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Ein Adventskalender mit Magie statt Schokolade ... Die besten Freunde Tim und Keiji sind sich in vielem einig, außer, wenn es um Magie geht. Während Tim an sie glaubt, ist sie für Keiji etwas, das nur in seinen geliebten Videospielen existiert. Als die beiden einen Adventskalender von einem unbekannten Absender zugeschickt bekommen, ändert sich das: Denn statt Naschereien verbirgt sich hinter den Türchen ein Winterwunderland. Dort erleben sie jeden Tag ein neues Abenteuer, lernen die fantastischen Bewohnenden und ihre friedliche, zauberhafte Welt kennen. Zudem erfahren sie mehr über sich selbst, ihre Freundschaft und darüber, was wichtig ist im Leben. Magie hin oder her – eins ist ihnen klar: Neben Klausuren, Hausaufgaben und dem Wunsch nach Schnee, ist das eine wunderbare Auszeit! Märchenhaft-magische 24 Kapitel, spielend in einer queernormativen Gesellschaft, reich an Diversität mit verschiedenen Kulturen und Behinderten-Repräsentation. Ein Wohlfühlbuch für die ganze Familie! Mit handgezeichneten Illustrationen.
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2024
Tim & Keiji
und der magische Adventskalender
1. Auflage, Dezember 2024 Verlagslabel: TimeFliesAway
Arden Skyec/o WirFinden.EsNaß und Hellie GbRKirchgasse 1965817 Eppstein
Covergestaltung, Illustrationen, Buchsatz, Text © Arden Skye Wasowski (IG: @movieandmix / @arden.skye.author)
Lektorat: Laura Stadler (www.lektorattinteneule.de)Schreibcoaching: Daniela Dorner (www.danieladorner.de)
ISBN: Hardcover: 978-3-384-38979-4 Softcover: 978-3-384-38978-7EBook: 978-3-384-38980-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für mein und dein inneres Kind.
Die Personen und die Handlung des Buches sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten wären rein zufällig.
Inhaltswarnungen:
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Erwähnungen:
Bildlich beschrieben:
Die Trigger sind minimal gehalten und kommen in einem nicht-toxischen Kontext vor.
Adventskalender
Endlich Freitag! Nach einem anstrengenden Schultag hatten sich zwei Freunde – Tim und Keiji – bei Keiji zu Hause verabredet. Gerade saßen sie noch unten im Wohnzimmer und hatten zu Abend gegessen, nun gingen sie in sein Zimmer.
Tim schloss die Tür hinter sich, während sich Keiji auf sein großes Bett schmiss.
»Wann hört der Regen eigentlich auf? Es ist Dezember. Da sollte es doch schneien!« Keiji fuhr sich genervt durch seine schwarzen, zu Stacheln hochgestylten Haare, deren Gel nach dem langen Schultag bereits klebrig an einzelnen Strähnen haftete.
»Ja, Schnee wäre echt schön«, stimmte Tim ihm lächelnd zu und setzte sich neben ihn aufs Bett. »Aber der Wetterbericht heut’ Morgen meinte, dass es die nächsten Wochen nur regnen wird …« Er seufzte, Haarsträhnen fielen ihm dabei in sein U-förmiges Gesicht. Routinemäßig strich er seine nussbraunen, schulterlangen Haare hinters Ohr und sah auf, blickte durch das gegenüberliegende Fenster. Sich wünschend, dass sich die Regentropfen in Schneeflocken verwandelten. Natürlich wusste er, dass das nicht so funktionierte, doch die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
Als es an der Zimmertür klopfte, setzte sich Keiji auf und die beiden Jungs drehten ihre Köpfe zu Keijis Vater, Jun, welcher die Tür öffnete und eintrat. Er hatte die gleichen schwarzen Haare – im typisch thailändischen Topfschnitt – und die südländisch-sandfarbene Haut wie Keiji, und trug bequeme Hauskleidung. Sogleich hob er ein großes Paket mit beiden Händen vom Boden auf, das ihm von der Länge her bis zu seinen Schultern reichte. Er stellte es auf der Kommode links neben der Tür ab.
»Lag vor der Haustür. Hast du was bestellt?«, erkundigte er sich bei seinem Sohn. Im Gegensatz zu ihm besaß Jun einen stärkeren thailändischen Akzent und seine Stimmlage klang etwas tiefer.
Keiji schüttelte mit zusammengezogenen Augenbrauen und gerunzelter Stirn seinen Kopf. »Eigentlich nicht.« Er stand auf und musterte das Paket, von dem aus es stark nach Zimt roch. Nur sein Name stand auf einem Schildchen – keine Adresse, weder vom Absender noch für den Empfänger. Doch ein zweiter Keiji Somtharasitnu Jaikienognam wohnte, soweit er wusste, nicht in der Stadt. Wobei sich der Absender bei der Reihenfolge seiner Vornamen vertan hatte.
Während Keiji eine Schere in seinem Federmäppchen suchte, wandte sich Jun an Tim: »Übrigens, Tim, wenn es weiter so regnet, kann ich dich gerne mit dem Auto nach Hause fahren.«
Tim warf einen kurzen Blick auf seine digitale Armbanduhr auf dem rechten Arm. »Bin mit dem Fahrrad da. Aber meine Mutter meinte, sie holt mich ab, da ihr Heimweg ja hier vorbeiführt. Wird nur eine Stunde später als geplant – irgendwas ist kurzfristig im Krankenhaus vorgefallen.«
Jun nickte kurz lächelnd. »Geht klar. Sag Bescheid, wenn sich noch was ändert.«
»Mach ich, danke.«
Jun verließ den Raum wieder, die Zimmertür hinter sich schließend. Tim stand auf, um Keiji bei dem Paket zu helfen, der es fast geschafft hatte, es zu öffnen. Zusammen klappten sie die zwei länglichen Seiten des Deckels auf und musterten den Gegenstand darin: Ein klassischer Adventskalender im Querformat. Allerdings doppelt so breit wie normalerweise.
Auf der Vorderseite bildete sich eine Vektorillustration ab: Eine schneebedeckte Hügellandschaft und ein Dorf mit weihnachtlich-verzierten Iglus in der Mitte, darüber ein sternenklarer Nachthimmel, an dem der Weihnachtsmann mit seinem von Rentieren gezogenen Schlitten am hellscheinenden Vollmond vorbeiflog. Weiter verlief die Illustration auf der Rückseite, mit mehreren Hügeln und schneebedeckten Tannenbäumen hier und da, im Hintergrund der Nachthimmel und ein paar Sterne, die etwas größer leuchteten als die auf der Vorderseite, sowie hellgrünen Polarlichtern.
Es erinnerte Tim an ein dickes Märchenbuch aus alten Zeiten. Doch die vierundzwanzig gleich großen Türchen – in chaotischer Reihenfolge –, um die sich jeweils eine Abreißlinie herumzog, bestätigten, dass es sich wahrscheinlich um einen Adventskalender handelte.
»Von wem der wohl ist?«, wunderte sich Tim, den Gedanken laut aussprechend.
»Also Ma hätte es Pa geschickt und Pa würde nicht auf die Idee kommen, den extra in einem Karton zu verpacken. Vor allem nicht meinen ganzen Namen drauf zu schreiben.« Die Namensache juckte ihn am meisten. Damit fielen ebenfalls seine sonstigen Familienmitglieder aus Thailand weg – sowieso feierte niemand dort Weihnachten, insofern wären sie eine unwahrscheinliche Option. »Aber von wem soll der denn sonst sein? Deiner Ma?«
»Bestimmt nicht, meine Mutter hat mir einen Schoko-Adventskalender schon gestern gekauft. Verpacken würde sie den auch nicht extra. Und warum sollte sie es als Paket an dich verschicken?«
»Na ja, egal. Wenn die Schokolade auch doppelt so groß ist wie normalerweise, dann geb’ ich dir ein Stück ab.« Grinsend suchte und entdeckte Keiji das erste Türchen schnell, drückte es nach unten und …
Statt Schokolade darin zu finden, fiel ihm der Adventskalender aus der Hand. Er nahm nur noch wahr, wie der Karton mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden landete und die Welt vor ihm verschwamm. Wie Staub von einem Staubsauger wurde er von einer unsichtbaren Kraft ins Ungewisse mitgerissen.
Ehe er sich versah, saß er auf etwas Weichem und seine Sicht wurde wieder schärfer. Er schaute sich um, doch viel erspähte er nicht. Nur einen klaren, hellblauen Himmel mit einer grellscheinenden Sonne am Zenit, ansonsten erstreckte sich eine unendlich weiße, hügelige Landschaft in alle Richtungen. Und eine ungeheure Stille erwartete ihn. Einzig der Wind pfiff ab und zu.
Eisige Luft drang sogleich in seine noch warme Lunge, ein Temperaturunterschied, der ihn husten ließ und dafür sorgte, dass sich eine Gänsehaut auf ihm ausbreitete. Er rieb sich die Hände und bemerkte gleich darauf, dass er wasserdichte Fausthandschuhe mit Klettverschluss trug. Zudem steckte er nicht mehr in Shirt und Jogginghose, sondern in einer dicken Winterjacke – mit weichem Innenfutter, wie er feststellte, während er sie mit dem Reißverschluss öffnete. Darunter trug er ein schwarzes Thermounterhemd sowie eine Thermoleggings, und eine ebenso dicke Schneehose, die seinen Hintern warmhielt, obwohl er auf dem – vermutlich – kalten Schnee saß. Als Schuhe trug er robuste Winterstiefel, die ihm bis zu den Waden reichten. Die Klamotten – alles in einem gräulichen Ton – schienen wie für ihn maßgeschneidert zu sein, worüber er sich durchaus wunderte.
Nachdem er sich an die Kälte gewöhnt hatte, atmete er noch einmal tief ein und aus, genoss den frischen Geruch nach Schnee. Na, diesen Anblick bevorzugte er deutlich gegenüber dem aus seinem Fenster!
Allmählich begannen die Räder in seinem Hirn zu drehen, Furcht erfasste ihn kurz. So schön er es hier fand, wusste er nicht, wo er sich befand. Rasch rappelte er sich auf und musterte erneut seine Umgebung, nebenbei seine Taschen nach seinem Handy oder anderen Gegenständen abtastend. Nichts.
Links von ihm entdeckte er nun eine Person im Schnee sitzend, die die gleiche graue, winterliche Kleidung wie er trug. Die Person war ein wenig kleiner und zierlicher als er, trug Fingerhandschuhe und zusätzlich eine schwarze Stoffmütze. Sobald sie sich umdrehte, atmete er erleichtert aus, froh, dass es sich dabei um Tim handelte. Wenn er sich schon plötzlich am Ende der Welt befand, dann wenigstens mit jemandem, der ihm nahestand.
Tim fand sich allmählich nach einem kurz anhaltenden Kälteschock in den Szenenwechsel ein. Indes er den schlanken, zehn Zentimeter größeren Jungen mit seinem herzförmigen Gesicht erblickte, entspannten sich seine Muskeln wieder ein wenig. »Keiji!«
»Wo sind wir hier?« Verwundert stapfte Keiji durch den Tiefschnee hinüber zu Tim, der langsam aufstand, den Schnee von seiner wasserdichten Hose klopfend.
»Das wollte ich eigentlich dich fragen. Du reist doch so viel rum, kommt dir hier irgendwas bekannt vor?«
Keiji schaute sich noch einmal genauer um – nichts außer Schnee, Sonne und noch mehr Schnee. »Am Nordpol war ich noch nie, vielleicht sind wir dort gelandet. Die –«
»Südpol«, unterbrach Tim ihn. »Im Dezember wäre es durchgehend Nacht am Nordpol.«
»Dann eben Südpol. Die Frage ist wohl eher: Wie kommen wir wieder zurück?«
»Das hat bestimmt was mit dem Adventskalender zu tun. Schokolade war da jedenfalls nicht drin.«
Keiji nickte zaghaft, wusste nur selbst nicht, ob das überhaupt möglich war. Bestimmt gab es dafür eine logische Erklärung … oder?
»Vielleicht sind wir eingeschlafen und träumen gerade nur dasselbe.«
»Na ja, dann ...« Keiji bückte sich, holte Schnee in seine Hände und formte eine tennisballgroße Kugel. Damit bewarf er Tim. »Wenn wir schon mal Schnee haben, sollten wir das auf jeden Fall –«
Tim reagierte erst perplex, lachte aber sogleich und schlug sofort zurück, ließ Keiji gar nicht ausreden. Obwohl er es etwas schwer fand, im Tiefschnee den Würfen auszuweichen.
Keiji duckte sich ebenfalls gleich wieder und formte Nachschub.
Die Schneeballschlacht dauerte gute zehn Minuten, bis Tim ihn mit der Schnee-in-den-Nacken-Technik zur Niederlage zwang. Außer Puste warfen sie sich nebeneinander in den weichen, pulvrigen Schnee. Sie drehten ihre Köpfe jeweils zum anderen hin, schnauften und fingen sofort wieder an zu lachen.
Eine Weile guckten sie entspannt in den Himmel. Obwohl die Sonne in einem warmen Gelbton grell schien, fröstelten sie ein wenig. Mit keiner einzigen Wolke in Sicht.
»Was für ein toller Traum«, murmelte Keiji. Er setzte sich ein wenig auf und stützte sich mit den Armen ab, denn es fror ihm am Kopf allmählich. Schneeflocken steckten in seinen schwarzen Haaren und schmolzen wegen der Temperatur nicht.
Tim wendete den Blick vom Himmel prompt ab und stand auf. »Lass uns einen Schneemann bauen. Wer weiß, wie lange der Traum noch anhält.«
Keiji nickte und rappelte sich ebenfalls auf.
Gleich darauf rollten sie zusammen eine große Schneekugel. Danach eine zweite und schließlich stapelten sie drei Kugeln aufeinander, die nach oben hin jeweils kleiner waren. Jetzt brauchten sie nur noch ein paar Stöcke und Knöpfe zum Verzieren.
Keiji drehte sich um und ging ein paar Schritte, bis er stutzte und stoppte. »Ach, wir sind ja gar nicht bei mir im Park. Das hab’ ich glatt vergessen«, warf er sich selbst in Erinnerung.
»Stimmt. Aber hier sind ein paar Stöcke.« Tim hob Besagtes auf. »Hä? Warte mal – hier ist weit und breit kein einziger Baum. Wo kommen die denn her?«, wunderte er sich und blickte Keiji fragend an. »Vom Himmel konnten sie wohl nicht gefallen sein, oder?«
Keiji beäugte die Stöcke mit zusammengezogenen Augenbrauen, schaute sich kurz nach Bäumen um, zuckte letztendlich mit den Schultern. »Vielleicht hast du sie mit Gedanken hergezaubert, wenn’s ’n Traum ist.«
»Hmm, vielleicht.« Tims Bauchgefühl rührte sich unsicher in ihm, aber, na ja, Träume ergaben oft keinen Sinn. Deshalb beschloss er, erstmals nicht weiter darüber nachzudenken, und steckte sie dem Schneemann jeweils an beiden Seiten seiner mittleren Kugel an.
Keiji fand einen längeren Zweig, den er mehrmals brach, sodass die kleinen Stöcke die Haare ergaben.
»Na ja. Ein Gesicht hat er halt nicht, aber zumindest Arme und Haare«, kommentierte Tim, während die beiden Freunde ihr Werk betrachteten.
Keiji nickte lächelnd.
»Was sollen wir jetzt tun? Scheint, als würden wir immer noch träumen.«
»Ein schöner Traum jedenfalls. Du solltest mich öfters in meinen Träumen besuchen.« Keiji lachte herzhaft.
Tim öffnete seinen Mund, um etwas zu erwidern, allerdings verschwamm plötzlich die Welt wieder vor ihm …
… und nach einem Blinzeln fand er sich zurück in Keijis Zimmer vor. Zusammen mit Keiji stand er auf demselben Fleck wie vor dem Öffnen des Türchens, bloß steckten sie nicht mehr in den winterlichen Klamotten. Ebenso Schnee gab es weit und breit nicht.
Keiji trug wieder sein kurzärmliges, türkisfarbenes Shirt und die graue Jogginghose, und Tim seine hellblaue Jeans und das beige Shirt mit einer langärmligen, dunkelgrünen Fleecejacke darüber. Die Wangen der beiden glühten noch rot von der Kälte, doch wärmten sich schnell wieder auf. Und vor ihnen lag der Adventskalender mit dem geöffneten, leeren Türchen.
Die Jungs sahen zuerst einander, danach den Adventskalender, danach wieder einander an. Überrascht und sprachlos blinzelten sie.
Während Keiji den Adventskalender aufhob und inspizierte, blickte Tim auf seine Armbanduhr: Ungefähr fünfunddreißig Minuten waren verstrichen, seit Jun das Paket gebracht hatte. Ihnen blieb demnach noch über eine Stunde, bevor seine Mutter ihn abholte.
»Also … hast du das g’rad’ auch erlebt oder hab’ ich mir alles eingebildet?«, vergewisserte sich Keiji.
»Wenn du die Schneeballschlacht und den Schneemann meinst, dann ja … Vielleicht sind wir beide eingeschlafen und hatten zufälligerweise denselben Traum?«, überlegte Tim.
»Und im Stehen wieder aufgewacht?«
»Hm. Lass uns mal deinen Vater fragen, ob neben dem Paket noch was mitgekommen ist oder er jemanden gesehen hat, der es an der Haustür abgelegt hatte. Da stand ja keine Adresse drauf.«
»Glaubst du, da war noch was? Pa hätte das sicher gesagt.«
»Hast du eine bessere Idee? Vielleicht hat er’s ja vergessen zu erwähnen.«
»Na gut.«
Die beiden gingen hinunter ins Wohnzimmer, in dem Jun gerade die Vorbereitungen für das DFB-Pokal-Achtelfinale des Frauenfußballs im Fernsehen schaute. Geräusche einer schrillen Pfeife, eines laut rufenden Trainers und eines Balles, der hin- und hergekickt wurde, drangen an ihre Ohren.
Tim schlenderte in die Küche, während Keiji so tat, als wäre ihm beiläufig etwas eingefallen und blieb beim Sofa stehen. Lässig stützte er sich von hinten an der Rückenlehne ab und blickte zu seinem Vater hinunter. »พ่อ มีอะไรวางอยู่ข้างๆกล่องพัสดุหรือเปล่า ไปรษณีย์ได้บอกอะไรบ้างไหม?«1
»พัสดุเหรอ?«2 Verwirrt sah dieser auf, seine Gedanken wohl noch beim Fußball. Allmählich schien er sich zu erinnern. »อ๋อใช่ ว่ามันแปลกอยู่ พ่อเปิดประตูไป คนส่งของก็ไม่อยู่แล้ว จ่าหน้าซองไม่มีที่อยู่ มีแต่ชื่อของลูก แถมมีชื่อเต็มด้วย?«3 Er kratzte sich am Kopf. »ทำไมล่ะ ข้างในมันเป็นอะไร«4
»ช็อกโกแลต ปฏิทินจุติ«5
»โอ้?«6 Sein Pa runzelte die Stirn. »ดีเลย กะจะซื้อให้อยู่และ แต่ลืมไปเลยวันนี้«7 Er zuckte desinteressiert mit den Schultern und richtete den Blick wieder auf den Fernseher.
Tim kam sogleich mit zwei mit Leitungswasser aufgefüllten Gläsern. Er überreichte Keiji eins und die beiden schlenderten zurück nach oben in sein Zimmer.
»Und? Was hat dein Vater gesagt?«, erkundigte sich Tim und trank das Wasser, nachdem er sich zum Fenster gerichtet aufs Bett gesetzt hatte.
Keiji berichtete, danach kommentierte er: »Irgendwie komisch, dass Pa nicht hinterfragt, dass da ein Adventskalender drin war. Jedes andere Elternteil würde doch skeptisch sein, wenn ein unbekannter Absender einem Teenager einen Adventskalender schickt, oder nicht?«
»Stimmt, irgendwie … schon etwas merkwürdig.«
»Etwas?«
»Sehr.«
Keiji nickte, nippte von seinem Glas Wasser und starrte nachdenklich auf den auf dem Schreibtisch liegenden Adventskalender.
»Vielleicht öffnen wir mal das zweite Türchen und schauen, was passiert? Womöglich war die Schokolade so gut, dass wir uns das kleine Abenteuer erträumt haben. Oder so.« Tim lachte kurz auf.
Keiji grinste. »Na hoffentlich. Alles andere ist auch nicht realistisch.«
Tim holte den Adventskalender aufs Bett und legte diesen zwischen die beiden in die Mitte. Er suchte das zweite Türchen und probierte, es zu öffnen. Betonung auf ›probierte‹. »Es klemmt … irgendwie.«
Keiji runzelte die Stirn. »Lass mich mal.« Er drückte das Türchen nach innen. So sehr es sich bog, löste es sich nicht an der Abreißlinie, wie normaler Karton es eigentlich tat. »Geht echt nicht«, gab er sich geschlagen und musterte den Kalender verwirrt.
»Sag’ ich doch.«
»Ja, und jetzt? Soll ich’s mit der Schere versuchen?«
Tim zögerte unsicher. Wenn der Adventskalender tatsächlich magisch war – und ja, mit seinen fünfzehn Jahren glaubte er noch an Magie –, herumwerkelte er lieber nicht an dieser, um sie nicht aus Versehen zu zerstören.
Doch Keiji wartete nicht auf seine Antwort, stand schon an seinem Schreibtisch, nahm eine Schere und probierte es erneut – ohne Erfolg. Es bog sich wie Gummi nach unten, riss bloß nicht. Ein Loch entstand ebenso wenig und einen Kratzer hinterließ die Schere ebenfalls nicht.
»เชี่ย!«8, fluchte er murmelnd.
»Versuch’s morgen einfach nochmal.«
Keiji nickte. »Tun wir mal so, als ob wir zu müde wären, das Ding zu öffnen.«
Tim grinste. »Genau.«
***
Eine Weile plauderten sie noch, doch die Zeit verging wie im Flug, und da kreuzte schon Tims Mutter auf. Die beiden Freunde verabschiedeten sich mit einer Umarmung.
Auf dem Weg nach Hause unterhielt sich Tim mit seiner Mutter, was ihn vom Ereignis ablenkte. Dort angelangt schweiften seine Gedanken allerdings sofort wieder zur Schneelandschaft und hörten nicht auf zu kreisen.
Ebenso Keiji grübelte noch ein wenig vor dem Einschlafen.
Gab es dafür überhaupt eine logische Erklärung?
1 „(Hey,) Papa. Lag beim Paket (eigentlich) noch etwas? Oder hat der Postbote irgendwas gesagt?“
2 „Das Paket?“
3 „Ach, ja. Etwas seltsam. Der Postbote war schon weg, als ich die Tür aufgemacht habe. Eine Adresse war da nicht, nur ein Schild mit deinem Namen. Und dann auch noch dein voller Name?“
4 „Wieso? Was war denn da drin?“
5 „Ein Schoko-Adventskalender.“
6 „Oh?“
7 „Das ist ja praktisch. Ich wollt dir den sowieso kaufen, hab’s wohl heute beim Einkauf total vergessen.“
8 „Verdammt!“
Weiß
Wochenenden liebte Keiji am meisten. Er konnte ausschlafen und seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen, ohne Schule dazwischen.
Um elf Uhr wachte er auf. Geträumt hatte er von der weißen Schneelandschaft, die sich ins Unendliche erstreckte. Tim war dabei. Zuerst hatten sie sich gegenseitig mit Schneebällen beworfen, doch eine Schneeballschlacht im Tiefschnee strengte mehr an als gedacht, deswegen hatten sie aufgehört und die Gegend erkundet. Spannend war das allerdings nicht. Egal wie lang sie durch die weite Welt marschiert waren, es gab nichts außer Schnee und einen klaren, blauen Himmel, dessen Sonne am selben Fleck festgefroren war.
Froh drum, dass er aus dem relativ langweiligen Traum aufwachte – und diesmal hatte es sich wirklich wie ein Traum angefühlt, wobei er nicht wusste, ob er das gut oder schlecht finden sollte – stand er auf.
Im Bad zog er sich um, putzte die Zähne und frühstückte mit seinem Pa, der ebenfalls zu den Langschläfer gehörte und deshalb um dieselbe Uhrzeit in den Tag startete. Sie unterhielten sich über alltägliche Dinge, unter anderem über ihre Pläne für heute. Pa beabsichtigte später einkaufen zu gehen, während Keiji ›Super Mario‹ auf seiner Nintendo Switch weiterspielen wollte. Seit einer Woche steckte er bereits in einem verzwickten Level fest.
»อย่าลืมทบทวนคณิตฯนะ«9, warnte sein Pa, bevor Keiji zurück auf sein Zimmer ging.
Natürlich würde er das nicht vergessen, bloß ›Super Mario‹ fand er gerade wichtiger. Für Mathe hätte er noch später oder morgen Zeit.
»เชี่ย!«9, fluchte er zum tausendsten Mal in den letzten drei Stunden. Erneut wurde er kurz vor dem letzten Turm von einem Feuerball abgeworfen. So schwer konnte es doch nicht sein!
Um seinen Frust abzuschütteln, musste er sich bewegen. Er sprang auf, öffnete das Fenster, um zu lüften, und hüpfte danach auf seinem weichem Bett herum. Indes bekam er Lust, sich mit jemanden zu treffen. Er holte sein Handy aus seiner Hosentasche, öffnete den Gruppenchat seiner fünf besten Freunde – Ayan, Jason, Sam, Sophie und Tim – und schrieb:
Jemand grad Zeit und Bock zum Abhängen? 14:55 Uhr
JasonMein Onkel ist heut zu Besuch, sry amigo14:56 Uhr
SophieHab gleich Mathe Nachhilfe 🙄14:56 Uhr
SamTiempo en familia im Kino, sorry 14:58 Uhr
Keiji wartete noch ein paar Minuten auf die anderen beiden, doch wenn sie die Nachricht nicht sahen, beschäftigten sie sich wohl anderweitig. Ayan bastelte wahrscheinlich etwas Kreatives, da störte er ungern. Tim hingegen saß sicher seit neun an den Hausaufgaben, insofern beschloss er, ihn anzurufen.
Tim nahm beim dritten Klingeln ab. »Keiji? Alles okay?« Wie immer klang Tims Stimme für Keiji leicht besorgt, wenn ihn jemand aus dem Fokus riss. Er lächelte in sich hinein.
»Jap, alles gut. Machst du g’rad’ die Hausis?«
»Tatsächlich, ja. Warum? Soll ich dir was erklären?«, neckte Tim.
»Nö, ich wollt’ dich eigentlich davon befreien.«
»Aww, dabei ist die Matheaufgabe grad so schön knifflig. Hast du deine schon angefangen?«
»Was denkst du?«
»Klares Nein. Na schön, ein Treffen kann ich natürlich nicht abschlagen. Fertig bin ich sowieso fast.«
»Gut, dann komm vorbei, sobald du fertig bist, aber mach hinne.« Er grinste und nach dem »Ja, ja« von Tim legte er auf.
***
»วัสดี«, begrüßte Jun Tim mit gefalteten Händen und einem Nicken, nachdem er ihm die Tür geöffnet hatte.
Tim imitierte die Wai-Geste gewohnheitsmäßig nach, stellte seine Straßenschuhe in die Abstellkammer beim Eingangsbereich und schlüpfte in warme Hausschuhe, die er sich aus dem Schuhschrank routiniert nahm. Keiji rannte sogleich die Treppen herunter und sie umarmten sich kurz lächelnd.
»Hast du schon Mittag gegessen, Tim?«, erkundigte sich Jun. »Ich koch’ g’rad’.«
»Nur was Kleines. Was gibt’s denn?«
»Phat Thai. Nudelgericht mit Gemüse und Fleisch. Oder Tofu, wenn du mitessen möchtest.«
»Wenn’s euch nichts ausmacht, gerne.«
»Natürlich nicht«, versicherte ihm Jun. »Dann geh’ ich weiter kochen und ruf’ euch, sobald es fertig ist.«
»สุดยอด«10, flötete Keiji, und die beiden folgten den Treppen nach oben in sein Zimmer. Die Pausenanzeige von ›Super Mario‹ prangte noch auf dem Bildschirm, doch auf das frustrierende Level hatte er keine Lust mehr, weswegen er die CD herausnahm und in sein Spieleregal stellte. Den Fernseher schaltete er aus und setzte sich aufs Bett.
Der Adventskalender lag auf der Fensterbank, zu dem Tim extra Abstand hielt, wenngleich unterbewusst. Er setzte sich auf die kurze Seite des Bettes, Richtung Fernseher, der über der Kommode neben der Tür hing.
»Willst du was spielen oder anschauen?«
»Kommt drauf an, warum du angerufen hast. Bist du wieder kuschelsüchtig oder hat dich dein Vater zu Mathe gedrängt?« Tim zog neckend eine Augenbraue hoch.
»Beides sogar, aber das eine Level beim Spielen hat mich so geärgert, dass ich Ablenkung brauchte. Hast du die WhatsApp-Nachrichten noch nicht gelesen?«
»Oh, glaub nicht.« Tim schaute kurz in seinem Handy nach. »Ups, sorry, hab mein Internet davor ausgeschaltet.«
»Typisch. Ayan hat immer noch nicht geantwortet?«
»Nee. Meinte er nicht, er sucht sich am Wochenende eine Druckerei für seine Spielkarten?«
»Jetzt schon? Ich dachte erst nächste Woche, oder wenn er zumindest mit der Hälfte fertig ist.«
»Hmm, wer weiß, ich frag ihn am Montag nochmal. So oder so ist er wahrscheinlich mit was anderem beschäftigt. Apropos, was glaubst du, welchen Sticker wir nächste Woche von ihm bekommen?«
»Hmm.« Keiji überlegte. »Eine Schneeflocke wohl eher nicht, die gab’s schon im November. Leider hat die Manifestation nicht geholfen. Vielleicht eine Regenwolke, passend zum wunderbar-winterlichen Wetter?«
»Je öfter du über Regen redest, desto mehr jinxt du’s dir.« Tim grinste. »Aber zurück zum Wesentlichen: Hast du schon über das Oberthema nachgedacht?«
»Klar, und nichts eingefallen. Ayan hat sich wirklich ein breites Thema ausgesucht, wenn so viele verschiedene Motive darunter fallen.« Keiji seufzte. So sehr er Ayans Sticker liebte, hatte er heute absolut nicht Lust aufs Rätseln.
Tim erhob und stellte sich hinüber zum Schreibtisch. In der quadratischen Karteikartenbox neben der Tischlampe sammelte Keiji die ganzen Sticker aus diesem Jahr. Die vorherigen klebten in seinem Stickerheft, das Tim ihm mal geschenkt hatte. »Schneeflocke, Stern, Fisch, Rose, Muschel, Discokugel, Hippo, Dinosaurier mit Flossen, Herz, Maus, Donut«, überflog er die Motive in der Reihenfolge von November bis Januar laut.
»Siehste, zu unterschiedlich.« Keiji warf sich nach hinten mit dem Rücken und streckte seine Arme zu beiden Seiten aus. »Ist dir denn was eingefallen?«
»Hmmm.« Tim legte die Aufkleber zurück in die Schachtel. »Selbst, wenn dem so wäre, würde ich dir das nicht sagen. Ayan hat ausdrücklich erwähnt: keine Teamarbeit.« Er sah zu Keiji hinab und grinste.
»Aha. Na super, hätte ich mir denken können, dass du dich an die Spielregeln hältst.«
»Ist nichts Neues.«
»Stimmt. Aber wenn du so bist, sag’ ich dir auch nicht meine Ideen.«
»Kein Problem. Ist ja fair.«
»Gut, dann wird der Schlauere von uns beiden gewinnen. Oder die anderen drei.«
»So wird es sein.«
»Abgemacht.«
Keiji setzte sich auf. Mit ernster Miene schüttelten sie sich ihre Hände, als würden sie einen geschäftlichen Vertrag abschließen. Lange hielten sie den Gesichtsausdruck jedoch nicht aufrecht und lachten sogleich grunzend.
Schließlich rief Jun die beiden von unten, dass das späte Mittagessen fertig wäre. Der warme Geruch reichte bis zu den Treppen und sie folgten diesem schnell ins Wohnzimmer, in welchem sie sich an den runden Esstisch setzten. Jun hatte bereits gedeckt, sie mussten sich nur etwas auf ihre Teller geben.
»Keine Reisbandnudeln?«, wunderte sich Keiji.
»Hatten keine mehr – und ich hab sie beim Einkauf vergessen. Die italienischen Bandnudeln überlebst du aber, oder?«, neckte sein Vater.
»Das ist die Frage …«, säuselte er ironisch.
Kopfschüttelnd lächelte Jun und wandte sich danach an Tim: »Das Rührei ist ebenfalls aus Tofu, und statt der Fischsauce hab ich Limette verwendet.«
»Danke.«
»Keine Ursache.«
»Und das Chilipulver?«, erkundigte sich Keiji.
»Ist mir noch in letzter Sekunde eingefallen, nicht rein zu tun.« Er grinste und überreichte seinem Sohn den Streuer mit dem Chilipulver darin.
»Gut, wir wollen ja nicht, dass uns Tim schon wieder die ganze Reismilch austrinkt, nicht?« Keiji zwinkerte Tim neckend zu, der leicht die Augen verdrehte, dennoch grinste.
Klassisch thailändisch aßen Keiji und Jun mit einem Holzlöffel und benutzten Essstäbchen nur für die Nudeln. Tim verwendete für alles eine Gabel.
Während des Essens erzählte Jun viel von seiner Arbeit, und wie es Praew, Keijis Mutter, ging. Da sie ihre Familienfirma in Thailand leitete, verbrachte sie die meiste Zeit dort. Jun wechselte zwischen Home-Office und Büro bei ihrem Firmenpartner in Passau.
Nachdem sie sich ihre Bäuche vollgeschlagen hatten und das letzte Gesprächsthema verklungen war, gingen sie zurück zu Keijis Zimmer. Draußen dämmerte es bereits. Tim bemerkte, dass ebenfalls Keiji unwillkürlich zum Adventskalender schielte. Das zweite Türchen war noch zu, Keiji hatte es demnach nicht geöffnet. Oder zumindest nicht geschafft, falls er es versucht hatte.
»Vielleicht haben wir wirklich nur geträumt und bloß vergessen, dass wir die Schokolade aufgegessen haben. Sicher nicht mehr dahinter«, stammelte Tim, versuchte sich damit eher selbst zu überzeugen. Wobei ihn die Sache mit dem unbekannten Absender immer noch abschreckte.
»Ach, komm. Wir werden uns doch nicht von einem Adventskalender einschüchtern lassen.« Selbstbewusst erhob sich Keiji und nahm den Kalender mit zum Bett.
Obwohl sich Tim etwas mulmig dabei fühlte, kurbelte die potentielle Magie seine Neugier an. Seine Hände schwitzten, und es kribbelte leicht in seinen Füßen. »Glaubst du wirklich, es lässt sich öffnen?«, sprach er den Gedanken laut aus.
Keiji zuckte mit den Schultern. »Werden wir erst erfahren, wenn wir’s versuchen.« Er drückte vorsichtig das Türchen hinein. Diesmal löste es sich tatsächlich von der Abreißlinie.
Tim schloss die Augen vor Nervosität, Keiji versuchte, in den Karton an der geöffneten Stelle hineinzuschauen, doch schon verschwamm sein Blickfeld …
Ein Augenblick später und beide erahnten, dass sie sich nicht mehr in Keijis Zimmer befanden.
»Und? Diesmal Schokolade?«
Während Tim noch die Augen zuhielt, schaute sich Keiji um. Wobei ihm der kalte Boden unter seinem Hintern als Antwort genügte.
Klarer, hellblauer Himmel und eine weiße Fläche, die sich ins Unendliche zog. Kein pulvriger Tiefschnee, diesmal war der Schnee fest. Beide trugen eine dicke Jacke, eine wasserdichte Schneehose sowie Handschuhe mit Klettverschluss. Diesmal trug Keiji sogar ebenfalls eine Mütze.
»Nope«, antwortete er und Tim öffnete seine Augen. »Aber schön, dass du wieder in meinem Traum bist.«
»Wenn wir überhaupt träumen.«
»Lass uns einfach mal sagen, dass wir das tun.«
Tim rappelte sich auf und musterte seine Umgebung, in der Hoffnung, irgendetwas zu entdecken, das ihm gestern entgangen war. Doch tatsächlich befand sich alles am selben Fleck, als wäre hier nicht einmal eine Minute verstrichen. »Guck mal. Der Schneemann steht sogar noch.« Er zeigte auf ihn.
Die beiden näherten sich ihrem gestrig gebauten Schneemann. Tim bemerkte erst, sobald er ein paar Schritte vor ihm stand, was ihm anders erschien: Er besaß eine Karotte als Nase, einen kleinen Topf als Hut und viele schwarze Knöpfe, die den Rest seines Gesichts formten. Die Stöcke seiner Arme steckten noch dran, nur die klassischen drei Knöpfe seiner ›Jacke‹ fehlten.
Sein Kopf neigte leicht nach unten und schien, als würde er gleich abfallen. Tim stapfte zu ihm hin, um ihm diesen wieder richtig aufsetzen, doch in dem Moment bewegte sich der Kopf plötzlich wie von selbst. Genauso wie die Lippen – Knöpfe – des Schneemanns, und eine weiche und raue Stimme deklamierte: »Was starrt ihr zwei denn so? Helft mir lieber beim Suchen!«
Das passierte so unerwartet, dass Tim vor Schreck über seine eigenen Füße stolperte, während er sich rückwärtsgehend von dem Schneemann distanzierte. Er plumpste auf dem Boden, und beobachtete, dass Keiji genauso reagierte. Beide blickten sich überrascht an. Auf einmal konnte der Schneemann nicht nur reden, sondern sich ebenfalls bewegen!
Tim blinzelte perplex, während sich Keiji ungläubig seine Augen rieb.
Ja, genau. Er hüpfte voran und bückte sich, den Schnee inspizierend. »Nein, keine Pause! Suchen!«, forderte er wieder.
Die beiden Freunde glotzten einander perplex an.
»Na ja, komischer als in einem Augenblick von meinem Zimmer bis zum Südpol zu kommen ist das nicht, oder?« Keiji lachte unsicher.
Sie rappelten sich wieder auf, klopften sich den Schnee von ihren Hintern und folgten dem lebendigen Schneemann.
»Was suchst du denn?«, erkundigte sich Tim schließlich.
»Einen meiner Knöpfe. Er ist mir vorhin runtergefallen. Aber bei dem ganzen Schnee ist das aussichtslos …« Verzweifelt schüttelte er den Kopf, suchte nichtsdestotrotz weiter.
»Ein Knopf? Na, dann kann es doch nicht so schwer werden. Dank dem Schnee sticht er doch besser raus, als wenn hier grünes Gras wäre«, fand Keiji und schaute sich gleich um.
Tim tat es ihm nach.
»Grünes Gras, ja, das würde mir jetzt mehr helfen. Aber hier ist noch nie Gras gewachsen, das ist echt ein Jammer.« Der Schneemann seufzte.
»Also ich seh’ hier nichts. Aber weit kann der Knopf nicht sein, oder? Oder hast du einen Spaziergang gemacht?«, überlegte Keiji.
Tim zog seine Augenbrauen zusammen und dachte kurz über die Worte des Schneemanns nach. Redeten die beiden nicht aneinander vorbei? Während sich Keiji über den Schnee freute, hätte der Schneemann lieber einen grünen Untergrund. »Wie sieht der Knopf denn aus?«
»Rund, genau wie die auf meinem Gesicht. Aber weiß.«
»Weiß?!«, wiederholte Keiji verblüfft. »Na da könn’ma wir ja ewig suchen …«
»Hmm. Da wir uns besser bücken können, lass uns doch einfach auf dem Schnee kriechen. So spüren wir den Knopf besser«, schlug Tim vor.
Die beiden senkten sich auf allen vieren herab und krochen über den festen Schnee, die Knie und Hände in den Boden gedrückt.
Gefühlte Stunden suchten sie. Jeden Eiskristall in der gesamten Umgebung, in der der Schneemann den Knopf vermutete, tasteten sie ab, doch ihr Unterfangen erschien zwecklos. Keiji gab zuerst auf und warf sich rückwärts in den Schnee.
»Warum hast du eigentlich keine schwarzen Knöpfe, wenn du in einer weißen Landschaft lebst?«, wandte sich Tim an den Schneemann.
»Es war ein Geschenk einer Freundin.«
»Kannst du sie dann nicht fragen, ob sie vielleicht noch einen Knopf hat? Der zufällig nicht weiß ist?«, hakte Keiji nach.
Der Schneemann gaffte ihn an, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Jedes Geschenk ist einmalig. Das kannst du nicht einfach ersetzen.«
»Aber es ist doch nur ein Knopf … und vielleicht hat sie noch einen, den sie dir schenken kann.«
Der Schneemann neigte seinen Kopf nun so weit, dass Tim dachte, er würde ihm gleich abfallen. »Hast du noch nie ein besonderes Geschenk von einer besonderen Person bekommen? Am Ende ist es nicht der Gegenstand, der zählt, sondern der Moment, der dadurch eingefangen wurde.«
Keiji überlegte kurz und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, indes redete der Schneemann schon weiter: »Natürlich könnte sie mir einen anderen Knopf schenken, aber dann wäre das nicht mehr dasselbe.« Damit drehte er sich von ihm um und suchte weiter.
Tim verstand. Ebenfalls er besaß solche Geschenke von mehreren Personen in seinem Leben. Kommentarlos setzte er sich wieder in Bewegung und half dem Schneemann. So ein Geschenk durfte nicht verloren gehen.
Keiji musterte seinen Freund nachdenkend. Eine besondere Person? Ja, ebenfalls er kannte das Gefühl. Und er würde nicht wollen, dass er so ein Geschenk verlor. »Na gut. Dann suchen wir eben weiter. Und finden den Knopf, ganz sicher«, versprach er den beiden. Tim lächelte ihn dankbar an.
Nach einer Weile stieß Keiji gegen etwas Dünnes und Rundes auf dem Boden. Sobald er es hochhob, erkannte er, dass es sich dabei um einen weißen Knopf mit zwei kleinen Löchern in der Mitte handelte. Endlich!
Triumphierend grinsend rappelte er sich auf und marschierte damit schnellen Schrittes zum Schneemann. Dessen Gesicht erhellte sich prompt, sobald er den Knopf an sich nahm, und mit erhobenen Mundwinkeln steckte er ihn an seine mittlere Kugel. Seine vollständige ›Jacke‹ betrachtend, weinte er eine Freudenträne. Wegen der Kälte wurde sie zu einem fingerspitzengroßen Eiskristall, noch während sie hinabfiel. Auf dem Boden vermischte sie sich mit den anderen Schneeflocken, funkelte und stach heraus wie ein Edelstein in einem Heuhaufen.
Tim gesellte sich währenddessen dazu, und die Jungs teilten ein seliges Lächeln.
»Danke, ihr beiden. Ohne euch wäre ich wirklich verloren gewesen.« Glücklich hüpfte der Schneemann davon.
Wie als wäre das der Auslöser gewesen, verformte sich die Welt vor ihren Augen …
… und die Jungs saßen im Nu in Keijis Zimmer.
Der Adventskalender lag zwischen den beiden, bloß dass nun das zweite Türchen offen stand. Und ebenfalls in diesem hier fanden sie nichts als Leere vor. Tim blickte auf seine Armbanduhr. »Wieder bloß eine halbe Stunde.«
»Wieder?«
»Ja, hab gestern gleich auf die Uhr geschaut.«
»Hast du auch im Traum auf die Uhr gesehen?«
»Oh, nee, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Morgen dann. Falls du mich noch dabei haben willst.«
»Natürlich. Wer weiß, wo ich überall landen werde, da will ich das ungern alleine durchstehen. Wenn es morgen wieder funktioniert.«
Tims Mundwinkel schossen nach oben, sein Gesicht strahlte fröhlich und in seinem Bauch kribbelte ein wohliges Gefühl.
Keiji zögerte kurz. Er legte seine Hand an den Nacken, schielte leicht zur Seite und fügte, etwas verlegen, hinzu: »Irgendwie ist der Adventskalender was Besonderes, nicht? Genau wie der Knopf vom Schneemann. Deshalb … wäre es doch schöner, wenn wir es zusammen erleben.«
»Awww.« Tim umarmte Keiji prompt. »Find’ ich auch.«
9 „Vergiss nicht, für Mathe zu lernen.“
10 „Super.“
Ski
Sobald Tim mit seinem Fahrrad am Nachmittag bei den Jaikienognams aufkreuzte, hatte Keiji gerade mit seinem Vater den Mittagstisch abgeräumt. Er begrüßte Jun kurz mit der thailändischen Wai-Geste, umarmte Keiji, danach gingen die beiden nach oben in sein Zimmer.
»Warum ist es so warm? Es ist Dezember und nicht Sommer!«, beschwerte sich Keiji schon wieder.
Tatsächlich war es wärmer als am Freitag. Wenn das so weiter verlief, brauchte er nicht nach Thailand zu fahren, um einen Weihnachtsmann in Shorts zu treffen.
»Aber es gibt einen Ort, an dem es komplett weiß ist …« Tim schielte zum Adventskalender auf dem Schreibtisch.
Keiji nahm diesen und platzierte ihn zwischen sie beide aufs Bett. Vorsichtig drückte er das dritte Türchen nach innen – auf der Illustration befand es sich auf einem der Hügel. Oder versuchte es zumindest. Erneut schien es wie festgeklebt.
Obwohl Tims Handflächen kribbelten und sein Herz etwas schneller schlug, neugierig auf das Winterwunderland, kniff er trotzdem die Augen zusammen.
Sobald nach vielen Sekunden nichts geschah, öffnete er diese wieder verwirrt, befürchtend, dass Keiji diesmal alleine in die Welt gesaugt worden war. Stattdessen beobachtete er nur, wie dieser verzweifelt versuchte, den Karton an der Abreißlinie zu lösen.
»Warum klappt das denn schon wieder nicht?«, murmelte Keiji verärgert.
»Vielleicht ist es doch zu viel verlangt, ein drittes Mal magisch an einen anderen Ort teleportiert zu werden.« Melancholisch schweifte sein Blick über die Illustration. Hatten sie sich beide Abenteuer tatsächlich bloß erträumt?
»Wir versuchen es einfach später nochmal. Lass uns rausgehen und Federball spielen«, schlug Keiji vor.
Tim nickte und die beiden schlenderten mit einem Federball und zwei Schlägern nach draußen.
Nicht weit von Keijis Haus gab es einen Park mit Spielplatz und daneben eine Fußballwiese. Dadurch, dass hier momentan niemand den Platz verwendete, nur ein paar Kleinkinder die Schaukeln und Rutschen, nutzten sie die breite Wiese für ihr Badmintonspiel.
Nach einer halben Stunde legten die beiden eine Pause zum Ausschnaufen ein. Beide spielten gerne und oft Badminton miteinander, waren demnach geübt, sodass es sich mehr wie ein Ausdauertraining anfühlte.
Sie setzten sich auf eine Bank neben dem Spielplatz. Tim trank von seiner mitgebrachten Wasserflasche, während Keiji einen Schläger zwischen seinen Fingern kreiste.
Indes drangen zwei laute, trotzige Kinderstimmen an ihre Ohren: »Aber Mama, ich will Schlitten fahren!«
»Es liegt aber kein Schnee, Schätzchen, da müsst ihr warten, bis es kälter wird«, erklärte die Mutter ein wenig ungeduldig.
»Aber ich will!«
»Ich auch!«, quengelte ebenfalls das zweite. Aus Protest blieb es stehen und weigerte sich, weiterzugehen.
»Ach komm, davor wolltet ihr Federball spielen, jetzt sind wir extra rausgegangen.«
»Schlitten. Fahren. Ich. Will!« Das erste Kind blieb ebenfalls stehen und setzte sich trotzig in das nasse Gras.
Keiji kannte die vierköpfige Familie vom Sehen. Sie wohnten in derselben Straße wie er, und die Mutter unterhielt sich des Öfteren mit seiner Ma.
Er bedeutete Tim, ihm zu folgen, der daraufhin von der Sitzbank aufstand, und sie schlenderten zu den drei Personen. Kurz begrüßte er sie, danach wandte er sich an die beiden Kinder: »Ich kann euch super verstehen, ich würd auch gern viel lieber Schnee haben. Aber Federball macht auch echt Spaß. Wollt ihr vielleicht mit uns spielen?«
»Oh, das klingt nach einer guten Idee«, fand die Mutter entzückt. »Na, was meint ihr?« Sie blickte ihre Kinder erwartungsvoll an.
Die beiden überlegten lange mit verschränkten Armen, starrten einander an und tauschten einen telepathischen Wortwechsel in der eigenen Geschwistersprache. Schließlich nickten sie, holten jeweils einen Schläger aus der Tasche, die ihre Mutter trug, und rannten lachend in die Mitte der Wiese. Die Mutter bedankte sich kurz bei Tim und Keiji. Danach setzte sie sich auf eine Bank, um den vieren zuzuschauen, während die beiden sich zu den Kindern gesellten und mit dem Spiel begannen.
Sie spielten ziemlich lange, doch die Zeit flog davon wie ein Pfeil aus einem Bogen.
Bei Sonnenuntergang spazierten sie wieder nach Hause, zusammen mit den dreien. Die zwei Geschwister waren nun deutlich besser gelaunt, vor allem, nachdem sie gegen Tim und Keiji gewonnen hatten.
***
Zuhause setzten sich die zwei Teenager sofort aufs Bett mit dem Adventskalender. Keiji drückte das Türchen nach innen und Tim schloss diesmal nicht seine Augen.
Es öffnete sich wie am Schnürchen.
Nach einem Blinzeln steckten sie in winterlichen Klamotten in einer Schneelandschaft.
»Vielleicht öffnet es sich nur, wenn es dunkel ist«, überlegte Tim.
»Wer weiß. Aber erstmal sollten wir darüber nachdenken, wie wir hier runterkommen.« Der Adventskalender hatte Keiji so landen lassen, dass er direkt am Hang des Berges stand.
Steil wie eine rote Skipiste – er schätzte auf grobe vierzig Prozent, um die fünfundzwanzig Grad – reichte es viele Meter abwärts. Zumindest war sie breit genug, um lange Schlangenlinien mit Skiern zu fahren. Unten wartete eine weite Fläche, die sich ins Unendliche zu erstrecken schien – ideal, um die Skier auslaufen zu lassen.
Tim, der etwas hinter Keiji saß, rappelte sich nun auf, warf einen Blick hinab und schreckte reflexhaft zurück, bis er den tiefen Abgrund nicht mehr im Blickfeld hatte. Seine Stimme zitterte leicht: »Runter? Willst du nicht lieber hier oben bleiben? Wir könnten uns mit dem Schnee–« Er stutzte. Während er sich umschaute, erspähte er niemanden außer ihnen beiden. Und der Gipfel reichte nicht sonderlich weit. Ein Dutzend Meter hinter ihm lauerte ebenfalls dort ein tiefer Abgrund. Gerade mal eine kleine Hütte hätte auf dem gesamten Berg Platz, nicht mehr.
»Ach, warum war ich nur so aufgeregt, wieder hierher zu kommen! Als will dieser Ort nicht, dass ich mich freue«, ärgerte er sich.
»Ich hab’ was gefunden!«, rief Keiji ein paar Schritte von ihm entfernt.
Tim lief zu ihm hin. Es handelte sich um zwei Paar altmodische Skier aus Holz.
»Mit denen kommen wir im Nullkommanichts unten an. Und sicher. Komm.« Er nahm ein Paar und schlüpfte mit seinen Schuhen durch die vordere Schlaufe, platzierte die andere an die Hinterseite seines Schuhs. Schien ihm wie angegossen zu passen.
»Da runter? Niemals. Ich kann mich nicht mal erinnern, jemals auf Skiern gestanden zu haben.« Ängstlich zitternd hielt er Keiji am Ärmel fest, sodass dieser nicht auf die Idee kam, ohne ihn loszufahren.
»Noch nie?« Keiji, der fast jeden Winter mit seinem Pa in die Berge fuhr und mindestens zwei Wochen einen Skiurlaub in den Alpen verbrachte, fand das etwas komisch. Allerdings erinnerte er sich nicht daran, dass Tim jemals irgendetwas vom Skifahren erzählt hätte. »Na ja. Dann bring ich’s dir eben bei.«
»Jetzt? So ein Skikurs dauert doch Wochen. So lange bleiben wir sicher nicht hier.«
»Aber irgendwie müssen wir doch auch runter, oder nicht? Oder willst du die ganze Zeit auf dem Hügel verbringen?«
Natürlich strebte Tim das nicht an. Bloß genügte ein Blick nach unten, damit seine Knie weich wie Butter wurden. »Warum kann ich nicht auf meinem Hintern runterrutschen?«
»Vermutlich etwas zu gefährlich bei dem Eis.«
»Wenn es zu eisig für meinen Po ist, wie soll ich dann die Skier kontrollieren?«
»Stimmt … ach, na ja, das wär doch langweilig. Wenn das wirklich bloß ein Traum ist, dann wird dir sicher nichts passieren, oder? Lass mal wenigstens mit dem Kurs anfangen. Wer weiß, vielleicht hast du ein angeborenes Talent und weißt es bloß nicht.«
Er stieg aus den Schlaufen der Skier und zog Tim mit, um beide Paare nahe der Kante abzulegen. Vorne und hinten an den beiden Rockern schoben sie jeweils etwas Schnee dran, damit es wie eine Bremse funktionierte.
Bevor sie in ihre Skier schlüpften, zeigte Keiji ihm erst einige Knieübungen zur Balance und um die Muskeln aufzulockern. Die Sonne schien helle, es fühlte sich für so viel Schnee und ihren dicken Klamotten durchaus warm an, dennoch bibberte Tim.
»Keine Sorge, das wird schon«, versicherte Keiji ihm. »Eine angespannte Körperhaltung ist gut, dann kannst du besser auf Situationen reagieren. Nur nicht zu steif und normal atmen. Das Wichtigste beim Skifahren ist, nicht geradeaus nach unten zu fahren, denn damit beschleunigst du nur. Immer Schlangenlinien. Sollte es doch dazu kommen, dann mach unbedingt ein V mit der Spitze nach unten, um zu bremsen.« Er zeigte es mit seinen Füßen. »Und auf die richtige Körperhaltung achten. ›Die richtige Beinstellung ist die halbe Miete‹, wie mein Skilehrer immer sagte. Du lenkst mit Beinen und Knien, dein Oberkörper hat nicht viel beizutragen … es sei denn, du hast Skistöcke, dann können sie dir bei der Konzentration helfen, wenn du Stockeinsatz bevorzugst, aber die haben wir hier nicht, also konzentrier’ dich auf die Beine.«
Okay, das fand Tim ein bisschen viel Information auf einmal. Auf die Beine fokussieren, so viel hatte er begriffen. Keiji hätte nicht die Skistöcke und den Stockeinsatz, was immer das war, erwähnen sollen, denn nun interessierte er sich dafür. Viel lieber würde er erstmal in die Theorie eintauchen.
»Für steile Pisten – wie diese hier –, benutzen wir am besten die Aufkanttechnik. Also Knie Richtung Hang kippen und den Talski – das untere Bein – belasten. Da wir keine Stöcke haben, leg’ deine Hände am besten auf die Knie, um die Gewichtsverlagerung zu unterstützen. Dann wird das Aufkanten deutlich leichter. Auf jeden Fall lange Schlangenlinien fahren, besonders bei der Falllinie, für eine höhere Bremswirkung.«
Tim glotzte seinen besten Freund erstaunt an. Seit wann benutzte er so viele gehobene Wörter? War das noch Keiji, der hier sprach? Verblüfft blinzelte er.
»Was schaust du so?«
»Bin nur überrascht, so einen wichtigen Teil von dir erst jetzt zu erfahren. Wie kommt’s, dass das Thema nie in einem Gespräch gefallen ist?«
»Gute Frage … aber lenk nicht ab.« Er zwinkerte ihm grinsend zu. »Solche Schüler gab’s in meinem Skiunterricht auch.«
Tim wollte sich rechtfertigen, doch Keiji hob die Hand wie ein Lehrer, der mit widersprechenden Schülern jeden Tag zu tun hatte. Daraufhin schlüpfte er in die Schlaufen seiner Skier und demonstrierte ihm die einzelnen Bewegungen, die er zuvor erklärt hatte.
Tim kopierte alles zuerst trocken nach, danach wagte ebenfalls er sich in die Schlaufen seiner Skier – die ihm ebenfalls wie angegossen passten –, obwohl er sich sehr mulmig dabei fühlte. Sein Magen verkrampfte sich bereits.
Sichergehend, dass die Schneebremse hielt, führte er erneut die Bewegungen durch.
»Ich glaube, du bist nun so weit«, bestimmte Keiji nach einer Weile.
»Wirklich? Nein, nein, du kannst doch nicht einen wochenlangen Kurs zu einer Stunde kürzen …« Tims Herz beschleunigte sich bei dem Gedanken, hier auf der Stelle nach unten zu fahren. Seine Hände schwitzten in den dicken Fingerhandschuhen, die er zur Beruhigung gen die Handfläche rieb, während seine Knie zitterten, und er hoffte, die Bremse bei der minimalen Bewegung nicht aus Versehen zu lösen.
»Ich fahre voraus, okay? Mach einfach alles so wie ich, dann wird schon nichts passieren.« Sanft legte er seine Hand auf Tims Schulter, holte ihn damit zurück in die Gegenwart, heraus aus seinem grübelnden Kopf. Keijis weiche Altstimme wirkte wie ein Balsam für seine kreisenden Gedanken. »Und wenn du doch die Balance verlierst, melde ich mich freiwillig, damit du in mich reinkrachen kannst.« Er grinste, was Tim sofort wieder Unruhe bereitete. Das verbesserte die Lage nicht. Dennoch versuchte er, mit seinem Vertrauen in Keiji, seine Sorgen zu verscheuchen.
Schließlich nickte er langsam.
Keiji hob seine Skier nacheinander an, um die Schneebremse zu lösen, und marschierte zur Kante.
Tim tat es ihm nach und stellte sich links neben ihn hin.
Beide beugten ihre Knie.
Keiji startete zuerst.
Tim beobachtete, wie er so weit wie möglich zur Seite fuhr, bis er langsamer wurde und in die andere Richtung abbog. Kurz nahm er an Geschwindigkeit auf, stützte die Hände auf die Knie und drückte den Talski in den Boden. So lang wie möglich fuhr er – von sich aus – geradeaus weiter, bis er schließlich wieder langsamer wurde und erneut abbog.
Es beunruhigte Tim bloß, dass im Schnee kaum Skispuren hinterblieben und er Keijis Skier auf dem Eis rutschen hörte, wann immer er zur nächsten Kurve abbog. Doch der südostasiatische Junge war trainiert, das merkte Tim vor allem daran, wie geschmeidig und furchtlos er fuhr, vollkommen seinen Beinen vertrauend.
Bevor die Tiefe an Schärfe verlor und er den weit entfernten Boden doppelt zu sehen bekam, schloss er die Augen und konzentrierte sich auf seinen Herzschlag. »Okay. Tief ein- und ausatmen. Du packst das«, sprach er sich selbst Mut zu. »Das hier ist eine magische Welt, bloß ein Traum, in dem dir nichts passieren kann. Wer weiß, vielleicht wachsen dir sogar Flügel und du fliegst stattdessen …«
Einmal atmete er noch tief ein und aus und gab sich einen Ruck nach vorne.
Er kam nicht weit.
Gerade stand er noch auf den Skiern, der Wind blies ihm kalt ins Gesicht, er erstrebte, sich zur Seite drehen und Keijis Anweisungen zu folgen, …
… und im nächsten Moment fand er sich in Keijis Zimmer wieder auf.
Dadurch, dass Keiji gegenüber von ihm saß und Tim sich auf den Skiern nach vorne geneigt hatte, fiel er etwas ungemütlich auf ihn. Der Übergang vom Skifahren zu auf dem Bett sitzen fand er unangenehmer, als er sich vorgestellt hätte.
Schließlich erlangten sie beide ihre Balance wieder und setzten sich gerade auf.
»Siehst du, jetzt musst du den Hügel doch nicht runterfahren. Hab doch gesagt, dir passiert nichts.« Keiji grinste.
Erleichtert atmete Tim auf, sobald er das realisierte. Er merkte ebenfalls, wie erschöpft er sich fühlte. Ob ihn die Angst oder der Sport so ermüdet hatte, wusste er nicht. Wahrscheinlich beides.
Sein Blick wanderte indes auf die Uhr: »Schon wieder nur dreißig Minuten vergangen. Dabei hätte ich wetten können, dass wir Stunden auf dem Hügel verbracht haben.«
»Stimmt, ich bin auch echt fertig. Na ja, so fragt sich Pa wenigstens nicht, wo wir stecken.« Keiji lachte, während er sich das Gesicht seines Pas vorstellte, wenn er ihm dieses Abenteuer erzählen würde.
Tim schmunzelte. »Oh Mist, hab’ vergessen, in der Traumwelt auf die Uhr zu schauen«, fiel ihm sogleich ein.
»Oh, stimmt, ich auch. Na, dann morgen halt.«
Schneehose
Tim und Keiji trafen sich wie so oft an der Pforte des Schulgebäudes und umarmten sich zur Begrüßung. Tim trug heute eine wasserdichte Hose sowie Regenjacke, angesichts des Niesels, der am Nachmittag kommen würde, wie ihm jemand im Traum mitgeteilt hatte. Keiji hatte sich für eine dunkelgraue Jeans mit Gürtel und einen dünnen, hellgrauen Mantel entschieden.
Auf Grund dessen sie aus unterschiedlichen Richtungen herkamen, konnten sie leider nicht zusammen fahren. Wenigstens gehörten sie derselben Klasse an und schlenderten nun nach oben in den dritten Stock, nachdem sie ihre Fahrräder abgeschlossen hatten.
In der ersten Pause versammelten sie sich mit ihren drei gemeinsamen Klassenfreunden im Kreis unten im Pausenhof. Dazu zählte Jason – cremig-weiße, nordländische Haut mit rosa Pickeln in seinem diamantförmigen Gesicht –, Ayan – beigebraune Haut, die er von seinem indischen Vater vererbt hatte, seine Mutter war deutsch und weiß – und Sam – Spitzname für Samuél, spanische Herkunft mit afrikanischen Wurzeln, hellbraune Haut im südländischen Ocker-Teint und eine rundlich dicke Körperform.
»Und? Was habt ihr so am Wochenende gemacht?«, erkundigte sich Jason nach dem üblichen Montagsthema. Er lehnte sich wie so oft an die Schulter seines Nachbars, stütze sich mit einem Arm auf ihm ab – heute war es Sam, der rechts neben ihm stand und eine Schnittlauchbreze aß. Da Jason keine Brotzeit dabei hatte und er wohl nicht wusste, wohin mit seinen Händen, fuhr er sich stattdessen immer wieder durch seine hellblonden, zerzausten, kurzen Haare.
»Nach dem Kino am Samstag wollten Julía und José unbedingt noch Essen gehen und, oh man, ich hab mich schon wieder so vollgefressen.« Sam fasste sich an seinen dicken Bauchspeck und stöhnte kurz lachend. Seine schwarzen, mittellangen, welligen Haare fielen nach vorne, während die silbernen Metallringe an seinen Fingern klimperten. Großer Fan von ›Palaye Royale‹, ›Queen‹ mit Freddie Mercury und ›Måneskin‹ mit Damiano David, die als Vorbild für Sams schwarzen Glam-Rock-Stil dienten, den er mit Make-Up und Nagellack wunderbar rockte. Normalerweise trug er Kontaktlinsen, heute hatte er sich für seine runde Brille entschieden, die nahezu perfekt zu seinem Stil passte, und Keiji wunderte sich, warum er sie nicht öfter aufsetzte.
»Lass mich raten, Julía wollte zu dem einen Restaurant mit den lustigen Menünamen gehen, danach doch nicht mehr, und du musstest ihre Bestellung aufessen?« Jason lachte.
»Fast. Julía hat zufällig mal nicht gebockt, aber José ist grad in seiner wählerischen Phase und hat am Ende zu viel bestellt. Dáli musste ich auch noch helfen, denn die Restaurantbesitzer wollten aus diversen Gründen nichts einpacken.«
»Uff. Wie immer ein Abenteuer bei euch.« Jason klopfte Sam mit seiner anderen Hand beschwichtigend auf den Oberarm. »Ich hab’ nichts gemacht, mein Onkel hat uns kurz besucht, nachdem er bei seinem Hotel vorbeigeschaut hat, das war’s. Öder Start in den Dezember.«
Rechts von Sam stand Ayan, zu dem die Freunde als Nächstes schauten. Dieser aß still sein Pausenbrot und spielte nebenbei mit seinen dunkelbraunen, brustlangen Braids. Er blickte außerdem gen Boden, schien gedanklich in seiner eigenen Welt. Hiermit signalisierte er, dass er momentan nicht erstrebte, zu reden oder sich der Konversation zu beteiligen, und seine Freunde dies respektierten.
Kleidungsstilmäßig trug er Klamotten aus der Kidcore-Ästhethik. Heute setzte sich das aus einer hellblauen Latzhose mit eingenähten, bunten Motiven, die positive Wärme ausstrahlten, und einer grünen Strickjacke über einem hellen Shirt mit regenbogenfarbenen Farbspritzern zusammen.
Im Zuge dessen blieben nur noch Tim und Keiji, die nicht vereinbart hatten, ob sie vom mysteriösen Adventskalender berichteten. Es unterlag nur keinem Zweifel, nichts den Erwachsenen zu erzählen, zumal sie die beiden womöglich für verrückt erklärten. Doch ihre Freundesgruppe hielt das sicher für den größten Spaß aller Zeiten.
»Und, Keiji, hast du am Samstag noch jemanden gefunden?«, erkundigte sich Jason schließlich.
»Jap, Tim ist vorbeigekommen.«
»Tim, der Lebensretter mal wieder. Ohne dich wäre Keiji vermutlich schon im Jenseits.« Sam verbeugte sich spielerisch grinsend vor Tim, was dieser mit einem Knicks erwiderte.
Sie lachten.