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In Anne Charlotte Lefflers Werk 'Weiblichkeit & Erotik' wird die komplexe Beziehung zwischen Frauen, Sexualität und der Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts untersucht. Mit einem einfühlsamen und doch kritischen Blick auf die Rolle der Frau in einer von männlicher Dominanz geprägten Welt fokussiert Leffler auf die Herausforderungen und Tabus, mit denen Frauen konfrontiert sind. Ihr literarischer Stil zeichnet sich durch eine subtile Wendung der Sprache aus, die es ihren Lesern ermöglicht, tief in die Psyche der Charaktere einzutauchen und deren innersten Gedanken zu erleben. Als eine der führenden feministischen Stimmen ihrer Zeit brachte Leffler nicht nur die Unterdrückung der Frauen zum Ausdruck, sondern forderte auch die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen und Stereotypen. 'Weiblichkeit & Erotik' ist daher nicht nur ein literarisches Werk, sondern auch ein Manifest für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
Books
Zwischen gesellschaftlich codierter Weiblichkeit und selbstbestimmter Erotik spannt sich das Feld, in dem Anne Charlotte Lefflers Essay die Frage nach Freiheit, Verantwortung und Wahrhaftigkeit neu vermisst, indem er die moralischen Reflexe seiner Zeit prüft und die lesende Gegenwart auffordert, die leisen wie lauten Zwischentöne persönlicher Erfahrung gegen starre Normen abzuwägen, dabei kreist der Text um die unauflösliche Spannung zwischen sozialer Rolle, innerem Begehren und der Sprache, die beides ordnen will, und macht sichtbar, wie kulturelle Erwartungen Körper, Beziehungen und Selbstbilder durchdringen, und das Moment der Entscheidung im Blick behält, das jede und jeder selbst aushandeln muss, wenn Liebe und Lust nicht aus Vorschriften, sondern aus Selbstachtung und Rücksicht hervorgehen sollen.
Weiblichkeit & Erotik ist ein programmatischer Essay der schwedischen Schriftstellerin Anne Charlotte Leffler, angesiedelt im geistigen Klima des skandinavischen Modernen Durchbruchs gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Anstelle einer erzählten Handlung entfaltet der Text eine kulturkritische Untersuchung, die in Salons, Zeitungsdebatten und Gerichtssälen der bürgerlichen Gesellschaft ihre impliziten Schauplätze hat. Leffler beleuchtet, wie Moralvorstellungen, medizinische Diskurse und Rechtsnormen Vorstellungen von Weiblichkeit und Begehren formen und regulieren. Der Publikationskontext ist geprägt von aufbrechenden Frauenbewegungen und einer heftigen Auseinandersetzung mit der doppelten Moral, was dem Essay den Charakter eines engagierten, aber methodisch kontrollierten Beitrags zur Zeitdiagnose verleiht.
Ausgangspunkt des Textes ist die nüchterne Beobachtung, dass Begriffe wie Tugend, Leidenschaft und Ehre keine Naturtatsachen sind, sondern durch soziale Praktiken geformt werden, denen Frauen und Männer unterschiedlich ausgesetzt sind. Lefflers Stimme ist klar, argumentativ und zugleich empathisch, ihre Sätze sind präzise gebaut und vermeiden moralische Effekthascherei. Der Ton bleibt sachlich, bisweilen scharf, aber nie herablassend; Beispiele und Gegenbeispiele dienen der Prüfung von Vorurteilen, nicht der Bloßstellung von Personen. Das Leseerlebnis gleicht einer fokussierten Debatte: These, Gegenrede, Abwägung – ein Bewegungsablauf, der den Blick schärft, ohne zu belehren, und Raum für eigene Urteile lässt.
Im Zentrum stehen Themen, die bis heute irritieren und befreien: die doppelte Sexualmoral, die Verschränkung von Liebe und ökonomischer Abhängigkeit, die rechtliche und gesellschaftliche Bewertung weiblicher Begehren, sowie die Frage, wie Sprache Macht ausübt. Leffler zeigt, dass die Normen des Anstands nicht nur Körper regulieren, sondern auch Wissen und Selbstdeutung. Sie arbeitet heraus, wie Rollenbilder intimes Erleben prägen und öffentliche Sanktionen private Entscheidungen beeinflussen. Dabei entwirft der Essay kein einheitliches Ideal, sondern eine Ethik der Verantwortlichkeit, die Partnerschaft, Zustimmung und Wahrhaftigkeit in den Mittelpunkt rückt und damit individuelle Freiheit mit sozialer Bindung vermittelt.
Das Buch lässt sich als Weg durch Argumentationsräume lesen: Zunächst werden Prämissen freigelegt, dann tradierte Urteile geprüft, schließlich Alternativen skizziert. Leffler nutzt Beispiele aus Alltag, Presse und zeitgenössischen Debatten, um abstrakte Begriffe auf konkrete Situationen zu beziehen; dennoch bleibt der Text streng fokussiert und überfrachtet seine Thesen nicht mit Anekdoten. Stilistisch verbindet er analytische Schärfe mit literarischer Sensibilität, sodass Gedanken kraft der Form wirken. Wer liest, erlebt weniger eine Provokation als eine klärende Bewegung: ein Abtragen von Schichten, bis Konturen entstehen, die weder moralischer Alarmismus noch bequeme Relativierung verdecken, und zur selbstkritischen Aufmerksamkeit anleiten.
Für heutige Leserinnen und Leser bleibt Weiblichkeit & Erotik relevant, weil der Text Mechanismen beschreibt, die in neuen Gewändern fortleben: die Politisierung von Intimität, Debatten um Zustimmung und Grenzen, die Ökonomien des Begehrens in Partnerschaft und Öffentlichkeit. Lefflers insistierende Genauigkeit im Umgang mit Sprache sensibilisiert dafür, wie Begriffe Debatten lenken und Verantwortung verteilen. Ihr Plädoyer, normative Maßstäbe mit Blick auf Erfahrung, Gerechtigkeit und gegenseitige Achtung zu prüfen, setzt einen Maßstab, der jenseits tagespolitischer Lager funktioniert. So eröffnet das Buch Räume für differenziertes Denken, ohne die Dringlichkeit konkreter, gelebter Lebenslagen zu relativieren.
Diese Einleitung lädt dazu ein, Lefflers Essay als präzise, couragierte Intervention zu lesen, die sowohl literarisch als auch gedanklich trägt. Wer sich auf das Buch einlässt, findet keine Skandalisierung, sondern eine ernsthafte Prüfung dessen, was Beziehungen, Verantwortung und Selbstachtung bedeuten können. Im weiteren Kontext des skandinavischen Realismus und einer frühen feministischen Intellektualgeschichte markiert Weiblichkeit & Erotik einen Punkt, an dem Analyse und Erfahrung ineinandergreifen. Daraus entsteht ein Text, der nicht befiehlt, sondern befähigt: zum sorgfältigen Hören, zum klaren Denken, zur verantwortlichen Freiheit – und damit zu einem Lesen, das nachwirkt.
Das Werk Weiblichkeit & Erotik der schwedischen Autorin Anne Charlotte Leffler untersucht mit nüchternem Blick, wie zeitgenössische Vorstellungen von Weiblichkeit und die Wahrnehmung erotischer Erfahrung ineinandergreifen. Ausgehend von gängigen Moralbegriffen arbeitet Leffler heraus, dass das vermeintlich Natürliche der Geschlechterrollen kulturell erzeugt und durch soziale Erwartungen stabilisiert wird. Sie nimmt den Ton einer sachlich-argumentativen Analyse an und verknüpft ihn mit Beobachtungen aus dem bürgerlichen Alltagsleben. Früh stellt sie die Leitfrage, ob eine ehrliche, gleichberechtigte Beziehung zwischen den Geschlechtern möglich ist, solange weibliche Gefühle, Begehren und Autonomie hinter Idealen der Sanftmut, Reinheit und Selbstverleugnung zurücktreten müssen.
Im nächsten Schritt zerlegt Leffler die verbreitete Definition von Weiblichkeit als Passivität und zärtliche Dienstbarkeit. Sie zeigt, wie diese Zuschreibung als moralisches Instrument wirkt: Frauen sollen pflegen, leiden und lächeln, während ihre Erfahrung von Lust, Neugier und geistiger Unabhängigkeit als unweiblich abgetan wird. Die Analyse kontrastiert den normativen Typus der makellosen Frau mit der Vielfalt gelebter Biografien. Daraus entsteht ein erstes Spannungsfeld des Textes: Die diskursive Figur der reinen Weiblichkeit steht im Widerspruch zu den körperlichen und seelischen Realitäten, die Leffler als legitimer Bestandteil menschlicher Würde und Handlungsfähigkeit begreift und Freiheit.
Ausdrücklich befasst sie sich mit Erotik nicht als bloßer Trieb, sondern als Beziehungsenergie, die Erkenntnis, Verantwortung und Gegenseitigkeit verlangt. Leffler argumentiert, dass die Verdrängung weiblichen Begehrens Heuchelei erzeugt und Leiden verlängert, während eine reflektierte Anerkennung erotische Bindungen vertiefen kann. Sie unterscheidet zwischen rücksichtsloser Sinnlichkeit und einem ethisch gebundenen Begehren, das Achtung voraussetzt. Damit verschiebt sich der Fokus vom abstrakten Tugendideal hin zur Qualität zwischenmenschlicher Begegnungen. Der Text fragt, wie Wahrhaftigkeit im Ausdruck von Lust möglich wird, ohne soziale Bande zu zerstören, und welche Sprache nötig ist, um darüber offen zu sprechen.
Deutlich kritisiert Leffler die doppelte Moral, nach der männliche Erfahrung als Lebenstüchtigkeit gilt, weibliche hingegen als Makel beargwöhnt wird. Sie zeigt, wie diese Asymmetrie ungleiche Risiken und Lasten produziert und das Schweigen über Sexualität verstärkt. Der Text nimmt die gängigen Rechtfertigungen – Schutz der Familie, Bewahrung der Sitte – beim Wort und prüft ihre logische Konsistenz. Dabei entsteht ein weiterer Knotenpunkt: Wer Freiheit ausschließlich als männliches Privileg fasst, schwächt gerade jene moralische Ordnung, die er zu verteidigen vorgibt. Gleiches Maß für beide Geschlechter erscheint als Voraussetzung einer glaubwürdigen Ethik und gelebten Anstands.
Ein zentrales Feld der Auseinandersetzung ist die Ehe. Leffler beschreibt, wie wirtschaftliche Abhängigkeit und ungleich verteiltes Wissen über Sexualität eine Partnerschaft belasten können. Ohne gegenseitige Aufklärung und die Möglichkeit, Nein zu sagen, verengt sich das Versprechen der Ehe zur bloßen Konvention. Der argumentative Wendepunkt liegt in der Forderung nach reifer Freundschaft: Erst wenn beide Partner Verantwortung teilen und Begehren aussprechen dürfen, wird Nähe tragfähig. Daraus leitet der Text die Notwendigkeit ab, Heranwachsende beider Geschlechter auf Beziehung, Körperlichkeit und Gewissensurteil vorzubereiten, anstatt sie hinter idealisierten Bildern zu verunsichern. So verbindet sich private Ethik mit öffentlicher Bildungspolitik.
Folgerichtig weitet Leffler den Blick auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen: Zugang zu Bildung und Erwerbsarbeit, rechtliche Absicherung und soziale Anerkennung. Diese Faktoren bestimmen, ob Frauen Entscheidungen aus Freiheit oder Not treffen. Sie betont, dass Gleichberechtigung keine Lockerung der Moral bedeutet, sondern ihre Verlässlichkeit erhöht, weil Regeln dann auf Gegenseitigkeit statt auf Gehorsam beruhen. Gegen den Vorwurf der Zersetzung hält der Text die Idee einer anspruchsvollen Verantwortungsethik, die Wahrheit, Einwilligung und Selbstschutz zusammendenkt. So gewinnt Erotik den Rang eines ernstzunehmenden Feldes menschlicher Reife, statt als Gefahr oder Privileg eines Geschlechts behandelt zu werden.
Im Schlussabschnitt bündelt Leffler ihre Überlegungen zu einer Leitidee: Weiblichkeit soll nicht als Käfig normativer Tugenden verstanden werden, sondern als offene Möglichkeit, Persönlichkeit, Begehren und Gewissen zusammenzuführen. Die nachhaltige Wirkung des Textes liegt in seiner Forderung nach sprachlicher und sozialer Wahrhaftigkeit, die das Private mit dem Öffentlichen verschränkt. Ohne endgültige Rezepte zu liefern, ermutigt das Werk zur Auseinandersetzung mit den eigenen Maßstäben und den Strukturen, die sie formen. So bleibt Weiblichkeit & Erotik ein Anstoß zu Debatten über sexuelle Ethik, Gleichheit und die Bedingungen einer reifen, partnerschaftlichen Kultur bis heute.
Anne Charlotte Lefflers Weiblichkeit & Erotik entstand im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Schweden, mit Stockholm als zentralem Schauplatz eines rapide modernisierenden Königreichs. Prägende Institutionen waren die lutherische Staatskirche, der seit 1866 reformierte Zweikammer‑Reichstag, die Universitäten Uppsala und Lund sowie eine vielseitige Presse- und Theaterkultur um das Kungliga Dramatiska Teatern. Städtische Polizeibehörden und Gesundheitsämter regulierten gleichzeitig die Prostitution durch medizinische Kontrollen. Überregionale Impulse kamen aus dem skandinavischen Raum, besonders von Kopenhagen, wo Georg Brandes’ Forderung, Probleme zur Diskussion zu stellen, das sogenannte moderne Durchbruch prägte. In diesem Spannungsfeld verortet sich Lefflers Intervention in die Debatten um Geschlecht und Moral.
Der skandinavische Moderne-Durchbruch verband literarischen Realismus und Naturalismus mit zeitgenössischen Wissenschaftsdiskursen. Georg Brandes propagierte seit den 1870er Jahren Literatur, die soziale Probleme analysiert; Autoren griffen auf Evolutionslehre, Physiologie und frühe Sexualwissenschaft zurück. Richard von Krafft‑Ebings Psychopathia Sexualis (1886) zirkulierte breit und beeinflusste die Sprache, in der über Begehren, Krankheit und Verantwortung gesprochen wurde. In Schweden trugen Zeitungen, Zeitschriften und literarische Vereine Debatten über Ehe, Erziehung und Moral. Leffler, die in Drama, Erzählung und Essay publizierte, arbeitete in diesem Klima mit präziser Beobachtung und sozialer Diagnose, um Normen weiblicher Tugend und männlicher Privilegien als historische, nicht naturgegebene Ordnungen sichtbar zu machen.
Die Frauenbewegung in Schweden gewann zugleich an Kontur. 1862 erhielten unverheiratete, steuerzahlende Frauen kommunales Wahlrecht; 1863 wurde ihnen die Volljährigkeit mit 25 Jahren zuerkannt, 1884 auf 21 Jahre abgesenkt. Seit 1873 durften Frauen an den Universitäten studieren (mit Ausnahmen einzelner Fakultäten), 1874 erhielten verheiratete Frauen das Recht, über eigenes Erwerbseinkommen zu verfügen. 1884 gründete sich das Fredrika-Bremer-Förbundet als landesweit wirkender Verband. Neue Berufswege – besonders Lehrerin und, ab 1888 mit Karolina Widerström, Ärztin – verschoben Erwartungen an weibliche Lebensläufe. Diese institutionellen Verschiebungen rahmen Lefflers Analyse von Bildung, Arbeit, Ehe und Selbstbestimmung, die Weiblichkeit & Erotik historisch präzise situiert.
Im Zentrum der schwedischen Sittlichkeitsdebatte standen die Regulierung der Prostitution und die Doppelmoral sexueller Normen. In vielen Städten unterlagen Frauen polizeilichen Melderegistern und verpflichtenden Gesundheitskontrollen, während männliche Kundschaft kaum sanktioniert wurde. Internationale Impulse kamen von Josephine Butlers abolitionistischer Bewegung, deren Argumente gegen staatliche Kontrolle auch in skandinavischen Kreisen Widerhall fanden. Ärzte, Geistliche, Juristen und Journalisten stritten über Ursachen und Bekämpfung venerealer Krankheiten sowie über Prävention durch Aufklärung. Diese Auseinandersetzungen bildeten die unmittelbare Folie, vor der Leffler Geschlechterethik, Verantwortung und die gesellschaftliche Konstruktion der Erotik verhandelte – mit Augenmerk auf rechtliche, medizinische und ökonomische Rahmenbedingungen.
Zeitgleich profilierten sich literarische Stimmen, die Ehe, Begehren und Macht analysierten. Henrik Ibsens Et dukkehjem (1879) löste europaweit Kontroversen um weibliche Selbstbestimmung aus. August Strindbergs Erzähl- und Dramenbände Giftas (1884) sowie Fröken Julie (1888) attackierten bürgerliche Moral und Geschlechterrollen. Die schwedischen Autorinnen Victoria Benedictsson (Ernst Ahlgren) und Alfhild Agrell gestalteten ökonomische Abhängigkeit, Scheidung und gesellschaftliche Reputation als prägende Konfliktfelder. Radikale Zeitschriften wie Framåt boten ein Forum für Reformideen und literarische Experimente. Weiblichkeit & Erotik steht in dieser dichten Öffentlichkeit: Es bezieht Position innerhalb eines transskandinavischen Gesprächs, das Literatur als Medium sozialer Analyse und als Instrument politischer Kritik verstand.
Anne Charlotte Leffler (1849–1892), Schwester des Mathematikers Gösta Mittag-Leffler, wurde in Stockholm geboren und prägte als Autorin von Dramen und Erzählzyklen Ur lifvet die schwedische Gegenwartsliteratur. Sie veröffentlichte vielfach unter dem Namen Anne Charlotte Edgren‑Leffler. Ihre Bühnenstücke – darunter Sanna kvinnor und Skådespelerskan – verlegten Konflikte um Beruf, Ehe und Reputation bewusst in zeitgenössische Milieus. Nach der Scheidung von ihrem ersten Ehemann zog sie nach Italien; 1890 heiratete sie den neapolitanischen Mathematiker Pasquale del Pezzo und führte den Titel Herzogin von Cajanello. Sie starb 1892 in Neapel. Diese Lebensstationen verankern ihre Texte in transnationalen Netzwerken von Wissenschaft, Kunst und Presse.
Weiblichkeit & Erotik geht auf Lefflers schwedische Schrift Kvinnlighet och erotik zurück, die Ende der 1880er/Anfang der 1890er Jahre erschien. Das Werk interveniert offen in die Sittlichkeitsdebatte: Es analysiert, wie Ehegesetze, kirchliche Lehren und medizinische Konzepte weibliche Sexualität normierten und eine männlich privilegierte Doppelmoral stützten. Leffler nimmt Bildung, Erwerbsarbeit und ökonomische Abhängigkeit als Scharniere moralischer Erwartungen in den Blick und plädiert für verantwortliche, gegenseitige Ethik in Liebesbeziehungen. Stilistisch verbindet sie argumentativen Essay mit Fallbeobachtung und Anspielungen auf ihre dramatischen Stoffe; die Bezugnahme auf zeitgenössische Statistik und Fachsprache verankert die Argumentation in der öffentlichen Wissenskultur.
Als Kommentar zur Epoche markiert Weiblichkeit & Erotik die Schnittstelle von Literatur, Reformbewegung und Wissenspolitik. Die Schrift knüpft an Lefflers Bühnenarbeiten an, verlagert deren Konflikte jedoch in einen programmatischen, publizistischen Rahmen, der auf Presse und Vereine zielte. Zeitgenössische Leserinnen und Leser nutzten solche Texte, um Positionen in Vereinen, Redaktionen und Salons zu schärfen; die Diskussionen setzten sich in der frühen 1890er‑Jahre‑Öffentlichkeit fort. Rückblickend wird das Werk als prägnantes Dokument des skandinavischen Moderne‑Durchbruchs gelesen: Es macht sichtbar, wie juristische Reformen, medizinische Deutungen und künstlerische Verfahren das Verständnis von Weiblichkeit und Erotik im Fin de Siècle formten.
»Außerordentlich hübsch! Wirklich eine reizende Gruppe,« sagte der höfliche Photograph; Mutter und Tochter in stiller Vertraulichkeit!«
»Es ist nicht meine Tochter,« erwiderte die alte Dame lächelnd[1q].
»Ah – vermutlich die Frau Schwiegertochter! Oder, was ich da sage – nicht Frau Schwiegertochter, sondern die zukünftige Schwiegertochter, wenn ich nicht irre!«
Das junge Mädchen errötete bei diesen Worten – es war ein heftiges Erröten, welches ihr das Blut in ein paar eigenartigen Spitzen bis in die Schläfen jagte.
»Nein, wir sind nur gute Freundinnen,« sagte Frau Rode, »obwohl ein beträchtlicher Altersunterschied zwischen uns besteht.«
»Siehst du wohl,« flüsterte das junge Mädchen eifrig, während der Photograph mit seinem Apparat beschäftigt war. »Ich wußte ja, daß dies Veranlassung zu solchen Vermutungen geben würde. Und wenn das Bild nun nach Algier[1] kommt, so werden Richards Freunde natürlich ganz dasselbe glauben.«
»Ach nein! Das Bild kann wenigstens glücklicherweise nicht erröten. Du selber giebst ja gerade Veranlassung zu diesen Gerüchten, indem du bei der geringsten Andeutung rot wirst.«
»Das Gesicht ein wenig mehr hierher, wenn ich bitten darf!«
»Warten Sie einen Augenblick, ich möchte die Umgebungen erst ein wenig mehr ordnen.«
»Verzeihen Sie, mein Fräulein! Aber Sie können sich in der Beziehung wirklich auf meinen künstlerischen Blick verlassen.«
»Aber hier ist ja gar nicht die Rede von etwas Künstlerischem!« unterbrach ihn Frau Rode. »Ich möchte so gern, daß die Umgebung genau so ist wie in unserm Heim. Darum haben wir ja den Lehnstuhl und die Lampe mitgenommen; das Bild soll als Weihnachtsgeschenk an meinen Sohn nach Algier gesandt werden. Er ist Leutnant beim Generalstabe[2], ist aber in französische Kriegsdienste getreten und seit drei Jahren nicht zu Hause gewesen; er wird sich gerade über ein kleines Bild aus unserm täglichen Leben freuen.«
»Du mußt deinen Mund auch stets mit dir durchgehen lassen, Tantchen, sobald nur die Rede auf deinen Sohn kommt,« flüsterte das junge Mädchen, die alte Dame aufs Ohr küssend. »Was geht das den Photographen an? Es kann ihn ja nur in seinem Verdacht bestärken. Verstehst du denn das nicht, Tantchen?«
»Er muß aber doch wissen, weshalb wir alles nach unserm eignen Kopf ordnen wollen,« erwiderte Frau Rode zurechtweisend. »Stelle nun die Lampe auf den richtigen Platz, so wie wir es verabredet haben. Und der Brief! Wo ist nur der Brief geblieben? Das ist doch aber ärgerlich! Nun habe ich ihn gewiß zu Hause liegen lassen! Alie, reiche mir einmal die schwarze Tasche. Wo ist denn die? Du sollst sehen, die ist im Wagen liegen geblieben!«
Alie lachte aus vollem Halse[2q].
»Ich möchte wissen, wie oft die schwarze Tasche fortgewesen ist, und wie oft du nahe daran gewesen bist, einen Schlaganfall vor Schrecken zu bekommen,« sagte sie. »Natürlich ist sie hier, sieh nur, dort hinter deinem Rücken liegt sie. Ach, du zerstreutes, unordentliches kleines Tantchen!«
»Verzeihen Sie, aber ich finde, es würde weit natürlicher aussehen, wenn das Fräulein den Brief in der Hand hielte und ihrer Frau Mutter – der gnädigen Frau, wollte ich sagen, daraus vorläse.«
»Nein, nein, das geht auf keinen Fall,« unterbrach Frau Rode ihn eifrig. »Das Bild soll vorstellen, daß soeben ein Brief von meinem Sohn angekommen ist, und den lese ich immer zuerst selber.«
»Da schwatzt sie wieder von ihrem kleinen Jungen,« flüsterte Alie, die alte Dame leicht in den Arm kneifend.
Der Photograph verschwand hinter seinem Apparat, und Alie fuhr fort: »Da kannst du sehen, böse, alte Tante, daß selbst der Photograph es für natürlicher hält, daß ich die Briefe gleich zu lesen bekomme. Aber gönnst du mir das wohl jemals? Ei bewahre! Du mußt natürlich immer erst untersuchen, ob sie auch Geheimnisse enthalten. Als ob du mir dann hinterher diese Geheimnisse jemals verschweigen könntest! Als ob du nicht schließlich doch mit jeder Kleinigkeit herausplatztest.«
»Still, du Plaudertasche! Sitze nun ruhig und laß mich in Frieden. Du mußt wirklich ein wenig milde und weiblich auf dem Bilde aussehen. Und streich dir den häßlichen Haarbüschel aus der Stirn. Ich bin fest überzeugt, daß Richard das nicht leiden mag.«
»Ei was! Glaubst du, daß ich mich daran kehre? Nein,« fuhr sie energisch fort, indem sie das Haar, das die alte Dame zurückgestrichen hatte, wieder in die Stirn zog. »Nie und nimmer lasse ich mich dazu bewegen, mein Haar aus dem Gesicht zu tragen, das habe ich dir wohl schon hundertmal gesagt!«
»Wenn ich jetzt bitten darf – –«
»Aber, Tantchen, schiebe doch um Gottes willen die Unterlippe nicht so vor!« flüsterte Alie wieder. Sie schien ihren Mund keine Minute ruhig halten zu können. »Ich will keine Schwiegermutter haben, die so böse aussieht.«
Sie kamen beinahe vor Lachen um, als der Photograph warnend die Hand erhob und mit elegant ausgestrecktem Zeigefinger ihnen zurief: »Jetzt fange ich an, bitte –«
Es war schade, daß es nicht dem feinfühlenden Pinsel eines Malers vergönnt war, die Gruppe wiederzugeben, die jetzt in dem stark von der Sonne beschienenen Atelier vor dem Photographen saß.
Die alte Dame in ihrem Lehnstuhl mit der hohen, schlanken, ein wenig vornübergebeugten Figur, mit dem trotz ihres Alters lebhaften, beweglichen Gesicht, das freilich von durchlebten Sorgen, aber auch von einer elastischen, natürlichen Munterkeit und einer Freude am Dasein erzählte, die sich in den vielen feinen Falten bei den Augen und dem freundlichen Lächeln in den Mundwinkeln kundgab. Das weiße, weiche, seidenfeine, aber ziemlich dünne Haar krauste sich leicht in den Schläfen. Eine runde schwarze Sammethaube mit breiter, gelber, echter Spitze bedeckte den Kopf und fiel in den Nacken hinein.
Daneben das junge Mädchen, das sich gemütlich neben sie in die Sofaecke gesetzt hatte, den einen Arm auf den Tisch gestützt, die Augen aufmerksam auf das Antlitz der alten Dame gerichtet, die aus dem Briefe vorzulesen schien. Eine ausdrucksvolle, ausgeprägte Physiognomie, eine feine, weiche Figur, mit schnellen, vogelähnlichen Bewegungen, dunkelblaue, kurzsichtige Augen mit ungewöhnlich großen Pupillen und stark überschattet von geraden, scharfgeschnittenen Brauen und einer ein wenig vortretenden Stirn, über der sich das aschblonde Haar leicht und luftig kräuste gleich einer von einem Sonnenstrahl in Bewegung gesetzten Staubwolke. Das Kinn war rund und schön geformt, der feine Mund in hohem Grade gefühlvoll und nervös.
Antlitz wie Figur zeugten von unendlicher weiblicher Anmut, aber der Ausdruck war so bewußt und beherrscht, daß er im großen und ganzen ein wenig abkühlend auf die Männer wirkte, die von Alies weiblicher Schönheit und ihrem lebensvollen, geistsprudelnden Wesen gefesselt wurden. Mehr als einer ihrer Bewunderer träumte davon, wie entzückend dies feine, bewegliche Gesicht sein würde, wenn es einmal seine reflektierende Zurückhaltung aufgeben und in weibliche Lieblichkeit zerschmelzen könne. Und von einer Frau wie Alie geliebt zu werden, zu sehen, wie diese ernsten, ein wenig grübelnden, allzu kritisch forschenden Augen weich würden und einen zärtlichen, hingebenden Ausdruck annahmen – das hatte manchem Manne als das größte Glück und gleichzeitig als die größte Auszeichnung vorgeschwebt, die man sich denken konnte.
Aber noch hatte kein Mann dies Glück erreicht, und man hörte oftmals die jungen Herren von Alie sagen: »Schön, lebhaft, glänzend, aber ohne weibliches Gefühl.«
Richard Rode hatte seinen Weihnachtsabend mit einigen Kameraden seines Regiments verbracht, mit Franzosen, für die dieser Tag keine weitere Bedeutung hatte. Als er spät in der Nacht nach Hause kam, lag ein großes Couvert mit der Handschrift seiner Mutter auf dem Schreibtisch. Begierig öffnete er den Brief, ein Ausruf froher Ueberraschung entfuhr ihm, als er das hübsche, wohlgelungene Kabinettbild[3] erblickte. Seine Mutter war bis dahin nie zu bewegen gewesen, sich photographieren zu lassen. Er wußte, daß er Alies Energie die Erfüllung seines Wunsches zu verdanken habe.
Und Alie selber! Ja, von ihr hatte er freilich einmal ein Bild bekommen, aber das war schon lange her. Wie es schien, sah sie noch ebenso gut aus wie damals.
Da saßen sie beide so traulich bei der Winterlampe in dem alten Heim! Er kannte alles wieder bis zu der einfachen, altmodischen Tischdecke, die längst einer Nachfolgerin bedurft hätte, die aber noch nicht durch eine neue ersetzt zu sein schien. Nein, seine Mutter hatte ja niemals Geld, um sich selber etwas kaufen zu können: alles, was sie zusammensparen konnte, wurde von seinen kostbaren Studienreisen verschlungen.
Es war sonderbar, zu denken, daß Alie während dieser drei Jahre, die er fern von der Heimat verlebt, den Platz einer Tochter bei seiner Mutter ausgefüllt hatte. Ja, er hatte ihr vieles zu danken. Als seine Schwester Ida, kurz nachdem er seine Reise ins Ausland angetreten, plötzlich vom Tode dahingerafft worden war, würde er natürlich gezwungen gewesen sein, seine Studien abzubrechen und umzuwenden, heimzukehren zu der einsamen Mutter, wenn nicht Alie sich bereit erklärt hätte, den Platz der verstorbenen Freundin einzunehmen. Sie hatte selber ganz kürzlich die eigne Mutter verloren und stand fast allein in der Welt da, aber sie war, wenn auch keineswegs reich, doch vermögend genug, um unabhängig leben zu können, ja, er wußte durch Ida, daß es ihr Plan gewesen, sich auf Reisen zu begeben, und da war es ja immerhin ein Opfer, statt dessen zu der alten Frau zu ziehen, die in jener Zeit nur Sinn für ihren heftigen, untröstlichen Kummer hatte.
Frau Rode hatte Alie zu Idas Lebzeiten eigentlich nie so recht leiden können. Sie hatte sogar schon, als die beiden jungen Mädchen noch Kinder waren, ihre vertrauliche Freundschaft gemißbilligt, hauptsächlich wegen Alies häuslicher Verhältnisse – die Mutter lebte von ihrem Manne getrennt, die Schwester war eine Sängerin zweiten Ranges mit ziemlich zweifelhaftem Ruf – dann aber wegen Alies eigner Persönlichkeit, die zu eigenartig und auffallend war, um nicht das Mißtrauen einer Mutter zu erregen, die ihre Tochter gern zu einem Prachtexemplar einer normalen Frau erziehen will. Ja, Alie war sicher noch sehr unreif gewesen, als Richard sie zuletzt gesehen, obwohl sie damals bereits zweiundzwanzig Jahre zählte. Es gärte so vieles in ihr, daß sie nicht so leicht wie andre, gleichmäßiger angelegte Naturen in Harmonie gelangen konnte. Es lag etwas so Wechselvolles, Unberechenbares in ihrem ganzen Wesen, sie schwankte in dem Enthusiasmus für gewisse allgemeine Ideen und Interessen und einer zurückhaltenden Kälte, die sie zur Schau trug, sobald man auf das Gebiet der Gefühle kam. Versuchte man nur aus weiter Entfernung, sich ihrem Gefühlsleben zu nähern, so zog sie sich scheu zurück und legte jedes ernste Wort als Scherz aus.
Richard grübelte darüber nach, ob sie sich während dieser letzten Jahre wohl verändert habe, da sie und die Mutter jetzt so gut miteinander auszukommen schienen. Aber auch die Mutter hatte sich wohl verändert. Alies Einfluß war nicht ohne Wirkung auf die empfängliche Natur der alten Dame geblieben, ihre Lebensanschauungen hatten sich erweitert, und Richard hatte manchesmal beim Lesen ihrer Briefe durchgefühlt, wem er es zu verdanken habe, daß seine Mutter allen seinen Interessen so gut zu folgen verstand. Früher Kummer und ein einförmiges, zurückgezogenes Leben hatten eine Staubschicht über einer von Natur klaren Intelligenz angesammelt; aber im Laufe der letzten Jahre war die Luft daheim gereinigt worden, das fühlte er; ein frischerer Wind hatte Zutritt erhalten, seine Mutter gehörte ihm nun so voll und ganz an, sie verstand ihn in allem, teilte alles mit ihm so vollkommen, wie das Alter nur selten die Interessen der Jugend zu teilen vermag.
Richards Gefühle für Alie wurden wärmer und wärmer, während er das Bild in der Hand hielt und über dies alles nachdachte. Es war eigentlich wunderbar, daß er, der stets ein so lebhaftes Interesse für sie empfunden, sich doch niemals in sie verliebt hatte. Idas brennender Wunsch war es stets gewesen, sie hatte alles gethan, um sie so oft wie möglich zusammenzuführen; bei der Mutter aber war das Gegenteil der Fall gewesen. Richard mußte laut lachen, wenn er daran dachte, wie unruhig sie stets war, wenn die beiden zufällig einmal allein geblieben, und wie sie immer etwas Herabsetzendes über Alie zu sagen wußte, sobald sie zu bemerken glaubte, daß Richard ein mehr als gewöhnliches Interesse für sie empfand.
Nun hatte sich dies alles wohl geändert. Falls sie, wenn sie sich jetzt wiedersahen, auf den Gedanken kommen sollten, sich ineinander zu verlieben, so würde es für die Mutter wahrscheinlich keine größere Freude geben. Und doch war es merkwürdig, daß sie in ihren Briefen so wenig von Alie sprach. Ihr Name kam natürlich unausgesetzt vor, er war ja zu sehr mit dem täglichen Leben der Mutter verknüpft; nie aber hatte sie im Laufe all dieser Jahre erwähnt, was Alie für sie geworden war, nie hatte sie eine Aeußerung gemacht, die Richards Interesse für sie hätte anfachen können. Dies geschah wahrscheinlich aus Feingefühl von seiten der Mutter; sie fürchtete gewiß, daß Richard glauben könne, sie wolle auf ihn einwirken, wie Ida dies früher versucht hatte.
Richard fühlte sich eigentlich gar nicht für das stille Glück des häuslichen Lebens geschaffen; der Gedanke, sich mit einem jungen Mädchen ohne nennenswertes Vermögen zu verheiraten, hatte ihm niemals so recht zugesagt.
Er liebte das Leben im großen Stil und hatte stets davon geträumt, andre Wege zu gehen als die ausgetretenen alltäglichen. Und doch hatte er sich niemals entschließen können, eine glänzende Partie zu machen, obwohl sich ihm die Gelegenheit dazu mehr als einmal im Auslande geboten hatte, wo er viel in den höheren geselligen Kreisen verkehrt hatte und von schönen geistreichen Damen der verschiedensten Nationen gefeiert und verzogen worden war. War es nicht im Innersten seines Herzens doch der Gedanke an Alie gewesen, der ihn allen diesen Versuchungen gegenüber so kalt hatte bleiben lassen?
Er saß lange da, das Bild in der Hand, den Brief der Mutter vor sich. Als erklärenden Text zu dem Bilde hatte die Mutter geschrieben: »Ich habe soeben einen Brief von Dir erhalten, und Alie ist ungeduldig und wartet darauf, ihren Anteil an dem Inhalt zu bekommen.«
Pflegte Alie teil an seinen Briefen zu nehmen? Und wartete sie wirklich voller Ungeduld darauf? Und er, der so vertraulich an die Mutter zu schreiben pflegte, der gewohnt war, ihr sein ganzes Seelenleben offen darzulegen, ihr alle seine Pläne, jedes noch so flüchtige Gefühl, jede Stimmung mitzuteilen. Wie nahe ihm Alie plötzlich dadurch gerückt wurde! Sie hatte also während aller dieser Jahre in intimer Berührung mit seinem ganzen inneren Leben gestanden. Er fing an, sich nach einem Wiedersehen mit ihr zu sehnen, und mit wirklicher Spannung und einem unbestimmten Vorgefühl, daß sein Leben erst jetzt beginnen würde, reich und persönlich zu werden, lenkte er im Frühjahr den Kurs dem Vaterlande zu.
Er wurde am Vormittage mit dem Dampfschiff von Lübeck erwartet. Alie hatte gerade ein neues Frühlingskleid bekommen und es angezogen, als sie zum Frühstück hereinkam. Sie kümmerte sich im allgemeinen nicht viel um ihre Toilette und konnte jahrelang tagaus tagein mit demselben Kleide gehen. Wenn sie sich aber etwas Neues anschaffte, legte sie stets großes Gewicht darauf, etwas wirklich Hübsches zu wählen, ohne sich sonderlich um die herrschende Mode zu bekümmern. Es gab ein Wort, das für sie alles das bezeichnete, was sie auf der ganzen Welt am meisten verabscheute: das Banale, mochte es nun seinen Ausdruck in Worten, Gefühlen, Möbeln, Kleidern oder Schmucksachen finden. Lieber unhöflich als eine banale Höflichkeit; lieber hart und abstoßend als banal gefühlvoll, lieber in auffallende Farben und Stoffe gekleidet, die gar nicht für die Jahreszeit paßten, als in eine banal abgepaßte modische Toilette. Das Kleid, das sie gewählt hatte, um Richard zu empfangen, kleidete sie so gut, daß Frau Rode, die viel Sinn für Schönheit hatte, und die niemals häßliche Menschen hatte leiden können, förmlich benommen war, als sie sie erblickte, sie mehrmals drehte und wendete und ihrer Bewunderung einen lauten Ausdruck gab:
»Sehr, sehr hübsch, Alie! Nein, welch ein eigentümliches, seegrünes Schillern in dem Atlas der Taille! Ei, du meine Güte! Welch eine kostbare Perlenstickerei, die fällt ja wie ein Regenschauer von dem Halse herab, das sieht sehr pikant aus. Dreh dich einmal um, nein, nicht so langsam! Schwinge dich einmal ordentlich herum, so wie sonst! Du solltest sehen, wie die Perlen blitzen. Der Schmuck ist wie für dich gemacht, du schlangenartige, glatte, kleine Hexe du! Es ist wie etwas, das man festhalten will und das einem immer wieder aus den Händen gleitet. Du gleichst heute wirklich einer Seifenblase, Kleine!«
»Das Bild ist nicht so übel, Tantchen!« sagte Alie, deren Laune heute ebenso strahlend zu sein schien wie ihre Perlen. »Es ist ein ganz angenehmes Gefühl, gut gekleidet zu sein. Mir ist zu Mute, als könne ich heute über Häuser und Dächer hinwegspringen.«
Sie stand am Tische und legte die letzte Hand an das Arrangement einer großen Blumenschale mit Perlhyazinthen, Schlüsselblumen und Anemonen, umgeben von saftigem Moos.
Frau Rode betrachtete die warme Farbe ihrer Wangen und den Glanz, der über ihrem ganzen Ausdruck ruhte; plötzlich überkamen sie Gedanken, die einen kleinen Schatten über ihr offenes, bewegliches Antlitz gleiten ließen.
»Du willst das Kleid doch nicht heute anbehalten?« bemerkte sie trocken. »Ich fürchte, Richard wird es lächerlich finden, daß du dich schon am frühen Morgen so putzt!«
Alie wandte sich mit einer blitzschnellen Bewegung um, so daß die Perlen blitzten. Die Röte brannte sich, nach den Schläfen zu scharf abgezirkelt, fest; ihre ein wenig nervöse Stimme, die ein äußerst empfängliches Instrument zur Verdolmetschung aller der wechselnden Stimmungen war, die sie so gern verborgen hätte, nahm einen harten, unangenehmen Ton an, als sie antwortete: »Ach, sei nur ohne Sorge! Ich will deinem Prinzen keine Schlingen legen!« Damit eilte sie auf ihr Zimmer, kleidete sich in zwei Minuten um und kam in ihrem ziemlich vertragenen schwarzen Winterkleide zurück. Die Feststimmung war sowohl bei ihr als bei Frau Rode verschwunden. Die alte Dame bereute es, daß sie Alie verletzt hatte, und sann darüber nach, wie sie das wieder gut machen könne.
Diese kleine Mißstimmung warf einen Schatten auf ihre Freude, als sie eine Weile später ihren Sohn in die Arme schloß. Sie sah auch, daß Richard sich unangenehm berührt fühlte von der flüchtigen und gekünstelt gleichgültigen Weise, mit der Alie ihn empfing.
»Was für eine häßliche alte Frau ich doch bin!« sagte sie zu sich selber. »Ich, die ich gerade den Wunsch hegte, daß das ganze Haus ihm bei seiner Rückkehr entgegenstrahlen sollte; und nun habe ich mir durch meine dumme, unbegründete Furcht selbst die Freude zerstört!«
»Warte ein wenig! – Nein, du darfst nichts erzählen, ehe Alie hereinkommt,« unterbrach sie den Sohn, als sie in der Sofaecke im Wohnzimmer saßen, nachdem er ausgepackt und alle seine Sachen geordnet hatte, was gleich geschah, sobald er ins Haus gekommen war.
»Laß mich erst einmal nach Alie sehen!«
»Aber sag mir nur einmal, Mutter, was hat Alie eigentlich?« rief der junge Offizier aus, indem er aufsprang. Er saß nie lange an einem Fleck. »Weshalb hat sie mich so wortkarg und unfreundlich empfangen? Ich glaubte doch aus deinen Briefen zu verstehen, daß sie sowohl Interesse als auch Freundschaft für mich hege.«
»Das thut sie auch, Richard, darauf kannst du dich verlassen. Wie sie dein ganzes Leben in all diesen Jahren verfolgt hat!«
»Also nichts weiter als diese gewöhnliche schwedische Affektion!« rief er verdrießlich aus. »Das kenne ich von früher her; hier im Norden kann ein junges Mädchen nie natürlich und freundlich gegen einen jungen Mann sein; es gehört zum guten Ton, stolz und steif, zurückhaltend und vorsichtig zu sein, als sähe sie in dem geringsten Blick eines Mannes eine Gefahr für ihre Tugend. Ich bin an einen ganz andern Verkehr mit jungen Damen gewöhnt, Mutter. Wie natürlich und kameradschaftlich freundlich sind nicht zum Beispiel die Amerikanerinnen gegen einen Mann, sobald sie ihn kennen gelernt haben. Ich kann diese schwedische Prüderie, diese Heuchelei wirklich nicht ertragen!«
