Überfahren (Ein Riley Paige Krimi — Band 12) - Blake Pierce - E-Book + Hörbuch

Überfahren (Ein Riley Paige Krimi — Band 12) E-Book und Hörbuch

Blake Pierce

4,5

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Beschreibung

"Ein Meisterwerk der Spannung! Die Autorin schafft es auf hervorragende Weise den Charakteren eine psychologische Seite zu geben, die so gut beschrieben ist, dass wir uns in ihre Köpfe versetzt fühlen, ihren Ängsten folgen und über ihren Erfolg jubeln. Die Handlung ist sehr intelligent und wird Sie das ganze Buch hindurch unterhalten. Voller Wendungen wird Sie dieses Buch bis zur letzten Seite wach halten." --Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (zu Verschwunden) Gefesselt ist Band #12 in der Bestseller Riley Paige Krimi Serie, die mit dem #1 Bestseller VERSCHWUNDEN (Band #1) beginnt – einem kostenlosen Download mit über 1.000 fünf Sterne Bewertungen! In diesem aufreibenden Krimi werden tote an Scheinen gefesselte Frauen gefunden, und das FBI auf der Suche nach einem weiteren Massenmörder in ein Wettrennen gegen die zeit getrieben. Die FBI Spezialagentin Riley Paige hat endlich einen würdigen Gegner gefunden: einen sadistischen Mörder, der seine Opfer an schienen bindet, so dass sie von heranfahrenden Zügen getötet werden. Ein Mörder, der klug genug ist seiner Verhaftung in mehreren Staaten zu entgehen—und charmant genug, um unsichtbar zu bleiben. Sie wird schnell lernen, dass sie all ihre Fähigkeiten braucht, um seine kranke Gedankenwelt zu durchdringen—eine Gedankenwelt, bei der Riley nicht weiß, ob sie sie kennenlernen möchte. Und am Ende steht eine Überraschung, die selbst Riley sich nie hätte träumen lassen. Ein düsterer Krimi von psychologischer Tiefe und aufreibender Spannung, Gefesselt ist Band #12 einer spannenden Serie—mit einer populären Heldin—die sie bis spät in die Nacht weiterlesen lassen wird. Book #13 in the Riley Paige series will be available soon.

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zeit:8 Std. 10 min

Veröffentlichungsjahr: 2018

Sprecher:Valentina Lee

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Ü B E R F A H R E N

(EIN RILEY PAIGE KRIMI –– BAND 12)

B L A K E   P I E R C E

Blake Pierce

Blake Pierce ist die Autorin der RILEY PAIGE Bestseller Krimiserie, die bisher zwölf Bände (weitere Bände folgen) umfasst. Blake Pierce ist ebenso die Autorin der MACKENZIE WHITE Krimiserie, bestehend aus acht Bänden; der AVERY BLACK Krimiserie, aus sechs Bänden bestehend; der KERI LOCKE Krimiserie, aus fünf Bänden bestehend; ebenso die neue Serie DAS MAKING of RILEY PAIGE, die mit Band #1 BEOBACHTET beginnt.

Blake Pierce ist eine begeisterte Leserin und schon ihr ganzes Leben lang ein Fan des Krimi- und Thriller-Genres. Blake freut sich von Ihnen zu hören, also besuchen Sie www.blakepierceauthor.com und bleiben Sie in Kontakt!

ANDERE BÜCHER VON BLAKE PIERCE

DIE MAKING OF RILEY PAIGE SERIE

BEOBACHTET (Band #1)

RILEY PAIGE KRIMI SERIE

VERSCHWUNDEN (Band #1)

GEFESSELT (Band #2)

ERSEHNT (Band #3)

GEKÖDERT (Band #4)

GEJAGT (Band #5)

VERZEHRT (Band #6)

VERLASSEN (Band #7)

ERKALTET (Band #8)

VERFOLGT (Band #9)

VERLOREN (Band #10)

BEGRABEN (Band #11)

ÜBERFAHREN (Band #12)

GEFANGEN (Band #13)

MACKENZIE WHITE KRIMI SERIE

BEVOR ER TÖTET (Band #1)

BEVOR ER SIEHT (Band #2)

BEVOR ER BEGEHRT (Band #3)

BEVOR ER NIMMT (Band #4)

BEVOR ER BRAUCHT (Band #5)

EHE ER FÜHLT (Band #6)

EHE ER SÜNDIGT (Band #7)

BEVOR ER JAGT (Band #8)

VORHER PLÜNDERT ER (Band #9)

AVERY BLACK KRIMI SERIE

DAS MOTIV (Band #1)

LAUF (Band #2)

VERBORGEN (Band #3)

GRÜNDE DER ANGST (Band #4)

RETTE MICH (Band #5)

ANGST (Band #6)

KERI LOCKE KRIMI SERIE

EINE SPUR VON TOD (Band #1)

EINE SPUR VON MORD (Band #2)

EINE SPUR VON SCHWÄCHE (Band #3)

EINE SPUR VON VERBRECHEN (Band #4)

INHALT

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPIEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREIßIG

KAPITEL EINUNDDREIßIG

KAPITEL ZWEIUNDDREIßIG

KAPITEL DREIUNDDREIßIG

KAPITEL VIERUNDDREIßIG

KAPITEL FÜNFUNDDREIßIG

KAPITEL SECHSUNDDREIßIG

KAPITEL SIEBENUNDDREIßIG

KAPITEL ACHTUNDDREIßIG

KAPITEL NEUNUNDDREIßIG

PROLOG

Als sie langsam wieder zu sich kam, spürte Reese Fisher, dass ihr ganzer Körper schmerzte. Ihr tat der Nacken weh und ihr Schädel pochte so, als würde er gleich explodieren.

Als sie die Augen öffnete, wurde sie sofort vom grellen Sonnenlicht geblendet. Sie presste die Augenlieder wieder fest zusammen.

Wo bin ich? dachte sie. Wie bin ich hierhergekommen?

Neben dem Schmerz verspürte sie auch eine kribbelnde Taubheit, besonders in den Gliedmaßen.

Sie versuchte ihre Arme und Beine zu bewegen um das Kribbeln loszuwerden, stellte jedoch fest das es unmöglich war. Sie konnte ihre Arme, Hände und Beine aus irgendeinem Grund nicht mehr bewegen.

Sie überlegte…

Hatte ich irgendeinen Unfall?

Vielleicht hatte sie ein Auto erfasst.

Oder vielleicht war sie aus ihrem eigenen Auto herausgeworfen worden und lag nun auf dem harten Asphalt.

Ihr Verstand schien keinen klaren Gedanken fassen zu können.

Wieso konnte sie sich an nichts erinnern?

Und wieso konnte sie sich nicht bewegen? War ihr Genick gebrochen oder so?

Nein. Sie spürte doch den Rest ihres Körpers. Sie konnte sich nur nicht bewegen.

Sie konnte auch die heiße Sonne auf ihrem Gesicht spüren und wollte ihre Augen deshalb nicht wieder öffnen.

Sie versuchte zu überlegen wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte vor diesem…was auch immer das hier gerade war?

Sie erinnerte sich –– oder meinte sich erinnern zu können –– wie sie in Chicago in den Zug gestiegen war, wie sie einen guten Sitzplatz gefunden hatte und dass sie dann auf ihrem Weg zurück nach Hause nach Millikan gewesen war.

Aber war sie jemals in Millikan angekommen?

War sie aus dem Zug gestiegen?

Ja, meinte sie sich zu erinnern. Es war ein heller, sonniger Morgen am Bahnhof gewesen und sie freute sich auf den nicht mal zwei Kilometer langen Spaziergang nach Hause.

Doch dann…

Was?

Der Rest ihrer Erinnerung war unzusammenhängend, traumartig sogar.

Es war wie einer dieser Träume, in denen man sich in schrecklicher Gefahr befindet aber unfähig ist wegzurennen, unfähig sich überhaupt zu bewegen. Sie hatte sich wehren wollen, sich aus irgendeiner Gefahr befreien wollen, aber sie hatte es nicht gekonnt.

Sie konnte sich außerdem an jemandes bösartige Gegenwart erinnern –– ein Mann, dessen Gesicht sie sich nun beim besten Willen nicht mehr ins Gedächtnis rufen konnte.

Was hat er mit mir gemacht? fragte sie sich.

Und wo bin ich?

Sie merkte, dass sie zumindest ihren Kopf bewegen konnte. Sie drehte sich weg von der prallen Sonne und konnte sich endlich dazu bringen ihre Augen zu öffnen und sie auch offen zu halten. Zuerst bemerkte sie geschwungene Linien, die sich von ihr in die Ferne streckten. Doch in diesem Moment schienen sie irgendwie abstrakt und unbegreiflich.

Dann verstand sie, wieso ihr Nacken so schmerzte.

Er lag auf einem langen sich in die Ferne windenden Stück rötlichen Stahls, glühend heiß von der grellen Sonne.

Sie versuchte sich ein wenig zu winden und fühlte sogleich etwas spitzes und unebenes unter ihrem Rücken. Es fühlte sich an wie Schotter.

Nach und nach erkannte sie die abstrakten Linien und ihr wurde klar, was sie waren.

Trotz der Sonne wurde ihr ganzer Körper kalt, als sie es verstand.

Sie lag auf Eisenbahngleisen.

Aber wie war sie hierher gelangt?

Und wieso konnte sie sich nicht bewegen?

Sie zappelte und bemerkte, dass sie sich doch bewegen konnte, zumindest etwas.

Sie konnte sich winden, ihren Körper drehen und auch ihre Beine, obwohl sie die irgendwie nicht voneinander trennen konnte.

Die kribbelnde Taubheit die sie nicht vermocht hatte loszuwerden verwandelte sich nun zu Wallungen von Angst.

Sie war hier irgendwie angebunden –– gebunden an Eisenbahngleise, ihr Hals festgemacht am Gleis.

Nein, sagte sie sich. Das ist unmöglich.

Es musste einer dieser Träume sein –– ein Traum, in dem man unbeweglich und hilflos und in schrecklicher Gefahr ist.

Sie schloss ihre Augen wieder in der Hoffnung, dass der Alptraum weichen würde.

Doch plötzlich fühlte sie eine heftige Vibration in ihrem Nacken und ein Rumpeln erreichte ihre Ohren.

Das Rumpeln wurde immer lauter. Die Vibration wurde stechend stark und sie riss ihre Augen wieder auf.

Obwohl sie nicht sehr weit entlang der Gleise sehen konnte, wusste sie genau was die Quelle der Vibration war, dieses Crescendos an Lärm.

Es war ein nahender Zug.

Ihr Puls hämmerte in ihren Schläfen und der Terror schüttelte ihren gesamten Körper. Ihr Winden und Zappeln wurde verzweifelt und wild, blieb jedoch absolut vergeblich.

Sie konnte ihre Arme und Beine nicht befreien und sie konnte ihren Hals nicht vom Gleis losreißen.

Das Rumpeln war nun zu einem ohrenbetäubenden Donnern geworden und plötzlich kam er in ihr Sichtfeld…

…der rötlich-orangene Vorderteil einer riesigen Diesellokomotive.

Sie stieß einen Schrei aus –– einen Schrei der, wie sie selbst kurz registrierte, sich unnatürlich laut anhörte.

Dann begriff sie, dass es gar nicht ihr eigener Schrei war, den sie gehört hatte.

Es war der kreischend schrille Laut der Zugpfeife.

Nun fühlte sie eine komische Wut in sich hochkochen.

Der Lokführer hatte die Pfeife betätigt…

Warum zum Teufel hält er nicht einfach an?

Aber natürlich war das unmöglich –– jedenfalls nicht schnell genug bei seiner gegenwärtigen Geschwindigkeit.

Sie konnte ein fürchterliches Quietschen vernehmen als er den Versuch unternahm den Berg von Metall unter seiner Kontrolle zum Stehen zu bringen.

Die Lokomotive füllte jetzt ihr gesamtes Sichtfeld –– durch die Windschutzscheibe starrte ein paar Augen…

…Augen, die mit demselben Ausdruck von Horror schauten, den sie in ihrem Inneren verspürte.

Es war wie in einen Spiegel zu schauen–– jedoch wollte sie nicht sehen, was sie dort sehen konnte.

KAPITEL EINS

Als Riley das Auto vor ihrem Haus anhalten hörte fragte sie sich…

Bin ich wirklich in der Lage das durchzuziehen?

Sie betrachtete ihr Gesicht im Badezimmerspiegel und hoffte, dass es nicht zu leicht erkennbar war, dass sie geweint hatte. Dann ging sie hinunter ins Wohnzimmer, wo sich ihre gesamte Familie schon versammelt hatte –– ihre Haushälterin, Gabriela; ihre fünfzehnjährige Tochter, April; Jilly, die Dreizehnjährige, die Riley gerade adoptierte.

Und von all ihnen umgeben, von zwei großen Koffern geflankt, stand der fünfzehnjährige Liam und lächelte Riley etwas traurig an.

Es geschieht nun wirklich, dachte sie. Genau jetzt.

Sie ermahnte sich, dass es alles für das Beste war.

Trotzdem konnte sie nichts gegen ihre Traurigkeit tun.

Dann klingelte es an der Tür und Jilly eilte zur Tür um diese zu öffnen.

Ein Mann und eine Frau in ihren späten Fünfzigern traten ein, strahlend über die ganzen Gesichter. Die Frau trat sofort zu Liam herüber, der Mann ging auf Riley zu.

„Sie müssen Ms. Paige sein”, sagte er.

„Nennen sie mich bitte Riley“, erwiderte sie mit leicht heiserer Stimme.

„Ich bin Scott Schweppe, Liams Onkel“, stellte sich der Mann vor. Er drehte sich zu seiner Frau die währenddessen Liam umarmte. „Und das ist meine Frau, Melinda.“

Mit einem leicht unbeholfenen Grinsen fuhr er fort: „Aber ich nehme an, das wissen Sie alles schon. Auf jeden Fall freue ich mich so sehr, Sie kennen zu lernen.“

Riley schüttelte seine entgegengestreckte Hand. Sie empfand seinen Händedruck als stark und voller Wärme.

Im Gegensatz zu Riley versuchte Melinda gar nicht erst ihre Tränen zurückzuhalten. Als sie zu ihrem Neffen hinaufschaute, sprach sie zu ihm: „Oh, Liam! So eine lange Zeit ist es gewesen! Du warst noch so klein, als wir Dich zum letzten Mal gesehen hatten. Jetzt bist Du so ein stattlicher junger Mann!“

Riley holte mehrere Mal tief und langsam Luft.

Das ist wirklich das Beste für alle, sagte sie sich.

Vor einigen Tagen wäre das, was gerade passierte, das letzte was sie erwartet hätte.

Es schien als wäre es gestern gewesen, dass Liam bei Riley und ihrer Familie eingezogen war. Er war ja auch tatsächlich erst seit zwei Monaten bei ihnen, hatte aber von Anfang an gut hineingepasst und alle im Haushalt waren ihm schon sehr zugetan.

Jetzt hatte es sich aber herausgestellt, dass der Junge Verwandte hatte, die wollten, dass er bei ihnen lebte.

„Bitte setzen sie sich. Machen sie es sich bequem“, bot Riley dem Paar an.

Melinda tupfte ihre Augen mit einem Taschentuch ab und setzte sich zusammen mit Scott auf die Couch.

Auch alle anderen fanden einen Sitzplatz außer Gabriela, die in die Küche eilte um Snacks und Getränke zu holen.

Riley fühlte sich ein wenig erleichtert, als April und Jilly anfingen Smalltalk mit Scott und Melinda zu führen –– sie fragten sie über ihre zweitägige Reise von Omaha aus, darüber, wo sie in der Nacht Rast gemacht hatten und wie das Wetter die Zeit über gewesen war. Jilly schien bei guter Laune zu sein, Riley meinte jedoch Betrübtheit in Aprils Verhalten zu bemerken. Immerhin stand sie Liam näher als alle anderen.

Riley beobachtete das Paar aufmerksam während sie ihnen zuhörte.

Scott und sein Neffe sahen sich sehr ähnlich –– der gleiche schlaksige Körperbau, dieselben auffällig roten Haare und ein sonnengesprosster Teint. Melinda hingegen war ein stämmiger Typ und sah aus wie eine überaus durchschnittliche, gutmütige Hausfrau.

Gabriela kam bald mit einem Tablett wieder, auf dem sich Kaffee, Zucker und Sahne, sowie köstliche selbstgebackene guatemalische Plätzchen –– Chumpurradas –– befanden. Sie servierte das alles während die anderen redeten.

Riley bemerkte, dass Liams Tante sie ansah.

Mit einem warmen Lächeln sagte Melinda: „Riley, Scott und ich können Ihnen nicht genug danken.“

„Oh –– es war mir eine Freude“, erwiderte Riley. „Es war wunderbar ihn bei uns zu haben.“

Scott schüttelte den Kopf und sagte: „Ich wusste nicht, wie schlimm es mit meinem Bruder, Clarence, geworden ist. Wir hatten uns seit langer Zeit voneinander entfremdet. Das letzte Mal hörte ich vor Jahren von ihm, als Liams Mutter ihn verlassen hatte. Wir hätten in engerem Kontakt bleiben sollen, auch wenn nur um Liams Willen.“

Riley war sich nicht sicher, was sie sagen sollte. Wie viel hatte Liam seiner Tante und seinem Onkel von dem, was vorgefallen war, erzählt?

Sie erinnerte sich nur zu klar an alles.

April hatte gerade erst begonnen mit Liam auszugehen und er gefiel Riley gleich. Doch nach einem entsetzen Anruf von April eilte Riley zu Liams Haus nur um ihn dort grausam von seinem Vater verprügelt vorzufinden. Riley gelang es denn Mann zu bändigen, jedoch konnte sie Liam unmöglich in seiner Obhut lassen. Riley nahm Liam mit nach Hause und richtete ihm einen Schlafplatz im Wohnzimmer ein.

Natürlich waren dies prekäre Wohnbedingungen.

Liams Vater rief seinen Sohn immerzu an und schrieb ihm SMS, in denen er versprach sich zu ändern und nicht mehr zu trinken –– es war pure emotionale Erpressung, und es war ungeheuerlich schwer für Liam.

Scott fuhr fort: „Ich war total überrumpelt als Clarence mich letzte Woche aus dem nichts anrief. Er klag so, als hätte er seinen Verstand verloren. Er wollte meine Hilfe um Liam zurückzubekommen. Er sagte…naja, er sagte so Sachen, das war ganz schön krass, das kann ich ihnen sagen.“

Riley konnte sich zu gut vorstellen, was für „Sachen“ Liams Vater gesagt haben konnte –– einschließlich dem, was für eine abscheuliche und gemeine Person Riley wäre, dass sie ihm Liam einfach weggenommen hatte.

„Clarence sagte, er würde aufhören zu trinken“, sagte Scott. „Aber ich war sicher, dass er schon während des Anrufs wieder betrunken war. Liam dorthin zurückzuschicken wäre eine schreckliche Idee. Es war klar, dass es nur einen Ausweg aus dieser Situation gibt.“

Riley zuckte bei diesen Worten zusammen.

„…nur einen Ausweg...“

Natürlich war genau dieser eine Ausweg nicht Liam weiterhin in Rileys Familie zu lassen.

Es war einfach gesunder Menschenverstand.

Er sollte gehen und bei seiner nächsten Verwandtschaft leben.

Melinda drückte Scotts Hand und sagte zu Riley: „Scott und ich haben ein leeres Nest, wissen sie. Wir haben unsere drei Kinder schon großgezogen, zwei Söhne und eine Tochter. Unser Mädchen macht gerade ihren Abschluss an der Universität und die Jungs sind beide verheiratet und erfolgreich und bereit eigene Familien zu gründen. Wir sind also nun ganz allein in unserem großen Haus und wir vermissen es junge Stimmen zu hören. Es ist das perfekte Timing für uns.

Erneut zuckte Riley ein wenig.

„…das perfekte Timing…“

Natürlich war es das perfekte Timing. Was hinzukam war, dass es die perfekten Menschen waren –– oder so perfekt wie Eltern überhaupt sein konnten.

Wahrscheinlich sehr viel besser als ich, dachte Riley sich.

Sie selbst war sehr weit davon entfernt alles in ihrem eigenen komplizierten Leben auf die Reihe zu bekommen –– die Verantwortung des Elterndaseins sowie die oftmals in Konflikt dazu stehenden, manchmal gefährlichen, Pflichten einer FBI Agentin.

Tatsächlich fand sie es manchmal unmöglich all das zu vereinen und Liam hier zu haben, hatte ihr Leben nicht gerade einfacher gemacht.

Sie hatte oft das Gefühl nicht genug Aufmerksamkeit für die Kinder aufbringen zu können –– inklusive für Liam. Sie hatte wirklich sehr viel auf sich genommen, als sie ihn zu sich nahm.

Und überhaupt, wie sollte er denn weiterhin in diesem Wohnzimmer leben bis zum Zeitpunkt, an dem er an die Uni ging?

Ja, und wie wollte sie denn bitte überhaupt seine Ausbildung bezahlen?

Nein, das alles war wirklich das Beste für sie alle.

Jilly und April hielten das Geplauder am Laufen und fragten das Paar über deren schon erwachsene Kinder aus.

In der Zwischenzeit füllte sich Rileys Kopf mit Sorgen.

Sie hatte das Gefühl Liam in der kurzen Zeit schon so gut kennengelernt zu haben. Was wussten diese Leute überhaupt nach Jahren der Entfremdung von ihm und von seinem Vater? Sie wusste, dass Scott der Inhaber eines erfolgreichen Fahrradladens war. Er war außerdem in erstaunlich guter Form für sein Alter.

Würde er es verstehen, dass Liam von Natur aus tollpatschig und unsportlich war?

Liam war alles andere als eine Sportskanone und liebte es zu lesen und sich seinen Schulaufgaben zu widmen. Er war außerdem der Kaptein des Schachklubs seiner Schule.

Würden Scott und Melinda sich auf ihn einlassen können und in der Lage sein eine gute Beziehung zu ihm aufzubauen? Würden sie sich genauso gerne mit ihm unterhalten, wie Riley es tat? Würden sie seine Interessen teilen?

Oder würde er sich einsam und fehl am Platz fühlen?

Doch Riley musste sich selbst daran erinnern, dass sie gar nicht in der Position war sich über diese Dinge Sorgen zu machen.

Das ist wirklich alles das Beste für alle, sagte sie sich erneut vor.

Bald –– viel schneller als es Riley lieb gewesen wäre –– hatten Scott und Melinda ihre Kekse gegessen und den Kaffee getrunken und dankten Gabriela für die köstliche Stärkung. Es war Zeit für sie aufzubrechen. Schließlich war es eine lange Fahrt zurück bis nach Omaha.

Scott griff nach Liams Koffern und machte sich auf den Weg zum Auto.

Melinda ergriff herzlich Rileys Hand.

Sie sprach: „Noch einmal, wir können ihnen wirklich nicht genug danken dafür, dass sie sich um Liam kümmerten als er dies am meisten brauchte.“

Riley nickte nur und Melinda folgte ihrem Mann nach draußen.

Jetzt befand sich Riley Angesicht zu Angesicht mit Liam.

Er schaute sie mit weit offenen Augen an, so als hätte er jetzt erst verstanden, dass er sie alle verließ.

„Riley“, sagte er mit seiner charmanten, etwas quietschenden Teenagerstimme, „wir hatten keine Möglichkeit einmal zusammen Schach zu spielen.“

Riley überkam ein Gefühl von Reue. Liam hatte April beigebracht zu spielen, aber irgendwie hatte Riley es nie geschafft selber eine Partie mit ihm zu spielen.

Jetzt hatte sie auf einmal das Gefühl, dass es zu viele Dinge gab, für die sie es nicht geschafft hatte Zeit zu finden.

„Keine Sorge“, sagte sie. „Wir können online spielen. Ich meine, Du wirst doch in Kontakt bleiben, oder? Wir erwarten alle, von Dir zu hören. Oft. Wenn wir nichts hören komme ich nach Omaha. Ich denke nicht, dass Du das FBI vor Deiner Tür stehen haben willst.“

Liam lachte.

“Keine Sorge”, sagte er. “Ich bleib in Kontakt. Und wir werden unbedingt mal Schach spielen.”

Dann fügte er mit einem Grinsen hinzu: „Ich werde Dich im Schach total fertig machen, das weißt Du doch, oder?“

Riley lachte und umarmte ihn.

„Ja, in Deinen Träumen vielleicht“, sagte sie.

Natürlich wusste sie, dass er Recht hatte. Sie war eine ziemlich gute Schachspielerin aber nicht einmal annähernd gut genug um gegen so einen herausragenden Jungen wie Liam zu gewinnen.

Liam sah aus, als wäre er den Tränen nahe und stürzte zur Tür hinaus. Er stieg zu Scott und Melinda ins Auto und die drei fuhren davon.

Während Riley am Fenster stand und ihnen nachsah hörte sie wie Jilly und Gabriela in der Küche aufräumten.

Dann fühlte sie wie jemand ihre Hand drückte. Sie drehte sich um und sah, dass es April war und dass sie sie besorgt ansah.

„Alles ok, Mom?“

Riley konnte es kaum glauben, dass ausgerechnet April ihr in diesem Moment Mitgefühl entgegenbrachte. Schließlich was Liam ihr Freund gewesen, als er hier eingezogen war. Jedoch hatten sie seit diesem Zeitpunkt eine Pause in ihrer romantischen Beziehung eingelegt. Sie mussten unter diesen Umständen „hermanos solamente“ bleiben, wie Gabriela es bezeichnete –– Bruder und Schwester, sonst nichts.

April war dieser Veränderung mit Anmut und Reife begegnet.

„Alles in Ordnung“, antwortete Riley. „Wie geht es Dir?“

April blinzelte ein wenig, aber sie schien eine bemerkenswerte Kontrolle über ihre Emotionen zu haben.

„Ich bin ok“, erwiderte sie.

Riley erinnerte sich an den Plan, den April und Liam für die Sommerferien hatten.

Sie fragte: „Hast Du immer noch vor den Sommer im Schachcamp zu verbringen?“

April schüttelte den Kopf.

„Es wäre einfach nicht dasselbe ohne Liam.“

„Verstehe ich“, sagte Riley.

April drückte Rileys Hand ein wenig fester und sagte: „Wir haben wirklich etwas Gutes getan, oder? Ich meine, dass wir Liam geholfen haben“.

„Das haben wir auf jeden Fall“, antwortete Riley und erwiderte Aprils Händedruck.

Dann stand sie einen Moment da und betrachtete ihre Tochter. Sie schien so unglaublich erwachsen in diesem Augenblick und Riley war zutiefst stolz auf sie.

Natürlich, wie alle Mütter dies tun, machte sie sich Gedanken um Aprils Zukunft.

In letzter Zeit war sie besonders besorgt, nachdem April ihr mitgeteilt hatte, dass sie eine FBI Agentin werden wollte.

War dies das Leben, dass Riley sich für ihre Tochter wünschte?

Abermals ermahnte sie sich…

Was ich mir wünsche ist in diesem Fall bedeutungslos.

Ihr Job als Mutter war es alles dafür zu geben die Träume ihrer Tochter möglich zu machen.

 April begann ein wenig unruhig beim liebenden Anblick ihrer Mutter zu werden.

„Ähm, stimmt was nicht, Mom?“ fragte April.

Riley lächelte nur. Sie hatte auf den richtigen Moment gewartet um etwas Wichtiges anzusprechen. Und wenn dies nicht der richtige Augenblick war, dann wusste sie es auch nicht.

„Komm mal mit hoch“, bat Riley April. „Ich habe eine Überraschung für Dich.“

KAPITEL ZWEI

Als Riley April die Treppe hinaufführte, fragte sie sich, ob sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie konnte aber fühlen, dass April aufgeregt und gespannt auf die „Überraschung“ war.

Sie meinte, dass April auch ein bisschen nervös schien.

Bestimmt nicht nervöser als ich es bin, dachte Riley. Aber jetzt war es zu spät sich es noch einmal anders zu überlegen.

Sie betraten Rileys Schlafzimmer.

Riley warf nur einen Blick auf den Gesichtsausdruck ihrer Tochter und entschied sich dafür keine Erklärungen im Vorab zu geben. Sie ging zu ihrem Schrank hinüber, in dem sich ein kleiner neuer schwarzer Safe auf einem der Regalbretter befand. Sie tippte den Code in des Tastenfeld ein, entnahm etwas aus dem kleinen Kasten und legte es auf das Bett.

April riss die Augen weit auf beim Anblick des Gegenstandes.

„Eine Pistole!“ sie schaute auf. „Ist sie für…?“

„Dich?” erwiderte Riley. “Naja, gesetzlich ist es immer noch meine Waffe. Die Gesetze Virginias lassen keinen Waffenbesitz vor dem achtzehnten Lebensjahr zu. Aber Du kannst bis dahin mit dieser hier üben. Wir werden uns damit langsam vorarbeiten, aber wenn Du sie gut beherrschst, wird sie Deine sein.“

Aprils Mund stand offen.

„Willst Du sie haben?“ fragte Riley.

April schien nicht so recht zu wissen, was sie antworten sollte.

War es ein Fehler? fragte Riley sich. Vielleicht war April doch noch nicht bereit hierfür.

Riley fuhr fort: „Du sagtest, Du wolltest eine FBI Agentin werden.“

April nickte eifrig.

„Naja“, sagte Riley, „deshalb dachte ich es wäre vielleicht eine gute Idee mit Waffentraining anzufangen. Was meinst Du?“

„Ja –– oh, ja“, erwiderte April. „Das ist fantastisch. Wirklich total großartig. Danke, Mom. Ich bin nur etwas überwältigt. Ich hätte das wirklich nicht erwartet.”

“Ich auch nicht”, sagte Riley. “Ich meine, ich habe nicht erwartet gerade jetzt irgendetwas in diese Richtung zu machen. Eine Waffe zu besitzen ist eine riesige Verantwortung –– eine die viele Erwachsene nicht meistern können.“

Riley nahm die Pistole aus dem Koffer und zeigte sie April.

Sie sagte: „Das ist eine Ruger SR 22 –– eine .22 Kaliber semiautomatische Handfeuerwaffe.“

„Eine .22?“, fragte April.

„Glaub mit, das hier ist kein Spielzeug. Ich möchte vorerst nicht, dass Du mit einem größeren Kaliber trainierst. Eine .22 kann genauso gefährlich sein wie jede andere Waffe–– vielleicht sogar gefährlicher. Mehr Menschen werden durch dieses Kaliber getötet, als durch irgendein anderes. Behandle die Pistole mit Vorsicht und Respekt. Du wirst sie nur fürs Training handhaben und in der übrigen Zeit bleibt sie in meinem Schrank. Sie wird in einem Waffensafe aufbewahrt werden, für den man einen Code braucht. Fürs Erste werde ich die einzige bleiben, die diesen kennt.“

„Natürlich“, antwortete April. „Ich will das Ding hier auch nicht einfach rumliegen haben“.

Riley fügte hinzu: „Und ich würde es bevorzugen, wenn Du es Jilly gegenüber nicht erwähnen würdest.“

„Was ist mit Gabriela?“

Das war eine gute Frage, wusste Riley. Was Jilly anging so war es einfach eine Frage der Reife. Sie wäre womöglich neidisch geworden und würde eine eigene Pistole haben wollen, was ausgeschlossen war. Gabriela aber, so vermutete Riley, würde beunruhigt sein von dem Gedanken, dass April mit einer Waffe trainierte.

„Vielleicht erzähle ich es ihr“, sagte Riley. „Aber jetzt erstmal nicht.“

Riley entnahm das leere Magazin und sagte: „Du musst immer wissen, ob Deine Waffe geladen oder ungeladen ist.“

Sie reichte April, deren Hände etwas zitterten, die ungeladene Pistole.

Sie wollte beinahe einen Witz machen…

„Sorry, ich habe keine mehr in Pink bekommen.“

Doch im letzten Moment überlegte sie es sich andres. Das hier war kein Gegenstand für Scherze.

April fragte: „Aber was mach ich damit? Wo? Wann?“

“Jetzt gleich”, antwortete Riley. “Komm. Gehen wir.”

Riley legte die Pistole zurück in den Koffer und trug ihn die Treppe hinunter. Glücklicherweise war Gabriela gerade in der Küche zugange und Jilly saß im Wohnzimmer, sodass sie nicht erörtern mussten, was sich im Koffer befand.

April ging in die Küche und teilte Gabriela mit, dass Riley und sie für eine Weile weg sein würden. Sie ging ins Wohnzimmer und gab dasselbe an Jilly weiter. Das jüngere Mädchen saß gerade gebannt vor dem Fernseher und nickte nur.

Riley und April verließen beide das Haus und stiegen ins Auto. Riley fuhr sie zu einem Waffenladen der „Smith Firearms“ hieß, wo sie die Pistole vor einigen Tagen gekauft hatte. Drinnen umgaben sie Feuerwaffen jeder Art und Größe, ausgestellt in Glasvitrinen oder einfach an der Wand hängend.

Sie wurden von Brick Smith, dem Ladenbesitzer, begrüßt. Er war ein großer, bärtiger Mann, gekleidet in ein Plaid-kariertes Hemd und herzlich lächelnd.

„Hallo, Ms. Paige“, sagte er. „Es ist gut sie wiederzusehen. Was bringt sie heute zu mir?“

Riley antwortete: „Das hier ist meine Tochter, April. Wir sind hergekommen um die Ruger auszuprobieren, die ich neulich hier gekauft hab.“

Brick Smith wirkte leicht amüsiert. Riley dachte zurück an den Tag, an dem sie ihren Freund, Blaine, hierher gebracht hatte um ihm eine Waffe zur Selbstverteidigung zu kaufen. Damals schien Brick etwas verblüfft eine Frau zu treffen, die einem Mann eine Waffe kaufte. Sein Erstaunen schwand erst dann, als er herausfand, dass Riley eine FBI Agentin war.

Nun war er kein bisschen überrascht.

Er gewöhnt sich so langsam an mich, dachte Riley. Gut. Das tut nicht jeder.

„Nun gut“, sagte er, während er April ansah. „Sie haben mir nicht gesagt, dass sie die Waffe für ihre Kleine kaufen.“

Der Ausdruck irritierte Riley ein wenig…

„…ihre Kleine…“

Sie fragte sich, ob das April beleidigte.

Riley blickte April flüchtig an und stellte fest, dass diese immer noch etwas überfordert aussah.

Ich vermute, dass sie sich gerade vielleicht auch wie ein kleines Mädchen fühlt, dachte Riley.

Brick Smith führte Riley und April durch eine Tür hinter den Laden, auf einen überraschend großen Schießplatz, wo er sie dann allein ließ.

„Als allererstes“, fing Riley an und zeigte auf eine lange Liste, die an der Wand angebracht war, „ließ diese Regeln. Frag mich, wenn Du etwas nicht verstehen solltest.“

Riley schaute zu wie April die Regeln las, die natürlich alle Sicherheitsvorkehrungen beinhalteten, einschließlich der Anweisung eine Feuerwaffe nie in irgendeine andere Richtung als in Richtung der Geschoßfänge zu richten. Während April mit ernster Miene las spürte Riley eine merkwürdige Art déjà vu. Sie dachte daran, wie sie Blaine hierher gebracht hatte um eine Pistole zu kaufen und seine neue Waffe auszuprobieren.

Es war eine etwas bittere Erinnerung.

Beim Frühstück nach ihrer ersten gemeinsamen Nacht gestand Blaine zögerlich…

„Ich glaube, ich brauche eine Waffe. Zur persönlichen Sicherheit.“

Natürlich hatte Riley sofort verstanden, was er meinte. Sein Leben war in Gefahr seit er sie kennengelernt hatte. Und wie sich später herausstellte, hatte er die Pistole tatsächlich nur wenige Tage später gebraucht um nicht nur sich, sondern Rileys gesamte Familie vor einem gefährlichen entflohenen Sträfling, Shane Hatcher, zu beschützen. Blaine hatte den Mann damals beinahe umgebracht.

Riley hatte immer noch qualvolle Schuldgefühle wegen diesem schrecklichen Vorfall.

Ist niemand in meinem Leben sicher? fragte sie sich. Wird jeder den ich kenne irgendwann eine Waffe brauchen, alles wegen mir?

April hatte die Regeln durchgelesen und beide gingen zu einem der leeren Stände hinüber. Dort legte April Sicht- und Gehörschutz an und Riley nahm die Pistole aus ihrer Box und legte sie vor April hin.

April schaute die Waffe entmutigt an.

Gut, dachte Riley. Sie soll ruhig davon eingeschüchtert sein.

April sagte: „Die ist anders, als die Waffe, die Du für Blaine gekauft hattest.“

„Das ist richtig“, antwortete Riley. „Ich habe ihm eine Smith and Wesson 686, einen .38 Kaliber Revolver gekauft. Das ist eine viel mächtigere Waffe. Aber er hat sie auch für einen ganz anderen Zweck gebraucht, als Du –– er wollte sich nur verteidigen können. Er hatte nicht vor den Strafverfolgungsbehörden beizutreten, wie Du es vorhast.“

Riley nahm die Pistole in die Hand und zeigte sie April.

„Es gibt einige wichtige Unterschiede zwischen einer Pistole und einer Halbautomatik. Halbautomatik hat viele Vorteile, aber auch einige Nachteile –– gelegentliche Fehlzündungen, Doppelzuführungen, Auswurf- und Ladehemmungen. Ich wollte nicht, dass Blaine sich mit so etwas im Ernstfall herumschlagen muss. Was Dich betrifft –– nun ja, Du kannst gleich von Anfang an alles über diese Dinge lernen, in einem sicheren Rahmen ohne Gefahr für Dein Leben.“

Riley begann damit, April zu zeigen, was sie zu allererst wissen musste –– wie man die Patronen ins Magazin einführte und das Magazin in die Pistole, und dann, wie man die Waffe wieder entlud.

Während dieser Demonstration erklärte Riley: „Diese Waffe kann entweder mit Spannabzug oder mit Nichtspannabzug verwendet werden. Der Nichtspannabzug erlaubt es Dir viele schnelle Schüsse hintereinander zu tätigen bis Dein Magazin leer ist. Das ist der große Vorteil einer semiautomatischen Pistole.“

Sie legte den Finger auf den Abzug und fuhr fort: „Der Spannabzug lässt Dich hingegen selbst die Abzugsarbeit machen. Wenn Du anfängst den abzuziehen spannst Du den Hammer auf und wenn Du den Abzug durchgedrückt hast feuert die Waffe. Wenn Du dann einen weiteren Schuss tätigen willst, musst Du das Ganze von vorne beginnen. Das ist viel mehr Arbeit –– Dein Finger arbeitet gegen drei bis fünf Kilo Gegendruck –– daher schießt man langsamer. Das ist auch womit ich mit Dir beginnen möchte.“

 Sie drückte einen Knopf und brachte dadurch die Papierzielscheibe auf eine Entfernung von etwa sechs Metern zum Stand. Danach zeigte sie April die korrekte Standhaltung und Händepositionierung und erklärte wie man zielt.

Riley sagte: „Ok, Deine Waffe ist jetzt nicht geladen. Lass uns ein paar Leerschüsse probieren.“

Wie damals auch mit Blaine, erklärte Riley April wie man richtig atmete –– langsam einatmen während des Zielens, dann langsam ausatmen während sie den Abzug drückte damit der Körper so still wie möglich war zum Zeitpunkt, an dem der Schuss sich löste.

April zielte vorsichtig auf den vage menschlich anmutenden Umriss auf der Zielscheibe und drückte den Abzug mehrere Male. Daraufhin setzte sie nach Rileys Anweisungen das geladene Magazin in die Pistole ein, nahm wieder die korrekte Haltung ein und feuerte einen einzigen Schuss.

April gab einen erschrockenen Aufschrei von sich.

„Habe ich was getroffen?“, fragte sie.

Riley zeigte auf die Zielscheibe.

„Naja, du hast auf jeden Fall die Zielscheibe getroffen. Und fürs erste Mal ist das gar nicht mal so schlecht. Wie hat es sich angefühlt?“

April kicherte nervös.

„Irgendwie überraschend leicht, ich habe erwartet, dass es einen größeren…“

„Rückstoß gibt?“

„Ja. Und es war nicht so laut, wie ich erwartet hatte.“

Riley nickte und sagte: „Das ist eines der schönen Dinge an einer .22. Du wirst kein Zurückzucken oder andere schlechte Gewohnheiten entwickeln. Wenn du dich dann zu seriöseren Waffen vorarbeitest, wirst Du in der Lage sein mit ihrer Kraft umzugehen. Los, mach das Magazin ruhig leer.“

Als April langsam die restlichen neun Patronen abfeuerte bemerkte Riley eine Veränderung in ihrem Gesicht. Es war ein entschlossener, kämpferischer Gesichtsausdruck, den Riley bei April schon früher einmal gesehen hatte. Riley versuchte sich zu erinnern…

Wann war das? Es war nur einmal, dachte sie.

Dann schlug die Erinnerung wie ein Blitz ein…

Riley hatte das Monster namens Peterson hinunter zum Fluss verfolgt. Er hielt April gefangen, an Händen und Füßen gefesselt mit einer Pistole an ihrer Schläfe. Als Petersons Waffe nicht feuerte, fiel Riley ihn an und stach auf ihn ein. Sie kämpften im Fluss bis er es schaffte ihren Kopf zu ergreifen und ihn Unterwasser zu halten um sie zu ertränken.

Sie schaffte es für einen Moment hochzukommen, da bot sich ihr ein Anblick, den sie nie vergessen würde…

Obwohl sie immer noch an den Handgelenken und Knöcheln zusammengebunden war, stand April auf den Beinen mit der Pistole, die Peterson fallengelassen hatte, in den Händen.

April schmetterte den Handgriff gegen Petersons Kopf…

Der Kampf endete einige Augenblicke später, als Riley Petersons Gesicht mit einem Stein einschlug.

Jedoch hatte sie sich nie dafür verzeihen können, dass sie es zugelassen hatte, dass April in solche Gefahr gekommen war.

Und nun stand sie hier, ihre April, und feuerte auf die Zielscheibe mit demselben entschlossenen Gesichtsausdruck von damals.

Sie ist mir so ähnlich, dachte Riley.

Und wenn April mit Leib und Seele dabei sein würde, würde sie eine genauso gute FBI Agentin wie Riley werden, womöglich sogar besser, da war Riley sich sicher.

Aber war das gut oder schlecht?

Riley wusste nicht, ob sie sich schuldig oder stolz fühlen sollte.

Jedoch schoss April während ihrer halbstündigen Übungseinheit mit immer mehr Selbstbewusstsein und mit immer höherer Zielsicherheit auf die Zielscheibe. Als sie das Waffengeschäft verließen und nach Hause aufbrachen war es definitiv Stolz, den Riley fühlte.

April war aufgeregt und gesprächig und stellte jede Menge Fragen zum Training, das ihr bevorstand. Riley antwortete so gut es ging und versuchte ihre Zwiegespaltenheit, was Aprils Zukunftspläne anging, nicht durchscheinen zu lassen.

Als sie schon in der Nähe des Hauses waren rief April: „Schau, wer da ist!“

Rileys Herz wurde schwer, als sie den teuren BMW vor dem Haus stehen sah. Sie wusste, dass er der Person gehörte, die sie gerade am wenigsten sehen wollte.

KAPITEL DREI

Als Riley ihr eigenes eher bescheidenes Auto hinter dem BMW parkte, wusste sie schon, dass die Atmosphäre in ihrem Haus gleich eine sehr unangenehme sein würde. Sobald der Motor aus war, schnappte April die den Waffenkoffer und wollte aussteigen.

„Lass die lieber erstmal hier“, sagte Riley.

Sie wollte die Waffe auf gar keinen Fall dem unerwünschten Besuch erklären müssen.

„Wahrscheinlich hast Du Recht“, antwortete April und schob die Box unter den Sitz.

„Und denk dran –– kein Wort zu Jilly“, ermahnte Riley.

„Ich weiß“, erwiderte April. „Sie hat aber bestimmt schon bemerkt, dass Du was für mich besorgt hast und wird neugierig sein. Naja, am Sonntag bekommt sie ja ein eigenes Geschenk von Dir, spätestens da wird sie’s vergessen haben.“

Was für ein eigenes Geschenk? überlegte Riley.

Dann kam es ihr –– am Sonntag hatte Jilly Geburtstag.

Riley fühlte, wie ihr Gesicht rot wurde.

Sie hatte fast vergessen, dass Gabriela eine Familienfeier für Sonntagabend geplant hatte.

Außerdem hatte sie Jilly noch kein Geschenk besorgt.

Vergiss das bloß nicht! ermahnte sie sich streng.

Riley verriegelte das Auto und April und sie gingen ins Haus. Wie erwartet saß der Besitzer des Luxusautos –– Riley’s Ex-Mann –– im Wohnzimmer.

Jilly saß ihm in einem Sessel gegenüber und ihre steinerne Miene verriet, dass sie nicht im Geringsten erfreut über seinen Besuch war.

„Was tust Du hier, Ryan?“, fragte Riley.

Ryan wandte sich zu ihr mit dem charmanten Lächeln, dass schon so oft ihre Entschlossenheit ihn endgültig aus ihrem Leben zu verbannen gedämpft hatte.

Verdammt, er sieht genauso gut aus wie immer, dachte sie.

Sie wusste allerdings, dass er viel Zeit dafür aufwandte um so auszusehen, und dass er viele Stunden im Fitnessstudio verbrachte.

Ryan entgegnete: „Hey, ist das etwa wie man Familie begrüßt? Ich bin doch immer noch Teil der Familie, oder?“

Für einen Augenblick sprach niemand.

Die Stimmung was spürbar angespannt und Ryans Gesicht verzog sich zu einer Miene von Enttäuschung.

Riley fragte sich, welche Art von Begrüßung er erwartet hatte.

Er hatte sie alle seit drei Monaten nicht einmal besucht. Bevor er verschwand, hatten sie versucht wieder zueinander zu finden und er hatte einige Monate mehr oder weniger mit ihnen zusammengelebt. Er zog jedoch nie wirklich richtig ein. Er hatte das schöne, große Haus behalten, wo Riley, April und er einst zu dritt wohnten. Das war vor ihrer Trennung und der Scheidung.

Die Mädchen waren froh gewesen ihn da zu haben –– bis er Interesse verlor und wieder einmal verschwand.

Das hatte die Mädchen sehr verletzt.

Und nun war er wieder da, aus dem nichts und ohne Vorwarnung.

Die Stille stand weiterhin im Raum. Dann verschränkte Jilly die Arme und blickte ihn düster an.

Sie drehte sich zu Riley und April und fragte: „Wo wart ihr beiden denn überhaupt?“

Riley musste schlucken.

Sie hasste es Jilly anzulügen, aber das war sicherlich der denkbar schlechteste Moment ihr über Aprils Pistole zu erzählen.

Glücklicherweise sagte April schnell: „Wir mussten bloß was erledigen.“

Ryan schaute zu April.

„Hey Süße“, sprach er sie an, „bekomme ich nicht mal eine Umarmung?“

April machte keinen Augenkontakt. Sie stand einfach nur da und trat von einem Fuß auf den anderen.

Endlich sagte sie mürrisch: „Hi, Daddy.“

Sie sah aus, als würde sie gleich losweinen und drehte sich um, um die Treppen zu ihrem Zimmer hoch zu trotten.

Ryan’s Mund stand offen.

“Was war denn das?”, fragte er.

Riley setzte sich auf die Couch und überlegte, wie sie sich in der Situation nun am besten verhalten sollte.

Sie fragte erneut: „Was tust Du hier, Ryan?“

Ryan zuckte mit den Schultern.

„Jilly und ich unterhalten uns gerade über ihre Schulaufgaben –– jedenfalls versuche ich sie dazu zu bringen, mir etwas über ihre Schulaufgaben zu erzählen. Haben sich ihre Noten verschlechtert? Ist es das, was sie mir nicht erzählen möchte?“

„Meine Noten sind in Ordnung“, sagte Jilly.

„Dann erzähl mir doch von der Schule, wieso sagst Du nichts?“, machte Ryan weiter.

„In der Schule ist alles in Ordnung –– Mr. Paige“, antwortete Jilly.

Riley zuckte und Ryan sah aus, als hätte ihn die Äußerung verletzt.

Jilly hatte damit begonnen Ryan „Dad“ zu nennen, nicht lange bevor er verschwand.

Davor hatte sie ihn „Ryan“ genannt. Riley war sich sicher, dass sie Jilly nie „Mr. Paige“ hatte zu ihm sagen hören. Jetzt drückte das Mädchen ihre Haltung ihm gegenüber sehr klar aus.

Jilly erhob sich aus ihrem Sessel und sagte: „Wenn es allen Recht ist, ich habe noch Hausaufgaben.“

„Brauchst Du Hilfe dabei?“, versuchte es Ryan.

Jilly ignorierte die Frage und stieg schwermütig die Treppen hinauf.

Ryan schaute Riley mit einem verwundeten Gesichtsausdruck an.

„Was ist hier los?“, wollte er wissen, „wieso sind die Mädchen so sauer auf mich?“

Riley seufzte bitter. Manchmal war ihr Ex noch genauso unreif wie sie es beide gewesen waren, als sie so jung heirateten.

„Ryan, was in aller Welt hattest Du erwartet?“, fragte sie mit aller Geduld die sie in diesem Moment nur aufbringen konnte.

„Als Du eingezogen bist waren die Mädels außer sich vor Freude dich einfach nur da zu haben. Besonders Jilly. Ryan, der Vater des armen Mädchens war ein gewalttätiger Säufer. Sie hat sich fast prostituiert nur um von ihm wegzukommen –– und sie ist erst dreizehn! Es hat ihr so viel bedeutet eine väterliche Figur wie dich in ihrem Leben zu haben. Verstehst Du nicht, wie zerstört sie gewesen sein muss, als Du einfach abgehauen bist?“

Ryan starrte sie bloß verwirrt an, als hätte er keinen blassen Schimmer wovon sie sprach.

Aber Riley erinnerte sich nur zu gut daran, was er ihr damals am Telefon gesagt hatte.

„Ich brauche Zeit für mich. Dieses ganze Familiending –– ich dachte, ich wäre bereit dafür, aber ich war es einfach nicht.“

Zu der Zeit schien er nicht besonders besorgt um Jilly.

„Riley, Jilly war Deine Entscheidung. Ich bewundere Dich dafür. Aber ich habe mich nie freiwillig dafür gemeldet. Ein fremder Problemteenager ist zu viel für mich. Das ist einfach nicht fair.”

Aber hier saß er nun und tat beleidigt, weil Jilly ihn nicht mehr “Dad” nennen wollte.

Es machte Riley richtig wütend.

Sie verstand zu gut, wieso die beiden Mädchen aus dem Zimmer gestürzt waren. Sie hätte es selbst ja liebend gern getan. Leider musste aber jemand den Erwachsenen in der Situation spielen, und da Ryan dazu offensichtlich nicht in der Lage war, musste sie den Job übernehmen.

Bevor sie sich überlegen konnte, was sie als nächstes sagen sollte erhob sich Ryan aus seinem Sessel und setzte sich neben sie auf die Couch. Er streckte seine Hand aus, um die zu umarmen.

Riley schubste ihn weg.

„Ryan, was tust Du?“

„Was meinst Du denn was ich tue?“

Ryans Stimme klang nun amourös und verführerisch.

Rileys Wut wuchs von Sekunde zu Sekunde.

„Denk nicht mal dran“, sagte sie. „Wie viele Freundinnen bist Du denn schon durchgegangen, seitdem Du hier weg bist?“

„Freundinnen?“, fragte Ryan und versuchte offenbar überrascht zu klingen.

„Du hast mich klar und deutlich gehört. Oder hast Du es etwa vergessen? Eine von ihnen rief hier ausversehen an, als Du noch hier rumhingst. Sie klang betrunken. Du sagtest, dass sie Lina hieß. Aber ich glaube kaum, dass Lina die letzte war. Wie viele kamen noch nach ihr? Weißt Du das überhaupt? Kannst Du Dich überhaupt an all ihre Namen erinnern?”

Ryan antwortete nichts. Nun sah er beschämt aus.

Alles macht auf einmal Sinn für Riley. Die gesamte Sache hatte sich schon mal ereignet und sie fühlte sich dumm, dass sie es nicht hatte kommen sehen.

Ryan war gerade einfach ohne Freundin und dachte sich, dass Riley unter den Umständen schon den Zweck erfüllen würde.

Die Mädchen interessierten ihn in Wirklichkeit gar nicht. Nicht einmal seine eigene Tochter. Sie waren nur ein Vorwand um mit Riley zusammenzukommen.

Riley biss die Zähne zusammen. Sie stieß aus: „Ich denke Du gehst jetzt besser.“

„Wieso? Was ist denn? Hast Du gerade etwa jemanden?”

„In der Tat, das habe ich.“

Nun sah Ryan ernsthaft überrascht aus, als könnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, wieso Riley an irgendeinem anderen Mann interessiert sein könnte.