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Wilhelm Raabes 'Unruhige Gäste: Historischer Roman' ist ein meisterhaftes Werk, das die Geschichte eines kleinen Dorfes im 19. Jahrhundert erzählt. Durch seinen präzisen und detailorientierten Schreibstil entfaltet Raabe eine fesselnde Erzählung von Intrigen, Liebe und Verrat. Der historische Kontext des Romans bietet dem Leser einen Einblick in das ländliche Leben des 19. Jahrhunderts und die sozialen Strukturen jener Zeit. Raabe gelingt es, die Charaktere lebendig werden zu lassen und ihre inneren Konflikte auf eine packende Weise darzustellen. Dieser Roman zeigt Raabes Talent als Meister des deutschen Realismus und ist ein faszinierendes Beispiel für seine literarische Kunst. Wilhelm Raabe, als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine genaue Beobachtungsgabe und seinen feinen Sinn für menschliche Charaktere. Seine eigenen Erfahrungen als Beamter und Reisender spiegeln sich in seinem Werk wider und verleihen seinen Romanfiguren Authentizität und Tiefe. Raabe nutzte seine literarischen Fähigkeiten, um die gesellschaftlichen Probleme seiner Zeit zu erkunden und kritisch zu reflektieren. 'Unruhige Gäste' ist ein weiteres Beispiel für Raabes Meisterschaft in der Literatur. Für Liebhaber historischer Romane und Fans des deutschen Realismus ist Wilhelm Raabes 'Unruhige Gäste' ein Muss. Die fesselnde Handlung, die vielschichtigen Charaktere und der historische Kontext machen dieses Buch zu einem faszinierenden Leseerlebnis. Tauchen Sie ein in die Welt des 19. Jahrhunderts und erleben Sie die Meisterschaft eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller seiner Zeit. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Wenn die Vergangenheit an die Tür einer Gemeinschaft klopft, werden Zugehörigkeit und Gewissen auf die Probe gestellt. Wilhelm Raabes Unruhige Gäste lässt diese Situation unter der Oberfläche eines geordneten Alltags gären und macht sichtbar, wie das Fremde das Vertraute beleuchtet. Der Roman erzählt von Ankünften, von Blicken und Gegenblicken, von der Unruhe, die in den gewohnten Gängen zu zittern beginnt. Dabei bleibt das Spektakel aus; entscheidend ist, was sich in Köpfen und Stuben verschiebt. Die Spannung entsteht aus leisen Reibungen, aus Fragen nach Verantwortung und Vertrauen, und aus dem Wissen, dass Geschichte stets im Privaten mitliest.
Unruhige Gäste ist ein historischer Roman von Wilhelm Raabe, einem prägenden Autor des poetischen Realismus im 19. Jahrhundert. Das Werk verortet sein Geschehen in einer vergangenen Epoche des deutschsprachigen Raums und entfaltet es in einem lokalspezifischen Milieu, dessen Alltag, Sitten und Räume sorgfältig ausgemalt werden. Es steht im literarischen Kontext einer Epoche, die das Wirkliche und die Kunst der Andeutung zu verbinden suchte. Anstatt große Schlachten zu schildern, richtet Raabe den Blick auf die Folgen historischer Bewegung für das Leben der Vielen. So entsteht Geschichte als Erfahrungsraum, nicht als Tableau der Ereignisse.
Als Ausgangssituation wird ein geordnetes Gemeinwesen mit der Ankunft unruhiger Gäste konfrontiert, deren Präsenz Erwartungen, Routinen und Beziehungen verschiebt. Der Fokus liegt auf Begegnungen, Gesten und Stimmungen: Wer öffnet die Tür, wer bleibt skeptisch, wer verändert seinen Blick? Die Handlung nähert sich dem Geschehen über häusliche Szenen, Gespräche und Beobachtungen, ohne das Rätselhafte zu glätten. Eine erzählerische Instanz führt nah an Figuren heran und hält zugleich Deutungsraum offen. So entfaltet sich eine Spannung des Alltäglichen, in der die Frage nach Haltung wichtiger wird als spektakuläre Wendungen. Der Beginn ist damit leise, aber voller Vorzeichen und unausgesprochener Konflikte.
Raabes Erzählerstimme ist ruhig und genau, mit einer feinen, oft prüfenden Ironie, die Moralismen vermeidet. Der Stil vertraut auf sprechende Details, auf die Zeichnung von Räumen und Gewohnheiten, auf das langsame Anwachsen von Stimmungen. Der Ton bleibt leise, doch eine untergründige Unruhe legt sich über die Szenen und macht die historische Bewegung spürbar. Dialoge und Innenblicke wechseln einander ab, sodass soziale Konstellationen in nuancierter Staffelung sichtbar werden. Das Leseerlebnis ist konzentriert und atmosphärisch: eher Andeutung als Auftrumpfen, eher Sediment als Kulisse, getragen von behutsamer, doch bestimmt geführter Erzählkraft. Die Prosa bleibt zugänglich, ohne an Tiefe und Vielschichtigkeit zu verlieren.
Zentrale Themen sind Fremdheit und Zugehörigkeit, Gastfreundschaft und Abgrenzung, Vertrauen und Kontrolle. Der Roman fragt, wie Gemeinschaft entsteht und woran sie zerbricht, wenn äußere Impulse innere Gewissheiten erschüttern. Er zeigt die Macht von Erinnerung und Erzählung, die über Ruf, Deutungshoheit und Handlungsoptionen entscheidet. Auch soziale Hierarchien, Besitzverhältnisse und Rollenbilder geraten in Bewegung, sobald das Ungewohnte in vertraute Räume tritt. Nicht zuletzt geht es um Gewissen und Verantwortung: um die Kunst, im Graubereich zwischen Furcht und Mitgefühl zu handeln, ohne sich einfachen Parolen oder bequemen Vorurteilen zu unterwerfen. So entsteht ein ethisches Panorama, das ohne Predigt auskommt und dennoch bindend wirkt.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt das Buch relevant, weil es die Berührung von öffentlicher Debatte und privater Sorge ernst nimmt. Fragen nach Migration, sozialer Mobilität und gesellschaftlicher Spaltung erhalten hier ein historisches Echo, das Vereinfachungen misstraut. Raabe zeigt, wie leicht Gerüchte Orientierung ersetzen und wie schwer es ist, Maß und Mitleid auszubalancieren. Seine Erzählkunst lädt ein, Wahrnehmungen zu prüfen, Urteile zu verzögern und Spielräume des Handelns zu erkunden. In einer Zeit schneller Schlagworte wirkt der Roman als Gegenmodell: langsam, differenzierend, zugewandt – und gerade dadurch von beständiger Gegenwärtigkeit. Er fordert Aufmerksamkeit, statt sie bloß zu verbrauchen.
Wer Unruhige Gäste liest, erhält mehr als historische Kulisse: Man begegnet einer kunstvoll gebauten Erzählung, die die großen Fragen im Nahbereich des Alltags sichtbar macht. Raabes Sprache ist präzise, behutsam, bildkräftig, getragen von leiser Ironie und stillem Ernst. Das Buch belohnt ein aufmerksames, langsames Lesen und öffnet den Blick für die Bewegungen hinter den Ereignissen. Es ermutigt dazu, Ambivalenzen auszuhalten und Verantwortung nicht an Stimmung und Lautstärke zu delegieren. So behauptet der Roman seine Gültigkeit: als Schule der Wahrnehmung und als Einladung, Gemeinschaft als tätige Haltung zu begreifen. Diese Wirkung macht ihn über den historischen Stoff hinaus dauerhaft lesenswert.
Wilhelm Raabes Unruhige Gäste entfaltet sich in einer Kleinstadt, deren gewohntes Gleichmaß durch die Ankunft einer Gruppe Fremder ins Wanken gerät. Der Titel verweist auf diese unruhigen Gäste, deren Erscheinen nicht nur die Abläufe der Stadt, sondern auch die inneren Gewissheiten der Bewohner stört. In einem historischen Rahmen, der von unsicheren Zeiten und äußeren Bedrohungen geprägt ist, richtet das Erzählen den Blick auf Häuser, Gassen und Stuben als Schauplätze gesellschaftlicher Reibung. Was als vorübergehende Störung beginnt, erweist sich rasch als Bewährungsprobe für Anstand, Zugehörigkeit und die Fähigkeit zur besonnenen Verständigung des Alltags.
Die Fremden treffen nicht auf eine geschlossene Front, sondern auf ein Geflecht aus Höflichkeit, Vorsicht und stillen Vorbehalten. Einige Haushalte öffnen zögerlich ihre Türen, andere bestehen auf Distanz und Regeln. Lokale Autoritäten bemühen sich, Ordnung und Würde zu wahren, während Gerüchte über Herkunft, Absichten und Hintermänner die Runde machen. Erste Begegnungen bleiben äußerlich korrekt, doch kleine Missverständnisse und verletzte Empfindlichkeiten verraten tieferliegende Brüche. Die Stadt wird zum Resonanzraum, in dem die Ankunft der Gäste alte Rangfragen, konfessionelle und wirtschaftliche Spannungen sowie persönliche Kränkungen neu hörbar macht. Zeitgleich prüfen die Gäste ihre Gastgeber, loten Grenzen aus und passen sich doch nur widerwillig an.
Mit der Dauer des Aufenthalts verstricken sich private und öffentliche Anliegen. Einzelne Bewohner knüpfen zaghafte Beziehungen, erkennen gemeinsame Erfahrungen oder entdecken unüberbrückbare Gegensätze. Die Gäste erscheinen zugleich als Bedürftige, Gegner und Spiegelbilder, an denen sich die Einheimischen prüfen. Loyalität zur eigenen Gemeinschaft kollidiert mit dem Anspruch auf Menschlichkeit; das Bedürfnis nach Sicherheit mit der Pflicht zur Fairness. Das Erzählen verschiebt sich von der Stadtkulisse auf eine Handvoll exemplarischer Biografien, an denen sich die Grundfragen des Zusammenlebens verdichten: Wem gehört Schutz, wer setzt Grenzen, und wer trägt Verantwortung für die Folgen?
Ein öffentlicher Zwischenfall markiert die erste deutliche Zäsur. Aus einem alltäglichen Konflikt entsteht eine Auseinandersetzung, die nicht mehr im Stillen beizulegen ist. Vorwürfe, Missdeutungen und eine hastige Entscheidung bringen die Verhältnisse ins Rutschen und zwingen die Stadt, Position zu beziehen. Während einige rasch nach Strafe und Abschreckung rufen, plädieren andere für Maß und Anhörung. Der Vorfall zeigt, wie brüchig die Balance zwischen Recht, Gewohnheit und Mitgefühl ist, und wie leicht äußere Unruhe innere Härte befördert. Zugleich deutet er an, dass unter den Beteiligten mehr Verbindungen bestehen, als zunächst sichtbar war.
Im weiteren Verlauf öffnen sich Hintergründe und Erinnerungen. Biografische Linien der Gäste kreuzen sich mit örtlichen Überlieferungen, früheren Verlusten und längst verdrängten Schuldfragen. Der vermeintlich klare Gegensatz zwischen Innen und Außen verliert Kontur, weil Motive vielschichtig, Abhängigkeiten wechselseitig sind. Einzelne Gesten der Hilfsbereitschaft lassen neue Allianzen entstehen, doch die Furcht vor Gesichtsverlust hält andere auf Distanz. Informationsfetzen, Briefe oder zufällige Begegnungen verschieben Perspektiven, ohne die grundlegende Unsicherheit zu beseitigen. Die Geschichte macht deutlich, dass nicht nur Gewalt droht, sondern ebenso die Zermürbung durch Misstrauen und das Schweigen über das, was alle wissen.
Als sich die äußeren Umstände zuspitzen, wächst der Entscheidungsdruck. Nachrichten von draußen, administrative Vorgaben und die Aussicht auf baldige Veränderungen setzen Fristen. Eine Versammlung, ein Gespräch unter Vorbehalt oder eine improvisierte Verhandlung bündelt die Erwartungen und Ängste. Nun zeigt sich, ob das Gemeinwesen seine Regeln kreativ zu deuten weiß oder sie starr exekutiert, ob persönliche Integrität über taktische Vorteile gestellt wird. Aufbrüche, Abreisen oder Trennungen stehen im Raum, doch das letzte Wort fällt nicht im Zorn, sondern in der Erkenntnis, dass jedes Handeln Konsequenzen für den sozialen Frieden hat und morgen nachwirkt.
Raabes Roman entfaltet seine Wirkung weniger durch spektakuläre Wendungen als durch die genaue Darstellung eines Gemeinwesens im Druck der Geschichte. Er fragt, was Gastfreundschaft bedeutet, wenn Sicherheit fragil ist, wie Erinnerung und Herkunft Verhalten steuern, und welche Formen von Gerechtigkeit in unsicheren Zeiten tragfähig bleiben. Die unruhigen Gäste erscheinen so auch als Prüfstein für Selbstverständnis und Humanität der Stadt. Ohne finale Sicherheiten zu versprechen, hinterlässt das Buch die Einsicht, dass Konflikte nicht verschwinden, sondern zivilisiert werden müssen – durch Aufmerksamkeit, Mut zur Nuance und die Bereitschaft, eigene Gewissheiten zu befragen.
Wilhelm Raabes historischer Roman Unruhige Gäste führt in eine deutsche Provinzlandschaft vergangener Jahrhunderte, geprägt von ständischer Ordnung, religiösen Institutionen und obrigkeitlicher Verwaltung. Schauplätze dieser Art wurden im Alten Reich durch Landesherren, Kirchenvermögen, Klöster, städtische Räte und Zünfte strukturiert. Gerichtsbarkeit und Polizeiordnung lagen oft bei landesherrlichen Beamten, während Garnisonen und Durchzüge von Truppen das Alltagsleben wiederholt beeinflussten. Bildung und Predigtwesen waren stark von der jeweiligen Konfession bestimmt. Diese institutionelle Gemengelage bildete den Rahmen, in dem private Existenzen auf öffentliche Gewalten und „Gäste“ trafen, deren Ankunft Unruhe und Verdichtung historischer Erfahrung erzeugte.
Der Roman spiegelt Umbrüche, die deutsche Territorien vom späten 18. ins frühe 19. Jahrhundert prägten: den Zerfall der alten Reichsverfassung, die Mediatisierung und Säkularisation sowie die Kriegszüge der Revolutions- und napoleonischen Zeit. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurden geistliche Territorien aufgelöst, Herrschaftsverhältnisse neu geordnet und Besitzverhältnisse verschoben. 1806 endete das Heilige Römische Reich, und der Rheinbund schuf neue Abhängigkeiten. Für Städte und Dörfer bedeuteten diese Prozesse veränderte Abgabepflichten, neue Rechtsnormen und die Konfrontation mit auswärtiger Militärpräsenz, deren Anforderungen – von Lieferungen bis Einquartierungen – tiefe Spuren im lokalen Alltag hinterließen.
Ein zentrales Thema der Zeit war die Einbindung ziviler Haushalte in Kriegslasten. Durchmärsche, Requisitionen und das Einquartierungswesen belasteten Gemeinwesen materiell und sozial. Gemeinden führten detaillierte Register über Vorräte, Betten und Stallplätze; Obrigkeiten regelten Kompensation und Disziplinierung. Solche Eingriffe machten die private Sphäre zu einem Ort politischer Aushandlung. Sie schärften zugleich das Bewusstsein für Rechtssicherheit, Eigentum und Schutzpflichten der Herrschaft. In dieser Verdichtung von Kriegserfahrung und Alltagsverwaltung wird deutlich, wie „Gäste“ – ob Beamte oder Soldaten – als Katalysatoren gesellschaftlicher Reibung wirkten und tradierte Ordnungsvorstellungen in Frage stellten.
Konfessionelle Strukturen prägten Wertehorizonte und soziale Fürsorge, besonders dort, wo Klöster, Stifte und Kirchenbesitz zentrale Ressourcen verwalteten. Die Säkularisation entzog diesen Institutionen Rechtsgrundlagen und Vermögen; Stiftungen wurden umgewidmet, Armenpflege und Schulwesen neu organisiert. Für Städte bedeutete dies Verlagerungen von Autorität hin zu landesherrlichen oder staatlichen Behörden. In lokalen Chroniken und Ratsprotokollen, die Raabe als Autor häufig als Quellen schätzte, lassen sich die Spannungen zwischen religiöser Tradition und administrativer Modernisierung verfolgen. Der Roman knüpft an solche dokumentierten Erfahrungsräume an, ohne die Vielfalt der regionalen Sonderwege zu nivellieren.
Parallel zu politischen Umbrüchen setzte eine langsame wirtschaftliche Transformation ein. Zünfte regulierten weiterhin Produktion und Zugang zu Gewerben, während Marktintegration, Verkehrsverbesserungen und Kriegsnachfrage neue Chancen und Risiken schufen. Preisvolatilität, Versorgungskrisen und Abwanderungen sind für die Epoche gut belegt. Kommunen reagierten mit Polizeiverordnungen, Armenordnungen und Lagerhaltung. Bildung, Lesekultur und bürgerliche Vereine gewannen an Bedeutung und boten Räume, in denen historische Deutung und Gegenwartssorge zusammentrafen. Solche Elemente sozialer Selbstbeschreibung liefern dem Roman den Resonanzraum, in dem private Biografien und kollektive Erfahrungen sich verschränken.
Die Darstellung der Vergangenheit folgt literarischen Konventionen des Poetischen Realismus, mit dem Raabe eng verbunden ist. Seit den 1820er Jahren hatte der europäische historische Roman (von Walter Scott ausgehend) private Geschichten mit politischer Geschichte verknüpft. In Deutschland verband sich diese Form mit lokalhistorischen Stoffen, archivalischen Splittern und detailreicher Milieuschilderung. Raabe veröffentlichte vielfach im norddeutschen Verlagswesen (u. a. in Braunschweig) und traf auf ein gebildetes Lesepublikum, das historische Stoffe zur Selbstvergewisserung nutzte. Unruhige Gäste fügt sich in diese Tradition ein, indem es dokumentarische Anmutung mit erzählerischer Verdichtung verbindet.
Zur Zeit der Veröffentlichung in den 1870er Jahren hatte das 1871 gegründete Deutsche Kaiserreich die politischen Koordinaten neu gesetzt. Nationalstaat, Reichsverfassung und einheitliche Institutionen trafen auf konfessionelle Konflikte (Kulturkampf) und beschleunigte Modernisierung. In dieser Lage bot der Rückgriff auf frühere Umbruchszeiten Orientierung: Er erlaubte es, Fragen von Loyalität, Recht, Gemeinsinn und Autorität historisch zu verhandeln. Die Rezeption historischer Romane profitierte von einer breiten Presse- und Vereinslandschaft, die Erinnerungskultur förderte und regionale Perspektiven in die nationale Erzählung integrierte, ohne lokale Differenzen zu tilgen.
Unruhige Gäste lässt sich so als literarischer Kommentar zu Epochenbrüchen lesen: Fremde Macht, veränderte Rechtslagen und administrativer Zugriff dringen in den Haushalt, die Werkstatt, die Gemeinde ein. Ohne umfangreiche Handlungspoiler lässt sich sagen: Das Buch demonstriert, wie öffentliche Ereignisse in privaten Räumen aufschlagen, Loyalitäten prüfen und Lebensentwürfe verformen. Es beobachtet präzise, wie Menschen auf Zumutungen reagieren – mit Anpassung, Widerspruch, Ironie. Als historischer Roman dokumentiert es zugleich historische Erfahrung und reflektiert die Gegenwartsfragen seiner Entstehungszeit: Ordnung und Freiheit, Pflicht und Recht, Erinnerung und politische Selbstverortung.
Es war eigentlich ein wenig abseits der gewöhnlichen, ausgetretenen Touristenstraße durch das Gebirge, wo das Dorf lag, das auf seine Kosten aus Stangen, Rasen und Tannenrinde die Hütte oder Köte gebaut hatte, die einen und einen halben Büchsenschuß (alte Tragweite[1]) von den letzten Häusern des Ortes am Waldrande stand. Aber ein Fuß- und Reitweg schlängelte sich doch einige fünfzig Schritte von dem kuriosen, indianerhaften Gebäude aus dem Hochforst hervor, und eine bunte Schar von Sommerreisenden – Weiblein und Männlein zu Fuß, zu Pferde und zu Esel – zog eben lustig und laut aus dem Dunkel des Waldes in die Sonne und quer über die Vierlingswiese vorbei an der Rasenhütte.
»O wie hübsch!« rief eine der jungen Damen, ihr Tier anhaltend. »Das möchte ich wirklich noch in meinem Skizzenbuche mitnehmen. Haben wir nicht so lange Zeit, Papa und ihr anderen?«
Der Papa sah bedenklich auf die Uhr und dann auf den Führer. Verschiedene der jüngeren Herren riefen:
»Selbstverständlich, Fräulein Lili! Natürlich haben wir Zeit! Eine Ewigkeit noch bis Sonnenuntergang!«
Schon hielt der eine der jungen Ritter des hübschen Mädchens ihr den Steigbügel, und der zweite bot ihr das »Skizzenbuch« dar, und der, welcher die Bleistifte zu tragen und zu spitzen hatte, war auch mit denselben zur Hand, als der Führer jeglichem künstlerischen Wunsche und Enthusiasmus und aller höflichen Dienstbereitwilligkeit in der Gesellschaft ein kurzes und etwas schreckhaftes Ende machte.
»Rate nicht dazu, mit Erlaubnis, liebe Herrschaften«, sagte er. »Nervenfieber, Fleckentyphus, wie man das jetzt so heißt … Armes Volk die Familie Fuchs; und vielleicht auch mit Ungeziefer, seit die Feh liegt. Aber der Doktor sagt, niemand kann bei der bösen Krankheit gesunder gebettet werden; nur ist’s wohl dann und wann ein bißchen schlimm mit dem Räkel und seiner jungen Brut, die sonst schon niemand gern an sich kommen ließ. Da sind sie natürlich schon – wollt ihr zurück, ihr Kröten!«
Das letztere war eben an die »junge Brut« gerichtet. Ein verwildertes, zerlumptes, höchst malerisches Kinderstaffagepaar, ein Junge und ein Mädchen, zog es sich an den Weg und machte Miene, so nahe als möglich sich mit ausgestreckten schwarzbraunen Pfoten an die Gesellschaft zu drängen. Doch das Fräulein verspürte nicht die mindeste Neigung, jetzt noch Gebrauch von seinem Talent und diesen wirklich ausgezeichneten Modellen zu machen. Schon hatte es einen kleinen hübschen Schrei ausgestoßen und, statt nach dem Skizzenbuche zu greifen, den Esel mit der Gerte über die Ohren geschlagen. Der alte Herr war eiligst allen vorangeritten, ohne sich nach den nächsten und liebsten Familienangehörigen nur umzusehen. Daß die jungen Ritter nicht sämtlich nach dem Schwanz seines Gaules griffen, um rascher daran vorwärts zu gelangen, zeugte sogar nur von – Pietät. Rasch genug waren sie von den Felsblocken, auf denen sie sich zum Teil bereits gelagert hatten, in die Höhe gekommen.
Weiter trabte alles – Herren und Damen, jung und alt; und eine wohlbeleibte ältere Dame, die, trotzdem daß sie zu Maultier war, ihres Gewichtes wegen die letzte blieb, fand grade deswegen am innigsten und richtigsten das Wort für die Gefühle der Gesamtheit und gab es ächzend von sich:
»Das ist ja aber schrecklich, so nahe am Wege! Das sollte doch nicht sein; und wenn die Polizei es duldet, so müßten die Zeitungen von so was sprechen!«
Wer jetzt ein Jubelgeschrei ausstieß, das war das Kinderpaar aus der Indianerhütte. Es war den beiden doch aus der erschreckten Schar der Fremden ein Geldstück in weitem Bogen zugeflogen, und sie hatten es eben unter den Fingerhutbüschen und im übrigen Waldwiesengraswuchs mit ihren scharfen Wildenaugen gefunden und quittierten mit kreischendem Jauchzen darüber.
Einige Augenblicke später war der letzte Schwanz des bunten Zuges von der Vierlingswiese im gegenüberliegenden Tannenwalde, wo sich der Reitpfad plötzlich ziemlich steil bergabwärts zog, verschwunden. Der romantische Fleck versank wieder in die alte Stille; und die Sonne, im Niedersteigen, lächelte weiter auf Elend und Wohlbehagen, Gesunde und Kranke, reiche und arme Leute, wo der Erdenschatten es zuließ.
Es war ungefähr fünf Uhr nachmittags. Man hörte die Dorfglocke diese Zeit auch bald angeben hinter dem lichtdurchglänzten Gehölz zwischen der Wiese und dem Dorfe, und aus derselben Richtung kam nun eine junge Frau, oder was es war, in bescheidenen, dunkeln Kleidern, mit einem Körbchen am Arme und betrat die Wiese, wie um dem improvisierten Dorfhospital zuzuschreiten. Ihr Schatten fiel ihr vorauf und streifte einen Mann, der auch noch dagesessen hatte auf einem Stück versunkenen Zaunwerks an dem leise durch das Gras sickernden Wasserlauf, sich um die Gesellschaft und die Szene von vorhin nur mit einem unmerklichen Lächeln und Achselzucken gekümmert hatte, jetzt aber schärfer hersah und sich auch von seinem Sitz erhob.
Es war kein alter Mann, sondern so um die Dreißig herum, kein häßlicher Mann, sondern von gutem Wuchs, wohlgepflegtem Bart und mit hellen, intelligenten Augen und einem ganz freundlichen und wohlwollenden Zug um den Mund. Ein Mann auch im Touristenanzuge, doch unbedingt aus einer andern Gesellschaftssphäre als die Herrschaften von vorhin.
»Hm, Veit«, murmelte er zu sich, »die könnte wohl schon zu ihm gehören! … Nun, wissen wird sie sicherlich etwas von ihm. Versuchen wir’s also!«
Mit abgezogenem Hut trat er der Kommenden entgegen.
»Nervenfieber, liebe Dame!« sagte er, auf die Hütte deutend.
»Ich weiß es – leider, lieber Herr«, antwortete die junge Frau, zum Wiedergrüßen nur den Kopf neigend.
»Auch Ungeziefer – wie man sagt – gnädige Frau oder – Fräulein.«
Die Frau oder das Fräulein mit dem Korbe lächelte weder verlegen, noch warf sie einen verwunderten Bück auf den Fremden.
»Wir sind gute Bekannte dort«, sagte sie ruhig, mit einem nochmaligen Neigen des Kopfes vorbeigehend durch schönes Licht und den Wohlduft von Tannenharz, Wiesenkräutern und Blumen; und so sah sie der Mann mit der Wandertasche eintreten in den schlimmsten Schatten und den bösesten Erdengeruch – sicher und gelassen.
»Hm«, sagte der Fremde, seinen Sitz am Bach wieder einnehmend, »Kaiserswerth – Riehen bei Basel – Bethanien; – es ist unbedingt seine Frau. Zusammen gegeben im Namen des Herrn! Schlechteste Pfarre im Lande, bösartigste Gemeinde dieses ganzen angenehmen Mittelgebirges. Was tun wir nun, Veit? Gehen wir weiter, oder warten wir, bis die gute Seele wieder zum Vorschein kommt, um uns ihr auf dem Heimwege von diesem pflichtgemäßen Samaritergange noch auf einige Momente anzuschließen? Zeit für alles bis zur nächsten Gastwirtstafel, wie die jungen Herren vorhin meinten. Nun, wir warten! Möchte dem alten Kerl, diesem Prudens, doch nicht so nahe vorüberstreifen, ohne ihm noch einmal im Leben die Tageszeit zu bieten. Was wird’s freilich mehr werden als das, was Fräulein Lili eben nicht bekommen hat, – im Vorbeifahren eine Skizze im Taschenbuch.«
So saß er denn und behielt die Krankenhütte im Auge, jedenfalls als ein wirklicher Beobachter, wenn auch nicht als ein wirklich an ihrem Wohl und Wehe Beteiligter. Die Kinder, die von ihm bereits ihren Wegelagerer-und Bettlertribut erhoben hatten, waren, gelockt von der Erscheinung des jungen Weibes mit dem Korbe, auch wieder in der Köte verschwunden. Nun trat ein großer, wüster Gesell heraus, seine Pfeife ausklopfend. Das kleine Mädchen lief mit einem henkellosen irdenen Kruge nach dem zwischen bemoosten Steinblöcken vortröpfelnden Wiesenborn. Es wurde innerhalb der spitz zulaufenden Rasen-und Schindelwände im Dialekt der Gegend gesprochen, und dann wurde es eine Zeitlang ganz still; man hörte nur noch den Specht von ferne.
Die Dorfuhr hinter den Bäumen schlug nur die vollen Stunden – die Zeit lief hier meistens ja doch ungezählt hin –, aber es mußte so ungefähr gegen sechs Uhr sein, als das junge Weib, das sich nicht vor dem Fieber und den Läusen fürchtete, wieder aus der Pforte der Elendshütte und in die Sonne trat und der Fremde von dem Zaun am Wege ihr abermals entgegen.
Nun war es merkwürdig, daß sie wie zu einem alten längst Bekannten zu ihm redete, wenn auch ihre Augen dabei nicht auf ihm hafteten, sondern ruhig nach dem wolkenlosen Abendhimmel gerichtet blieben, als sie ohne die mindeste Aufgeregtheit sagte:
»Sie ist eben gestorben. Mein Bruder vermutete es schon heute morgen, daß der Herr sie bald erlösen werde; aber er mußte leider nach seinem Filial und kann erst am Abend nach Hause kommen. Doch sie hat auch mich nicht mehr gekannt, sie hatte ihr Bewußtsein schon lange nicht mehr, und es war wohl eine Gnade des Herrn. Gottes Wille geschehe allezeit!«
Sie ging nun mit demselben gelassenen Schritt, mit dem sie gekommen war, und ließ den Fremden im vollen Zweifel, ob das da eben zu ihm oder zu dem Blau über den Wipfeln der Waldbäume gesprochen worden sei. Ihr Schatten fiel jetzt hinter sie auf ihrem Heimwege, und daß der Fremde ihr folgte, schien sie nicht mehr zu beachten als das Nachgleiten ihres Schattens über die Vierlingswiese.
Der Wald nach dem Dorfe, nach der untergehenden Sonne zu bildete nur einen lückenhaften, lichtdurchschimmerten Vorhang zwischen der Wiese und einigen Gärten, geringern Bauerngehöften und der Kirche. Letztere leuchtete in ihrer weißen Tünche auch bald zwischen den glatten, graden Stämmen der Hochtannen durch. Der Pfad wand sich über den »alten« Gottesacker[2], dessen letzte versinkende Ackerbauer-und Bergmannsgräber aus dem Anfange dieses Jahrhunderts stammten, und – da war die Hecke des Pfarrgartens und die Laube mit dem Tische und den zwei Bänken auf Pfählen und der Weg durch den Garten zu der Hintertür des geistlichen Hauses – alles im Schatten der Dorfkirche.
Eine niedere Holzgittertür, schlecht in den Angeln hängend und ohne Schloß und Riegel, sperrte den Pfarrgarten nur der Form wegen, wie es schien, von den Gräbern, den Dorfgänsen und dem an der Hecke weiterlaufenden Fußsteige ab; und, die Hand auf diese Pforte legend, stand jetzt die junge Schwester – nicht Frau – des Pfarrherrn und hatte nun, ganz zuletzt, gezwungen durch die Beharrlichkeit ihres Begleiters, doch noch ein Wort und dazu einen Blick, einen trotz aller kühlen, klaren Ruhe ein wenig fragenden Blick, an den hartnäckigen Menschen zu wenden.
»Wenn Sie die Landstraße wieder zu erreichen wünschen, müssen Sie sich an der Kirchenecke dort rechts halten. Der Weg weiter ins Dorf und zum Gasthause wendet sich links. Ich wünsche einen glücklichen Abend, mein Herr[1q].«
»Ich auch, Fräulein«, murmelte der Tourist leise. Laut meinte er lächelnd: »Ich hätte wohl auch aus dem Quell auf jener Wiese mit der Hand schöpfen können; aber ein Glas Brunnenwasser hier aus mildtätiger Hand wäre mir doch lieber als ein Trunk dort, in Anbetracht der Hände und Füße, die dort gewaschen wurden, ganz abgesehen von der Wäsche, die neben dem Born zum Trocknen auf der Leine hing.«
Die junge Dame sah einen Augenblick wie erschreckt auf ihre Hände und dann zögernd auf den Fremden, Dann aber sagte sie:
»Ich verkehrte bei den armen Leuten dort. Sie kennen die Gefahr – wollen Sie eintreten bei uns, so bitte ich, sich zu setzen und wenige Augenblicke Geduld zu haben, mein Herr.«
Sie hatte die Gittertür geöffnet und deutete auf eine der Bänke in der Laube; der hartnäckige Fremde sagte:
»Ich weiß, liebes Fräulein. Wer um derartige Schatten auf seinen Wegen zu scheu herumgeht, geht nicht weit; und ich bin in allerlei Ländern der Erde gewesen und habe mir manche gute Erfahrung in Leben, Wissenschaft und Kunst mitgebracht, nur weil ich mir nach Möglichkeit eines mutigen Herzens bewußt blieb.«
Sie sah ihn jetzt zum erstenmal mit wirklichem Interesse und einiger Verwunderung an. Ein Lächeln, das seinen Quell auch nur in einem im tiefsten Grunde heiter-mutigen Herzen haben konnte, überflog ihr ernsthaftes Gesicht; doch ohne weitere Bemerkung schlüpfte sie ins Haus, nachdem sie nur durch eine Handbewegung von neuem zum Niedersitzen eingeladen hatte. Und der Gast legte Hut, Stock und Tasche ab und nahm Platz auf einer der Bänke an dem abgenutzten Tische, der schon mehr als einem der Vorgänger des jetzigen geistlichen Herrn und seiner Familie treu bei Lust und Leid, Behagen und Unbehagen gedient haben mochte.
»Ich wünsche einen glücklichen Abend!« wiederholte er. »Hm, drunten im Bad, im Saisonkonzert? Halten wir diesen ruhigen Platz jedenfalls für einige Augenblicke fest, Veit. Hm, wie deutlich einem die Uhr dort im Turm die Zeit zuzählt.«
Man vernahm wirklich von der Laube aus in der tiefen Spätnachmittagsstille deutlich das Geräusch der Unruhe im Kirchturm jenseits der alten Gräber. Die einzige sichtbare Lebendigkeit brachten nur die Schwalben, die in leisem Fluge das spitze Schieferdach und den Wetterhahn umfittichten, in das friedliche Bild der Stunde.
Der Fremde hatte aber in der Tat eine geraume Zeit auf seinen Trunk zu warten; denn völlig umgekleidet trat das Pfarrfräulein wieder aus dem Hause, auf einem Teller das gewünschte Glas klaren Wassers tragend. Sie ging so leicht und leise, daß der flüchtige Gast diesmal ihr Herankommen durchaus nicht merkte, sondern aus seinem Sinnen fast erschrocken auffuhr, als sie mit freundlicher Stimme ihn anredete:
»Mein Herr – ich bitte.«
»Den schönsten Dank! Darf ich im Sitzen trinken?«
Statt einer Antwort nahm sie, nach ihrer Art das Haupt neigend, selber ihm gegenüber Platz.
»Es geschieht wohl selten, daß sich Ihnen die Welt so aufdrängt, mein Fräulein?« fragte er.
Sie schien alles, was sie sagte, erst genau zu überlegen. Er mochte erwarten, daß sie erwidere: die Welt, aus der Sie kommen, wohl selten. Sie aber sagte:
»Wir verschließen unsere Tür nicht. Kommt die Welt nicht zu uns, gehen wir zu ihr.«
»Wie zu der Hütte jenseits der Tannen auf der Vierlingswiese? Wir fürchten uns nicht vor bösen Gebärden, schlechten Gedanken und schlimmen Worten, wie wir keine Furcht haben vor der Ansteckung durch den Flecktyphus!?«
»Wir suchen unsere Furcht zu unterdrücken. Der Herr ist immer über uns und hat Geduld mit uns und schenkt uns ein heiteres Herz, wenn wir an einer Schwelle zögern, den Fuß über sie zu setzen.«
Der Gast beugte sich unwillkürlich vor über den Tisch, um besser in die gelassenen, klugen Augen sehen zu können.
»Wissen Sie, Fräulein, daß ich doch vorhin wahrhaftige Furcht hatte, den Fuß von der Landstraße – aus meiner Welt in den Frieden dieses Kirchen-und Fliederschattens zu setzen?«
»Warum?«
»Weil Sie immer wissen, was Sie zu den Leuten bringen, in deren Türe Sie treten. Ich aber weiß nicht, was ich zu Ihnen getragen, bei Ihnen zurückgelassen haben werde, wenn ich den Fuß von neuem auf die Chaussee setze, auf die Sie mich vorhin hinwiesen.«
Sie schüttelte nur den Kopf.
»Wir gehen alle nur, wie Gott uns schickt; und wir tragen nur als seine niedrigen Boten.«
Ganz überraschend fragte der Fremde hierauf:
»Wann könnte Prudens wohl zu Hause sein?«
Und trotz aller Selbstbeherrschung wirklich überrascht, erhob sich das junge Mädchen und rief:
»Sie kennen uns – den Namen meines Bruders?«
»Es würde sich nun wohl nicht schicken, Ihnen gegenüber mein Wald-, Wiesen-und Landstraßeninkognito länger festzuhalten. Mein Name da draußen im Säkulum ist Bielow und zur Unterscheidung von einer unendlichen Namensverwandtschaft, weit zerstreut durch das Deutsche Reich, das Land Österreich und mit mehr als einem Ausläufer nach Rußland, Holland und dem Königreich der Belgier – Bielow-Altrippen. Sollte sich aber hier am Ort ein gewisser vormaliger Studiosus Theologiae Prudens Hahnemeyer eines gewissen Veit Bielow noch ein wenig entsinnen und seiner dann und wann im Gespräch gedacht haben, so würde mir das vielleicht auch bei Ihnen, liebes Fräulein, zur Entschuldigung in betreff meines kuriosen Eindringens in Ihren Hausfrieden und des hartnäckigen Festhaltens des Platzes an diesem Tische behülflich sein.«
»Freiherr Bielow-Altrippen?«
»Veit Bielow, vordem Studiosus beider Rechte auf mancher Universität und auch der zu Halle, jetzt Professor der Staatswissenschaften Doktor Bielow an der Hochschule der Landeshauptstadt – durchaus nichts Außerordentliches, sondern nur bescheidener außerordentlicher Professor bis auf weiteres. Das Nächstliegende würde sein – darf der Mann jetzt im vollen Sinne des Wortes um Entschuldigung wegen seiner Aufdringlichkeit bitten? Darf Veit Bielow bleiben, bis der alte Kommilitone vom Filial nach Hause kommt und den Hausgenossen – aus der Welt da draußen unter seinem Dache und an seinem Tische findet?«
»O wie wird sieh mein Bruder freuen!« rief die Schwester des Pfarrers.
»Und Sie sind also Phöbe?«
»Ja, Phöbe Hahnemeyer.«
»Ja, und so sind auch wir beide im Grunde schon recht alte, gute Bekannte. Es ist eine ziemliche Reihe von Jahren her, seit ich in Ihres Bruders Dachstube hinaufstieg und den lieben Namen in einem Briefe von Ihnen oder an Sie fand. Mir klang er damals nur hold hellenisch, und so rief ich ihn fröhlich der Mondsichel über den Dächern in der deutschen Frühlingsnacht zu. Doch Ihr Bruder schlug mir sein Neues Testament auf und zeigte mir, daß auch jene, die den Brief des Apostels Paulus von Korinth nach Rom trug, Phöbe hieß. Da nahm ich denn die hübsche Gelegenheit wahr, mir eine historische Tatsache möglichst fest einzuprägen. O ich habe die Stelle noch ziemlich genau im Gedächtnis: ›Ich befehle euch aber unsere Schwester Phöbe, welche ist im Dienste der Gemeinde zu Kenchrea, daß ihr sie aufnehmet und tut ihr Beistand in allem Geschäft, darinnen sie euer bedarf!‹ Sie dürfen mir also die Art und Weise, in der ich mich eben zur genaueren persönlichen Bekanntschaft und zu jeder mir irgend möglichen Dienstleistung in allem Geschäft eingeführt habe, um so weniger übelnehmen.«
»O es ist ein lieber Besuch!« rief das Fräulein. »Und da kommt mein Bruder – o das ist gut! Das ist sein Wagen vor dem Hause. O wie wird er Augen machen und sich freuen, mein Bruder Prudens!«
»Und, bitte, nun laufen Sie ihm diesmal nicht entgegen, Fräulein Phöbe. Lassen Sie ihn uns hier am Tische finden wie zwei längst vertraute gute Freunde. Und machen Sie sich nachher in der Küche mehr mit mir zu schaffen als bis jetzt hier am Tische – ich habe nämlich nunmehr die bitterste Absicht, auch die Nacht über zu bleiben –, so darf mich das Haus Hahnemeyer noch so fest einriegeln in meinem Kämmerlein, ich gehe doch durch, sowie der letzte Teller gewaschen ist, und sollte ich mich an zerschnittenen Bettüchern vom Dachrande herablassen müssen.«
»Unnötige Sorgen, Herr Professor!« rief Fräulein Phöbe, und sie lachte dabei vollkommen kindlich aufrichtig.
Es war keine besonders lebensfreudige Stimme, die jetzt vom Hausflur her den süßen, an diesem Ort so wunderlich tönenden Namen Phöbe rief.
Der Gastfreund legte seine Hand auf die Hand des nun doch hastig von seinem Sitze sich erhebenden jungen Mädchens, und vom Hause her durch den Gartengang kam langsam der Pastor Prudens Hahnemeyer heran.
Veit Bielow blickte dem Jugendfreunde mit Spannung entgegen. Wenn ihm die Erscheinung desselben irgendwelche Enttäuschung bereitete, so ließ er jedenfalls nichts davon merken. Dieses Haus, diese Menschen hatten an seinem Wege gelegen, und er hatte sie aufgesucht. Er hätte an ihnen vorbeigehen können; aber er hatte es zufällig nicht getan, sondern war zu ihnen eingetreten. Wie hätte er sich ein Recht anmaßen können, das, was er fand, anders zu wollen, als es war? Ein größerer Gegensatz in Körpergestalt und Haltung und geistigem Ausdruck als zwischen diesen beiden Männern ließ sich freilich auch nicht leicht vorstellen.
Hager, aber breitschulterig und über die Mittelgröße des Menschen hinaus, doch den Kopf und Oberkörper etwas vorgeneigt tragend, kränklich, bleich und mit bald erloschenen, bald seltsam leuchtenden, aber immer halb durch die Lider verdeckten Augen trat der junge Dorfpfarrer in seine Gartenlaube.
Nur einen kürzesten Moment zauderte er am Eingang unter dem Fliederbogen, dann aber trat er mit weitem Schritt heran und sagte fragend:
»Ein Gast, Schwester?«
»Ein Freund, Bruder! Ein alter lieber Freund von dir. Ich weiß nicht, ob er dich raten lassen will, oder ob er – ob du –«
»Baron Bielow?« sagte Prudens Hahnemeyer.
