Power: Die 48 Gesetze der Macht - Robert Greene - E-Book

Power: Die 48 Gesetze der Macht E-Book

Robert Greene

4,4

Beschreibung

Mit über 200.000 verkauften Exemplaren dominierte „Power – Die 48 Gesetze der Macht“ von Robert Greene monatelang die Bestsellerlisten. Nun erscheint der Klassiker als Kompaktausgabe: knapp, prägnant, unterhaltsam. Wer Macht haben will, darf sich nicht zu lange mit moralischen Skrupeln aufhalten. Wer glaubt, dass ihn die Mechanismen der Macht nicht interessieren müssten, kann morgen ihr Opfer sein. Wer behauptet, dass Macht auch auf sanftem Weg erreichbar ist, verkennt die Wirklichkeit. Dieses Buch ist der Machiavelli des 21. Jahrhunderts, aber auch eine historische und literarische Fundgrube voller Überraschungen.

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Das ist das Cover des Buches »Power« von Robert Greene

Über das Buch

Mit über 200.000 verkauften Exemplaren dominierte »Power — Die 48 Gesetze der Macht« von Robert Greene monatelang die Bestsellerlisten. Nun erscheint der Klassiker als Kompaktausgabe: knapp, prägnant, unterhaltsam. Wer Macht haben will, darf sich nicht zu lange mit moralischen Skrupeln aufhalten. Wer glaubt, dass ihn die Mechanismen der Macht nicht interessieren müssten, kann morgen ihr Opfer sein. Wer behauptet, dass Macht auch auf sanftem Weg erreichbar ist, verkennt die Wirklichkeit. Dieses Buch ist der Machiavelli des 21. Jahrhunderts, aber auch eine historische und literarische Fundgrube voller Überraschungen.

Robert Greene

Power

Die 48 Gesetze der Macht

Aus dem Englischen von Hartmut Schickert und Birgit Brandau

Ein Joost-Elffers-Buch

Hanser

Übersicht

Cover

Über das Buch

Titel

Über Robert Greene

Impressum

Inhalt

VORWORT

GESETZ

: 1 — STELLE NIE DEN MEISTER IN DEN SCHATTEN

GESETZ

: 2 — VERTRAUE DEINEN FREUNDEN NIE ZU SEHR — BEDIENE DICH DEINER FEINDE

GESETZ

: 3 — HALTE DEINE ABSICHTEN STETS GEHEIM

GESETZ

: 4 — SAGE IMMER WENIGER ALS NÖTIG

GESETZ

: 5 — OHNE EINEN GUTEN RUF GEHT NICHTS — SCHÜTZE IHN MIT ALLEN MITTELN

GESETZ

: 6 — MACHE UM JEDEN PREIS AUF DICH AUFMERKSAM

GESETZ

: 7 — LASS ANDERE FÜR DICH ARBEITEN, DOCH STREICHE IMMER DIE ANERKENNUNG DAFÜR EIN

GESETZ

: 8 — LASS DIE ANDEREN ZU DIR KOMMEN — KÖDERE SIE, WENN ES NÖTIG IST

GESETZ

: 9 — TATEN ZÄHLEN, NICHT ARGUMENTE

GESETZ

: 10 — ANSTECKUNGSGEFAHR — MEIDE UNGLÜCKLICHE UND GLÜCKLOSE

GESETZ

: 11 — MACHE MENSCHEN VON DIR ABHÄNGIG

GESETZ

: 12 — ENTWAFFNE DEIN OPFER MIT GEZIELTER EHRLICHKEIT UND GROSSZÜGIGKEIT

GESETZ

: 13 — BRAUCHST DU HILFE, APPELLIERE AN DEN EIGENNUTZ

GESETZ

: 14 — GIB DICH WIE EIN FREUND, ABER HANDLE WIE EIN SPION

GESETZ

: 15 — VERNICHTE DEINE FEINDE VOLLSTÄNDIG

GESETZ

: 16 — GLÄNZE DURCH ABWESENHEIT, UM RESPEKT UND ANSEHEN ZU ERHÖHEN

GESETZ

: 17 — VERSETZE ANDERE IN STÄNDIGE UNGEWISSHEIT — KULTIVIERE DIE AURA DER UNBERECHENBARKEIT

GESETZ

: 18 — BAUE ZU DEINEM SCHUTZ KEINE FESTUNG — ISOLATION IST GEFÄHRLICH

GESETZ

: 19 — MACHE DIR KLAR, MIT WEM DU ES ZU TUN HAST — KRÄNKE NICHT DIE FALSCHEN

GESETZ

: 20 — SCHEUE BINDUNGEN, WO IMMER ES GEHT

GESETZ

: 21 — SPIELE DEN DEPPEN, UM DEPPEN ZU ÜBERLISTEN — GIB DICH DÜMMER ALS DEIN OPFER

GESETZ

: 22 — ERGIB DICH ZUM SCHEIN — VERWANDLE SCHWÄCHE IN STÄRKE

GESETZ

: 23 — KONZENTRIERE DEINE KRÄFTE

GESETZ

: 24 — SPIELE DEN PERFEKTEN HÖFLING

GESETZ

: 25 — ERSCHAFFE DICH NEU

GESETZ

: 26 — MACHE DIR NICHT DIE FINGER SCHMUTZIG

GESETZ

: 27 — BEFRIEDIGE DAS MENSCHLICHE BEDÜRFNIS, AN ETWAS ZU GLAUBEN, UND FÖRDERE EINEN KULT UM DEINE PERSON

GESETZ

: 28 — PACKE AUFGABEN MUTIG AN

GESETZ

: 29 — PLANE ALLES BIS ZUM ENDE

GESETZ

: 30 — ALLES MUSS GANZ LEICHT AUSSEHEN

GESETZ

: 31 — LASS ANDERE MIT DEN KARTEN SPIELEN, DIE DU AUSTEILST

GESETZ

: 32 — SPIELE MIT DEN TRÄUMEN DER MENSCHEN

GESETZ

: 33 — FÜR JEDEN GIBT ES DIE PASSENDE DAUMENSCHRAUBE

GESETZ

: 34 — HANDLE WIE EIN KÖNIG, UM WIE EIN KÖNIG BEHANDELT ZU WERDEN

GESETZ

: 35 — MEISTERE DIE KUNST DES TIMINGS

GESETZ

: 36 — VERGISS, WAS DU NICHT HABEN KANNST — ES ZU IGNORIEREN IST DIE BESTE RACHE

GESETZ

: 37 — INSZENIERE PACKENDE SCHAUSPIELE

GESETZ

: 38 — DENKE, WAS DU WILLST, ABER VERHALTE DICH WIE DIE ANDEREN

GESETZ

: 39 — SCHLAGE WELLEN, UM FISCHE ZU FANGEN

GESETZ

: 40 — VERSCHMÄHE DAS GRATISANGEBOT

GESETZ

: 41 — TRITT NICHT IN DIE FUSSSTAPFEN EINES GROSSEN MANNES

GESETZ

: 42 — ERSCHLAGE DEN HIRTEN, UND DIE SCHAFE ZERSTREUEN SICH

GESETZ

: 43 — ARBEITE MIT HERZ UND GEIST DER ANDEREN

GESETZ

: 44 — HALTE ANDEREN DEN SPIEGEL VOR

GESETZ

: 45 — PREDIGE NOTWENDIGEN WANDEL, ABER ÄNDERE NIE ZU VIEL AUF EINMAL

GESETZ

: 46 — SEI NIE ZU PERFEKT

GESETZ

: 47 — SCHIESSE NIE ÜBER DAS ZIEL HINAUS — DER SIEG IST DER ZEITPUNKT ZUM AUFHÖREN

GESETZ

: 48 — STREBE NACH FORMLOSIGKEIT

QUELLEN DER ZITATE

AUSWAHLBIBLIOGRAPHIE

VORWORT

Das Gefühl, über Menschen und Vorgänge keine Macht zu haben, ist uns im Allgemeinen unerträglich — wenn wir hilflos sind, fühlen wir uns elend. Niemand will Macht abgeben, alle wollen mehr. In der heutigen Welt ist es jedoch gefährlich, als zu machthungrig zu erscheinen, zu unverhohlen seine Machtspielchen zu treiben. Fairness und Anstand werden von uns erwartet, also müssen wir subtil vorgehen — schicklich, aber schlau, demokratisch, aber diabolisch.

Diese ständige Doppelbödigkeit erinnert stark an die Ränkeschmiederei um die Macht an den aristokratischen Höfen von einst. Durch die ganze Geschichte hindurch hat sich ein Hof immer um die eine Person an der Macht ausgebildet — König, Königin, Kaiser, Führer. Die Höflinge, die ihn bevölkerten, fanden sich in einer besonders delikaten Position: Sie hatten ihren Herren zu dienen, doch wenn sie sich zu sehr einschmeichelten, wenn sie zu offensichtlich um die Gunst buhlten, fiel das den anderen Höflingen auf, die sich dann gegen sie wandten. Die Gunst des Herrn und Meisters wollte also subtil erworben werden. Und selbst hochbegabte Höflinge, die dessen fähig waren, mussten sich gleichwohl vor ihren Mithöflingen schützen, die allzeit Pläne schmiedeten, sie aus ihrer Position zu verdrängen.

Gleichzeitig sollte der Hof den Zenit an Zivilisiertheit und Raffinement repräsentieren. Über ein zu rüdes oder zu offenkundiges Vorgehen beim Spiel um die Macht rümpfte man die Nase; Höflinge pflegten heimlich, still und leise gegen jeden unter ihnen vorzugehen, der mit Gewalt sein Ziel erreichen wollte. Das war das Dilemma des Höflings: Er musste sich als ein Ausbund an Eleganz geben und zugleich seine Gegner auf subtilste Weise austricksen und ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Der erfolgreiche Höfling lernte im Lauf der Zeit, sämtliche Schachzüge nur indirekt auszuführen; wenn er jemandem das Messer auf die Brust setzte, trug er Samthandschuhe und stellte sein lieblichstes Lächeln zur Schau. Statt mit Gewalt oder Verrat erreichte der perfekte Höfling seine Ziele mit Verführung, Charme, List und subtilen Strategien, wobei er immer mehrere Schritte vorausplante. Das Leben am Hof war ein nie endender Kampf, der ständige Wachsamkeit und taktisches Denken erforderte. Es war ein zivilisierter Krieg.

Heute leben wir in einer ähnlich paradoxen Situation: Alles muss zivilisiert, anständig, demokratisch und fair erscheinen. Aber wenn wir uns zu strikt an diese Regeln halten, wenn wir sie zu wörtlich nehmen, werden wir von denen vernichtet, die nicht so dumm sind. Der berühmte Renaissance-Diplomat und Höfling Niccolò Machiavelli schrieb: »Ein Mensch, der immer nur das Gute möchte, wird zwangsläufig zugrunde gehen inmitten von so vielen Menschen, die nicht gut sind.«

Der Hof betrachtete sich selbst als die Speerspitze des Raffinements, doch unter seiner glitzernden Oberfläche kochte und brodelte ein Kessel dunkelster Gefühle — Gier, Neid, Lust, Hass. Ähnlich betrachtet sich unsere heutige Welt als den Höhepunkt der Fairness, doch genauso wallen auch in uns wie seit Urzeiten hässliche Emotionen. Das Spiel ist dasselbe geblieben. Nach außen muss man sich den Anschein geben, die Regeln des Anstands zu respektieren, doch innerlich lernt man rasch — wenn man kein Narr ist —, auf der Hut zu sein und Napoleons Rat zu befolgen: Stecke deine eiserne Faust in einen Samthandschuh. Wenn Sie wie die Höflinge vergangener Tage die Kunst des indirekten Vorgehens beherrschen, wenn Sie lernen, zu verführen, sich einzuschmeicheln, zu täuschen und Ihre Gegner subtil auszutricksen, dann werden Sie den Gipfel der Macht erlangen. Sie werden Menschen dazu bringen können, sich Ihrem Willen zu unterwerfen, ohne dass diese merken, was Sie getan haben. Und solange dies ihnen nicht aufgeht, werden sie sich weder über Sie ärgern noch Ihnen Widerstand entgegensetzen.

Betrachten Sie Power. Die 48 Gesetze der Macht als eine Art Handbuch für die Kunst des indirekten Vorgehens. Durch das Studium dieses Buches werden Sie Macht und deren Wirkung verstehen. Und durch die praktische Anwendung werden Sie in der heutigen Welt Erfolg haben, erscheinen als Vorbild an Ehrlichkeit, während Sie der vollendete Manipulator sind.

GESETZ

1

STELLE NIE DEN MEISTER IN DEN SCHATTEN

WAS HEISST DAS?

Ihre Vorgesetzten müssen sich Ihnen immer überlegen fühlen können. Wenn Sie sie beeindrucken wollen, dürfen Sie Ihre eigenen Talente nicht zu sehr zur Schau stellen, sonst erreichen Sie das Gegenteil: Sie wecken Angst und Unsicherheit. Sorgen Sie dafür, dass die da oben brillanter erscheinen, als sie sind, und Sie werden den Gipfel der Macht erklimmen.

SCHLÜSSEL ZUR MACHT

Jeder ist gelegentlich unsicher. Wenn man sich der Welt präsentiert und seine Talente zur Schau stellt, weckt man natürlich alle möglichen Arten von Ressentiments, Neid und andere Manifestationen von Unsicherheit. Das ist nicht anders zu erwarten. Aber Sie können nicht Ihr Leben lang auf die kleinkarierten Gefühle anderer Rücksicht nehmen. Mit denen, die über Ihnen stehen, müssen Sie jedoch anders umgehen: Wenn es um die Macht geht, ist der schlimmste Fehler von allen vielleicht, den Herrn und Meister in den Schatten zu stellen.

Seien Sie nicht so töricht, zu glauben, dass sich die Welt seit den Tagen von Ludwig XIV. und den Medici groß verändert hätte. Die, die in ihrem Leben zu Rang und Namen kommen, sind wie Könige und Königinnen: Sie wollen sich in ihrer Position sicher fühlen und an Intelligenz, Witz und Charme ihrer Umgebung überlegen sein. Es ist ein tödlicher, aber weitverbreiteter Irrtum, zu glauben, man könne die Zuneigung derer da oben dadurch gewinnen, dass man die eigenen Gaben und Begabungen zur Schau stellt und sich damit brüstet. Vielleicht heuchelt der Herr Wohlwollen, doch bei der allerersten Gelegenheit wird er Sie durch jemanden ersetzen, der weniger intelligent, weniger attraktiv, weniger bedrohlich ist.

Dieses Gesetz erfordert die Beachtung zweier Regeln, die Sie sich merken müssen. Erstens: Sie können unfreiwillig einen Herrn und Meister in den Schatten stellen, einfach nur, indem Sie Sie selbst sind. Einige Herren sind unsicherer als andere, erschreckend unsicher; Sie übertrumpfen sie vielleicht schon mit Ihrem natürlichen Charme und Witz. Wenn Sie nicht anders können, als charmant und überlegen zu wirken, müssen Sie lernen, solche Monster an Eitelkeit zu meiden. Oder Sie müssen eine Möglichkeit finden, Ihre guten Qualitäten zu unterdrücken, wenn Sie sich in deren Gesellschaft befinden.

Zweitens: Bilden Sie sich niemals ein, dass Sie tun und lassen können, was Sie wollen, bloß weil Ihr Gebieter Sie liebt. Ganze Bücher wurden über Favoriten geschrieben, die in Ungnade fielen, weil sie ihren Status als gesichert ansahen, weil sie es wagten, ihren Meister in den Schatten zu stellen.

Wenn Sie die Gefahren kennen, die mit dem Übertrumpfen des Herrn und Meisters verbunden sind, können Sie dieses Gesetz zu Ihrem Vorteil anwenden. Vor allem müssen Sie ihn umgarnen und aufs Podest heben. Offene Schmeichelei kann nützlich sein, hat aber ihre Grenzen; sie ist zu direkt und leicht zu durchschauen, und das sieht in den Augen der anderen Höflinge nicht gut aus. Diskrete Schmeichelei ist viel mächtiger. Wenn Sie beispielsweise intelligenter sind als Ihr Gebieter, inszenieren Sie das Gegenteil: Lassen Sie ihn intelligenter erscheinen als sich selbst. Geben Sie sich naiv. Lassen Sie es so aussehen, als ob Sie seinen Rat brauchen. Begehen Sie harmlose Fehler, die Ihnen auf lange Sicht nicht schaden, Ihnen aber Gelegenheit geben, seine Hilfe zu erbitten. Die Mächtigen sind von solchen Ersuchen begeistert. Ein Meister, der Ihnen nicht das Geschenk seiner Erfahrung zuteilwerden lassen kann, wird stattdessen Ihnen grollen und übelwollen.

Wenn Sie kreativere Einfälle haben als der über Ihnen, schreiben Sie so öffentlich wie nur möglich diese ihm zu. Stellen Sie klar, dass Ihr Rat nur das Echo seines Rats ist.

Wenn Sie von Natur aus umgänglicher und großzügiger sind als er, achten Sie darauf, nicht die Wolke zu sein, die seine Ausstrahlung von den anderen abhält. Er muss als die Sonne erscheinen, um die sich alles andere dreht, Macht und Brillanz verströmen, das Zentrum der Aufmerksamkeit sein.

In all diesen Fällen ist es keine Schwäche, die eigenen Stärken zu bemänteln, wenn das letzten Endes zur Macht führt. Wenn Sie sich von anderen in den Schatten stellen lassen, behalten Sie selbst die Kontrolle, statt zum Opfer ihrer Unsicherheiten zu werden. An dem Tag, da Sie beschließen, Ihren unterlegenen Status zu überwinden, wird sich das alles auszahlen. Wenn es Ihnen gelingt, Ihren Herrn in den Augen anderer noch strahlender aussehen zu lassen, dann sind Sie ein Gottesgeschenk und werden umgehend befördert.

Symbol: die Sterne am Himmel. In einem gegebenen Moment kann es immer nur eine Sonne geben. Verdunkeln Sie die Sonne nie, und versuchen Sie nicht, es ihr an Brillanz gleichzutun; verblassen Sie lieber am Himmel und finden Sie Wege, die Intensität des Zentralgestirns zu verstärken.

Garant: Sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten. Alles Übertreffen ist verhaßt, aber seinen Herrn zu übertreffen, ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich … Eine glückliche Anleitung zu dieser Feinheit geben uns die Sterne, welche, obwohl hellglänzend und Kinder der Sonne, doch nie so verwegen sind, sich mit den Strahlen dieser zu messen. (Baltasar Gracián, 1601—1658)

GESETZ

2

VERTRAUE DEINEN FREUNDEN NIE ZU SEHR — BEDIENE DICH DEINER FEINDE

WAS HEISST DAS?

Hüten Sie sich vor Freunden: Sie werden von ihnen schneller verraten, als Ihnen lieb ist. Denn der Neid nagt an ihnen, und sie werden zu Spielverderbern, wenn nicht zu Tyrannen. Werben Sie lieber einen früheren Feind an. Er wird sich loyaler verhalten als ein Freund, denn er muss mehr beweisen. In Wirklichkeit müssen Sie Ihre Freunde mehr fürchten als Ihre Feinde. Wenn Sie keine Feinde haben, finden Sie Mittel und Wege, sich welche zu machen.

SCHLÜSSEL ZUR MACHT

Es ist nur natürlich, wenn Sie sich in Zeiten der Not Ihrer Freunde bedienen wollen. Das Leben ist hart, und Freunde machen die Härte erträglicher. Abgesehen davon kennen Sie sie. Warum auf einen Fremden vertrauen, wenn Sie einen Freund zur Hand haben?

Das Problem ist nur, dass Sie oft Ihre Freunde nicht so gut kennen, wie Sie glauben. Freunde stimmen einander häufig zu, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Sie verbergen ihre unangenehmen Eigenschaften, um sich nicht gegenseitig zu verletzen. Über die Späße des anderen lachen sie extra laut. Weil Ehrlichkeit kaum Freundschaften stärkt, wissen Sie im Zweifelsfall nie, wie ein Freund tatsächlich empfindet. Freunde sagen, dass Sie Ihre Gedichte lieben, Ihre Musik bewundern, auf Ihren guten Geschmack neidisch sind — vielleicht meinen sie es ehrlich, oft aber nicht.

WIE MAN VON SEINEN FEINDEN PROFITIERT

Als König Hieron einst mit einem seiner Feinde sprach, warf der ihm vor, er hätte einen stinkenden Atem. Der gute König war einigermaßen bestürzt darob, und sobald er nach Hause kam, schalt er seine Frau: »Wie ist das möglich, warum hast selbst du mir das nie gesagt?« Die Frau, eine liebe, einfältige und tugendhafte Person, antwortete: »Herr, ich habe angenommen, der Atem aller Männer müsse so riechen.« Damit ist klar, daß wir über Fehler, die alle Welt riecht, sieht oder sonst wie wahrnimmt, eher von unseren Feinden unterrichtet werden als von unseren Freunden oder Verwandten.

PLUTARCH, UM 46—120 N. CHR.

Wenn Sie einen Freund oder eine Freundin anheuern, finden Sie nach und nach Eigenschaften heraus, die er oder sie verborgen hatte. Paradoxerweise ist es gerade Ihre Großzügigkeit, die alles aus dem Gleichgewicht bringt. Menschen wollen spüren, dass sie ihr Glück auch verdienen. Gunst geschenkt zu bekommen, kann bedrückend sein: Es bedeutet, dass man erwählt worden ist, weil man ein Freund ist, nicht notwendigerweise, weil man gebraucht wird. Es liegt eine gewisse Herablassung darin, Freunde für sich arbeiten zu lassen, und die quält sie im Stillen.

Das Problem mit Freunden ist, dass sie unausweichlich Ihre Macht einschränken. Der Freund ist kaum derjenige, der Ihnen am besten helfen kann; letzten Endes aber sind Können und Kompetenz viel wichtiger als freundschaftliche Gefühle.

Alle Arbeitssituationen erfordern eine gewisse Distanz zwischen den Menschen. Man will etwas erreichen, nicht Freundschaften schließen; Freundlichkeit (echte oder falsche) vernebelt nur diese Tatsache. Der Schlüssel zur Macht liegt folglich in der Fähigkeit, einzuschätzen, wer am besten in allen Situationen Ihren Interessen dienen kann.

Soviel mehr ist man geneigt, ein Unrecht zu erwidern als eine Wohltat zu vergelten, wie ja Dankespflicht als Last, Befriedigung der Rache als Gewinn betrachtet wird.

TACITUS, UM 55—120 N. CHR.

Ihre Feinde hingegen sind eine unerschlossene Goldgrube, die Sie auszubeuten lernen müssen. Als Talleyrand, Napoleons Außenminister, 1807 meinte, sein Chef würde Frankreich in den Ruin treiben, und die Zeit wäre gekommen, sich gegen ihn zu wenden, wusste er, wie gefährlich es war, sich gegen den Kaiser zu verschwören; er brauchte einen Partner, einen Verbündeten. Welchem Freund könnte er bei solch einem Vorhaben vertrauen? Er erwählte Fouché, Leiter der Geheimpolizei, seinen verhasstesten Feind, der ihn sogar schon einmal zu ermorden versucht hatte. Er wusste, dass ihr früherer Hass Gelegenheit für eine emotionale Versöhnung bot. Er wusste, dass Fouché nichts von ihm erwartete, sondern vielmehr zu beweisen versuchen würde, dass er Talleyrands Wahl wert war; wer etwas zu beweisen hat, versetzt Berge für Sie. Schließlich wusste er, dass die Beziehung zwischen Fouché und ihm auf wechselseitigen Eigeninteressen gründen würde und somit nicht von persönlichen Gefühlen getrübt wäre. Die Wahl erwies sich als perfekt; die Verschwörer schafften es zwar nicht, Napoleon zu stürzen, doch die Verbindung von so mächtigen, aber unwahrscheinlichen Partnern führte dazu, dass nach und nach der Widerstand gegen den Kaiser wuchs. Und von da an hatten Talleyrand und Fouché eine fruchtbare Arbeitsbeziehung. Wann immer Sie können, begraben Sie das Kriegsbeil, und ziehen Sie Vorteil daraus, dass Sie einen Feind in Ihre Dienste nehmen.

Regen Sie sich über die Gegenwart eines Feindes niemals auf, und lassen Sie sich von ihr auch nicht entmutigen — mit einem oder zwei erklärten Gegnern sind Sie viel besser dran, als wenn Sie nicht wissen, wer Ihre wahren Feinde sind. Machtmenschen begrüßen Konflikte, sie bedienen sich ihrer Feinde, um ihren Ruhm zu mehren, dass sie standfeste Krieger sind, auf die man sich in unsicheren Zeiten verlassen kann.

Symbol: die Fänge der Undankbarkeit. Weil Sie wissen, was passiert, wenn Sie den Finger in das Maul eines Löwen stecken, halten Sie zu ihm genügend Abstand. Bei Freunden aber lässt man keine solche Vorsicht walten, und wenn Sie sich ihrer bedienen, werden diese Sie dereinst mit ihrer Undankbarkeit bei lebendigem Leib auffressen.

Garant: Von den Feinden Nutzen ziehen. Man muß alle Sachen anzufassen verstehn, nicht bei der Schneide, wo sie verletzen, sondern beim Griff, wo sie beschützen; am meisten aber das Treiben der Widersacher. Dem Klugen nützen seine Feinde mehr, als dem Dummen seine Freunde. (Baltasar Gracián, 1601—1658)

GESETZ

3

HALTE DEINE ABSICHTEN STETS GEHEIM

WAS HEISST DAS?

Verunsichern Sie die Leute und lassen Sie sie im Dunkeln tappen. Enthüllen Sie niemals den Zweck Ihres Handelns. Wenn die anderen keine Ahnung haben, was Sie vorhaben, können sie sich nicht auf die Verteidigung vorbereiten. Bringen Sie sie auf falsche Fährten, vernebeln Sie ihnen den Blick. Wenn die anderen Ihre wahren Absichten erkennen, wird es zu spät sein.

SCHLÜSSEL ZUR MACHT

Die meisten Menschen sind wie ein offenes Buch. Sie sagen, was sie denken, posaunen bei jeder Gelegenheit ihre Meinung heraus und geben ständig ihre Pläne und Absichten preis. Das tun sie aus mehreren Gründen. Erstens ist es nur natürlich, dass man über seine Gedanken und Pläne sprechen will. Es ist anstrengend, seinen Mund zu kontrollieren und aufzupassen, was man preisgibt. Zweitens glauben viele, dass man mit Ehrlichkeit und Offenheit die Herzen der Menschen gewinnt und seinen guten Charakter offenbart. Sie geben sich Illusionen hin. Ehrlichkeit ist eine stumpfe Waffe, die mehr zerschlägt, als dass sie schneidet. Ihre Ehrlichkeit beleidigt wahrscheinlich die Leute; viel klüger ist es, mit wohlgesetzten Worten den Leuten das zu sagen, was sie hören wollen, und nicht die nackte, hässliche Wahrheit. Mehr noch: Wenn Sie sich unerschrocken offen geben, machen Sie sich so berechenbar und vertraut, dass es fast unmöglich ist, Sie zu respektieren oder zu fürchten; Macht aber wird nur dem zuteil, der solche Emotionen wecken kann.

Man darf dich nicht für einen Betrüger halten, auch wenn man heute nicht leben kann, ohne einer zu sein. Deine größte List muss sein, zu verbergen, was als List erscheint.

BALTASAR GRACIÁN, 1601—1658

Wenn Sie nach Macht streben, lassen Sie die Ehrlichkeit beiseite, und üben Sie sich in der Kunst, Ihre Absichten zu verbergen. Wenn Sie das beherrschen, behalten Sie immer die Oberhand. Dieser Strategie liegt ein schlichter Wesenszug des Menschen zugrunde: Instinktiv vertrauen wir immer der äußeren Erscheinung. Wir können nicht ständig die Realität dessen anzweifeln, was wir sehen und hören — ständig zu überlegen, ob hinter den Erscheinungen etwas anderes steckt, erschöpft und erschreckt uns. Das macht es relativ leicht, die eigenen Absichten zu verbergen. Präsentieren Sie den Leuten ein Objekt, das Sie scheinbar haben wollen, ein Ziel, das Sie scheinbar erreichen wollen, und sie werden dies für real nehmen.

Verbergen Sie Ihre Absichten nicht, indem Sie sich verschlossen geben (das macht die Leute nur misstrauisch), sondern indem Sie pausenlos von Ihren Absichten und Zielen erzählen — allerdings nicht den wahren. Damit schlagen Sie drei Fliegen auf einen Streich: Sie wirken freundlich, offen und vertrauenswürdig; Sie verbergen Ihre Absichten; und Sie schicken Ihre Rivalen auf die zeitraubende Jagd nach dem falschen Köder.

Eine weitere Methode, falsche Spuren zu legen, ist die geheuchelte Aufrichtigkeit. Nur allzu leicht kaufen die Leute Ihnen das als Ehrlichkeit ab. Wenn Sie sich den Anschein geben, dass Sie glauben, was Sie sagen, gibt das Ihren Worten großes Gewicht. So hat Jago Othello getäuscht und vernichtet: Da er tief bewegt war, da er offensichtlich aufrichtig um Desdemonas vermutete Untreue besorgt war, wie konnte ihm Othello misstrauen?

Wenn Sie glauben, Betrüger seien auffällige Leute, die andere mit ausgefeilten Lügen und gigantischen Geschichten auf die falsche Fährte locken, dann irren Sie sich. Die besten von ihnen bedienen sich eines banalen, unverdächtigen Äußeren, das keinerlei Aufmerksamkeit auf sie zieht. Sie wissen, dass extravagante Worte und Gesten sofort Verdacht erregen. Stattdessen maskieren sie ihre Ziele mit dem Vertrauten, dem Banalen, dem Harmlosen.

SCHMUGGELE DICH AM HELLICHTEN TAGE ÜBER DAS MEER

Das bedeutet, eine Fassade zu schaffen, die letztlich durchdrungen ist mit dem Anschein oder der Atmosphäre des Vertrauten, hinter der der Stratege ungesehen manövrieren kann, weil alle Augen gelernt haben, sich an offenbar Vertrautes zu halten.

THE ART OF WAR VON SUN TZU, BEARBEITET VON THOMAS CLEARY, 1991

Wenn Sie die Aufmerksamkeit Ihrer gutgläubigen Opfer erst einmal mit etwas Vertrautem gefesselt haben, werden sie nicht bemerken, wie sie hinter ihrem Rücken getäuscht werden. Je grauer und gleichförmiger Ihre Nebelwand ist, desto besser verbirgt sie Ihre Absichten.

Die einfachste Form der Nebelwand ist der Gesichtsausdruck. Hinter einer verbindlichen, aber undurchdringlichen Miene kann man alles Mögliche an Ungemach aushecken, ohne entdeckt zu werden. Die mächtigsten Männer der Geschichte haben dies perfektioniert. Niemandem soll es gelungen sein, aus Franklin D. Roosevelts Gesichtsausdruck etwas herauszulesen. Baron James Rothschild hat sein Leben lang seine wahren Gedanken hinter einem verbindlichen Lächeln und einem nichtssagenden Äußeren verborgen.

Denken Sie daran: Es erfordert Geduld und Demut, seine brillanten Farben zu dämpfen, die Maske des Unverdächtigen zu tragen. Verzweifeln Sie nicht daran, eine so langweilige Maske tragen zu müssen — oft ist es gerade Ihre Undurchsichtigkeit, die die Leute anziehend finden und Sie als einen Menschen mit Macht dastehen lässt.

Symbol: ein Schaffell. Ein Schaf räubert niemals, ein Schaf täuscht niemals, ein Schaf ist entsetzlich dumm und fügsam. In ein Schaffell gehüllt, kann der Fuchs direkt bis in den Hühnerstall gelangen.

Garant: Hat man je gehört, daß ein fähiger General, der einen Überraschungsangriff auf eine Festung vorhat, seine Pläne den Feinden verkündet hätte? Verbergen Sie Ihre Absichten und verschweigen Sie Ihre Fortschritte; enthüllen Sie so lange nicht das Ausmaß Ihrer Pläne, bis Ihnen kein Widerstand mehr entgegengesetzt werden kann, bis die Schlacht geschlagen ist. Erringen Sie den Sieg, noch ehe Sie den Krieg erklären. Kurz gesagt: Imitieren Sie jene kriegerischen Menschen, deren Pläne man erst anhand des verwüsteten Landes erkennt, durch das sie gezogen sind. (Ninon de Lenclos, 1620—1705)

GESETZ

4

SAGE IMMER WENIGER ALS NÖTIG

WAS HEISST DAS?

Versuchen Sie nicht, Menschen mit vielen Worten zu beeindrucken. Je mehr Sie reden, desto durchschnittlicher und machtloser wirken Sie. Selbst wenn Sie nur Banales sagen, wirkt es origineller, wenn Sie es mit Andeutungen, offenem Schluss, kryptisch tun. Mächtige Menschen beeindrucken und schüchtern ein, indem sie wenig sagen. Je mehr Sie reden, desto eher wird Ihnen eine Dummheit herausrutschen.

SCHLÜSSEL ZUR MACHT

Macht ist in vieler Hinsicht ein Spiel mit der äußeren Erscheinung, und wenn Sie weniger als nötig sagen, wirken Sie unvermeidlich größer und mächtiger, als Sie sind. Ihr Schweigen wirkt auf andere beunruhigend. Menschen sind Maschinen, die nach Interpretationen und Erklärungen verlangen; sie müssen wissen, was Sie denken. Wenn Sie sorgfältig abwägen, was Sie preisgeben, können andere Ihre Absichten oder Ihre Ansichten nicht durchdringen.

Mit kurzen Antworten und Stillschweigen treiben Sie sie in die Defensive, und bereitwillig nehmen sie die Rolle an, nervös füllen sie die Stille mit allen möglichen Kommentaren, die Ihnen ihre Schwächen und wertvolle Informationen über sie enthüllen. Nach einer Unterredung mit Ihnen haben sie das Gefühl, als hätte man sie ausgeraubt, und sie werden heimgehen und über jedes einzelne Wort von Ihnen nachdenken. Diese vermehrte Aufmerksamkeit, die Ihren knappen Kommentaren zuteilwird, verstärkt nur Ihre Macht.

Am Boden zerstört fuhr [der Drehbuchschreiber] Michael Arlen 1944 nach New York. Um seine Sorgen zu ertränken, ging er in das berühmte Restaurant 21. In der Eingangshalle traf er Sam Goldwyn, der ihm den nicht so recht zu verwirklichenden Rat gab, Rennpferde zu kaufen. An der Bar stand Arlens alter Freund Louis B. Mayer und fragte ihn nach seinen Plänen. »Ich habe gerade mit Sam Goldwyn gesprochen …«, hob Arlen an. »Wie viel hat er dir geboten?«, unterbrach ihn Mayer. »Nicht genug«, wich Arlen aus. »Wärst du mit 15.000 für 30 Wochen einverstanden?«, fragte Mayer. Arlen zögerte nicht: »Ja«, sagte er.

THE LITTLE, BROWN BOOK OF ANECDOTES HERAUSGEGEBEN VON CLIFTON FADIMAN, 1985

Als junger Mann entdeckte der Künstler Andy Warhol, dass es in der Regel unmöglich ist, andere mit Worten dazu zu bringen, das zu tun, was man von ihnen will. Sie wenden sich gegen einen, unterminieren die eigenen Wünsche und gehorchen aus schierer Bockigkeit nicht. Einem Freund sagte er einmal: »Ich lernte, dass man wirklich mehr Macht hat, wenn man den Mund hält.«

Im späteren Leben bediente sich Warhol mit großem Erfolg dieser Strategie. Seine Interviews waren Exerzitien des Orakelns: Er sagte etwas Vages und Mehrdeutiges, und der Interviewer drehte sich mit seinen Versuchen, die Bedeutung herauszufinden, im Kreis, weil er glaubte, hinter diesen oft bedeutungslosen Phrasen müsste etwas Profundes stecken. Warhol sprach kaum über seine Arbeit; das Interpretieren überließ er anderen. Die Leute sprachen umso mehr über seine Werke, je weniger er darüber erzählte. Und je mehr sie redeten, desto wertvoller wurden seine Werke.

Indem Sie weniger als nötig sagen, geben Sie sich den Anschein von Größe und Macht. Je weniger Sie reden, desto weniger riskieren Sie auch, etwas Dummes, vielleicht Gefährliches zu äußern. 1825 bestieg ein neuer Zar, Nikolaus I., den russischen Thron. Unmittelbar darauf brach ein Aufstand aus, der von Liberalen angeführt wurde, welche verlangten, das Land zu modernisieren — seine Industrien und seine staatlichen Strukturen müssten zum restlichen Europa aufschließen. Brutal schlug Nikolaus I. diese Rebellion nieder (den Dekabristen-Aufstand), einer der Anführer wurde zum Tode verurteilt. Am Tag der Hinrichtung stand Kondratij Rylejew mit der Schlinge um den Hals unter dem Galgen; die Falltür öffnete sich, doch der Strick riss und Rylejew stürzte zu Boden. Damals hielt man solche Vorkommnisse für ein Zeichen der Vorsehung oder des göttlichen Willens, und ein Mensch, der auf diese Weise der Hinrichtung entging, wurde in der Regel begnadigt. Als Rylejew übel zugerichtet und verdreckt wieder auf die Beine kam, glaubte er seinen Kopf gerettet, und er rief der Menge zu: »Seht ihr, in Russland können sie gar nichts richtig machen, noch nicht einmal einen Strick drehen!«

Sofort eilte ein Bote mit der Nachricht von der fehlgeschlagenen Hinrichtung ins Winterpalais. Nikolaus I. war über diese unerwartete Wendung verärgert, unterzeichnete aber nichtsdestotrotz die Begnadigung. Doch dann fragte der Zar den Boten: »Hat Rylejew nach diesem Wunder irgendetwas gesagt?« — »Majestät«, antwortete der Bote, »er sagte, dass man in Russland noch nicht einmal wisse, wie man einen Strick dreht.«

»In diesem Fall«, erklärte der Zar, »wollen wir ihm das Gegenteil beweisen.« Er zerriss die Begnadigung. Am folgenden Tag wurde Rylejew erneut zum Galgen geführt. Diesmal riss der Strick nicht.

Wenn der Mond voll ist, öffnet sich die Auster gänzlich, und wenn die Krabbe es bemerkt, steckt sie irgendeinen Stein oder Splitter in sie. Und die Auster kann sich nicht mehr schließen, worauf die Krabbe sie verspeist. So geschieht es dem, der das Maul aufreißt und sein Geheimnis preisgibt, und so dem indiskreten Hörer zum Opfer fällt.

LEONARDO DA VINCI, 1452—1519

Lernen Sie diese Lektion: Wenn die Worte erst einmal heraus sind, können Sie sie nicht wieder zurücknehmen. Also halten Sie sie unter Kontrolle. Seien Sie mit Sarkasmen besonders vorsichtig: Die momentane Befriedigung, die Sie mit Ihren beißenden Worten erlangen, wiegt nicht den Preis auf, den Sie dafür zahlen müssen.

Symbol: das Orakel von Delphi. Wenn Besucher das Orakel befragten, äußerte die Priesterin ein paar geheimnisvolle Worte, die bedeutungsvoll und wichtig klangen. Niemand widersetzte sich den Worten des Orakels — es hatte Macht über Leben und Tod.

Garant: Bewege niemals deine Lippen und Zähne, ehe die Untergebenen dies tun. Je länger ich still bleibe, desto eher werden andere ihre Lippen und Zähne bewegen. Und wenn sie ihre Lippen und Zähne bewegen, kann ich verstehen, was ihre wahren Absichten sind … Wenn der Herrscher nicht von Geheimnis umgeben ist, finden die Minister Gelegenheit, sich immer mehr herauszunehmen. (Han Fei-tzu, chinesischer Philosoph, 3. Jh. v. Chr.)

GESETZ

5

OHNE EINEN GUTEN RUF GEHT NICHTS — SCHÜTZE IHN MIT ALLEN MITTELN

WAS HEISST DAS?