30 Days, 10 Dates & 1 Drama - Lea Kaib - E-Book

30 Days, 10 Dates & 1 Drama E-Book

Lea Kaib

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Beschreibung

10 Dates – und am Ende wartet die große Liebe: Queere Friends-to-Lovers Romance zum Wohlfühlen und Mitfiebern Daisy hat genug vom Singleleben. Nach einer langen Beziehung und einem schiefgelaufenen Heiratsantrag ist sie auf der Suche nach ihrem persönlichen Mr. Darcy. Aber wie findet man die eine Person, mit der man den Rest seines Lebens verbringen will?  Mit ihrer besten Freundin Mae schmiedet sie einen Plan: In dreißig Tagen geht Daisy auf zehn Dates mit den Teammitgliedern des Londoner Theaters, an dem Mae arbeitet. Denn Mae ist sich sicher: Theatermenschen sind offen, warmherzig und witzig. Genau das, was Daisy braucht. Die große Liebe trifft man schließlich nicht in einem Buch! Doch während Daisy zahlreiche Dates meistert, wird ihr langsam klar, dass die wichtigste Person in ihrem Leben längst an ihrer Seite ist … Voller Witz und Tiefgang: eine Cozy-Wohlfühl-Romance mit Charme und Herz vor der bezaubernden Kulisse Londons

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Seitenzahl: 489

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lea Kaib

30 Days, 10 Dates & 1 Drama

 

 

Über dieses Buch

 

 

10 Dates – und am Ende wartet die große Liebe: Queere Friends-to-Lovers Romance zum Wohlfühlen und Mitfiebern

 

Daisy hat genug vom Singleleben. Nach einer langen Beziehung und einem schiefgelaufenen Heiratsantrag ist sie auf der Suche nach ihrem persönlichen Mr. Darcy. Aber wie findet man die eine Person, mit der man den Rest seines Lebens verbringen will?

Mit ihrer besten Freundin Mae schmiedet sie einen Plan: In dreißig Tagen geht Daisy auf zehn Dates mit den Teammitgliedern des Londoner Theaters, an dem Mae arbeitet. Denn Mae ist sich sicher: Theatermenschen sind offen, warmherzig und witzig. Genau das, was Daisy braucht. Die große Liebe trifft man schließlich nicht in einem Buch! Doch während Daisy zahlreiche Dates meistert, wird ihr langsam klar, dass die wichtigste Person in ihrem Leben längst an ihrer Seite ist …

 

Voller Witz und Tiefgang: eine Cozy-Wohlfühl-Romance mit Charme und Herz vor der bezaubernden Kulisse Londons

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischer-sauerlaender.de

Biografie

 

 

Lea Kaib ist 1990 geboren und wohnt in Leverkusen. Die studierte Germanistin empfiehlt als »Liberiarium« unzählige Bücher, Filme und Serien auf ihren Social-Media-Kanälen, insbesondere Jugendbücher, New Adult und Fantasy. Freiberuflich arbeitet sie als Journalistin. Lea wünscht sich, dass es mehr Werke wie »Not that kind of girl« von Lena Dunham gäbe. 

Inhalt

Widmung

Triggerwarnung

Playlist

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Epilog

Danksagung

Quellennachweis

Triggerhinweis

Für Lola. My Bro.

 

A Hackney Love Story.

Hinweis auf triggernde Inhalte

Liebe*r Lesende*r, ich bin ein großer Fan von Content-Warnungen und finde es wichtig, dich vor deinem Leseerlebnis über potenziell triggernde Elemente zu informieren. Da manche Trigger gleichzeitig auch Spoiler zur Geschichte sein können, findest du die Content Notes am Ende des Buches auf Seite 429.

 

Bitte pass auf dich auf und vor allem: Sei gut zu dir und deiner Gesundheit.

 

Deine Lea

Stressed and depressed but trying

A Playlist by Daisy Hammersmith

 

 

Taylor Swift – All Too Well (10 Minute Version) (Taylor’s Version) (From the Vault)

Taylor Swift – My Tears Ricochet

VØR – It’s Not About You

Paramore – Caught in the Middle

Olivia Rodrigo – Drivers License

Miley Cyrus – Flowers

Taylor Swift – I Can Do It With a Broken Heart

Taylor Swift – So High School

Taylor Swift – Illicit Affairs

Taylor Swift – Cruel Summer

Taylor Swift – The Man

Chappell Roan – Femininomenon

Orla Gartland – Little Chaos

Florence + The Machine – Spectrum (Say My Name)

Isobel Waller-Bridge – Fleabag

Prolog

oder

Gesucht: Dating-Tipps für Anfänger*innen

Liebes Tagebuch,

 

das ist mein erster Eintrag seit … ich kann es gar nicht genau sagen. Das letzte Mal habe ich in der Schule Tagebuch geschrieben, bis ich glaubte, zu erwachsen und zu cool dafür zu sein.

Ich war ein extremer Teenager, und mit extrem meine ich nicht, dass ich heimlich geraucht (würg!) oder meine Lehrer*innen provoziert habe. Stattdessen war ich extrem emotional.

Lass es mich veranschaulichen: Gab es eine prachtvoll gestaltete Neuauflage von einem Emily-Brontë-Klassiker, fieberte ich darauf hin wie meine beste Freundin auf ihren ersten Kuss mit dem Neuen. Wenn meine Katze Marmelade (ich vermisse sie auch heute noch so sehr!) einen Splitter in der Pfote hatte, ließ mich ihre Hilflosigkeit, den Splitter selbst zu entfernen, Tränen wie Wasserfälle weinen.

Ob ich mich seitdem geändert habe?

Nope.

Ich bin einundzwanzig Jahre alt, habe kein Studium absolviert, auch keine Ausbildung gemacht und kann mir die Miete in London nur dank meiner Mitbewohnerin leisten. Ja, das ist eine direkte Anspielung auf das berühmte Charlotte-Lucas-Zitat aus Stolz und Vorurteil.

Du kennst mich, liebes Tagebuch: Mein Leben ist kein Drama, ich bin das Drama.

Toll, jetzt reise ich auch noch in meine Teeniezeit zurück.

Ich will mich in meinem kuscheligen Bett zusammenrollen, meinen Teddybären Scrunchie fest an die Brust drücken und schluchzend nostalgische Songs hören, deren Sinn ich mit vierzehn gar nicht verstehen konnte. Die Emotionen kochen über wie ein auf der Herdplatte vergessener Topf voll Wasser.

Damals wusste ich, meine Eltern (beziehungsweise später dann eben meine Mum) regelten alles für mich: Entschuldigungen für die Schule schreiben und den Haushalt organisieren. Jetzt stelle ich fest: Verdammt, ich muss die Erwachsene sein, und ich kann mich bei meiner Chefin wegen Liebeskummer nicht einfach so für einen Arbeitstag abmelden oder dazu entscheiden, nie wieder zu Tesco gehen, um Lebensmittel zu besorgen.

Tja, Tagebuch, jetzt lasse ich das alles an dir aus. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Und wenn nicht, dann ist es eigentlich auch egal, schließlich kannst du mir nicht antworten.

Warum habe ich dich also (vollkommen impulsiv und mit zittrigen Fingern) aus der Kiste unter meinem Bett ausgegraben?

Irgendwo muss ich offensichtlich Dampf ablassen und lernen, meine Gefühle zu sortieren. Als Teenagerin hat es mir geholfen, Tagebuch zu schreiben. Wieso sollte das jetzt anders sein, wenn ich noch genauso sentimental bin? Okay, ein wenig mehr emotionale Reife gestehe ich mir schon zu, zumindest eine Prise.

Mein Herz ist so schwer wie Blei, und ich kann nicht länger in einem Meer aus Tränen versinken.

Siehst du? Das meine ich mit extrem emotional.

Und damit komme ich zu meinem aktuellen Problem: Jeden Tag versuche ich, nicht an ihn zu denken, und schaffe es doch kaum. Traurig, aber wahr. Damit muss endlich Schluss sein, doch die kleine Daisy in mir will ihn einfach nicht vergessen. Mein Ex-Freund war wie der Lieblingsroman im Bücherregal. Ein Buch von der Sorte, das ich immer wieder lesen wollte. Eine Schmuckausgabe, ein Herzensstück. Roch wunderbar nach dem Gefühl von Sicherheit zwischen den Buchdeckeln. Jetzt ist es – nein, er – weg. Und ich bin es auch.

Du hast richtig gelesen: Ex-Freund, deutliche Betonung auf Ex. Das hier ist keine True-Crime-Rachestory, in der ich dir erzähle, wie ich mein Revenge-Dress anzog, die Lippen blutrot schminkte und mich mit jeder Menge Dates und Sex glücklich machte. Ich hege keinen Groll gegen ihn, auch wenn ich mir manchmal genau das wünsche, denn es könnte vielleicht einige Dinge leichter machen.

Was das hier für eine Story wird?

Das weiß ich selbst nicht. Eigentlich hoffe ich, das mit dir gemeinsam herauszufinden. Und ich befürchte, dafür schulde ich dir viele, viele Einträge, die ich seit dem letzten Mal, nein, seit Jahren, ausgelassen habe. Mach dich bereit für einen emotionalen Ritt, liebes Tagesbuch.

Ich hatte einen Partner, den ich liebte, und musste mich nicht damit beschäftigen, wie Dating heutzutage funktioniert. Aber jetzt stehe ich ganz am Anfang. Ich habe keine Erfahrung mit Dates und keinen Plan. Bei meinem letzten Date als Single war ich sechzehn Jahre alt, und es endete in einer fünf Jahre langen Beziehung, die wie ein Scherbenhaufen zu meinen Füßen liegt.

Bin ich überhaupt bereit, mich in den Dating-Dschungel zu stürzen? Kann ich nach einer Langzeitbeziehung jemals bereit sein, jemand Neues kennenzulernen? Was, wenn ich nie in der Lage dazu sein werde, mich wieder zu verlieben? Wird es mir je möglich sein, mein Herz jemandem zu schenken? Will ich das alles überhaupt, oder ist dieser plötzliche Drang, wieder auf Dates zu gehen, nur eine Phase? Was erhoffe ich mir davon?

Darum schreibe ich das hier, denke ich. Ich brauche diese Zeilen wie einen Beweis. Ich will den Glauben an die Liebe nicht verlieren. Aber verdammt, ich habe riesige Angst davor, während ich mich im gleichen Moment dabei erwische, genervt über jenen Kitsch-Alarm die Augen zu rollen. Dabei liebe ich Kitsch – allerdings nur in Filmen und Büchern. Ich brauche das, um mich wegzuträumen, denn die Realität ist ernst genug. Arbeiten gehen, ausreichend trinken, um nicht zu dehydrieren, aber nicht zu viel, damit ich nicht alle zehn Minuten aufs Klo rennen muss, und gleichzeitig meine sozialen Batterien aufladen. Erwachsensein ist nur so lange toll, bis die erste Rechnung bezahlt werden muss. Chaos! Und das ist ein weiterer guter Grund, wieso ich aufschreibe, was mir durch den Kopf geht, denn so fällt es mir viel leichter, zu reflektieren, abzuschalten, nachzudenken und gottverdammt noch mal loszulassen.

Lass ihn los, Daisy.

Kapitel 1

oder

The Runaway

»Wir müssen jetzt wirklich nicht diskutieren, ob die Kanapees dazu beigetragen haben«, sage ich mit einem Kopfschütteln, während die Chipstüte beim Hineingreifen knistert.

»Aber wenn der Lachs nicht schlecht gewesen wäre, hättest du vielleicht nicht so einen nervösen Magen gehabt. Dann hättest du –«

»Der Lachs war überhaupt nicht schlecht, Mae.«

Wir sitzen auf dem Fußboden meines Zimmers in unserer WG. Ich im Schneidersitz, Mae hockt mir gegenüber in einer mir unbekannten Yogapose. Nicht, dass ich Ahnung von Yoga oder irgendwelchen Sportarten hätte. Sie ist so gelenkig, dass ich mich jedes Mal frage, ob das nicht wehtut, was sie da macht.

Kaum unterbreche ich sie, richtet sie sich auf und schaut nicht länger auf das eingerahmte Bild von Jane Austen an meiner Wand, sondern direkt in meine Augen. Ich halte meinen fettüberzogenen Zeigefinger ausgestreckt vor ihr, denn ich habe genug gehört.

Mae öffnet die Lippen, doch ich bleibe streng.

»Nein!«, sage ich mit fester Stimme, bevor sie etwas erwidern kann, und fixiere sie mit finsterem Blick.

Wäre ich nicht so beschäftigt damit, meiner besten Freundin ins Wort zu fallen, würde ich vermutlich über das Bild lachen, das wir gerade abgeben: Sie in engen Sportklamotten und in einer Haltung, die entweder irgendwas mit Sonnenanbeterin oder heraufschauender Hund heißen muss, ich in meinem kuscheligen rosaroten Schlafanzug mit Chipskrümeln im Schritt. Unterschiedlicher könnten wir gerade nicht sein.

»Ich will mir kein Aber und auch kein Wenn mehr anhören. Die Sache ist erledigt.«

Kaum beende ich den Satz, kneift Mae die Lippen zusammen.

Noch vor zehn Minuten saß ich allein in meinem Zimmer, bis sie nach Hause kam und mich hörte. Sie stieß die halb angelehnte Tür auf, sah mich mit der Weinflasche und den Chips und zog ihre Schlüsse. Okay, vielleicht hat sie auch mitbekommen, wie ich schluchzend mein Handy neben mir auf den Boden gelegt und laut die Zehn-Minuten-Version von All Too Well mitgesungen habe.

»Okay?«, hänge ich nach, sehe sie weiterhin scharf an und warte auf ihr Nicken, das hastig folgt.

Vor Erleichterung seufze ich auf und löse mich aus dem Schneidersitz. Ich lasse die Schultern sinken und meide ihren Blick, während meine Finger in der Chipstüte graben.

Durch die kleine Lautsprecherbox auf dem Schreibtisch ist mittlerweile die Stimme von Miley Cyrus zu hören. Seitdem ich von der Arbeit gekommen bin und mich entschieden habe, mein Tagebuch zu füllen, läuft die Playlist rauf und runter:

Stressed and depressed but trying.

Ein passender Playlistname für meine Situation. Ich bin gestresst, trübsinnig, aber ich versuche, mich aus der Misere zu kämpfen.

Musik hilft mir, mich zu entspannen. Ein gutes Buch würde das auch tun, aber dafür reicht meine Konzentration heute Abend nicht mehr aus. Außerdem tat es gut, mir bei den Songs von Taylor, Olivia und Miley die Seele aus dem Leib zu singen.

»Tut mir leid«, entschuldigt sich Mae, kaum dass der Refrain beginnt, und ich komme mir albern vor. Ich hätte meine Freundin nicht angehen sollen. Sonst bin ich doch auch nicht so herrisch.

»Nein, schon okay, mir tut es leid«, sage ich schnell und kaum treffen sich unsere Blicke, ist meine Feindseligkeit in Luft aufgelöst.

»Botschaft angekommen«, gibt Mae mit unsicherer Stimme zurück und ich erkenne ein zaghaftes Lächeln. Sie kniet sich hin, und jetzt ist sie diejenige, die seufzt.

Sie gestikuliert, ehe ihr Blick auf die Chipstüte in meinem Schoß fällt und sie sich daran bedient. Mit vollem Mund nimmt sie das Gespräch wieder auf. »Wenn du das Thema wechseln willst, schlage ich vor, du fragst mich, wie mein Tag gelaufen ist.« Gekonnt hebt sie eine Augenbraue, wie es Leute im Film tun, und in der Sekunde fällt es mir ein.

»Das Casting!«, rufe ich erschrocken und halte eine Hand vor den Mund. »Ich hab’s total vergessen! Es tut mir so schrecklich leid!«

Gerade will ich aufstehen, doch Mae nimmt mir die Chips ab, und jetzt ist sie diejenige, die den Zeigefinger in meine Richtung streckt. Ihr Blick sagt: Was du kannst, kann ich auch, und mir rutscht das Herz in die Hose.

»Nope.« Ihre Lippen geben ein Ploppen von sich. »Das ist nicht das, was ich hören wollte.«

Ich blinzele, begreife.

»Wie war dein Tag?«, frage ich Mae bittersüß, und sie lacht laut auf.

»So habe ich mir das schon eher vorgestellt.«

Ich steige in ihr Lachen ein, beuge ich mich vor und drücke sie. Die Chipstüte raschelt zwischen uns, ehe sie zu Boden fällt, als wir uns voneinander lösen.

»Los, jetzt sag schon«, stachele ich Mae an und warte darauf, dass sie mir von ihrem Casting für die epische Rockshow berichtet. Aber sie nimmt die nun leere Tüte und quetscht sie zu einem Ball zusammen. Das macht sie vermutlich absichtlich, um den Bogen anzuspannen, und was soll ich sagen? Es funktioniert, denn ich bin plötzlich ganz aufgeregt. Vergessen ist mein eigenes Drama. Zum Glück!

»Dafür, dass es die letzte Runde war, waren echt noch viele im Rennen«, beginnt sie ihre Erzählung. Der Chipstütenball landet in einem eleganten Wurf im Mülleimer hinter mir. Mae hat es einfach drauf. »Ich musste ein paar Dialoge erneut vortragen. Dieses Mal habe ich aber wenigstens nicht allein und nur für das Castingteam gespielt, sondern hatte einen Spielpartner. Sie wollten wohl die Chemie zwischen uns testen.«

Mae betont das Wort in einer Weise, die mir zu verstehen gibt, dass es um die sexuelle Anziehung auf der Bühne zwischen den beiden ging.

»Und, hattet ihr … nun ja, Chemie?«, frage ich, kriege die Betonung aber lange nicht so lasziv hin wie sie, was kein Wunder ist. Ich bin keine Schauspielerin.

»Wenn du damit meinst, dass wir danach erst auf einen Kaffee und dann zu ihm gegangen sind, würde ich die Aussage bejahen.«

»Also war’s gut«, rate ich.

»Korrekt«, antwortet Mae knapp. Ihre Augen glühen, und ich hake lieber schnell nach, wie es beim Casting weitergeht, bevor sie sich in Details verrennt. Ich weiß nicht, ob ich mir jetzt ausschweifende Einzelheiten über den Sex mit Chemie-Boy anhören kann.

»Wann wollen sie sich bei dir melden?«

Mae braucht einen Moment, um zu antworten. Ich kann mir vorstellen, dass sie gerade ihre Chemiestunde mit dem Kollegen gedanklich Revue passieren lässt.

»Irgendwann morgen gegen Abend«, lässt sie mich dann wissen.

»Und du bist gar nicht nervös?«

Ich lege den Kopf schief. An ihrer Stelle würde ich vor lauter Anspannung durchdrehen.

»Warum sollte ich nervös sein?«

Mae legt den Kopf ebenso schief und schaut mich an, wobei sie ein Lächeln nicht unterdrücken kann. Das ist ihre Art, mir zu sagen, dass ich locker bleiben soll, denn für gewöhnlich bin ich spitze darin, Probleme von anderen zu meinen eigenen zu machen.

Eine klassische People-Pleaserin, das bin ich.

Maes Antwort setzt mich schachmatt, und ich weiß nicht, was ich entgegnen soll. Zum Glück muss ich das gar nicht, denn sie ergreift das Wort:

»Wenn ich den Job nicht kriege, dann eben einen anderen. Und zur Not kann ich mich immer bei Tesco an der Kasse bewerben.« Sie stellt das so gelassen klar, dass ich mir allzu gerne etwas von ihrer Ruhe abschneiden würde.

Ich sehe Mae jetzt nicht in einem Supermarkt arbeiten, dafür ist sie viel zu impulsiv. Sie gehört auf die Bühne, nicht hinter eine Kasse. Erstaunlich, wie sie es schafft, in der Sache die Leichtigkeit zu bewahren. »Oder du besorgst mir einen Aushilfsjob im Buchladen.«

Ich erstarre zur Salzsäule.

Mae bei mir im Geschäft ist noch absurder als im Tesco. Sie hat keine Ahnung von Büchern. In ihrem Zimmer gibt es nicht einmal ein Bücherregal. Als ich bei ihr eingezogen bin, hat sie mich gefragt, ob ich ein Bridgerton-Poster aufhängen würde. Sie hatte das Jane-Austen-Bild gemeint.

Okay, vielleicht bin ich aber auch einfach zu buchvernarrt.

Zuckersüß lächelt sie mich an, wartet auf meine Antwort.

Bitte, Mae … einfach nein!

Ich liebe sie, aber wäre sie meine Kollegin, würde ich mir eine neue Wohnung suchen müssen. Nicht nur, dass das bei meinem Gehalt kaum möglich ist, ich will Mae auf keinen Fall als Freundin verlieren. Sie ist immer für mich da und ich für sie. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz zwischen uns als beste Freundinnen. So wie ihr das Theater gehört, gehört mir der Buchladen. Jede hat ihr eigenes Territorium. Wir fischen ab und an in den Gewässern der anderen, ich schaue ein neues Stück mit ihr an, oder sie lauscht meinem Monolog über meinen neuesten Bücherfund, aber der berufliche Rückzugsort ist wichtig für mich. Ich würde es lieben, mit Mae einen Ferienjob anzufangen. Vielleicht in einem Freizeitpark, in dem wir Zuckerwatte verkaufen oder so etwas. Das würden wir hinkriegen. Es wäre nur von kurzer Dauer. Aber langfristig?

»Macht Spaß, dich zu verarschen«, sagt Mae schließlich und beendet meine Tragträumerei von ihr als Aushilfe im The Little Book Shop. Ich atme auf, und sie tippt mir mit dem Finger gegen die Stirn. »Ich konnte sehen, wie dein Hirn warmgelaufen ist. Muss lustig sein dadrin.«

»Das wünschte ich auch«, gebe ich knirschend zurück, bin ihr aber nicht böse. Diese Neckereien zwischen uns gehören einfach dazu.

Sie schaut mich an, lächelt, und ich kann nicht anders, als ebenfalls meine Mundwinkel zu heben. Mae ist schon so lange an meiner Seite, ein Leben ohne sie kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Wir sind zusammen im Kindergarten gewesen, gingen in die gleiche Klasse und schwänzten den Sportunterricht. Selbst als wir nach unserem Abschluss so unterschiedliche Wege gingen, ließen wir uns nicht aus den Augen. Bis wir zusammenzogen. Mae ist mein Zuhause. Meine Familie.

Ich lasse die Scherze beiseite und komme zurück auf ihr Casting. »Du hast ja einen richtigen Lauf«, sage ich und gönne Mae all den Erfolg von Herzen. Den Job, den Typen, ihre gute Laune.

»So kann es gerne weitergehen«, bestätigt sie grinsend.

Ich sollte mich mehr für ihren Alltag interessieren, oder? Habe ich Mae genug ausgefragt für heute? Manchmal realisiere ich, dass ich viel zu intensiv über meine eigenen Probleme nachdenke, anstatt so simple Fragen zu stellen wie: Wie geht es dir? Wie war dein Tag?

»Und, wie heiß war der Typ wirklich?«, traue ich mich dann doch zu fragen und sehe, wie Mae die Mundwinkel hochzieht. Sie senkt den Blick, schaut mich nicht mehr an, und als sich ihre Augenbrauen zusammenziehen, bemerke ich, dass sie nachdenkt.

»Höllenfeuer«, gibt sie zurück, ist dabei aber seltsam zurückhaltend. Das passt gar nicht zu ihr. Will sie mich schonen? Meinen Liebeskummer nicht noch befeuern?

»Okay, da du morgen zur Arbeit musst und ich ausschlafen werde, um auf einen Anruf zu warten, mache ich mich jetzt vom Acker«, verabschiedet sie sich und steht auf. »Schlaf gut, Bücherwurm!« Sie geht zur Tür und wirft mir einen Handkuss zu, ehe ihr wirbelndes Haar das Letzte ist, das ich von ihr sehe. »Geh endlich mal wieder aus«, höre ich sie noch durch die geschlossene Tür sagen, und ich frage mich, wie ich das anstellen soll. Wenn das so leicht wäre, hätte ich es doch längst versucht! Oder?

Nachdenklich schaue ich auf den Boden und wische eine Handvoll Krümel vom Teppich. Im Hintergrund singt Taylor Swift I Can Do It With a Broken Heart. Wie furchtbar passend, wenn ich mir nur etwas mehr Mut eingestehen würde. Denn ich kann mit einem broken heart leben. Immerhin bin ich auf diese Weise hier in London gelandet.

Mein Blick fällt auf das Weinglas zu meiner Linken. In einem Zug leere ich es und proste mir selbst zu.

»Auf dich, TayTay.«

Kapitel 2

oder

Mr Darcy oder Thor?

Kaffee.

Das ist mein erster Gedanke, als mein Wecker um halb sieben Uhr morgens klingelt und mich grausam spüren lässt, dass ich zu wenig Schlaf bekommen habe. Schwerfällig tapse ich von meinem Zimmer durch den schmalen Flur ins Bad und versuche, leise zu sein, um Mae nicht zu wecken. Dabei hat sie eigentlich einen Schlaf wie ein Bär. Moment … sagt man das nur so, oder schlafen Bären wirklich so fest? Ich nehme mir vor, das mal zu recherchieren. Wahrscheinlich würde Mae erst wach werden, wenn in diesem Moment eine Marschkapelle durch unsere Straße zöge.

Ich höre sie sogar durch ihre geschlossene Tür schnarchen, und das ermutigt mich dann doch, nicht weiter auf Zehenspitzen zu laufen.

Sie schläft auch später noch, als ich meinen beigen Trenchcoat überziehe und das Haus verlasse, aber das wundert mich nicht. Da ich mich an Geschäftszeiten halten muss, Mae jedoch eher am Nachmittag und Abend arbeitet, verpassen wir uns regelmäßig. Umso schöner sind die kurzen gemeinsamen Nächte, die wir oft nutzen, bevor ich zu Bett gehe.

Das Londoner Wetter begrüßt mich mit einem Windstoß, der mir fast die Baskenmütze vom Kopf fegt. Ich bin froh über meine Entscheidung, nicht den Bus zu nehmen, sondern mit der Tube zu fahren. Das kostet zwar mehr Geld, ist aber bei dem Verkehr schneller.

Bis nach Hackney Downs zur Station zu laufen, dauert nur ein paar Minuten. Ich lasse mich von Drivers License von Olivia Rodrigo auf den Kopfhörern beschallen, realisiere, dass mir Musik mit fröhlicher Stimmung vermutlich besser tun würde, wechsle den Song aber nicht. Dafür gefällt mir das Lied zu gut.

An der Ampel bleibe ich stehen, weil ein Kind mit einem Mann, vielleicht der Vater oder Onkel, auf das grüne Symbol wartet und ich nicht wie die anderen Menschen einfach rüberlaufen will. Das kommt mir wie ein Vergehen vor, wenn dem Kind gerade beigebracht wird, bei Rot zu warten, auch wenn in London alle Fußgänger*innen die Ampelzeichen ignorieren. Daran erkenne ich im Übrigen auch die Touris – sie halten immer brav inne.

Der Mann sieht mit einem leicht verzweifelten Lächeln zu mir, nickt, und ich nicke zurück. Ist er dankbar, dass ich versuche, die Vorbildfunktion an der Ampel zu wahren? Fast verpasse ich, wie die Ampel auf Grün springt, ich sehe noch das Kind am Arm des Mannes zerren, dann ist der gelbe Regenmantel aus meinem Sichtfeld verschwunden. Der Typ stolpert wackelig hinterher und sieht dabei so urkomisch aus, dass ich mir beim Grinsen auf die Lippe beiße.

Die kleinen Läden am Straßenrand haben noch nicht geöffnet. Nasse Markisen, am Vorabend nicht reingeholt, von denen Wasser auf den Asphalt tropft, erhaschen kurzzeitig meine Aufmerksamkeit. Das wechselhafte Wetter macht mir nichts aus, ich sitze gern mit meinem Tee am Küchenfenster und lese bei Gewitter mein Buch, aber der Sommer lässt wirklich lange auf sich warten dieses Jahr.

Mit der Overground fahre ich zehn Minuten zur Liverpool Street und wechsle dort in die Tube. Normalerweise nehme ich die Central Line, aber die hat (wie so häufig) Verspätung. Darum freue ich mich, mit der Elizabeth Line zu fahren. Sie ist zwar schon einige Jahre in Betrieb, bleibt für mich aber die neue Linie mit Sitzen, die nicht ganz so durchgesessen sind. Außerdem gefällt mir das Lila. Es erinnert mich an die Farbe des Glasteelichts in Maes Zimmer.

Als ich an der Station Tottenham Court Road aus dem überfüllten Zug aussteige, bin ich froh, aus der stickigen Luft in der Tube und den Tunneln rauszukommen. Selbst wenn die Temperaturen draußen wenig sommerlich sind, in der Tube muss ich jedes Mal den Mantel ausziehen, um nicht komplett durchgeschwitzt auf der Arbeit zu erscheinen. Es wird Zeit für Klimaanlagen da unten.

Per App checke ich mich aus dem Bahnsystem aus und sehe mich um. Ich bin gut in der Zeit. So früh am Morgen sind nur wenige Touris unterwegs, die Station ist dennoch belebt. Alle wollen bei dem Wetter die Tube zur Arbeit nutzen, schätze ich. Genau als ich die überdachte Station verlasse, beginnt es zu regnen.

Fuck, ich habe den Regenschirm vergessen!

Ob mir meine Mütze genug Deckung geben kann? Vermutlich nicht, denn der Regen wird just stärker. Es nützt nichts, ich muss da wohl durch, also setze ich mich in Bewegung. Meine Handtasche schütze ich, indem ich sie ungelenk unter meinen Trenchcoat mogele, den ich eng um meinen Körper wickele. Ich muss schneller laufen, wenn ich nicht pitschnass ankommen möchte! Der Wind peitscht meinen geflochtenen Zopf durch die Luft, und Tropfen prallen kalt in mein Gesicht. Wofür schminke ich mich überhaupt?

Kaum versuchen meine langen Beine ins Rennen zu kommen, lässt der Regen urplötzlich nach. Weird. Dabei sehe ich deutlich die Tropfen vor mir auf die Straße fallen. Nur dass ich sie nicht abbekomme. Gemurmelte Worte dringen an mein Ohr, und da bemerke ich den Regenschirm, der über mir aufgespannt ist. Sofort bleibe ich stehen und halte die Luft an. Da redet doch jemand? Meine Muskeln sind angespannt, als ich mich aus der Starre löse. Jemand steht neben mir, ein Mann, der mich so sehr erschreckt, dass mein rechter Kopfhörer aus dem Ohr fällt, und ich beschließe, die Earplugs ganz rauszunehmen. Er redet nämlich weiter, auch wenn ich bisher kein Wort verstanden habe. Ist das nicht auch der Sinn von Noise-Cancelling-Kopfhörern?

»Entschuldigung?«, platzt es aus mir heraus, und sofort laufen meine Wangen rot an, weil ich begreife, dass ich ihn angeschrien habe. Mein Gehör hatte sich wohl etwas zu sehr an die Musiklautstärke gewöhnt.

»Sorry, ich wollte dich nicht überfallen«, quittiert der Fremde. Ich mustere ihn. Als Erstes fällt mir auf, wie groß er ist. Seine blauen Augen und das dunkelblonde Haar im Zopf sind nur die Kirsche auf der Sahne, und sein Parfum lässt mich vergessen, dass ich mir bereits abweisende Worte zurechtgelegt hatte, um ihn auf Distanz zu halten.

Stattdessen lache ich, nein … ich kichere. Bei seinem Anblick lasse ich von einer Sekunde auf die andere meinen hart antrainierten Feminismus fallen und stelle mir vor, wie ich ihm einen Kaffee ans Bett bringe. Mit ihm im Bett bin. Nackt.

»Schon okay«, stammele ich peinlich berührt. Mein Gehirn stellt sich tot, während mein Blick sich abwenden will.

Warum sieht er nur so verdammt gut aus? Er erinnert mich an Chris Hemsworth, nur im Businessanzug und mit weniger Muskeln. Was nicht heißt, dass er nicht durchaus gut trainiert wirkt. Sofern ich das unter dem schwarzen Jackett sehen kann.

»Eigentlich wollte ich dir nur den Schirm anbieten.« Seine Stimme ist tief und angenehm. Würde ich mich nur ein bisschen weiter vorbeugen, wäre die Distanz zwischen uns komplett aufgehoben, aber genau in dieser Sekunde schaltet sich mein Verstand ein.

Der Typ ist ein Fremder. Ein gut aussehender Fremder, und mir fällt es schwer zu glauben, dass ein Hemsworth-Double wie er lediglich höflich sein will. Attraktive Männer sind nur in Büchern und Filmen so freundlich, zumindest meiner Erfahrung nach.

»Danke, aber ich muss zur Arbeit«, erkläre ich und zeige an blinkenden Gebäudeschildern vorbei in eine Gasse.

»Ich wollte dir nicht hinterherlaufen, falls du das dachtest.«

Ehrlicherweise dachte ich bis zu diesem Moment nur daran, wie sexy er ist, aber jetzt wird mir seine Botschaft klar: Er will mir nicht seine Nähe aufzwingen. In seinen Augen liegt eine Ehrlichkeit, die mich skeptisch macht. Will er etwa nur nett sein? Mist, dann ist er heiß und zuvorkommend!

Okay, Hirn. Gib alles. Streng dich an!

»Wenn du magst, kannst du den Schirm gern nehmen«, hängt er an, vielleicht weil mein Mund noch immer offen ist, ohne dass ich etwas sage. Jetzt schiebt er mir seine Hand entgegen. Sie ist groß, umfasst den Schirm mit einem festen Griff.

»Nein, schon gut.« Ich bin nicht nur gerührt, sondern auch noch angeturnt. Das hier läuft aus dem Ruder. »Ich muss jetzt echt los, sonst komme ich zu spät.« Obwohl mein Herz hüpft und das Misstrauen schwindet, will ich mich aus dieser Situation winden. Ich kann nicht anders. Er drückt mir den Regenschirm in die Hand, lächelt mich an und wird in Sekunden patschnass.

»Ich hab’s auch eilig«, ist alles, was er sagt, aber im Gegensatz zu mir lächelt er. »Mach’s gut.« Gerade will ich ihm den Schirm wieder zurückgeben und etwas sagen, da kehrt er mir den Rücken zu und verschwindet joggend in eine Seitenstraße.

»Danke.« Keine Ahnung, ob er mich noch gehört hat.

Eine Weile stehe ich nur da, obwohl ich eben noch gedrängt habe, zur Arbeit zu müssen. Ich bin zu perplex. Ist das gerade wirklich passiert? Ich hebe den Kopf, begreife, dass der Regenschirm nicht aus einem Tagtraum kommt, und frage mich, warum er das gemacht hat. Hatte er Mitleid mit der jungen Frau, die sich vor dem Regen verstecken wollte? Vielleicht hat er noch einen zweiten Schirm in seiner Umhängetasche. Und dann denke ich nur: Damn, wieso habe ich nicht nach seinem Namen gefragt?

Bevor meine Schuhe weiter durchweichen, eile ich mit dem neuen Regenschirm los Richtung Buchladen. Schwungvoll drücke ich die Tür mit etwas zu viel Elan auf und eine herrische Stimme befiehlt mir, sofort stehen zu bleiben. Unverzüglich verharre ich in meiner Pose. Meine Hand liegt noch um den Türknauf, den Regenschirm halte ich in der anderen ausgestreckten Hand zur Straße hinaus.

»Wage es nicht, den nassen Schirm durch meinen Laden zu tragen«, fährt mich Zola an. Sie steht mit verschränkten Armen an der Kasse, doch in ihrem Gesicht zeigt sich nichts von der Schärfe ihrer Worte.

»Das hatte ich auch nicht vor«, lasse ich sie wissen und lächele meine Chefin zur Begrüßung an. Sie lächelt zurück, und man sieht, dass hinter ihrer harten Schale ein weicher Kern steckt.

»Komm schon endlich rein!« Zola winkt mich in den Laden. Ich schüttele schnell den Schirm aus, stelle ihn in der Halterung am Eingang ab und folge ihr. »Kindchen, wie kannst du trotz Regenschirm so nass sein?« Mit eiligen Schritten kommt sie auf mich zu, nimmt mir den Mantel ab und streicht mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß.

»Na ja«, versuche ich mich zu erklären, doch sobald ich an meine Begegnung mit dem Fremden denke, tauchen ganz andere Bilder in meinem Kopf auf. Zola nutzt den Moment, hängt meinen Trenchcoat an einen Haken am Eingang und wuselt durch den Laden. Gleich wird sie ihn für die Allgemeinheit öffnen.

Wie erkläre ich meiner Chefin, dass ich von einem Unbekannten überrascht wurde? Und wie sage ich ihr, dass er auch noch attraktiv und höflich war? Auf einmal wird diese seltsame Szene in meinem Kopf zu einer hoffnungslos romantischen Begegnung.

»Ich hatte meinen Regenschirm vergessen. Und als ich aus der Tube gestiegen bin, kam da dieser Typ.« Zola holt etwas hinter dem Verkaufstresen hervor, und auf ihren Lippen liegt ein vielsagendes Schmunzeln. Es lässt mir schon wieder an diesem Morgen die Röte ins Gesicht schießen. »Er hat mir seinen Schirm geschenkt und ist verschwunden.«

Jetzt sehe ich, was Zola in den Händen hält. Hausschuhe. Ohne etwas zu sagen, bedeutet sie mir, die Schuhe zu wechseln, und ich bin dankbar, nicht mehr in nassen Sohlen zu stecken. Wie gut, dass ich die Hausschuhe damals mit in den Laden gebracht hatte. Eigentlich waren sie nur als gemütliches Schuhwerk bei der Inventur gedacht.

»Du hast doch hoffentlich nach seinem Namen oder seiner Telefonnummer gefragt!« Zola stemmt die Hände in die Hüften und inspiziert mich mit ihrem durchdringenden Blick. Manchmal glaube ich, aus ihren Augen schießen Laser.

»Nein«, gebe ich kleinlaut zu und fürchte mich bereits vor dem Donnerwetter, das jetzt folgen wird. Zola hat es faustdick hinter den Ohren. Sie mag niedlich aussehen, mit ihren bunten Tüchern, die sie verspielt um ihren Kopf wickelt, und den langen Kleidern, die ihre Kurven betonen, aber wenn man es sich mit ihr verscherzt, dann ein Leben lang. Einmal hat sie einem Kunden Hausverbot gegeben, weil er trotz des Telefonieren verboten-Schilds am Eingang einen Anruf angenommen hat. Ihre Herzlichkeit schenkt sie nur jenen, die das Privileg haben, sie kennenzulernen.

Ich mache mich bereit, mit geducktem Kopf in den hinteren Bereich zu schlüpfen, wo wir immer Mittagspause machen, doch als Zola die Hände von den Hüften löst, passiert etwas Merkwürdiges. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, und ihre Mimik wird ganz sanft. Keine Laser-Augen mehr, die mich verbrutzeln könnten.

»Kindchen …« Es folgt ein Seufzen. »Da triffst du Mr Darcy und du hast nichts Besseres zu tun, als ihn ziehen zu lassen?«

Der Vergleich mit Stolz und Vorurteil macht etwas mit mir. Sie weiß genau, wie sie mich drankriegt. Ich sehe Elizabeth, die Mr Collins’ Heiratsantrag ausschlägt und Schutz und Rat bei ihrer besten Freundin sucht. Mir wird bewusst, wie die Geschichte meiner eigenen ähnelt. Das Zusammenzucken meiner Muskeln bringt Zola dazu, die Arme auszubreiten und mich nach einer Umarmung zu fragen. Auch wenn ich nicke, bewege ich mich nicht auf sie zu, sondern lasse sie zu mir kommen und wiege mich in ihren warmen Armen. Sie erinnert mich an meine Granny.

»Danke«, flüstere ich, und drücke sie fest an mich. »Ich hätte was sagen sollen, oder?« Aus meiner Kehle steigt ein bitteres Lachen. »Aber als ich ihn nach seinem Namen fragen wollte, war es schon zu spät.«

»Komm erst mal wieder ganz auf die Füße. Alles zu seiner Zeit«, gibt Zola als Antwort zurück, und wir sehen einander an, als wir uns aus der Umarmung gelöst haben. Sie weiß von meiner Flucht. Einmal habe ich bemerkt, wie sie mich beobachtet hat, als ich an einem unbeschäftigten Nachmittag in der kleinen Klassikerecke gestöbert und in einer Tragödie nach der anderen geblättert habe. Seitdem muss Zola ahnen, dass ich meine Gefühle in Worten und Geschichten ertränke.

»Ich war … nein, ich bin … noch ziemlich durch den Wind«, gebe ich schließlich zurück und lasse die Schultern enttäuscht sinken.

»Wer weiß, vielleicht kriegst du eine zweite Chance.«

Niemals, denke ich.

Er ist weg. Und vor allem ICH bin weg.

Plötzlich wechselt das Gesicht von Mr Darcy zu Archies. Wie weh das tut!

»Ja, vielleicht«, flüstere ich, als Zola sich bereits dem Tagesgeschäft widmet und an der Tür das Geöffnet-Schild umdreht. Ich beschließe, mich ein andermal zu bemitleiden, atme tief durch und mache mich für die Arbeit bereit.

Den Großteil des Morgens verbringe ich am Secondhandfach und schreibe Preise auf Schilder, die ich anbringe. Ich bin froh, dass wir keine Sticker auf die Bücher kleben. So was nervt einfach nur. Wir haben ein paar Spenden erhalten, die ich im Regal einsortiere. Uralte Thriller, ab und an auch ein Roman, der aussieht, als wäre er ungelesen. Bei jedem Buch frage ich mich, wie es in meine Hände geraten ist. Ich betrachte das Cover eines kitschigen Liebesromans und stelle mir vor, wie jemand mit genau diesem Buch an einem lauschigen Kamin saß und sich wegträumte. Bücher sind Reisen durch Länder und Galaxien. Sie schenken Ruhe, Liebe, Freundschaft. Ein gutes Buch ist der beste Freund der Welt.

Seufzend stelle ich den Roman ins Regal, dann widme ich mich dem nächsten Titel auf meinem Rollwagen.

50 Wege zum perfekten Liebesglück

Der Titel sorgt dafür, dass ich mit den Augen rolle. Vermutlich ist das noch so ein Ratgeber, der die ideale Beziehung verspricht. Ich kann es nicht mehr sehen. Gibt es überhaupt so etwas wie das perfekte Liebesglück? Bei meinen Eltern hat es nicht geklappt. Von mir will ich gar nicht erst anfangen. Dennoch kann ich meinen Blick nicht von dem schrecklich pinken Cover abwenden, und im nächsten Moment schlage ich willkürlich ein Kapitel auf.

Wie du Liebe zulässt steht in der Überschrift. Das ist doch wohl ein schlechter Scherz! Liebe zulassen. Als ob das so einfach wäre … Liebe hat keinen An- und Ausschalter. Mich überkommt der Drang, das Buch einfach über meine Schulter zu werfen und zu vergessen, aber ich bin bereits im ersten Absatz gefangen. Und ganz ehrlich, ich könnte ein Buch nie so verletzen. Selbst nicht so einen Pseudoratgeber. Maes Worte vom gestrigen Abend tauchen plötzlich in meinen Gedanken auf: Geh endlich mal wieder aus.

Und was mache ich? Lesen. Es passiert genau das, was immer passiert, wenn ich mich in einem Buch verliere. Instinktiv blende ich die Geräusche um mich herum aus und laufe verstohlen mit dem Buch vor der Nase ein paar Schritte weiter zu dem gelben Lesesessel in der Ecke. Ich fliege nur so über die Zeilen, sauge alles an Informationen auf, die ich bekomme und rümpfe die Nase.

Nach einer Trennung ist es unausweichlich, zurück ins Leben und auch in die Liebe zu finden. Dabei muss eine Trennung nicht zwangsläufig das Ende einer Beziehung bedeuten. Eine Trennung kann auch der Abschied eines geliebten Menschen aus dem Leben sein oder ein Umzug in ein anderes Land. Aber wie heißt das Sprichwort? Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue!

Diesen Satz kann ich echt nicht mehr hören! Ich pruste los, schüttele den Kopf und kann nicht fassen, was ich da lese. Klar, in den Zeilen mag durchaus eine Portion Wahrheit stecken, aber die Sätze sind so übertrieben formuliert und gestelzt, dass ich gedanklich bereits eine vernichtende Rezension zu dem Buch verfasse. Ich will diesen Ratgeber auseinandernehmen! Sogar schlechte Bücher haben ihren Reiz. Aber wie schlecht ist ein Buch wirklich, wenn man es nicht aus der Hand legen kann?

Bis sich neue Türen öffnen, ist Geduld angesagt. Fragen Sie sich einmal selbst: Wann waren Sie das letzte Mal verliebt? Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich in die Person verliebt haben? War es vielleicht Liebe auf den ersten Blick? Dann haben Sie in der Liebeslotterie einen Volltreffer gelandet! Aber vermutlich würden Sie dann nicht dieses Buch in den Händen halten.

Diese Zeilen bringen mich auf einmal zum Zweifeln, und ich erwische mich, wie ich über die Fragen nachdenke. Das letzte Mal verliebt … Ich war in Archie verliebt. Ob es Liebe auf den ersten Blick war, kann ich nicht sagen. Wir haben uns in der Schule kennengelernt. Eigentlich ziemlich unromantisch, wenn ich jetzt darüber nachdenke. Ich habe ein Buch für Mathenachhilfe in der Schulbibliothek zurückgegeben, er hat es sich noch bei der Rückgabe unter den Nagel gerissen, und wir haben geredet. Über ätzende Mathelehrer*innen, unsere Lieblingsbücher und Träume, die wir nach dem Schulabschluss verfolgen wollten. Dann wurde es tatsächlich romantisch. Bis es das nicht mehr war.

Und jetzt sitze ich hier mit diesem Liebesratgeber. Er drückt mir den Finger in die Wunde.

»Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo ich die Kinderbücher finde?«

Eine mir unbekannte Stimme reißt mich aus den Gedanken, und ich schrecke auf. Peinlich, mit diesem Buch wollte ich bestimmt nicht erwischt werden! Aber ich hatte auch nicht gedacht, dass ich Seite für Seite überfliegen würde. Vielleicht hat Maes kleine Erinnerung von gestern Abend doch mehr Eindruck bei mir hinterlassen. Aus Eile klappe ich das Buch zu und knalle es so energisch auf den kleinen Tisch zu meiner Linken, dass es runterfällt. Als ich aufblicke, sehe ich die Kundin, die mich mit großen Augen durch ihre rote Brille ansieht und darauf wartet, dass ich ihr weiterhelfe.

»Verzeihung.« Ich räuspere mich. »Ich war ganz versunken in unserer aktuellen Lektüre.«

Aktuelle Lektüre am Arsch …

Nicht einmal ich glaube meinem falschen freundlichen Lächeln, aber die Kundin ist zu höflich, um weiter darauf einzugehen. Ich führe sie durch Zolas kleine Buchhandlung, dabei zeige ich ihr die Kinderbuchabteilung und ein paar Titel, die vielleicht interessant sein könnten, dann lasse ich sie verweilen. Als ich mich umdrehe, fange ich Zolas fragenden Blick auf. Zunächst weiß ich nicht, was sie mir sagen will, dann sieht sie rüber zu dem Ratgeber, der traurig auf dem Boden liegt. Ihr entgeht nichts.

»Ich räume das schon weg.« Als ich mich ans Werk mache, erhebt sie die Stimme.

»Das meine ich nicht.«

Ich schenke ihr einen Seitenblick. Sie hat also mitbekommen, was ich gelesen habe. »Wenn du wirklich einen guten Rat willst, dann pack das Buch weg«, sagt sie mit Nachdruck, doch anstatt dass ich den Ratgeber zurück in das Regal stelle, bezahle ich in Zolas Raucherpause heimlich das Buch und stecke es ein.

 

Zu Hause schlüpfe ich als Erstes in gemütliche Kleidung und mache mir in einem Topf die Nudeln von gestern Abend warm. Ich bin froh, nicht frisch kochen zu müssen, denn wahrscheinlich wäre ich so durcheinander, dass ich Salz mit Zucker verwechseln würde. Meine Gedanken sind schon den ganzen Tag auf Reisen. Entweder bei Mr Darcy oder bei Archie. Lustlos schwinge ich den Kochlöffel im Topf, damit die Nudeln nicht anbrennen, und mit einem Mal fällt mir das Buch ein, das ich mitgenommen habe. Warum habe ich es überhaupt gekauft? Ich habe mich die ganze Zeit nur darüber lustig gemacht.

Irgendeine seltsame Anziehung muss es haben, denn bereits einen Moment später stehe ich mit dem Buch in der Hand am Herd und verbrenne beinahe mein Abendessen, als ich ein weiteres Kapitel überfliege. Meine Laune schwankt zwischen einem grotesken Lachen und einer unerwarteten Melancholie. Mir fallen zig Taylor-Swift-Songs ein, die dazu passen würden, doch ich kann das Buch nicht weglegen. Die leicht angekokelten Nudeln wandern in eine Schüssel, und ich lasse Wasser in den Topf ein, damit die verbrannten Reste einweichen können. Ich sitze am runden Holztisch in der Wohnküche, lese und lasse mein Essen kalt werden. Aus meinem ungläubigen Lachen über die albernen Ratschläge ist etwas anderes geworden. Interesse. Neugierde. Es prickelt in meinen Fingern, wenn ich über die Möglichkeit nachdenke, mich wieder auf ein Date einzulassen. Klar, ich würde wahrscheinlich keinen Ratschlag aus diesem Buch ernsthaft umsetzen, aber darum geht es mir beim Lesen gar nicht. Ich glaube, es ist der Wunsch, endlich wieder verliebt zu sein – in die richtige Person, nicht in den Ex. Irgendwann tun meine Beine weh. Ich wechsle die Sitzposition und kann nicht zählen, wie oft ich das noch tue. Nicht dass meine Konzentration dafür reichen würde, denn die liegt ganz auf dem Buch.

Erst eine Nachricht von Mae lässt mich aus dem hypnotischen Lesefokus erwachen.

Mae: Bin noch beim Chemie-Typen. Ich traue mich nicht, loszufahren und in der Tube womöglich den Anruf zu verpassen.

Ich will gerade zurückschreiben, da schaue ich vom Handy auf die aufgeschlagene Seite: Wie Sie zurück ins Dating-Leben finden. Das Buch lacht mich aus, ich kann es hören. Ich sende meiner besten Freundin ein Herz-Emoji und schreibe ihr, dass ich die Daumen drücke, dann rufe ich den App Store auf und lade schnaubend die erstbeste Dating-App runter, die ich sehe.

Kapitel 3

oder

Hör auf, dich selbst zu bemitleiden

»Und warum zum Teufel hast du dann die Dating-App installiert?«

Ja, Daisy? Warum hast du das gemacht?

Ich fühle mich ertappt. Dabei habe ich meinem Bruder die Geschichte im Detail am Telefon erzählt. Sozusagen mich selbst überführt. Ich bin eine schlechte Heimlichtuerin. Wahrscheinlich hat Zola längst bemerkt, dass ich das Buch mitgenommen habe und feilt bereits an einem Ted Talk.

»Warum hast du mit Jura angefangen?«, kontere ich im vollen Bewusstsein darüber, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Will ist stumm, doch ich höre ihn quasi innerlich seufzen.

»Soll ich Mum petzen, dass du an Weihnachten ihre Kristallvase kaputt gemacht hast?«

Oh, ganz bestimmt hebt er gerade gekonnt eine Augenbraue. Dieser Mistbruder! Das meine ich mit all meiner Liebe für ihn.

»Dann sage ich ihr, dass du den Topf verschlampt hast, weil du ihn bei deinem Ex liegen gelassen hast und ihn nicht abholen wolltest.«

Schachmatt!

Es folgt wirklich ein Seufzen von Will, und wir einigen uns darauf, die Waffen niederzulegen.

»Mal ehrlich, Daisy. Du erzählst mir von diesem Typen, der eine Mischung aus Thor und Mr Darcy ist, liest mir aus diesem Liebesratgeber vor und behauptest, die Dating-App nur so runtergeladen zu haben? Du kannst wen anders verarschen, nicht mich.« Sein Tadel entspricht der Wahrheit, und ich wünschte, es wäre anders.

»Na gut, vielleicht wollte ich die App wirklich ausprobieren«, gebe ich zu und verrate nicht, dass ich mir bereits Gedanken darüber gemacht habe, Mr Darcy in der App zu suchen. Wenn ich nur wüsste, wie ich das anstellen soll. Mein Bruder kennt sich da besser aus, deswegen habe ich zum Handy gegriffen und ihn angerufen. Und hier bin ich.

»Amüsant, wie du nicht zugeben kannst, dass du die Hilfe deines großen Bruders willst«, sagt er mit einem unüberhörbaren Kichern. Das macht er doch mit voller Absicht.

»Schön!«, rufe ich in den Lautsprecher. »William Hammersmith, ich brauche deinen weisen Rat. Nur du bist erleuchtet vom Wissen darüber, wie man Männer übers Internet kennenlernt. Beseele mich bitte mit deinen Lehren, leuchte mich an!«

Jetzt lacht er noch lauter, und ich muss mir ebenfalls ein Grinsen verkneifen. Früher hätte ich mit Will bestimmt nicht so locker über Jungs und Dating gesprochen, aber da war ich glücklich vergeben und konnte über Wills dauernd wechselnde Partner nur den Kopf schütteln. Er war der Wilde von uns. Jetzt studiert er, trägt feine Anzüge und benutzt Ausdrücke wie dementsprechend in Telefonaten mit mir. Wer sagt so was, außer Jura-Studis?

»Hab dich lieb, Naseweis.«

Mich überkommt ein plötzliches Gefühl von Nostalgie, als mich mein Bruder bei meinem Spitznamen nennt, und ich fühle mich sofort so geborgen, dass ich am liebsten losheulen möchte. Die Hochsensibilität lässt grüßen.

»Halt die Klappe, Peter Pan«, antworte ich in einem erstickten Lachen und schlucke den Kloß im Hals runter.

»Ich dachte, ich soll eben nicht die Klappe halten. Du kannst dich wirklich nicht entscheiden.« Seine Worte triefen vor Sarkasmus, und einen Moment lachen wir beide einfach nur. Dann tritt Stille ein. Eine Stille, die mich skeptisch macht.

»Naseweis, ich muss dir jetzt noch was sagen, was du nicht hören willst«, unterbricht er das sanfte Rauschen aus dem Lautsprecher. Sofort werde ich zur Säule. Ich kann mir denken, worum es geht. Nein, um wen. »Mum hat Archie beim Einkaufen getroffen.« Will muss nur seinen Namen nennen, und ich bekomme das Gefühl, keine Luft mehr zu kriegen.

Warum kann er nicht einfach aus meinem Leben verschwinden?

Ist der Gedanke gemein? Vermutlich. Aber ich ertrage es nicht, wenn er ständig in meinem Leben präsent ist.

»Ich will nicht daran erinnert werden, wie ich von heute auf morgen meine langjährige Beziehung in den Sand gesetzt habe«, proklamiere ich und denke dabei an mein Vorhaben: loslassen. Aber kaum habe ich die Lippen geöffnet, überkommt mich die Scham beim Gedanken daran, was passiert ist. Die Erinnerungen an den bedeutungsschweren Abend sind nicht nur schmerzhaft, sie reißen Wunden auf, die ich am liebsten verstecken will.

»Atmen, okay?«, erinnert mich mein Bruder mit geduldiger Stimme, und ich gehorche. Er wartet mein unüberhörbares Einatmen ab. »Sie hat’s mir gesagt, als ich letztes Wochenende zu Besuch war. Mum hat ihn ernsthaft dann noch zum Kaffee eingeladen. Ich wollte einfach nur, dass du es weißt, bevor sie es dir erzählt. Als Vorwarnung oder so.«

Wow, Will, du Ehrenmensch.

Schon wieder ein Gedanke, der viel fieser klingt, als ich es tatsächlich meine.

»Danke«, ist alles, was ich erwidern kann. Mein Blick streift einen roten Doppeldeckerbus, der an meinem Fenster vorbeifährt und mir vergegenwärtigt, dass ich nicht mehr in Surrey bin.

Es ist so viele Monate her, und Archie ist dennoch ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens, auch wenn ich angestrengt versuche, ihn wie eine Zeichnung aus meinem Bild zu radieren. Er ist in meinen Lieblingsbüchern, in meinem Schmerz, in meinen Erinnerungen und sogar verdammt noch mal in jedem einzelnen Gedanken daran, jemand anders kennenzulernen. Es gibt Tage, da will ich ihn zurück, und Tage, an denen ich die räumliche Distanz zwischen uns wie eine Göttin verehre.

Warum muss Liebe so verdammt kompliziert sein?!

»Bist du in Ordnung?«, fragt Will, und ich weiß nicht, was ich antworten soll.

Ja. Nein. Keine Ahnung.

Ich kann nichts dafür, die Bilder ploppen automatisch in meinem Kopf auf.

Der Geruch von neuen Büchern und Lachshäppchen steigt in meine Nase. Ich höre, wie die Buchhändlerin eine Champagnerflasche öffnet. Das Getuschel der Leute, die, genau wie ich, die Lesung kaum erwarten können. Mein Freund, der uns zwei gefüllte Gläser bringt, lächelt, und mir einen Kuss gibt, bevor wir anstoßen. Wenig später esse ich ein Kanapee, das irgendwie komisch schmeckt und für den restlichen Abend schwer im Magen liegt. Aber das Lachshäppchen war kein Auslöser für das, was folgte.

Ich rufe mir in Erinnerung, dass meine Flucht das einzig Richtige war. Archie und ich haben trotz zahlreicher Probleme so lange vorgegeben, glücklich zu sein, dass wir es irgendwann selbst geglaubt haben. Wir stellten nichts mehr infrage.

Bis er mir die Frage stellte und ich seinen Heiratsantrag ausschlug.

Es hat mir Angst gemacht, ein Leben lang durch ein einfaches »Ja« an ihn gebunden zu sein. Die Vorstellung, auf happy zu machen, wenn ich es in Wirklichkeit gar nicht bin, hat mich an diesem Abend wachgerüttelt. Ich musste einsehen und sogar noch zugeben, dass wir nicht füreinander bestimmt waren.

»Möchtest du darüber reden?« Wieder ist es Will, der das Gespräch aufnimmt, wieder bin ich es, die keine Antwort findet.

Und da wird mir bewusst, dass es nicht wirklich Archie ist, den ich vermisse. Es ist die Vorstellung davon, mit jemandem nach einem anstrengenden Arbeitstag im Bett zu kuscheln und zu lesen, gemeinsam beim Zähneputzen zu lachen. Sex zu haben, Küsse auszutauschen, sich geborgen zu fühlen. Sehnsucht nach einer Person, mit der ich mein Leben teilen kann. Das Zusammenziehen mit Mae hat geholfen, aber meine beste Freundin kann nicht das ersetzen, was ich mir in einer romantischen Beziehung wünsche.

»Keine Ahnung«, jammere ich, und weil mein Kopf total überfordert ist, greife ich nach dem Liebesratgeber, der noch auf dem Tisch liegt.

Puh, ich bin echt ein Häufchen Elend. Und das muss sich dringend ändern, denn ich ertrage mich selbst kaum noch. Wie stehen das meine Freund*innen durch?

»Ich sag jetzt etwas Kitschiges. Also mach dich bereit.« Will schafft es, meine Gedanken von Archie wegzulenken, wofür ich ihm dankbar bin. »Dein Wert hängt nicht davon ab, einen Partner zu finden, okay?«

Die Sache ist die: Ich weiß, dass er recht hat. Dass ich liebenswert bin und auch allein klarkomme. Aber das muss erst einmal in meinem Hirn ankommen. Jemand kann mir oft genug sagen, dass ich in dem neuen braun-beige karierten Faltenrock grandios aussehe, doch wenn ich auf der Straße nur einen einzigen schrägen Blick von einer fremden Person kassiere, ist das ganze Selbstbewusstsein dahin.

»Ich weiß«, bestätige ich mit gesenkten Lidern und atme tief durch den Mund aus. »Ist halt nur nicht so einfach.«

»Das ist in Ordnung«, sagt er mit so viel Wärme in der Stimme, dass mein aufkommendes Magenrumoren verschwindet. Er muss ein Zauberer sein. Ich weiß nicht, wie er das angestellt hat, aber die Trauer ebbt ab, und ich schöpfe wieder Mut. Vielleicht ist auch endlich die Erkenntnis in meinem Hirn angekommen, dass ich Archie nicht mehr liebe. Es zu wissen und es zu begreifen, ist wahrhaftig nicht dasselbe.

»Also, sag schon. Wie mache ich das mit dem Profil, und welches der Fotos, die ich dir geschickt habe, soll ich als Bild nehmen?«

Will scheint irritiert von meinem plötzlichen Sinneswandel, doch dann lacht er, und ich weiß ganz genau, dass er gerade den Kopf schüttelt. Ich kenne meinen Bruder zu gut. Früher hätten seine langen Haare dabei gewippt, doch jetzt trägt er sie kurz und elegant gestylt, wie fast jeder der Typen in seinem Job.

Eine halbe Stunde später fühle ich mich bestärkt und habe das Gefühl, das mit der App schon irgendwie hinzubekommen.

»Wir haben jetzt so lange über mich geredet, ich fühle mich mies, dass ich dich noch gar nicht gefragt habe, wie es dir geht«, sage ich und beiße mir auf die Unterlippe. Irgendwie ist das in meinem ganzen Drama untergegangen. Genau wie bei Mae. Ich muss jetzt wirklich mehr an mir arbeiten. Auf keinen Fall kann ich zulassen, dass mir meine Lieblingsmenschen entgleiten. Weder Will noch Mae. Dafür sind sie ein zu wichtiger Teil meines Lebens.

Gib dir mehr Mühe, ermahne ich mich und versuche dennoch, sanft und liebevoll zu mir zu sein. Das ist nicht gerade einfach.

»Studium läuft, Arbeit läuft, Leben läuft«, gibt er kurz angebunden zurück.

»Nicht so viele Details.«

»Keine Sorge! Ich wollte mich diese Woche mit Elijah treffen, er hat ausnahmsweise mal ein paar Tage frei.«

»Richte liebe Grüße aus«, quittiere ich.

»Werde ich tun.«

»Wie lange habt ihr euch jetzt nicht gesehen?« Meine Neugierde wächst. Es fühlt sich an, als würde ein Stück der alten Daisy zu mir zurückkehren.

»Seit einem halben Jahr?« Will weiß es selbst nicht, das höre ich aus seiner Antwort heraus. »Er ist gerade von der Europa-Tour zurück und bewirbt sich auf neue Jobs.«

»Kommt er vorbei?«

»Hoffentlich. Die Details müssen wir noch besprechen.«

»Dann habt ihr euch bestimmt viel zu erzählen, wenn ihr euch endlich wiederseht«, mutmaße ich. Elijah ist Schauspieler, genau wie Mae, aber die beiden hatten noch nie ein Engagement zusammen. Ich kenne ja auch nicht jede Person, die etwas mit Büchern macht. Er ist mit seiner Familie genau wie wir in Surrey aufgewachsen, und obwohl Elijah schon länger in London lebt, blieb die Freundschaft der beiden erhalten.

»Du klingst wie Mum«, neckt Will mich und lacht.

»Ach, flieg doch zurück nach Nimmerland, Peter!«

Kapitel 4

oder

Pro und Kontra: Online-Dating

Liebes (Dating-)Tagebuch,

 

ich habe den Hintern hochbekommen. Die App ist installiert, die Tipps von meinem Bruder sind in meinem Hirn gespeichert und warten nur darauf, ausprobiert zu werden.

Ratlos habe ich mir die nächstbeste App runtergeladen, sie aber wieder gelöscht, nachdem mir mein Bruder eine andere empfohlen hat. Die App, die eine Offenbarung fürs Dating sein soll. Seine Worte, nicht meine.

Ich habe mir ein Online-Profil angelegt und zeige mich von meiner besten, wenn auch nicht ganz wahren Seite. Sagen wir es so: Ich lasse Details aus wie die Tatsache, dass ich jede Episode von Fleabag auswendig mitsprechen kann. Will meinte, ich solle ruhig ein bisschen übertreiben, aber vielleicht nicht unbedingt mit meiner Liebe zu Phoebe Waller-Bridge. Dabei finde ich es durchaus wichtig, meine innige Beziehung zu ihr ebensowenig zu verheimlichen wie die Tatsache, dass ich schon lange über ein Tattoo mit einem Zitat aus der Serie nachdenke. Dafür habe ich aber zu große Angst vor Nadeln. Ob ich meinem Date von meinen Lieblingsserien erzählen werde, ist sowieso eine Frage, die ich hintenanstelle. Dafür müsste ich erst einmal ein Match haben. Und nur, weil ich diese App habe, heißt das nicht gleich, dass ich mich direkt mit einer wildfremden Person aus dem Internet treffe. Ich möchte erst einmal den Zeh ins kalte Wasser halten, bevor ich einen Köpper mache.

Allein das Profilbild hochzuladen, hat mich eine Ewigkeit beschäftigt, und ja, ich habe es vielleicht fünfzehn Mal gewechselt. Bin ich jetzt zufrieden mit dem Ergebnis? Nein. Immerhin ist es dieses eine Foto, das mich als Single identifiziert. Es soll ansprechend sein, aber gleichzeitig auch mysteriös und vielleicht sogar ein bisschen sexy. Keinesfalls zu aufreizend, sonst häufen sich die seltsamsten Nachrichten im Postfach, meinte mein Bruder. Nicht, dass ich je besonders sexy Fotos von mir gemacht habe. Sein bester Rat dazu war: Poste kein Bild, auf dem jemand deine nackten Füße sieht. Ich will in meinen Privatnachrichten nicht darüber ausgefragt werden, welche Schuhgröße ich habe und ob ich auch getragene Socken verkaufe. Das war mal Maes Ding, meins ist es nicht. Lange Zeit war das für sie ein gutes Geschäft für wenig Arbeit. Kann man auch Socken mit Löchern verkaufen? Wird es auffallen, wenn man ein neues Paar kauft und sie einfach eine Woche lang neben dem Käse im Kühlfach liegen lässt? Warum denke ich jetzt daran?

Willst du wissen, welches Foto ich als Profilbild ausgewählt habe, liebes Tagebuch? Ein hübsches Bild aus dem Sommerurlaub. Ich trage einen Hut und Sonnenbrille. Vielleicht macht mich das ein bisschen mysteriös, wenn man nicht gleich mein Gesicht sieht? Mein gelbes Kleid weht im Wind, und das Meer bildet einen schönen Farbkontrast zum Rest. Es verrät nicht zu viel – ein potenzielles Match. Das ist es doch, was ich mir erhoffe, oder? Sind nicht alle in diesen Apps, um ein Match zu haben?

Will hat mich vorgewarnt, dass die Leute in der App völlig unterschiedliche Motivationen haben. Bei einem Typen, den er gefunden hatte, stand doch echt, dass er nur hier sei, um seine Fuckability zu testen. Manche suchen direkt die Frau oder den Mann fürs Leben. Ich dagegen suche nach dem Gefühl von Hoffnung und Zuversicht. Bisher habe ich mich nicht getraut, mein Profil freizuschalten, aber das ist okay, ich bin noch ganz am Anfang. Scrollen, swipen, Herzchen verteilen, Nachrichten schreiben, herausfinden, ob der gut aussehende Mann mit dem freundlichen Lächeln nicht doch ein Perverser ist, jemand anders kontaktieren, wochenlang hin und her schreiben. Zumindest stelle ich es mir so vor, bis ich mich tatsächlich trauen würde, jemand im echten Leben zu treffen. Das fühlt sich jetzt schon an, wie einen Berg zu erklimmen.

Gedanklich gehe ich bereits durch, wie die Dating-Zukunft für mich verlaufen könnte. Ich habe einen Uterus und Brüste, also treffe ich mich am besten mit ihm an einem belebten Ort, den ich jederzeit verlassen kann. Natürlich nicht, ohne Mae vorher den Standort und den Namen des Dates verraten zu haben. Ich glaube nicht, dass Männer vor ihren Dates ihren Kumpels den Livestandort schicken, der stundenlang aktiv ist, nur für den Fall, dass das Date sie entführen will.

Ich sehe mich vor dem Kleiderschrank und ein imaginäres Outfit aussuchen. Der Rock soll nicht zu eng sein, die Bluse nicht zu bieder. Mein Look ist lässig, ein bisschen süß, und der Metallic-Pin mit den Büchern an meiner Jacke verrät, welchem Hobby mein Herz gehört. Vierundzwanzig Stunden vor dem Date habe ich alle knoblauchhaltigen Lebensmittel vermieden. Oder wäre es nicht sinnvoller, möglichst viel Knoblauch zu essen, falls der Typ unangenehm wird? Aber was passiert, wenn ich ihn küssen möchte?

Hilfe!

Jetzt denke ich mal weiter, liebes Tagebuch. Begleite mich auf eine Reise zu meinem ausgemalten Date: Ich bin am Treffpunkt angekommen. Jetzt muss ich mein Date erkennen. Hoffentlich habe ich Glück, und die Person sieht genauso aus wie auf dem Foto. Wenn ich Pech habe, wurde ich gecatfisht. Aber das hier ist meine Wunschvorstellung, also gehe ich davon aus, dass alles ganz fantastisch läuft und super romantisch ist.

Ja, ich stelle mir dabei Mr Darcy vor, okay?! Danke fürs Schweigen, liebes Tagebuch.

Ich begrüße ihn, Mr Darcy. Er ist rücksichtsvoll und charmant. Belesen. Er erzählt mir von seinen Lieblingsbüchern, und unser Gespräch läuft ohne Stolperfallen. Ich vermeide es, ihm ungefiltert meine Gedanken mitzuteilen, beispielsweise dass ich schweißgebadet hier angekommen bin. Wir reden nicht über Politik oder die Familie, die Themen sind mir zu heikel, obwohl sie mir wichtig sind. Wir verstehen uns ganz gut. Die Zeit vergeht wie im Flug. Irgendwann verabschieden wir uns voneinander (Umarmen? Händeschütteln? Küssen?), und bereits auf dem Nachhauseweg kreist die nächste Frage in meinem Kopf herum: Soll ich nebenbei noch andere daten? Vielleicht finde ich jemanden, der besser ist?