Wohin? - Dieter Nuhr - E-Book

Wohin? E-Book

Dieter Nuhr

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Beschreibung

Was ist der Sinn des Lebens?

Uns alle treibt die Suche nach dem Sinn des Lebens um. Dabei ist es leicht, sich im Labyrinth der Realitäten zu verlieren. Fest steht: Das Leben ist eine Reise. Und ein Reiseführer dringend nötig. Auf gewohnt humorvolle Weise stellt sich Dieter Nuhr unerschrocken den Hürden unserer Existenz und liefert alle relevanten Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens: Was ist hier los, wo geht es lang? Wo ist die Lösung? Und wer kennt das Problem? Dabei geht es um nicht weniger als um alles: Um entlaufene Kamele, die Kritik der reinen Vernunft, Warnungen vor Heißgetränken und darum, warum es manchmal sogar sinnvoll ist, die Zivilisation nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel ihres baldigen Untergangs zu betrachten.

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EPUB
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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über den Autor

Weitere Titel des Autors

Titel

Impressum

1. Teil

Wozu das alles?

Idioten

Das Leben ist eine Reise

Kulturelle Merkwürdigkeiten

Worum geht es also?

Der Anfang von allem

Gefahren in der Fremde

Wo sind wir? Im Hier und Jetzt

Kleiner Exkurs an dieser Stelle

Zurück zum Thema

Geistige Enge

Gewaltfreiheit

Angst

Wichtigkeit

Sinn

Magellan

Risiko, Wahrscheinlichkeit und Wahnsinn

Gesundheit

Spiritualität

Mystik

Christentum

Erstes Fazit

2. Teil

Heroismus

Veränderung

Komplexität (Beispiel Iran)

Der Mensch und der Rest

Horizonte

Schicksal

Vorausschauendes Denken

Construal Level Theory

Natur

Zweites Fazit

3. Teil

Ausgeglichenheit

Was tun Menschen?

Behaviorismus

Reisen

Konstruktion

Psyche

Wohin?

Reisen ins Kulinarische

Verkehrsmittel

Politisch reisen

Drittes Fazit

4. Teil

Demokratie

Die Grenzen des Sagbaren

Der Staat als Retter?

Demokratieförderung

Viertes Fazit

5. Teil

Ordnung

Wundersame Welt

Fundstücke

Lösungen

Scheitern

Lehren aus der Geschichte

Ordnung

Wettbewerb

Fünftes Fazit

6. Teil

Was lernen wir aus alldem?

Was können wir tun?

Ankerpunkte

Überleben

Vernunft

Postmoderne

Sechstes Fazit

7. Teil

Letztes Fazit

Endgültiges Fazit

Was tun?

Über das Buch

Was ist der Sinn des Lebens? Uns alle treibt die Suche nach dem Sinn des Lebens um. Dabei ist es leicht, sich im Labyrinth der Realitäten zu verlieren. Fest steht: Das Leben ist eine Reise. Und ein Reiseführer dringend nötig. Auf gewohnt humorvolle Weise stellt sich Dieter Nuhr unerschrocken den Hürden unserer Existenz und liefert alle relevanten Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens: Was ist hier los, wo geht es lang? Wo ist die Lösung? Und wer kennt das Problem? Dabei geht es um nicht weniger als um alles: Um entlaufene Kamele, die Kritik der reinen Vernunft, Warnungen vor Heißgetränken und darum, warum es manchmal sogar sinnvoll ist, die Zivilisation nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel ihres baldigen Untergangs zu betrachten.

Über den Autor

Dieter Nuhr ist Kabarettist, Comedian, Moderator, Autor und bildender Künstler. Seit über dreißig Jahren ist er mit seinen Soloprogrammen in ganz Deutschland auf Tour. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Kabarettisten aller Zeiten und hat für seine Arbeit zahllose Preise gewonnen, unter anderem sechsmal den Deutschen Comedypreis als Bester Komiker und Bester Live-Act, den Deutschen IQ-Preis und den Kulturpreis Deutsche Sprache. Durch TV-Shows wie Nuhr im Ersten oder seinen jährlichen Jahresrückblick ist er einem breiten Fernsehpublikum bekannt.

Weitere Titel des Autors

Wo geht’s lang?

Gut für dich!

Die Rettung der Welt

Das Geheimnis des perfekten Tages

Der ultimative Ratgeber für alles

Dieter Nuhr

WOHIN?

Eine Reise von der Mitteder Gesellschaft bis an dieRänder der Zivilisation

Originalausgabe

Copyright © 2025 by

Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille, Köln

Umschlagmotiv: © Jan Düfelsiek

Fotos im Innenteil: © Dieter Nuhr

Satz: two-up, Düsseldorf

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7517-8262-3

Sie finden uns im Internet unter quadriga-verlag.de

1. Teil

Wo kommen wir hin,wo gehen wir her?

Über das Wesen der Welt, die Folgerichtigkeit alles Geschehenen und ein entlaufenes Kamel

Wozu das alles?

Jeder Mensch fragt sich irgendwann nach dem Sinn seines Lebens. Gut, nicht jeder! Wenn man geistig minderbegabt ist, hat man Glück gehabt. Man kann auf komplexe Gedankengänge verzichten und grübelt stattdessen noch im hohen Alter, wer damals bei Milli Vanilli wirklich gesungen hat.

Aber nicht alle Menschen verfügen über das große Glück der Einfältigkeit. Sie sicher nicht! Sie lesen! Nicht die Zeitschrift Adel heute oder GQ, das Magazin für Männer, die mit einer Hantel und einer Leopardenunterhose ins Bett gehen, sondern ein echtes Buch! Immerhin!

Wer über ein funktionierendes Zentralorgan im Schädel verfügt, muss sich mit den Grundfragen allen Seins auseinandersetzen: Was ist los? Wieso bin ich hier? Und warum nicht da drüben, wo es diesen exquisiten Château Latour gibt? Schon zum Frühstück!

Die Grundfrage aller Philosophie lautet: Warum ist etwas, und warum ist nicht vielmehr nichts? Die Frage ist einfach zu beantworten: Wenn nichts wäre, könnte niemand dumme Fragen stellen. Da etwas existiert und er Zeit hat, fragt sich der geistig Interessierte: Wozu?

Im alltäglichen Leben sind die Fragen spezieller: Was riecht hier so? Was machen die Socken im Flur? Warum grummelt mein Magen? Ist es Laktoseintoleranz? Oder schadet ein Aperol Spritz vor dem Mittagessen der Verdauung?

Menschen stellen Fragen! Sie suchen nach ethischen Leitplanken, religiöser Gewissheit und nicht zuletzt nach dem, was ihre Persönlichkeit konstituiert. Die Antwort auf all diese Fragen hatte ich gefunden. 2.500 Jahre Philosophie hatten in meinen Gedanken einen Endpunkt gefunden. Ich hatte alles präzise ausformuliert. Aber dann bin ich eingeschlafen. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, war alles weg! Schade! Nun muss die Menschheit weiterhin um Antworten ringen. Ich ringe mit und habe dazugelernt. Ich schreibe auf, was mir durch den Kopf geht.

Immer noch ist unergründet: Wer sind wir? Wo kommen wir hin? Wo gehen wir her? Und: Warum gibt es für den Lebensweg keine Offlinekarten? Nun, dieses Buch ist so etwas wie ein Beitrag zur Routenfindung. Es enthält aber auch viel Unfug, vor allem vorne, in der Mitte und hinten.

Wenn Sie sich von diesem Buch Heilung versprechen, muss ich Sie enttäuschen: Ich bin kein Arzt. Übrigens werden Sie auch durch Bücher von Ärzten nicht geheilt. Bücher, die Heilung versprechen, weil ihr Autor beteuert, er wisse mehr als seine Kollegen, beruhen meist nicht auf medizinischer Kompetenz, sondern auf finanzieller Gier. Ein Arzt, der über profunde neue Erkenntnisse verfügt, gibt sein Wissen weiter an die Forschung. Und er rechnet über die Krankenkasse ab, nicht über den Buchhandel.

Ich kenne keinen einzigen Fall, in dem ein Arzt wesentlich zur Klärung der Weltprobleme beigetragen hätte, zumindest nicht mehr seit Erfindung des Penicillins, der Herztransplantation und der Laserentfernung von Metallica-Tattoos. Gut, auch in der Viren- und Krebsforschung geht es voran. Und überhaupt macht die Medizin fantastische Fortschritte!

Aber wenn ein Arzt Ihnen mitteilt, dass er Ihnen gerne den Meniskus glatt schleifen möchte, seien Sie vorsichtig. In zehn von drei Fällen ist die Operation überflüssig und dient in erster Linie dem Cashflow von Klinik und Chirurg. Der Eingriff hilft auch nicht gegen die Schmerzen im Knie, die in erster Linie daher rühren, dass Sie steif sind wie ein Brett und der ganze Knochenapparat von den Faszien eingeschnürt wird! Dehnen heißt das Zauberwort. Lesen ist dagegen nutzlos.

Die Lebenserwartung hat sich in den letzten Jahrhunderten um Jahrzehnte verlängert, leider nicht durch Bücher, sondern durch Chirurgie und Pharmazeutik. Das mag dem heilpraktisch orientierten Veganer sauer aufstoßen, auch weil der Körper durch die Mangelernährung überfordert ist und es deshalb im Verdauungstrakt verdächtig rumpelt.

Früher musste sich der Mensch ohne Tabletten durchs Leben schleppen. Er nutzte bei körperlichen Defiziten analoge mechanische Hilfsmittel wie eine Penispumpe, bei der durch ein Vakuum Blut in den Schwellkörper gelockt wird. So etwas findet man heute nur noch in sehr pharmaziekritischen Haushalten. Ich kenne mich im praktischen Gebrauch mit diesen manuellen Gerätschaften Gott sei Dank nicht aus, stelle es mir aber wenig spontan und erotisch vor, wenn vor sexuellen Aktivitäten der Satz erklingt: »Einen Moment, Schatz, ich muss noch kurz an den Kompressor.« Insofern ist das heute verfügbare Pillensortiment für den Mann auch für Frauen von atmosphärischem Vorteil, zumindest für jene Damen, die nicht froh sind, dass sie das physische Erweichen ihres Partners von belastenden Anfragen befreit.

Was wollte ich sagen? Ich wollte darauf hinweisen, dass die Doktorwürde von Ratgebern im Buchhandel nicht selten missbraucht wird, um sich mit vergleichsweise primitiven Besserwissereien die Autorentaschen vollzumachen. Sind dieselben Protagonisten auch noch im Internet aktiv, besteht zudem der Verdacht, dass es den »Doktoren«, die dort scheinbar selbstlos ihre Kenntnisse preisgeben, weniger um die Lösung von Menschheitsproblemen geht als um Klicks, der Währung des 21. Jahrhunderts.

Solche Koryphäen behaupten gerne, dass Sie mit drei Minuten täglichem Sitzen auf einem Spezialstuhl ihr Übergewicht beseitigen können. Der Stuhl besteht aus mundgeklöppelten Karbonelektrolysatoren und Heuschreckenleder und ist ausschließlich über den Link in der Bio für nur 7.999 Euro bestellbar. Der Preis ist nicht nur dem Material geschuldet, sondern erklärt sich auch dadurch, dass das Ding nebenbei als Treppenlift oder als Raumrakete (allerdings nicht gleichzeitig!) verwendet werden kann. Wer auf solche Angebote hereinfällt, sollte darüber nachdenken, in eine Pflegeanstalt für geistig Herausgeforderte überzusiedeln.

In diesem Buch geht es nicht um die Vermarktung angepriesener Produkte. Es entstand in der tour- und sendungsfreien Zeit des Autors (also mir!), dessen Unfähigkeit zum Stumpfdasitzen ihn (also mich!) zu kreativer Tätigkeit zwingt.

Normalerweise füllt er (also ich!) die freie Zeit mit Reisen, auf denen er in Jahrzehnten einen zwar unvollständigen, aber auch nicht geringfügigen Blick auf große Teile der Welt werfen durfte. Es macht ihm (also mir!) einfach Spaß, seine Eindrücke mit Ihnen zu teilen!

Nun lernen Sie kraft dieses Machwerks die Welt kennen. Es geht um alles. Um Palaverhütten in Mali, die Kritik der reinen Vernunft und Optimismus. Allerdings auch um Pessimismus, das Anthropozän und Warnungen vor Heißgetränken.

Mit dem Lesen dieses Buches erübrigt sich das Studieren weiterer Sachbücher. Sie brauchen keine Geschichtswälzer mehr zu lesen, keine philosophischen Traktate und keine unverständlichen Bedienungsanleitungen, die dank der Übersetzung durch vorsintflutliche Software mit den Worten beginnen: »Tun Si der Dängel an dem Schlingel verhökern.« Der Fortschritt durch KI ist gerade im Bereich der Mehrsprachigkeit erheblich.

Natürlich wird dieses Buch allein die Welt nicht ändern. Aber es kann der Logik des Niedergangs die Freude des Irrsinns entgegensetzen. Trotzdem enthält es auch klare, unironische Gedanken. Sie zu identifizieren und aus dem Chaos herauszuschälen ist Ihre Aufgabe! Ich habe geschrieben, jetzt sind Sie dran!

Idioten

Die unangenehme Grunderkenntnis des Lebens lautet: Der Zielpunkt allen Seins ist nicht Ikea, Mallorca oder die erste Rolex, sondern der Tod. Positiv ist: Der Weg geht dem Ziel voraus.

Bevor wir sterben, leben wir, zumindest viele von uns.

Oder einige. Das ist eine gute Nachricht.

Wir sind unterwegs und schauen uns um, sammeln Eindrücke, Erkenntnisse und immer mal wieder den ein oder anderen Knochenbruch. Im besten Fall betrifft es nur den kleinen Zeh, weil irgendjemand den Couchtisch verschoben hat. Überall sind Trottel!

Selbstverständlich gehört man selbst nicht zur Masse der Verblödeten! Man steht über dem vermeintlichen Pöbelhaufen und versteht, was der gewöhnliche Honk einfach nicht begreift, nämlich dies und das und überhaupt fast alles! Das Individuum hält sich in der Regel nicht für Einstein, aber für schlauer als die anderen.

Kulturübergreifend gilt unter der Bevölkerung der Grundsatz: Die anderen sind Idioten. Das Wort enthält bereits die Botschaft: Der Begriff »Idiot« beruht auf dem altgriechischen »ἰδιώτη« (Idioti), was so viel bedeutet wie: Gewöhnlicher Mensch.

Man muss keine großen Kenntnisse in Mengenlehre besitzen, um zu begreifen: Wenn alle glauben, dass alle anderen Idioten sind, kann an der Rechnung etwas nicht stimmen.

Ich würde mich schon freuen, wenn Sie zur überschaubaren Gruppe der Zurechnungsfähigen gehören! Und das tun Sie! Sonst hätten Sie dieses Buch gar nicht gekauft, lieber Leser, liebe Leserin, liebe*s Lesende*s, liebex Lesex beziehungsweise Lesendseiende*r! Oder Lesewesen.

An dieser Stelle sei ein kleiner Hinweis erlaubt! Da ich Sie nicht als Individuum anspreche, sondern nur als Abstraktum, als Ausübender des Amtes, das Sie gerade bekleiden, nämlich das des Lesers, erübrigt sich die Geschlechterdifferenzierung. Das Buch ist nicht gegendert. Das heißt nicht, dass ich ein Freund der Frauenunterdrückung bin, noch dass ich mich nicht über transsexuelle Leser freuen würde. Im Gegenteil, alle sind mir gleich willkommen!

Ich finde es nur völlig inakzeptabel, wenn kleine Gruppen selbst ernannter Normgeber an meiner Muttersprache herumfummeln, um Gesinnung beim Sprechen sichtbar zu machen. Und nichts anderes ist das Ziel des Genderns! Schon an der Art des Sprechens soll man die erkennen, die sich dem Richtigen widersetzen und den Kotau allem Progressiven gegenüber verweigern. Sie sollen ausgesondert sein aus der Gemeinde der Gläubigen des Fortschritts. Man erkenne sie an ihren Worten …

Ob ich die Gesinnung, die durch das Gendern ausgedrückt wird, sympathisch finde oder nicht, ist dabei nicht maßgeblich. Die politische Haltung im Sprechakt durch komplexe zungenbrechende Endungen zu markieren und damit in die im tiefsten Unterbewussten verankerten Sprachprozesse einzugreifen, um die politische Positionierung des Sprechenden durch die Sprache erkennbar zu machen, ist das Ende der Gedankenfreiheit. Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die schon durch Eigenarten in der Sprache die Guten von den Bösen absondert.

Was wollte ich sagen? Idioten! Genau! Tatsache ist: Es gibt viele schlaue Menschen da draußen, interessanterweise überall, nicht nur auf der Seite der Gleichgesinnten, also da, wo die Guten zu Hause sind, nein, auch auf der Seite der Andersdenkenden, wo man gemeinhin den Satan vermutet.

Die vom eigenen Standpunkt abweichende Meinung wird heutzutage gerne als moralisch minderwertig diskriminiert. Sie ist böse – und dieses Böse, das ist, je nach eigenem Standpunkt:

»Der Faschismus«, der für einige bereits damit beginnt, dass es so etwas gibt wie Individualverkehr, Privatpatienten und die FDP

Der »links-grün-versiffte Mob«, für viele daran erkennbar, dass er den Müll trennt und darauf verzichtet, mit sechzig im ersten Gang durch die Kinderspielstraße zu rauschen

Die »Ungläubigen«, also alle, die daran zweifeln, dass Gott durch Olivenbäume zu Einzelpersonen spricht

»Fremde«, also alle, die keinen Großvater haben, der nicht nachweislich entweder vor Verdun oder Stalingrad gestanden hat oder aufgrund von Untauglichkeit an der Heimatfront Kuckucksuhren schnitzte

»Andere«, also alle, die unerklärlicherweise vom eigenen Lebensstil abweichen

Im Zweifel hält der Mensch immer das für normal, was er selbst in den ersten 18 Jahren seines Lebens erfahren hat. Ich war als Siebenjähriger völlig überrascht, dass die Beatles lange Haare trugen, was ich bis dahin bei Männern für physikalisch unmöglich gehalten hatte.

Deutschland – Fedderwardersiel: Ich am Deich der Postpubertät.

Jahre später trug ich selbst eine veritable Matte und hielt die Beatles für eine Spießertruppe, die einfach nicht so gut spielen konnte wie Pink Floyd.

Damals galten Menschen, die die falsche Musik hörten, als minderwertig. Als in den 70ern links-grün-sozialisierter Wessie war mir klar, dass Toleranz ausschließlich von den anderen einzufordern war.

Ein zehn Minuten langes Frank-Zappa-Solo mussten meine Eltern klaglos ertragen, auch wenn sie im Zimmer nebenan nicht mehr hören konnten, was der Tagesschausprecher vortrug.

Umgekehrt wäre es uns nicht in den Sinn gekommen, Verständnis für Kleidung oder Kultur der älteren Generation aufzubringen. Spätestens wenn Heintje »Ich bau dir ein Schloß« anstimmte, war unsere Toleranzschwelle überschritten. Wir verzichteten zwar darauf, die Polizei zu holen, wenn meine Mutter die Musiktruhe andrehte, straften sie aber in der Folge mit Verachtung.

Schon damals galt: Die falsche Musik ist immer die der anderen! Heute sind wir da weiter. Toleranz hat sich durchgesetzt. Eltern und Kinder hören im Wesentlichen die gleiche Musik. Zum Taylor-Swift-Konzert geht man mit der ganzen Familie. Wenn die Brut pubertiert, kann es allerdings auch passieren, dass sie zwischendurch Shirin David oder Badmómzjay hört. Aber auch das ist kein Problem! Will man den Nachfahren die pubertären Allüren austreiben, hilft nichts besser als mitsingen: »Ugly Bitches machen Prеtty Bitches gerne klein/Aber Real-Bad-Bitches lieben Bad Bitches, weil ich kann das!« Vater kleidet sich wie ein Talahon und ruft: »Plus 50 Aura! Läuft bei mir!« Der Nachwuchs findet das cringe.

Indien – Varanasi: Schuluniformen führen in erster Linie dazu, dass Neunjährige nicht im gesmokten Kleid mit »Bride de Cour Remix«-Motiv von Hermès zur Schule dürfen. Das kann man mögen oder nicht.

Senegal – Saloum: In Afrika dreht sich alles um Haarmoden.

Ist die Welt heute besser als früher? Nicht in allen Belangen, aber in vielen! Der Mensch ist lernfähig. Deshalb schicken wir ihn in die Schule. Dieses Prinzip hat sich weltweit durchgesetzt, weil man inzwischen rund um den Planeten glaubt, der menschlichen Dummheit Grenzen setzen zu müssen.

Wir leben in Sphären, in Blasen, in Zwiebelschichten. Und in diesen Kokons bewegen wir uns durch die Zeit nach vorn. Ich bin in meinem nicht mehr ganz jungen Leben gut damit gefahren, wenigstens ab und zu aus dem eigenen Dunst hinauszublicken und nachzusehen, wie es denn die anderen so anstellen mit dem Leben und allem, was dazugehört.

Zwischen Chile und Laos, Lesotho und Lettland, Mexiko und Mikronesien, Senegal und Jemen, Nepal und Sachsen-Anhalt gibt es eine riesige Spanne an Lebensentwürfen, die dem Reisenden verdeutlichen: Es geht auch anders.

Dieses Buch ist weltoffen. Dabei ist es egal, ob Sie den Text lesen oder sich nur die Bilder angucken. Sie werden in jedem Fall erkennen: Die Welt ist vielfältig. Und jeder Glaube daran, man könnte die eine unverfälschte Wahrheit kennen, das Richtige, das Wahre oder das Coole, ist zum Scheitern verurteilt.

Das Leben ist eine Reise

Peru – Pisac: Es geht voran.

Es ist ein Grundbedürfnis des Menschen, seinen Lebensraum zu erkunden und sich Fragen zu stellen wie: Was ist denn da los? Dann fährt man hinaus in die Welt, schaut nach und kehrt wieder nach Hause zurück. So mache ich es jedenfalls.

Wer reist, hat den entscheidenden Vorteil, dass er die eigene Welt distanziert zu betrachten lernt. Wir schließen meist von der eigenen Erfahrung auf das große Ganze, der Reisende aber hat den großen Vorteil, dass er in der Lage ist, aus seiner Kenntnis des großen Ganzen die Relativität der eigenen Existenz zu erkennen. Der Globetrotter weiß: In der acht Milliarden starken Kohorte der Humanoiden ist er nur eines der vielen sterblichen und ersetzbaren Elemente. Auf Reisen lernt man zudem: Als Europäer hat man es nicht schlecht angetroffen. Nicht umsonst wollen viele zu uns kommen. Der Rest der Welt lehnt die westliche Kultur zwar teils hasserfüllt ab, trotzdem gibt es nicht wenige fanatische Hasser des Globalen Westens, die sich nichts lieber wünschen als eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Notfalls akzeptieren selbst ultrakonservative tiefgläubige Muslime eine Unterkunft in Schweinfurt.

Das liegt daran, dass es bei uns vergleichsweise bequem ist. Zwar endet auch hier das Leben mit dem Tod. Aber bei Zahnschmerzen zahlt die Kasse nicht nur den Mann mit der Zange, sondern auch noch die Betäubung.

In anderen Teilen der Welt werden faulige Zähne allzu oft vom Dorfschmied mit dem Kaminbesteck entfernt. Manchmal ist auch der Gottesmann zuständig, der weiß, dass sich im Beißer ein böser Geist eingenistet hat. Dann wird auch gleich der Zeh mit dem eingewachsenen Fußnagel entfernt. Das Böse muss raus mit Stumpf und Stiel.

Ein Wasserklosett ist bei uns selbstverständlich, gilt aber im Rest der Welt nicht als gottgegeben. In Afrika gibt es Orte, an denen ein Loch in der Erde die gleiche Funktion erfüllt, während in Japan alles andere als eine computergesteuerte, wasserbasierte Rosettenreinigung bei geheizter Klobrille als Rückfall in die Steinzeit empfunden wird.

Die Welt ist voller verrückter Vielfalt. Ich habe in Indien gesehen, dass man sich, wenn man einen langen Kaftan trägt, auch einfach auf dem Bürgersteig hinhocken kann. Danach steht man wieder auf und geht weiter, als wäre nichts geschehen, zumindest nichts Wesentliches. Und so ist es ja auch! Etwas Dampfendes ist zurückgeblieben, kein großes Ding, es wird erst eintrocknen, also an Volumen verlieren, zerbröseln und dann mit dem nächsten Monsun verschwinden. Staub zu Staub.

Verdauung ist ein alltäglicher Vorgang, den man nicht übermäßig ritualisieren muss. Trotzdem bin ich mental eher Japaner. Ein gezielter Strahl mit handwarmem Wasser ist besser als die furchtbare Sitte der Europäer, nach dem Stuhlgang Rückstände am Hintern mit Papier zu verreiben. Der Japaner hält diese Sitte ebenso für unhygienisch und kulturlos wie der Inder und die meisten anderen Völker dieser Welt. Sie haben recht.

Bolivien – El Alto: Beim Diebstahl Erwischte werden verbrannt. Vielleicht würde dies auch bei uns öfter an der Wand stehen, wenn es sich so fein reimen würde wie im Spanischen.

In der jahrtausendealten Geschichte des japanischen Inselreiches haben sich ganz eigene Verhaltensrituale entwickelt, nicht nur auf dem Abort. Eine winkelgenaue Verbeugung wird als Grundvoraussetzung des menschlichen Miteinanders zelebriert. In Bolivien dagegen ist der Umgangston direkter: Dort empfängt den Reisenden eine auf viele Mauern gesprühte Warnung: »Ladron pillado sera quemado« (»Beim Diebstahl Erwischte werden verbrannt«). Das ist weniger höflich, aber auch für den Fremden klar verständlich. In der Folge verzichtet man auf das Klauen und wird auch nicht abgefackelt. Alles prima.

Ähnlich funktionieren auch die Sanktionen im islamischen Kulturbereich. Das Handabhacken nach erfolgreicher Verurteilung wegen Diebstahls macht das Klauen schon beim zweiten Mal kompliziert. Spätestens nach der zweiten gerichtlichen Bestrafung ist das Entwenden von Gegenständen aus den oberen Regalen nur noch für sehr gelenkige Menschen möglich. Wer kommt schon mit den Füßen in die hoch gelegenen Ablagen?

In unserem Kulturbereich gilt solche Gerichtsbarkeit als inhuman, weil wir glauben, dass auch Täter ein Recht auf menschliche Behandlung haben. Das ist fein und richtig! Wer bei uns einen Mitbürger sticht, locht oder aufisst, darf auf ein faires Verfahren hoffen. Das ist gut.

Dem seelischen Zustand von Tätern wird allerdings im modernen Rechtsstaat derart große Aufmerksamkeit geschenkt, dass nicht wenige glauben, darauf hinweisen zu müssen, dass die Rechte von Opfern auf Sühne und Abschreckung nicht ganz in Vergessenheit geraten sollten.

Hier sollte man vielleicht auf besseren Ausgleich achten. Das würde das Ansehen der Justiz bei weiten Teilen der Bevölkerung heben, vor allem bei jenen Bürgern, die glauben, dass ein strafender Blick vielleicht nicht ausreichend ist, wenn man jugendliche Intensivtäter auf den Weg der Tugend zurückführen will.

Ich bin ein Freund der modernen Zivilisation und ein radikaler Gegner alles Radikalen. Strafe muss sein, aber maßvoll. Ich halte es für einen Vorteil, dass uns heute Stellenanzeigen erspart bleiben, in denen zu lesen ist: Henker*in/Folterknechtende gesucht (m/w/d).

Iran – Isfahan: Der Islam war in den ersten Jahrhunderten nach seiner Entstehung gesellschaftlich fortschrittlich. Heute sind viele islamisch geprägte Staaten zwar immer noch weltweit führend, allerdings vor allem im Bereich Geschlechterungleichheit und Hinrichtungen.

Aber ich würde mich auch über ein Rechtssystem freuen, dessen Strenge gewaltbereiten Ochsen so etwas Ähnliches wie Respekt abnötigt. Und ihnen das Gefühl gibt, dass Messerstechereien mehr als ein paar unangenehme Nachfragen nach sich ziehen.

Kulturelle Merkwürdigkeiten

Wenn man unverbrannt und mit allen Gliedmaßen aus der Ferne nach Hause zurückkehrt, sieht man die eigene Welt mit anderen Augen. Plötzlich wird einem deutlich, dass es auch zu Hause teilweise absurd zugeht. Man spürt als Heimkommender: Es ist die Gewohnheit, die uns das Irre der eigenen Kultur als Selbstverständlichkeit erscheinen lässt. Verrücktheiten fallen da, wo sie zur Regel werden, kaum noch auf. Deshalb hält man das Leben zu Hause für normal. Und genau aus diesem Grund ist es so wichtig, den eigenen Kulturkreis ab und zu hinter sich zu lassen.

Wenn die Welt zu uns nach Europa kommt, staunt sie ebenso wie wir, wenn wir reisen, über die regionalen Absonderlichkeiten. Vor allem muslimische Gäste finden es auf Reisen merkwürdig, mit welcher Freude die Menschen bei uns Mettbrötchen zu sich nehmen, das sogenannte »Rheinische Sushi«, also zu einer amorphen Menge zerhacktes, rohes Schwein.

Viele Reisende wundern sich auch, dass in Frankreich das Einnehmen großer Mengen Rotwein bereits zur Mittagszeit Teil des Kulturerbes ist.

Große Verwunderung erzeugt unter Kulturfremden die in Deutschland verbreitete Sitte, in einer Geschwindigkeit über die Autobahn zu fahren, die in anderen Ländern nur bei Raumfahrtprojekten erreicht wird. Das wird in anderen Kulturen als Schrulligkeit verbucht.

Chinesische Touristen kommen teilweise nur deshalb nach Deutschland, weil sie einmal erleben wollen, wie man einen langsam fahrenden LKW mit 200 auf dem Standstreifen überholt. Reiseveranstalter in Beijing oder Shanghai bieten Hochgeschwindigkeitsfahrten zwischen Karlsruhe und Lörrach an, nur um die Überlebenden anschließend in großen Gruppen über den Königssee zu schippern, von wo aus es nach wenigen Stunden weitergeht Richtung Salzburg, Wien und Berlin. Mehr schaffen selbst Chinesen nicht an einem Wochenende.

Vielen Deutschen ist gar nicht bewusst: Woanders hält man Rasen für gefährlich. Der deutsche Autofahrer aber legt Wert auf einen freien Gasfuß! Er hat gelernt, mit der Geschwindigkeit umzugehen, und fällt bei Tempo 100 auf einer wenig befahrenen Strecke sofort in ein seelisches Loch. Dann schläft er ein und rutscht langsam, aber sicher in Richtung Leitplanke. Zu langsames Fahren kann gefährlich sein, weil es den Fahrer unterfordert und ins Koma fallen lässt. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, denn ich fahre ab 150 erheblich konzentrierter.

Nicht umsonst wollen nun auch die Holländer die erlaubte Höchstgeschwindigkeit wieder erhöhen, weil sie feststellen mussten, dass das vor Jahren eingeführte Tempolimit von 100 Stundenkilometern auf Autobahnen bei einigen Autofahrern zu vorzeitiger Verwesung am Steuer geführt hat. Man ist am Lenkrad aus Langeweile verstorben und merkt es erst, nachdem man angekommen ist.

Natürlich kann hohes Tempo auch zum Problem werden. Ein tiefergelegter GTS von 1988 mit einem stark gestikulierenden Lichthupendrängler am Steuer ist nicht weniger gefährlich als der Revolver, den ein Neunjähriger in Minnesota mit in den Schulunterricht nimmt, um sich bei den wöchentlichen Amokläufen wehren zu können.

Wie ist es richtig? Klar ist: Eine Flasche Elsässer Riesling, am Mittag in Colmar eingepfiffen, sollte nicht um 15.00 Uhr mit Höchstgeschwindigkeit auf der deutschen Autobahn zwischen Bad Krozingen und Riegel am Kaiserstuhl ausgeschwitzt werden.

Bei der Mettbrötchenbestellung in Köln-Porz wird es auch bei amerikanischen Gästen als Unhöflichkeit empfunden, wenn sie ihren Colt auf den Tisch legen, um dem Kellner zu suggerieren, dass es in seinem Interesse ist, bei der Zubereitung frische Ware zu verwenden.

In Texas oder Alabama sollte man niemals unbewaffnet über 200 fahren. Die Regeln sind kompliziert.

Wenn man die Heimat regelmäßig verlässt, weiß man das. Dann nimmt man auch hin, dass manche Regel im Ausland absurd erscheint. Vieles ist historisch zu erklären. In den USA leben noch alte Menschen, deren Großväter sich den Weg nach Westen eigenhändig freischießen mussten. Die Waffe erscheint dort als selbstverständliches Accessoire, so wie bei uns der Labellostift. So erklärt sich, dass es nicht wenige Amerikaner lästig finden, wenn sie ihre Waffen selbst beim Inlandsflug nicht im Handgepäck mitführen dürfen.

Auch Deutschland hat häufiger versucht, den Weg über die eigenen Grenzen hinaus nach links oder rechts mit Waffen freizuschießen, hat damit aber zu Recht schlechte Erfahrungen gemacht. Wir sehen Waffengewalt nicht zuletzt auch deshalb kritisch, weil wir bei ihrer Anwendung häufig verloren haben.

Die kulturellen Eigenschaften der Völker sind meist über lange Zeiträume entstanden und dann einfach da. Der Reisende weiß: Man sollte sie akzeptieren, sonst gibt es Ärger. Es wird ja auch bei uns nicht gern gesehen, wenn eine Reisegruppe zur Mittagszeit ein offenes Feuer aus Kameldung auf dem Marienplatz in München entzündet, dann ein Schaf schächtet und anschließend auf mittlerer Flamme gart. Selbst Menschen, die sonst Fremdem gegenüber aufgeschlossen sind, beschweren sich dann wegen der erheblichen Feinstaubemissionen.

Umgekehrt wird die Sache noch deutlicher: Auf dem Marktplatz in Sanaa ein Fass anzuschlagen und lautstark »Geh mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich!« zu singen, dürfte sich dort nicht positiv auf die Gastfreundschaft auswirken.

Jemen – Sanaa: Nach jahrelangem Krieg sieht es im Jemen heute anders aus, und die Gelder, die in die Sanierung des Weltkulturerbes gesteckt wurden, dürften verbrannt sein.

Wer darf was? Und vor allem wo? Das ist eine zentrale Frage der Menschheit. Das Problem ist, dass so viele ihre eigenen Regeln für gesetzt und nicht hinterfragbar halten. Aber alle Normalität ist kulturbedingt.

Im Postkolonialismus gelten alle Gepflogenheiten als überlegen, die von »Indigenen« stammen. »Indigen« ist ein in etwa ebenso sinnloses Wort wie »Ureinwohner«. Es klingt nur irgendwie klüger, was allerdings täuscht. Wer irgendwo der erste Einwohner war, ist heute nirgendwo auf der Welt mehr zu klären. Man kann höchstens Vermutungen anstellen. Populationen unterliegen außerdem stetem Wandel, und wir wissen aus der Genetik, dass sich über die Jahrtausende jeder mit jedem gepaart hat.