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Seit Tagen tobt über dem amerikanischen Mittelwesten ein gewaltiger Schneesturm. Bisher ist es Mel Bakersfeld, dem Direktor vom Lincoln International Airport, gelungen, den Flughafen offen und betriebsbereit zu halten. Doch nun überschlagen sich die Ereignisse, und ein schrecklicher Verdacht wird zur Gewissheit: An Bord einer Passagiermaschine wurde eine Bombe gezündet! Hoch über den Wolken und Tausende Kilometer vom Flugplatz entfernt, kämpft Kapitän Vernon Demerest mit seiner Crew verzweifelt um die Rettung der Maschine. Und die Stewardess Gwen Meighen, die ein Kind von Demerest erwartet, setzt ihr Leben aufs Spiel, als das Schicksal aller an einem seidenen Faden hängt …
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Airport
Arthur Hailey ist einer der erfolgreichsten Spannungsautoren aller Zeiten. Seine legendären Romane »Airport« und »Hotel« erreichten Auflagen in Millionenhöhe und wurden weltweit in dreißig Ländern verlegt. Der Autor wurde 1920 in England geboren. Er starb im Alter von 84 Jahren auf den Bahamas.
Seit Tagen tobt über dem amerikanischen Mittelwesten ein gewaltiger Schneesturm. Bisher ist es Mel Bakersfeld, dem Direktor vom Lincoln International Airport, gelungen, den Flughafen offen und betriebsbereit zu halten. Doch nun überschlagen sich die Ereignisse, und ein schrecklicher Verdacht wird zur Gewissheit: An Bord einer Passagiermaschine wurde eine Bombe gezündet! Hoch über den Wolken und Tausende Kilometer vom Flugplatz entfernt, kämpft Kapitän Vernon Demerest mit seiner Crew verzweifelt um die Rettung der Maschine. Und die Stewardess Gwen Meighen, die ein Kind von Demerest erwartet, setzt ihr Leben aufs Spiel, als das Schicksal aller an einem seidenen Faden hängt …
Arthur Hailey
Roman
Ullstein
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Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch 1. Auflage Februar 2019© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019© 2003 für die deutsche Ausgabe by Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG Deutsche Rechte bei Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, BerlinÜbersetzung © 1986 by Ullstein Buchverlage GmbH & Co. KG, BerlinTitel der amerikanischen Originalausgabe: Airport(Doubleday & Co., Inc., New York)Umschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®, MünchenE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comISBN 978-3-8437-2103-5
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Der Autor / Das Buch
Titelseite
Impressum
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Cover
Titelseite
Inhalt
18 Uhr 30 bis 20 Uhr 30
Es war halb sieben, an einem Freitagabend im Januar. Lincoln International Airport, Illinois, war offen, wenn auch unter Schwierigkeiten.
Der Flughafen ächzte – wie der gesamte mittlere Westen der Vereinigten Staaten – unter dem schlimmsten, heftigsten Schneesturm seit einem halben Dutzend Jahren. Der Sturm hatte drei Tage gedauert. Jetzt brachen ständig, wie Schwären an einem mitgenommenen, geschwächten Körper, Gefahrenpunkte auf.
Ein Verpflegungswagen der United Air Lines mit zweihundert Abendessen war verlorengegangen und steckte vermutlich irgendwo im Außenbezirk des Flughafens im Schnee. Die Suche nach dem Lastwagen – in Schneetreiben und Dunkelheit – war bisher ergebnislos geblieben. Weder das vermißte Fahrzeug noch sein Fahrer waren aufzufinden.
Flug 111 der United – eine DC-8 nach Los Angeles, ohne Zwischenlandung, den der Verpflegungswagen versorgen sollte – hatte bereits mehrere Stunden Verspätung. Die Panne mit dem Cateringwagen würde sie noch vergrößern. Ähnliche Verzögerungen betrafen aus den verschiedensten Gründen mindestens hundert Flüge der zwanzig anderen Fluggesellschaften, die Lincoln International anflogen.
Draußen auf dem Flugfeld war die Startbahn Drei-Null außer Betrieb, sie wurde von einer Düsenmaschine der Aéreo Mexican – einer Boeing 707 – blockiert, deren Räder tief in den wasserdurchtränkten Boden unter dem Schnee neben der Rollbahn eingesunken waren. Nachdem Aéreo Mexican die eigenen Hilfsmittel erschöpft hatte, wandte sie sich jetzt an TWA um Hilfe.
Durch den Ausfall der Startbahn Drei-Null behindert, hatte die Flugsicherung Maßnahmen ergriffen, um die Zahl der Anflüge aus den benachbarten Luftfahrtzentren Minneapolis, Cleveland, Kansas City, Indianapolis und Denver einzuschränken. Trotzdem zogen zwanzig Maschinen Warteschleifen in der Luft, und einige näherten sich bereits dem Mindesttreibstoffbestand. Auf dem Boden machte sich die doppelte Anzahl startbereit. Doch bis die Zahl der in der Luft wartenden Maschinen verringert werden konnte, hatte die Flugsicherung weitere Verzögerungen für den abgehenden Verkehr angeordnet. Inzwischen füllten sich die Rampe, die Taxiwege und die Wartepositionen immer mehr mit Maschinen, viele mit laufenden Motoren.
Die Luftfrachtlagerhallen aller Fluglinien waren bis an die Grenze ihrer Verladepalette mit Waren vollgestopft. Ihre übliche große Umschlaggeschwindigkeit wurde durch das Unwetter beeinträchtigt. Frachtinspektoren kontrollierten nervös leichtverderbliche Güter – Treibhausblumen aus Wyoming für Neuengland, eine Tonne Käse aus Pennsylvania für Anchorage in Alaska, gefrorene Erbsen für Island, lebende Hummer aus dem Osten für einen Flug über die Polarroute mit Bestimmungsziel Europa. Die Hummer waren für die Speisekarten in Edinburgh und Paris bestimmt, wo man sie als »frische einheimische Meeresfrüchte« anbieten und wo nichtsahnende amerikanische Touristen sie bestellen würden. Sturm oder nicht, Verträge schrieben vor, daß leichtverderbliche Luftfracht frisch und schnell am Bestimmungsort einzutreffen hatte.
Besondere Sorge verursachten bei American Airlines mehrere tausend Truthahnküken, die erst vor Stunden in Brutöfen ausgeschlüpft waren. Der genaue Fahrplan für Schlüpfen und Versand war – wie ein komplexer Schlachtplan – vor Wochen ausgearbeitet worden, noch ehe die Truthahneier gelegt waren. Er sah die Anlieferung der Vögel an der Westküste innerhalb von achtundvierzig Stunden nach dem Ausschlüpfen vor, die Existensgrenze für die winzigen Geschöpfe, ehe sie das erste Wasser oder Nahrung erhielten. Normalerweise boten die Vorkehrungen eine Überlebenschance der Tiere von hundert Prozent. Beachten mußte man auch, daß die Vögel zu stinken anfingen, wenn man sie unterwegs fütterte, und ebenso, noch Tage danach, das Flugzeug, das sie transportierte. Der Flugplan für das Geflügel war schon um Stunden aus den Fugen geraten, aber eine Maschine war bereits vom Personenverkehr auf den Frachttransport umgebucht worden, und heute abend würden die Truthühner Priorität vor allen anderen Personen, einschließlich menschlicher VIPs, haben.
In der Haupthalle für Passagiere herrschte Chaos. Die Warteräume waren von Tausenden von Passagieren verspäteter oder gestrichener Flüge überfüllt. Überall lag Gepäck in Stapeln. Der breite Hauptzugang bot den Anblick einer Fußballschlacht oder des Weihnachtsverkaufs in einem Warenhaus. Der unbescheidene Werbespruch Lincoln International – Luftkreuz der Welt hoch oben auf dem Dach des Flughafengebäudes war im Schneetreiben völlig untergegangen.
Das Wunder war, überlegte Mel Bakersfeld, daß überhaupt noch etwas weiterfunktionierte.
Mel, der Generaldirektor des Flughafens – hager, gelenkig und eine Kraftstation beherrschter Energie –, stand neben dem Schneekontrollstand hoch oben im Kontrollturm. Er spähte in die Dunkelheit hinaus. Normalerweise war von diesem verglasten Raum aus der gesamte Komplex des Flughafens sichtbar – Rollbahnen, Taxistreifen, Endpositionen, der Verkehr auf dem Boden und in der Luft, wie ordentlich aufgestellte Häuserblocks und Modelle. Selbst nachts wurden seine Formen und Bewegungen durch Lichter klar bestimmt. Nur noch eine höhere Aussicht existierte – die von der Flugsicherung, die das Stockwerk darüber einnahm. Doch heute nacht durchdrang nur der schwache Schimmer weniger naher Lichter den fast undurchsichtigen Vorhang des vom Wind getriebenen Schnees. Mel vermutete, daß dieser Winter noch für Jahre ein Diskussionsthema auf Meteorologentagungen sein würde.
Der gegenwärtige Schneesturm war vor fünf Tagen an der Leeseite der Colorado Mountains geboren worden. Bei seiner Geburt war es ein winziges Tiefdruckgebiet, nicht größer als eine Ansiedlung am Fuß der Berge, und die meisten Wettervorhersagen auf den Wetterkarten der Flugstrecken hatten es entweder nicht bemerkt oder ignoriert. Fast wie aus Rache hatte sich das Tiefdruckgebiet daraufhin ausgedehnt wie ein riesiger Krankheitsherd und war immer noch wachsend erst nach Südosten und dann nach Norden gewandert.
Es überquerte Kansas und Oklahoma, verharrte dann in Arkansas und sammelte dort ein Sortiment von Bosheiten. Am nächten Tag polterte es fett und ungeheuerlich das Mississippi-Tal hinauf. Über Illinois entlud sich der Sturm dann und lähmte den Staat fast mit Schneestürmen, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt und sechzig Zoll Neuschnee innerhalb von vierundzwanzig Stunden.
Auf dem Flughafen war diesen fünfundzwanzig Zentimetern Schnee ein ständiger, wenn auch leichter Niederschlag vorausgegangen. Jetzt folgte ihm mehr Schnee, von bösartigen Winden gepeitscht, die neue Verwehungen anhäuften – noch während die Schneepflüge die alten forträumten. Die Gruppen der Schneeräumer näherten sich der Grenze der Erschöpfung. Innerhalb der letzten paar Stunden waren verschiedene Leute nach Hause geschickt worden, übermüdet trotz der Pausen in den Schlafquartieren, die der Flughafen gerade für Notfälle dieser Art bereithielt.
Am Schneekontrollpult neben Mel sprach jetzt Danny Farrow – sonst ein Stellvertreter des Flughafendirektors, jetzt Schichtinspektor der Schneeräumung – über Sprechfunk mit der Schneeräumzentrale.
»Die Parkplätze gehen uns verloren. Ich brauche sechs Lastwagen und eine Banjomannschaft bei Y-74.«
Danny saß an dem Schneepult, das eigentlich kein Pult, sondern eine breite dreiteilige Konsole war. Vor Danny und seinen beiden Assistenten, einer auf jeder Seite, stand eine Batterie von Telefonen, Fernschreibern und Funkgeräten. Sie waren von Karten, grafischen Darstellungen und Tabellen umgeben, die den Zustand und den Standort jedes einzelnen Fahrzeugs des motorisierten Schneeräumungskommandos verzeichneten, wie auch der Männer und des Überwachungspersonals. Für die Banjogruppe, mit Schneeschaufeln ausgerüstete Einsatztrupps, war eine besondere Tafel vorhanden. Das Schneekontrollpult wurde nur für seine einmalige, jahreszeitlich bedingte Aufgabe besetzt. Während der anderen Jahreszeiten blieb der Raum leer und stumm.
Dannys kahler Schädel zeigte Schweißtröpfchen, während er auf eine Karte des Flughafens in großem Maßstab Notizen kritzelte. Er wiederholte seine Nachricht an die Zentrale und ließ sie wie eine verzweifelte persönliche Bitte klingen, was sie vielleicht auch war. Hier oben war die Befehlsstelle der Schneeräumung. Wer sie leitete, hatte den Flughafen als Ganzes zu sehen, Anforderungen abzuwägen und Geräte dort einzusetzen, wo die Not am größten schien. Das Problem jedoch – und zweifellos eine Ursache für Dannys Schweißausbruch – bestand darin, daß die unten, die darum kämpften, ihren eigenen Betrieb aufrechtzuerhalten, in der Frage der Vordringlichkeit selten gleicher Meinung waren.
»Gewiß, gewiß, sechs weitere Lastwagen.« Eine grantige Stimme von der Zentrale, die auf der gegenüberliegenden Seite des Flugfeldes lag, knarrte in die Hörmuschel. »Wir holen sie uns vom Weihnachtsmann. Er müßte hier irgendwo in der Nähe sein.« Eine Pause, danach aggressiver: »Sonst noch ein paar idiotische Wünsche?«
Mit einem Blick auf Danny schüttelte Mel den Kopf. Er erkannte die Stimme in der Hörmuschel als die eines dienstälteren Vorarbeiters, der wahrscheinlich ununterbrochen gearbeitet hatte, seit der Schneefall begann. Aus gutem Grund waren die Temperamente in solchen Zeiten leicht reizbar. Im allgemeinen veranstalteten die Flughafenwartung und die Leitung nach einem anstrengenden Winter der Schneebekämpfung gemeinsam ein Abendessen, das sie »Liebes- und Versöhnungsfest« nannten. In diesem Jahr würden sie es bestimmt brauchen.
Danny sagte besänftigend: »Wir haben vier Lastwagen hinter dem Verpflegungswagen der United hergeschickt. Sie müßten zurück sein oder bald kommen.«
»Möglicherweise – wenn wir den verdammten Karren finden könnten.«
»Ihr habt ihn noch nicht gefunden? Was macht ihr Kerle eigentlich? Habt ihr Damenbesuch zum Abendessen?« Danny drehte die Lautstärke für den Empfang zurück, als die Antwort erdröhnte.
»Jetzt hört ihr Vögel in eurem komischen Taubenschlag mal zu! Habt ihr eine Ahnung, wie es draußen auf dem Flugfeld aussieht? Vielleicht seht ihr gelegentlich mal zum Fenster raus. In dieser Nacht könnte einer irgendwo am verdammten Nordpol sein und keinerlei Unterschied bemerken.«
»Blas dir mal in die Hände, Ernie«, antwortete Danny. »Vielleicht bleiben sie davon warm, und du redest dann nicht so laut.«
In Gedanken schob Mel Bakersfeld den größten Teil des Wortwechsels von sich, obwohl ihm klar war, daß alles zutraf, was über die Verhältnisse außerhalb des Flughafengebäudes gesagt wurde. Vor einer Stunde war Mel selbst über das Flugfeld gefahren. Er hatte die vorgesehenen Fahrwege benutzt, doch obwohl er die Anlage des Flughafens genau kannte, hatte er heute abend Schwierigkeiten gehabt, sich zurechtzufinden, und war mehrmals nahe daran gewesen, die Orientierung zu verlieren.
Mel war zu einer Inspektion in die Schneeräumungszentrale gefahren, und dort, wie jetzt hier, hatte emsige Aktivität geherrscht. Wenn das Schneekontrollpult die Befehlsstelle war, so war die Schneeräumungszentrale der Frontgefechtsstand. Hier kamen und gingen Räumtrupps und Vormänner, entweder schwitzend oder frierend. Die Reihen der regulären Arbeitskräfte waren durch Hilfstrupps verstärkt worden – Schreiner, Elektriker, Klempner, Schreiber, Polizisten. Die Hilfskräfte wurden von ihren regulären Arbeiten auf dem Flughafen abkommandiert und erhielten fünfzig Prozent Zuschlag zu ihren Bezügen, bis der Schneenotstand vorüber war. Aber sie wußten, was von ihnen erwartet wurde, da sie wie Reservisten den ganzen Sommer und den Herbst über auf Rollbahnen und Taxistreifen Schneeräumen geübt hatten. Manchmal amüsierten sich Außenstehende darüber, wenn sie an einem warmen Tag Schneeräumtrupps mit einsatzbereiten Schneepflügen und dröhnenden Exhaustoren auf dem Flugfeld sahen. Doch wenn jemand sein Erstaunen über das Ausmaß der Vorbereitungen ausdrückte, wurde er von Mel Bakersfeld darauf hingewiesen, daß die Entfernung des Schnees vom Betriebsbereich des Flughafens der Räumung von siebenhundert Meilen Autostraße gleichkam.
Wie das Schneekontrollpult im Kontrollturm wurde die Schneeräumungszentrale nur im Winter in Betrieb genommen. Sie lag in einem großen höhlenartigen Raum über einer Lastwagengarage des Flughafens und unterstand im Betrieb einem Einsatzleiter. Nach der Stimme im Sprechfunkgerät zu schließen, nahm Mel an, daß der reguläre Einsatzleiter zur Zeit abgelöst worden war, vielleicht um im »Blue Room«, in der Blauen Kammer, wie die Dienstvorschrift des Flughafens mit einem Anflug von Humor die Ruhebaracke der Schneeräumer bezeichnete, etwas Schlaf zu finden.
Die Stimme des Einsatzleiters meldete sich wieder am Telefon. »Wir machen uns Sorgen um diesen Lastwagen, Danny. Der Fahrer, der arme Kerl, kann da draußen erfrieren. Wenn er allerdings einen Funken Grütze hat, wird er nicht gerade verhungern.«
Der Verpflegungswagen der United Air Lines hatte vor annähernd zwei Stunden die Versorgungsküche der Fluggesellschaft verlassen, um zum Flughafen zu fahren. Seine Route führte über die Zufahrtsstraße, eine Fahrt, die im allgemeinen fünfzehn Minuten dauerte. Der Wagen war aber nicht angekommen, und offensichtlich hatte der Fahrer die Orientierung verloren und war irgendwo in den Außenbereichen des Geländes im Schnee steckengeblieben. Die Fluggesellschaft hatte zunächst ihren eigenen Suchtrupp ausgeschickt, jedoch ohne Erfolg. Jetzt hatte sich die Flughafenleitung eingeschaltet.
»Die Maschine der United ist schließlich aber doch gestartet?« fragte Mel. »Wohl ohne Verpflegung.«
Danny Farrow antwortete, ohne aufzusehen. »Ich habe gehört, der Kapitän hätte die Entscheidung den Passagieren überlassen. Er hat ihnen gesagt, es würde über eine Stunde dauern, um andere Verpflegung zu bekommen, es wären aber ein Film und Getränke an Bord, und in Kalifornien scheine die Sonne. Jeder stimmte dafür, so schnell wie möglich aus der Hölle rauszukommen. Hätte ich auch getan.«
Mel nickte. Er widerstand der Versuchung, die Leitung der Suche nach dem vermißten Fahrer und seinem Wagen selbst in die Hand zu nehmen. Tätigkeit wäre zwar eine Medizin, denn die tagelange Kälte und die sie begleitende Feuchtigkeit hatten die Schmerzen an Mels alter Kriegsverletzung wieder auftreten lassen – eine Erinnerung an Korea, die er nie loswerden würde –, und jetzt machte sie sich wieder bemerkbar. Er wechselte seine Stellung, beugte sich vor und verlagerte sein Gewicht auf sein unversehrtes Bein. Die Erleichterung war nur vorübergehend. Fast sofort meldeten sich die Schmerzen in der neuen Stellung wieder.
Einen Augenblick später war er froh, daß er sich nicht eingemischt hatte. Danny tat bereits das Richtige – verstärkte die Suche nach dem Lieferwagen, zog Schneepflüge und Leute vom Flugplatzgelände ab und schickte sie zur Zufahrtsstraße. Für den Augenblick mußten die Parkplätze zurückstehen. Später würde es deshalb genügend Beschwerden geben. Zunächst aber mußte der vermißte Fahrer gerettet werden.
Zwischen Telefongesprächen warnte Danny Mel: »Machen Sie sich auf weitere Beschwerden gefaßt. Durch diese Suche wird die Zufahrtsstraße blockiert. Wir müssen alle anderen Verpflegungswagen anhalten, bis wir diesen Burschen gefunden haben.«
Mel nickte. Beschwerden gehörten zum täglichen Brot eines Flughafendirektors. In diesem Fall war, wie Danny voraussagte, mit einer Flut von Protesten zu rechnen, wenn die anderen Fluggesellschaften bemerkten, daß ihre Verpflegungsfahrzeuge, aus welchem Grund auch immer, nicht durchkamen.
Es würde Leute geben, die es für unglaubwürdig hielten, daß ein Mensch an einem Mittelpunkt der Zivilisation, wie einem Flughafen, der Gefahr des Erfrierens ausgesetzt sein konnte, was trotzdem möglich war. Die abgelegeneren Bereiche eines Flughafens waren kein Ort, an dem man sich in einer solchen Nacht ohne Not aufhalten sollte. Und wenn der Fahrer auf den Gedanken kam, in seiner Kabine sitzen zu bleiben und den Motor laufen zu lassen, um sich warm zu halten, konnte es passieren, daß er bald im Schnee verweht wurde, unter dem sich dann tödliches Kohlendioxyd ansammelte.
Mit einer Hand hielt Danny jetzt ein rotes Telefon, während er mit der anderen in den Alarmvorschriften blätterte, Vorschriften, die von Mel stammten und für Fälle wie den vorliegenden sorgfältig ausgearbeitet worden waren.
Das rote Telefon war eine direkte Verbindung mit dem Leiter der Feuerwehr des Flughafens. Danny faßte die vorliegende Situation zusammen.
»Und wenn wir den Wagen gefunden haben, müssen wir einen Krankenwagen hinausschicken, und Sie werden vielleicht ein Sauerstoffgerät oder Wärme brauchen, möglicherweise beides. Aber warten Sie lieber mit dem Einsatz, bis wir genau wissen, wohin es geht. Wir wollen euch Kerle nicht auch noch ausgraben müssen.«
Der Schweiß glänzte in zunehmendem Maß auf Dannys kahl werdendem Schädel. Mel wußte genau, daß Danny nur ungern die Leitung der Schneekontrollstelle übernahm und lieber in seiner Abteilung für die Planung des Flughafens saß, um sich mit Logistik und Hypothesen über die Zukunft der Luftfahrt zu befassen. Dinge dieser Art wurden in aller Ruhe weit vorausgeplant, während man Zeit zum Überlegen hatte und nicht zusammenhanglos improvisieren mußte, wie bei den Problemen dieser Nacht. Genau wie es Menschen gab, die in der Vergangenheit lebten, überlegte Mel, so war für die Danny Farrows dieser Welt die Zukunft eine Zuflucht. Aber ob gern oder ungern und ungeachtet des Schweißes nahm Danny die gestellte Aufgabe ernst.
Mel beugte sich über Dannys Schulter und griff nach einem Telefon, das unmittelbar mit der Flugsicherung verbunden war. Der Leiter der Wache auf dem Kontrollturm meldete sich.
»Wie steht es mit der 707 der Aéreo Mexican?«
»Sitzt noch an der gleichen Stelle, Mr. Bakersfeld. Sie arbeiten seit ein paar Stunden daran, sie fortzuschaffen, aber bisher ohne Erfolg.«
Diese besondere Schwierigkeit war kurz nach Einbruch der Dunkelheit eingetreten, als ein Kapitän der Aéreo Mexican, der zum Startplatz rollte, bei einem blauen Taxilicht irrtümlich nach rechts statt nach links abbog. Unglücklicherweise bestanden bei dem Boden rechts, der normalerweise mit Gras bewachsen war, Entwässerungsschwierigkeiten, die nach dem Winter in Angriff genommen werden sollten. Inzwischen war dort, trotz der dicken Schneedecke, dicht unter der Oberfläche ein schlammiger Morast. Wenige Sekunden nach dem falschen Abbiegen war das hundertzwanzig Tonnen schwere Flugzeug tief im Schlamm eingesunken.
Als man merkte, daß das Flugzeug beladen aus eigener Kraft nicht freikommen konnte, wurden die ungehaltenen Passagiere ausgeladen und durch den Morast zu schnell gemieteten Bussen gebracht. Jetzt waren über zwei Stunden vergangen, und die große Düsenmaschine saß noch fest und blockierte mit ihrem Rumpf und mit ihrem Leitwerk die Startbahn Drei-Null. »Startbahn und Taxistreifen sind noch nicht wieder betriebsfähig?«
»Ganz richtig«, bestätigte der Leiter der Wache im Kontrollturm. »Wir halten den gesamten abfliegenden Verkehr an den Toren auf und schicken ihn dann über die längere Route zu den anderen Startbahnen.«
»Das geht wohl recht langsam, was?«
»Es verringert die Abfertigung um fünfzig Prozent. Im Augenblick halten wir die Erlaubnis, zum Start zu rollen, für zehn Maschinen zurück, und zwölf weitere warten auf die Erlaubnis, die Motoren anzulassen.
Das demonstrierte, wie dringend der Flughafen zusätzliche Start- und Taxibahnen brauchte. Seit drei Jahren drängte er auf den Bau einer neuen Startbahn parallel zur Drei-Null sowie anderer Verbesserungen der Betriebsanlagen. Aber der Verwaltungsrat des Flughafens verweigerte unter dem politischen Druck der Stadtverwaltung seine Zustimmung. Der Druck erfolgte, weil die Stadträte, aus nur ihnen bekannten Gründen, eine neue Anleihe vermeiden wollten, die für die Finanzierung erforderlich gewesen wäre.
»Dazu kommt«, fuhr der Leiter der Kontrollturmwache fort, »daß wir die startenden Maschinen über Meadowood leiten müssen, da Startbahn Drei-Null außer Betrieb ist. Die Beschwerden haben schon angefangen.«
Mel stöhnte. Die Gemeinde Meadowood, die im Südwesten an den Flughafen grenzte, war ihm ein ständiger Dorn im Auge und eine Behinderung des Flugbetriebs. Zwar war der Flughafen lange vor der Gemeinde entstanden, trotzdem beklagten sich die Bewohner von Meadowood über den Lärm der Flugzeuge über ihnen. Von der Presse wurden diese Klagen aufgegriffen, was noch mehr Beschwerden mit immer erbitterteren Anschuldigungen gegen den Flughafen und seine Leitung nach sich zog. Schließlich hatten der Flughafen und die Luftfahrtbehörde des Bundes nach langwierigen Verhandlungen, bei denen auch politische Einflüsse, noch mehr Publizität in der Presse und – nach Mel Bakersfelds Ansicht – grobe Verzerrungen mitgewirkt hatten, zugestanden, daß Starts und Landungen von Düsenmaschinen nur dann unmittelbar über Meadowood erfolgen sollten, wenn besondere Umstände das erforderlich machten. Da dem Flughafen Start- und Landebahnen ohnehin nur in begrenztem Umfang zur Verfügung standen, war die Einbuße an Leistungsfähigkeit beträchtlich.
Darüber hinaus wurde auch vereinbart, daß Maschinen, die über Meadowood starteten, sofort nach dem Abheben Vorkehrungen zur Drosselung des Lärms ergreifen sollten. Das löste seinerseits wieder Proteste der Piloten aus, die das für gefährlich hielten. Die Fluggesellschaften dagegen – die an den öffentlichen Zorn und den Ruf ihrer Firmen dachten – ordneten an, daß die Piloten sich diesen Vorschriften fügen sollten. Doch selbst damit gaben sich die Einwohner von Meadowood noch nicht zufrieden. Ihre Führer protestierten weiterhin, organisierten und planten, jüngsten Gerüchten zufolge, juristische Schritte gegen den Flughafen.
»Wie viele Anrufe sind gekommen?« fragte Mel den Leiter der Wache. Schon vor der Frage kam er zu der düsteren Überzeugung, daß noch mehr Stunden seines Arbeitstages durch Delegationen, Auseinandersetzungen und die gleichen ergebnislosen Diskussionen wie früher in Anspruch genommen werden würden.
»Ich würde sagen, mindestens fünfzig haben wir beantwortet. Und auf weitere Anrufe haben wir nicht mehr reagiert. Das Telefon fängt unmittelbar nach jedem Start zu klingeln an – auch auf unseren Anschlüssen, die nicht im Telefonbuch stehen. Ich würde was dafür geben, wenn ich wüßte, woher sie die Nummern haben.«
»Sicher haben Sie den Leuten, die anriefen, gesagt, daß wir in einer besonders schwierigen Lage sind – das Unwetter, die nicht betriebsfähige Startbahn.«
»Wir haben alles erklärt, aber niemand hat sich dafür interessiert. Die Leute wollen einfach, daß die Flugzeuge nicht mehr über sie hinwegfliegen. Manche sagen, ob Schwierigkeiten bestünden oder nicht, die Piloten seien gehalten, die Vorschriften zur Minderung des Lärms zu befolgen, täten es aber nicht.«
»Mein Gott! Wenn ich Pilot wäre, täte ich’s auch nicht«, sagte Mel. Wie konnte ein intelligenter Mensch bei dem heutigen Unwetter von einem Piloten erwarten, unmittelbar nach dem Start die Motoren zu drosseln und dann im Instrumentenflug in eine scharfgezogene Kurve zu gehen: denn das schrieben die Vorschriften zur Minderung des Lärms vor.
»Ich auch nicht«, stimmte der Leiter auf dem Kontrollturm zu, »obwohl das wahrscheinlich eine Frage des Standpunkts ist. Wenn ich in Meadowood wohnte, wäre ich vielleicht der gleichen Ansicht wie die Leute dort.«
»Sie wären nicht nach Meadowood gezogen, Sie hätten auf die Warnungen gehört, die wir den Leuten zukommen ließen, schon vor Jahren, sie sollten dort keine Häuser bauen.«
»Wahrscheinlich. Übrigens sagte mir einer meiner Leute, sie würden heute abend dort wieder eine Gemeindeversammlung veranstalten.«
»Bei diesem Wetter?«
»Anscheinend wollen sie bei ihrer Absicht bleiben, und nach dem, was wir gehört haben, hecken sie etwas Neues aus.«
»Was es auch sei«, prophezeite Mel, »ich werde es bald erfahren.«
Trotzdem, überlegte er, wenn in Meadowood tatsächlich eine Versammlung stattfand, war es ärgerlich, den Leuten noch Wasser auf die Mühle zu gießen. Es war so gut wie sicher, daß Presse und Lokalpolitiker anwesend waren, und die vielen Flüge unmittelbar über ihre Köpfe hinweg, so notwendig sie auch sein mochten, würden ihnen reichlich Stoff zum Schreiben und Reden geben. Deshalb, je eher die blockierte Startbahn – Drei-Null – wieder betriebsfähig war, um so besser.
»Ich werde selbst auf das Flugfeld hinausgehen«, sagte Mel, »und nachsehen, was vorgeht. Ich gebe Ihnen Nachricht, wie es da draußen steht.«
»Danke.«
Mel wechselte das Thema und fragte: »Hat mein Bruder heute abend Dienst?«
»Ja. Keith hat Radarwache – Anflüge von Westen.«
Anflüge von Westen, das war eine der schwierigen, anspruchsvollen Aufgaben im Kontrollturm, zu der die Überwachung aller eintreffenden Maschinen im westlichen Quadranten gehörte. Mel zögerte erst, aber er kannte den Dienstleiter im Kontrollturm schon sehr lange, darum fragte er: »Ist mit Keith alles in Ordnung? Zeigt er keine Erschöpfung?«
Erst nach einer kurzen Pause kam die Antwort. »Doch, das tut er, mehr als üblich.«
Beiden Männern war Mels jüngerer Bruder in letzter Zeit eine Quelle der Sorge gewesen.
»Offen gesagt«, fuhr der Dienstleiter im Kontrollturm fort, »ich wünschte, ich könnte ihm einen leichteren Dienst geben, aber es geht nicht. Wir sind unterbesetzt, und jeder ist hart eingespannt. Das gilt auch für mich«, fügte er noch hinzu.
»Das weiß ich, und ich bin Ihnen dankbar, daß Sie sich so um Keith kümmern.«
»Na ja, in unserem Beruf haben die meisten hin und wieder mal eine Periode der Erschöpfung.« Mel spürte, daß der Dienstleiter seine Worte sorgfältig wählte. »Manchmal zeigt es sich in der geistigen Verfassung, manchmal in der nervlichen. Aber was es auch ist, wir versuchen uns gegenseitig zu helfen, wenn es dazu kommt.«
»Danke.« Das Gespräch hatte Mels Sorge nicht gemildert. »Vielleicht schaue ich später mal herein.«
»Jederzeit, Sir.« Der Dienstleiter auf dem Kontrollturm hängte ein.
Das »Sir« war reine Höflichkeit. Mel hatte keine Autorität über die Flugsicherung, die ausschließlich der Bundesbehörde für Luftfahrt in Washington unterstand. Aber die Beziehungen zwischen den Dienstleitern der Flugsicherung und der Flughafendirektion waren gut, und Mel ließ es sich angelegen sein, daß sie es blieben.
Ein Flughafen, jeder Flughafen weist eine schwer durchschaubare Komplexität sich überschneidender Autoritäten auf. Keine Einzelperson hat höchste Anweisungsbefugnis, dennoch ist kein einziger Abschnitt völlig unabhängig. Als Generaldirektor des Flughafens kam Mel einer alles umfassenden Leitung am nächsten, aber es gab Bereiche, von denen er wußte, daß es klüger war, sich nicht einzumischen. Einer davon war die Flugsicherung, ein anderer die Leitung internationaler Fluggesellschaften. Er konnte in Angelegenheiten eingreifen, die das Wohl des Flughafens als Ganzes oder der Menschen, die sich seiner bedienten, betrafen. Er konnte widerspruchslos einer Fluggesellschaft befehlen, ein Schild zu entfernen, das irreführend war oder den Normen des Flughafens nicht entsprach, doch was hinter ihrer Tür vorging, war innerhalb vernünftiger Grenzen ausschließlich die Angelegenheit der Beauftragten der Fluggesellschaft.
Aus diesem Grund mußte der Direktor eines Flughafens nicht nur ein Taktiker, sondern auch ein vielseitiger und gewandter Verwaltungsfachmann sein.
Mel legte den Hörer in der Schneekontrolle auf die Gabel zurück. Auf einer anderen Leitung stritt sich Danny Farrow mit dem Aufsichtshabenden der Parkplätze, einem geplagten Individuum, das seit mehreren Stunden zornige Beschwerden steckengebliebener Autobesitzer weitergegeben hatte. Die Leute fragten: »Wissen die Stellen, die für die Leitung des Flughafens verantwortlich sind, denn nicht, daß es schneit? Und wenn sie es wissen, warum macht sich dann nicht jemand auf die Socken und schafft das Zeug fort, damit man mit seinem Wagen, wann und wohin man will, fahren kann, wie es das demokratische Recht jedes Menschen ist?«
»Sagen Sie, wir hätten eine Diktatur ausgerufen.« Danny bestand darauf, daß die nicht bewachten Parkplätze warten müßten, bis die vordringlichen Probleme gelöst seien. Er würde Ausrüstung und Leute schicken, sobald er könne. Er wurde durch einen Anruf des Dienstleiters im Kontrollturm unterbrochen. Eine neue Wettervorhersage kündigte in einer Stunde einen Wechsel der Windrichtung an. Das bedeutete, daß andere Startbahnen benutzt werden mußten. Ob nicht ganz schnell Startbahn Eins-Sieben links vom Schnee geräumt werden könne? Er würde sein möglichstes tun. Er würde mit dem Leiter des Schneeräumkommandos Verbindung aufnehmen und den Kontrollturm zurückrufen.
Dies war der Druck, der jetzt schon seit drei Tagen und drei Nächten ungemindert anhielt, seit der Schneefall eingesetzt hatte. Die Tatsache, daß trotz dieses Drucks bisher alles funktioniert hatte, machte eine Notiz noch aufreizender, die Mel vor fünfzehn Minuten durch einen Boten erhalten hatte. Die Notiz lautete:
m–meine müßt warnen – schneeausschuß (auf drängen vern demerst – warum kann ihr schwager sie nicht leiden?) reicht kritischen bericht ein weil schneeräumung roll- und taxibahnen (sagt v.d.) miserabel, unfähig – – –bericht beschuldigt flughafen (also sie) hauptanteil an verzögerung der abflüge zu haben ... behauptet auch steckende 707 gäbe es nicht wenn taxibahnen früher und besser geräumt ... deshalb werden jetzt alle gesellschaften bestraft, etc., etc., sie verstehen schon ... und wo stecken sie – in einer? (schneedrift meine ich) ... steigen sie aus und holen mich bald zum kaffee ab.
herzlichst
t
Das »t« bedeutete Tanya – Tanya Livingston, Agentin für Passagierbetreuung der Trans America und Mels besondere Freundin. Mel las die Notiz noch einmal, wie er es mit Mitteilungen Tanyas im allgemeinen tat, die beim zweiten Lesen verständlicher wurden. Tanya, zu deren Aufgaben es gehörte, aufgebrachte Passagiere zu besänftigen und ähnliche Public-Relations-Probleme zu lösen, hatte etwas gegen große Buchstaben. (»Mel, ist es nicht wahr? Wenn wir die Großbuchstaben abschafften, gäbe es erheblich weniger Ärger. Sieh dir doch nur die Zeitungen an!«) Sie hatte sogar einen Mechaniker der Trans America gezwungen, von den Typen ihrer Schreibmaschine alle Großbuchstaben abzumeißeln. Ein Vorgesetzter hatte sich darüber aufgeregt, wie Mel erfahren hatte, und auf die strengen Richtlinien der Fluggesellschaft gegen willkürliche Beschädigung von Firmeneigentum hingewiesen, aber Tanya war damit durchgekommen. Im allgemeinen gelang ihr das.
Der Vern Demerst in ihrer Notiz war Kapitän Vernon Demerest, gleichfalls bei der Trans America. Er war nicht nur einer der dienstältesten Flugkapitäne der Gesellschaft, er war auch ein militanter Vorkämpfer der Air Line Pilots Association, des Berufsverbands der Piloten, und in diesem Jahr Mitglied des Schneeausschusses der Fluggesellschaften auf Lincoln International Airport. Der Ausschuß inspizierte während der Schneeperioden Startbahnen und Taxibahnen und erklärte sie für betriebsbereit oder bemängelte ihren Zustand. Dem Ausschuß gehörte immer ein aktiver Flugkapitän an.
Zufällig war Vernon Demerest auch Mels Schwager und mit dessen älterer Schwester Sarah verheiratet. Die Sippe Bakersfeld hatte durch Vorfahren und Eheschließungen Wurzeln und Zweiglinien in der Luftfahrt, wie andere Familien einmal mit der Seefahrt verbunden waren. Die Beziehungen zwischen Mel und seinem Schwager waren jedoch wenig herzlich, und Mel hielt Vernon Demerest für eingebildet und anmaßend. Andere waren der gleichen Ansicht, wie er wußte. Kürzlich war es zwischen Mel und Kapitän Demerest zu einem erregten Wortwechsel auf einer Sitzung des Verwaltungsrats des Flughafens gekommen, auf der Demerest die Interessen des Pilotenverbandes vertrat. Mel vermutete, daß der kritische Bericht über die Schneelage – der anscheinend auf die Initiative seines Schwagers zurückging – die Vergeltung dafür war.
Mel machte sich wegen dieses Berichts keine großen Sorgen. Welche Mängel der Flughafen auch auf anderen Gebieten haben mochte, er wußte, daß sie mit dem Schneesturm ebenso gut fertig wurden wie andere Organisationen. Trotzdem war der Bericht ärgerlich. An alle Fluggesellschaften würden Exemplare verteilt werden, und morgen würden telefonische Rückfragen und Memoranden kommen, und es mußten Erklärungen abgegeben werden.
Mel vermutete, daß es ratsam sei, wenn er auf dem laufenden blieb, sich in Bereitschaft hielt. Er beschloß, sich zu vergewissern, wie die Dinge mit der Schneeräumung gegenwärtig standen, und gleichzeitig die blockierte Startbahn und das eingesunkene Düsenflugzeug der Aéreo Mexican zu überprüfen, wenn er draußen auf dem Flugfeld war.
In der Schneekontrollstelle sprach Danny Farrow gerade wieder mit der Flughafenwartung. Als eine kurze Pause eintrat, warf Mel dazwischen: »Ich gehe jetzt ins Empfangsgebäude und fahre dann hinauf aufs Flugfeld.«
Ihm war eingefallen, was Tanya in ihrer Notiz über eine gemeinsame Tasse Kaffee geschrieben hatte. Zuerst würde er in sein Büro gehen und dann auf seinem Weg durch das Empfangsgebäude bei der Trans America hereinschauen, um sie zu sprechen. Der Gedanke belebte ihn.
Mel nahm den privaten Fahrstuhl, der nur mit einem besonderen Schlüssel bedient werden konnte, um in die Verwaltungsetage im Zwischenstock zu fahren. Seine Büroräume lagen zwar verlassen, die Schreibtische der Stenotypistinnen waren aufgeräumt und die Schreibmaschinen zugedeckt, aber die Lichter brannten. Er ging in sein Privatbüro. Aus einem Wandschrank neben dem breiten Mahagonischreibtisch, den er tagsüber benutzte, nahm er einen dicken Mantel und ein Paar pelzgefütterte Stiefel.
Heute abend hatte Mel keine besonderen Verpflichtungen auf dem Flughafen. So sollte es auch sein. Er war nur während des größten Teils des dreitägigen Schneesturms hiergeblieben, um im Falle eines Notstands zur Verfügung zu stehen. Sonst, dachte er, während er sich die Stiefel anzog und verschnürte, wäre er längst zu Hause bei Cindy und den Kindern.
Oder etwa nicht?
Gleichgültig, wie sehr man sich um Objektivität bemühte, ging es ihm durch den Kopf, war es doch schwierig, sich über seine eigenen Motive völlig klar zu sein. Wenn der Schneesturm nicht gewesen wäre, hätte sich wahrscheinlich ein anderer Grund angeboten, um zu rechtfertigen, daß er nicht ginge. Tatsächlich schien es in letzter Zeit so, als ob nicht nach Hause zu gehen ihm zur Gewohnheit geworden sei. Sein Beruf war selbstverständlich eine Ursache dafür. Er bot reichlich Gründe, um zusätzliche Stunden auf dem Flughafen zu bleiben, wo sich in letzter Zeit für ihn schwierige Probleme ergeben hatten, ganz abgesehen von den Schwierigkeiten des heutigen Abends. Aber – wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war – der Flughafen bot ihm auch eine Zuflucht vor den unaufhörlichen Streitereien zwischen Cindy und ihm, zu denen es neuerdings kam, sobald sie zusammen waren.
»Zum Teufel!« Mels Ausruf zerschnitt die Stille des Büros.
Er schlurfte in den pelzgefütterten Stiefeln zu seinem Schreibtisch. Ein Blick auf die getippte Notiz seiner Sekretärin bestätigte, was ihm gerade wieder eingefallen war. Heute abend fand wieder einmal eine dieser langweiligen Wohltätigkeitsveranstaltungen seiner Frau statt. Vor einer Woche hatte Mel widerwillig versprochen, daran teilzunehmen. Es war eine Cocktailparty mit anschließendem Essen in der Stadt, in dem eleganten »Michigan Inn«. Um welchen wohltätigen Zweck es dabei ging, war in der Notiz nicht angegeben, und falls es je erwähnt worden war, so hatte er es vergessen. Das spielte aber auch keine Rolle. Die hohen Ziele, denen Cindy Bakersfeld sich widmete, waren bedrückend gleichartig. Die Würdigkeit wurde – wie Cindy es sah – durch das gesellschaftliche Ansehen der anderen Mitglieder des jeweiligen Wohlfahrtsausschusses bewiesen.
Glücklicherweise begann – um des Friedens mit Cindy willen – die Veranstaltung erst spät. Er hatte fast noch zwei Stunden Zeit, und in Anbetracht des herrschenden Wetters konnte es sogar noch später werden. Er würde es also noch schaffen, selbst wenn er erst das Flugfeld inspizierte. Danach konnte er in sein Büro zurückkommen, sich dort rasieren und umziehen und mit nur geringer Verspätung in der Stadt sein. Dennoch war es besser, wenn er Cindy warnte. Er griff nach dem Telefon und wählte seine Privatnummer.
Roberta, seine ältere Tochter, meldete sich.
»Hallo«, sagte Mel. »Hier ist dein alter Herr.«
Robertas Stimme klang kühl: »Ja, ich weiß.«
»Wie war’s heute in der Schule?«
»Könntest du etwas genauer sein, Vater? Wir hatten verschiedene Fächer. Für welches interessierst du dich?«
Mel seufzte. Es gab Tage, an denen in seinem häuslichen Leben alles auf einmal zu zerbrechen schien. Er erkannte, daß Roberta in einer ihrer Launen war, die Cindy als rotzig bezeichnete. Verloren alle Väter, fragte er sich abrupt, die Verbindung zu ihren Töchtern, sobald die Mädchen dreizehn wurden? Vor noch nicht zwei Jahren hatte es so ausgesehen, als ob sie beide einander so naheständen, wie Vater und Tochter nur sein können. Mel liebte seine beiden Töchter herzlich – Roberta und ihre jüngere Schwester Libby. Gelegentlich wurde ihm bewußt, daß sie der einzige Grund waren, weshalb seine Ehe noch bestand. Was Roberta anging, so hatte er gewußt, daß sie als Teenager Interessen entwickeln würde, die er weder teilen noch verstehen konnte. Er hatte sich darauf vorbereitet. Was er nicht erwartet hatte, war, daß er völlig ausgeschlossen oder mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Herablassung behandelt wurde. Aber, um objektiv zu sein, er vermutete, daß die schärfer werdende Spannung zwischen Cindy und ihm mit dazu beigetragen hatte. Kinder waren empfindsam.
»Laß nur«, antwortete Mel. »Ist deine Mutter zu Hause?«
»Sie ist fortgegangen. Sie hat gesagt, wenn du anrufst, soll ich dir sagen, du müßtest sie in der Stadt treffen und wenigstens diesmal versuchen, nicht zu spät zu kommen.« Mel unterdrückte seine Gereiztheit. Roberta wiederholte zweifellos nur genau Cindys Worte. Er konnte fast hören, wie seine Frau sie ausgesprochen hatte.
»Wenn deine Mutter anruft, dann sage ihr, ich könnte mich vielleicht etwas verspäten, aber das ließe sich nicht ändern.« Darauf folgte Stille, und er fragte: »Hast du mich verstanden?«
»Ja«, antwortete Roberta. »Willst du sonst noch etwas, Vater? Ich habe noch Schularbeiten zu machen.«
Er erwiderte scharf: »Ja, ich will noch etwas. Du wirst deinen Ton mir gegenüber ändern, junges Fräulein, und etwas mehr Respekt zeigen. Außerdem beende ich unser Gespräch, wenn ich soweit bin.«
»Wie du willst, Vater.«
»Und hör auf, mich Vater zu nennen!«
»Jawohl, Vater.«
Mel war versucht zu lachen, hielt es dann aber für richtiger, es zu unterdrücken. Er fragte: »Ist zu Hause alles in Ordnung?«
»Ja, aber Libby will mit dir sprechen.«
»Einen Augenblick noch. Ich wollte dir noch sagen: Wegen des Schneesturms komme ich heute vielleicht nicht nach Hause. Hier auf dem Flughafen ist eine Menge passiert. Ich fahre wahrscheinlich zurück und schlafe hier.«
Wieder folgte eine Pause, ganz als ob es Roberta erwäge, ob ihr eine freche Antwort wie »Und ist das was Neues?« durchgelassen würde oder nicht. Anscheinend verzichtete sie lieber darauf. »Willst du jetzt Libby sprechen?«
»Ja, gib sie mir. Gute Nacht, Robbie.«
»Gute Nacht.«
Es folgte ein ungeduldiges Scharren, ehe der Hörer weitergegeben wurde, und dann meldete sich Libbys piepsige, atemlose Stimme: »Daddy, Daddy! Rate mal was!«
Libby war immer atemlos, als ob für eine Siebenjährige das Leben ständig vor ihr herrannte und sie Schritt halten müsse, um nicht zurückzubleiben.
»Laß mich mal überlegen«, antwortete Mel. »Ich weiß es – du hast im Schnee getobt und dich großartig amüsiert.«
»Ja, das hab’ ich, aber das meine ich nicht.«
»Dann kann ich es nicht erraten. Du mußt es mir schon sagen.«
»Also, in der Schule hat Miss Curzon uns die Hausaufgabe gestellt, alles aufzuschreiben, was wir im nächsten Monat an Schönem und Gutem erwarten.«
Liebevoll dachte er: Libbys Begeisterung ist verständlich. Für sie war fast alles aufregend und gut, und die wenigen Dinge, die es nicht waren, wurden beiseite gewischt und schnell vergessen. Er fragte sich, wie lange ihre glückliche Unschuld noch währen würde.
»Das ist hübsch«, sagte Mel. »Das gefällt mir.«
»Daddy, Daddy! Hilfst du mir?«
»Wenn ich kann.«
»Ich brauche eine Landkarte vom Februar.«
Mel lächelte. Libby hatte eine eigene Kurzsprache, die manchmal ausdrucksstärker schien als konventionelle Worte.
»In meinem Schreibtisch ist ein Kalender.« Mel erklärte ihr, wo sie ihn finden würde, und hörte ihre kleinen Füße aus dem Zimmer laufen. Das Telefon war vergessen. Mel nahm an, daß es Roberta war, die wortlos einhängte.
Mel verließ das Büro und trat auf die Galerie des Zwischenstocks hinaus, die das Empfangsgebäude des Flughafens der ganzen Länge nach durchlief. Den dicken Mantel trug er über dem Arm. Für einen Augenblick blieb er stehen und blickte in die überfüllte Halle hinunter; in der letzten halben Stunde schien der Betrieb noch größer geworden zu sein. In den Wartehallen war jeder verfügbare Platz besetzt. Zeitungskioske und Informationsstände waren von Menschen umringt, unter ihnen viele in Uniform. Vor den Schaltern aller Fluggesellschaften standen Schlangen, von denen sich manche um die Ecken zogen. Das Personal hinter den Schaltern, um Kollegen früherer Schichten verstärkt, die Überstunden machten, hatte Flugpläne und Flugscheine wie Orchesterpartituren vor sich ausgebreitet.
Verzögerungen und Umleitungen, die der Schneesturm verursacht hatte, erschwerten die Abfertigung und stellten die menschliche Geduld auf harte Proben. Unmittelbar unter Mel, am Schalter der Braniff, protestierte ein jüngerer Mann mit langem blondem Haar und einem gelben Schal laut: »Sie haben die Stirn, mir zu sagen, daß ich nach Kansas City muß, um nach New Orleans zu kommen? Ihr werft hier ja die Geographie über den Haufen! Ihr seid ja besoffen von eurer Macht!«
Das Mädchen hinter dem Schalter, eine attraktive Brünette Mitte Zwanzig, strich sich mit der Hand über die Augen, ehe sie mit professioneller Geduld antwortete: »Wir könnten Sie für einen direkten Flug vorsehen, Sir, aber wir wissen nicht, für wann. Infolge der Wetterverhältnisse ist der längere Weg schneller, und der Flugpreis bleibt der gleiche.«
Hinter dem Mann mit dem gelben Schal drängten sich andere Passagiere mit anderen Problemen.
Am Schalter der United spielte sich eine kleine Pantomime ab. Ein Passagier – ein gutgekleideter Geschäftsmann – neigte sich vor und sprach leise. Nach dem Ausdruck und dem Verhalten des Mannes konnte Mel Bakersfeld erraten, was gesagt wurde. »Ich würde größten Wert darauf legen, mit dem nächsten Flug mitzukommen.«
»Es tut mir leid, Sir. Die Maschine ist ausgebucht, und wir haben schon eine lange Warteliste ...« Doch ehe die Angestellte der Fluggesellschaft ihren Satz beendet hatte, blickte er auf. Der Passagier hatte seine Aktentasche vor sich auf den Schalter gelegt. Ebenso unauffällig wie nachdrücklich klopfte er mit einem Kofferanhänger auf seine Aktentasche. Der Kofferanhänger war ein Abzeichen des 100000-Meilen-Klubs, wie sie die United Airlines an ihre guten Kunden ausgab und damit, wie alle anderen Fluggesellschaften, eine Elite schuf. Die Haltung der Angestellten veränderte sich. Ihre Stimme wurde ebenso leise. »Ich glaube, wir können etwas arrangieren.« Ihr Bleistift zögerte noch einen Moment, strich dann den Namen eines anderen Passagiers, den sie für den Flug vorgesehen hatte, aus und setzte den Namen des Neuankömmlings an dessen Stelle ein. Niemand in der Schlange hinter ihm hatte es bemerkt.
Mel wußte, daß das gleiche überall an allen Schaltern der Fluggesellschaften geschah. Nur Naive oder Nichtinformierte glaubten daran, daß Wartelisten oder Reservierungen mit unerschütterlicher Objektivität behandelt wurden.
Mel beobachtete eine Gruppe von Neuankömmlingen – vermutlich aus der Stadt –, die das Flughafengebäude betraten. Sie klopften Schnee von den Mänteln, während sie hereinkamen, und nach ihrer Erscheinung zu urteilen, schien sich das Wetter draußen zu verschlechtern. Die Neuankömmlinge wurden von der wartenden Menge schnell aufgesogen.
Wenige der etwa achtzigtausend Reisenden, die täglich durch das Flughafengebäude strömten, blickten je zur Etage der Verwaltung hinauf. Und noch weniger bemerkten heute abend Mel, der auf sie hinabblickte. Die meisten von ihnen stellten sich unter Flughäfen nichts anderes als Fluggesellschaften und Flugzeuge vor. Es war zweifelhaft, ob vielen von ihnen die Existenz eines Verwaltungsapparats überhaupt bewußt war – unsichtbar, aber vielschichtig, mit Hunderten von Angestellten –, der ständig arbeitete und den Flugplatz in Betrieb hielt.
Vielleicht ist das ganz gut, dachte Mel, während er mit dem Fahrstuhl weiter nach unten fuhr. Falls die Leute besser unterrichtet wären, würden sie mit der Zeit auch mehr über die Schwächen und Gefahren des Flughafens wissen und danach weniger beruhigt abfliegen und ankommen.
Durch den Haupteingang ging er auf den Flügel der Trans America zu. Dicht bei dem Anmeldeschalter hielt ein uniformierter Angestellter der Fluggesellschaft ihn an.
»Guten Abend, Mr. Bakersfeld. Suchen Sie Mrs. Livingston?«
Wie stark der Betrieb auf dem Flughafen auch war, dachte Mel, zum Klatsch blieb immer Zeit. Er fragte sich, wie weit sein Name mit dem von Tanya bereits in Verbindung gebracht wurde.
»Ja«, antwortete er, »das tue ich.«
Der Angestellte deutete mit dem Kopf auf eine Tür mit der Aufschrift: »Nur für Personal der Fluggesellschaft«.
»Sie finden sie da drin, Mr. Bakersfeld. Wir hatten hier einen kleinen Zwischenfall. Sie kümmert sich gerade darum.«
In dem kleinen Salon, der manchmal zum Empfang von VIPs benutzt wurde, schluchzte ein junges Mädchen in der Uniform einer Angestellten der Trans America hysterisch.
Tanya Livingston führte sie zu einem Sessel. »Fassen Sie sich erst einmal«, sagte Tanya nüchtern, »und lassen Sie sich Zeit. Danach wird Ihnen besser sein, und dann können wir miteinander reden.«
Tanya setzte sich selbst und strich ihren straffen, engen Uniformrock glatt. Sonst war niemand in dem Raum, und außer dem schwachen Summen der Klimaanlage hörte man nur das Schluchzen.
Zwischen den beiden Frauen bestand ein Altersunterschied von etwa fünfzehn Jahren. Das Mädchen war knapp über zwanzig und Tanya in der zweiten Hälfte der Dreißiger. Als Tanya sie ansah, empfand sie den Altersunterschied größer, als er war. Vermutlich kam es daher, dachte sie, daß sie verheiratet gewesen war. Wenn auch nur kurz und vor langer Zeit – wenigstens schien es ihr so.
Das ist das zweite Mal, daß mir heute mein Alter bewußt wird, dachte sie. Das erste Mal war es gewesen, als sie am Morgen ihr Haar kämmte. Sie hatte verräterische Strähnchen in ihrem kurzgeschnittenen, flammend roten Haar entdeckt. Es war mehr Grau darin als vor einem Monat, und beide Male hatte es sie daran erinnert, daß die Vierzig – ein Alter, in dem eine Frau wissen sollte, was und warum sie etwas wollte – näher rückte, als ihr lieb war. Dann kam ihr ein anderer Gedanke: In fünfzehn Jahren war ihre eigene Tochter so alt wie das Mädchen, das jetzt vor ihr weinte.
Das Mädchen, es hieß Patsy Smith, wischte sich die geröteten Augen mit einem großen leinenen Taschentuch, das Tanya ihr gegeben hatte. Sie sprach mühsam, wobei sie weitere Tränen unterdrückte. »Zu Hause – so würden sie da nicht reden – so gemein und grob – mit ihren Frauen nicht ...«
»Meinen Sie die Passagiere?«
Das Mädchen nickte.
»Manche doch«, sagte Tanya. »Wenn Sie erst verheiratet sind, Patsy, werden Sie das merken. Ich wünsche es Ihnen zwar nicht. Aber wenn Sie meinen, daß Männer sich wie unerwachsene Flegel betragen, wenn etwas mit ihren Reiseplänen schiefgeht, dann gebe ich Ihnen recht.«
»Ich gab mir die größte Mühe ... Das taten wir alle ... Den ganzen Tag; und gestern – und vorgestern ... Aber wie die Leute mit einem reden ...«
»Ja, die benehmen sich, als ob Sie selbst an dem Schneesturm schuld wären, um ihnen Ungelegenheiten zu machen.«
»Ja ... Und dann der letzte ... Bis dahin ging es ...«
»Was ist denn eigentlich passiert? Ich wurde erst gerufen, als alles vorbei war.«
Langsam fand das Mädchen seine Selbstbeherrschung wieder.
»Also ... Er hatte einen Flugschein für Flug 72, und der war wegen des Wetters gestrichen worden. Wir verschafften ihm einen Platz für 114, und den hat er verpaßt. Er sagte, er sei im Speisesaal gewesen und hätte den Aufruf nicht gehört.«
»Die Aufrufe werden im Speisesaal nicht durchgegeben«, sagte Tanya. »Ein großes Schild gibt das bekannt, und es steht auf allen Speisekarten.«
»Das habe ich ihm auch erklärt, Mrs. Livingston, als er vom Ausgang zurückkam. Trotzdem war er gehässig. Er benahm sich, als ob es meine Schuld wäre, daß er seinen Flug verpaßt hatte, und nicht seine eigene. Er sagte, wir seien alle unfähig und schliefen halb.«
»Haben Sie die Aufsicht gerufen?«
»Das habe ich versucht, aber die hatte zu tun.«
»Und was haben Sie dann getan?«
»Ich sicherte dem Passagier einen Platz – auf dem Sonderflug 2122.«
»Und dann?«
»Dann wollte er wissen, welcher Film auf dem Flug gezeigt würde. Ich stellte das fest, und er sagte, den Film hätte er schon gesehen. Er wurde wieder ausfallend. Der Film, den er sehen wollte, wurde auf dem ersten Flug gezeigt, der abgesagt worden war. Er verlangte, ich sollte ihm einen anderen Flug geben, bei dem der gleiche Film gezeigt würde wie auf dem ersten. Und die ganze Zeit über waren andere Fluggäste da, die sich an den Schalter herandrängten. Manche machten Bemerkungen darüber, wie langsam ich wäre. Also, als er das von dem Film sagte, passierte es, daß ich ...« Das Mädchen zögerte. »Wahrscheinlich ist dann etwas bei mir geplatzt.«
»Das war, als Sie ihm den Flugplan an den Kopf warfen?« drängte Tanya.
Patsy Smith nickte verzweifelt. Es sah aus, als ob sie wieder anfangen würde zu weinen. »Ja. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, Mrs. Livingston ... Ich warf den Plan einfach über den Schalter und sagte ihm, er solle sich seinen Flug selbst aussuchen.«
»Ich kann nur hoffen, daß Sie ihn getroffen haben«, sagte Tanya.
Das Mädchen blickte auf. Statt der Tränen zeigte sie den Ansatz eines Lächelns. »O ja, das habe ich.« Sie überlegte, lächelte dann. »Sie hätten sein Gesicht sehen sollen. Er war völlig überrascht.« Ihr Gesichtsausdruck wurde ernst. »Und danach ...«
»Was danach geschah, weiß ich. Sie hatten einen Zusammenbruch, und das war ganz natürlich. Sie wurden hier reingeschickt, um sich auszuweinen, und das haben Sie jetzt getan, und jetzt fahren Sie mit einem Taxi nach Hause.«
Das Mädchen sah sie ungläubig an. »Meinen Sie – das ist alles?«
»Selbstverständlich ist das alles. Haben Sie gedacht, wir würden Sie deswegen rauswerfen?«
»Ich – ich war mir nicht sicher.«
»Vielleicht müssen wir es«, sagte Tanya, »so ungern wir es täten, Patsy, wenn Sie das gleiche noch einmal machen. Aber das tun Sie doch nicht, oder? Bestimmt nicht.«
Das Mädchen schüttelte nachdrücklich den Kopf. »Nein, bestimmt nicht. Ich kann es nicht erklären, aber wenn man es einmal getan hat, genügt es.«
»Das wäre also erledigt. Falls Sie nicht hören wollen, was danach geschehen ist.«
»Ja, bitte.«
»Ein Herr meldete sich. Er sagte, er habe das Ganze mit angesehen und mit angehört. Er sagte auch, er habe eine Tochter im gleichen Alter wie Sie, und wenn dieser Mann mit seiner Tochter so gesprochen hätte wie mit Ihnen, hätte er ihm persönlich eine runtergehauen. Dann hinterließ der zweite Herr aus der Schlange seinen Namen und seine Adresse und sagte, falls der Mann, den Sie bedient haben, sich beschwere, solle man ihm Bescheid geben, und dann würde er berichten, was wirklich vorgefallen sei.« Tanya lächelte. »Sie sehen also – es gibt auch nette Menschen.«
»Ich weiß«, sagte das Mädchen. »Es gibt nicht viele, aber wenn man einen trifft, der nett und freundlich zu einem ist, möchte man ihn direkt umarmen.«
»Unglücklicherweise dürfen wir das nicht tun, ebensowenig wie mit Flugplänen werfen. Unsere Aufgabe ist, jeden in gleicher Weise zu behandeln und höflich zu sein, selbst wenn die Fluggäste es nicht sind.«
»Ja, Mrs. Livingston.«
Tanya war überzeugt, daß Patsy Smith in Zukunft nicht versagen würde. Anscheinend hatte sie nicht daran gedacht zu kündigen, wie manche Mädchen, die ähnliche Erfahrungen machten. Tatsächlich hatte sie jetzt ihren Schock überwunden, und Patsy schien über die Widerstandskraft zu verfügen, die ihr künftig nützlich sein würde.
Weiß Gott, man braucht Widerstandskraft, dachte Tanya – und eine gewisse Härte, wenn man es mit Reisenden zu tun hat, in welcher Position auch immer.
Zum Beispiel die Vorbestellungen. Sie wußte, daß an den Schaltern für Vorbestellungen in der Stadt die persönliche Belastung noch stärker war als auf dem Flughafen. Seit Ausbruch des Schneesturms mußten die Angestellten an den Platzreservierungen Tausende von Telefongesprächen geführt und Passagiere über Verzögerungen und Umstellungen informiert haben. Das war eine Aufgabe, die alle Angestellten haßten, weil die Angerufenen unweigerlich verärgert waren und häufig schimpften. Verzögerungen bei Fluggesellschaften schienen bei jenen, die davon betroffen waren, eine schlafende Wildheit zu wecken. Männer wurden beleidigend zu Telefonistinnen, und selbst Leute, die sonst höflich und verständnisvoll waren, wurden unwillig und unangenehm. Am schlimmsten war es bei den Flügen nach New York. Es war bekannt, daß Angestellte, die Buchungen entgegennahmen, sich weigerten, Verzögerungen oder Streichungen von Flügen telefonisch an Passagiere für New York durchzugeben, und lieber ihre Stellung riskierten, als den Sturm der Beschimpfungen zu ertragen, der ihnen, wie sie wußten, bevorstand. Tanya hatte oft darüber nachgedacht, warum gerade New York alle Reisenden in einen wahren Taumel versetzte, dorthin zu gelangen.
Aber aus welchen Gründen auch immer, sie wußte, daß beim Personal der Fluggesellschaften Kündigungen folgen würden – bei den Buchungen und in anderen Abteilungen –, sobald der gegenwärtige Notstand vorüber war. So war es immer. Auch mit einigen Nervenzusammenbrüchen mußte man rechnen. Im allgemeinen bei den jüngeren Mädchen, die für die Grobheiten und die schlechte Laune der Fluggäste empfindlicher waren. Gleichbleibende Höflichkeit war, selbst wenn man darin geschult war, eine Belastung, die einen hohen Preis forderte.
Deshalb war sie froh, daß Patsy Smith nicht unter den Opfern war.
Es klopfte an die Tür. Sie öffnete sich, und Mel Bakersfeld sah herein. Er trug pelzgefütterte Stiefel und hatte einen dicken Mantel über dem Arm. »Ich kam gerade vorbei«, sagte er zu Tanya. »Wenn Sie wollen, komme ich später wieder.«
»Bleiben Sie bitte.« Sie lächelte ihm entgegen. »Wir sind beinahe fertig.«
Sie beobachtete ihn, während er durch den Raum zu einem Sessel ging. Er sieht erschöpft aus, dachte Tanya.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Mädchen zu, füllte ein Formular aus und gab es ihr. »Gehen Sie damit zum Einsatzleiter für die Taxis, Patsy, er läßt Sie dann nach Hause bringen. Schlafen Sie sich gründlich aus, damit Sie frisch und munter sind, wenn Sie morgen wieder herkommen.«
Als das Mädchen gegangen war, drehte sich Tanya auf ihrem Sessel um und wandte sich Mel zu. »Wie geht’s?« fragte sie gutgelaunt.
Er legte die Zeitung nieder, in die er hineingeblickt hatte, und lächelte sie an. »Wie geht’s selbst?«
»Haben Sie meine Nachricht bekommen?«
»Ich bin gekommen, um mich dafür zu bedanken, obwohl ich wahrscheinlich auch so gekommen wäre.« Er deutete auf die Tür, durch die das Mädchen verschwunden war, und fragte: »Was hat es denn hier gegeben? Einen Nervenzusammenbruch?«
»Nicht ganz so schlimm.« Sie erzählte ihm den Vorfall.
Mel lachte. »Müde bin ich auch. Wollen Sie mich nicht auch in einem Taxi nach Hause schicken?«
Tanya sah ihn forschend an. Der Blick ihrer leuchtenden hellblauen Augen war bemerkenswert direkt. Sie hatte den Kopf zur Seite geneigt, und die Deckenbeleuchtung ließ auf ihrem Haar rote Glanzlichter reflektieren. Eine schlanke Figur, aber wohlgeformt, was die anliegende Uniform der Fluggesellschaft noch hervorhob ... Wieder fiel Mel auf, wie anziehend und begehrenswert sie war.
»Das wäre zu erwägen«, antwortete sie, »vorausgesetzt, daß das Taxi zu meiner Wohnung fährt und ich für Sie Abendessen machen darf. Sagen wir: Hammelragout.«
Er zögerte und wog die einander ausschließenden Verpflichtungen gegeneinander ab und schüttelte dann resigniert den Kopf. »Ich wollte, ich könnte es annehmen. Aber wir haben hier einige Schwierigkeiten, und anschließend muß ich in die Stadt.« Er stand auf. »Aber Kaffee wollen wir wenigstens zusammen trinken.«
»Also gut.«
Mel hielt ihr die Tür auf, und sie traten in die belebte und geräuschvolle Haupthalle hinaus.
Vor den Schaltern der Trans America drängten sich jetzt noch mehr Leute als vorhin. »Ich habe nicht lange Zeit«, sagte Tanya. »Meine Schicht dauert heute noch zwei Stunden.«
Während sie sich zwischen den Menschen und den Stapeln von Gepäck hindurchdrängten, mäßigte sie ihren im allgemeinen flinken Schritt und paßte sich Mels langsamerem Tempo an. Sie bemerkte, daß er stärker als sonst hinkte. Sie hätte gern seinen Arm genommen, um ihm zu helfen, unterließ es aber lieber. Sie trug noch die Uniform der Trans America, und der Klatsch lief schon schnell genug um, ohne daß man ihm aktiv Nahrung gab. Die beiden waren in letzter Zeit häufig zusammen gesehen worden, und Tanya war überzeugt, daß die Klatschmaschine des Flughafens – die wie ein Dschungeltelegraf mit der Geschwindigkeit eines Computers arbeitete – bereits davon Kenntnis genommen hatte. Wahrscheinlich wurde angenommen, daß sie und Mel miteinander ins Bett gingen, obwohl zufällig gerade das nicht stimmte.
Sie gingen zum Cloud Captain’s Coffee Shop in der Haupthalle.
»Aber dieses Hammelragout«, begann Mel. »Könnte das nicht an einem anderen Abend stattfinden? Sagen wir mal, übermorgen?«
Tanyas spontane Einladung hatte ihn überrascht. Sie waren zwar schon zusammen ausgegangen, zu einem Drink und zum Abendessen – aber bis jetzt hatte sie noch keine Einladung in ihre Wohnung ausgesprochen. Selbstverständlich war es möglich, daß er nur zum Essen gebeten wurde. Trotzdem – es bestand immerhin die Möglichkeit, daß es mehr bedeutete.
In letzter Zeit hatte Mel das Gefühl, wenn sie ihre Begegnungen außerhalb des Dienstes auf dem Flughafen fortsetzten, könnte eine natürliche und naheliegende Entwicklung einsetzen. Aber er war vorsichtig gewesen. Sein Instinkt warnte ihn davor, daß eine Affäre mit Tanya nicht nur eine vorübergehende Romanze sein würde, sondern etwas, worin sie beide emotionell tief verstrickt würden. Auch mußten seine Probleme mit Cindy berücksichtigt werden. Es würde sehr schwierig sein, für sie Lösungen zu finden, falls überhaupt Lösungen dafür gefunden werden konnten, und die Zahl der Probleme, mit denen ein Mann sich gleichzeitig befassen konnte, war begrenzt. Es ist eine merkwürdige Situation, dachte er, daß es leichter zu sein scheint, mit einer Affäre fertig zu werden, wenn man in einer gesicherten Ehe lebt, als wenn diese Ehe erschüttert ist. Wie dem auch sei, Tanyas Einladung war zu verlockend, um sie zu übergehen.
»Übermorgen ist Sonntag«, erinnerte sie ihn, »aber ich habe an dem Tag frei, und wenn Sie es arrangieren können, habe ich mehr Zeit.«
Mel lächelte. »Kerzen und Wein also?«
Er hatte vergessen, daß es ein Sonntag war. Aber er würde trotzdem zum Flughafen kommen, denn selbst wenn der Schneesturm weiterzog, würde er seine Nachwirkungen haben. Und was Cindy anging, sie selbst war an Sonntagen mehrfach fortgegangen, ohne daß sie Gründe dafür angegeben hatte.
Einen Augenblick wurden Mel und Tanya getrennt, als sie einem eiligen Mann mit einem frischen, geröteten Gesicht auswich, dem ein Gepäckträger mit einem Karren folgte, dessen Ladung Golfschläger und Tennisrackets krönten. Wohin diese Ladung auch bestimmt ist, dachte Tanya neidisch, sie geht bestimmt weit, weit nach Süden.
»Einverstanden«, antwortete sie, als sie sich wieder trafen. »Kerzen und Wein.«
Als sie in die Kaffeestube eintraten, erkannte eine flinke Kellnerin Mel sofort und führte ihn vor anderen zu einem kleinen Tisch im Hintergrund mit dem Schild »Reserviert«, an dem die leitenden Leute des Flughafens oft saßen. Als er sich setzen wollte, kam er etwas ins Stolpern und griff nach Tanyas Arm. Die aufmerksame Kellnerin ließ schnell ihre Blicke, mit dem Anflug eines Lächelns, über die beiden schweifen. Klatschmaschine, paß auf, dir steht Nahrung bevor, dachte Tanya.
Laut sagte sie: »Haben Sie je solche Menschenmassen gesehen? Das sind die schlimmsten drei Tage, die ich je erlebt habe.«
Mel sah sich in der dichtgefüllten Kaffeestube um. Der Stimmenlärm wurde durch das Geschirrklappern gelegentlich noch übertönt. Er deutete mit dem Kopf zur Eingangstür, durch die sie gerade gekommen waren und durch die sie wirbelnde, sich drängende Menschenschwärme sehen konnten. »Wenn Sie das schon für eine große Horde halten, dann warten Sie erst mal ab, bis die Lockheeds L-500 in Dienst gestellt werden.«
»Ich weiß – wir werden ja kaum mit den 747 fertig. Aber tausend Passagiere, die sich dann auf einmal vor den Empfangsschaltern drängen – Gott sei uns gnädig!« Tanya schauderte. »Können Sie sich vorstellen, wie es zugehen wird, wenn die alle ihr Gepäck abholen? Ich wage nicht, auch nur daran zu denken.«
»Das tun viele andere auch nicht – Leute, die aber heute schon daran denken sollten.« Es amüsierte ihn, daß ihr Gespräch sich bereits der Luftfahrt zugewandt hatte. Flugzeuge und Fluggesellschaften faszinierten Tanya, und sie sprach gern darüber. Das galt auch für Mel, und hier lag einer der Gründe, weshalb er ihre Gesellschaft liebte.
»Welche Leute denken nicht daran?«
»Jene, die die Verkehrspolitik bestimmen – für Flughäfen und Luftverkehr. Die meisten tun so, als ob die Düsenmaschinen von heute ewig fliegen würden. Sie scheinen zu glauben, wenn sich jeder still und ruhig verhielte, würden die neuen großen Maschinen verschwinden und uns nicht belästigen. Auf diese Weise brauchten wir dann keine Bodeneinrichtungen, die diesen Maschinen entsprechen.«
Tanya sagte nachdenklich: »Aber auf den Flughäfen wird doch rege gebaut. Man sieht es überall, wohin man auch kommt.«
Mel bot ihr eine Zigarette an, aber sie schüttelte ablehnend den Kopf. Er zündete sich selbst eine an, ehe er antwortete. »Die meisten Bauarbeiten sind Flickwerk – Umbauten und Erweiterungen an Flughäfen, die in den fünfziger Jahren oder Anfang der sechziger entstanden sind. Aber wenig ist wirklich vorausschauend geplant. Es gibt Ausnahmen – eine davon ist Los Angeles; Tampa in Florida und Dallas/Fort Worth in Texas sind andere. Das werden die einzigen Flughäfen der Welt sein, die für die neuen Mammutmaschinen und Überschallgeschwindigkeit bereit sind. Kansas City, Houston und Toronto machen sich nicht schlecht. San Francisco hat einen Plan, aber der kann politisch torpediert werden. In Nordamerika gibt es sonst nicht viel, das einem imponieren könnte.«
»Wie steht es mit Europa?«
»Nichts als Routine«, antwortete Mel, »abgesehen von Paris – der neue Flughafen im Norden, der Le Bourget ersetzen soll, wird einer der besten sein. London ist ein untauglicher Schlamassel, wie es nur die Engländer zustande bringen.« Er überlegte kurz. »Aber wir sollten nicht auf anderen Ländern herumreiten. Bei uns selbst ist es schlimm genug. New York ist angsterregend, trotz der Veränderung auf Kennedy Airport. Über New York ist einfach nicht genug Luftraum vorhanden; ich überlege, ob ich in Zukunft nicht mit dem Zug hinfahren soll. Washington quält sich verzweifelt – Washington National ist eine finstere Falle; Dulles war ein Riesenschritt in die falsche Richtung. Und Chicago wird eines Tages aufwachen und feststellen, daß es zwanzig Jahre hinter der Zeit herhinkt.« Wieder überlegte er. »Erinnern Sie sich an die Zeit vor ein paar Jahren, als die ersten Düsenflugzeuge kamen – wie die Zustände auf den Flugplätzen waren, die für die DC-4 und die Constellation angelegt worden waren?«
