählte seine Runden übers Ziffernblatt. Wie lange würde er es noch aushalten? Er schielte ein weiteres Mal zu den leuchtenden Knöpfen des Lenkrads und umklammerte die Gurte über seinen Schultern wie Rettungsringe. Sein Atem wurde immer schneller. Falkos Rücken klebte am Sitz. Sein Blick wanderte wieder zurück. Eine weitere Runde des Sekundenzeigers. Ihm wurde von der Rotationsbewegung schwindelig. Er konnte nicht mehr. Raus hier. Wie ging dieser Gurt auf? Seine Hände zerrten am Drehverschluss. Auf! Bitte! Warum war er nur eingestiegen? Es klackte. Er riss die Gurte zur Seite. Luft! Wo war der Türgriff? Er warf einen kurzen Blick über die Schulter zum Steuer. Lass mich raus! Sein Herz stolperte.Er prallte mit der Stirn gegen die beschlagene Fensterscheibe.

Die Flügeltür öffnete sich, sanft begleitet von dem höher werdenden Ton der Hydraulikzylinder. Jeff lehnte mit einem ausgestreckten Arm locker gegen die Tür und schaukelte die VR-Brille vergnügt mit der anderen Hand. »Herr Sturm, wann kann ich den Kurven endlich zeigen, wo es lang geht?«

Luft! Falko sprang aus dem Beifahrersitz. Er hob den Kopf zur Decke und atmete tief ein. Ein Lichtstrahler blendete ihn.

»Hey, ist alles okay?« Jeff schloss die Tür. »Ihr Hemd ist am Rücken nass.«

»Was? … Ich meine, wie bitte? Nass?« Falko streckte sich und zog den durchgeschwitzten Stoff von der Haut. Er lachte aufgesetzt. Es war nicht witzig. Überhaupt nicht witzig.

»Wann kann ich den Wagen testen?«, wiederholte Jeff seine Frage.

»Äh … gleich. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen die Teststrecke – das Albadrom. Aber aus der Vogelperspektive.«

Auf ihrem Weg auf das Dach des Albatros-Gebäudes begegneten sie Schmidt, der eine chinesische Delegation in den Showroom führte. Am Gedenkaltar mit Rebecca Luzins Porträt schloss Falko die Augen und beschleunigte sein Schritttempo.

Kapitel 3

Falko machte einen großen Bogen um die Pressemeute am Haupteingang. Seit Rebecca Luzins Tod fuhr er heimlich über einen privaten Waldweg auf das Albatros-Gelände und stellte seinen dunkelblauen Passat auf dem Parkplatz für Produktionsmitarbeiter ab. Die Plakate der Demonstranten mit der Losung Sturm ist ein Mörder nagten an seinem Lebenswillen. Zum Glück nahm keiner davon Notiz.

Auf dem Dach des Albatros-Gebäudes befand sich neben den Solarzellen ein kleiner Garten mit Holzbänken, Tischen, Bambussträuchern und Ahornbäumen in runden Kübeln. Der Weg von der Tür bis zur Dachoase war mit grauen Steinplatten ausgelegt und am Seitenrand mit dekorativen Kieselsteinchen verziert. Stellenweise zeugten ein paar seichte Pfützen auf der Teeroberfläche vom Regen der Nacht. Eine Brise riffelte die Wasseroberfläche auf und trug einen sanften Lavendelduft aus dem Hochbeet zu den Männern herüber. Falko ekelte sich vor diesem Gestank. Warum hatte er dem Gartencenter erlaubt, dieses Unkraut hier einzupflanzen?

Der Sommerwind wehte Jeff ins Gesicht, er kniff seine geröteten Augen zusammen, um keine Fakten aus Falkos Rundschau zu verpassen. Falko dagegen schien selbst mit geschlossenen Augen eine Führung geben zu können. Er erklärte Jeff die gesamte Firmenanlage von oben. Mit seiner Rechten deutete er auf das Produktionswerk samt Crash-Labor und Windkanal. Mit seiner Linken auf das Albadrom und das Innovation Center mit den Garagen der Testautos – die Herzkammer der Albatros. Einem alten Gebäude, das Schmidt in Rage gedroht hatte, abreißen zu lassen. Obwohl er darin als junger Ingenieur sein Lebenswerk gegründet hatte. Wenige Jahre später hatte er die verwaiste Rennpiste dem Enkel des verstorbenen Besitzers abgekauft und sie zum Albadrom ausbauen lassen – der Arena für den fortlaufenden Kampf zwischen Verstand und Emotionen, wie er es selbst nannte.

Jeff guckte auf das Gelände der Teststrecke hinab, das im Schatten dicker Wolken lag, die am Mittagshimmel gen Norden zogen. Die siebzig Hektar des bewaldeten Lands waren durch einen hohen Zaun als Sichtschutz vor Wirtschaftsspionage geschützt. Darin befanden sich mehrere kleine Gebäude. Eins ordnete Jeff der Boxengasse und eins dem Betriebshof zu. Weil der Großteil der Pistenstrecke durch grüne Hügel und Bauminseln verdeckt wurde, sah er die ovalförmige Trajektorie der Piste, die für Geschwindigkeitstests nötig war, vor seinem inneren Auge. Innerhalb dieses Ovals schlenkerte sich eine weitere Asphaltschlange in serpentinenartigen Kurven zu einer quadratisch angelegten Demostadt mit beampelten Kreuzungen, Gebäudeattrappen und einem Kreisverkehr. Hier wurde die Funktionalität der Software für autonomes Fahren getestet. In den weiter gelegenen Abschnitten prognostizierte Jeff eine große Asphaltfläche für dynamische Übungen und Wasserrutschen. Aber keines dieser Streckenelemente war so anziehend, wie die dem griechischen Buchstaben Omega nachempfundene Linkskurve, die ihm direkt zu Füßen lag. Sie musste aus Schmidts Büro in voller Pracht zu sehen sein.

Die Männer nahmen auf einer Bank Platz, und Falko schlug sein rotes Notizbuch auf. Er blätterte durch seine technischen Zeichnungen und Programmierbefehle, bis er ein sauberes Blatt vorfand. Seine Hand zeichnete maßstabsgetreu eine Rennpiste mit Kurven, Schikanen, einem Tunnel, einer langen Geraden und der Omega-Kurve.

»Das ist es. Das Albadrom.« Falko wies mit der Hand in die Himmelsrichtung der Teststrecke. Er konzentrierte sich wieder auf seine Skizze und fuhr mit dem Stift wie mit dem Wagen entlang des Circuits. Er erklärte Jeff jeden einzelnen Abschnitt der in den natürlichen Geländeverlauf eingebetteten Teststrecke: »Bei den dreifachen Serpentinen testen wir den Stop-and-Go-Charakter des Wagens, an den Schikanen seine Wendigkeit. In der Demo-Stadt testen wir, wie gut die Software Hindernisse erkennt. Der Tunnel stellt die Kamerasysteme bei schnell wechselnden Lichtverhältnissen auf die Probe.« Bei der Omega-Kurve hielt er den Stift still und guckte Jeff an. »Bis hier können Sie die Geschwindigkeit mitnehmen, aber vor der Omega-Kurve müssen Sie vom Gas. Das Einlenken ist knifflig. Die Strecke steigt an, und der Scheitelpunkt ist aus dem Cockpit heraus nicht zu erkennen. Eine Extremwertberechnung mit zweifacher Ableitung zeigt, dass hier«, er markierte die Stelle mit einem Kreuz, »auf den Fahrer die höchste Kraft der gesamten Strecke wirkt.«

»Ich sehe auch ohne Ableitung, dass es mir hier ziemlich im Schritt ziehen wird.« Jeff grinste.

»Stimmt. Drosseln Sie hier unbedingt Ihre Radialkraft. Wenn sie die Reibungskraft überwiegt, wird sich Ihr Wagen in tangentialer Richtung weiterbewegen.«

»Schon gut. Ich weiß, wie man aus der Kurve fliegt.« Jeff schaute wieder sehnsüchtig in die Ferne. »Die Omega-Kurve erinnert mich an den Circuit de Barcelona-Catalunya … Obwohl … Nein, eher an den Red Bull Ring in Österreich.«

»Sachsenring«, fügte Falko mit nachdenklichem Kopfnicken hinzu.

Jeff lächelte und nickte. »Hey, wir wären in Le Mans gute Kumpels gewesen.«

Falko lächelte schüchtern zurück, weil Jeff das Vierundzwanzig-Stunden-Rennen auf dem Circuit de la Sarthe in Le Mans, Frankreich, erwähnt hatte. Es war eine anspruchsvolle Strecke, auf der sich die Fahrer eines Rennwagens – Kumpels – alle paar Stunden abwechseln mussten. Er nestelte an seinem Ehering. »Nein. Ich bin nie über die nationale Lizenz hinausgekommen.«

»Ich wusste, Sie sind Rennfahrer. Für welchen Stall fahren Sie? Für die Albatros? Formel-E?«, fragte Jeff. Er hatte YouTube-Videos von Rennen auf dem Albadrom gesehen. Schmidt musste die Strecke für Rennevents vermieten.

Falko nickte und schüttelte dann vehement den Kopf. »Das ist lange her.« Seine Verlegenheit stand ihm ins Gesicht geschrieben. Jeff hatte sein Lieblingsthema angesprochen. Als die Stille peinlich wurde, sprach Falko weiter: »Ich bin Schmidt bei einem Kartrennen aufgefallen. Da war ich vierzehn. Er wurde mein Sponsor und mein Arbeitgeber in den Ferien. Mülleimer leeren, Parkplatz fegen, Markierungen auf dem Albadrom auffrischen. Während des Studiums habe ich in der Produktion Kabelbäume gelötet, fremden Programmiercode kommentiert«, und jede Menge anderer Drecksarbeit gemacht, dachte Falko und schielte zum Lavendelbusch.

»Moment, Schmidt war Ihr Trainer?«, fragte Jeff.

»Nein, mein Sponsor. Ich hatte einen Trainer.« Falko schmunzelte erst, doch dann wurden seine Gesichtszüge dunkel. Doch, Schmidt war mein Trainer … und der Trainer meines Trainers. Der Trainer von allem und jedem. »Schmidt nimmt jeden Bewerber persönlich unter die Lupe. Die Frauen sortiert er gleich aus.« Falko machte eine Pause und schüttelte den Kopf über Schmidts Eigenart. »Er sagt: Frauen wären den Strapazen des Rennsports nicht gewachsen – vor allem nicht den psychischen. Und Stress würde ihre Fruchtbarkeit mindern.« Falko zog verächtlich einen Mundwinkel hoch. Er selbst respektierte das weibliche Geschlecht.

»Warum haben Sie aufgehört?« Jeff traute sich nicht, zu fragen, warum Schmidt Falko aus dem Team genommen hatte.

»Ich entwickle besser, als ich fahre.«

»Und was entwickeln Sie genau?«

»Das darf ich Ihnen nicht sagen. Sie werden es aber bald testen.«

Jeff klopfte ihm begeistert auf die Schulter. »Fahrer und Entwickler zugleich. Sie sind ja ein richtiger Enzo Ferrari.«

»Nicht Enzo.« Im nächsten Moment hielt er seinem neuen Testfahrer die offene Hand hin. »Falko.«

»Jeff.« Er deutete auf Falkos Notizbuch. »Darf ich?«

Mit einem geheimnisvollen Lächeln nahm Jeff Falkos Notizbuch aus der Hand und zeichnete die Ideallinie in dessen Albadrom-Skizze. Falko wurde ernst. Er blickte zu Jeff, um sicher zu sein, dass er dessen uneingeschränkte Aufmerksamkeit hatte. »Du wirst Extremtests fahren, keine Rennen. Vergiss die Ideallinie.«

Jeffs Lächeln wich aus seinem Gesicht. Er sprach wie zu sich selbst: »Du hast recht. Das wahre Leben ist extrem, nicht ideal.«

Sie schwiegen. Schulter an Schulter sitzend hielten sie ihre Gesichter in den Gegenwind und guckten jeder für sich auf das Albadrom, das mal im Sonnenlicht strahlte, mal im Schatten der Wolken versank.

Die Tür der Dachterrasse flog auf. Falko erkannte einen seiner Software-Entwickler auf sich zueilen und entschuldigte sich bei seinem frisch eingestellten Testfahrer. »Die Pflicht ruft.«

Der Entwickler war entnervt. Er stellte Fragen zur neuen Softwarekonfiguration und bemängelte, dass die Dokumentation voller Lücken war. Falko beruhigte ihn und beantworte alle Fragen auf Anhieb. Über die Schulter blickte er misstrauisch zu Jeff, der konzentriert in seinem – Falkos – Notizbuch blätterte. Erzürnt drehte sich Falko um, stürmte auf Jeff zu, riss ihm das Notizbuch aus der Hand und schlug es mit einem dumpfen Knall zu. »Das ist streng geheim!«

Kapitel 4

 

Geld verdirbt den Charakter, sagt man – Scott Spoody sah das anders. Je mehr Geld er besaß, desto freundlicher und großzügiger wurde er. Der Amerikaner zählte weder die Champagnerkorken noch die jungen Frauen auf seinen Bootspartys. Umhüllt von blauem Zigarrendunst brachte er deutsche und amerikanische Unternehmer zusammen, die ihn daraufhin beauftragten, deutsche Firmen in die USA zu überführen. Geld ließ Scott vergessen, dass er alt, hässlich und unbeliebt war.

Die letzten zwanzig Jahre war seine Kasse leer gewesen. Die eine Hälfte seines Vermögens klagte seine Frau Cindy ein, nachdem sie herausgefunden hatte, für wie viele Cindys er die andere Hälfte seines Vermögens verpulverte. Sie bekam die teure Villa, Scott die teure Lektion.

Schmidts Sekretärin, Frau Lichtenstein, hatte für Scott, den sie zu Schmidt eintreten ließ, nur ein gestelztes Lächeln übrig. Nicht, weil seine wenigen grauen Haare wie kleine Stacheln von seinem runden Gesicht abstanden oder weil die zu hohe Stimme nicht zu seiner korpulenten Statur passte, sondern, weil er wie ein Putzerfisch am Hai Heinrich Schmidt klebte. Und zwar, seitdem er in Deutschland als Austauschstudent in Schmidts Jahrgang Betriebsrecht studiert hatte.

Man hätte den Amerikaner Schmidts Berater nennen können, doch dafür sprach er zu viel und sagte zu wenig. Dennoch schaffte er es jedes Mal durch wundersame Kontakte, Schmidt von seinen schmutzigen Geschäften reinzuwaschen – selbstverständlich gegen eine kleine Gebühr, die er über streng gehütete Schlupflöcher sauber auf seinem Konto auf den Bahamas bunkerte. Eine perfekte Symbiose – so schien es – und dafür ließ der Hai seinen Putzerfisch am Leben.

Man hätte den Amerikaner auch Schmidts Freund nennen können. Doch dafür heuchelte er zu viel und fühlte zu wenig. Dennoch ergriff er jede Gelegenheit, um seinem German friend zu besuchen. So schaute er auch heute vorbei – wie immer auf eigene Initiative –, weil er zufällig für einen kurzen Stopover in Deutschland war. Schmidt hörte Scotts trockenen Raucherhusten aus Lichtensteins Büro nebenan und witterte dessen Zigarrengeruch durch den Türspalt. Es roch faul.

Einen kurzen Moment später stand Scott in Schmidts Büro und sagte: »Herzliches Beileid, my friend. Der Crash der jungen Frau ist eine Tragödie. Ich bin gekommen, um dir beizustehen.« Seine Stimme klang mitfühlender, als es angebracht war. »Und was die Presse erst schreibt.«

»Vergiss die Presse, Scott. Der Aktienkurs ist nicht wegen des Crashs im Keller. Die Anleger haben kein Vertrauen mehr in die Albatros.« Schmidt stand auf und trat ans Fenster. Seine Stimme hörte sich bedrückt an. »Die Chinesen sitzen mir im Nacken. Der Autobauer BYD drängt immer stärker auf den Weltmarkt. Er ist inzwischen größer als BMW oder Mercedes-Benz. Bei Elektroautos hat BYD Tesla überholt. Die Marktpreise und unsere Renditen fallen.«

»Was hast du mit den Chinesen laufen?« Scott dachte an die chinesischen Business-Leute, denen er im Gebäude begegnet war. »Willst du verkaufen oder die Werke nach China verlegen? Der Aktienkurs lädt zum Abstoßen ein.«

»Unsinn! Seit fünfzehn Jahren produzieren deutsche Hersteller mehr als die Hälfte ihrer Pkw im Ausland. Nach der Corona-Krise waren es schon drei Viertel. Selbst die Hälfte der Premiummodelle wird mittlerweile nicht mehr am heimischen Standort gefertigt. Fast fünf Millionen Premiumfahrzeuge, Scott! Die Autobauer laufen aus Deutschland weg wie aufgescheuchte Hühner. Aber ich nicht!«

»Sie besetzen neue Nischen, sparen Zölle.« Scott machte eine Pause. »Knüpfen Kooperationsverträge – Joint Ventures. Die Amerikaner führen mit Waymo den Markt im autonomen Fahren an. Gute Leute, sag ich dir. Sie sind ständig auf der Suche nach Partnerschaften. Wenn du möchtest, kann ich …«

»Partnerschaften? Ha! VW hat seine Kooperation mit Ford beendet. Zwei Milliarden Verlust auf beiden Seiten. Solche Risiken kann ich nicht eingehen.« Schmidt grinste höhnisch. »Wie geht es Cindy?«

Scott hasste es, wenn Schmidt seine Exfrau erwähnte – eine verbale Ohrfeige. Er versteifte sein Gesicht, um Schmidt darin nicht lesen zu lassen, wie akut seine Geldnot war. Doch genau damit sprach es Bände, was er zu kaschieren versuchte.

»Heinrich, ein größeres Risiko sind die Bürokraten in Deutschland. Bis die da oben ein Gesetz für autonomes Fahren durchdrücken«, Scott zog die Augenbrauen hoch, »sind die Amis schon davongedüst. Du solltest Marketingkampagnen mit Live-Demos veranstalten, um die Regierung zu überzeugen.«

»Die Amis werden sich unsere Kerntechnologie schnappen und die Albatros zerschlagen. Hast du vergessen, warum Detroit zerfallen ist?«, fragte Schmidt.

Scott hasste das Thema Detroit – seine Heimatstadt – noch mehr als das Thema Cindy. Diese Ohrfeige klatschte weitaus lauter.

Schmidt legte den Finger ganz bewusst noch tiefer in die Wunde. »In Detroit wurden einmal überproportional viele Autos gebaut. Heute werden dort überproportional viele Menschen erschossen. Mordhauptstadt der USA. Warum wohl sind Hunderttausende aus Detroit geflüchtet?«

Weil die Automobilindustrie abgewandert ist, wusste Scott, wagte es aber nicht, Schmidts rhetorische Frage zu beantworten.

»Tausende Fenster haben keine Scheiben mehr. Industrieanlagen sind zu Betonskeletten zerfallen – mit Graffiti beschmiert. Und du willst das gleiche Schicksal für Deutschland? Dein zweites Zuhause?«

Scott versicherte Schmidt genau das Gegenteil. Denn gerade jetzt, wo die Presse ihn wegen Rebeccas Crash zerreiße und die Aktie im Sturzflug sinke, sei der richtige Zeitpunkt zu verkaufen. Immerhin werde Schmidt nicht jünger, und wenn er keine Nachfolge vor seinem … Ableben finde – Falko Sturm scheine zu unerfahren im Geschäftswesen zu sein –, würde sein Lebenswerk verstaatlicht und zerschlagen werden. So erging es Rudolph – seinem Lieblingsschwager. Es war eine Katastrophe: alle Werke geschlossen, alle Mitarbeiter entlassen und die Produkte zu Sonderangeboten verscherbelt! Sein Nachbar Andy dagegen, für den er eigenhändig die Übergabe initiiert und abgewickelt hatte, feierte ein Happy End. Der Glückspilz cruiste in diesem Augenblick mit Hot Chicks auf seiner weißen Jacht über die Weltmeere. Wolle er – Schmidt – seine Flotte wirklich lieber auf dem Meeresgrund verrotten sehen, als das Ruder abzugeben?

»Vergiss es, Scott. Ich verkaufe nicht.«

»All right. Es ist deine company, my friend. Ich überbringe dir nur das offizielle Angebot.«

»Und das inoffizielle?«

Scott hustete, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, und blätterte ablenkend durch den Vertrag. Schaffte er es, die Albatros Stück für Stück in die USA zu transferieren und dabei Steuern zu sparen, würde er zwei weitere Millionen einfahren. Aber das behielt er lieber für sich, um die Summe für den inoffiziellen Dreh mit niemandem teilen zu müssen.

Scott legte die Kaufverträge auf den vollgepackten Tisch, als der Zettel mit der Drohung Mörder, ich hack dich! ihm ins Auge fiel. »Was ist das?«

»Nur ein Liebesbrief von meinem Metzger.«

Doch Scott interpretierte die Nachricht mit seinem amerikanischen Akzent anders: »Hacken? Du hast einen Computer-Hacker in the house?«

»Nein. Das ist ein Missverständnis.« Doch Schmidts Augen wurden unruhig. Scotts Worte hatten ihn alarmiert.

»Heinrich, that’s bad! Wenn der Hacker die Testautos angreift! Das wird schlimmer als damals mit das …, na, als du nicht auf mich gehört hast, mit das …« Er gab es auf, nach dem Wort zu suchen. »What’s tax inspector auf Deutsch?«

»Steu-er-auf-sichts-be-hör-de«. Schmidt betonte jede Silbe. »Scott, ich verkaufe nicht«, wiederholte er mit Nachdruck.

»Ich bin dein Freund. Ich möchte dir helfen. Seriously, deine company ist – wie sagt ihr Deutschen? – am Arsch, und du bist ein alter Knacker. Falko Sturm ist zu unerfahren, um die Albatros zu übernehmen, wenn du … By the way, was macht dein Herz? Bist du fit?«

»Fit wie ein Turnschuh«, bemerkte Schmidt, doch die Redewendung entfaltete keine Schlagkraft.

»Excellent! Ich komme morgen früh, und wir …«

Schmidt schlug mit der Faust auf den Tisch und schnaubte sich die Seele aus dem Leib. »Ich verkaufe nicht! Nicht an die Amerikaner und nicht an die Chinesen. Germany first! Merk dir das! Germany first!«

 

Das Gespräch war für Scott nicht wie erwartet verlaufen. Aber wunderte ihn das? Von all seinen Business Buddies war Schmidt mit Abstand der sturste. Morgen würde er einen zweiten Versuch wagen, und der würde besser laufen. Aber wie wollte er das anstellen? Das wusste er noch nicht. Erst einmal würde er sich etwas zu trinken holen und nach einem Verbündeten suchen, der ihm half, Schmidt vom Verkauf der Albatros zu überzeugen.

Der Getränkeautomat in der Kantine war halb leer, und Scott fragte den Lieferanten, der seine Schlüssel aus dem Werkzeugkoffer zog: »Kein Liquid Death?«

»Für Sie oder für einen Freund?«, fragte der junge Mann spöttisch.

Scott stutzte und antwortete ernst: »In USA ist dieses Wasser der Hit.«

»Hier in Deutschland ist Liquid Life der Hit«, entgegnete der Lieferant und zeigte auf die blau-weiße Dose eines Energiedrinks.

Als Scott sich mit leeren Händen zum Gehen umdrehte, bemerkte er Falko und lief mit offenen Armen auf ihn zu. »Falko, my friend.«

»Na, Scott. Wieder im Lande?«

»I’m so sorry, wegen des Crashs deiner Entwicklerin. Ich komme, um Schmidt und dich zu unterstützen, in dieser schweren Zeit.«

Falko nickte dankend und wich zur Seite, als der Lieferant den Automaten öffnete. Scott tat es ihm gleich und tastete die Situation ab: »Dieser Crash ist hart für Schmidt. Er überlegt, die company zu verkaufen.«

Falko lächelte gelassen. »Nein, Schmidt verkauft nicht.«

»Wer waren dann die Chinesen im Meetingraum?«

»Investoren? Ich weiß es nicht. Aber Schmidt verkauft nicht.«

»Er sollte aber, bevor die Hacker-Story rauskommt.« Beim Wort Hacker las Scott eine Mischung aus Überraschung und Entsetzen in Falkos Gesicht. »Wenn der Hacker deine Testfahrzeuge sabotiert und es dir anhängt, killt das deine Karriere und die Albatros-Aktie. Das wird schlimmer als die Steueraufs…, äh, … tax inspector. Es ist besser, Schmidt vertraut seinem Freund und verkauft so schnell wie möglich an meine Empfehlung. Nicht wahr?«

Doch Falko dachte nur an den Drohzettel. Mörder, ich hack dich! Hacken? So hatte er ihn beim ersten Lesen nicht interpretiert. Falls Scott recht hatte, mussten die Testfahrzeuge gesondert abgesichert werden, damit sich der Angreifer nicht in die Software hackte und sie in eine Katastrophe steuerte.

Scott bemerkte, dass Falko in Gedanken versunken einen Energydrink wählte, seinen Batch an die Bezahlfläche drückte und die Kantine verließ. Direkt zu Schmidt, hoffte der Amerikaner. Er selbst würde gleich am nächsten Morgen vorbeischauen, nachdem Schmidt und Falko eine schlaflose Nacht verbracht hätten. Deshalb entschloss er sich, dem Lieferanten alle Vorzüge von Liquid Death aufzuzählen. Dieser solle sein Sortiment erweitern. Scott sei in den USA ein Big Fish und würde sich um alle Importformalitäten kümmern – gegen eine kleine Provision, das verstünde sich von selbst.

Kapitel 5

Nach einem kraftvollen Anklopfen platzte Falko in Schmidts Büro. Der Albatros-Gründer stand am Fenster und telefonierte mit erregter Stimme und einem angespannten Gesichtsausdruck. Falko beschloss, ihn nicht zu stören. Scotts Verdacht, es könne sich bei der Drohung um einen Hacker handeln, hatte den Entwickler bis ins Mark getroffen. Er wollte auf keinen Fall ein weiteres Teammitglied verlieren. Wo war der Drohzettel? Sein erster Blick fiel auf den Gästetisch, an dem Jeff sein Vorstellungsgespräch gehabt hatte. Die Oberfläche war komplett leer. Vielleicht auf Schmidts Schreibtisch? Er bewegte sich darauf zu und versuchte, mit den Augen zwischen den Unterlagen den kleinen Zettel ausfindig zu machen. Schmidt musste von dem Verdacht erfahren, dass es sich um einen Computerhacker handeln könnte.

Als Schmidt Falko an seinem Schreibtisch bemerkte, gab er ihm mit einer strengen Handgeste zu verstehen: Ich bin gleich fertig. Setz dich.

Falko trat einen Schritt zurück, ließ seinen Blick aber immer noch über die Papierstapel schweifen. Mit einem Ohr schnappte er die Wörter Gesetz, Ethikkommission und Aktion oder Aktien auf – Falko war sich nicht sicher. Schmidt beendete das Telefonat mit gekünstelter Freundlichkeit.

»Wo ist der Zettel mit der Drohung?«

Schmidt ignorierte Falkos Frage und sagte: »Der Verkehrsminister hat mich davon in Kenntnis gesetzt, dass die Bundesregierung einen Gesetzesentwurf für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen erarbeitet. Weißt du, was das bedeutet?«

Weniger Unfälle und Emissionen, dachte Falko. Sprach es aber nicht aus. Ihm war nicht nach einer Diskussion. Schmidt stempelte sowieso den Rückgang an Unfällen und CO2-Ausstoß als bolschewistische Verschwörung ab. Tacho und Kontostand. Das waren die zwei einzigen Messmittel, die Schmidt anerkannte. Denn diese standen in einem klaren Zusammenhang: Je höher die Zahl auf dem Albatros-Tacho, desto höher die Zahl auf dem Albatros-Konto.

»Das Tempolimit wird die Verkaufszahlen von Porsche, Bugatti, Lamborghini, Ferrari und Albatros treffen. Ich muss mit den Zulieferern unserer Motoren, Bremsen und Reifen sprechen. Wir müssen zusammen gegen diesen Unfug vorgehen.« Schmidt ging langsam vom Fenster zu Falko und stellte sich zwischen ihn und seinen Schreibtisch – dem verbotenen Terrain.

Falko saß auf dem Besucherstuhl und tippte ungeduldig mit dem Fuß.

»Ein Tempolimit bringt nichts!«, fuhr Schmidt fort.

Falko war anderer Meinung. Argumente für ein Tempolimit kreisten in seinem Kopf: Teure Sicherheitssysteme, die auf der Autobahn abschalten, weil sie dafür nicht spezifiziert sind, nützen dem Fahrer nichts – könnte ja ein Auto mit zweihundert Sachen angeprescht kommen. Wegen der hohen Geschwindigkeitsunterschiede der Verkehrsteilnehmer muss die Software gegen unzählige Extremereignisse trainiert werden. Ein homogener Verkehr würde die Entwicklung günstiger, schneller und sicherer machen.

»Keiner will das Tempolimit!«, fügte Schmidt hinzu.

Falko hielt es nicht mehr aus. »Mehrere Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen für ein Tempolimit auf der Autobahn ist.« Er guckte auf dem Stuhl sitzend hoch zu Schmidt, der, ohne sich zu rühren, seinen Schreibtisch wie ein Schäferhund bewachte.

»Umfragen des Volkes? Ha! Hätte Henry Ford das Volk befragt, hätte es schnellere Pferde verlangt. Weißt du, warum die Autobahn in Deutschland keine Geschwindigkeitsbegrenzung hat?«

»Damit ausländische Autobauer eine hohe Markteinstiegsbarriere überwinden müssen. So hält man sich die Konkurrenz vom Hals.« Falko sprach immer schneller.

Schmidts Gesicht lief rot an. »Weil die deutsche Ingenieurskunst keine Limits kennt! Der Geist wahrer Innovatoren ist nicht beschränkt.«

»Der Geist vielleicht nicht. Die Naturgesetze schon.« Falko sah vor seinem inneren Auge den quadratischen Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Bremsweg. Um Schmidt endgültig zu entwaffnen, jonglierte er im Kopf in Sekundenbruchteilen ein paar Beispielzahlen und addierte die Reaktionszeit des Fahrers dazu. »Bei zweihundert Kilometern pro Stunde beträgt der Anhalteweg fast einen halben Kilometer. Die Kamera muss einen Gegenstand auf der Fahrbahn erkennen, der einen halben Kilometer vor ihr liegt. Bei einhundert Kilometern pro Stunde beträgt der Bremsweg nur noch ein Viertel davon.«

»Deine Entwicklerin ist mit siebzig umgekommen!« Schmidt zog die Augenbrauen zusammen. »Ich gebe das Tempo vor. Du folgst!«

Du gibst das Tempo vor – schon klar, verstanden. Falko holte laut Luft und fragte zischend: »Gegen welche Spezifikation soll ich denn entwickeln, deiner Meinung nach? Gegen unendlich?«

»Ja!«

Falko ließ den Kopf fallen. Er würde den Drohzettel erst nach Schmidts Predigt bekommen, wenn überhaupt. Und so lange war mentale Schadensbegrenzung angesagt.

Schmidt sprach, während er langsam um seinen Schreibtisch stelzte. »Du bist faul! Deine ganze Generation ist faul. Wollt euch nicht anstrengen. Wollt lieber Patente kritzeln. Wollt kriechende Robotaxis bauen. Und warum? Weil jeder Depp Robotaxis bauen kann. Das Wettrennen um autonomes Fahren wird in Deutschland entschieden – auf der Autobahn. Jeder weiß das!« Er ließ sich wuchtig in seinen Bürosessel fallen. Das Leder knarrte. »Wofür steht die Albatros? Für den Antrieb der Zukunft.« Schmidt betonte den Slogan seines Unternehmens überdeutlich. »Deswegen laufen sie mir hinterher. Die Chinesen, die Amerikaner.« Er legte Papierzettel um Papierzettel von einem Stapel auf den anderen, ohne sie sich anzugucken. Dann hob er ein zusammengetackertes Dokument hoch. »Hier. Scott will, dass ich die Albatros an die Amerikaner verscherble.« Schmidt schmiss den Übernahmevertrag in den Mülleimer und kickte mit dem Fuß dagegen. »Ha! Diese Anfänger kommen nicht weit in ihren eckigen Blechkisten auf Rollen. Sie wollen Autos, die wie Pfeile über die Straße fliegen. Sie wollen Adrenalin.« Er riss die Augen auf und schüttelte die Fäuste. »Sie wollen die deutsche Freiheit!«

Nach ein paar Momenten der Euphorie knallten Schmidts Fäuste auf den Tisch. Der alte Mann stützte seine Ellenbogen auf die von Zetteln bedeckte Tischplatte, bettete seinen kahlen Kopf in seine Hände und flüsterte: »Sie wollen uns vernichten, Falko.« Schmidt klang nicht mehr fordernd, sondern verzweifelt. »Sie wollen unser Wissen gegen uns wenden. Sie wollen Deutschland wie Detroit ruinieren. Unser Fachwissen aufsaugen und uns dann zerschlagen. Werke schließen, tausende Arbeitsplätze zerstören. Unsere Fabrikanlagen werden zu Industrieruinen verfallen, ganze Wohnviertel in Greifhöhe zu Slums verkommen.« Schmidts Stimme wurde mit jedem Wort lauter. Er schaute Falko in die Augen und holte tief Luft für seine letzte Frage: »Willst du die Spielplätze deiner Kinder den Junkies überlassen?

---ENDE DER LESEPROBE---