Wann kommt das Glück auch zu mir? -  - E-Book

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Beschreibung

Als Petra nach Jahren in ihre Heimat zurück kommt holt sie die Vergangenheit ein. Hier hat ihre Mutter einst eine schreckliche Tat begangen, die sie – fast ein Kind noch – mitansehen musste. Und als sie sich in einen Mann verliebt, wendet dieser sich von ihr ab. Sie flieht ins Ausland, wo sie sich erneut verliebt und ihre Liebe wird auch erwiedert. Doch an ihrer Angst, auch diese Beziehung könnte zerbrechen, drohen die beiden Liebenden zugrunde zu gehen. Ein ergreifender Schicksalsroman voller Gefühl und Spannung.

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Seitenzahl: 152

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Simone Scheffer

Wann kammt das Glück auch zu mir?

Sabrina - Band 2

Wann kommt das Glück auch zu mir?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wann kommt das Glück auch zu mir?

 

 

 

 

 

 

 

Simone Scheffer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Copyright: Novo-Books im vss-verlag

Jahr: 2023

 

Lektorat/ Korrektorat: Chris Schilling

Covergestaltung: Hermann Schladt

 

Verlagsportal: www.novobooks.de

 

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie

 

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheber-rechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig

 

„Petra, Liebling, mache doch kein so verzweifeltes Gesicht. Du kannst je­derzeit wiederkommen. Es ist kein Ab­schied für lange Zeit. Du behältst deine Heimat hier bei uns für immer."

Maria Steininger sah mit einem liebevollen Blick in das blasse, ver­weinte Gesicht ihrer Nichte Petra Rauch, die sich vergeblich bemühte, ihre Tränen zurückzuhalten.

Sie standen beide auf dem Bahnhof von Meran, und neben ihnen war der Zug, der Petra Rauch nach einem vier­jährigen Aufenthalt bei Onkel Poldi, Tante Maria und Vetter Walter nun nach Deutschland zurückbringen sollte.

„Bitte, grüße Onkel Poldi noch ein­mal recht herzlich von mir", stieß Pe­tra hervor. „Ich danke ihm und euch allen für die schönsten vier Jahre mei­nes Lebens."

„Du bist hoffentlich nicht traurig, dass Onkel Poldi nicht bis zum Bahnhof mit­gekommen ist, Petra — und auch Wal­ter nicht. Aber Männer sind so, sie können unsere Tränen nicht gut mit­ansehen."

„Nein, nein, es ist besser so", erwi­derte Petra und wischte sich schnell über die Augen, „Wir haben ja zu Hau­se richtig Abschied genommen, Zuhau­se — ja, das habe ich bei euch gefun­den. Dort, wohin ich jetzt fahren muss, war einmal mein Zuhause, aber ich werde mich da nie mehr wohlfühlen können. Ich bin froh, dass ich zu euch zurückkommen darf, denn nur hier bin ich wirklich glücklich gewesen und ha­be das Entsetzliche und Schwere besser vergessen können. Was hätte ich wohl ohne euch getan — damals, als mein geliebter Papi —", die Stimme versagte ihr.

Frau Maria sprach tröstend und be­ruhigend auf Petra ein und bat sie einzusteigen. Noch eine Minute blieb bis zur Abfahrt des Zuges. Folgsam stieg Petra hinauf, nachdem sie die Tante noch einmal fest umschlungen und geküsst hatte. Sie trat in ihr Schlaf­wagenabteil und kam zum Fenster.

„Lege dich gleich hin, Liebling, schla­fe gut und denke an gar nichts mehr."

Noch einmal fanden sich ihre Hände. Der Zug ruckte an und fuhr langsam. Petra nahm noch sekundenlang das flat­ternde Taschentuch von Tante Beate wahr, dann war alles von der Dunkel­heit verschluckt. Schattenhaft waren die Konturen der Berge zu sehen. Oben in der Bergstation der Haflinger Bahn blinkte ein helles Licht, aber bald war auch dieses nicht mehr zu sehen.

Der Vollmond segelte am hellen Sternenhimmel zwischen silberweißen Wolken. Immer weiter blieben die Ber­ge zurück.

„Lebe wohl!” flüsterte Petra. Sie ließ ihren Tränen nun freien Lauf. „Liebes, schönes Meran, wann werde ich dich Wiedersehen?”

Aber sie wusste jetzt schon, eine gan­ze Zeit lang würde sie nicht nach Me­ran in das Haus ihrer Verwandten zu­rückkehren, wo sie vier Jahre lang ein Heim gehabt hatte; nicht nur ein Heim, sondern auch sehr viel Liebe und Für­sorge der geliebten Menschen Tante Maria und Onkel Poldi. Auch Vetter Walter musste sie mit einschließen, denn auch ihn hatte sie sehr gern. Aber gerade seinetwegen würde sie nicht so schnell zurückkommen kön­nen.

Walter, mit dem sie schon als Kind ein Herz und eine Seile gewesen war, denn sie hatte alle ihre Ferien immer bei den Verwandten in Südtirol ver­bracht, war nicht mehr der brüderliche Kamerad von einst. Er hatte sich lei­der in den letzten Monaten sehr heftig in .ie verliebt. Zuerst hatte sie es gar nicht bemerkt, aber langsam wurde ihr klar, was seine merkwürdige Eifersucht bedeutete, die sich auf alles und alle erstreckte. Es kam zu einer Aussprache zwischen ihnen, bei der Petra ihm er­klärte, dass sie nur rein freundschaft­lich für ihn empfinde. Walter sollte sich nach einem anderen Mädchen Um­sehen.

Er war sehr niedergeschlagen gewe­sen, aber er sprach dennoch die Hoff­nung aus, dass Petra es sich doch noch überlegen würde. Er könnte und wollte auf sie warten. Und dies war der Grund, dass Petra nicht so bald wieder nach Meran fahren würde. Walter musste erst einsehen, dass sie seine Liebe nicht erwidern konnte.

Tante Maria, eine weitläufige Kusine von Petras Vater, hätte es wohl ganz gern gesehen, wenn aus ihrem Sohn und Petra ein Paar geworden wäre. Auch Onkel Poldi wäre sehr zufrieden gewesen, denn sie liebten Petra von ganzem Herzen. Aber so verlockend es auch war, dass diese beiden Menschen ihre Schwiegereltern sein könnten, es würde damit nichts werden, (las wusste sie genau.

.Diese Enttäuschung kann ich dir leider nicht ersparen, meino geliebte Tante Maria“, dachte Petra traurig. ,Wie lieb und gut bist du immer zu mir ge­wesen, wie eine Mutter - nein, viel besser als eine Mutter... als diese Mutter!'

Petra beugte sich zum Wagenlensler hinaus. Der Fahrtwind ließ ihr Haar flattern und nahm ihr die Tränen von den Wangen.

„Warum weine ich nun noch immer?" murmelte Petra. „Doch nicht deswegenl Diese Frau ist für mich nicht mehr in der Welt. Ich will nie mehr an sie den­ken, für mich ist sie gestorben. Hoffentlich spricht Doktor Ritter nur nicht von ihr, ich kann das nicht ertragen.“

Dr. Anton Ritter, Rechtsanwalt und Notar, war ihr Vormund seit dem tra­gischen Tode ihres Vaters vor vier Jah­ren. Er sandte ihr jeden Monat ihr Taschengeld, und nun hatte er auch einmal einen Brief an sie geschrieben. Sie war nun 21 Jahre alt geworden und mündig. Damit konnte sie frei und un­eingeschränkt über das Vermögen ver­fügen, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte. Ihr persönliches Kommen war nun aber für die Erledigung der damit zusammenhängenden Fragen und Auf­gaben unbedingt notwendig.

Vielleicht hätte sie sich gegen diese Reise gesträubt, wenn es nicht die Sa­che mit Walter gegeben hätte. Was brauchte sie die große Luxusvilla, das viele Geld und alles andere; sie war restlos glücklich bei Onkel und Tante. Aber jetzt war ihr diese Fahrt beinahe willkommen gewesen trotz des bitte­ren Abschiedes.

Es war der zweite bedeutungsvolle Abschied ihres Lebens. An den ersten hatte sie jetzt nur noch eine sehr ver­schwommene Erinnerung. Sie war ja damals wie betäubt gewesen, ganz au­ßer sich und seelisch zerbrochen. Das entsetzliche Geschehen und Papis Ster­ben!

Petra setzte sich auf das Bett und dachte nach, während der Zug nun schon hinter Bozen durch die Nacht fuhr, höher und höher dem Brenner­pass zu. Vor Petra stieg die Vergan­genheit auf.

 

*

 

Ein großes Fest sollte es geben in der eleganten Villa des Regisseurs Ed­mund Rauch. Die Hausangestellten und Lohndiener eilten geschäftig hin und her, arrangierten Blumen und grüne Pflanzen, schmückten kleine Tische und bauten das kalte Büfett mit den erle­senen Delikatessen auf.

Der Theaterregisseur Edmund Rauch besaß auch einen namhaften Filmver­leih. Er war besessen von allem, was mit Schauspielkunst zusammenhing. Er entdeckte und förderte junge Talente. Manch ein Künstler, manch eine Künst­lerin verdankten ihm ihren Aufstieg. Ihm selbst hatten Talent, Fleiß und Glück geholfen, ein reicher und in der Branche mächtiger Mann zu werden.

Es gab öfter einmal eine große Party in der Villa, denn Edmund Rauch lieb­te Geselligkeit und sah gern schöne und elegante Frauen um sich, Beson­ders nach großen künstlerischen Ereig­nissen wurde gefeiert. Da kam alles, was einen Namen hatte, und es kamen auch die, von denen Edmund Rauch überzeugt war, sie würden sich noch einen Namen machen.

Für Petra war dies das zweite Fest, das sie im Elternhause miterlebte. Sie war noch nicht lange aus dem Pen­sionat in der Schweiz zurückgekehrt, war 17 Jahre alt und sehr hübsch. Auf dem ersten Fest war ihr sehr gehul­digt worden. Sie hatte sich glänzend amüsiert, und darum freute sie sich auch diesmal wieder sehr auf das große Ereignis.

Sie war schon völlig angekleidet und frisiert und nun voller Ungeduld, dass die Gäste einträfen. Jetzt klopfte sie bei ihrer Mutter an und trat schnell ein, da keine Aufforderung kam.

„Mutti, du hast ja ein neues Par­füm! Ein wunderbarer Duft!" Petra sog den Duft ein und trat hinter ihre Mut­ter, die vor ihrem Toilettentisch saß und nun erschrocken zusammenfuhr. Pe­tra gewahrte ihren verstörten Blick und lachte amüsiert auf.

„Nanu, ich glaube, du bist auch so aufgeregt wie ich, Mutti. Aber komisch, du hast doch schon oft solche Feste mitgemacht."

Beate Rauch erhob sich und be­trachtete sich im Spiegel. Sie besaß eine zwar etwas volle, aber sehr gute Figur, und ihr Abendkleid war ge­schmackvoll gewählt. Auffallend schön war Frau Beate wohl nie gewesen, aber ihr Gesicht verriet viel Güte und Sanft­mut. Wirklich schön waren ihre dun­kelblauen Augen, aus denen Wärme und Intelligenz sprachen.

„Du siehst fabelhaft aus, Mutti!" Pe­tra sah sie bewundernd an. Frau Beate fahr blitzschnell herum.

„Ist das auch ehrlich gemeint?" In ihren Augen lag jetzt Misstrauen. „Oder hast du das nur so hin gesagt?"

„Aber, Mutti!" Petra war sehr er­schrocken. Was hatte Mutti nur? Sie sah sehr, unglücklich aus. „Wie kannst du nur so fragen, Mutti? Natürlich meine ich es ehrlich. Du siehst einfach blendend aus. ‘

Frau Beate erwiderte nichts weiter. Sie setzte sich in einen von den hüb­schen Sesseln, die mit rosa Damast­seide überzogen waren und zog sil­berne Schuhe an ihre Füße. Sehr er­staunt betrachtete Petra diese luftigen Gebilde. Sie bestanden nur aus schma­len Riemchen und hatten bleistiftdünne und sehr hohe Absätze. Solches Schuh­werk hatte Mutti noch nie getragen, und diese überhohen Absätze waren doch unmöglich für sie. Wie sollte sie es nur den ganzen Abend damit aushalten? Plötzlich fiel ihr auch auf, dass die Frisur ihrer Mutter heute ganz an­ders war. Eine Modefrisur zwar, aber zu jugendlich für eine reife Frau wie sie.

Die Mutter schien etwas von Petras Gedanken zu erraten. Ein finsterer Blick streifte das junge Mädchen, und ihre Lippen pressten sich wie im Trotz zu­sammen. Petra versuchte ihr großes Er­staunen zu verbergen und ergriff die nächste Gelegenheit, um diese sonder­bare Spannung zu überwinden, indem sie ein zauberhaftes Kollier aus dem Etui nahm und es sich um den Hals legte.

„Wie bezaubernd schön!“ rief sie aus. „Es würde gut zu meinem Kleid passen, Mutti. Warum hast du es ei­gentlich bisher noch nie getragen?"

„Willst du es wohl sofort zurückle­gen I" Die Stimme ihrer Mutter war un­gewohnt herrisch und empört „Was fällt dir ein, meine Sachen anzurüh­ren!"

„Aber, Mutti", stammelte Petra be­troffen, „ich will es doch gar nicht ha­ben."

„Bitte, lege es zurück, Kindl" Frau Beate war sofort wieder ruhig gewor­den. „Heute trage ich ihn, aber du be­kommst diesen Schmuck ja einmal, Pet­ra. Ich schenke ihn dir bald, ich schenke dir alles, was ich habe. Aber heule muss ich ihn selbst tragen."

„Natürlich, Mutti!“ Petra war sehr verwirrt über das sonderbare Beneh­men ihrer Mutter. Es bestand kein Grund, dass sie sich aufregte und so außer sich geriet. Frau Beate stand nun auf und ging auf unsicheren Fü­ßen wieder zum Spiegel. Sie legte den kostbaren Schmuck um ihren Hals und sah sich wie beschwörend im Spiegel an.

„Mein Hals ist noch ganz glatt und faltenlos", flüsterte sie vor sich hin. Dann drehte sie sich zu Petra um. „Wie sehe ich aus, Petra? Ich bin nicht hässlieh, nicht wahr? Wenn ich auch nicht mehr jung bin, ich sehe aber doch noch gut aus?" Beinahe schluchzend hauchte sie die Worte hervor.

„Was hast du bloß, Mutti?" fragt» Petra verzweifelt. „Natürlich siehst du gut aus, wunderbar und sehr anzie­hend. Hässlich, das ist doch Wahnsinn, so etwas zu sagen. Es gibt bestimmt niemand, der so etwas sagen würde."

„Vielleicht sind solche grünen Augen schöner", murmelte Frau Beate, und Petra stellte fest, dass die Lippen ihrer Mutter jetzt bebten. „Dieses rote Haar ist gefärbt. Auch ich könnte es haben, wenn ich wollte."

„Ach, sprichst du von Claudine Pas­cal?“ fragte Petra aufmerksam aufhorchend.

„Dieser Name!" Frau Beate ballte die Hände. „Das allein ist wie ein Schlag ins Gesicht. Petra, findest du sie wirk­lich so schön, wie sie alle behaupten? Dieses ewige Lachen, so siegesgewiss und verspottend, ich kann es nicht mehr sehen. Aber sie liegen ihr ja alle zu Füßen."

„Sie ist sehr apart", sagte Petra et­was unsicher. „Ich kann nicht behaup­ten, dass sie mir gefällt, aber es gibt andere..."

„Also, sogar meine eigene Tochter ist von ihr hingerissen“, fiel Frau Beate heftig ein.

„Das habe ich nicht gesagt, Mutti", widersprach Petra. „Du wirst doch nicht mit ihr wetteifern wollen, Mutti? Das ginge nicht, denn sie ist viel jün­ger als du. Aber du hast das auch nicht nötig. Du bist für dein Alter sehr at­traktiv, sehr gut aussehend."

„Petra, ich will es nicht haben, dass du sie schön findest. Mag sein, dass sie schön ist, aber das ist nur äußerlich bei ihr. Sie ist ein durch und durch verdor­benes Geschöpf, darum kann sie nicht schön sein. Man kann nur von einer schönen Fassade bei ihr sprechen, nicht von wahrer Schönheit."

„Mutti, du regst dich um etwas auf, was ganz unwichtig ist. Fühlst du dich nicht wohl? Soll ich dir ein Beruhi­gungsmittel holen? Denke daran, in ei­ner halben Stunde musst du die Gäste empfangen. Aber du bist in einer Ver­fassung, die mir Angst macht."

„Du irrst dich, Kind. Ich fühle mich durchaus wohl. Sicher werde ich die Gäste empfangen, warum nicht? Du bildest dir jetzt nur etwas ein. Hilf mir lieber beim Umlegen der Stola. Wir wirkt sie am besten?“

Petra schmiegte ihr Gesicht in das silbrig schimmernde Pelzwerk aus ed­len Nerzen.

„Wie herrlich, wie unsagbar schön, Mutti, heute wirst du wie eine Köni­gin aussehen."

„Jawohl, das muss ich auch", antwor­tete Frau Beate. Sie zupfte an der Stola herum und betrachtete sich mit einer Ausdauer, die Petra heimlich belächel­te. Mutti war ganz schön eitel, das war ihr bisher noch gar nicht so aufgefal­len.

Inzwischen entdeckte sie eine Abend­tasche. Petra schrie begeistert auf und nahm die Tasche in die Hände.

„Finger weg davon!" wurde sie angeschrien. „Hinaus mit dir, du machst mich vollständig verrückt." Frau Beate stieß Petra an die Schulter und riss ihr die Tasche weg.

„Du tust mir weh!" rief Petra, sehr empört über ihre Mutter. Was war nur in sie gefahren? Sie war ja schon bei­nahe verrückt zu nennen und brauchte es nicht mehr zu werden. So etwas war noch nie vorgekommen. Sie schmet­terte die Tür hinter sich zu, um ihrem flammenden Zorn gehörig Ausdruck zu geben.

So etwas, ohne Grund benahm sich Mutti wie eine Megäre. War sie etwa so schrecklich eifersüchtig auf die jun­ge Claudine Pascal? Hätte sie das nur eher erkannt. Sie hätte ganz toll von ihr geschwärmt, damit Mutti sich gründ­lich ärgerte. Wenn sie so sein konnte, dann verdiente sie keine Schonung.

Schade, dass Papi noch nicht da war, dann hätte sie sich jetzt beschwert über Mutti. Aber er war noch nicht da. Irgendeine Sitzung, und Papi war überall mit dabei und wurde gebraucht. Vielleicht war Mutti deswegen so ra­send. Oder sie war wütend, weil Papi immer mit Schauspielerinnen zusam­menkam. Sie hatte ja schon manche spitze Bemerkung von ihr aufgefangen.

Jedes Mal war Papi dann in Zorn ge­raten und weggelaufen.

Das war falsch von Mutti, überlegte Petra. Sie selbst wollte später viel Ver­ständnis für den Beruf ihres Mannes zeigen. Wahrscheinlich würde es ein Schauspieler sein, andere Leute lernte sie ja kaum kennen.

Sie beruhigte sich und träumte vor sich hin, bis die große Standuhr in der Halle schlug. Jetzt würden die ersten Gäste eintreffen. Papi war noch nicht da, Mutti in solcher Stimmung, es war zum Verzweifeln.

Da ging oben eine Tür, und gleich darauf kam Frau Beate langsan die Treppe herunter. Sie sah so wunder­bar aus, dass Petra ihren Zorn beinahe vergaß. Frau Beate sah ihre Tochter und lächelte.

„Petra, mein kleiner Liebling, ver­zeih mir bitte meine Heftigkeit. Ich bin heute sehr nervös. Immer bin ich ner­vös, wenn so viele Gäste kommen. Sei lieb und vergiss. Mache ein frohes Ge­sicht. Deine Mutter ist eben auch nur ein kleiner, schwacher Mensch, der mal aus der Haut fahren kann, wenn ich es auch gar nicht will."

Ihre Stimme klang so reuig und gleichzeitig so lieb und zart, dass Petra ihren ganzen Groll vergaß und ihrer Mutter schnell einen Kuss auf die Wan­ge drückte.

 

*

 

Es waren sehr viele Menschen da. Petra hatte zahllose Hände geschüttelt und zahllose Komplimente angehört. Jetzt tanzte sie schon eine ganze Wei­le. Man drängte sich um sie, aber sie war doch nidit ganz dabei, denn es be­unruhigte sie, dass ihr Vater immer noch nicht gekommen war.

Auch das fiel ihr auf, dass Claudine Pascal nicht erschienen war. Mutti wür­de wahrscheinlich sehr froh darüber sein, wenn sie sie doch nicht ausstehen konnte. Aber als sie dann ihre Mutter irgendwo stehen sah, bekam Petra ei­nen Schreck. In den Augen ihrer Mutter glimmte ein düsteres Feuer. Das hieß, dass ihre Erregung sich nicht gelegt hatte.

Dann bemerkte sie, wie nachlässig die kostbare Stola ihr um die Schultern hing. Auch die schöne Tasche presste sie achtlos zwischen ihren Händen. Ob es vielleicht die Schuhe waren, die ihr große Pein bereiteten? Sie musste zu ihr und ihr sagen, dass sie doch lieber andere anziehen sollte. Abendschuhe besaß sie doch eine ganze Menge.

Das Gesicht ihrer Mutter verzerrte sich nun noch mehr. Unwillkürlich folg­te Petra ihrem Blick. Er hing an einer Frau, die eben gekommen war — Clau­dine Pascal.

Dieses junge, außerordentlich apar­te Geschöpf trug ein hautenges grünes Kleid, das mit Silberfäden durchwirkt war und bei jeder kleinen Bewegung einen anderen Farbton annahm. Hals, Nacken und Schultern waren frei, ein gewagter Ausschnitt, aber sie konnte ihn sich erlauben bei der bezaubern­den Linie und dem warmschimmernden Weiß ihrer Haut.

Ihre Augen standen ein wenig schräg, und auch sie konnten das Grün ihrer Iris verändern. Claudine Pascal suchte mit ihren Blicken und ließ sie auf Frau Beate Rauch ruhen. Ihr rassi­ger Kopf hob sich noch ein wenig hö­her. Um ihren vollen und auffällig ge­schminkten Mund zog sich ein Lächeln. Zum ersten Male sah Petra, dass es siegesbewusst, herausfordernd und — grausam war.

Sekundenlang blieben die Blicke der beiden Frauen ineinander hängen. Dann hob Claudine Pascal winkend die Hand und eilte auf die Dame des Hauses zu. Nichts geschah zu Petras Erleichterung. Die beiden Damen ver­neigten sich leicht voreinander und be­grüßten sich. Dann wandte sich Clau­dine Pascal ab und ließ sich von anderen Gästen begrüßen.