ÜberLeben LebensWert - Agatha Huxley - E-Book

ÜberLeben LebensWert E-Book

Agatha Huxley

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Beschreibung

ÜberLeben LebensWert ist eine tiefgründige Gesellschaftskritik. Karo engagiert sich für Suchtkranke und kämpft gegen die unheilbare Krankheit ihres Sohnes. Ein erschütterndes Erlebnis ihrer Vergangenheit bringt sie dazu, das drogenkranke Mädchen Alina bei sich zu Hause aufzunehmen. Die Unerbitterlichkeit der Sucht trifft auf die Feinfühlichkeit ihres Sohnes. Ein Ausflug an den Abgrund der Gesellschaft.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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ÜberLeben LebensWert

 

Ein moralisches Dilemma

 

von Agatha Huxley

Über dieses Buch

 

Was bedeutet Leben?

Und haben Leben verschiedenen wert?

 

Streetworkerin Karo engagiert sich für Suchtkranke und kämpft verzweifelt gegen die unheilbare Krankheit ihres Sohnes.

Ein erschütterndes Erlebnis bringt sie dazu, das drogenkranke Mädchen Alina bei sich zu Hause aufzunehmen. Die Unerbittlichkeit der Sucht trifft auf die Feinfühligkeit ihres Sohnes.

 

Ein Ausflug an den Abgrund der Gesellschaft

 

Woher sollen die Emotionen kommen?

Mein Herz besteht aus vernarbten Gewebe.

 

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

1. Auflage, Oktober 2024

© 2024, Agatha Huxley – alle Rechte vorbehalten.

c/o Schreibschiff

Samuel-Lampel-Straße 2b

04357 Leipzig

www.agathaHuxley.de

[email protected]

 

Korrektorat & Buchsatz: Agentur Autorenträume

Lektorat: Susanne Schwartz, Berlin, [email protected]

Umschlag: © Silke Herr, www.frauherrausr.de

Autorenfoto: Sonja Inselmann www.sonja-inselmann.com

Schriften: Bebas Kai, Roboto

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

 

Alle Personen und Begebenheiten im folgenden Text sind frei erfunden. Mögliche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Mum

 

Als alleinerziehende, vollberufstätige Mutter von zwei Wirbelwinden hattest du es nicht immer leicht. Aber du bist mir als Erwachsene zur besten Freundin geworden. Ich weiß, dass du heute stolz darauf wärst, dass ich dieses Buch veröffentlicht habe.

 

 

Und für alle, die im sozialen Bereich arbeiten.

 

Ihr steht vor zahllosen Hürden, und von allen Seiten werden euch Steine in den Weg geworfen. Trotzdem gebt ihr nie auf und versucht unermüdlich, denen zu helfen, die euch brauchen.

Dieses Buch ist auch euer Kampf.

Kapitel 1

 

»Lady! Hallo, Lady!« In höchster Aufregung winkt Pelle die Streetworkerin zu sich. »Kommen Sie, kommen Sie schnell!« Er trippelt von einem Bein aufs andere. »Kommen Sie schon. Bitte!«

Er winkt heftiger und blickt immer wieder zurück, um sich zu überzeugen, dass das, was er gesehen hat, keine Einbildung war.

Es ist dunkel. Es war ein anstrengender Tag für Karo. Sie hat nicht mehr die Kraft für einen paranoiden Schub einer ihrer Schützlinge. Scheißdrogen! Sie schüttelt den Kopf. Eine Strähne rutscht ihr aus dem locker hochgesteckten Haar. Warum können die Kids nicht einfach clean bleiben? Warum können sich die Familien nicht besser um ihren Nachwuchs kümmern?

Karo hat sich diese Fragen früher oft gestellt, bevor sie durch ihre Arbeit als Streetworkerin und ihre eigenen Erfahrungen eines Besseren belehrt wurde. Sie erinnert sich an eine konkrete Situation – ein Junge, der nach Monaten der Abstinenz wieder rückfällig wurde. Es war nicht der fehlende Wille, sondern die schmerzhafte Kombination aus einem instabilen Umfeld, der Sucht, die immer wieder ihre Klauen ausstreckte, und einer Gesellschaft, die mehr verurteilte, als zu verstehen.

Sie schüttelt die Gedanken aus dem Kopf. Sie weiß, dass es sinnlose Gedanken sind. Die Realität ist viel komplexer. Es sind nicht nur die Jugendlichen oder ihre Familien, die versagen – es sind auch die Strukturen um sie herum, die sie im Stich lassen.

Pelle wird immer aufgeregter. Er tänzelt um die Streetworkerin herum und lenkt sie in Richtung der alten Schuppen, ohne sie zu berühren.

»Schauen Sie doch, Lady! Kommen Sie schon!«

Karo streicht ihm mit zittriger Hand über den Oberarm.

Die nächste Laterne ist hundertfünfzig Meter entfernt. Karo stolpert über die Schwellen der stillgelegten Gleisanlagen. In diesen Teil des Viertels verirrt sich niemand aus Versehen. Es ist Niemandsland, in dem sich Obdachlose und Drogenabhängige hinter bröckelnden Mauern und zerborstenen Scheiben niedergelassen haben. Die umliegenden Büsche dienen als Toilette. Der Wind weht Karo eine verkommene Mischung aus Fäkalien, Dreck, Lumpen, Schweiß, Alkohol und Cannabis um die Nase. Sie schaltet die Taschenlampe ihres Handys an, um nicht zu stolpern. Da liegt etwas zwischen den Gleisen. Sie streckt ihren Arm mit dem Licht aus, als könnte sie den Haufen Lumpen so besser erkennen.

Pelle tänzelt hinter ihr. »Sehen Sie? Sehen Sie es?«

Karo traut sich noch ein paar Schritte nach vorn. Das ist nicht einfach ein Kleiderbündel. Da liegt jemand.

Pelle beginnt zu winseln. »Ich war das nicht!« Er hüpft hinter Karo hin und her und schaut sich nervös um. »Sie lag schon so da.«

Karos Herz hämmert gegen die Rippen. Sie dreht sich zu dem Jungen. Er wirkt panisch. Paranoid. Er hat einen Affen1. Sie schaut zurück zu dem Lumpenhaufen. Adrenalin schießt ihr durch den Kopf und ihr wird schwindelig. Wie schlimm ist es diesmal?

Wahrscheinlich hat Pelle den Tabak, vielleicht auch Reste von Drogen oder was sich sonst noch verwerten lässt, geplündert. Nach einem Portemonnaie oder einem Personalausweis braucht sie nicht zu suchen.

Ihr Blick geht zurück zu dem Jungen, der dringend einen Schuss braucht. Nicht nur, um seine Sucht zu befriedigen. Sondern zusätzlich einen Schuss gegen den Schrecken. Und auf den Mut, dass er Hilfe gerufen hat. Karo geht die letzten drei Meter auf den Lumpenhaufen zu. Ihr Herz schlägt ihr bis in den Hals, als sie sich über den Körper beugt. Sie sieht verklebte Haare. Karo hält den Atem an, als sie den Körper an der Schulter berührt.

»Hallo!« Sie rüttelt. »Kannst du mich hören?«

Es ist ein Mädchen. Karo wird schwarz vor Augen. Ist das Isabella? Die Streetworkerin sackt auf die Knie. Wut brodelt in ihr auf und sie schüttelt stärker. »Isi, mach die Augen auf!«

Pelle wimmert.

Karo fährt über die Haare des Mädchens. Sie sind feucht und verkrustet. Das ist mehr als nur fettiges Haar. Sie nimmt die Handylampe zur Unterstützung. Ist das Blut? Sie kniet nun vor dem Mädchen und tastet mit Zeige- und Mittelfinger nach der Halsschlagader. Kein Puls.

»Scheiße!«

Karo verliert das Gleichgewicht beim Aufstehen und stützt sich auf der kalten Erde ab, um nicht umzufallen. Spitze Kieselsteinchen bohren sich in ihre Handfläche. Sie drückt sich mit einem Ruck nach oben und reibt die Hände aneinander, während sie sich zu Pelle umdreht. Sie legt die Hände auf seine Schultern und schaut in seine riesigen Pupillen. Pelle trippelt immer unruhiger. Karo übt behutsam Druck auf seine Schultern aus in der Hoffnung, ihn zu beruhigen.

»Wie hast du sie gefunden?«, fragt sie mit einer Mischung aus Verzweiflung und Besorgnis.

»Sie lag schon da.« Er dreht den Kopf über seine Schulter. Die Anstrengung, die Streetworkerin hierherzubringen, spiegeln sich in seiner Unruhe wider, er hat mehr Einsatz gezeigt, als er Ressourcen hat. Er wollte, dass das Mädchen gefunden wird. Er wollte sie nicht einfach so liegen lassen. Aber was er noch viel weniger wollte, war, mit der Polizei zu tun zu bekommen. Nun hat er den Staffelstab der Verantwortung an Karo weitergegeben.

»Hey, Lady, ich muss jetzt echt los.« Er zappelt immer wilder und schaut in Richtung Stadtzentrum, bis er ihren Blick fahrig wieder aufnimmt. »Ich muss noch was besorgen, okay?«

Karo nickt Pelle zu und bedeutet ihm damit zu verschwinden. Sie sieht sich um. Leuchtet zu den maroden Lagerhallen. Die Büsche um sie herum sind schwarz, eine Schwärze, die sich in ihrem Körper ausbreitet und die Brust verengt. Ihr Herz schlägt wild gegen die innere Dunkelheit, da hilft auch kein Handylicht.

Was ist das für ein Rascheln? Das Handy rutscht aus ihren zitternden Händen. Es versagt ihr den Atem, als sie sich zu dem Boden bückt, um das Licht wieder aufzuheben. Die Dunkelheit verstärkt die unheimlichen Geräusche. Sie zuckt zusammen. Ist das ein Vogel im Gebüsch? Jemand hinter den verfallenen Mauern? Ihr schwindelt es bei dem Gedanken, nachts allein in diesem abgelegenen Teil des alten Bahnhofs herumzustreifen. Hier liegt eine tote junge Frau, da ist sie sich auch ohne Arztausbildung sicher. Sie nimmt ihren letzten Mut zusammen und wählt die 112. Wenn sie schon so leichtsinnig ist, an diesem Ort zu bleiben, dann wenigstens mit der Polizei am Ohr. »Hallo! Ich habe eine Leiche gefunden.«

 

Kapitel 2

 

Karo stürmt direkt von der Wohnungstür in die Küche zum Kühlschrank. An Max’ Zimmer zieht nur ein Rauschen vorbei. Kein »Hallo, Schatz, wie geht es dir?«, nicht einmal die Schuhe hat sie abgestreift oder die Jacke an die Garderobe gehängt. Max weiß genau, was das heißt. Seine Mutter hat Stress.

»Was hast du denn?«, fragt er, seine Stimme besorgt.

»Nichts.« Sie öffnet den Kühlschrank und nimmt den Weißwein.

»Mum, Alkohol ist keine Lösung!«

Sie entkorkt mit Schwung die Flasche und füllt ein Glas. Bevor sie ihm antwortet, nimmt sie einen vollen Schluck. »Alkohol ist keine Lösung, das ist richtig, mein Schatz. Aber nicht immer verlangt das Leben nach Lösungen. Manchmal verlangt es einfach, dass man für einen Moment wegschaut. Vergessen will.«

Max beobachtet den schmalen Rücken seiner Mutter. Die spitzen Schulterblätter unter dem dünnen Blusenstoff, wie kleine Flügel, die sie dennoch so stark erscheinen lassen. Aber heute zittert sie. Er kennt das Zittern und er weiß, dass sie in solchen Momenten alles tut, um nicht vor ihm zusammenzubrechen. Langsam geht er auf sie zu. Sie bleibt ruhig. Bewegungslos. Er legt behutsam seine Hand auf ihre Schulter und spürt ihr Beben.

»Mum! Was ist denn passiert?«, fragt er, sanfter diesmal.

Karo dreht sich nicht um. Sie senkt den Kopf und murmelt: »So eine Scheiße.« Tränen glitzern in ihren Augen, als sie die Flasche absetzt und mit den Handflächen auf die Arbeitsplatte schlägt. »So eine beschissene Welt.«

Plötzlich bricht Max in einen heftigen Hustenanfall aus. Karo dreht sich sofort zu ihm um, lässt das Glas stehen und geht hastig auf ihn zu. »O Gott, Max!« Ihre Stimme klingt jetzt voller Sorge. Sie legt eine Hand auf seinen Rücken, streicht ihm über die Schulterblätter. »Alles gut, Schatz? Atme tief durch, ganz ruhig.« Ihre Finger zittern, während sie ihm weiter den Rücken reibt.

Sie hört das Rasseln in seinen Lungen. Es reißt sie jedes Mal aus ihrer eigenen Verzweiflung, wenn sie sieht, wie stark er ist – stärker, als die Ärzte es je für möglich gehalten haben. Ihr tapferer Junge.

Ohne ein weiteres Wort holt sie ihm ein Glas Wasser, das er zitternd entgegennimmt. Er trinkt einen Schluck und setzt sich langsam, immer noch keuchend. »Es ist alles gut, Mum«, sagt er, obwohl beide wissen, dass es nie wirklich »gut« ist.

Sie setzt sich neben ihn und wischt sich schnell die Tränen aus dem Gesicht. Ihr Blick wandert unweigerlich zum Kühlschrank, an dem der nächste Arzttermin für Max hängt. Montag. Sie atmet tief durch und schaut dann wieder auf ihn. »Du bist so tapfer, Max.« Sie streicht ihm sanft über den Kopf. »Ich weiß, dass du es schwer hast. Und ich wünschte, ich könnte dir das alles abnehmen.«

Max lächelt schwach. »Du tust mehr für mich, als du denkst, Mum. Immer.«

Wenn Leid zur Routine wird.

Sie schnauft, bevor sie sich mit einem erschöpften Lächeln über die Nase wischt.

»Und was ist bei dir los?«, fragt er, als er sich wieder gefangen hat.

Karo sieht ihn an und zögert kurz. Dann streicht sie nervös über ihren Kettenanhänger und murmelt: »Ich habe heute wieder ein Mädchen gefunden. Tot.«

Max’ Augen weiten sich. »Überdosis?«

»Ich glaube eher Gewalteinwirkung.« Ihre Stimme bricht, als sie die Worte ausspricht.

»Scheiße!« Max räuspert sich und trinkt einen weiteren Schluck Wasser. »Das Leben kann ein Arschloch sein.«

Karo nickt, während sie ihren Sohn eindringlich ansieht, in seinen Augen Trost suchend. »Das kann es.« Sie fährt ihm noch einmal zärtlich über die Schulter. »Aber wir geben nicht auf, oder?«

Kapitel 3

 

Ein leises Glöckchen ertönt, als Karo das Spooney’s betritt. In der Suppenküche für Bedürftige herrscht ein dichter, schwerer Duft nach warmer, deftiger Suppe, der sich mit dem scharfen Geruch von Schweiß, kaltem Rauch und dem frischen, erdigen Aroma des Regens vermischt, der draußen in Strömen fällt.

»Wie war dein Tag, Dagmar?«, fragt sie die ältere Frau mit einer zerschlissenen Baseballkappe, die hier Stammgast ist.

Dagmar schaut sie mit müden Augen an. »Mit über fünfzig Jahren vergeht die Zeit schneller auf der Straße. Ich muss mich mal darum kümmern, dass ich diesen Winter nicht wieder draußen hocke. Das geht nicht mehr.«

Sie legt die Hand auf Dagmars Schulter und lächelt. »Kann ich dir helfen?«

Die Frau lugt unter dem Schild ihres Käppis hervor. »Ich schau nach einem Zimmer, ein möbliertes oder zumindest in so einer betreuten WG.«

»Wenn ich was höre, sage ich dir Bescheid.« Sie streicht ihr über den Arm. Ihr Blick geht zur Theke. Ihr Kollege füllt gerade für einen schlaksigen jungen Mann einen Plastikteller mit Suppe nach.

»Hey, Matze, ist Pelle schon da?«

»Nein. Aber eine neue Lieferung ist angekommen, kannst du das übernehmen?«, fragt er, während er den Suppenlöffel in der Hand dreht.

Verdammt! Ich hoffe wirklich, dass er bald kommt, denkt sie und verschwindet in den hinteren Raum, um die neue Kleiderspende zu sortieren. Die Regale sind überfüllt, das Durcheinander ist kaum zu bändigen. Pelle sollte längst da sein. Aber es ist nicht ungewöhnlich, dass ihre Schützlinge unzuverlässig sind. Viele sind auf Drogen tagelang wach, verschlafen Termine oder haben Wichtigeres im Kopf, wie die Beschaffung neuer Drogen.

Sie hört das leise klingeln und lugt aus dem Zimmer zum Eingang. Aber wieder ist es nicht Pelle. Sie schaut auf die Uhr und seufzt. Er ist sehr sensibel. Durch die Drogen hat er paranoide Schübe. Kommt er mit dem Tod des Mädchens klar? Was hat er sich gestern noch eingeschmissen?

Sie streicht über einen Stapel Pullover und schaut stolz in die sortierten Regalfächer. Lange wird die Ordnung nicht vorhalten.

Karo erschrickt, als ihr Kollege in der Tür steht und sie anspricht: »Musst du nicht gleich los?« Er mustert sie. »Willst du so gehen?«

Sie schaut auf ihre Uhr. »O Sch –« Sie stürzt an Matze vorbei. »Schon so spät!« Ihre Bürotür schlägt zu.

Karo steckt die weiße Bluse in ihre Jeans, der Stoff liegt weich auf ihrer Haut, bevor sie ihr schwarzes Cordjackett überzieht. Und natürlich dürfen ihre Sneakers nicht fehlen. Als sie in den Speisesaal zurückkommt, wartet Pelle auf sie.

Er kommt auf sie zu. »Hi, Lady. Ist das Mädchen …«

Karo strauchelt. »Pelle? Du kommst zu spät.« Sie schaut wieder auf die Uhr und schiebt sich an dem Jungen vorbei.

Pelle ist verwirrt. »Aber, aber wir wollten …«

In ihre Wangen schießt Hitze. »Jetzt nicht! Ich muss zu einer Spendengala. Das ist mega wichtig.«

An der Tür hält sie kurz inne und schaut zurück. Sie zischt durch zusammengebissene Zähne: »Uns werden immer mehr Gelder gestrichen und es gibt immer mehr Menschen, die Hilfe brauchen. Mal schauen, ob ich da noch was locker machen kann. Ich muss jetzt echt los. Wir reden später.«

Karo winkt ihrem Kollegen zu. »Matze, halt die Stellung.«

Er zeigt ihr einen Daumen hoch. »Du machst das schon.«

Pelle steht wie angewurzelt und schaut ihr hinterher.

 

 

Kapitel 4

 

Karo steht auf der Bühne vor einer glänzenden Kulisse. Die Lichter sind grell. Es ist ein krasser Widerspruch zu den dunklen Ecken der Stadt, in denen sie kämpft.

Sie tritt ans Mikrofon und beginnt, mit einer aufrichtigen und festen Stimme zu sprechen.

»Meine Damen und Herren, ich bin heute hier, um mit Ihnen über einen Traum zu sprechen - meinen Traum von einer Gesellschaft, die hinsieht und hilft. Eine Gesellschaft, in der niemand übersehen oder vergessen wird, weil wir alle wissen, dass wir zusammengehören. Ich habe diesen Traum, weil ich jeden Tag auf den Straßen unserer Stadt sehe, wie Menschen kämpfen und leiden. Aber ich sehe auch, wie viel Gutes in den Herzen der Menschen steckt.«

Karo blickt zum Publikum, ihre Augen suchen Kontakt mit den Zuhörern. Doch was sie sieht, sind die blasierten Gesichter der pikierten Damen. Zu enge Kleider und zu große Klunker um ihr faltiges Dekolleté. Sie blickt in die gelangweilten Mienen der befrackten Herren. Und atmet tief durch.

»Jeder von uns kann helfen, und es sind oft die kleinen Dinge, die den größten Unterschied machen. Ein Lächeln für einen Obdachlosen, statt ihn zu ignorieren oder zu beschimpfen. Das ist keine große Geste, aber sie kann ihm das Gefühl geben, dass er nicht unsichtbar ist, dass er immer noch dazugehört.«

Karo spürt, wie ihre Worte ins Leere verhallen. Ihre Finger krallen sich in das Pult. »Und was ist mit den Nachbarn, die immer Streit haben?«, fragt sie fast flehend. »Anstatt wegzusehen oder sich zu beschweren, können wir auf sie zugehen. Wir können versuchen herauszufinden, was sie brauchen, was sie verletzt. Wir können versuchen, Brücken zu bauen, anstatt Mauern zu errichten. Denn am Ende sind wir alle Nachbarn in dieser großen Gemeinschaft.«

Im Saal geht es zu wie in einem Bienenstock. Gesumme und Gedrängel. Es interessiert niemanden auch nur ein Wort. Ihre Stimme bricht fast, und ihr Blick kann ihre Enttäuschung nicht ganz verbergen. Aber ihr Gesicht verteidigt ihre Entschlossenheit und Leidenschaft, die sie nicht aufgeben will.

»Wir alle können dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft freundlicher, mitfühlender und solidarischer wird. Es ist keine Utopie, es ist eine Vision, die wir gemeinsam verwirklichen können. Jeder von uns kann einen Unterschied machen, und wenn wir alle zusammenarbeiten, dann können wir Großes erreichen.«

Karo senkt den Blick und ihre Schultern hängen schwer herab. Sie atmet tief durch und schlägt mit den Handflächen auf das Pult. Das Getuschel und Klirren der Kristallgläser verstummt für einen Moment. Ihre Stimme ist kraftvoll.

»Heute ist es nicht mehr nur das Wegsehen. Heute ist es eine Unkultur des Ergötzens, des Voyeurismus. Man gafft und schaudert wohlig angesichts des Leidens anderer. Das bringt Schwung in das eigene unbedeutende Dasein.«

Karo stützt sich am Stehpult ab, streckt ihren Rücken durch. Ihr Blick ist auffordernd. »Die Römer ergötzten sich an blutigen Gladiatorenspielen. Heute kommen die Schaulustigen ins Bahnhofsviertel. Abends treffen sich Banker und Berater in der Komfortzone vor dem Yok Yok Kiosk, um dem Schauspiel zuzuschauen, das die Schwachen bieten.«

Karo schaut in versammeltes Desinteresse. Bis ihre Augen an einem Blick hängen bleiben. Einer hört ihr zu. Sie beißt sich auf die Unterlippe. Vor ihrem Auge flackern Bilder von Isi. Wie sie tot zwischen den Gleisen liegt. Erschlagen. So jung. Sie hatte ihr Leben noch vor sich.

Karo atmet durch. Ihr Blick wird unscharf, ihre Stimme lauter. »Ich möchte Ihnen von einem jungen Mädchen erzählen. Isabella. Ihre Freunde nannten sie Isi. Isi war ein talentiertes und lebensfrohes Mädchen aus einem liebevollen Haus. Sie hatte Träume und Ziele und eine Zukunft.«

Sie scannt die Gesichter. Wer von den Gentlemen sich wohl schon in den dunklen Seitenstraßen herumgetrieben hat? Wer von ihnen hat die Verzweiflung der Straße ausgenutzt, um seine Macht an Schwächeren auszuleben? Um mit jugendlichen Junkies Sachen zu treiben, die sie mit ihren Frauen nie wagen würden. Angewidert verbietet sich Karo, diese Gedanken weiterzudenken.

»Isi war ein Mädchen, das in den falschen Freundeskreis geriet, und sie wurde von den verlockenden Versuchungen der Drogen in eine düstere Welt gezogen. Was als gelegentlicher Gebrauch begann, entwickelte sich schnell zu einer gefährlichen Abhängigkeit. Die Drogen nahmen ihr Selbstwertgefühl, ihre Träume und ihre Gesundheit. Isi fand sich auf einem dunklen und hoffnungslosen Weg wieder.«

Karo schaut auf. Er hört immer noch zu. Einer. Ihr Herz schlägt ihr bis in den Hals. Doch sie entschließt sich, weiterzureden. Sie will weiter von ihrer Vision sprechen. Und in ihrer Vision wird Isi ein neues Leben beginnen. Ohne Drogen. In ihrer Vision hat das Mädchen eine Zukunft.

»Ich traf Isi auf der Straße, als sie in einer besonders schlimmen Phase ihres Lebens war. Sie war obdachlos, unterernährt und von der Welt entfremdet. Wir begannen zu reden und ich nahm sie mit zu uns ins Spooney‘s. In unserer Einrichtung können Obdachlose duschen, Wäsche waschen, Mittag essen, neue Kleidung bekommen. Darüber hinaus bieten wir Sozialberatung und helfen, wo wir helfen können. Bei uns steht die Akzeptanz der Person im Vordergrund. Wir möchten unseren Schützlingen eine Perspektive aufzeigen, sie sollen das Gefühl entwickeln, dass es auch ein Leben ohne Drogen gibt.«

Das Getuschel und das Gläserklirren werden lauter. Diese Gesellschaft ist nicht hier, um Vorträgen über Arme zu folgen. Diese Gesellschaft ist hier ihrer Gesellschaft wegen. Spendengalas sind ein vielleicht lästiger, aber auch nur kleiner Teil ihres elitären Kreises. Wofür oder wogegen, das interessiert in diesem Saal nur den austauschbaren Vortragenden. Es spielt keine Rolle, ob Karo weiterspricht oder einfach geht. Hier wird nicht Leistung honoriert oder Bedürftigkeit anerkannt, hier geht es um Ansehen und Prestige, und das kann sie nicht bieten.

»Wir hätten Isi helfen können. Sie hätte es rausgeschafft. Aber es ist zu spät.« Demonstrativ rafft sie die Blätter ihre Rede zusammen und klopft sie auf dem Pult zu einem akkuraten Rechteck. Sie schraubt ihre Stimme höher und kreischt beinah ins Mikrofon: »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich freue mich auf Ihre großzügigen Spenden.«

Hastig verlässt sie die Bühne und nimmt direkten Kurs auf den nächsten Kellner. Der Befrackte, nicht nur für das Stehen, sondern auch für das Aufmerksamsein bezahlt, registriert die zornige Rednerin und hält ihr mit einer kleinen Verbeugung das Tablett entgegen. Karo greift sich eine Champagnerflöte und kippt den Inhalt in einem Zug hinunter. Die feinen Perlen steigen ihr in die Nase und sie verzieht das Gesicht. Der Kellner schaut sie mit einem schiefen Grinsen an. Der Geruch von Schweiß, schwerem Parfüm und aufdringlichem Eau de Toilette pour homme macht Karo schwindelig. Der Kellner steht noch immer vor ihr und bietet ihr erneut das Tablett an. Sie stellt das leere Glas ab, nimmt sich ein neues und nickt ihm mit einem Lächeln zu. Er zwinkert und wendet sich der Upperclass zu.

Karo nippt an ihrem zweiten Glas, als ihr jemand auf die Schulter tippt. Sie erschrickt und verschluckt sich, hustet wenig elegant. Das war keine Berührung aus der Menge, das war eine Berührung, die einzig und allein ihr galt.

In ihrem Rücken tönt ein tiefes, dröhnendes Lachen. »Warum so schreckhaft? Auf der Bühne waren Sie doch auch ein starker Kerl.«

Neugierig dreht Karo sich um, während sie sich pantomimisch die Mundwinkel abtupft. Als Erstes sieht sie in blaue Augen, in denen der Schalk funkelt. Es ist der Mann, der ihr als Einziger zuhörte. Lachfältchen, die um seine Augen tanzen, nehmen seiner hünenhaften Gestalt das Bedrohliche. Karo spürt die kribbelnde Lähmung des Adrenalins in ihren Fingerspitzen, aber wie immer siegt ihre Neugierde.

»Warum schreckhaft?« Sie ignoriert die Hand des Mannes. Sie kennt diese Art von Mann, die nur Macht demonstrieren will. Sie wird sich ihm gegenüber keine Blöße geben. Sie wird ihm weder zeigen, wie sehr ihre Hände zittern, noch das tun, was er von ihr erwartet. Sie ist schon lange nicht mehr das kleine Püppchen, das sich einschüchtern lässt. Sie weiß, wo sie im Leben steht. Sie weiß, was sie erreichen kann. Da spielen die Größe oder das Geschlecht keine Rolle. Und sie weiß, dass sie vor niemandem Angst zu haben braucht. Denn wer die Verantwortung für sein Leben übernimmt, braucht vor nichts mehr Angst zu haben. Respekt baut sich auf aus Interesse und Vertrauen. Nicht über Titel und Macht.

Aber Männer wie er – groß, elitär, mit diesem unverschämten Selbstbewusstsein, das alles und jeden dominieren will, – erinnern sie an die Typen aus ihrer Schulzeit. Die, die glaubten, die Welt läge ihnen zu Füßen. Diejenigen, die sie und andere Mädchen wegen ihrer Kleidung, ihrer Herkunft oder einfach nur, weil sie anders waren, herabgewürdigt haben. Karo erinnert sich noch gut daran, wie sie als Teenager durch die Flure ging und sich dabei klein und unsichtbar fühlte, während diese Typen immer das Gefühl vermittelten, dass sie über alles und jeden bestimmen könnten.

Und jetzt, auf der Straße, begegnet sie immer wieder Männern wie ihm. Die Art, wie sie ihre Schützlinge – die Kinder und Jugendlichen, die ohnehin schon alles verloren haben – behandeln, als wären sie weniger wert, nur weil sie auf der Straße leben. Männer, die glauben, dass sie das Recht haben, über das Leben anderer zu urteilen, ohne jemals einen Blick hinter die Fassade zu werfen.

Karo zieht ihre Augenbraue hoch, ihre Stimme ist kalt und distanziert, als sie fragt: »Und wer sind Sie?«

Ein erneutes Lachen lässt ihr Trommelfell vibrieren. In den Augen ihres Gegenübers blitzt der Ehrgeiz eines Jungen, der zu einem Wettkampf aufgerufen wird. Der Fremde zieht seine ausgestreckte Hand zurück und nimmt sich ein Glas von dem Tablett, das ein aufmerksamer Kellner ihm entgegenhält. Der Hüne lässt sein Glas zum Gruß gegen ihres klingen.

»Ich bin Karl vom Stein. Chirurg.« Er trinkt einen Schluck, damit die Worte in Karo nachklingen können, bevor er weiterspricht. »Ich fand Ihren Vortrag sehr interessant.«

Karos Gesichtszüge erstarren. Der Mann nutzt ihr Schweigen. »Ich weiß, wovon Sie sprechen. In meiner Klinik behandeln wir viele Ihrer Klienten.«

Karos Augen verengen sich zu Schlitzen. Wieder lässt Adrenalin ihre Glieder brennen, nur diesmal nicht aus Angst, sondern aus Wut. Klienten! Wie sie es verachtet, wenn Menschen über Menschen wie über Dinge reden. Sie hat keine Klienten, sie unterstützt hilfsbedürftige Menschen, denen kein sorgloses Leben in die Wiege gelegt wurde, die stattdessen in einen Abgrund gerutscht sind. Ihre Aufgabe ist es, Seile zu suchen, Strickleitern zu bauen, um ihnen zurück in die Gesellschaft zu helfen. Das sind keine Vorgänge, die sie nach bürokratischen Richtlinien abhandelt.

Der Mann redet weiter, ohne sich von ihrem eisigen Blick beeindrucken zu lassen. »Sie sind wie Sisyphos. Nur, dass Sie versuchen, aus einem Fels einen Edelstein zu schlagen. Manchmal haben Sie Glück. Aber die meisten Steine bleiben Steine. Vergeudete Mühen.«

Nun wird auch Karos Mund zu einem schmalen Strich. Wie kann dieser arrogante Schnösel so herablassend von ihren Schützlingen, so niederschmetternd von ihrer Arbeit sprechen? »Was wollen Sie dann von mir?«

Der Mann kann mit dem Lachen nicht aufhören. »Ich finde Sie sehr interessant.«

Karo neigt ihren Kopf zur Seite. Interessant. Interessant ist ein interessantes Wort. Es kann alles heißen. Gut oder schlecht. Herausragend oder peinlich.

Karl trinkt einen Schluck, bevor er weiterredet. »Mich würde interessieren, ob Sie das, was Sie gerade voller Nachdruck vorgetragen haben, auch in der Wirklichkeit so umsetzen.«

Karo schüttelt sich. »Was bilden Sie sich ein …«

Sie aufgeblasener Schnösel!, kann sie gerade noch so mit einem räuspernden Grummeln unterdrücken. Sie spürt, wie Wut ihr die Hitze in den Kopf treibt. Sie weiß, dass sie ihren Impuls, ihn anzuschreien, unterdrücken muss. Sie weiß, dass die Zeit für sie spielt. Sie braucht Zeit, bevor sie dumme, nicht wiedergutzumachende Dinge tut.

Der Mann belächelt die Röte, die Karo ins Gesicht geschossen ist. In seinen Augen blitzt die Spiellust. »Es gibt nichts Gutes. Alles läuft auf Egoismus und Gier hinaus. Der Mensch ist die personifizierte Todsünde.«

Karo trinkt ihr Glas aus. Wenn die Gläser leer sind, ist die Party zu Ende. Sie macht auf dem Absatz ihrer Turnschuhe kehrt und bewegt sich mit leichten, schwingenden Schritten Richtung Ausgang.

Er ruft ihr hinterher: »Wir werden uns wiedersehen.« Und gerade noch so hört sie, wie er leise sagt: »Und ich werde recht behalten.«

 

Kapitel 5

 

»Bitte nicht! Nicht! Ich brauche meine Finger. Ich bin Arzt!«

Karls Kopf schnellt nach hinten. Knacken. Ein gebrochener Nasenrücken. Eine Faust trifft sein Auge. Der nächste Schlag geht in die Magengrube. Dann liegt er auf dem Boden, in Embryonalstellung. Die Hände über dem Kopf.

»Du hast eine Woche Zeit, das Geld aufzutreiben. Hunderttausend Euro plus fünfundzwanzigtausend Zinsen. Sonst brechen wir dir nicht nur die Finger. Dann brechen wir dir dein Rückgrat.«

Er wimmert in seine Brust. »Woher soll ich hundertfünfundzwanzigtausend Euro nehmen?«

»Du bist doch Arzt. Lass dir was einfallen!«

Der andere Schläger tritt ihm in den Rücken. »Erst hoch zocken und dann flennen!«

Ein stechender Schmerz durchfährt Karl. Er krümmt sich nach hinten. Ein Tritt kracht gegen sein Schlüsselbein.

»Und weitere fünfundzwanzigtausend Euro für deine unqualifizierten Kommentare.«

Der dritte Schlägertyp lacht.

»Hundertfünfzigtausend Euro. Eine Woche.«

Karl wimmert. Als sich einer der Schläger neben ihn hockt, igelt er sich noch mehr zusammen. Der Mann ist nun ganz dicht an Karls Ohr. »Organe bringen eine Menge auf dem Schwarzmarkt. Was ist aus dem Mädchen geworden, das du dem Chef versprochen hast? Warum wurde sie tot aufgefunden? Sie sollte doch für uns auf den Strich gehen.« Er schlägt ihm mit der flachen Hand auf den Kopf. »Mach deine Arbeit ordentlich! Dann bekommst du auch keinen Ärger.«

Karl wagt es, seine Hand von seinem Gesicht zu nehmen, um den Mann anzuschauen. Blut läuft ihm aus der Nase in den Mund. »Man kann doch nicht …« Karl stöhnt. »… einfach Organe entnehmen …« Er presst kurz die Zähne aufeinander. » … in Tupperware packen und auf eBay verkaufen.« Er stöhnt laut. »Das … chirurgische Präzisionsarbeit … müssen Parameter von Spender und Empfänger passen … OP zeitnah.« Er schüttelt den Kopf und stößt die Luft pfeifend durch die Zähne. Das Blut und das geschwollene Auge verzerren sein Sichtfeld. Er zuckt zusammen.

Der Schläger streicht fast liebevoll über seinen Kopf. »Du machst dir zu viele Gedanken. Wir geben dir die Parameter. Wir besorgen einen gut ausgestatteten Raum. Du musst nur einen geeigneten Spender mitbringen und die OP durchführen.«

Der Schläger greift grob nach Karls Hand und wackelt einmal mit jedem Finger. »Die Hand ist doch noch heil. Glaubst du, dass es ein Problem für dich wird, geeignetes Material zu finden?«

Karl liegt reglos da und starrt den Mann an. Der Schläger holt ein kleines Handy hervor und steckt es ihm in die Jackentasche. Er klopft noch einmal auf Karls Schulter und steht auf.

»Wir melden uns bei dir. Du hast eine Woche Zeit, geeignete Ware zu finden, den Rest erledigen wir.«

 

Kapitel 6

 

Das Rolltor rattert im Stakkato hoch. Der Motor der Original Vespa knattert erwartungsvoll. Karos Haut lechzt nach dem frischen Wind, der ihr unter die Bluse zieht. Sie gibt der Kupplung nach. Die Automatik gibt Schub und sie jaulen den steilen Anstieg aus der Tiefgarage hinauf auf die Straße. Sie gibt Gas.

»Hey, weg da!«

Kraftvoll zieht sie die Bremse. Die Beschleunigung, die mit einem Ruck beendet wird, der steile Anstieg, die durch den Schreck starren Arme und Beine – sie kann sich nicht halten und kippt samt Roller um. Sie fällt genau in das Mädchen hinein.

Immer wieder wird sie sich später fragen: Warum stand sie da? Das Mädchen hätte es hören müssen. Den Motorroller. Das Rolltor. Warum stand sie da? Reglos. Ohne jede Reaktion. Als wollte sie umgefahren werden.

In diesem Moment denkt sie gar nichts. »Hey!«

Die Welt beginnt zu fallen. Ihr behelmter Kopf fällt wie eine Abrissbirne. Schreie. Ein kurzes Durcheinander. Metallisches Scharren. Ihr Kopf macht Rums im gepolsterten Helm. Sie braucht einen Moment, um sich zu orientieren. Es rauscht in ihrem Kopf. Die Ohren schmerzen. Ihr Herz ist verrutscht und schlägt im Hals weiter. Stiche in ihrem Bein. Es ist unter dem Roller eingeklemmt. Sie schaut sich um, versucht, die Lage einzuschätzen.

Das Mädchen liegt neben ihr auf dem Rücken. Der Kopf ist zu ihr gedreht. Die braunen Augen fixieren sie.

»Geht’s dir gut?« Karo versucht, die Arme nach dem Mädchen auszustrecken. Versucht, es zu berühren. Erreicht es nicht. Das Mädchen starrt sie an. Sein Gesicht ist ohne Ausdruck. Keine Angst. Kein Schmerz. Nichts. Es starrt wie unbeteiligt. Hatte es dieses Mädchen darauf angelegt, angefahren zu werden? In Karos Kopf tost das Meer. Dieser Gedanke! Aber die Projektion von Schuld auf das Mädchen rührt wohl eher von ihrem schlechten Gewissen, als dass dem Gedanken näher nachgegangen werden sollte. Das Adrenalin rauscht durch ihre Adern. Statt zu denken, handelt sie. Ohne Erinnerung.

Diese ausdruckslosen braunen Augen! Im nächsten Moment steht die Streetworkerin über dem Mädchen. Sie versucht die stabile Seitenlage. Aber das Mädchen macht sich steif.

Karo schaut sich um. »Kann mir jemand helfen?«, flüstert sie.

Aber es ist niemand da. Sie kann sich nicht erinnern, dass die Straße jemals so leer gewesen ist. Kein Auto. Kein Passant. Nichts und niemand.

Sie kniet sich neben das Mädchen. Karo ist es von jeher gewöhnt, keine Hilfe zu bekommen. Unser Zeitalter besteht aus Wegschauen. Und aus dem Handy. Sie zieht ihres aus der Tasche ihrer Jeans und wählt 112.

Als sie das Handy ans Ohr hält, gerät die Welt erneut ins Wanken. Es klackert und das Handy schlittert die Auffahrt hinunter. Sie schaut zu dem Mädchen. Das sitzt aufrecht vor ihr. Es starrt sie noch immer an. Aber diesmal blitzt etwas in seinen Augen. Panik?

»Nein!« Das Mädchen schaut dem Handy hinterher und danach wieder zu Karo. »Bitte nicht!«

Karo spürt einen stechenden Schmerz in ihrem Bein, der Blitze in ihren Kopf feuert. Aber für Schmerz und Übelkeit ist jetzt keine Zeit. »Bitte was nicht?«

Das Mädchen schüttelt den Kopf. Die Angst hat sich in pure Panik gesteigert. »Bitte kein Notruf.«

Karo schaut zum Handy. Sie will sich gerade aufrichten, da klammert sich das Mädchen so an ihre Bluse, dass sie fürchten muss, die Nähte könnten jeden Moment reißen. Karo packt seine Handgelenke, woraufhin das Mädchen erneut den Kopf mit den schulterlangen Haaren schüttelt. »Bitte nicht!«

Es zerrt und versucht, die Hände zu befreien. Die viel zu weiten Ärmel des Pullovers verrutschen. Karo sieht unzählige Narben. Das Mädchen bemerkt ihre Blicke und zieht die Arme weg und stemmt sich auf. »Mir geht es gut. Ich brauche keinen Krankenwagen.«

Karo steht ebenfalls auf. Der Schmerz blitzt hinter ihren Augen und sie muss alle Kraft zusammennehmen, um nicht umzufallen.

So stehen sie sich gegenüber. Sie mustern sich von oben bis unten. Das Mädchen ist sehr zart, und doch hat es etwas Wildes, etwas Störrisches an sich. Seine Kleidung ist ihm viel zu weit, als wollte es etwas darunter verbergen. Eine Augenbraue ist aufgeplatzt. Hübsch ist es. Auch wenn es das zu vertuschen sucht. Das Haar zerzaust, im Gesicht aufgekratzte Stellen. Das Alter nicht einzuschätzen. Zwischen 12 und 21 Jahren scheint alles möglich.

»Du bist verletzt. Sonst alles in Ordnung mit dir?«

Das Mädchen nickt.

Karo nimmt den Helm ab und blickt zur Einfahrt hinunter.

»Nein!«, schreit das Mädchen sofort.

»Ich will doch nur mein Handy holen.« Ein ungutes Gefühl breitet sich in Karos Magengrube aus. Es wird sie noch lange beschäftigen. Warum hat sie dem Gefühl keine weitere Beachtung geschenkt? Sonst überlässt sie immer alle wichtigen Entscheidungen ihrem Bauchgefühl. Es ist wohl der Schock, der stechende Schmerz, durch den sie weder klar denken noch klar fühlen kann.

Sie hievt den Roller hoch und stellt ihn am Straßenrand ab. »Komm mit, wir gehen erst mal rein!«

 

Kapitel 7

 

Glück im Unglück.

Jeden Dienstag ist der rollende Arzt am Bahnhofsviertel und versorgt ehrenamtlich die Bedürftigen. Karo lugt in das Arztmobil. »Sie? Wie sehen Sie denn aus? Was machen Sie hier?« Karo steht mit offenem Mund Dr. vom Stein gegenüber.

Er erwidert: »Danke. Und was machen Sie hier?«

Über seinem Nasenrücken klebt ein Pflaster. Das erklärt den nasalen Klang seiner Stimme. Sein linkes Auge hat eine violette Schwellung. Karo schaut sich in dem Kleinbus um. Ist dieser Arzt beim Arzt oder ist er der Arzt?

Dr. vom Stein mustert unterdessen das Mädchen, das nun auch interessiert in den Bus schaut. »Ich denke, es geht hier um dich?«

Karo steht verblüfft Dr. vom Stein nicht nur gegenüber, sondern auch im Weg. Er schiebt sie zur Seite, da verzieht sich sein Gesicht vor Schmerz. »Ich bin ausgerutscht. Kann ich jetzt bitte die eigentliche Patientin untersuchen?«, erklärt er auf ihren skeptischen Blick.

Karo neigt ihren Kopf und mustert seine Blessuren. Ausgerutscht?

Sie legt den Kopf in die andere Richtung. Nur ausgerutscht? Sie entschließt sich, nicht weiterzufragen, und tritt einen Schritt zurück, um Alina, den Namen hatte sie ihr mittlerweile rausgekitzelt, den Vorrang zu lassen.

Alina kneift die Augen zusammen und schaut zu Karo. Diese nickt ihr zu und Alina steigt in den Arztbus. Dr. vom Stein mustert sie von oben bis unten. Platzwunde an der Augenbraue. Verengte Pupillen. Deutlich zu dünn. Er wirft Karo einen Blick zu. Sie schüttelt den Kopf. »Sie ist in meiner Ausfahrt über einen Stein gestürzt, wissen Sie. Ich will nur sichergehen, dass sie keine Gehirnerschütterung oder ähnliches hat.«

Dr. vom Stein nickt und widmet sich Alina. »Setz dich bitte.«

Sie setzt sich in den Patientenstuhl und schaut sich in der Minipraxis um. Er nimmt sich ein frisches Paar Einweghandschuhe aus einer Pappbox und Mull aus einem durchsichtigen Plastikbehälter.

Als Erstes leuchtet ihr der Arzt mit einer Lampe in die Augen. »Hm. Du bist also über einen Stein gestürzt?«

Alina schaut zu Karo, die mit verschränkten Armen in der Schiebetür lehnt. Das Mädchen nickt leicht mit dem Kopf.

Der Arzt reinigt die Platzwunde und klebt ein Pflaster darüber. »Hast du Kopfschmerzen? Ist dir übel? Schwindelig?«

Alina schüttelt den Kopf.

Dr. vom Stein geht routiniert vor. »Stell dich bitte hin, mit dem Rücken zu mir.«

Sie steht auf, ohne auf ihre Schmerzen zu achten. Der Arzt drückt und klopft auf ihrer Halswirbelsäule. »Hm. Da bist du mit einem Schrecken davongekommen. Du kannst dich wieder setzen.«

Dr. vom Stein schließt die Augen. Womöglich hat er eher selbst diese Symptome, so blass, wie er ist. Er öffnet die Augen und greift nach einem kleinen Karton im Regal an der Seitenwand. Er entnimmt eine Spritze. Aus einem weiteren Schubfach einen Stauschlauch. Desinfektionsmittel, Röhrchen und Tupfer stehen auf der Ablage. Mit aufeinandergepressten Lippen dreht er sich zu Alina. »Wir sollten Blut abnehmen, das ist reine Routine.«

Alinas Kopf schnellt zu Karo, die zuckt mit den Schultern. Alina schüttelt jedoch den Kopf, zieht die Ärmel über ihre Hände und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Mir geht es gut. Ich bin 0 negativ. Das ist alles, was Sie wissen müssen.«

Dr. vom Stein beugt sich zu Alina vor. »Du hast doch keine Angst vor Nadeln?«

Alina hält den Atem an. Sie schielt kurz zu Karo, die locker am Arztmobil lehnt. Sie schluckt. Ihre Augen blicken in den Raum hinter Dr. vom Stein, als sie erstickt flüstert: »Was ist das?«

Er dreht sich um. Alina springt aus dem Auto und rennt los. Die Straße hinunter. Karo bekommt gar nicht mit, was hier so plötzlich geschieht. Sie blickt in den Wagen hinein. Dort steht Dr. vom Stein, eine Spritze in der Hand, und schaut Alina hinterher.

»Was haben Sie getan?«

»Nichts. Ich wollte ihr nur Blut abnehmen. Routine.«

Karo zieht ihre Augenbraue hoch. »Routine? Was wollten Sie untersuchen? Den Vitaminspiegel? HIV? Drogen?«

Sie wirft den Kopf in den Nacken, schließt die Augen und lacht in den Himmel. »Sie befinden sich hier auf der Straße, Doktor vom und zum Stein.«

Sie atmet schwer aus. »Großartig gemacht! Wussten Sie, dass erst kürzlich ein totes Mädchen gefunden wurde?«

Dr. vom Stein fixiert die spitzzüngige Streetworkerin.

Karo steckt gelassen ihr Haar neu zusammen, nachdem sich ein paar Locken befreit haben. »Na dann! Ich muss ein Mädchen suchen. Schönen Tag noch.« Sie eilt Alina hinterher.

Dr. vom Stein starrt auf die blutige Kompresse, mit der er Alinas Wunde gereinigt hat.

 

Kapitel 8

 

Dr. Karl vom Stein steckt den Schlüssel des Arztmobils ins Zündschloss. Ein Martinshorn ist zu hören. Er schaut in den Seitenspiegel. Nichts zu sehen. Das Geräusch scheint direkt neben ihm zu sein. Er prüft im rechten Seitenspiegel, ob er etwas auf dem Gehweg erkennen kann. Nichts. Das Martinshorn ist immer noch zu hören. Sein Blick fällt auf den Beifahrersitz. Dort liegt seine Jacke. Er zuckt zusammen, als er sich erinnert, wann er diese Jacke zum letzten Mal getragen hat. Er hat die Sätze noch im Ohr. »Wir melden uns bei dir. Du brauchst dich um nichts zu kümmern als um das Material.«

Langsam geht seine Hand zur Jacke. Die Seitentasche vibriert. Irrtum ausgeschlossen. Er greift nach dem Handy, nimmt das Gespräch an und schließt die Augen. Eine monotone Stimme nennt präzise Details, wie das Material beschaffen sein muss.

»Können Sie sich das merken?«

Dr. vom Stein schluckt. »Ich mach mir Notizen.«

Die Stimme wiederholt die Fakten und der Arzt notiert sie sich in seinem Kalender.

Dr. vom Stein sitzt immer noch im Auto und starrt ins Leere, als es an der Beifahrertür klopft. Er zuckt zusammen und schaut mit aufgerissenen Augen zur Seite. Dort steht das Mädchen von heute Morgen, das diese vorlaute Streetworkerin vorbeigebracht hatte.

Er winkt das Mädchen mit einer unwirschen Geste weg. Er hat jetzt keinen Nerv für eine Behandlung. Dann schwirren ihm seine kurzen Notizen durch den Kopf. Weiblich – erfüllt. Dreißig Jahre – wie alt wird das Mädchen sein? Vierzehn? Achtzehn? Blutgruppe AB – Blutgruppe 0 schlägt alle anderen Blutgruppen. Erfüllt. Die weiteren Voraussetzungen muss er noch prüfen. Auf jeden Fall sollte er sich das Mädchen genauer anschauen. Wie lange nimmt sie schon Drogen? Und welche? Sie sieht noch recht frisch aus. Wie heißt das Kind? Marina? Anna? Er beugt sich über den Beifahrersitz und öffnet die Tür. »Annalena? Hey, komm her!«

Das Mädchen hält sich an der Autotür fest und übergibt sich. Dr. vom Stein bleibt auch nichts erspart. Er steigt aus und geht um den Wagen herum, um den Untersuchungsraum zu öffnen. Das Mädchen setzt sich nur sehr widerwillig auf den Behandlungsstuhl. Es ist leicht unterernährt. Aber sein Körper ist noch nicht ausgezehrt.

»Wie alt bist du, Annalena?«

»Alina. Warum? Wenn ich etwas Verbotenes gemacht habe, dann bin ich fünfzehn.«

»Und in echt?«

»Achtzehn. Wie wollen Sie es haben für eine Packung Tilidin?«

Dr. vom Stein tritt einen Schritt zurück. »Was? Nein!«

»Ich habe Schmerzen!«, wimmert Alina.

Der Arzt schließt die Tür des Wagens und reicht dem Mädchen eine Tablette und ein Glas Wasser.

Es klopft an der Tür.

»Nicht jetzt!«, schimpft er kaum hörbar.

Es klopft erneut. Hämmert eindringlicher. Eine Frauenstimme. »Doktor, sind Sie da?«

»Das darf doch nicht wahr sein!« Er öffnet die Tür. Die forsche Person lässt ihn gar nicht zu Wort kommen. »Haben Sie Alina gesehen? Das Mädchen von heute Morgen?«

Alina stöhnt. Karo horcht auf und greift an ihren Kettenanhänger. »Was war das?«

Dr. vom Stein tritt beiseite. »Sie ist drinnen.«

Karo wirft einen Blick in den Bus. »Alina? Bist du es?«

»Hm.«

Karo springt in den Wagen und giftet Dr. vom Stein an: »Was machen Sie mit dem Mädchen?«

Er schaut betroffen. »Sie hatte starke Schmerzen. Ich bin hier, um zu helfen. Ich mache meinen Job.«

Sie stützt das Mädchen beim Aufstehen. Alina sackt zusammen und krallt sich am Seitenregal fest. Sie zieht sich ungelenk hoch. Karo stützt sie unter dem Arm. »Machen Sie Feierabend, ich übernehme.«

»Sie hat Schmerzen.«

Karo schaut Dr. vom Stein scharf an. »Glauben Sie, Alina geht freiwillig ins Krankenhaus?«

»Nein …«

»Ich gehe auch nicht davon aus, dass Sie sie substituieren wollen.«

»Nein, dazu fehlen mir die Mittel.«

»Na sehen Sie. Ich nehme sie mit zu mir, dort bekommt sie ein Bett, etwas zu essen und eine Ibuprofen.«

»Aber das dürfen Sie nicht!«

Karo hilft Alina die Stufe hinunter. »Manchmal müssen wir dem Verbotenen trotzen, um herauszufinden, was wir erreichen können.«

Er nickt ihr hinterher. Wie recht sie doch hat.

 

Kapitel 9

 

»Es ist spät. Du kommst heute Nacht mit zu mir. Und dann schauen wir weiter.« Karo legt ihre Hand auf Alinas Schulter und drängt sie sanft. »Komm schon!«

»Ich bin doch kein Hund!«, schnaubt Alina.

Karo prustet los und sieht Alina das erste Mal lächeln. Sie klatscht in die Hände. »Ein Lächeln steht dir gut.«

Innerlich fühlt Karo eine seltsame Freude. Sie hat das Gefühl, den richtigen Entschluss gefasst zu haben, indem sie Alina ein Stück Sicherheit bietet. Aber warum feiert sie diesen Moment so? Ist es wirklich, um Alina zu helfen, oder will sie sich selbst davon überzeugen, dass es die richtige Entscheidung war? Schließlich holt sie ein Mädchen von der Straße in ihr eigenes Reich – ein Reich, das durch das Verschwinden ihres Bruders eine schmerzhafte Lücke aufweist. Doch das Einzige, was Alina und ihr Bruder gemeinsam haben, ist der Drogenmissbrauch.

»Was hältst du von Döner oder Pizza? Oder lieber asiatisch?«

Alina zuckt mit den Schultern. Sie ist noch ziemlich benommen. »Ich mag Pommes.«

 

Sie drängeln sich durch die Menschenmenge auf dem S-Bahnsteig. Alina fühlt eine unangenehme Enge in ihrer Brust, während sie den Blick auf das Display richtet, um zu sehen, wann die nächste Bahn kommt.

»Wieder ganz schön voll«, seufzt Karo, als die S-Bahn schließlich einfährt.

Alina nickt stumm. Sie versucht, ihre Gedanken zu beruhigen und konzentriert sich darauf, tief ein- und auszuatmen.

Als die Türen aufgleiten, sehen sie in das überfüllte Innere der Bahn. Passagiere aller Art. Sie quetschen sich noch hinein und stecken irgendwo zwischen anderen Leuten fest. Geschäftsleute mit Aktenkoffern neben Teenagern. Ältere Damen halten ihre Einkaufstaschen fest. Hippe Männer und gestylte Frauen hören Musik über Kopfhörer, während andere verzweifelt nach Lücken suchen, um sich festzuhalten. Alina fühlt sich erdrückt, ihre Nervosität wächst.

Zwei Stationen vor ihrem Ziel ist der Waggon fast leer. Karo bemerkt das angewiderte Gesicht einer jungen Frau, die den neu eingestiegenen Passagier sofort verurteilt – einen Suchtkranken, der müde an der Tür lehnt. Karo spürt, wie die Anspannung unter den Passagieren zunimmt. Sie hat ein feines Gespür für solche Situationen, erkennt die Zeichen. Wie stehen die Leute beieinander, welche Miene haben sie, wie bewegen sie sich? Ein Streetworker spürt, wenn es Ärger gibt. Schnell zieht sie Alina näher an sich heran. »Hier müssen wir raus.«

Zwei Ecken vor der Einfahrt zur Tiefgarage, wo sie buchstäblich aufeinandergestoßen sind, machen sie einen Zwischenstopp beim Dönerladen. Allein der Gedanke an Essen lässt Alinas Magen krampfen. Sie entschuldigt sich und muss auf die Toilette, während Karo bestellt. Als das Mädchen zurückkommt, wirkt sie etwas entspannter und der Döner-Mann packt gerade die doppelte Portion Pommes rot-weiß ein.

 

An der Eingangstür des Hauses angekommen, stochert Karo mit zittriger Hand den Schlüssel ins Schlüsselloch. Ihr Herz hämmert ihr gegen die Brust, je näher sie ihrer Wohnungstür kommen. Alina ist selbst viel zu gehemmt, um die Aufregung der zuvor so selbstsicheren Streetworkerin zu bemerken. Sie schaut sich um. Irgendwie hat sie das unbestimmte Gefühl, etwas Verbotenes zu tun und gleich erwischt zu werden.

---ENDE DER LESEPROBE---