Zeit der Schwestern - Tanja Huthmacher - E-Book
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Zeit der Schwestern E-Book

Tanja Huthmacher

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Beschreibung

Drei Schwestern. Ein Herzensprojekt. Eine zweite Chance.

Es ist Sommer am Bodensee, und die Kirschen leuchten in rotem Glanz. Als Alleinerziehende hat Romy mit zwei lebhaften Kindern und ihrem Job als Caterin eigentlich genug um die Ohren. Doch sie will unbedingt an einem Backwettbewerb teilnehmen, der ein beachtliches Preisgeld und attraktive Perspektiven für ihre berufliche Zukunft verheißt. Auch wenn sie ihre geliebten Schwestern Carolin und Veronika mit Rat und Tat an ihrer Seite weiß, will Romy dieses neue Projekt allein meistern. Als eine kleine Panne eine ganze Kette an Missverständnissen nach sich zieht, wird Romy bewusst, dass sie eine weitreichende Entscheidung nicht länger aufschieben darf ...

Der zweite Band der mitreißenden Trilogie über Neuanfänge, Zugehörigkeit und die Liebe - mit drei ganz unterschiedlichen Schwestern auf der Suche nach den Dingen im Leben, die wirklich zählen.

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Seitenzahl: 468

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

Rezepte

Über das Buch

Drei Schwestern. Ein Herzensprojekt. Eine zweite Chance. Es ist Sommer am Bodensee, und die Kirschen leuchten in rotem Glanz. Als Alleinerziehende hat Romy mit zwei lebhaften Kindern und ihrem Job als Caterin eigentlich genug um die Ohren. Doch sie will unbedingt an einem Backwettbewerb teilnehmen, der ein beachtliches Preisgeld und attraktive Perspektiven für ihre berufliche Zukunft verheißt. Auch wenn sie ihre geliebten Schwestern Carolin und Veronika mit Rat und Tat an ihrer Seite weiß, will Romy dieses neue Projekt allein meistern. Als eine kleine Panne eine ganze Kette an Missverständnissen nach sich zieht, wird Romy bewusst, dass sie eine weitreichende Entscheidung nicht länger aufschieben darf … Der zweite Band der mitreißenden Trilogie über Neuanfänge, Zugehörigkeit und die Liebe – mit drei ganz unterschiedlichen Schwestern auf der Suche nach den Dingen im Leben, die wirklich zählen.

Über die Autorin

Tanja Huthmacher, geboren in Karlsruhe, studierte Germanistik, Journalistik und Kunstgeschichte in Bamberg. Sie ist Autorin von Romanen, Kurzgeschichten, Hör- und Jugendbüchern, arbeitet fürs Fernsehen und gibt Schreibseminare. Sie liebt das Wasser und den Bodensee und ist froh, in ihrer Wahlheimat München einen der schönsten Badeseen gleich vor der Haustür zu haben.

Weitere Titel der Autorin:

Ist der Lack ab, streu Konfetti drauf

Zeit der Schwestern – Apfelblütentage

Zeit der Schwestern – Traubenfest

Tanja Huthmacher

Zeit derSchwestern

Kirschsommer

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Copyright © 2024 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

Textredaktion: Susanne George, Bergisch Gladbach Covergestaltung: www.buerosued.de Covermotiv: © www.buerosued.de Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-7517-5606-8

Sie finden uns im Internet unter luebbe.de Bitte beachten Sie auch: lesejury.de

Für meine »Take it easy«-Herzensschwestern

1. Kapitel

Romy blinzelte gegen die Helligkeit des Morgenlichts, das auf ihr Bett fiel. Langsam öffnete sie die Augen ganz, dann fuhr sie abrupt hoch.

»Luna!«, rief sie. »Hast du mich erschreckt! Wie spät ist es?«

Ihre Tochter kniete mit vor der Brust verschränkten Armen auf der Matratze, ihre Lippen ungewöhnlich dunkelrot, und sah sie auffordernd an. »Es ist schon halb neun. Machst du mir Kirschpfannkuchen?«

Jetzt entdeckte Romy auf dem fliederfarbenen Flauschteppich neben dem Bett einen geflochtenen Korb, der bis zum Rand gefüllt war mit dunkelrot leuchtenden Früchten. Sie lehnte sich gegen das Rückenteil des Eisenbetts und streckte die Hand nach ihrer Tochter aus. »Och, Mausi«, säuselte sie, »es ist Sonntag! Kuschel dich ein bisschen an mich, und wir schlafen noch eine Runde.«

Luna schüttelte energisch den Kopf. Gegen eine Siebenjährige hatte Romy keine Chance! Sie stöhnte.

»Wieso bist du überhaupt hier? Hatten wir nicht ausgemacht, dass dich der Papa erst gegen Mittag bringt? Ich hab die Klingel gar nicht gehört.«

Luna verdrehte die Augen. »Mama!« Niemand konnte dieses Wort so vorwurfsvoll sagen wie sie. Romy unterdrückte ein Schmunzeln. »Ich habe doch einen Schlüssel! Und Papa muss heute noch lernen. Für sein Stadion.«

»Für sein Studium.« Sie wuschelte ihrer kleinen Elfe durch die wie immer zerzausten Haare und schwang die Beine über die Bettkante. »Ich geh kurz ins Bad, okay?«

Luna nickte und lief mit dem Korb voller Kirschen in die Küche.

Romy folgte dem Pfad von Klamotten, der sich vom Paravent, hinter dem ihr Bett stand, quer durch das ganze Wohnzimmer zog. Sie liebte den Raum mit seinen honigbraunen Bücherregalen voller Koch- und Backbücher, dem alten Sofa und dem gemütlichen Ohrensessel, doch nun bemerkte sie vor allem die vielen Flusen, Wollmäuse und Staubschichten überall. Rasch sah sie weg. Putzen rutschte auf ihrer To-do-Liste stets nach ganz unten. Gab es nicht auch Wichtigeres im Leben als Hausarbeit?

Schnell ging sie durch den dunklen Flur voller Schuhe, Sportbeutel und Jacken, die in mehreren Schichten an der Garderobe hingen. Auch wenn sie drei Zimmer – eins für Vincent, eins für Luna und das Wohn-Schlaf-Zimmer für sie selbst – hatten, es war immer zu wenig Platz für all den Kram von zwei Kindern und einer Mutter. Im Bad stopfte sie herumliegende Handtücher in einen überquellenden Wäschekorb, streifte ihr Schlafhemd ab und stellte sich zwischen Badeenten und Gummifröschen unter die Dusche. Zeit, um kurz durchzuatmen und vielleicht richtig wach zu werden.

Jetzt erinnerte sie sich auch dunkel daran, dass Ben gesagt hatte, er würde Luna an diesem Sonntag ausnahmsweise gleich in der Früh zurückbringen. Seit er Ende Mai einen einjährigen Fernlehrgang angefangen hatte, um seine betriebswirtschaftlichen Grundkenntnisse aufzufrischen, nutzte er nahezu jede freie Minute zum Lernen. Ihm war wohl durchaus klar gewesen, dass Romy seine Entscheidung nicht gerade begrüßen würde, und deshalb hatte er sich erst vor zwei Wochen getraut, ihr von seiner Weiterbildung zu erzählen. Einerseits fand sie es bewundernswert, dass er sich neben seinem Vollzeitjob als Schiffskapitän noch ein Online-Studium zumutete, andererseits war es genau so gekommen, wie sie es befürchtet hatte: Nun hatte er auch weniger Zeit für Luna. Sie hatte ihm das nicht vorgehalten – schließlich machte er im September einen großen Karriereschritt und trat eine neue Stelle als Geschäftsführer von Schifffahrts-König an. Und in dieser Funktion musste er sicher auch das betriebswirtschaftliche Wissen, das er sich vor vielen Jahren in einem nicht abgeschlossenen BWL-Studium angeeignet hatte, auf den neuesten Stand bringen.

Einigermaßen erfrischt, stieg Romy aus der Dusche und schlüpfte in eine gemütliche Jogginghose und ein luftiges hellblaues Shirt.

Das Bild, das sich ihr bot, als sie die Küche betrat, war allerliebst. Luna saß am Esstisch auf einem der grünen Stühle mit der geflochtenen Sitzfläche, hielt den Entsteiner in der Hand und quetschte konzentriert Kerne aus den Kirschen. Vor ihr stand eine Schüssel, deren Inhalt sicher für zwanzig Pfannkuchen reichen würde. Einen Moment betrachtete Romy ihre Tochter. Sie hatten zwar ähnlich geschwungene Lippen und die gleiche schmale Gesichtsform, aber das dunkle Haar und die auffälligen großen braunen Augen stammten von Ben. Romy war immer wieder erstaunt, dass ihre Tochter so anders aussah als sie selbst. Vince kam da viel eher nach ihr. Er hatte ihre hellblauen Augen und das blonde Haar geerbt. Nur in einem Punkt glichen sich Romy und Luna auf den ersten Blick: Sie sahen beide stets ein wenig verstrubbelt aus und schafften es nicht, dass ihre Haare so blieben, wie sie sie morgens frisierten. Warum das so war? Romy hatte nicht die leiseste Ahnung.

»Wo habt ihr denn die ganzen Kirschen überhaupt her?«, wollte sie wissen.

Luna hob kurz den Kopf. »Von Oma Margret natürlich«, erklärte sie, und ihr Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass sie der Meinung war, ihre Mutter sei mal wieder schwer von Begriff.

»Ach, habt ihr die gestern besucht?«

»Ja. Sie hat ein riesengroßes Planschbecken für mich in den Garten gestellt, und ich durfte mit Opa Sepp ganz hoch in den Kirschbaum klettern.«

Romy war froh, dass sie die Szene nicht live hatte miterleben müssen. Bens Vater Josef ging schon auf die achtzig zu. Er war zwar noch sehr rüstig, aber dass er in Bäume stieg, noch dazu in Begleitung seiner Enkeltochter, hielt Romy dann doch für etwas gewagt.

»Papa hat die ganze Zeit die Leiter festgehalten«, stoppte Luna hellseherisch ihren Gedankengang und steckte sich eine Kirsche in den Mund. »Und dann haben wir gegrillt, und ich musste erst um elf ins Bett.«

»So spät?« Hoffentlich würde ihre Tochter den Tag durchstehen, ohne allzu nörgelig zu werden. Romy suchte eine große Rührschüssel, einen Mixer, Mehl, Eier und Milch zusammen und stellte alles auf die Arbeitsfläche neben dem Herd.

»Und was hast du gemacht?«, fragte Luna. Sie stand auf und kam mit kirschroten Händen auf Romy zu.

»Oh, einmal Hände waschen bitte«, forderte sie ihre Tochter auf. »Ich war mit Anna in der Strandbar.«

»War Sebi auch mit?«

Romy schüttelte den Kopf. Sebi war Annas Sohn und Vince’ Freund. »Natürlich nicht. Der war bei seinem Papa.«

»Okay. Habt ihr da Essen hingebracht?« Luna ließ an der Spüle Wasser über ihre Finger laufen.

»Nein, das war kein Catering. Wir haben uns einen schönen Abend gemacht und ein bisschen getanzt.« Vor allem hatten sie zu den chilligen Sunset-Beats Aperol Spritz bis zum Abwinken getrunken und mit den zwei DJs geflirtet. Sie erinnerte sich nicht genau, wann sie nach Hause gekommen war. Allzu lange konnte es nicht her sein. Aber egal – sie hatte so selten Gelegenheit, mit ihrer Freundin Anna hier in Konstanz etwas zu unternehmen, das nichts mit ihrer Arbeit zu tun hatte, und bereute daher die lange Nacht keine Sekunde.

Luna klopfte das erste Ei geschickt gegen den Rand der Metallschüssel, zog die Schale auseinander und ließ es hineingleiten.

»Super machst du das«, lobte Romy sie.

»Wann kommt Tante Caro eigentlich an?« Luna steckte die Rührstäbe in den Mixer und sah ihre Mutter erwartungsvoll an. »Sollen wir ihr nicht zur Begrüßung einen Kuchen backen?«

Romy küsste sie in den Nacken, wo sie besonders kitzlig war. »Natürlich bekommt sie einen, sogar eine Schwarzwälder Kirschtorte, das ist ihr Lieblingskuchen! Die Böden habe ich gestern schon gemacht, wir müssen sie also nur noch füllen und dekorieren.«

»Und bleibt Tante Caro jetzt wirklich für immer hier?«, fragte Luna.

»Ich hoffe, schon.« Romy spürte, wie das Lächeln in ihrem Gesicht ganz breit wurde, so sehr freute sie sich darüber, dass ihre Schwester nach Studienjahren in Brasilien, Jobs als Fotoassistentin rund um den Globus und zuletzt zwei Jahren in Neuseeland ihre Zelte am anderen Ende der Welt endgültig abgebrochen hatte. Das lag nicht zuletzt an Caros altem Schulfreund Cornell, dem sie bei ihrem Besuch in ihrer Heimatstadt Überlingen im Mai wieder begegnet war und in den sie sich bis über beide Ohren verliebt hatte. Nun waren sie fleißig dabei, dort das Elternhaus von Cornell für ihre gemeinsame Zukunft zu renovieren und neu einzurichten.

»Gab’s bei Papa eigentlich Frühstück?« Romy hatte inzwischen die übrigen Zutaten für den Pfannkuchenteig in die Schüssel gegeben und verrührte alles mit dem Mixer.

»Nee, ich hab noch gar keinen Hunger gehabt. Aber jetzt!« Sie strich sich über den Bauch und strahlte ihre Mutter aus großen Augen an. Romy hätte sie fressen können vor Entzücken. Auch wenn die Beziehung zu ihrem Vater nicht von Dauer gewesen war – allein seine wunderschönen Augen waren es wert gewesen, dieses Kind mit ihm zu zeugen.

»Wann kommt denn Vince nach Hause?«, wollte Luna wissen.

»Das weiß ich nicht genau. Irgendwann heute Vormittag.« Romy holte die Schüssel mit den entsteinten Kirschen vom Esstisch. Probeweise schob sie sich eine der knackigen Früchte in den Mund. Dieses Aroma! Nichts schmeckte mehr nach Sommer als frisch gepflückte Kirschen. »Ich denke mal, der wird so gegen Mittag heimkommen.«

Sie stellte eine Pfanne auf den Gasherd, erhitzte etwas Öl, und sie warteten, bis es heiß wurde. Luna rührte vorsichtig das Obst unter den Teig. Sie gab eine Kelle voll in die Pfanne und verteilte ihn geschickt.

»Und kommt Pierre mit, wenn er Vince zurückbringt? Der ist immer so lustig.«

»Mal sehen, ob er Zeit hat«, antwortete Romy ausweichend und ergänzte für sich: hoffentlich nicht.

Es war keineswegs so, dass sie den Vater ihres Sohnes mied. Sie verstand durchaus, warum sie vor rund zwölf Jahren dem Charme des gut aussehenden, lässigen Franzosen erlegen war. Aber seitdem war viel Wasser in den Bodensee hinein- und auch wieder hinausgeflossen. In den letzten Jahren hatten sie selten Kontakt gehabt. Romy hatte ihm regelmäßig ein Foto von Vincent an seinem Geburtstag oder von Weihnachten geschickt, aber die Resonanz war meist dürftig geblieben. Pierre hatte nicht erkennen lassen, dass er großes Interesse an seinem Sohn hatte, und so hatte Romy gelernt, irgendwelche Erwartungen an ihn zu unterdrücken.

Umso überraschter war sie gewesen, als Pierre im Mai am Bodensee aufgetaucht war. Dort war er durch einen Zufall direkt auf seinen Sohn getroffen, und es schien, als habe ihm diese Begegnung die Augen dafür geöffnet, was er in den letzten zehn Jahren verpasst haben könnte. Er war nur für ein paar Tage am Bodensee gewesen, um Vorbereitungen für seinen jetzigen Job zu treffen, und hatte sich in der Zeit ein paarmal mit ihr, Vince und Luna getroffen, was sehr nett gewesen war. Dabei hatte Romy auch erfahren, dass er seit vielen Jahren als Caterer für deutsche Filmproduktionen arbeitete und dann sein Cateringmobil wochenweise am jeweiligen Drehort aufstellte. Er hatte eine Wohnung in Köln, war dort aber selten anzutreffen. Mittlerweile standen Pierre und sie häufiger als früher im Austausch, und Romy wusste, dass bald sein aktuelles Projekt, ein Kinderfilm, hier in Konstanz starten würde. Pierre war bereits seit fünf Tagen in der Stadt, und dieses Wochenende war das erste gewesen, das er auf Vince’ Wunsch hin allein mit seinem Sohn verbracht hatte. Romy war neugierig, wie es ihrem Sohn mit seinem Vater ergangen war.

»Lassen wir den fliegen? Bitte, Mama, allerliebste Mama!« Luna klatschte in die Hände, zog die Nase kraus und machte einen Knutschmund. Wie immer, wenn sie ihre Mutter weichkriegen wollte.

Romy verdrehte die Augen, lockerte den Eierkuchen dann aber vom Pfannenboden und stellte sich in Position. »Achtung! Eins … zwei …« Sie rüttelte die Pfanne. »Und drei!« Mit einem schnellen Ruck riss sie diese nach oben, und der Pfannkuchen wurde in die Luft geschleudert. Im gleichen Moment begriff Romy, dass das keine gute Idee gewesen war. Durch die Kirschen war der Pfannkuchen viel schwerer als sonst und zerriss, noch bevor er wieder an seinem ursprünglichen Platz landete.

»Kaiserschmarrn!«, rief Romy lachend. »Ich glaube, wir machen lieber Kirschenkaiserschmarrn.« Sie zupfte den verunglückten Pfannkuchen mit zwei Gabeln auseinander, gab etwas Zucker dazu und erhöhte die Temperatur. Würde es eben eine karamellisierte Variante geben.

»Muss ich Vince was übrig lassen, oder darf ich alles aufessen?« Luna versuchte, an ihrer Mutter vorbei einen Happen aus der Pfanne zu stibitzen.

»Du musst mir was übrig lassen!«, befahl Romy in gespielt strengem Ton und beförderte ein Stück in Lunas offen stehenden Mund.

»Hmm, lecker!«, befand diese.

Romy parkte den Kaiserschmarrn im vorgeheizten Backofen und machte sich daran, den restlichen Teig zu verarbeiten.

»Rufst du mich, wenn du fertig bist?« Und schon war Luna aus der Küche verschwunden. Die Ausdauer einer richtigen Köchin hatte sie dann doch noch nicht. Glücklicherweise, dachte Romy und lächelte still vor sich hin.

Nachdem sie den restlichen Kaiserschmarrn zum Warmhalten in den Ofen geschoben hatte, machte sie sich einen Espresso, ging damit auf die Dachterrasse und setzte sich in ihren geliebten Nordseestrandkorb, der zwischen zwei üppigen Oleanderbüschen stand.

Die Hitze des bevorstehenden Tages kündigte sich schon an. Der hellblaue Himmel war wolkenlos, nur ein einsames Flugzeug durchkreuzte ihn. Caro! Romy schaute auf die Uhr ihres Smartphones. Gleich halb zehn. Sie mussten erst um drei am Flughafen Zürich sein, um ihre Schwester in Empfang zu nehmen.

Als ihr Handy klingelte, brauchte sie gar nicht aufs Display zu schauen, um zu wissen, wer anrief.

»Guten Morgen, Veri«, begrüßte sie ihre älteste Schwester Veronika. »Stehst du schon in den Startlöchern? Du weißt aber, dass sie erst um drei landet.«

Veri lachte, und Romy sah geradezu vor sich, wie sie dabei durch ihre dicken braunen Locken strich und ihre braungrünen Augen blitzten. »Du hast mich durchschaut«, gestand sie. »Ich wollte nur hören, ob du für unsere kleine Wiedersehensfeier bei Cornell einen Kuchen backst. Falls ja, bringe ich nur Sekt zum Anstoßen und Traubensaft für die Kinder mit.«

»Na klar, das lasse ich mir doch nicht nehmen, unserer Schwester die Rückkehr in die Heimat mit einer Schwarzwälder Kirschtorte zu versüßen.«

»Hab ich mir schon gedacht. Ach, und die Rosen vor dem Haus blühen gerade so herrlich, da pflücke ich ihr einen Strauß.« Veri machte eine kleine Pause. »Ich kann es noch immer nicht fassen, dass sie jetzt wirklich für immer bleibt. Also, zumindest im Moment für immer.«

»Ich freue mich riesig.« Romy spürte, wie ihr Herz einen kleinen Hüpfer machte. »Als sie im Mai bei uns war, ist mir erst richtig bewusst geworden, wie sehr ich sie die letzten Jahre vermisst habe.«

»Geht mir genauso. Und wie schnell sie das jetzt alles durchgezogen hat: zurück nach Christchurch, Job kündigen, Wohnung auflösen, Abschiedsparty feiern – in gerade mal zwei Wochen.« Veri schien etwas zu trinken, dann fuhr sie fort: »Mir ist schon klar, dass sie wegen Cornell zurückkommt, aber ich glaube – oder zumindest hoffe ich es –, dass sie auch Sehnsucht nach uns allen hatte.«

»Ganz bestimmt.« Romy nahm nachdenklich den letzten Schluck von ihrem Espresso. »Durch sie … Ich weiß auch nicht … Als sie hier war, waren wir irgendwie mehr im Gleichgewicht, verstehst du, was ich meine?«

Veri stimmte ihr zu. »Na ja – sie ist eben unsere Mitte. So als Mittlere von uns dreien.«

»Das hast du schön gesagt. Hat sich denn Papa jetzt entschieden, ob er zum Flughafen mitkommt? Immerhin werden Mama und Arthur ja auch dort sein.«

Veri stieß hörbar Luft aus. »Also ehrlich gesagt habe ich ihn gar nicht gefragt. Ich habe einfach gesagt, dass es von Meersburg zu ihm nach Überlingen ja kein großer Umweg ist und wir ihn um zwei abholen kommen. Und das war dann okay für ihn.«

»Sehr gut! Es wird schließlich häufiger solche Treffen wie heute geben. Im Übrigen wird er den beiden auch in Überlingen nicht ewig aus dem Weg gehen können. So groß ist die Stadt ja nicht. Ich finde, so langsam sollte er sich an die neue Situation gewöhnen.«

Romy ahnte, dass Veri dies nicht so stehen lassen würde. Und prompt sagte sie dann auch: »Na komm, seit der Trennung sind gerade mal zwei Monate vergangen. Und sie waren 47 Jahre verheiratet.«

»Ja, klar, aber trotzdem sollte er den Tatsachen ins Auge blicken. Vielleicht hat ja Caro Zeit und kann ihm zur Seite stehen. Gleich nach der Trennung war sie ja auch für ihn da und hat das super gemacht.«

»Allerdings. Hoffen wir, dass sie nicht so schnell einen neuen Job findet. Nein, das ist gemein!«, tadelte Veri sich selbst. »Herrje, immer wenn ich an Mamas Siebzigsten denke, sehe ich nur diese Szene vor mir: Wie Mama mir vor all ihren Festgästen die Flaschen mit dem Geburtstagswein abnimmt, sich dann bei Arthur unterhakt und mit ihm in seinem Boot davonfährt. Das war schon krass!«

»Aber irgendwie auch saukomisch!« Romy kicherte. »Ja, ja, ich weiß, für Papa nicht.«

»Sie hat sich übrigens schon eine Anwältin gesucht und will so bald wie möglich die Scheidung einreichen«, berichtete Veri. »Ich weiß nicht, ob Papa das schon weiß.«

»Typisch unsere Mutter! Sie macht immer Nägel mit Köpfen«, sagte Romy. »Ich bin sicher, sie wird Papa das bald beibringen.« Sie stand auf, nahm eine pinkfarbene Plastikgießkanne und füllte sie in der kleinen Regentonne, die in einer Ecke der Terrasse stand. Die Stauden ließen schon jetzt am Morgen die Blätter hängen, und vor allem der Phlox konnte Wasser gebrauchen.

»Gibt’s jetzt Pfannkuchen?«, fragte Luna von der Tür.

Romy winkte ihr zu. »Gleich, ich telefoniere noch mit Tante Veri.«

»Okay, Romylein, wir sehen uns um drei am Flughafen«, sagte ihre Schwester. »Stefan kann leider nicht kommen, er hat zu viel zu tun. Aber ich bringe Rosalie mit.« Damit war das Gespräch beendet.

»Essen wir draußen?«, fragte Luna.

Als Romy nickte, rief sie laut »Jaaa!«, rannte in die Küche und kam kurz darauf mit Geschirr und Besteck zurück, das sie auf den schmiedeeisernen, verschnörkelten Tisch stellte, der hier draußen als Essplatz diente und dem ein bunter Hawaii-Sonnenschirm Schatten spendete.

Romy hatte kaum den goldgelb glänzenden Kaiserschmarrn in eine Schüssel verfrachtet, da hörte sie, wie sich der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür drehte.

»Vince?«, rief sie über die Schulter.

»Wir sind’s! Bonjour!«, klang die Stimme von Pierre aus dem Flur. »Oh, hier riecht es ja délicieux!«

»Pierre!« Luna rannte auf den Vater ihres Bruders zu. »Du musst mit uns zerfetzte Pfannkuchen essen, komm!«

Dieses großzügige Kind!, dachte Romy lächelnd, und da steckte auch schon Pierre den Kopf zur Küchentür herein.

»Ich wurde eingeladen«, sagte er und breitete entschuldigend die Arme aus.

»Schon gut, kein Problem.«

An ihm drängte sich nun Vince vorbei und blieb etwas unschlüssig vor seiner Mutter stehen. Romy zögerte nicht und zog ihn an sich. Es war vollkommen albern – aber war er in den vierundzwanzig Stunden, in denen sie ihn nicht gesehen hatte, gewachsen? Sie drückte ihm einen schnellen Kuss aufs Haar, da machte er sich auch schon wieder eilig los. Vor Pierre schien ihm diese Geste zu unmännlich zu sein, hatte sie den Verdacht.

»Wie war’s?«, fragte sie ihren Sohn, auch wenn sie die Antwort schon kannte.

»Gut.«

Punkt. Das musste wohl genügen.

Pierre war dafür umso mehr in Plauderlaune. »Wir haben ein kleines Boot gemietet an diesem Steg da und sind über den See getuckt.«

»Getuckert«, korrigierte Vince.

»Dann haben wir ein Picknick am Ufer gemacht …«

»Und ich hab überall Mückenstiche.« Vince kratzte sich an der Wade und verzog das Gesicht.

»Ach, du Ärmster«, sagte Romy gespielt mitleidig. »Ich wette, die ein oder andere Eisportion hat dich das schnell vergessen lassen.«

Vince grinste sie schelmisch an. »Könnte sein«, gab er zu, und sie gingen mit dem Essen auf die Terrasse.

»Fängt bald dein Film an?«, fragte Luna Pierre, kaum dass sie saßen. Seit er ihr erzählt hatte, dass ein Mädchen, das kaum älter war als sie, die Hauptrolle spielen würde, fing sie immer wieder mit dem Thema an.

»Nächsten Freitag geht’s los mit den Dreharbeiten«, sagte er. »Ich überlege schon die ganze Zeit, was ich dann für das Filmteam kochen soll. Vielleicht Bodensee-Wassersuppe mit Algennudeln?«

»Iih, nein!« Luna verdrehte die Augen. »Was Leckeres. Chicken Nuggets. Oder Spaghetti mit Tomatensauce.«

»Eine gute Idee!« Pierre stieß mit dem Zeigefinger in die Luft. Der Umgang mit den Kindern gelang ihm richtig gut, das musste Romy zugeben.

Während Luna, Vince und Pierre auf der Terrasse vergnügt den Kaiserschmarrn verputzten, betrachtete sie verstohlen die kleine Runde. Wie würde es sich leben mit einer »richtigen« Familie? In der Mama und Papa jeden Tag für die Kinder da waren?

»Machst du ein Foto von uns?«, riss Pierre sie aus ihren Gedanken und streckte ihr sein Smartphone entgegen. Die drei rutschten etwas zusammen und grinsten sie mit kirschroten Mündern an.

»Affenscheiße!«, riefen die Kinder, und Romy drückte mehrmals den Auslöser. Auf den Fotos erstaunte sie einmal mehr die Ähnlichkeit zwischen Vater und Sohn. Beide hatten fein geschnittene Gesichter, und auch wenn Pierres Kinn deutlich eckiger war als Vince’, so hatten sie doch dieselben geschwungenen Lippen und ebenso diesen lausbubenhaften Ausdruck in ihren Augen – dunkelbraun die des Vaters und hellblau die von Vince. Luna strahlte wie immer und zog alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie war ausgesprochen fotogen, was nicht zuletzt an ihrer Lebendigkeit lag.

»Wolltest du deiner Mutter nicht was zeigen?«, fragte Pierre nun Vince, der sofort nickte und von seinem Stuhl aufsprang. Luna folgte ihrem Bruder, obwohl der dagegen protestierte. Aber wie immer ließ sich seine kleine Schwester nicht abwimmeln.

»Wie war es mit ihm?«, fragte Romy, nachdem die Kinder verschwunden waren.

Pierre schob sich den letzten Bissen in den Mund und lächelte kauend. »Ich denke, wir hatten eine gute Zeit zusammen. Er redet nicht so viel, aber er war bei allem mit Flammeneifer dabei.«

»Feuereifer?« Diese kleinen Wortverdrehungen hatte sie schon vor zwölf Jahren hinreißend gefunden.

»Genau. Mein Deutsch ist ein wenig eingeröstet. Oder … äh, gerostet?«

Romy nickte und fuhr ernst fort: »Weißt du, ich frage mich nur, wie es weitergeht mit dir und Vince. Ich sehe ja, dass er Vertrauen zu dir hat … Aber was wird sein, wenn du demnächst wieder verschwindest?«

Pierre schüttelte heftig den Kopf. Ein wenig zu heftig, wie Romy fand. Dann sah er sie mit diesem fast welpenhaften Blick an, den sie von früher kannte. »Ich habe selbst gemerkt, was ich mir alles genommen habe, weil ich mich nie um ihn gekümmert habe«, gestand er. »Ich möchte das nachholen. Wirklich. Und weißt du, ich habe seit Langem endlich das Gefühl, ich mache das, was ich will. Das Catering läuft superb, es ist abwechslungsreich, und ich verdiene regelmäßig und gut. Kann mir Dinge leisten und bin viel … ausgeglichener. Vielleicht ist es das Alter.«

»Wie alt bist du jetzt? 43?«

»Fast 45.« Er zwinkerte. »Lass mich der Vater sein für Vince. Ich habe schon zu viel verpasst. Ich werde dich erleichtern. Im Alltag.«

Etwas in Romy sträubte sich, ihm zu glauben. Aber sie wollte Vince auch die Chance geben, seinen Vater besser kennenzulernen. Und mit seinen zehn Jahren konnte er auch selbst entscheiden, wie intensiv der Kontakt sein sollte.

»Du meinst, du wärst dann hier, in Konstanz?« Wie wollte er das einrichten mit seinem unsteten Job?

»Nicht jeden Tag. Aber ich kann zu Besuch kommen, wann immer es geht. Ich kann auch mit ihm in die Ferien fahren.«

»Das ist ja schön und gut …«, begann sie, sprach jedoch nicht weiter, weil in dem Moment ein lautes Grunzen und Geheule aus dem Wohnzimmer zu ihnen drang. Romy zuckte erschrocken zusammen, dann sah sie ihren Sohn. Vince hatte sich in einen Dinosaurier verwandelt.

»Uah, uah«, machte Luna, die hinter ihrem Dino-Bruder hervorspähte und die Finger wie Krallen in die Luft stieß.

Vince steckte in einem aufblasbaren blaugrauen Plastikkostüm, einem finster dreinblickenden und Zähne fletschenden T-Rex. Er grinste ihnen durch eine Öffnung auf Brusthöhe zu und tapste vorsichtig auf die Terrasse. Vince machte ein paar staksige Tanzschritte auf Romy zu. Pierre und Luna klatschten begeistert.

»Oh, wow!«, rief Romy und freute sich über das strahlende Gesicht ihres Sohnes. »Gehst du damit morgen in die Schule?«

Vince’ riesiger Dinokopf schwankte ein ganzes Stück höher hin und her. »Nee, mach ich nicht. Aber ich will es anziehen, wenn wir Tante Caro am Flughafen abholen«, rief er gegen das Getöse des Ventilators an, der die ganze Konstruktion aufrecht hielt.

»Gute Idee!«, sagte Pierre und erhob sich. »Dann mache ich mich mal auf den Weg. Ich wünsche euch ein schönes Wiedersehen.«

Romy brachte ihn zur Tür und warf dann einen kurzen Blick auf ihr Smartphone. Zwölf Uhr schon!

»Oh Gott, ich muss dringend die Torte für Caro fertig machen«, stellte sie fest. »Frühstück beendet! Ich hoffe, man kann auch mit Dinoärmchen den Tisch abräumen.«

2. Kapitel

Immer, immer, immer waren sie zu spät dran. Romy bemühte sich, ruhig zu bleiben, und lenkte ihren türkisfarbenen VW-Caddy durch den geruhsamen Sonntagnachmittagsverkehr von Konstanz, ohne die Geschwindigkeitsbegrenzungen allzu sehr überzustrapazieren.

Bis zum Züricher Flughafen brauchten sie eine knappe Stunde. Glücklicherweise war um diese Uhrzeit nicht viel los. Und vielleicht musste Caro ja auch am Gepäckband länger warten, sodass sie ihre Schwester doch noch rechtzeitig in Empfang nehmen konnten.

»Passt bitte auf, dass die Torte gerade steht«, mahnte sie Vince und Luna, die auf der Rückbank saßen, die Schwarzwälder Kirsch in einer Kühltasche zwischen sich gequetscht.

Ein einfacher Kirschenplotzer hätte es sicher auch getan, aber Romy hatte nicht widerstehen können und eine Schwarzwälder Kirsch mit einer Extraportion Schnaps gemacht, so wie Caro sie besonders liebte. Das war nicht weiter schwer, doch nachdem sie Biskuitböden und Füllung zusammengesetzt hatte, war da natürlich noch die Deko gewesen, an der sie sich wie üblich verkünstelt hatte. Statt nur langweilig Schokoraspeln ringsum und obendrauf zu streuen, hatte sie aus rot gefärbtem Marzipan kleine Kirschen geformt, aus grünem einige Blättchen und schließlich in Gelb die Buchstaben CARO. Als sie schließlich zufrieden ihr Werk betrachtet hatte, war es bereits zwanzig nach zwei gewesen, und die Kinder waren nach wie vor mit roten Kirschmündern ins Spielen vertieft.

Aber nun war die Ausfahrt zum Flughafen nicht mehr weit, und Romy entspannte sich allmählich. Und überhaupt: Was machten schon zehn Minuten Verspätung aus, wo doch Caro jetzt für immer am Bodensee bleiben würde?

»Sitzt sie in dem Flieger da?«, fragte Luna, und eine kleine, wedelnde Hand schob sich in ihr Blickfeld. Dicht über ihren Köpfen kreuzte ein riesiges Flugzeug die Autobahn.

»Ich glaube nicht«, antwortete Romy und ordnete sich in die Spur ein, die zum Parkplatz führte. »Vermutlich ist sie schon gelandet.«

»Schneller, schneller …«, feuerte Luna sie an. »Wir dürfen sie nicht verpassen!«

»Keine Sorge, wir schaffen das noch rechtzeitig.«

Doch ganz so einfach war es nicht. In einigen Schweizer Kantonen hatten die Sommerferien bereits begonnen, und auf dem Flughafen ging es hektisch und wuselig zu. Überall liefen suchende Menschen herum, standen plaudernde Grüppchen beieinander, Koffer wurden herumgewuchtet und winkende Arme in die Höhe gerissen. Und sie verloren zusätzlich Zeit, weil es ewig dauerte, bis Vince erneut in sein Dinokostüm geschlüpft war und die ganze Konstruktion mit dem Ventilator endlich funktionierte.

»Was für ein bescheuertes Geschenk«, stöhnte Romy, als er fertig war, und trieb Vince dazu an, seine Trippelfrequenz zu verdoppeln. Das gelang nur leidlich, weil die Beine des Dinos ziemlich kurz waren. Dieses Kostüm war offensichtlich nicht für längere Strecken gedacht.

Mit zwanzig Minuten Verspätung kamen sie in der Ankunftshalle an. Alle anderen waren natürlich schon da. Veri blickte gerade erleichtert von ihrem Handy auf, wo sie mit Sicherheit die Uhrzeit gecheckt hatte, als sie Romy und die Kinder entdeckte. Lotte und Arthur lächelten ihnen freundlich entgegen. Natürlich wollte auch ihre Mutter die heimkehrende Tochter am Flughafen begrüßen, und da Arthur nun zu ihrem Leben gehörte, hatte sie darauf bestanden, dass er ebenfalls mitkam. Cornell winkte ihnen nur kurz zu und richtete dann seine Aufmerksamkeit sichtbar nervös wieder auf die Schiebetüren, durch die Caro kommen würde. Etwas abseits bemerkte sie nun auch ihren Vater und Ben, der wohl für diesen besonderen Anlass eine Lernpause eingelegt hatte. Georg hatte einen leicht grimmigen Ausdruck – ob das an Lottes und Arthurs Anwesenheit oder ihrem späten Erscheinen lag, konnte Romy nicht erkennen. Rosalie riss erstaunt die Augen auf, als sie den Dinosaurier erblickte, der hinter ihrer Tante herwackelte, und brach in schallendes Gelächter aus.

»Oh Gott, was ist das denn für ein Viech?«, rief Veri.

»Da ist Vince drin«, erklärte Luna und hüpfte an ihrem Bruder hoch. Der streckte seine kurzen Dinoärmchen in die Luft und vollführte Boxbewegungen. Beide Kinder stießen ein schrilles Fauchen aus. Rosalie sprang auf Vince zu und nahm den Kampf mit ihm auf. Wie süß, dass sich Veris Tochter mit ihren sechzehn Jahren noch auf so alberne Spielchen einließ. Sonst tat sie immer sehr cool und erwachsen.

»Da macht Caro ja auf dem Absatz kehrt, wenn sie dich sieht, und nimmt das nächste Flugzeug zurück nach Neuseeland«, meinte Cornell lachend.

Aber das geschah natürlich nicht. In diesem Moment hörten alle ein lautes »Huhu« durch die Ankunftshalle schallen, und dann war Caro auch schon zu sehen.

Sie winkte, lachte, und ihre braunen Augen leuchteten so strahlend, als habe sie die letzten dreiundzwanzig Stunden in einem Wellnesstempel verbracht und nicht auf dem engen Sitz eines Flugzeugs. Nicht mal ihr apfelgrünes, kurzärmeliges Wickelkleid, das ihre roten Locken betonte, war zerknittert.

»Caro, Caro!«, rief Luna. Sie lief ihrer Tante entgegen, die nun endlich durch die Schranke zu ihnen trat, und schlang die Arme um sie.

Caro beugte sich zu ihrer Nichte hinunter und umarmte sie ebenfalls, wobei sie in Cornells Richtung schaute. Der beobachtete die Szene amüsiert und schien ganz gelassen. Nur seine roten Wangen ließen ahnen, dass er wohl ziemlich aufgeregt war.

»Heb mich hoch«, bettelte Luna.

Caro streichelte ihr über den Kopf. »Jetzt nicht, Süße«, sagte sie und schob sie sanft, aber bestimmt zur Seite. Nun tat Vince einen Riesensatz und sprang vor Caros Füße. Er fauchte sie an und begann wieder zu boxen. Caro tat, als würde sie zurückboxen, kniff dann jedoch nur lachend in die Dinohülle. »Du bist aber gewachsen in den letzten zwei Wochen, Vince!«, begrüßte sie ihren Neffen.

»Uargh uwäh wah«, lautete die Antwort. Offensichtlich hatte er inzwischen Dinosaurisch gelernt.

Endlich stand Caro vor Cornell, und als die beiden einander in die Arme schlossen und in einem innigen Kuss versanken, spürte Romy, wie es ganz eng in ihrer Kehle wurde. Ihre Hände kribbelten, wie immer angesichts solch romantischer Liebe. Als sie sich rasch abwandte und Ausschau nach Luna und Vince hielt, die die Ankunftshalle inspizierten, traf Bens Blick sie. Sie konnte ihn nicht deuten. Sein Ausdruck war ernst, eher als sei dies hier eine Trauer- und keine Wiedersehensfeier, und in seinen Augen lag so etwas wie Wehmut.

Romy ahnte, dass er sich nach einer Familie sehnte, und sie wusste, dass sie es war, die sie ihm verwehrte. Sie hatte ihm bei der Trennung knapp ein Jahr nach Lunas Geburt erklärt, dass sie nicht länger mit ihm zusammenleben könne, weil sie sich nicht mehr lebendig fühlte. Dabei, und das hatte sie nicht auszusprechen gewagt, war es in jener Zeit vor allem das sie immer mehr zermürbende Gefühl gewesen, sich ständig rechtfertigen zu müssen, weil sie an die Dinge anders heranging als er. Sie hatte sich unzulänglich gefühlt und nicht gewusst, wie sie das ändern sollte. Plante er montags schon, was es donnerstags zu essen geben würde, hatte sie am Vormittag meist noch nicht gewusst, was sie am Nachmittag unternehmen würde. Sie wäre gerne strukturierter und vorausschauender gewesen, hatte es aber einfach nicht hinbekommen. Irgendwann war der Drang, sich von diesem Druck zu lösen, so stark gewesen, dass sie sich schweren Herzens dafür entschieden hatte, den Weg ohne ihn weiterzugehen. Und bis heute war sie überzeugt, Ben eine schlechte Partnerin gewesen zu sein. Regelmäßig überfiel sie deshalb ein schlechtes Gewissen.

Mittlerweile hatte Caro auch Veri, Rosalie, Lotte und Arthur begrüßt. Ben war als Nächster an der Reihe, und wie die anderen sagte er, wie sehr er sich freue, dass sie am Bodensee bleiben würde. Caro sah sich suchend um und entdeckte dann Georg, der ein Stück entfernt gewartet hatte. Sein Blick war genauso neutral wie die Schweiz, auf deren Boden er sich gerade befand. Doch seine mittlere Tochter lief auf ihn zu und umarmte ihn überschwänglich. Ein wenig unbeholfen tätschelte er ihr den Rücken.

»Papa, freust du dich denn gar nicht?«, fragte sie, wohlwissend, wie alle Umstehenden auch, dass er wegen Lotte und Arthur so zurückhaltend war.

»Doch, natürlich! Und wie!«, antwortete er, und endlich stahl sich ein Lächeln in seine Züge.

»Du freust dich eher innerlich, gell?«, sagte Caro schmunzelnd, und Georg nickte. Er wirkte immerhin ein wenig entspannter.

»Darf ich jetzt auch endlich?« Romy trat auf ihre Schwester zu, die sie in die Arme nahm und ihr zahllose Bussis auf die Wangen drückte. »Ich freue mich riesig! Hast du denn alles regeln können?«

Während sie gemeinsam zum Parkplatz gingen, Vince tippelte als Letzter hinterher und machte dabei ständig Fauchgeräusche, erzählte Caro, dass alles gut gelaufen sei. Sie hatte rasch eine Nachmieterin für ihr Apartment gefunden, ihre wenigen größeren Möbel waren in einem Container nach Deutschland unterwegs, die übrigen Sachen hatte sie verkauft oder verschenkt. Und kurz vor ihrer Abreise hatten ihre Kolleginnen und Kollegen bei »Bert’s Boatstours« eine rauschende Abschiedsparty für sie geschmissen, bei der auch die ein und andere Träne geflossen war.

»Und jetzt fahren wir alle zu uns!«, verkündete Cornell auf dem Parkplatz. »Dann könnt ihr auch das Haus sehen, das ab sofort Caros und mein Heim sein wird. Und wo wir euch alle immer willkommen heißen werden.«

Offensichtlich war er in diesem Moment so glücklich, dass er leicht pathetisch wurde. Romy grinste. Dass Herr Doktor Cornell Stiegler, Chef des Schmetterlingshauses auf der Mainau, nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Romantiker war, gefiel ihr ausgesprochen gut.

»Wir kommen leider nicht mit«, sagte Lotte. »Wir haben schon seit Wochen Karten für ein Konzert im Kursaal. Aber wir werden euch natürlich bald besuchen kommen, keine Frage!«

Romy blieb nicht verborgen, dass ihr Vater sichtlich erleichtert ausatmete. »Und du ziehst jetzt besser dein Kostüm aus«, wandte sie sich an ihren Sohn, der sich nur meckernd aus dem Ungetüm herausschälte. »Sonst bekommen wir noch Ärger an der Grenze.«

3. Kapitel

Mit einem entschlossenen Griff öffnete Romy die Kühltasche, holte kurz Luft und schaute dann hinein.

Uff! Die Schwarzwälder Kirschtorte war gänzlich unversehrt. Glück gehabt! Vorsichtig holte sie das Prachtstück mitsamt der Platte heraus und stellte es auf den weiß lackierten Tisch, der in der Küche von Caros und Cornells neuem Heim stand. Die Wände waren sicher erst vor Kurzem gestrichen worden, denn Romy meinte, die frische Farbe noch ein wenig zu riechen. Es war ein zartes Lindgrün, das ihr sehr gefiel, und mit den altmodischen Holzschränken und der Bank, die mit bunten Sitzkissen bestückt war, hatte die Küche etwas sehr Behagliches. Auf dem großen Gasherd ließ es sich bestimmt prima kochen, dachte Romy. Dann nahm sie einen anderen Geruch wahr und sah die Kaffeemaschine auf der langen Anrichte, in der das heiße Wasser schon durch den Filter tröpfelte.

»Wahnsinn, das wäre doch nicht nötig gewesen!« Caro legte den Arm um ihre Schulter und drückte sie. »Eine echte Schwarzwälder Kirsch?«

»Mit ordentlich Kirschwasser, na klar. Weißt du, wo es ein Messer gibt?«

Caro drehte sich einmal um sich selbst und grinste. »Keine Ahnung! Ein etwas merkwürdiges Gefühl, sich im eigenen Domizil nicht auszukennen.«

Nachdem Caro ihren Schwestern verkündet hatte, dass sie an den Bodensee zurückkehren würde und mit Cornell zusammenziehen wolle, hatten sie darüber gesprochen, ob sie diesen Schritt tatsächlich so schnell wagen sollte. Immerhin waren sie und Cornell noch keine zwei Monate zusammen. »Mein Bauch, mein Herz, mein Gefühl – alles in mir sagt Ja!«, hatte Caro ihren Schwestern jedoch versichert, und beide hatten sich für sie gefreut und ihr geraten, einfach darauf zu vertrauen.

»Du siehst großartig aus.« Romy betrachtete Caro, während diese mehrere Schubladen aufzog. »Irgendwie strahlst du so … ich weiß auch nicht … so von innen heraus. War der Flug nicht anstrengend?«

»Doch, klar.« Caro drehte sich um und reichte ihr ein langes Messer. »Das sollte gehen, oder? Du siehst aber auch toll aus. Du hast dir ein paar Highlights machen lassen, oder? Passt perfekt zu dir. Und vor allem zu dieser sonnengelben Bluse, die du anhast.«

Reflexartig strich sich Romy eine Strähne zurück und grinste. »Wenn das die Fachfrau sagt, muss es ja stimmen.«

»Na ja, seit ich nicht mehr bei Fotoshootings mitarbeite, bekomme ich kaum noch mit, was modisch gerade angesagt ist«, gestand Caro. »Aber wenn jemandem was steht … das erkenne ich immer.« Ihr Gesichtsausdruck wurde ernster. »Aber sag mal, wie geht es Papa wirklich? Am Telefon hat er immer nur gesagt, alles wäre in Ordnung. Irgendwie nehm ich ihm das nicht ab.«

Romy lehnte sich an die Spüle und rieb sich die Oberarme. »Du kennst ihn, er redet nicht gern über sich selbst«, sagte sie. »Aber ich habe trotzdem den Eindruck, dass es ihm besser geht. Er ist wieder geselliger und lädt sogar ab und an mal Freunde wie Rudolf und Hanne zu sich ein. Vor ein paar Tagen hat er mir erzählt, er habe ein ernstes Gespräch mit Frau Sauer über die Zukunft von Hohenhausen-Schifffahrt geführt.«

»Er spricht darüber mit seiner Sekretärin? Das ist ja wirklich erstaunlich. Früher hat er sich doch höchstens von Mama Rat geholt. Aber vielleicht will Frau Sauer ja auch langsam mal in Rente gehen. Ich kann mir vorstellen, dass sie sich das nicht traut, solange Papa weiter die Geschäfte führen will.«

»Glaub ich auch. Sie ist so eine gute Seele und will ihn garantiert nicht auch noch im Stich lassen.« Romy griff nach dem durchgelaufenen Kaffee und goss ihn in eine bereitstehende Thermoskanne um. »Das hat Papa wohl gemerkt. Und offensichtlich ist ihm das irgendwie unangenehm.«

»Meinst du, er würde ihr zuliebe die Geschäftsführung aufgeben? Das ist ja geradezu … süß!« Caro fasste sich ans Herz.

»Was ist süß?« Veri erschien in der Küchentür. »Kann ich schon was raustragen?«

»Oh, ja, klar, entschuldige, wir haben uns verplaudert«, sagte Caro.

Veri trat auf sie zu und legte die Arme um ihre Schwestern. »Allergrößtes Verständnis!« Sie lachte. »Es gibt viel zu erzählen – und glücklicherweise nicht mehr über Skype.«

»Ich habe ihr von Papas Gespräch mit Frau Sauer erzählt«, sagte Romy. Veri nickte. »Und stellt euch vor – er hat jetzt sogar eine Anzeige in den Branchenblättern geschaltet, dass er einen Geschäftsführer sucht«, berichtete sie.

»Wow, das ist ja echt ein Schritt!« Caro drückte Veri die Thermoskanne in die Hand. »Dann sollten wir ihn nach Kräften unterstützen, damit er endlich in den Ruhestand geht.« Sie nahm vorsichtig die Torte und machte sich auf den Weg in den Garten.

Im Flur kam ihnen Cornell entgegen. Er nahm ihr die Kuchenplatte sofort ab. »Du sollst dich nach der anstrengenden Reise verwöhnen lassen«, ermahnte er sie. »Setz dich draußen hin – wir bedienen dich.«

»Aber ich bin doch nicht …« Caro schaffte es nicht, den Satz zu beenden, weil Cornell ihren Mund über die Torte hinweg mit einem Kuss verschloss.

»Vorsicht«, entfuhr es Romy, und die beiden ließen lachend voneinander ab. »Puh, Glück gehabt.« Sie übernahm sicherheitshalber die Schwarzwälder Kirsch.

»Sorry, Romy«, sagte Cornell und wurde leicht rot. Dann wandte er sich wieder an Caro. »Wir werden hier noch genug zu tun haben. Ich habe mich in den letzten zwei Wochen echt bemüht, voranzukommen, aber vieles wollen wir ja auch gemeinsam entscheiden.«

»Ich finde, hier sieht es jetzt schon fantastisch aus!« Romy war inzwischen, gefolgt von den anderen, im Wohnzimmer, stellte die Torte auf dem Esstisch ab und sah sich um.

Der Raum war sehr hoch und dank der großen Fenster und der Terrassentür mit Blick in den Garten lichtdurchflutet. Über einer der Schmalseiten befand sich eine Galerie, zu der eine Holztreppe hinaufführte. Der Platz darunter war mit Einbauschränken versehen. Hinter dem schlichten Metallgeländer der Galerie stand ein breites Bücherregal, vor dem ein behaglicher Ohrensessel zum Lesen einlud. Unten gab es neben dem Esstisch, an dem locker acht Leute Platz fanden, eine Sitzgruppe mit riesigem Sofa, drei Sesseln und niedrigem Tisch. Die Möbel waren schon ein wenig in die Jahre gekommen, wirkten aber gerade deshalb sehr apart, wie Romy fand. Dann fiel ihr Blick auf mehrere Bilderrahmen unterschiedlicher Größe, die an einer der Wände auf dem Boden lehnten, manche von ihnen mit wunderschönen Fotografien von Schmetterlingen. Sicher wollten die beiden sie zusammen aufhängen.

Cornell war Romys Blicken aufmerksam gefolgt. »Das Haus ist aus den fünfziger Jahren. Aber meine Eltern haben hier Anfang der 2000er behutsam modernisiert«, sagte er. »Mir hat das immer gut gefallen, deshalb habe ich kaum etwas verändert. Und ich hoffe, dass es Caro genauso gut gefällt.« Er sah sie kurz an und erwiderte ihr Lächeln. »Jetzt kommt, lasst uns rausgehen zu den anderen.«

Sie folgten Cornell über die Terrasse in den Garten, wo sich die übrige Familie schon eingefunden hatte. Vince und Luna lagen bäuchlings im Gras und wippten mit den angewinkelten Beinen. Luna flocht aus Gänseblümchen einen Kranz, während Vince in einem Asterix-Comic blätterte, den er irgendwo im Haus gefunden haben musste. Rosalie saß bei ihnen und war in ihr Handy vertieft.

Ein mächtiger Kirschbaum, größer als die Apfelbäume im Garten ihres Elternhauses im Kneippweg, stand am Ende des Grundstücks und darunter ein Holztisch mit rot-weiß karierter Decke, auf den Romy ihre Torte platzierte. Sie hörte Ben und Georg miteinander reden, Worte wie »Touristen«, »Umsätze« und »Auslastung« waren zu hören. Ben ließ größtenteils Georg sprechen und nickte nur. Vermutlich fühlte er sich etwas unbehaglich, weil er bald zur Konkurrenz wechseln würde.

»Warum ist Stefan eigentlich nicht hier?«, fragte Caro plötzlich. In dem ganzen Trubel schien ihr bislang gar nicht aufgefallen zu sein, dass der Mann ihrer Schwester nicht dabei war.

»Er wollte unbedingt das gute Wetter nutzen«, erklärte Veri. »Die Rebstöcke müssen nämlich jetzt im Sommer entlaubt werden, und das kostet viel Zeit.«

Romy stieß ein kurzes Stöhnen aus. Ihr war schon am Flughafen klar gewesen, dass dies eine willkommene Ausrede für Veris Mann war. Wann immer er konnte, hielt er sich von Familientreffen fern und schob die immense Arbeit auf dem Weingut vor.

»Du kennst ihn«, sagte Veri nur und stand auf. »Wer mag Kaffee?« Sie hob die Thermoskanne vom Tisch und verteilte Kaffee an die Erwachsenen. Für die Kinder gab es eine selbst gemachte Zitronen-Holunder-Limonade.

Auch Caro bat um ein großes Glas. »Von dem langen Flug habe ich schrecklichen Durst«, sagte sie.

»Schaut, ich habe auch was gemacht.« Cornell deutete stolz auf sein Werk, ein Blech voller Brownies, das bereits auf dem Tisch stand. »Die sind zwar längst nicht so hübsch wie Romys Torte, aber dafür sehr, sehr schokoladig!«

»Au ja, kann ich Brownies?«, fragte Luna, sprang auf und zog Romy am Rock.

»Was?«, gab sie zurück. »Backen? Vom Tisch fegen? Malen?«

Luna verzog das Gesicht. »Essen natürlich!«

»Aha.« Romy grinste. »Dann sag das doch.«

»Ich liebe Brownies!« Luna verdrehte die Augen. »Die kann ich auch schon backen. Sind da Kirschen drin?« Cornell verneinte, was Luna nicht davon abhielt, sich ein dickes Stück auf ihren Teller zu laden.

Caro wandte sich an Veris Tochter. »Und du, Rosa? Was möchtest du?«

Die schüttelte nur den Kopf. »Ist vermutlich nichts Veganes dabei, oder?«, fragte sie.

»Vegan?« Georg sah seine Enkelin verständnislos an. »Wie soll das denn gehen?«

»Da gibt es schon sehr leckere Rezepte«, kam Romy ihrer Nichte zu Hilfe. »Ob vegan oder nicht – mir kommt es nur darauf an, dass es schmeckt.«

»Ich back dir mal einen veganen Kuchen, Opa«, schlug Rosa vor, und zu Cornell sagte sie: »Nicht so schlimm. Hab sowieso keinen Hunger.« Dann widmete sie sich wieder ihrem Handy.

»Apropos Kirschkuchen.« Veri deutete auf die liebevoll dekorierte Schwarzwälder Torte. »Ich hab neulich bei TVBodensee Regional gesehen, dass sie demnächst einen Backwettbewerb rund ums Thema Kirschen machen. Wäre das nicht was für dich, Romy?«

»Kann man da was gewinnen?«

»Ich glaube, es gibt ein Preisgeld, aber vor allem backt man seinen Kuchen live im Fernsehen – das wäre doch eine super Werbung für dich, oder?«

»Klingt spannend, muss ich mal auf der Homepage nach Infos schauen, danke!«, sagte Romy. »So, Caro, jetzt bekommst du erst mal ein Stück Torte. Die Kirschen darin sind so richtig schön beschwipst.«

Caro wedelte jedoch mit der Hand über ihren Teller. »Ich glaube, ich nehme nur einen Brownie, vielen Dank. Irgendwie ist mir vom Flug ganz schwummerig, da ist jetzt Sahnetorte mit Schnaps wahrscheinlich nicht die beste Idee. Du hebst mir doch sicherlich ein Stück für später auf, oder?«

»Na klar.« Romy war erstaunt, denn Caros Faible für diesen Tortenklassiker war allseits bekannt. Aber sie selbst hatte auch noch nie dreiundzwanzig Stunden eingezwängt in einem Flugzeug gesessen. Gut möglich, dass man sich danach nicht recht wohlfühlte.

Alle anderen Erwachsenen, auch Georg, der normalerweise penibel auf seine schlanke Linie achtete, ließen sich jedoch gerne ein Stück servieren.

»Und ich schmecke da auch ein wenig … Ist das Zimt?«, fragte Veri und leckte sich über die Lippen. »Und … ähm, nicht verraten, ich komme gleich drauf … ein etwas kühlender Gegensatz zu der Süße. Anis, oder?«

»Deine Geschmacksnerven sind echt der Hammer«, lobte Romy sie. »Genau, Zimt und Anis. Machst du eigentlich noch solche Weinsensorik-Seminare bei euch?«

Veri schüttelte den Kopf. »Ich schaffe es leider nicht. Dabei würde ich das so gerne mal wieder anbieten. Vielleicht nächstes Jahr.«

Romy war von Veris Geschmackssinn immer beeindruckt gewesen. Als Köchin war sie selbst nicht schlecht darin, doch ihre Schwester schmeckte die Dinge nicht nur heraus, sondern konnte sie auch treffend beschreiben. Sie wusste, dass Sensorik Veris Lieblingsthema in ihrem Weinbau-Studium gewesen war.

»Aber die Brownies sind auch mega! Hast du super hinbekommen!« Caro hatte offensichtlich nur nach einem Vorwand gesucht, um Cornell erneut zu küssen. »Vielen Dank euch allen für das herzliche Willkommen. Da weiß ich gleich wieder, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.«

»Das hast du bestimmt!«, sagte Romy und stand auf. »Wenn im Moment keiner mehr was will, bringe ich die Torte mal rein. Sonst schmilzt uns die hier in der Wärme.«

»Oh ja, das wäre schade«, stimmte Caro zu. »Danke dir!«

Romy ging in die angenehm kühle Küche, verfrachtete den Rest der Torte auf einen Teller, spülte kurz ihre Tortenplatte ab und verstaute diese in der mitgebrachten Kühlbox. Dann trat sie wieder hinaus in den hellen Nachmittag und setzte sich zu ihrer Familie.

Die nächste halbe Stunde berichtete jeder der Anwesenden, was ihn gerade so beschäftigte. Cornell erzählte von dem ein und anderen Malheur, das ihm beim Renovieren passiert war, etwa wie er über einen Farbeimer gestolpert war und dabei den frisch gewachsten Parkettboden versaut hatte. Stundenlang hatte er die weißen Farbspritzer wieder entfernen müssen. Rosalie bekam leuchtende Augen, als sie von ihrem Plan sprach, nach dem nächsten Sommer ein Schuljahr in Kanada zu verbringen. Veri sagte nichts dazu, zog aber dezent die Augenbrauen hoch.

»Und ich habe mich von Rudolf überreden lassen, ihn bei einer Ufer-Säuberungsaktion zu unterstützen«, erzählte Georg. »Drei Stunden sind wir mit diesen Greifzangen von Überlingen in Richtung Meersburg marschiert und haben alles eingesammelt, was an Müll herumlag. Unglaublich, was die Leute so wegwerfen.« Er schüttelte sichtlich entrüstet den Kopf.

»Toll, dass du bei so was mitmachst, Papa«, lobte Veri ihn.

»Das nächste Mal gehe ich gerne mit«, sagte Rosalie. »Sag Bescheid, wenn du wieder losziehst.«

Lächelnd tätschelte Georg den Arm seiner Enkelin.

»Wo sind eigentlich Vince und Luna?« Romy sah sich suchend um.

»Vermutlich sind sie drinnen«, sagte Cornell. »Komm, wir schauen mal nach ihnen, dann kann ich dir auch das Haus zeigen«, schlug er vor. »Caro, kommst du mit?«

Caro nickte sofort und stand auf.

»Ich schließe mich gerne an«, meinte Ben.

»Papa, willst du auch mitgehen?«, fragte Veri ihren Vater, doch der schüttelte den Kopf. »Dann bleib ich hier und leiste dir Gesellschaft.«

»Ich habe neulich schon alles angeschaut«, erklärte er und fuhr sich über seinen weißen Spitzbart. »Hab Cornell ein paar Werkzeuge vorbeigebracht, die ihm gefehlt haben.«

»Das ist ja nett«, sagte Veri und sah erstaunt zu Caro und Cornell, die beide lächelnd die Augenbrauen hochzogen. Dann gingen sie mit Romy und Ben ins Haus.

»Papa hat dir tatsächlich Werkzeuge gebracht?«, fragte Romy, als sie außer Hörweite waren.

Cornell nickte. »Und nicht nur das. Er hat mir sogar geholfen, die neuen Regale aufzubauen.«

»Ich hab’s auch kaum glauben können, als Cornell mir das erzählt hat«, sagte Caro. »Allerdings kennt ihr euch auch schon lange.«

»Ja, klar, durch den Mainau-Förderverein«, erklärte Cornell an Romy gewandt. »Der hat mich ja auch auf das Geburtstagsfest eurer Mutter geführt. Wo ich Caro wiedergetroffen habe.« Ein seliges Lächeln erhellte sein Gesicht.

»Angeblich brauchte er von Papa eine Unterschrift für irgendeinen Antrag«, erklärte Caro. »Dabei hat er schon da gehofft, mich wiederzusehen.«

»Wie romantisch!« Romy schlug den Weg Richtung Flur ein, und die anderen folgten ihr. »Da freut sich Papa sicher, dass tatsächlich was aus euch geworden ist und er mit seinem Schwiegersohn in spe so viel fachsimpeln kann.«

»Das macht er ja gerne.« Ben klopfte Cornell freundschaftlich auf den Rücken. »Vielleicht nehmen wir ihn mit, wenn wir mal wieder einen trinken gehen.«

Romy sah ihn erstaunt an. Ben und Cornell verabredeten sich miteinander?

»Das wäre wirklich nett von euch.« Caro streckte sich zu Cornell und küsste ihn auf die Wange. Sie hatte ihn immerhin zwei Wochen nicht gesehen, da gab es einiges nachzuholen! Die beiden waren wirklich ein tolles Paar. Beide groß und schlank, und der Rotton ihrer Haare harmonierte perfekt mit seinen braunen. Diese waren immer ein klein wenig zu lang, sodass er nie wie ein steifer, geschniegelter Wissenschaftler aussah, sondern etwas Jungenhaftes an sich hatte. Und der Dreitagebart ließ ihn verwegener erscheinen, als er vermutlich war. Er war etwa so alt wie Caro, schließlich hatten sie zusammen Abitur gemacht, aber man konnte beide locker auf Mitte dreißig statt auf Anfang vierzig schätzen.

»Geht schon vor, ich muss mal kurz verschwinden«, sagte Caro und ging in Richtung Toilette.

»Bin auch gleich wieder da. Habe vergessen, dass ich ein paar Flaschen Bier ins Tiefkühlfach gelegt habe. Die muss ich schnell rausholen.« Cornell verschwand ebenfalls.

Romy und Ben sahen sich einen Augenblick schweigend im Flur um und schauten dann die Treppe hinauf.

»Luna?«, rief Ben in die Stille, aber seine Tochter antwortete nicht. »Und wie geht’s dir so?«

Romy zuckte mit den Schultern. »Alles okay.«

»Habt ihr jetzt endlich eine Zusage von der Gesamtschule für Vince bekommen?«, fragte Ben.

»Ja, glücklicherweise. Von der Entfernung her wäre das Suso-Gymnasium günstiger gewesen, aber ich glaube, auf der Gesamtschule ist er besser aufgehoben. Da herrscht nicht so ein Druck, hoffe ich.«

Ben nickte. »Bei Luna dauert es ja auch nicht mehr lange, bis wir das entscheiden müssen.«

Romy verdrehte die Augen. »Na, jetzt kommt sie ja erst mal in die zweite Klasse. Aber ich sag dir, ich werde sie nicht auf Teufel komm raus aufs Gymnasium zwingen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ätzend das da sein kann. Realschule ist tausendmal entspannter.«

»Vermutlich schon. Letztlich sollte sie mit entscheiden, finde ich. Vielleicht wäre auch eine musische Schule was für sie. Es gibt doch auch eine Realschule mit Kunstzweig, habe ich neulich gelesen.« Er trat einen Schritt näher auf sie zu, und es wirkte, als atmete er bewusst ihren Duft ein.

»Wie läuft es mit deinem Lehrgang?«, fragte sie.

Er wich wieder ein wenig zurück. »Gut.«

»Du klingst wie Vince, wenn ich ihn nach der Schule frage.« Sie lachte, und Ben stimmte ein.

»Na ja, es kostet mich halt eine Menge Zeit.«

»Du warst ja schon immer gut darin, so Sachen anzugehen und dann auch durchzuziehen. Aber verlangt Arthur von dir, dass du das machst?«

»Nein, nein. Er hat gesagt, Abschlüsse und Noten interessieren ihn nicht. Ihm ist wichtiger, dass die Chemie zwischen uns stimmt, und das tut sie ja. Aber ich denke, ich fühle mich mit dem neuen Job sicherer, wenn ich meine Kompetenzen noch etwas ausbaue.«

»Kann ich verstehen. Bewundernswert, dass du das jetzt neben allem anderen so anpackst.«

»Danke. Ich glaube, das ist es wert. Und ich bin Arthur wirklich extrem dankbar für die Chance. Für mich war es an der Zeit für etwas Neues. Versteh mich nicht falsch …«

»Nein.« Sie musste lächeln. So engagiert erlebte sie ihn selten.

»Mit euren drei Schiffen über den Bodensee zu fahren macht mir immer noch viel Spaß, und wahrscheinlich werde ich es total vermissen mit der Romy, der Carolin oder der Veronika loszutuckern. Der See ist ja nicht einfach nur ein See. Er ist … keine Ahnung, wie … wie wenn er mein Wohnzimmer wäre. Ich kenne ihn in- und auswendig, und gleichzeitig ist er jeden Tag anders … Das mag ich einfach.«

»Dann verstehe ich aber nicht, warum du den Job wechselst«, sagte Romy. »Da wirst du deutlich weniger Zeit auf dem See verbringen.«

»Ja, das ist auch schwierig.« Er sah einen Moment an die Decke. »Vielleicht … Ich reagiere immer. Ich passe mich dem See an, auf der vorgegebenen Route natürlich. Ich will aber mal … eigene Impulse geben. Selbst die Richtung festlegen. Und das nicht nur beim Lenken eines Schiffes.«

Romy betrachtete sein ernstes Gesicht. Die großen Augen hatten stets etwas Unschuldiges, fast Kindliches. Aber gerade jetzt fielen ihr vor allem sein kantiges Kinn auf, der Bartschatten, der kräftiger war als sonst. Er sah … gereift aus, stellte sie fest.

»Sollen wir oben mal nach den Kindern schauen?«, schlug Ben nun vor und nahm die erste Stufe.

Romy folgte ihm, sein breites Kreuz, das in dem engen T-Shirt besonders gut zur Geltung kam, direkt vor sich. Attraktiv war er immer noch, keine Frage. Sie musste sich eingestehen, dass ihr Blick auf ihn vielleicht nicht mehr ganz aktuell und gerecht war. Er hatte sich irgendwie verändert. Oder war sie eine andere geworden? Früher hatte sie sich gegenüber ihren Schwestern gerne mal leichthin in die Richtung geäußert, er sei eben ein Langweiler und passe daher einfach nicht zu ihr. Caro und Veri hatten das nicht gelten lassen und ihr versichert, dass Ben ein toller Mann und Vater war. Zugewandt, hilfsbereit, verlässlich und nicht zuletzt gut aussehend. Doch Romy hatte dann auf Durchzug gestellt, auch wenn sie wusste, dass das kindisch war. Den Mut, zuzugeben, dass sie mit der Beziehung zu ihm vielleicht überfordert gewesen war, hatte sie nicht aufgebracht. Dabei war sie eigentlich ganz froh, dass wenigstens ihr Umfeld so große Stücke auf Ben hielt und ihn das auch spüren ließ, wenn sie selbst schon zurückhaltend ihm gegenüber war. Und jetzt hatte sich wohl auch noch Cornell mit ihm angefreundet. Der »Ben-Fanclub« in der Familie wurde immer größer.

»Luna? Vince?«, rief Romy, als sie im ersten Stock ankamen, erhielt aber keine Antwort. Im Erdgeschoss schlug eine Tür, und kurz darauf kam Caro mit Cornell die Treppe hoch.

»Dann machen wir jetzt endlich die Hausführung«, verkündete er und öffnete die erste Tür.

Dahinter verbarg sich ein kleiner, aber heller Raum, der von einem großen, modernen Schreibtisch dominiert wurde. An den Wänden warteten Regale darauf, gefüllt zu werden. Vermutlich die, die Cornell mit Georg aufgebaut hatte.

»Ich dachte, hier kannst du dir dein Reich einrichten«, sagte Cornell.