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Von der Bühne ins Herz: Ein Tanz, der alles verändert: Ein großer Roman über die Liebe nicht nur zum Ballett. Für Anna erfüllt sich ein Traum, als sie in die Ballettkompanie von Victoria Ford aufgenommen wird, denn die ehemalige Primaballerina ist ihr großes Vorbild. Die Ausbildung ist hart, aber schnell zeigt sich, dass die mysteriöse und eiskalte Victoria große Stücke auf Anna hält. Sie übernimmt persönlich das Training der jungen Elevin, um sie in der nächsten Saison als Ballerina große Rollen tanzen zu lassen. Während Anna sich mit Eifersüchteleien innerhalb des Ensembles, einer versuchten Sabotage und der Angst vor größeren Verletzungen herumschlagen muss, wächst der Druck. Sie weiß, dass sie bei der Premiere alles geben muss, um den Kritikern und sich selbst zu beweisen, dass Victorias Vertrauen in sie nicht unangebracht ist. Vor allem, da Anna spürt, dass sie viel mehr von der schönen Victoria möchte als nur Anerkennung. Doch selbst nach einer rauschhaften gemeinsamen Nacht zeigt sich, dass ihr Pas de deux längst nicht das glückliche Ende bedeutet und die beiden so unterschiedlichen Frauen noch einen aufregenden Weg vor sich haben – und das nicht nur auf der Bühne …
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Seitenzahl: 644
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Inhaltsverzeichnis
Weitere Bücher von Lola Keeley
Die Premiere
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Im Rampenlicht
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog
Ebenfalls im Ylva Verlag erschienen
Über Lola Keeley
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Weitere Bücher von Lola Keeley
Eine Lady mit Leidenschaften
Skalpell, Tupfer, Liebe
Die Premiere
Prolog
Das Raunen im Publikum steigert sich zu einem Crescendo, als die letzte Glocke ertönt. Jeden Moment wird die Durchsage kommen, ein müde klingender Regieassistent wird darum bitten, Handys und alles, was in Zellophan eingewickelt ist, für die Dauer der Vorstellung in den Taschen stecken zu lassen. Das Orchester dröhnt im Orchestergraben, die Streicher fahren noch einmal virtuos die Tonleitern auf und ab, dann verklingen nach und nach auch die letzten Blasinstrumente und man hört nur noch das Rascheln der Notenblätter, als die Musiker die Seiten mit der Ouvertüre aufschlagen.
Anna holt tief Luft.
Sie zappelt ein wenig auf ihrem Sitz herum, hört, wie der Stoff ihres Kleides über den roten Plüsch des Bezugsstoffes reibt. Ihre Füße wippen unruhig in ihrem ersten Paar Schuhe mit höheren Absätzen, einem Geburtstagsgeschenk von ihrer Stiefschwester Jess. Die Tickets selbst waren ein Geschenk von Jess’ Mutter Marcia. Seit Anna bei den Gales eingezogen ist, hat sie nicht ein einziges Mal darum gebeten, ins Ballett gehen zu dürfen, denn Theaterabende sind etwas, das sie immer mit ihrer leiblichen Mutter in Verbindung gebracht hat.
Nicht einmal der Tod ihrer Mutter hat Annas Liebe zum Ballett geschmälert, und als Marcia vorschlug, eine Aufführung zu besuchen, schluckte Anna den bitteren Geschmack des Verlustes hinunter und nahm dankbar an. Wäre ihre Mutter noch am Leben, würde sie jetzt neben Anna sitzen und ihr interessante Fakten über die Biografien der Tänzer ins Ohr flüstern und die anderen Besucher nach potenziellen Störenfrieden absuchen, die nach der Hälfte des ersten Akts zu schnarchen beginnen könnten.
Stattdessen tätschelt Marcia Annas Hand und beobachtet sie auf diese ruhige, vorsichtige Art, die ihr eigen ist. Anna lächelt, denn manche Momente müssen nicht mehr so sein wie früher, um ihr trotzdem sehr zu gefallen.
Außerdem ist das heute Abend nicht die Aufführung irgendeiner kleinen Ballettschule, die zuckersüße Kinder auf die Bühne schickt. Das ist das Metropolitan Ballett, und deren beste Primaballerina seit zwei Generationen hat Saison für Saison begeisterte Kritiken bekommen, von denen Anna jedes Wort akribisch gesammelt, alle Artikel ausgeschnitten und in ihre Sammelalben eingeklebt hat. Sie erinnert sich noch genau daran, wie ihre Mutter das mit fast religiösem Eifer tat, wie sie mit ruhiger Hand Fotos und Zeitungsausschnitte auf den mit Folie überzogenen Seiten glättete. Als sie alle im Feuer verloren gingen, griff Anna die Tradition auf und begann von Neuem zu sammeln.
Heute Abend wird sie Victoria Ford, die Königin des Balletts, tanzen sehen, in der letzten Vorpremiere vor der größten Eröffnung in der Geschichte der Met. Dass sie überhaupt Karten bekommen haben, ist ein Wunder, und Anna versucht, das leise Ziehen der Schuldgefühle in ihr zu ignorieren, weil Marcia sich das hier wahrscheinlich gar nicht leisten kann.
Die Musik schwillt an, als sich der Vorhang hebt, und Anna klammert sich an die Armlehnen ihres Sitzes, als ob sie sonst davonschwimmen könnte. Es geht los. Sie blinzelt die Tränen aus den Augen und ist fest entschlossen, keine Sekunde zu verpassen, als das Corps de Ballet zu tanzen beginnt. Es ist magisch. Wohin sie auch schaut, überall geschieht etwas Wunderbares. Das sind nicht nur Tänzer. Es sind Annas Helden und sie können fliegen.
Das Staunen, das sie für das Ensemble empfindet, verblasst, als sich die Menge teilt wie Wasser, das vom Bug eines Schiffes durchschnitten wird. Sie geben den Weg frei, säumen die Bühne, damit ihre Königin passieren kann.
Jess umklammert ihren Unterarm und hält Anna an Ort und Stelle.
Mit einem Sprung, der wirkt, als würde sie für unzählige Sekunden in der Luft stehen, fliegt Victoria Ford auf die Bühne. Das Publikum gerät außer Rand und Band, genau wie Annas Herzschlag. Der Auftritt des wahrhaftigen Stars wirft jede Zurückhaltung und jeden Anstand für diesen Abend über Bord. Als Victoria die Bühne mit einer Reihe hoher und makelloser Drehsprünge überquert, den männlichen Hauptdarsteller in ihrem Schlepptau, steigert sich der Applaus zu einem Toben.
Anna ist wie viele andere von ihrem Sitz aufgesprungen, auch wenn sie das Murren hinter sich über ihre zu frühen Ovationen hören kann. Jess und Marcia schließen sich ihr an und applaudieren inbrünstig. Ihr Applaus verstärkt den prasselnden Beifall im Theater. Anna wendet ihren Blick nicht von Victorias Gesicht ab, dankbar, dass sie jede kleinste Emotion darauf erkennen kann.
Zuerst scheint Victoria stolz zu sein, vielleicht sogar ein wenig bescheiden angesichts der großen Bewunderung, die ihr zuteilwird. Dann zeigt sich ein Anflug von Irritation in ihren Zügen, sie zieht die Nase leicht kraus und rollt ein wenig die Augen. Sie blickt zum Dirigenten, der erst einmal unterbricht und dann das Orchester die letzten paar Takte wiederholen lässt.
Anna hat sich schon so oft Aufzeichnungen des Stücks angesehen, aber das ist nicht damit zu vergleichen, alles live und direkt vor ihren Augen ablaufen zu sehen. Sie kann fast die Hitze der Scheinwerfer spüren, die die Bühne erleuchten.
Dann bringt Victoria mit einer leichten Handbewegung das Publikum zum Schweigen. Das Klatschen verstummt und alle nehmen wieder Platz, als würden sie von eben diesen Händen auf ihre Sitzplätze zurückgedrückt. Ein Nicken, und das voll besetzte Theater versteht. Sie hat die Wertschätzung des Publikums zur Kenntnis genommen, aber dies ist jetzt Victoria Fords Show. Zeit, sich zurückzulehnen und sich verzaubern zu lassen.
Der Dirigent hebt den Taktstock, während Victoria ihre Füße in Position bringt. Als sie wieder in die Choreografie einsteigt, verharrt das Publikum in perfekter, verzückter Stille. Anna kann bis zum Ende des Akts nicht mehr sagen, ob sie atmet oder nicht, aber jeder Schritt und jede Drehung der Ballerina auf der Bühne brennt sich in ihr Gedächtnis ein.
»Die Kritiken werden der Wahnsinn sein«, prophezeit Anna in der Pause und greift nach dem Becher mit Eiscreme, den Marcia ihr hinhält. »Ich schwöre, wir haben gerade gesehen, wie Geschichte geschrieben wurde. Die Premiere morgen Abend wird ein Riesenerfolg.«
»Da bin ich mir sicher«, antwortet Jess ein wenig spöttisch. »Du bist also nicht für den Rest deines Lebens von Bänderzerrungen und gebrochenen Zehen abgeschreckt, Schwesterherz?«
»Machst du Witze?«, sagt Anna und holt tief Luft. »Wie könnte ich jemals etwas anderes wollen?«
Kapitel 1
Das Metropolitan Performing Arts Center mitten im Herzen von New York ist alles, was Anna sich jemals erträumt hat. Sie steht auf dem Bürgersteig vor dem Gebäude und versucht, die gewaltigen Dimensionen von Glas und Beton zu erfassen. Die Tasche mit ihren Tanzsachen über der Schulter und dem schönsten Dutt, den sie schlingen konnte, ist sie bereit für den wichtigen ersten Eindruck.
»Anfängerin?«, fragt jemand und klopft ihr auf die Schulter.
Ein kleiner Typ mit dunklen Augen und einem freundlichen Lächeln schaut sie erwartungsvoll an. Er hat seine eigene Tanztasche über der Schulter hängen, und seine Strickjacke sieht so abgetragen aus, so bequem, dass Anna sie sofort haben will.
»Du kommst zu spät«, sagt er.
»Ich habe noch etwa fünfzehn Minuten Zeit«, sagt Anna.
»Ja, aber du solltest dir wirklich einen Vorsprung beim Aufwärmen verschaffen. Das heißt, fünfzehn Minuten zu früh ist eigentlich zu spät. Ethan Vaughn, nebenbei bemerkt.«
»Freut mich, dich kennenzulernen. Ich bin Anna Gale«, erklärt sie, während er ihren Arm nimmt und sie um die Ecke des riesigen Gebäudes zu etwas führt, das verdächtig nach einer Feuerleiter aussieht. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich es in die Ballettkompanie schaffe. Richard hat mir gesagt, dass sie fast nie jemanden von den regionalen Probetrainings nehmen.«
»Ja, Victoria denkt, wenn man nicht schon im Voraus nach New York zieht, zeigt das einen Mangel an Engagement. Aber das ist das erste Jahr, in dem noch jemand anderes außer ihr ein Mitspracherecht hat, wer tanzt. Ich bin nur froh, dass ich noch dabei bin.«
»Ist es deine zweite Saison?«
»Eigentlich die dritte«, sagt Ethan zu ihr, während sie die Treppe hinaufsteigen, wo eine Notausgangstür von ein paar Ziegelsteinen aufgehalten wird. Sie sind ein paar Stockwerke über dem Erdboden und Anna weiß, dass ihr schwindlig wird, wenn sie nach unten schaut. »Ich hoffe wirklich, dass ich es diese Saison zum Solotänzer schaffe.«
»Ich wette, das wirst du«, sagt Anna mit Enthusiasmus.
Er lacht sie aus, ohne unfreundlich zu sein. »Du hast mich noch nicht einmal tanzen sehen.«
»Das brauche ich nicht«, versichert ihm Anna. »Ich habe ein gutes Gefühl dabei.«
»Na ja, Dienstagmorgen wird das schon ganz anders aussehen«, sagt er. »Die Damenumkleide ist da drüben.« Er deutet auf eine Tür auf der rechten Seite. »Wenn du in Studio C willst, das ist gleich um die Ecke – wenn du dann soweit bist.«
»Warum bist du so nett zu mir?«, fragt Anna und erinnert sich an die Warnungen ihrer Pflegemutter vor den Streichen eifersüchtiger Profitänzer, die eine Karriere mit einem Schlag sabotieren können.
»Ich weiß es nicht«, sagt er achselzuckend. »Ich schätze, weil zu mir niemand jemals nett war.«
~ ~ ~
Anna zieht sich im Rekordtempo um, in weniger als einer Minute trägt sie nur noch das Trikot und die Strumpfhose. Sie verpasst ihrer Frisur eine letzte Wolke Haarspray und stopft ihre Sachen in den erstbesten leeren Spind, den sie findet. Dann macht sie sich auf den Weg ins Studio. An der Tür bleibt sie für einen Moment stehen. Es ist genau wie in so vielen anderen Studios, in denen sie getanzt hat, der Geruch von Schmerzsalbe und Tigerbalsam vermischt sich mit dem nach abgestandenem Schweiß und wird nur teilweise überlagert vom morgendlichen Duft nach frischem Deo, Parfüm oder Eau de Cologne. Hoch oben in den Dachsparren liegt Staub, aber das Licht ist scharf und kompromisslos, die gläserne Decke macht den ramponierten Boden zur Bühne mit dem hellsten Scheinwerferlicht. Hier drinnen kann man sich nirgends verstecken.
An der verstellbaren Ballettstange in der Mitte des Raumes steht Delphine Wade, die Primaballerina der Company. Anna wusste, dass sich ihre Wege kreuzen würden, aber sie wusste nicht, dass sie gemeinsam Unterricht nehmen würden. Delphine beugt und streckt sich, um sich aufzuwärmen. Sie ist im wirklichen Leben gar nicht so groß, wie sie auf der Bühne wirkt. Wie Anna trägt sie Leotard und Strumpfhose. Um die Schultern hat sie einen Schal gelegt, um sich warm zu halten.
Ihr ist bewusst, dass die Zeit drängt. Anna findet einen Platz im hinteren Teil des Raums, als Ethan sich vorsichtig an ihr vorbeischiebt. Er macht eine Reihe von Dehnübungen, während Anna ihre Spitzenschuhe nimmt und die Bänder, die sie in weiser Voraussicht vorher auf die richtige Länge geschnitten hat. Sie setzt sich auf den Boden, um sie schnell zu binden. Obwohl sie diese gestern Abend schon mit einem Hammer bearbeitet hat, klopft sie die Schuhspitzen noch ein paar Mal auf den Boden, um sie in Form zu bringen.
Heute muss alles perfekt sein.
Es ist schwer zu übersehen, dass die Leute über sie reden. In der Umkleidekabine hätte sie sich vielleicht freundlich vorgestellt, aber die Atmosphäre in diesem Raum ist viel zu einschüchternd. Gabriel Bishop, der wohl aufregendste männliche Solotänzer, den Anna je tanzen gesehen hat, wärmt sich mit Delphine auf. Groß und breitschultrig wirft er Anna einen Blick zu und sie lächelt schwach. Als sie ihre Hand hebt und winkt, bekommt sie tatsächlich ein strahlendes Lächeln zurück.
Ethan kommt zu ihr.
»Ich stelle dich vor, wenn Victoria mit uns fertig ist«, sagt er. »Danach haben wir David, der ist viel weniger furchterregend.«
»David Jackson?« Anna kann immer noch nicht glauben, dass sie wirklich hier ist. Neben diesen Leuten tanzen wird, deren Namen auf all ihren Programmheften und den Zeitungsausschnitten stehen, die in der Kiste liegen, die sie unter ihrem Bett bei Marcia zurückgelassen hat – zurückgelassen als eine Sammlung aus Kindheitstagen.
»Versuch, sie nicht zu ehrfürchtig anzusehen«, murmelt er. »Das mögen sie nicht.«
»Guter Hinweis«, sagt Anna und dehnt ihre Arme, indem sie sie nach oben streckt, nach außen führt und wieder zurück. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und spürt, wie ihre Muskeln langsam erwachen. Sie macht einen Port de bras, um Hals und Nacken zu entspannen und ihren Kreislauf in Schwung zu bringen. Das lenkt sie davon ab, sich zu sehr auf die großen Namen zu fixieren. Victoria Ford ist nicht umsonst eine Legende und Anna muss versuchen, sich ganz auf ihre neuen Aufgaben zu konzentrieren. Das wird sie davon abhalten, unentwegt daran zu denken, dass sie mit der vielleicht größten Ballerina der Gegenwart arbeiten darf.
Da fliegt mit einem Knall die Tür auf. »Guten Morgen, mes danseurs«, grüßt Victoria in den Raum, schreitet nach vorne an die Stirnseite und bekommt sofort die gespannte Aufmerksamkeit jeder einzelnen Person, ohne auch nur die Stimme zu erheben.
Anna hält den Atem an. Sie hat Angst, dass der Moment, für den sie in den letzten Jahren fast jeden Morgen, jeden Abend und jedes Wochenende aufgegeben hat, irgendwie zerbrechen könnte.
»Willkommen in der neuen Spielzeit.«
Ein höflicher Applaus brandet auf. Anna schließt sich begeistert an, klatscht eine Sekunde zu lange und errötet über ihren eigenen Überschwang.
»Trotz gewisser Änderungen bei der Auswahl unserer Tänzer in diesem Jahr, glaube ich, dass dies unsere bisher schillerndste Saison sein wird. Ich stelle ein Programm zusammen, das fesselnd, brillant und vor allem heiß sein wird.«
Einige der etablierteren Tänzer jubeln. Anna traut sich nicht einzustimmen und schweigt.
Victoria spielt an ihrer Halskette, einem dunklen Metallband mit einem Knoten als Mittelpunkt. Es betont ihre Schlüsselbeine über dem flachen Ausschnitt ihres schulterfreien schwarzen Tops. »Aber vorerst ist es Dienstagmorgen und ihr seid mir alle ausgeliefert.«
Das Lachen klingt dieses Mal ein wenig nervöser. Anna ist spätestens jetzt davon überzeugt, dass diese Frau es ernst meint. Sie kreist mit ihrem Fuß. Der Knöchel ist noch immer ein wenig steif von den vergangenen zwei Reisetagen und wegen des wenigen Trainings, und sie lässt ihren Blick von Person zu Person schweifen, während sich alle aufrichten und offensichtlich auf Anweisungen warten.
»Teresa, bitte.«
Die dunkelhaarige Pianistin, die Anna bis zu diesem Moment nicht bemerkt hatte, spielt das Thema aus Der weiße Hai an.
Das hat einen allgemeinen Lachanfall zur Folge, und Victoria wirft der Pianistin einen nachsichtigen Blick zu. »Vielleicht etwas Angemesseneres?«
Die Musik wechselt zu etwas Klassischem. Anna ist zu hibbelig, um darauf zu achten, was genau gespielt wird.
»Fangen wir an«, sagt Victoria.
Anna folgt dem Rest der Klasse und dreht sich um, legt ihre linke Hand leicht auf die Ballettstange. Als Victoria an ihr vorbeischlendert, fürchtet sie, das Holz könnte splittern, so fest greift sie in Panik zu, aber die Stange ist immer noch heil und stabil, als Victoria ihren Rundgang durch das Studio beendet und die erste Übung ausruft.
»Pliés. Demi, Demi, Grand, Port de bras. Wiederholen Sie die Übung in der zweiten, vierten und fünften Position. Dann wieder rückwärts.«
Anna setzt den gebellten Befehl schnell um – es ist eine Standardübung. Sie führt ihre Fersen zusammen, die Zehen nach außen gedreht, und beugt ihre Knie erst in einem Demi-plié und dann in einem zweiten. Ihre Knie ächzen ein wenig, als sie in die Tiefe geht, aber es fühlt sich gut an. Sie spürt die verstohlenen Blicke der anderen Frauen, die die Konkurrenz ausspähen. Prüfende Blicke, die Anna jedes Mal gespürt hat, wenn sie in einer neuen Schule oder einem neuen Studio angefangen hat.
Sie hält den Hals gerade und die Augen auf einen Punkt an der Wand fixiert, macht jede Biegung so tief wie möglich. Sie muss einen guten ersten Eindruck abgeben.
Victoria schlendert durch den Raum und korrigiert leise jede Tänzerin und jeden Tänzer, an dem sie vorbeikommt, beginnend bei Delphine und Gabriel. Bei diesem Durchgang kommt sie nicht bis in die hintere Reihe, und Ethan und Anna erlauben sich einen gemeinsamen Seufzer der Erleichterung, als Victoria an die vordere Seite des Raumes zurückkehrt, ohne sie zu korrigieren.
»Teresa!«, ruft Victoria, und die Musik verändert sich.
Victoria sagt die nächste Sequenz an, und Anna geht jedes Detail an, als hinge ihr Leben davon ab. Sie war noch nie so dankbar, ein Gespür für Feinheiten zu haben. Dieses Mal kommt Victoria bei ihr vorbei, belässt es aber bei einem »achte auf die Streckung, wenn du die Knie beugst«. Der arme Ethan bekommt einen scharfen Tadel: »Nicht so träge.« Anna ist sich sicher, sie würde in Tränen ausbrechen, wenn ihr das passieren würde.
Die sich wiederholenden Sets sind ein fantastisches Aufwärmtraining, und alle schwitzen, als sie ein Set Rond de jambe par terre beenden. Die anfängliche Anspannung im Raum scheint sich zu legen und Victoria lässt tatsächlich ein kleines Lächeln über ihren Mund huschen, als sie sie alle in den Spiegeln an der Stirnwand beobachtet. Harte Arbeit gefällt ihr, so scheint es.
»Die Barren an die Seite bitte«, verkündet Victoria und klatscht zweimal in die Hände. »Dann möchte ich, dass ihr alle ins Milieu kommt. Allez.«
Vier der Tänzer schieben die Barren in einer geübten Bewegung aus der Mitte des Raumes. Anna fragt sich, wie diese kleinen Aufgaben verteilt werden, ob man von ihr erwartet, dass sie erahnt, bei was sie helfen muss und wovon sie sich verdammt noch mal fernhalten sollte. Durch ihre Hilfsbereitschaft macht sie normalerweise einen guten Eindruck. Hier hat sie nicht den geringsten Anhaltspunkt.
»Adagio«, sagt Victoria zu Teresa, die wieder ein neues Musikstück beginnt.
Anna beobachtet die Tänzerinnen und Tänzer um sich herum – sie bilden ein ziemliches Gedränge, während sie sich im Hintergrund hält. Sie hat Victoria im Blick, die ihnen prompt wieder den Rücken zudreht.
O Gott. Sie führt es selbst vor. Nach so vielen Jahren, in denen sie davon geträumt hat, dies noch einmal live zu sehen, sieht Anna Victoria Ford tanzen.
»Chassé auf eins, zur ersten Arabesque, Bein heben, halten.«
Nun, sie belässt es bei ziemlich minimalistischen Hinweisen auf jede einzelne Bewegung und es sieht bei Weitem nicht so flüssig aus wie in den Filmen, die Anna stundenlang in den Archiven des Westin Centers studiert hat. Sie hat diese Aufnahmen so extensiv betrachtet, wie andere Leute in ihrem Alter das Wochenende damit verbringen, unzählige Folgen von Friends am Stück hintereinander zu sehen.
»Penché auf fünf, sechs, hochkommen sieben, Pas de bourrée acht.«
Anna unterdrückt einen glücklichen Seufzer angesichts der Anmut von Victorias Bewegung.
»Pas de basque auf eins, Attitude zwei, Chassé, fouetté. Tombé, Pas de bourrée auf vier und viele, viele Drehungen.«
Oh, diesmal ist es eine richtige kleine Choreografie. Anna konzentriert sich so sehr, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hat.
»Lasst uns in der Vierten enden, Tendu, und dann zur Fünften.«
Es geht ein Raunen durch den Raum, Füße bewegen sich, ahmen die Bewegungen nach.
Victoria dreht sich zu ihnen um, die Arme jetzt wieder fest an ihrer Seite. »In Fünfergruppen. Los gehts!«
Delphine und Gabriel sind die Ersten, die nach vorne treten. Die anderen drei in ihrer Gruppe sind auch alle hervorragende Solisten. Sie beginnen die Übung mit viel Selbstvertrauen, tauschen Blicke aus, während sie die ersten Schritte machen.
Die Aufmerksamkeit im Saal wird jäh durch die schrillen Klingeltöne eines Handys zerstört. In einem Raum voller Balletttänzer könnte jeder ironisch den Tanz der Zuckerfee aus dem Nussknacker als Klingelton ausgewählt haben. Dem empörten Aufstöhnen und der Art und Weise, wie die Tänzer abbrechen, nach zu urteilen, weiß Anna, dass es nur eine Person gibt, die dafür verantwortlich ist.
Sie erstarrt.
»Höre ich richtig?« Victoria wirft die Frage mit all ihrer Missbilligung in den Raum. »Hatte einer von euch auf dem Weg hierher einen geistigen Aussetzer und plötzlich beschlossen, dass Handys in meinem Studio erlaubt sind?«
Alle fangen an, sich umzusehen. Immer weiter erklingt Tschaikowski aus einer Ecke. Anna kann nicht glauben, dass jemand sie an dem einen Morgen anrufen würde, an dem sie zu abgelenkt war, um das verdammte Ding auf lautlos zu stellen. Als die Melodie zum zweiten Mal einsetzt, bleibt ihr nichts anderes übrig, als nach ihrer Tasche zu greifen und »Entschuldigung« zu murmeln, als ob das Wort sie irgendwie unsichtbar machen würde.
»Tut mir leid«, platzt sie heraus, als sie das verdammte Ding endlich auf »Aus« stellt. Die Stille knistert, und Anna weiß, dass das, was jetzt kommt, nicht schön sein wird. Sie dreht sich um, um sich ihrem Schicksal zu stellen, bereit, sich bei Victoria Ford zu entschuldigen, und all ihre schlimmsten Befürchtungen werden Sekunden später wahr.
»Der Sozialfall«, schnappt Victoria. »Natürlich. Eine weitere Millennial, die denkt, die jahrhundertelange Geschichte des Balletts schulde ihr eine Karriere, nur weil sie das selbst so will. Das kommt davon, wenn die Leute dein erstes Tutu bewundern und dir sagen, dass du etwas Besonderes bist, Anya.«
Anna öffnet den Mund, um wegen des falschen Namens zu protestieren, verletzt, dass ihre Heldin lediglich weiß, wie sie in die Company gekommen ist, aber nicht einmal ihren Namen kennt. Sie spürt Ethans Mitleid, und ist fast erbärmlich dankbar dafür, dass noch niemand sonst weiß, dass sie beleidigt wurde.
»Aber das bist du nicht«, beendet Victoria ihre Tirade so genussvoll, dass Anna das Gefühl hat, geschlagen worden zu sein.
Es hätte sicher weniger weh getan, wenn Victoria ihr tatsächlich ins Gesicht geschlagen hätte. Sie spürt, wie ihre Chance, überhaupt noch Boden gut zu machen, von Sekunde zu Sekunde schwindet. »Ms Ford –«
»Die Mitglieder der Company nennen mich Victoria.« Sie richtet sich noch weiter auf, was Anna nicht für möglich gehalten hätte. »Aber Sie sind kein Mitglied mehr. Sagen Sie Rick, dass dies das letzte Mal war, dass ich ihm einen Gefallen getan habe.«
Ein erschrockenes Keuchen ist im Raum zu hören, aber auch unfreundliches Kichern.
»Es tut mir so leid«, schafft Anna gerade noch zu sagen, schnappt sich ihre Tasche und steckt ihr Telefon hinein. Die Blicke, die aus allen Ecken des Raums auf sie gerichtet sind, fühlen sich an wie Laser, aber sie sind leichter zu ertragen als der Ekel in Victorias Gesicht.
»Warte!«, ruft Victoria, gerade als Anna die Tür erreicht.
Toll, eine weitere Demütigung. Das letzte Mal, als Anna sich so erniedrigt gefühlt hatte, war in einem Traum, in dem sie in der Highschool nackt in der Cafeteria saß. Das hier fühlt sich tausendmal schlimmer an.
»Da deine Rücksichtslosigkeit die Übungsfolge aus dem Gedächtnis aller anderen gelöscht hat, solltest du es wenigstens versuchen wiedergutzumachen. Zeig uns, was wir jetzt tun würden, wenn deine egoistische Unterbrechung nicht gewesen wäre.«
Das zynische Lächeln in Victorias Gesicht ist grausam, und es ist klar, dass sie Anna verachtet. Dies ist als letzte Peinlichkeit gedacht, um sicherzustellen, dass die einzige Erinnerung, die jemand an Anna Gale behalten könnte, die ihrer Dummheit ist. Wie in jedem Sportunterricht, in dem das Pflegekind Anna ausgelacht wurde, wie auf jeder Party, die sie besuchte, nur um festzustellen, dass die Einladung ein Streich war, um sie lächerlich zu machen.
»Sie wollen, dass ich –«
»Teresa!«, ruft Victoria mit einem kräftigen Klatschen in die Hände. »Adagio, bitte.« Die Musik setzt ein. »Und?«
Anna lässt ihre Tasche langsam auf den Boden sinken. Wenn die Aufmerksamkeit vorher gespannt war, ist sie jetzt glühend, aber sie atmet tief ein und nimmt den Rhythmus der Musik auf. Es bleibt keine Zeit, sich mit irgendetwas anderem als der vorgegebenen Übung zu beschäftigen, und nicht zum ersten Mal ist Anna in einer Position, in der sie weiß, dass sie für ihre Karriere tanzt. Nur, dass es sich hier und heute so anfühlt, als würde sie um ihr Leben tanzen.
Also startet sie Chassé in die Arabesque und die Musik hebt und trägt sie, während sie die Reihenfolge der Bewegungen in ihrem Kopf wiederholt. Anna hat sich noch nie vor einem Publikum wohlgefühlt, sie kann nur für andere Menschen tanzen, wenn sie ihre Anwesenheit mit schierer Willenskraft ausblendet. Die Schritte sind vielleicht nicht ihre eigene Schöpfung, aber sie gehören ihr von der ersten Sekunde an, in der sie sich bewegt.
Ihre Zehen heben sie an und ihre Fersen bringen sie wieder nach unten. Die Hüften neigen sich, die Schultern drehen sich, und ohne große Anstrengung lässt sie einen Schritt in den nächsten fließen, als hätte sie zehn geheime Proben in ihren Träumen gehabt. Die Musik begleitet sie, schwermütig wiegend, und Anna lässt die Erinnerung über sich ergehen. Sie tanzt zum ersten Mal für ihre verstorbenen Eltern, sieht ihr Lächeln und wie sie mit offenen Armen an der Seite des Raumes stehen und sie anfeuern.
Die Musik endet, als sie auf fünf fertig ist, perfekt synchron. Es ist gerade rechtzeitig genug, um den Rest der Erinnerung zu stoppen, die Erinnerungsfetzen, das Flackern der Flammen, die immer noch die Ränder ihrer Träume verfolgen, wenn sie sich nicht genug anstrengt. Im Raum ist es ganz still, alle halten den Atem an.
»Nun«, Victoria winkt mit der Hand lässig in Annas Richtung. »Wenigstens das hast du dir gemerkt.«
»Heißt das –«
»Du darfst bleiben.« Victoria klatscht in die Hände.
Der ganze Raum scheint aufzuatmen.
Teresa spielt eine flotte Imitation von Annas Klingelton und aus allen Ecken bricht befreites Gelächter hervor.
Anna traut sich nicht mitzulachen, aber sie ist erleichtert, dass Victoria nur die Augen rollt. »Wenn du Stand-up-Comedy machen willst, Teresa, es gibt einen Klub auf der anderen Straßenseite. Erste Gruppe. Los gehts!«
Anna sinkt dankbar zurück in die Menge, und als sie die Sequenz als Teil einer Gruppe, zu der auch Ethan gehört, wiederholt, versucht sie so zu tun, als würde sie nicht bemerken, wie sie alle einen größeren Bogen um sie machen als nötig.
Der Rest der neunzig Minuten vergeht schnell. Als sich die Klasse zu zerstreuen beginnt, spürt Anna eine Berührung auf ihrer Schulter.
»Anya«, sagt Victoria, als Anna sich umdreht, die Tasche bereits auf der Schulter. »Komm heute Nachmittag zu mir. Frag Kelly nach einer Uhrzeit.«
Die anderen gehen schnell weiter, als sie das mitbekommen.
Kapitel 2
Gott.
Ein verdammtes Königreich für eine Handvoll Ibuprofen und zwei Finger breit Scotch zum Runterspülen. Wahlweise würde sie auch eine Tür zu ihrem Büro nehmen, die sich tatsächlich abschließen lässt, bevor die Besucher wie üblich nach dem Unterricht hereinströmen, um zu meckern und zu tratschen und zu jammern. Ihre Untergebenen sind engagiert und brillant, sonst hätte sie sie nicht eingestellt, aber manchmal bedeutet genug Personal zu haben, um ein Unternehmen dieser Größe zu führen, dass man von weit mehr Leuten umgeben ist, als Victoria lieb wäre.
Sie bemerken nicht einmal, dass Victoria im Rausch der Inspiration lebt. Reines, unverdünntes Genie fließt durch ihre Adern, und nicht einer dieser Kriecher kann es sehen.
»Die Neue wird ihre erste Ballettstunde nicht vergessen«, kräht Teresa, als sie eintritt.
»Ernsthaft«, mischt sich Derek, ihr Leiter der Personalabteilung, ein. »Wer hat heutzutage sein Handy auf etwas anderem als auf Vibration stehen? Und so, wie sie aussieht, könnte sie ein paar gute Vibrationen gebrauchen.«
»Sie kann aber tanzen.« Kelly sitzt wieder an ihrem Schreibtisch, wie immer die kompetente Assistentin. »Kann sie doch, oder, Victoria?«
»Was?« Victoria wirkt, als hätte sie nicht so genau zugehört. Eine gewisse unnahbare Brillanz wird immer von ihr erwartet, und als ihre Idee Gestalt annimmt, weiß sie, dass sie maximale Theatralik brauchen wird, um allgemeine Begeisterung zu wecken. »Oh, das neue Mädchen. Anya.«
»Solche Ausdrucksfähigkeit habe ich nicht mehr gesehen, seit … nun, seit dir.«
Kelly wird jeden Tag, den sie in die Rolle der persönlichen Sekretärin und Wächterin hineinwächst, mutiger. Die ersten Monate waren hart für sie. Alle anderen im Gebäude behandelten jeden, der größer als XS trug, als Kuriosität, als etwas, das angestarrt und über das getuschelt wurde. Kelly hat das alles prächtig weggesteckt, und wenn die jüngeren Mädchen in der Firma aus der Reihe tanzen, isst sie vor ihren Augen so lange Cupcakes, bis diese vor Angst oder Ekel davonlaufen.
»Kannst du mir einen Termin mit unserem geschätzten Wohltäter arrangieren?«, fragt Victoria, ihr Tonfall so leicht und luftig wie ein Frühlingsmorgen.
»Du willsttatsächlich zu Rick Westin?« Derek klingt nach etwas zwischen fassungslos und entsetzt. So oder so wird sich das in der ganzen Company herumsprechen, bevor die Stunde vorbei ist.
»Mhm«, bestätigt Victoria, ganz der Inbegriff von Lässigkeit. »Weißt du, ich ändere unser Programm. Giselle? Diese alte Leier wurde schon zu Tode getanzt. Wenn auch nur einer von euch jetzt stattdessen Schwanensee vorschlägt, ist er auf der Stelle gefeuert. Ich habe mir keinen Namen durch das Wiederkäuen von Klischees gemacht, und meine Company wird das auch nicht tun. Das Mädchen da drinnen ist ein Störfaktor, und so, wie sie aussieht, ist sie eine Art maisgefütterte Hinterwäldlerin, die denkt, dass Kultiviertheit eine Lidschattenfarbe ist, die man in der Parfümerie kaufen kann. Aber zum Glück … hat sie gerade mich getroffen.«
Die Seitenblicke und das Gemurmel kommen wie gerufen.
»Das ist mein neuer Star. Oder ich werde sie zumindest zu einem machen.«
»Aber was ist mit –«
»Derek, hat eine Frage, die mit Aber beginnt, jemals zu einem guten Ende geführt?«
Er schüttelt den Kopf, angemessen ausgebremst.
»Sag mir Bescheid, wenn Delphine und Gabriel mit Davids Kurs fertig sind. Sie sollen mich im Speisesaal der Geschäftsleitung für ein frühes Mittagessen treffen.«
»Was soll ich ihnen sagen?«, fragt Kelly. Das Stirnrunzeln in ihrem Gesicht deutet darauf hin, dass sie in Gedanken bereits mit jemandem in Ricks Büro über Victorias Bitte nach einem Treffen spricht.
»Sag ihnen, dass wir nochmals über Giselle nachdenken.«
~ ~ ~
Gabriel hält Delphine zuvorkommend die Tür auf, als sie den Speisesaal betreten. Victoria erlaubt sich ein kurzes Lächeln, denn die beiden sind ein umwerfendes Paar, auf Pressefotos und auch sonst. Sie haben eine sehr solide, wenn nicht sogar spektakuläre letzte Spielzeit hinter sich.
»Ich werde euch nicht damit auf die Nerven gehen, dass ich euch etwas zu essen anbiete«, beginnt Victoria und spielt damit gleich die Ich-bin-eine-von-euch-Karte aus. »Aber es gibt keinen Grund, warum wir nicht einen Drink zusammen nehmen sollten.«
Delphine schaut sie aufmerksam an und stupst Gabriel leicht mit ihrem Ellbogen an. Offensichtlich hat sie den Anlass für das Treffen gleich durchschaut, während ihr Tanzpartner noch ganz ahnungslos wirkt. Es ist ein uraltes Problem, aber der Mangel an entsprechend talentierten männlichen Tänzern macht die Konkurrenz nicht annähernd so stark. Frauen hingegen, die ein Leben lang darauf getrimmt wurden, Ballerinen als die höchste Form weiblicher Anmut zu sehen, wittern in jedem Paar neuer Spitzenschuhe im Tanzstudio eine Bedrohung.
»Wodka Tonic«, ruft Delphine kurz dem Kellner zu, Gabriel entscheidet sich für Mineralwasser.
»Ich weiß, dass wir vor der Spielpause noch anders geplant haben«, beginnt Victoria. »Aber Giselle fliegt raus.«
»Von mir aus gerne«, erwidert Delphine, selbstbewusst wie immer. »Obwohl ich glaube, wir hätten es geschafft.«
»Das hättest du«, sagt Victoria, obwohl die Vorstellung jetzt so überholt ist, so gestrig, dass sie den Gedanken daran kaum ertragen kann. »Für die kommende Saison gehe ich in eine andere Richtung. Du wirst natürlich immer noch La Bayadère haben.«
»Warte …« Gabriel bemerkt gleich, dass Gefahr in der Luft liegt. »Das steht erst im Herbst an.«
»Stimmt«, sagt Victoria, »im Frühjahrsprogramm will ich etwas Neues machen. Dafür brauche ich dich, Gabriel. Delphine, du bist immer noch unsere Primaballerina, aber ich brauche den Frühling für jemand anderen.«
»Du holst Irina vom Corps zurück als Solistin?« Delphine umklammert die Tischkante.
Victoria möchte am liebsten lachen, als sie das hört. Sie alle wissen, dass dies Irinas letzte Saison ist, solange sie weiter ihre Rezepte ausgestellt bekommt. Physiotherapie, Schmerzmittel und schiere Entschlossenheit ermöglichen Irina diesen letzten Moment. Victoria wird nicht diejenige sein, die ihn ihr nimmt.
»Nein.« Victoria wartet darauf, dass die Getränke serviert werden. Sie rührt langsam ihren Martini mit den Oliven auf dem Zahnstocher um. Vor ihrem geistigen Auge sieht sie bereits die Choreografie mit unerwarteter Lebendigkeit, und wenn sie zu lange in diesem Zustand der Inspiration bleibt, wird es bald schmerzhaft werden. Ein wenig Abstumpfung durch Alkohol – auch wenn sie sonst nicht schon so früh trinkt –, und sie kann sich wieder auf all das konzentrieren, was sie vorhat, bevor der Tag zu Ende geht. »Ich habe jemand anderen im Sinn. Jemand neues.«
»Die einzige Neue ist diese Idiotin mit dem Telefon«, stellt Delphine fest und verschränkt die Arme vor der Brust. »Du kannst doch unmöglich … Victoria?«
»Ich werde ein älteres, unbekanntes Stück nehmen und ihm meinen eigenen Dreh geben. Ich weiß, dass ich in den letzten Spielzeiten nicht viel Originelles gemacht habe, aber sagen wir einfach, ich habe etwas in petto und sie wird perfekt passen.«
»Und ich passe nicht?« Delphine greift nach ihrem Glas.
Für einen kurzen Moment denkt Victoria, dass sie vielleicht den Mumm hat, es nach ihr zu werfen. Es ist genau das, was sie getan hätte, wenn jemand versucht hätte, sie als Primadonna zu verdrängen. »Ich erkenne die Richtige, wenn ich sie sehe.« Victoria bedeutet den beiden, dass sie gehen dürfen, während sie den Rest ihres Martinis trinkt und langsam aufsteht. »Ihr werdet das schon hinkriegen und wir werden ein triumphales Jahr zusammen haben. Nicht wahr?«
»Ja, Victoria«, murmeln die beiden mit gesenktem Blick.
Victoria hat keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, ob sie ihre Entscheidung wirklich akzeptiert haben. Es gibt noch so viel mehr zu tun.
~ ~ ~
Die Aussicht auf das Gespräch mit Rick ist so unangenehm, dass Victoria eine Xanax mit einem Schluck Grey Goose aus dem zierlichen silbernen Flakon in ihrer übergroßen Handtasche hinunterspült.
Nicht einmal der gottverdammte New Yorker Verkehr ist so dicht wie sonst. Und so steht sie viel zu schnell vor Ricks erbärmlichen kleinen Klub. Victoria lässt die Sonnenbrille auf, als der Maître am Empfang vergeblich ihren Namen auf der Liste sucht. Sie weiß, dass Rick ihn absichtlich nicht eingetragen haben wird. Wenigstens hat Kellys Telefonat sie angekündigt.
»Herr Westin empfängt Sie in seinem Privatbereich«, verkündet eine kecke junge Hostess.
Victoria streicht ihren schwarzen Blazer glatt und verkneift sich die Versuchung, ihr die Haare zu zerzausen, als sie hinter dem Mädchen durch den Klub geht. Der Schwung ihres Pferdeschwanzes und ihr natürlich frischer Teint haben etwas an sich, das Victoria an Anna denken lässt, und sie weiß, dass sie diesen Deal über die Bühne bringen muss, um ihren Willen zu bekommen.
»Victoria!« Rick begrüßt sie mit dem üblichen Lächeln und erhebt sich von der ledernen Couch, auf der er gelegen hat. »Ein Balsam für meine wunden Augen.«
»Darling.« Victoria lässt ihre Stimme ein wenig wärmer klingen. »Du kommst nie bei uns vorbei.«
»Du hast die Dinge gut im Griff. Und ich habe meinen Teil dazu beigetragen, indem ich dir neues Blut besorgt habe. Wie macht sie sich?«
»Schläfst du mit ihr?«, fragt Victoria trotz ihrer besten Absichten. »Ich kann mir gut vorstellen, sie einzusetzen, aber wenn es sich nur um eine Affäre handelt, werde ich das Gleichgewicht meiner Company nicht in Gefahr bringen.«
»Unserer Company«, sagt Rick, genau wie erwartet. Sie kann hören, wie er mit den Zähnen knirscht. »Immerhin bin ich derjenige, der dafür bezahlt.«
»Und sie würde dir keinen einzigen verdammten Cent einbringen, wenn ich nicht diejenige wäre, die für das hohe Niveau sorgt.« Victoria setzt sich und lässt ihn stehen. »Ich habe Pläne für dein Mädchen. Solange sie nicht nur da ist, dass du sie einmal benutzt und dann wegwirfst.«
»Sie ist eine talentierte Ballerina, Victoria. Kein Papiertaschentuch.«
»Wann hat dich das jemals zuvor aufgehalten?«
Rick zuckt mit den Schultern und gibt ihr recht. »Ich hörte, du bist mit Giselle fertig. Diese Launen von dir, Victoria. Sie kosten Geld.«
»Ein Glück, dass du so viel davon hast«, schießt Victoria sofort zurück. »Ich dachte, du wolltest das Ballett vor sich selbst retten. Es wieder so aufregend machen wie damals, als wir zusammen getanzt haben.«
Rick droht ihr mit dem Finger auf eine Art, die er zweifellos charmant findet. »Mit Schmeicheleien kommt man am weitesten, das weißt du.«
»Ich habe nie bestritten, dass wir zusammen toll waren, Rick.« Victoria nimmt ihren Drink entgegen, den er vermutlich vor ihrer Ankunft bestellt hatte, und das Mädchen huscht hinaus. Sie weiß offensichtlich, dass es ein schlechtes Zeichen ist, wenn Rick mit einer Frau über dreißig sprechen muss. »Aber ich erkenne Talent. Ich weiß, wie man das Beste aus Tänzerinnen und Tänzern herausholt.«
»Niemand kann das besser als du, deshalb bist du meine künstlerische Leiterin. Aber wenn du es vermasselst, bist du raus. Du weißt, dass ich dich nicht ewig mitschleppen kann.«
»Mich mitschleppen?« Victoria lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Sie hat das Geflüster natürlich schon gehört. Aber niemals – niemals – von Rick selbst. »Ich dachte, ich wäre das Kronjuwel in deinem glanzvollen Sortiment?«
»Als ich dich einstellte, ja«, sagt Rick. »Aber das ist jetzt vier Jahre her und du hast noch nichts wirklich gerissen. Woher weiß ich, dass in dir eine wirklich originelle Victoria-Ford-Produktion steckt? Wenn du es schon nicht mit Delphine schaffst, einer der technisch begabtesten –«
»Technik allein zählt einen Scheißdreck, und das weißt du.« Victoria kippt den Rest ihres Drinks hinunter und steht auf. »Aber wenn du willst, dass ich darauf setzte, dann betrachte das Haus als verspielt.«
»Vorsichtig, Victoria. Ich könnte sonst denken, dass dich das alles nicht mehr interessiert.«
»Mir war die Company immer wichtig«, korrigiert sie ihn und wendet sich zur Tür. »Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob das auch für dich gilt.«
»Oh, ich stecke viel rein.« Rick geht durch den Raum, um ihr die Tür zu öffnen.
Victoria schaut ihn einen Sekundenbruchteil zu lange an und zwölf Jahre verflüchtigen sich zu nichts. Sie sind wieder im Studio, er trägt diesen lächerlichen Ziegenbart und sie ist sechs Wochen vom Ende ihrer Karriere entfernt.
»Kelly soll mir die Details schicken, wenn das Programm steht«, fährt er fort. »Ich will eine Vorabversion, bevor ich das abzeichne. Nimm dir Zeit.«
»Es ist nur noch eine Woche bis zur Drucklegung«, sagt Victoria, bevor sie die Schultern senkt und sich in ihr Schicksal fügt. »Harte Arbeit macht mir keine Angst, das weißt du.«
»Dann arbeite sehr hart«, sagt Rick, und die Drohung ist klar. »Auf Wiedersehen, Victoria. Wir wollen doch nicht, dass dies der Anfang vom Ende für dich wird, hm?«
Dass sie es aus dem Zimmer schafft, ohne ihm die Meinung gesagt zu haben, ist einer der größeren Siege für Victorias begrenzte Selbstbeherrschung. Im Flur stößt sie eine Vase mit hässlichen Blumen vom Tisch, um sich abzureagieren. Aber der lächerlich dicke Teppich bremst den Aufprall und verwehrt ihr die Genugtuung eines Scherbenhaufens.
Zurück im Auto ruft sie Kelly an. Während sie den Verkehr in der Innenstadt durch die getönten Scheiben beobachtet, reibt Victoria geistesabwesend über ihr Knie. Heute Morgen war es wieder steif, und die hohen Absätze, die sie getragen hat, um Rick einzuschüchtern, haben nicht funktioniert, werden sie aber mindestens eine zusätzliche Physio-Sitzung kosten. Durch den Stoff ihrer Hose fährt sie mit einer Fingerspitze über das Tal ihrer Narbe und versichert sich mit einem flüchtigen Seitenblick, dass der neue Fahrer sie nicht im Rückspiegel beobachtet.
»Ich habe Anna um drei Uhr reingequetscht«, begrüßt Kelly sie am Telefon, ohne sich um Small Talkzu kümmern. »Das gibt dir Zeit, noch einen Zwischenstopp einzulegen, bevor du zurückkommst.«
Einen Zwischenstopp, um ihr Rezept abzuholen, fällt Victoria ein. Kelly hat ihr diese Gänge schon so lange abgenommen, dass der Arzt die Frechheit besaß, Victoria aufzufordern, persönlich zu erscheinen, bevor er ihr ein neues Rezept ausstellt. Durch das Chaos des heutigen Tages hatte sie den Termin bereits wieder aus ihrem Gedächtnis verdrängt, dabei hatte sie den Großteil der letzten Nacht damit verbracht, sich gute Gründe für eine Absage auszudenken. Als würde es ihre Gedanken lesen können, spannt sich das Kreuzband in ihrem Knie so sehr an, dass sie die Zähne zusammenbeißen muss. Sie beendet ihr Telefonat, ohne sich zu verabschieden. Kelly ist das inzwischen mehr als gewohnt.
»Park und 73ste«, weist Victoria den Fahrer an, der die kurzen Befehle bereits kennt.
Er nickt.
Victoria lehnt sich zurück gegen das Leder des Sitzes und schließt die Augen. Sobald sie das tut, beginnen sich die ersten Schritte zu materialisieren, das Scharren der Chromledersohlen auf dem Holzboden bildet die Takte, die nur sie hören kann.
Dieses Mädchen sollte besser pünktlich um drei auftauchen und sie überzeugen. Victoria hat gerade ihre Zukunft auf eine einfache Übungschoreografie und den unbändigen Wunsch zu gefallen verwettet. Aber da ist etwas an dieser Anna, das Victoria seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gespürt hat. Sie ist unbescheiden genug, um zu wissen, wie außergewöhnlich sie selbst war, dass seitdem niemand auch nur annähernd eine Karriere wie sie hatte.
Aber die Art, wie sich dieses Mädchen bewegt, hat etwas, das Victorias eigenen Körper wieder zum Vibrieren bringt, wie eine schwache Spannung, die direkt unter ihrer Haut fließt. Vielleicht wird es nie eine zweite Victoria Ford geben, und das will sie auch nicht. Es würde ihr schon reichen, die Nächstbeste zu entdecken.
Kapitel 3
Punkt drei Uhr klopft Anna an die Tür von Victorias Büro.
Die rothaarige Frau, die sie vorhin aufgesucht hat, sitzt an einem mit Papierstapeln bedeckten Schreibtisch, ihr Kopf ist über den Miniaturbergen kaum zu sehen.
»Ich bin Anna.«
»Natürlich bist du das«, antwortet die Frau. »Habe ich mich dir eigentlich vorhin vorgestellt? Nun, ich heiße Kelly.«
»Verstanden«, antwortet Anna mit ihrem ersten Grinsen seit Stunden und rückt sich ihre Sporttasche auf der Schulter zurecht. »Wissen Sie, ob Ms Ford –«
»Victoria«, korrigiert Kelly und schürzt die Lippen.
»Richtig. Victoria.« Anna verkneift sich einen Seufzer. Sie wird heute nichts richtig machen können. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, einen Bus zurück nach Dubuque, Iowa, zu erwischen. »Wissen Sie, ob ich nur kommen sollte, um mich wegen vorhin beschimpfen zu lassen? Denn ich mache mir wirklich Sorgen, dass ich in Tränen ausbrechen könnte, wenn sie das tut, und das ist nicht der Eindruck, den ich erwecken möchte.«
»Oh, im Ballett wird nicht geweint«, tadelt Kelly sie, aber ihr Lächeln ist immer noch freundlich. »Ich würde dir ja einen dieser Donuts anbieten, um dich aufzuheitern, aber –«
»Ich esse Donuts!«, unterbricht Anna, denn es ist die erste Nahrung, die sie den ganzen Tag über zu sehen bekommen hat. Die anderen, die sich die Zeit genommen haben, zwischen den Stunden etwas zu essen, hatten eine Art von Smoothie oder eine Handvoll Nüsse dabei. »Aber vielleicht nicht direkt vor unserem Gespräch«, sagt sie, da sie spürt, dass das eine schreckliche Idee ist.
In dieser Sekunde geht auch schon die Tür auf.
Der Ruf folgt einen Moment später. »An-ya!«
Anna zuckt zusammen und Kelly wirft ihr einen letzten mitfühlenden Blick zu.
»Wo –«
»Ich bin da!«, sagt Anna, schlüpft schnell in das Büro und schlägt die Tür hinter sich zu. »Außerdem – das ist jetzt keine große Sache oder so – aber eigentlich heiße ich, äh, Anna.«
Victoria wirft ihr einen unheilvollen Blick zu, während sie hinter dem Schreibtisch auf und ab geht. »Wie überaus provinziell. Glaubst du nicht, dass in dieser Welt ein netter russischer Twist besser wäre? Das klingt auf jeden Fall besser als diese Ansammlung grässlicher Vokale aus dem mittleren Westen, mit denen du mich gerade überfallen hast.«
»Das ist mein Name«, protestiert Anna.
»Wie fandest du die Session am späten Vormittag?« Victoria wechselt abrupt das Thema. Sie setzt sich in ihren übergroßen Ledersessel und legt einen Fuß auf den Schreibtisch, während Anna nach einer Antwort sucht. »Hast du es geschafft, dein Telefon während der gesamten Stunde ausgeschaltet zu lassen? Oder muss ich damit rechnen, dass David Jackson dich verflucht?«
Anna klopft auf das Telefon in der Tasche ihres warmen Kapuzenpullis, nachdem sie auf dem Weg zur Session bestimmt sechsmal überprüft hat, ob es noch stummgeschaltet und zudem ausgeschaltet ist.
»Er war gut. Eigentlich großartig. Wir haben einige sehr interessante Übungen probiert.«
»Hat es dir dort besser gefallen als in meiner Klasse?«
»Was?« Anna ist von der Unverblümtheit dieser Frage überrumpelt. »Natürlich nicht! Sie sind … Der einzige Grund, warum ich mich bei der Company beworben habe, war der Hauch einer Chance, mit Ihnen zu arbeiten.«
Der Anflug eines Lächelns als Reaktion. Endlich hat Anna etwas richtig gemacht.
Victoria gibt ihr mit einer Geste zu verstehen, dass sie sich auf den Besucherstuhl vor ihrem Schreibtisch setzen soll, und Anna streckt dankbar ihre müden Beine aus.
»Wie alt bist du? Älter als die meisten meiner Neulinge, würde ich wetten.«
»Einundzwanzig. Aber ich war nicht verletzt oder so, ich habe nur spät angefangen.«
»Oh, ich habe kaum Zweifel an deinen Fähigkeiten«, sagt Victoria, diesmal ist ihr Lächeln deutlich, kurz und strahlend.
Aber da ist immer noch etwas Strenges in ihrem Blick, das Anna nervös macht. Zwölf Jahre sind vergangen, seit sie Victoria tanzen sah, und es ist schwierig, diese ernste Frau mit der strahlenden Ballerina auf der Bühne in Einklang zu bringen. Hier trägt Victoria kaum eine Spur von Make-up, und statt der weißen Seide und des Satins ist sie in hautenge schwarze Kleidung gehüllt, die sie umgibt wie Bandagen, nur die Schultern sind entblößt.
»Ich kann es noch besser.«
»Das hoffe ich sehr«, stimmt Victoria zu und wühlt in einigen Hochglanzfotos, die sich auf ihrem Schreibtisch stapeln. »Das Programm für die kommende Spielzeit geht nächste Woche in Druck.« Sie hält Anna kurz ein Foto von Gabriel Bishop hin. »Ich habe also noch ein paar Tage Zeit, um letzte Änderungen vorzunehmen.«
»Natürlich.« Annas Herz wird schwer. Das ist ein sehr ausführlich begründeter Rauswurf. Einen, den Victoria richtig auskosten kann, nachdem sie Anna eine kurze Gnadenfrist gewährt hat. »Und mein Name wird nicht im Corps de Ballet aufgeführt, ist es das?«
»Hm«, Victoria betrachtet die Fotos einen Moment lang, bevor sie in die Ecke ihres Büros schaut.
Anna folgt ihrem Blick und sieht einen schwarz glänzenden Gehstock, der an der Garderobe lehnt.
»Oh, nein. Nicht im Corps, Liebling. Es hat einfach nicht sollen sein.«
»Na dann«, sagt Anna mit zusammengebissenen Zähnen und beginnt, sich von ihrem Stuhl zu erheben. »Nun, ich will nicht noch mehr von Ihrer Zeit verschwenden.«
»Solisten sind dort natürlich nicht aufgeführt.«
Anna setzt sich. Schwer.
»Sie bekommen ihre eigene Aufstellung.«
»Wer sind die Solisten?«, flüstert sie. Das ist jetzt Teenie-Film-Niveau. Das kann nicht wahr sein!
»Du – oder zumindest könntest du es sein. Dein lieber Wohltäter Rick wird das natürlich absegnen wollen. Aber es ist meine Entscheidung.«
»Mr Westin war beim Vortanzen sehr nett zu mir. Ich habe Sie mit ihm tanzen sehen, wissen Sie? Der Pas de deux –«
»Oh.« Victoria seufzt. »Noch ein Fangirl. Wie überaus originell.«
Bei Schmeicheleien ist eindeutig der Ansatz »weniger ist mehr« der richtige.
»Wenn du mir erzählen willst, wie ich dein Leben verändert habe, muss ich ein bisschen mehr Zeit einplanen, um mich zu übergeben.«
Anna hält ihren Mund fest geschlossen. Sie ist innerhalb weniger Minuten von der Befürchtung, dass sie rausgeworfen wird, bei einem Angebot angekommen, von dem sie kaum zu träumen wagt. Es ist noch nicht einmal ganz klar, was Victoria anbietet, und Anna hat sich nicht mehr so schwindlig gefühlt, seit sie das letzte Mal acht Pirouetten hintereinander gedreht hat.
»Wie auch immer«, fährt Victoria fort und schaut auf einen Notizblock auf ihrem Schreibtisch. »Naturtalent ist eine Sache. Im Frühling musst du in jeder Hinsicht außergewöhnlich sein. Ich werde dich privat unterrichten, zusätzlich zu deinen üblichen Aktivitäten in der Company. Meine Zeit, und ich hoffe, ich muss das nicht weiter erklären, ist extrem wertvoll.«
»Privatunterricht?«, wiederholt Anna. »Bei Ihnen?«
»Die Anforderungen werden erheblich sein.« Diesmal sieht sie Anna direkt in die Augen. »Vorausgesetzt, du hast es in dir.«
Anna hält dem Blick stand und nickt feierlich. Sie weiß nicht einmal genau, an was Victoria denkt, aber sie will es tun. »Solistin« hallt in Annas Gehirn nach wie ein verdammter griechischer Chor.
»Wann fangen wir an?« Anna hofft, dass diese Frage die richtige Reaktion ist.
»Morgen früh«, sagt Victoria und steht auf, wobei sie sich schwer auf ihren Schreibtisch stützt.
Anna tut so, als würde sie es nicht bemerken und hält die ganze Zeit den Blick auf Victorias Gesicht gerichtet.
»Die erste Session ist um zehn, genau wie heute, aber du wirst bereits um acht hier sein. Ich nehme an, das ist kein Problem?«
»Natürlich nicht.« Anna steht auf und streckt ihre Hand aus. »Ich bin so dankbar für diese Gelegenheit. Victoria.«
Victoria starrt mit etwas zwischen Verwirrung und Abscheu auf die Hand, bis Anna sie wieder an ihre Seite sinken lässt.
»Ich will keine Dankbarkeit«, sagt Victoria. »Nur eine Menge harter Arbeit.«
»Werden Sie bekommen. Sollen wir uns hier treffen, oder –?«
»Im Studio de Valois. Ist das dein einziges Trikot?«
»Es ist mein neuestes«, Anna blickt auf ihr blassrosa Leotard hinunter, das über dem Reißverschluss ihres Kapuzenpullis kaum sichtbar ist. »Ich dachte, es wäre besser, erst einmal in meine Schuhe zu investieren. Zumindest bis wir bezahlt werden.«
»Gib Kelly deine Maße. Wenn wir auf engem Raum zusammenarbeiten, will ich keine Anschläge auf meine Augen ertragen müssen. Da heute dein erster Tag ist, werde ich nicht gleich mit deinen Haaren anfangen, aber du wirst etwas entdecken, das sich Conditioner nennt, wenn ich dich auf meine Bühne stelle.«
»Gut.« Annas Freude über die plötzliche Beförderung wird durch Victorias Kritik etwas getrübt, aber sie schafft es, unversehrt aus dem Raum zu kommen. Sie bahnt sich einen Weg um Kellys Schreibtisch herum, um ihr die Maße zu nennen, aber Kelly schaut sie von oben bis unten an, bevor Anna auch nur den Mund aufmachen kann.
»Ich erkenne die Größen auf einen Blick, keine Sorge. Du bist breit im Vergleich zu einigen der Mädchen, aber immer noch im Standardbereich. Ich weiß, was ihr gefällt, überlass die Auswahl mir.«
»Wissen Sie, was –«
»Entsprechen deine Schuhe wenigstens dem Standard?«
»Ja«, sagt Anna stolz. »Obwohl, was glauben Sie, wie viele brauche ich pro Woche?«
»Geh morgen früh zur Kostümausstatterin«, sagt Kelly seufzend. »Wenn du so fragen musst, hast du nicht genug. Und die Schuhe sind hier einer der ganz wenigen Nebenverdienste, Anya.«
»Ich heiße wirklich Anna. Meinen Sie, Sie könnten das Victoria gegenüber noch einmal erwähnen?«
Kelly schnaubt. »Viel Glück damit. Willst du jetzt den Donut?«
Anna nimmt ein Schokoladenstück mit Streuseln an und macht sich auf den Weg in den Tag.
~ ~ ~
Anna wartet vor dem Theater, in dem ihre Schwester arbeitet, und ignoriert die Blicke der Passanten, während sie den letzten Schluck ihres Frappuccinos trinkt. Ein wenig ungeduldig schaut sie auf ihr Telefon und stellt fest, dass die Antwort »Ich komme runter« vor mindestens acht Minuten gekommen ist. Gerade als Anna das Telefon wieder in ihre Tasche schiebt, stürmt Jess endlich aus der schweren Metalltür, nimmt ihr Headset ab und steckt es in ihren ledernen Rucksack.
»Na, wenn das nicht meine Zuckerfeeschwester ist«, hänselt Jess sie und zieht Anna gleichzeitig fest in eine Umarmung.
Anna drückt sie mit mehr Enthusiasmus als beabsichtigt, aufrichtig erleichtert, ein freundliches Gesicht zu sehen.
»Du hast also die Verliese des Metropolitan überlebt?«
»Das sind keine Verliese«, sagt Anna, bevor sie merkt, dass sie liebevoll verspottet wird. »Die Studios befinden sich auf einer der oberen Etagen und sind sehr gut ausgeleuchtet, danke.«
»Das sollten sie auch sein, mit dem Geld, das Victoria Ford und Richard Westin hineingesteckt haben. Apropos, hast du deine Helden schon leibhaftig gesehen? Oder kassiert die Firma nur damit ab, dass ihre Namen dranstehen?«
Anna ist sich nicht sicher, ob sie schon bereit ist, darüber zu reden, auf jeden Fall nicht hier draußen auf der Straße. »Ich werde es dir beim Essen berichten«, sagt sie. »Du brauchst sicher auch ein paar Proteine, oder?«
»Endlich kann ich dir die Stadt mal richtig zeigen«, sagt Jess grinsend. »Und sieh dich an, ganz allein draußen im Theater District. War die Couch letzte Nacht in Ordnung?«
»Du kennst mich«, sagt Anna und hakt sich bei Jess unter, während sie die Straße hinuntergehen. »Ich kann auf einem Nagelbett schlafen, wenn ich muss.«
»Das Sofa ist gebraucht, aber nicht schlecht. Dim Sum?«
»Gott, ja«, stöhnt Anna.
»Okay, dieser Restaurant-Tipp ist mein erstes Geschenk an dich in deiner neuen Stadt, Schwesterherz. Du wirst es lieben.«
»Heißt das, du bezahlst?« Sie ziehen die Köpfe ein und treten durch eine niedrige Türöffnung in ein lautes und geschäftiges Restaurant. »Denn ich werde erst nächste Woche bezahlt.«
»Gut, dann geben wir meinen Reichtum als Inspizientin aus«, sagt Jess mit einem Seufzer. »Das Leben in der Crew ist übrigens genauso glamourös wie immer. Danke der Nachfrage.«
»Ich wollte dich erst nach dem Essen fragen«, sagt Anna, als ein Kellner sie zu einem kleinen Tisch in der hinteren Ecke winkt. »Du weißt, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn ich hungrig bin.«
Es genügt ein Blick auf die Speisekarte und Anna entscheidet sich für Potstickers. Jess bestellt ein paar weitere Gerichte, die sie sich teilen können, wohl wissend, dass ihr Teller schamlos geplündert wird, ob sie es will oder nicht.
Anna schwingt ihre Stäbchen und lächelt ihre Schwester breit an. »Das war ein Wahnsinnstag. Du wirst es nicht glauben, Jess.«
Eine Kanne mit grünem Tee und kleine Tassen werden vor ihnen abgestellt und Anna schenkt ihnen beiden ein.
»Du verschüttest ja alles«, sagt Jess.
»Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Nein, warte, ich weiß es auf jeden Fall. Vielen Dank, dass du mich zum ersten Mal, seit ich dich kenne, vormittags anrufst. Mein Telefon war nicht auf lautlos gestellt. Ich wurde an meinem ersten Tag fast ermordet.«
»Wie soll das überhaupt gehen?« Jess nippt an ihrem Tee und winkt den Kellner heran, um ein Bier zu ihrem Essen zu bestellen. »An deinen eigenen Schuhbändern aufgehängt? Und entschuldige, dass ich mich vergewissern wollte, dass du gut angekommen bist.«
»Ich bin kein Kind mehr. Ich kann eine Straßenkarte lesen und finde mich ganz gut in der U-Bahn zurecht. Und ich war rechtzeitig da, danke. Rechtzeitig genug, damit du mich vor Victoria demütigen konntest.«
»Oh, Victoria? Schon so vertraulich?«
»Jeder in der Company nennt sie Victoria. Es ist eine Art Gesetz.«
»Also hat deine erste Stunde am ersten Tag gleich bei deiner lebenden Legende begonnen?«, fragt Jess und greift über den Tisch, um Annas Hand zu drücken. »Ich freue mich so für dich. Das ist doch alles, was du dir jemals gewünscht hast, oder?«
»Das und Tickets für alle Veranstaltungen, die bereits seit einem Jahr ausverkauft sind.«
»Ja, da kannst du lange drauf warten. Aber jetzt lenk nicht ab und erzähl mir, wie sie war. Ich geb zu, ich bin ein wenig neugierig.«
»Jess, sie war … Du erinnerst dich noch daran, als wir sie gesehen haben, oder?«
»Wie könnte ich das vergessen? Du hast jede Szene davon ein ganzes Jahr lang nachgespielt.«
»Es war die reine Hingabe«, sagt Anna. »Es ist zwar schon ein Jahrzehnt her, aber sie ist immer noch … Was soll ich sagen? Der ganze Raum hängt an ihren Lippen. Sie war nicht gerade begeistert von der Sache mit dem Telefon, aber dann habe ich die Schrittfolge getanzt und sie hat mir verziehen.«
»Wie gnädig von ihr«, antwortet Jess und lächelt. »Ich habe einige Horrorgeschichten gehört, Anna. Du bist noch einmal glimpflich davongekommen.«
»Absolut!« Anna strahlt förmlich. Endlich kann sie es laut zu einem anderen Menschen sagen und Wirklichkeit werden lassen. »Sie war so beeindruckt, dass sie mich heute Nachmittag zu sich gerufen hat. Sie will mich zur Solistin machen!«
»Wie bitte? Anna, Süße, ich glaube, du hast da was falsch verstanden!«
»Nein, habe ich nicht.« Ihr Essen kommt und Anna stürzt sich erst einmal auf die dampfenden Teigtaschen und schiebt sich eine in den Mund. Sie will sich an ihrem ersten Tag nicht mit Jess streiten. Es gibt nichts, was dieses Hochgefühl stören könnte, nicht einmal Annas nervöser Magen, der sich bei dem Gedanken, morgen früh nur für Victoria zu tanzen, verkrampft.
»Vielleicht möchte sie, dass du aushilfsweise zur Verfügung stehst? So eine Art Solistin auf Abruf bist, wenn sie jemanden mit deinem Aussehen braucht«, schlägt Jess vor und greift nach ihrer Garnele. »Ich weiß, der Anfang ist immer sehr verwirrend, es ist einfach eine totale Informationsflut. Du wirst ja morgen früh erfahren, was sie gemeint hat.«
Anna legt ihre Stäbchen zur Seite. »Jess, sie hat mich in ihr Büro gerufen, von sich aus. Nachdem sie mich hat bleiben lassen, nachdem ich die Übung perfekt getanzt habe. Die, die von meinem Telefon unterbrochen wurde. Und sie sagte, das Programm sei noch nicht fertig und sie habe eine Idee.«
»Aber sie hat dich nicht gefeuert?«
»Das dachte ich zuerst auch, und es wäre nur eine besonders grausame Art, meinen Rauswurf hinauszuzögern. Aber ich schwöre bei Gott, Jess, sie will, dass ich bei einer Aktion mitmache, von der sie bisher niemandem etwas erzählt hat. Rick muss das absegnen, aber sie wird mich darauf vorbereiten. Ich weiß es einfach.«
»Rick?« Jess spottet sanft. »Wow, Tag eins und du fängst schon an, Namedropping zu betreiben. Irgendwie gefällt mir das. Aber warum hat sie dir nicht gesagt, worum es geht?«
»Ich weiß nicht. Sie ist sehr beschäftigt und manchmal scheint mir, als würde sie erwarten, dass ich ihre Gedanken lese. Aber sie hat definitiv einen Plan.«
»Das könnte auch ein Machtspiel zwischen ihr und Westin sein.« Jess versucht, einen Potsticker zu stehlen, aber Anna verteidigt ihren Teller geschickt. »Es gibt Gerüchte, dass sie sich hassen, dass sie miteinander schlafen. Dass sie sich hassen und dass sie miteinander schlafen. Du hast selbst gesagt, dass Rick dich für den letzten Platz in der Company vorgeschlagen hat. Vielleicht ist das ihre Rache dafür.«
»Wow.« Anna schluckt ihr Essen hinunter, das jetzt geschmacklos wie Stroh in ihrem Mund liegt. »Ich erwarte nicht, dass dich das alles so sehr interessiert wie mich, Jess. Aber das ist mein Traum, und er geht endlich in Erfüllung. Und da kommst du und sagst mir, dass ich nur ein Bauer in ihrem Spiel bin? Als ob ich nichts Besseres verdient hätte.«
»Ich versuche nur, dich zu beschützen!«, zischt Jess und blickt auf die Leute, die angefangen haben, in ihre Richtung zu schauen. »Du arbeitest so hart und du bist so talentiert, Anna. Natürlich verdienst du nur das Beste.«
»Aber ich sollte mir nicht zu viele Hoffnungen machen, meinst du das?« Anna will sich verteidigen, aber Victoria hatte ihr nicht viele Argumente gegeben, die sie verwenden kann. »Ich meine, ich war schon glücklich genug, nur in die Company aufgenommen zu werden. Alles andere ist ein irrer Bonus, oder?«
»Warte einfach ab«, sagt Jess beschwichtigend.
»Genau.« Anna seufzt. »Deine Shrimps sehen wirklich gut aus.«
»Da musst du schon etwas von deinem Teller abgeben, Hüterin der Teigtaschen. Teilen geht in beide Richtungen. Auch wenn du eine Art Solistin bist.«
»Dann will ich aber auch ein eigenes Badezimmer.« Anna zieht die Nase hoch. »Wann kommt eigentlich mein Bett?«
»Sobald du eins bei eBay findest.« Jess verzieht missbilligend das Gesicht, weil Anna so schlecht im Organisieren ist. »Hey, ich biete dir mein Wohnzimmer an, damit du einen Platz zum Schlafen hast. Ich kann mich nicht um alles kümmern.«
»Ich werde etwas finden. Danke, Jess. Ich hoffe wirklich, ich bin dir nicht zu sehr im Weg.«
»Komm einfach nicht in mein Zimmer, ohne anzuklopfen, das reicht mir schon. Und jetzt iss auf. Ich habe um halb acht eine Vorstellung und brauche vorher noch etwas Zeit.«
»Wenn du aufhörst, mir ständig mein Essen wegnehmen zu wollen, muss ich es nicht verteidigen und kann stattdessen kauen.« Anna versucht es selbst mit einem Angriff, aber Jess zuckt nur mit den Schultern.
Kapitel 4
Ein Treffen um acht Uhr morgens anzusetzen war eine sehr schlechte Idee gewesen.
Victoria schiebt ihre Sonnenbrille höher auf die Nase und windet sich durch die offene Autotür. Sie zuckt zusammen, als ihr Acht-Zentimeter-Absatz auf dem Bürgersteig aufsetzt. Der Aufwand erscheint ihr jetzt lächerlich und übertrieben, als sie sich dem verlassenen Gebäude nähert.
Ohne den Kater, der irgendwo hinter ihrem Schläfenlappen gerade Szenen aus der Perkussion-Performance von Stomp nachspielt, wäre das alles viel einfacher zu ertragen, aber noch schafft sie es nicht, ohne ein paar steife Drinks vor dem Zubettgehen einzuschlafen.
Abgesehen davon – vielleicht taucht das Mädchen gar nicht auf.
Victoria ist sich allerdings ziemlich sicher, dass sie erscheinen wird, obwohl sie Anna erst seit Kurzem kennt. Sie hatte schon immer ein gutes Gespür für Menschen und ein noch besseres für Talent.
