Verloren - Urs Zingg - E-Book

Verloren E-Book

Urs Zingg

0,0

Beschreibung

Als kleiner Junge verliert David Bader seine Mutter bei einem Autounfall. Am Steuer sitzt sein angetrunkener Vater Jonathan Bader. Dieser kommt nie über diese Tragödie hinweg. Er ist mit der Erziehung seines Sohnes überfordert, entfremdet sich von ihm und kapselt sich von der Aussenwelt ab. Nach der Schulzeit entflieht David der Enge des Dorfes und der Kälte seines Vaters nach Basel. Im Gymnasium findet er in Tom Burckhardt einen Freund und Seelenverwandten. Sie engagieren sich für den Umweltschutz. In zunehmendem Masse radikalisieren sie sich im Kampf gegen den Autoverkehr. Zu spät erkennt David, welche Abgründe sich bei seinem Freund auftun.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Buch

David ist jung, lebenshungrig und sehnt sich nach Wärme und Geborgenheit. Die Schatten seiner Kindheit hofft er hinter sich zu lassen und die Welt zum Guten zu verändern. In Tom findet er einen Bruder im Geiste. Ihr gemeinsames Engagement für die Umwelt wird zusehends radikaler. Zu spät erkennt David, welche Abgründe sich bei seinem Freund auftun.

 

Autor

Urs Zingg, Jahrgang 1963, lebt mit seiner Ehefrau und seinen beiden Söhnen in der Umgebung von Bern. Seine berufliche Karriere startete er als Journalist. Heute arbeitet er als Coach mit jungen Menschen, die aus schwierigen Verhältnissen stammen und Unterstützung für den Start in die Ausbildung benötigen. Ihr Wunsch nach Zuwendung und Geborgenheit sowie ihre menschlichen Abgründe sind ihm vertraut. Diese Geschichte ist sein erster Roman.

Inhaltsverzeichnis

Über das Buch

Impessum

Erster Teil

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Zweiter Teil

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Danksagung

Erster Teil

1

David Bader fühlte sich gerädert. Die Nacht hatte sich wie zähflüssiger Karamell in die Länge gezogen. Viertelstündlich hatte David die Glockenschläge gezählt, die der Wind von der Kirchturmuhr aus dem Tal hochtrug. Die Windböen hatten an Dachziegeln, Fensterläden und Türen gerüttelt, waren durch die zahlreichen Ritzen des morschen Fachwerks gedrungen und hatten es stöhnen und erzittern lassen. David zog die Decke über den Kopf. Er hatte keine Lust, aufzustehen. Er konnte Sonntage nicht ausstehen. Sie verhießen wenig Erfreuliches.

In der Küche sah es aus, als ob der nächtliche Sturm eine Schneise der Verwüstung geschlagen hätte. Es roch beißend nach saurer Milch und abgestandenem Zigarettenrauch. Der Aschenbecher war voller Kippen. Der Geschirrberg der letzten zwei Tage stapelte sich in der Spüle. In der Pfanne klebten vertrocknete Nudeln. Aus dem Abfallkübel stieg ein süßlicher Geruch von verwesendem Schinken.

David bezwang seinen Würgereiz. Es war nicht das erste Mal, dass er das Chaos beseitigen musste, das sein Vater hinterlassen hatte. Er leerte den Ascher in eine Plastiktüte, verknotete diese und warf sie in den Abfall. Er ließ das Spülbecken mit Wasser volllaufen, weichte das Geschirr ein und schrubbte es mit dem Geschirrbesen. Beim Zuschnüren des Müllbeutels hielt er die Luft an.

Er schnitt sich eine Scheibe Brot ab, die an den Rändern vom Schimmel grünlich gefleckt war und entsorgte sie im Kehricht. Das zweite Stück bestrich er mit matschiger Butter. Das erinnerte ihn daran, montags den Installateur anzurufen, denn der Kühlschrank hatte nach wiederholten Aussetzern und einem dumpfen Knall, vor zwei Tagen seinen Geist aufgegeben. Außer der Butter, einem angebrochenen Glas Gurken und drei schrumpeligen Karotten, herrschte darin Leere. Da er keine Milch mehr fand, stürzte er einen Becher Leitungswasser hinunter, um seinen ärgsten Durst zu stillen. Er war spät dran. Es hatte Zeit gekostet, die Küche wieder in Schuss zu bringen. Er zog sich seine löchrigen Handschuhe und seine Wollmütze über. Hastig schlüpfte er in die Ärmel seines abgewetzten Mantels, touchierte dabei aber eine der gerahmten Fotografien, die an der Wand neben der Garderobe hingen. Zeitlupenartig pendelte der Bilderrahmen hin und her. Durch die Schwingungen lockerte sich der Nagel und löste sich aus dem Mauerwerk. David griff nach dem Bild. Der Rahmen glitt ihm zwischen den Handschuhen durch und schlug auf dem Boden auf, wobei das Glas in Dutzende Teile zerbarst. Es fühlte sich wie Nadelstiche für seine Trommelfelle an. »Verdammt!«, entfuhr es ihm heftiger als beabsichtigt, obwohl er während seiner Kindheit gelobt hatte, nie zu fluchen. Die Aufnahme, welche ihn als pausbäckigen, grinsenden Dreikäsehoch auf dem Schoss seiner Mutter zeigte und ihm viel bedeutete, lag zerfetzt sowie übersät von zahllosen Scherben auf dem Holzboden. Mit spitzen Fingern zog er das zerschnittene Foto zwischen den Glasscherben hervor und legte es in die Kommode. Er griff nach dem Besen und wischte die Splitter notdürftig unter die Anrichte. Sobald er zurückkäme, wollte er diese entsorgen.

Er hastete die Treppe hinunter, packte im Schober sein klappriges Fahrrad, dessentwegen ihn seine Mitschüler immerfort hänselten und zog es rückwärts aus dem Radständer. Von der katholischen Kirche her schlugen die Glocken zum Vorläuten. David blieben fünf Minuten bis zum Beginn der Messe.

Seinen Vater hatte er heute noch nicht zu Gesicht bekommen. Üblicherweise war er morgens im Stall bei den Kühen am Ausmisten, Heu futtern und Stroh streuen. Danach verkroch er sich den restlichen Tag in seine Werkstatt und hämmerte, schraubte oder schweißte an irgendeiner Maschine. David hatte diese Kammer als Kind geliebt. Es war ein verwunschener, entrückter, aus der Zeit gefallener Ort. Fahles Licht drang durch die blinden, mit Spinnweben verklebten Scheiben. An der Wand über der Werkbank hingen Feilen und Zangen. Die Gabelschlüssel und Schraubenzieher waren alle der Größe nach geordnet und aufgereiht wie römische Legionäre, die in Kampfformation bereitstanden. Auf der Hobelbank war ein rostiger Schraubstock montiert. An diesem hatte er als Kind mit Vergnügen gekurbelt. Dabei musste er sorgfältig vorgehen, damit ihm der Dreharm nicht auf den Kopf krachte. Büchsen und Kanister lagen übereinandergestapelt auf einem Gestell. Es roch im ganzen Raum nach einem stechenden Gemisch aus Kunstharzfarbe, Mineralöl und Terpentin.

Sein Vater ließ ihn in jenen Tagen wiederholt in sein verwunschenes Reich eintauchen. Damals hegte er die Hoffnung, aus David werde dereinst ein solider Handwerker, ein Tischler oder womöglich ein Landwirt, der in seine Fußstapfen treten würde. Er weihte ihn unermüdlich in die Techniken der Werkzeuge ein. Er zeigte ihm, wie man einen Lötkolben, den Doppelhobel oder einen Rollgabelschlüssel in den Händen hält und wie man diese bedient. Diese intimen Momente lagen weit zurück und waren nunmehr eine diffuse, schmerzliche Erinnerung. Zuhinterst in der Kammer, in einem wackeligen, schmucklosen Schrank, hinter Schrauben und Nägeln verborgen, lag Vaters Geheimnis, sein »guter Geist«, wie er seinen Schnaps zu bezeichnen pflegte. Hin und wieder griff er, wenn er sich unbeobachtet wähnte, nach der abgegriffenen, verstaubten Flasche und gönnte sich einen kräftigen Schluck daraus.

Die Brise war schneidend, die Straßen voller Schneematsch. David musste gehörig aufpassen, dass sein Vorderrad in den Kurven nicht weg schlitterte. Seine Knie streiften bei jeder Pedalumdrehung den Lenker. Seit längerem hätte er den Sattel höherschrauben sollen. Innerhalb der letzten Monate hatte er wieder einen kräftigen Wachstumsschub hinter sich gebracht. Seine Arme und Beine hingen am Körper, als ob sie unter Folter auf der Streckbank langgezogen worden wären. Für einen fünfzehnjährigen Jugendlichen war er hoch aufgeschossen. Da die feuchten, abgenützten Bremsen kaum griffen, drosselte er das Tempo hangabwärts mit dem rechten Fuß. Diese wiederholten Bremsmanöver hatten das Profil seiner Sohle derart abgeschliffen, dass die Bremswirkung verpuffte.

Er sog die eisige Luft tief ein. Er nahm die Kälte nicht wahr. Auf seinem Fahrrad fühlte er sich frei und ungebunden. Am liebsten wäre er heute weitergeradelt, an der imposanten Kirche vorbei durchs Dorf, über die abgeernteten Felder, durch den verschneiten Wald, über die Grenze nach Deutschland. Doch in wenigen Augenblicken erwartete ihn seine sonntägliche Pflicht, der Ministrantendienst.

Als David vor der Kirche stoppte, eilten die letzten verspäteten Kirchgänger durchs Eingangsportal in den Gottesdienst. David schmiss sein Rad achtlos in eine Ecke, hetzte die Treppe hinauf, drei Stufen gleichzeitig überspringend und riss die schwere Holztüre zur Sakristei auf. Pfarrer Schäfer stand in seinem Talar bereit und schaute tadelnd Richtung Wanduhr. Soeben läuteten die Glocken die Messe ein. Davids Chorhemd hing glattgebügelt am Kleiderständer. Atemlos streifte er es über, hängte sein Holzkreuz um den Hals und band den Cingulum um seine Hüfte. Ein kurzes gemurmeltes Gebet, rasch den Kaugummi in den Abfallkübel entsorgt, dann öffnete David die Verbindungstüre zur Kirche. Aufrecht, mit durchgestrecktem Rücken und erhobenem Haupt, schritt er hinter dem Pfarrer durch die Kirche zum Altar, wo sie niederknieten und der Priester den Gottestisch küsste.

David klingelte sanft die Glöckchen, das Zeichen für den Organisten, mit seinem Spiel einzusetzen. Alle Kirchenbesucher erhoben sich zur Begrüßung und fingen an zu singen.

Wenn David jeweils das blütenweiße Gewand überzog, tauchte er in eine geheimnisvolle, entrückte Welt ein und streifte die Last und die Sorgen des Alltages ab. Seine Gedanken hörten auf zu kreisen, sein Puls verlangsamte sich. Die wiederkehrenden Rituale gaben ihm Halt und Sicherheit. Die Gesänge, das Orgelspiel, der Weihrauch und die monotonen Gebete des Pfarrers übten eine beruhigende Wirkung auf ihn aus. David lauschte der Predigt des Geistlichen nur mit einem Ohr. Die Worte drangen gedämpft, aus der Ferne zu ihm.

Er kannte jedes Detail der Messe auswendig, war im Bilde, wann sein Einsatz erfolgte. Erst zum Tagesgebet war er wieder an der Reihe. Dann sollte er das Messbuch holen und vor dem Priester hochhalten, damit dieser das Gebet vorlesen konnte. Er wusste, dass dieser Teil nach dem Glorialied dran war. In der Zwischenzeit hing er seinen eigenen Gedanken nach.

Seine Augen wanderten langsam an der Säule zum Gewölbe hinauf. Dort zog ihn jedes Mal von Neuem ein trompe-l’oeil in den Bann, das die Himmelfahrt Jesu dreidimensional mit Hilfe perspektivischer Darstellung veranschaulichte. Er konnte sich an diesem Meisterwerk kaum sattsehen. Den Kopf im Nacken, fixierte er das Gemälde, bis es ihn hineinzog in seine Tiefe und ihn schwindlig werden ließ.

Die Eucharistiefeier forderte von ihm als Ministrant hohe Konzentration ab. Es oblag ihm, die Gaben zu holen und den Altar zu decken, wozu er Kelch, Hostienschale, Wein und Wasser benötigte. Es folgte die Inzens, das Anzünden des Weihrauches, dessen Duft ihn regelmäßig betörte. Pfarrer Schäfer nahm die Gaben und bereitete sie vor. Zum Abschluss wusch er sich die Hände.

Beim Hochgebet musste David die Wandlungsglocken läuten, ein Brauch, der aus der Zeit der lateinischen Messe herrührte. Als Novize wurde es David während dieses Gebets durch das lange Knien oft übel. Pfarrer Schäfer erlaubte ihm jeweils, gemessenen Schrittes zurück in die Sakristei zu gehen und sich hinzusetzen. In hartnäckigeren Fällen durfte er kurz an die frische Luft, bevor er wieder seinen Platz vor dem Altar einnahm. Jetzt war er indes ein erfahrener Ministrant, den nichts mehr rasch umhaute.

Nach der Kommunion folgten Danksagung und Schlussgebet. Dies war jeweils der Moment, an dem David aus seinen Gedanken und Betrachtungen zurück in die raue Wirklichkeit gerissen wurde. Ihm wurde bewusst, was ihn in wenigen Augenblicken erwarten würde.

Während die Gläubigen die Kirche verließen, kniete er ein letztes Mal vor dem Altar nieder. Anschließend gingen Pfarrer Schäfer und er gemessenen Schrittes nach hinten in die Sakristei für ein kurzes Abschlussgebet. Dieser Moment, allein mit dem Priester in dem engen Raum, war für David unerträglich. Dann verzog er sich hinter den Kleiderständer und beeilte sich mit dem Umziehen. Er war jeweils heilfroh, wenn vor der Kirche ein Kamerad auf ihn wartete und er einen Vorwand hatte, diesen Ort fluchtartig zu verlassen. Heute hatte David die Türklinke schon in der Hand, um sich unter die Kirchengänger zu mischen, als er die salbungsvolle, etwas zu hohe Stimme Pfarrer Schäfers hinter seinem Rücken vernahm.

»David, hättest du einen Augenblick Zeit, mir behilflich zu sein?«

Es hätte einer kaum sichtbaren Bewegung seiner rechten Hand bedurft, die Türe wäre aufgesprungen, er wäre draußen in der Menschenmenge untergetaucht und die Widerwärtigkeiten, die folgen sollten, wären ausgeblieben. Fatalerweise war David zu absoluter Gehorsamkeit erzogen worden. Als oberstes Gebot hatte sein Vater ihm all die Jahre eingebläut, sich einer Autoritätsperson bedingungslos unterzuordnen.

Pfarrer Schäfer näherte sich ihm. Sein aufdringliches, viel zu süßes After Shave widerte David an. Wie durch ein Vergrößerungsglas registrierte er die feinen Äderchen über den Nasenflügeln des Priesters und dessen aufgequollene Tränensäcke unter den zu eng stehenden Augen. Ohnmacht und Ekel überkamen ihn. Er verabscheute es, machtlos dazustehen, ohne sich wehren oder flüchten zu können. Er empfand abgrundtiefen Hass auf diesen grobschlächtigen, gottlosen Menschen vor sich, dessen speckige Hände nach seinen Knöpfen grapschten. Der Pfarrer schlang seine feisten, zu kurzen Arme um Davids jugendlichen Körper und presste seinen Ranzen an ihn. Aus jeder Pore des Priesters drang sündiges Verlangen. David fühlte die Erregung, die sich unter der Soutane des Pfarrers ausbreitete.

2

Davids Vater, Jonathan Bader, hatte den ganzen Sonntagvormittag in seiner Werkstatt die Messer des Grasmähers mit Hilfe der Schleifmaschine gewetzt, dass die Funken stoben. Es herrschte zwar Sonntagsruhe. Hier oben am Waldrand und abseits des Dorfes störte dies aber niemanden.

Der mikroskopische Metallstaub hatte seine Kehle verklebt und ausgetrocknet. Er war durstig und brauchte dringend einen Schluck Wasser. Schweren Schrittes, die rechte Hüfte nachziehend, stieg er die Treppe zum Haus hoch. Im Entree stach ihm das helle Rechteck an der Wand ins Auge. Gestern hing an dieser Stelle noch die Aufnahme seiner verstorbenen Frau mit David auf den Knien. Er trat näher zur Wand, um die Lücke zu inspizieren. Unter seinen Schuhsohlen knirschte es. Er sah zu Boden und entdeckte das Häufchen Glasscherben, das David auf die Schnelle zusammengekehrt hatte.

Jonathan Baders Halsschlagadern schwollen an. Seine Kiefer begannen wie Mühlsteine zu mahlen. Er ballte seine rechte Faust und schlug sie, einem Hammer gleich, voller Wucht gegen die Wand. Obwohl die Haut über den Knöcheln aufschrammte und das Blut feine Rinnsale zwischen den Fingern bildete, spürte er keinen Schmerz. Die einzigen Gefühle, die er wahrnahm, waren Wut und Enttäuschung auf seinen Sohn. Dieser Nichtsnutz war verschwunden, ohne zu beichten, welches Missgeschick ihm widerfahren war. Jonathan haderte mit sich. Möglicherweise hatte er den Jungen zu sehr verweichlichen lassen und hätte ihn mit strengerer Hand und größerer Disziplin erziehen sollen.

Jonathan Bader verspürte keinen Durst mehr. Er knallte die Haustür zu und verschanzte sich in seiner Werkstatt. Dort fühlte er sich geborgen. An diesem Ort hatte er alles unter Kontrolle und niemand konnte ihm lästig werden. Sobald er die Türe hinter sich zuzog, ließ er die alltäglichen Zumutungen hinter sich.

Um sich zu beruhigen, brauchte er dringend einen Schluck seines »guten Geistes«. Er drehte den Schlüssel der Kommode, öffnete die verzogene Tür und zog hinter den Schrauben und Nägeln die Flasche hervor, die ihm in diesen Momenten guttat. Seine Hände zitterten leicht, als er den Korken rauszog. Er setzte die Pulle gierig an seine spröden Lippen und ließ das hochprozentige Zwetschgenwasser die Kehle hinunterrinnen. Sein ausgedörrter Hals sog jeden Tropfen dieser feurigen Flüssigkeit auf. Sein Rachen brannte, als ob er mit einer Feile traktiert würde. Eine wohlige Wärme breitete sich durch die Nebenhöhlen bis unter die Schädeldecke aus.

Nach ein paar Schlucken verschwand seine Verkrampfung und er entspannte sich allmählich. Seine Bewegungen wurden fahriger, sein Gang unkoordinierter. Seine Wut verrauchte und machte einer tiefen Melancholie Platz. Er setzte sich auf das antike französische Bett aus der Belle Epoque. Mit seiner Hand strich er zärtlich über den Metallrahmen.

Dieses Gestell hatten Julia und er vor vielen Jahren bei einem Spaziergang durch Kleinbasel in einem versteckten Trödelladen aufgestöbert. Es hatte verstaubt zuhinterst in einer Ecke gestanden, verborgen unter Bücherkisten und Schallplatten. Der Lack war an zahlreichen Stellen abgeblättert, ein paar Metallstäbe waren verbogen oder abgebrochen.

Julia hatte sich sofort in dieses zerschlissene Möbelstück verguckt. Sie hatte sich bei Jonathan untergehakt und ihn mit ihrem ganzen Charme und einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte, zu diesem Stück hingezogen.

Da Jonathan sie um einen Kopf überragte, stellte Julia sich auf ihre Zehenspitzen, um ihn von unten mit ihrem treuherzigsten Augenaufschlag anzuflehen. »Ich liebe dieses Teil. Es würde sich wunderbar zum Dekorieren mit Blumentöpfen eignen.«

Jonathan konnte seiner Frau selten einen Wunsch verwehren. Diesmal wollte er sich aber nicht so schnell geschlagen geben. »Dieser Rosthaufen gehört eindeutig auf den Sperrmüll. Schau dir diesen Wucherpreis an. Und transportieren lässt sich dieses Ungetüm auch nicht.«

Julias Augen verloren ihren strahlenden Glanz. Sie war nicht mehr bereit, zu kämpfen. Sie ließ die Schultern hängen und schmollte. Sie verließen den Laden. Julia trottete eine Zeit lang stumm und missmutig zwei Schritte hinter Jonathan her. Sobald er stehen blieb, stoppte sie gleichzeitig und tat, als ob sie die Auslagen eines Schaufensters musterte.

Julia hatte nicht bemerkt, dass Jonathan still in sich hineinlächelte. Da er handwerklich geschickt war, malte er sich aus, wie er mit etwas Aufwand aus dieser rostigen Bettstatt ein bezauberndes Möbelstück schaffen würde. Er bräuchte sicher passende Ersatzteile und zahlreiche ungestörte Stunden Zeit. Er plante, Julia zum zehnten Hochzeitstag in zwei Monaten mit dem herausgeputzten Bett zu überraschen.

In derselben Woche, als Julia zum Wocheneinkauf fuhr, tuckerte er mit dem Traktor in die Stadt, handelte den angeschriebenen Preis um 30 Franken hinunter und lud das Bett auf den Anhänger.

Zuhause zerrte er es unter Aufwendung seiner ganzen Kraft vom Ladewagen und schleppte es in die Werkstatt. Seine Familie wusste genau, dass sie ohne seine Erlaubnis diesen Raum niemals betreten durfte. Sein Geschenk war vor einer Entdeckung sicher. Die folgenden Abende verbrachte er unter wechselnden Vorwänden in seinem Kabäuschen. Er sägte aus Metallrohren neue Streben, bog sie zurecht und schweißte sie an. Er übermalte das Gestell mit weißer Metallfarbe, bis sein Werk in frischem Glanz erstrahlte. Am Schluss trat er einen Schritt zurück und musterte das Möbelstück mit wohlwollendem Blick. Er hatte ganze Arbeit geleistet und war stolz und aufgeregt wie ein fünfjähriger Junge im Spielzeugladen. Der Hochzeitstag rückte rasch näher.

Diesen Tag sollte Julia aber nicht mehr erleben.

3

Jonathan wachte schweißgebadet auf. Er schien eingenickt zu sein. Er hatte wieder seinen Albtraum durchlebt, denselben, der ihn regelmäßig heimsuchte. Dabei sitzt er am Steuer seines Opels Astra, Julia auf dem Beifahrersitz. Sie fahren zügig auf der Landstraße. Eine Allee säumt die Fahrbahn. Die Bäume verwischen. Es ist Nacht und der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe. Die Scheibenwischer quietschen auf der schnellsten Stufe über die Scheibe und ziehen einen Wasserfilm hinter sich her. Aus dem Radio ertönt Sinead O’Connors Hit »Nothing compares 2 U«. Julia und er sind vom Wein angeheitert, albern rum, kichern. Es hat starken Gegenverkehr. Der nasse Asphalt wirft das Licht der Autoscheinwerfer zurück und bricht es auf der verschmierten Frontscheibe. Ständig wird Jonathan geblendet, muss sich am rechten Randstreifen orientieren, um die Spur halten zu können. Unvermittelt durchdringen rasch größer werdende Scheinwerfer die Scheibe. Das Fahrzeuginnere wird in ein weißes, gleißendes Licht getüncht. Ein gellendes Horn, ähnlich einer Schiffssirene, durchfährt seinen Traum. Danach reißt der Film und er wacht jeweils auf.

Jonathan versuchte, sich zurechtfinden und seinen Kopf von diesen düsteren Bildern zu befreien. Vom Bettgestell aus, nahm er schemenhaft die Wand mit den Werkzeugen und den Mähbalken davor wahr. Draußen hatte die Dämmerung eingesetzt. Nebel war vom Tal hochgekrochen und legte sich wie ein Gespinst über die Weiden.

Er hielt sich am Bettgestänge fest und probierte, auf die Füße zu kommen, was erst beim zweiten Versuch gelang. Der Raum drehte sich im Kreis und Jonathan fühlte Übelkeit in sich hochsteigen. Die Mischung aus selbstgebranntem Schnaps und dem vom Arzt verschriebenen Citalopram gegen seine Depressionen und Ängste hatten ihn niedergerungen. Seine Zunge war belegt und seine Kehle vollständig ausgedörrt. Er benötigte dringend ein Glas Wasser.

Matt und benommen überquerte er den Platz vor dem Wohnhaus, hangelte sich am Treppengeländer hoch und betrat die Wohnung. Drinnen war alles finster. David schien noch nicht zu Hause zu sein. Jonathan erinnerte sich verschwommen, dass der Junge heute seinen Ministranten Dienst hatte. Er durchquerte den Gang und ging in die Küche. Alles war aufgeräumt und an seinem Platz. Es gab kein Anzeichen, dass David seit der Messe heimgekommen wäre. Jonathan nahm ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Leitungswasser und trank es gierig leer. Er schenkte sich zwei Weitere ein und stürzte diese hinunter. Sein rebellischer Magen brauchte feste Nahrung. Außer schlaffen Möhren und einem angebrochenen Glas saurer Gurken gab es aber im ganzen Haushalt nichts Genießbares.

In der Stube lag ein Vorrat an trockenen Keksen herum. Er riss die Packung auf, stopfte sich mehrere gleichzeitig in den Mund, schlang sie runter und spülte die staubigen Reste in der Kehle mit Wasser nach. Langsam kehrten seine Kräfte zurück.

Am folgenden Tag musste er wieder einmal das Nötigste im Dorfladen besorgen, was ihm zutiefst zuwider war. Dabei würde er, was sich kaum vermeiden ließ, auf vertraute Gesichter treffen. Manche kämen auf ihn zu und würden mit heuchlerischem Interesse nach seinem Befinden fragen und anschließend hinter seinem Rücken tuscheln. Die Ehrlicheren dagegen würden einen Bogen um ihn machen und so tun, als ob sie ihn nicht wahrnähmen. Es waren alles Menschen, mit denen er früher gerne einen Schwatz vor der Kirche oder im Restaurant Ochsen beim Spätschoppen hielt.

Die Wanduhr schlug 19 Uhr und David war noch nicht zurück. Jonathan stieg die knarrende Treppe in den oberen Stock hoch. Auch oben brannte kein Licht. Er schlich vor Davids Zimmer und hielt sein Ohr an die Tür, vernahm aber weder die metallischen Klänge von Davids Musik, noch andere Geräusche. Alles blieb still. Er klopfte verhalten an die Tür. Da kein »Herein« ertönte, drückte er auf die Klinke. Die Tür war verschlossen. Die Badzimmertüre stand angelehnt. Sein Sohn war nicht unter der Dusche. Jonathan stieg die Treppe hinunter und schritt eilig hinüber zum Schuppen mit den Fahrrädern. Davids Rad fehlte. Er schien immer noch unterwegs zu sein. Jonathan fing an, sich Sorgen zu machen. Es war außergewöhnlich, dass David bei Nacht und ohne Licht, mit seinem Rad unterwegs war. Er konnte sich nicht erklären, wo sich der Junge um diese Uhrzeit herumtrieb. Der Gottesdienst war seit Stunden beendet. David hatte keine Freunde im Dorf. Seine freien Nachmittage verbrachte er für gewöhnlich in seinem Zimmer und versank in die Welten seiner Bücher, die er in der Schulbibliothek auslieh.

Als Knirps wollte er alles begreifen und wissen, was die Erde im Innersten zusammenhält. Er fragte seinen Vater unentwegt Löcher in den Bauch: »Wieso dreht sich die Erdkugel? Warum fallen wir nicht ins Weltall? Weshalb fährt ein Traktor? Wo kommen wir hin, wenn wir einmal sterben?«

Jonathan wusste auf die bohrenden Fragen seines Sohnes bald keine befriedigenden Antworten mehr. Aus Scham und Hilflosigkeit reagierte er jeweils gereizt und schnauzte den Jungen an: »Frag nicht soviel dummes Zeug!«

Jonathan war ein Arbeiter, der mit seinen Händen zupacken konnte. Er konnte einen kaputten Motor reparieren oder das Schweißgerät bedienen. Er war froh, als er seinerzeit die Schulzeit hinter sich hatte. Literatur, Fremdsprachen oder philosophische Themen hatten ihn nie interessiert. Solche Themen stifteten seiner Meinung nach nur Verwirrung im Kopf.

Irgendwann war David verstummt. Sobald er als Sechsjähriger das Alphabet kannte, verschlang er zahllose Bücher. Er erhoffte sich, darin all die Erklärungen auf seine unstillbare Neugierde zu finden. Ihn faszinierten die frühen Entdecker und Eroberer und ihre Fahrten durch die Weltmeere. Später vertiefte er sich in Umweltthemen wie den Klimawandel oder den Plastikmüll in den Ozeanen und schließlich befasste er sich mit gesellschaftlichen Fragen der Mobilität und Energiegewinnung.

An irgendeiner Stelle auf diesem Weg hatten Jonathan und David sich aus den Augen verloren. Sein Junge zog sich von ihm zurück und kapselte sich in seiner eigenen Welt ab. Sie tauschten sich kaum noch miteinander aus, außer, um das Nötigste zu klären, damit Haus und Hof nicht komplett im Chaos versänken. Jonathan fragte sich öfters, ob er am Ende schuld war, dass sein Sohn sich von der realen Welt und den Menschen zurückzog und keine Freunde fand. Vielleicht hätte er sich nach Julias Tod mehr um ihn kümmern und ihm Halt geben sollen. Wie jedoch hätte er dies schaffen sollen? Er war selber mutterseelenalleine und untröstlich. Der Verlust seiner Frau hatte ihn tief hinab in den Mahlstrom aus Wut, Hilflosigkeit und Ohnmacht gezogen.

An die Trauerfeier erinnerte sich Jonathan nur schemenhaft. Menschen, die er flüchtig kannte, drückten ihm ihr Beileid aus. Der Pfarrer sprach von Sünden und Vergebung. Alles hohle Phrasen in Jonathans Ohren. Wie konnte dieser Pfaffe nachempfinden, welche Abgründe sich in Jonathan auftaten? Wie konnte ein gerechter, fürsorglicher Gott eine glückliche Familie durch solch unermessliches Leid bestrafen?

Die darauffolgenden Wochen vegetierte er in Trance dahin. Er versuchte zwar, seinen Tagesrhythmus aufrechtzuerhalten, stand morgens um fünf Uhr auf, fütterte seine Kühe mit Gras und molk sie. Anschließend fühlte er sich wieder erschöpft. Er schleppte sich zurück ins Bett, das nun zu breit und leer war und versank in einen oberflächlichen, unruhigen Schlaf. Die restliche Zeit des Tages lag er einfach da. Er hatte keine Lust, aufzustehen.

Hunger verspürte er kaum und kochen konnte er sowieso nicht. Das hatte früher seine Frau erledigt und sie hatte es mit Hingabe getan. David wollte er diese Aufgabe nicht aufbürden. Nach Julias Tod war er zu jung dafür.

So kam es, dass Jonathan, während der ersten Monate zehn Kilogramm abmagerte. Sein von der Arbeit muskulöser und braungebrannter Körper wurde ausgemergelt, die Hosen flatterten ums Gesäß und er musste sich mit der Lochzange zwei weitere Löcher in den Gurt stanzen. Zusehends dehnten sich die kahlen Stellen auf seinem Haupt aus und drängten die einstmals dichte, dunkle Haarpracht zurück. Seine Wangen waren eingefallen und seine grauen, unrasierten Bartstoppeln verstärkten den Eindruck eines müden, gebrochenen Menschen. Obwohl er erst 50-jährig war, sah er wie ein vorzeitig gealterter Mann aus.

Sieben Jahre waren seit dem Schicksalsschlag vergangen, trotzdem litt er jeden Tag höllische Qualen, die weder die Pillen des Arztes noch der Schnaps ausmerzten. Er war eindeutig schuldig an diesem schweren Autounfall, der seine lebenslustige Frau umgebracht und ihn zum Krüppel gemacht hatte. Dies wies man im Prozess vor Gericht nach.

Julia und er wollten an diesem Abend seit Langem wieder einmal zu zweit ausgehen. David durfte bei den Großeltern übernachten. Sie genossen die Zweisamkeit und Unbeschwertheit, aßen gediegen, tanzten und tranken Alkohol. Das dritte und vierte Glas Rotwein und den Verdauungsschnaps hätte er nicht mehr bestellen dürfen. Zudem war er übernächtigt. Vor dem Restaurant fand Julia, es wäre vernünftiger, für die Fahrt nach Hause sich ausnahmsweise ein Taxi zu gönnen und den eigenen Wagen am folgenden Tag abzuholen. Seine Sturheit und Knausrigkeit ließen dies nicht zu. Er fühle sich noch fit und nüchtern genug, meinte er kurz angebunden.

Der Prozess war für ihn die beschämendste Erfahrung seines Lebens. Julias Mutter musste während der Urteilsverkündung unentwegt schluchzen. Ihr Vater saß mit versteinerter Miene da und stierte einen imaginären Punkt vor sich auf dem Fußboden an. Aus dem Dorf waren zahlreiche Bekannte und Freunde erschienen, nicht um ihm beizustehen, sondern um zu erleben, wie ein sündiger und schuldiger Mensch seiner gerechten Strafe zugeführt würde.

Während der ersten Zeit nach dem Unfall hätte er alles dafür gegeben, an Julias Stelle auf dem Friedhof zu liegen. Voller Bitterkeit dachte er, dass er »Glück« gehabt hatte: Der entgegenkommende SUV hatte sich auf der Beifahrerseite ins Fahrzeug gebohrt. Rauch und Flammen schossen aus dem Motorraum und griffen in Windeseile auf ihren Wagen über. Jonathan schaffte es, trotz gequetschter Hüfte, rechtzeitig das Auto zu verlassen. Julia dagegen wurde zwischen Armaturenbrett und Sitz eingeklemmt und konnte dem lodernden Feuer nicht entkommen. Bei einem Wetterwechsel erinnerte ihn das kaputte Gelenk an diese Tragödie. Heute war ein solcher Tag. Er verspürte stechende Schmerzen in seiner Hüfte, hervorgerufen durch die feuchte Kälte, die durch alle Ritzen des Hauses kroch. Mit Sicherheit verstärkten sich die Beschwerden durch die Sorge um seinen Sohn.

Er hatte David vor einem Jahr an Weihnachten ein Mobiltelefon geschenkt. David hatte das Gerät mit einem zaghaften Lächeln entgegengenommen, ließ es aber seither für gewöhnlich im Zimmer liegen oder schaltete es aus Angst vor Strahlung, wie er betonte, aus. Jonathan versuchte dennoch, David zu erreichen. Es ertönte die anonyme Stimme einer Bandansage, die bat, es später nochmals zu versuchen, da der Angerufene nicht gestört werden wolle.

Inzwischen war es 20 Uhr. Der Nebel hatte sich wie eine undurchdringliche Wand vor dem Haus aufgetürmt und verschluckte alle Konturen der umliegenden Landschaft. Durch die Fensterscheibe las Jonathan auf dem Thermometer die Außentemperatur ab: Die Anzeige war auf -9°C gefallen. Er durfte nicht mehr zuwarten. Er musste David suchen. Sollte der Junge gestürzt sein und sich etwas gebrochen haben, hätte er bei diesen frostigen Temperaturen keine lange Überlebenschance. Er stieg in seine schweren, gefütterten Gummistiefel, zog den Wintermantel, die Handschuhe und die russische Fellmütze mit den Ohrenklappen über und packte die Taschenlampe auf der Ablage. Aus dem Schirmständer ergriff er seine Wanderstöcke, um seine Hüfte zu entlasten und im Dunkeln nicht zu straucheln. Dann trat er hinaus in die klirrende Kälte.

Hinter der Scheune stieg der Weg eine Anhöhe hinauf. Mit der Lampe leuchtete er den Pfad vor sich aus. Die Nebeltröpfchen reflektierten den Lichtstrahl jedoch so stark, dass er maximal eine Armlänge weit etwas zu erkennen vermochte. Zuerst standen die Tannen vereinzelt und ein wenig verloren. Je höher er aufstieg, desto dichter wurde die Vegetation, bis er von dunklem Wald umgeben war. Er wusste, dass David während seiner Kindheit hier oben oft herumgetollt war.

Angespannt versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen. Er richtete den Lichtkegel der Lampe auf beide Seiten des Kiesweges, strahlte durch kahle Büsche, hinter Baumstämme und Felsbrocken. Dabei rief er Davids Namen, zuerst verhalten dann immer gellender, in der Hoffnung, von irgendwoher aus dem Dunkeln eine Erwiderung zu erhalten. Sobald er verstummte, herrschte absolute Stille. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch.

An klaren Tagen vernahm man das Knacken eines durch das Unterholz fliehenden Rehes, den Ruf eines Kauzes oder das Knarren von Zweigen, die durch den Wind aneinander geschabt wurden. Jetzt lag Totenstille über dem Forst.